Anamnese in der Gemeinwesenarbeit

Aus Soziale Arbeit heute

Während sich Kollege Spiegler in Kolumbien noch zwei Jahre für die Anamnese Zeit nehmen konnte und Ebbe&Friese (1989) für die Anamnese in der Gemeinwesenarbeit mindestens ein Jahr veranschlagen, werden Projekte stadtteilbezogener Sozialarbeit, heute regelhaft auf 2-3 Jahre befristet. Dass man in dieser kurzen Zeit keine benachteiligten und benachteiligenden Quartier ‚retten' und eine angemessene Anamnese durchführen kann, liegt auf der Hand... Ich will nun beispielhaft illustrieren, wie unter Leitung von Prof. Dangschat an der Uni Hamburg in verschiedenen Quartieren Anamnesen durchgeführt wurden. Diese Quartiere waren nach ihren objektiven Merkmalen alle als benachteiligt anzusehen; provozierten durch soziale Desintegration jedoch in sehr unterschiedlicher Weise mediale Aufmerksamkeit. Es sollten die Gründe für diese Unterschiede gesucht, bzw. die stabilisierenden Elemente von Quartieren identifiziert werden. Die Erforschung einer dieser Siedlungen, will ich illustrieren:





Bevor man sich als Gemeinwesenarbeiter oder Quartiersmanager einem Quartier mit dem Ziel nähert, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern bzw. eine Verschlechterung zu verhindert, vergewissert man sich der oben ausgeführten persönlichen Kompetenzen, sowie einer Vielzahl von theoretischen Aspekten aus denen die Untersuchungshypothesen abgeleitet werden:

  • Wir müssen uns wie Forscher oder Spurensammler sowohl die individuellen Lebenswelten, als auch die sie verbindenden geschichtlichen, architektonischen, sozialen, kulturellen Einflüsse des Quartiers erschließen, bevor eine direkte sozialpädagogische Intervention anschließen kann; somit sind wir zugleich Architekt, Psychologe, Soziologe, Detektiv...
  • Wir müssen uns mit voreiligen Schlüssen über die uns fremden Welten zurück halten; Eindrücke sollten möglichst zusammen mit anderen bzw. einem Repräsentanten des Quartiers (z.B. Pastor) reflektiert werden, bevor sie als vermeintlich objektives Forschungsergebnis veröffentlicht werden.
  • Wir können vermuten, dass Menschen mit größeren Ressourcen versuchen und schon erfolgreich versucht haben, das Quartier mit seinem schlechten Ruf zu verlassen, dass deren Nachmieter mehr oder weniger gezwungen gewesen waren, dorthin zu ziehen und dass die verbliebenen Mieter es sich wahrscheinlich nicht leisten können wegzuziehen; ebenfalls ist zu vermuten, dass viele der Bewohner gerne das Quartier verlassen möchten.
  • Je geringer die Fluktuation der Bewohner ist, desto stärker wurden sie von der gemeinsam durchlebten Geschichte geprägt. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit für subkulturelle kollektive Normen, Konventionen und Identitäten, die sich auffällig von der Nachbarschaft unterscheiden.
  • Jedes Quartier hat eine besondere, eigene Geschichte; jeder Bewohner entwickelt vor diesem Hintergrund dennoch seine individuelle Lebenswelt; man kann nicht zwingend von einem Bewohner auf seinen Nachbarn schließen. Dennoch liefert jeder Stichworte, die bei den anderen überprüft werden sollten, um den normativen Zusammenhalt zu messen.
  • Alle Informationen sind wichtig, auch wenn sie auf dem ersten Blick noch keinen Sinn ergeben.
  • (...)

Einige Zusammenhänge sind aus Literatur und früheren Studien bekannt; sie können die Erforschung vorstrukturieren:

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Architektur von Wohnung, Haus und Wohnumfeld beeinflussen
  • Umfang und Qualität sozialer Kontakte (Orte, die zum Verweilen einladen, Wohnungen, die Besuche zulassen...),
  • die motorische Entwicklung (Wohnumfeld mit Aufforderungscharakter zur Bewegung...),
  • die kognitive Entwicklung (beim Versteckspielen lernen die Kinder, sich aus den Augen der anderen zu sehen, den Aktionsradius ohne gefährliche Straßen allein in konzentrischen Kreisen ausdehnen zu können, entwickelt das Verständnis für Zeit, Raum, Entfernung...),
  • die Ausprägung subkultureller Konventionen (je abgeschlossener, abgetrennter und entfernter man von anderen Quartieren/Menschen und je enger man innerhalb eines Quartiers wohnt...),
  • psychische und psychosomatischen Krankheiten (sich wohlfühlen und identifizieren mit individueller Architektur, anderen begegnen und wiedererkennen reduziert Gefühle von Einsamkeit; bestimmte Architektur erhöht die Wahrscheinlichkeit von Stigmatisierung (vgl. Elias&Scotson 1990 zu Etablierten und Außenseitern)),
  • (...)
[Bearbeiten] Wohndauer und geringer Fluktuation der Bewohner beeinflussen:
  • Umfang und Qualität sozialer Kontakte (es gibt öfter und länger zu verschiedensten Gelegenheiten die Möglichkeit, Freundschaften zu knüpfen und auch sich ‚zusammen zu raufen'; im weiteren Zusammenleben muss dann wenig Energie zur Überwindung von Fremdheit aufgebracht werden),
  • die Ausprägung subkultureller Konventionen (die mit Nachbarn eingespielten Regeln des Zusammenlebens werden nicht immer wieder in Frage gestellt und durch ‚Neue' verändert),
  • das Ausmaß der Identifikation mit Wohnung, Haus und Wohnumgebung
  • (...)

Wir wissen um die vier Dimensionen der Lebensbewältigung (soziale, ökonomische, kulturelles Kapital und Gesundheit) und ihrer gegenseitigen Kompensationsfähigkeit (s.o.):

  • Soll die Entwicklung von Benachteiligung im Quartier bzgl. Problemursachen und -lösungen verfolgt werden, müssen alle vier Dimensionen in ihrem Zusammenspiel erfasst werden.
  • Hat sich Benachteiligung vergrößert, lassen sich zeitgleich Verschlechterungen in den Ressourcen zur Lebensbewältigung vermuten; diese gilt es zu finden, sowie anschließend zu qualifizieren und quantifizieren.
  • Sozialarbeit hätte dann die Aufgabe, diese Entwicklung möglichst rückgängig zu machen, die alten Ressourcen zurückzugewinnen oder gemeinsam mit den Bewohnern Alternativressourcen zu finden.
  • (...)

In der quartiersbezogenen Arbeit werden individuelle Probleme zwar erfasst, zur Lösung im Regelfall aber der Einzelfallhilfe übertragen; erst wenn viele Menschen gleichzeitig betroffen sind, sie aus dem Verhältnis zu den Nachbarn entstehen oder die Nachbarn, bezüglich des Problems als helfende Ressource anzusehen ist, versucht man, sie in Gruppen- oder eben Gemeinwesenarbeit zu lösen. Damit rücken das ‚Soziale Kapital' im Quartier und seine Bedingungsfaktoren in den Mittelpunkt der Untersuchung; Herlyn spricht i.d.Z. von ‚Milieu als Ressource zur Lebensbewältigung'. Es geht dabei darum, inwieweit man sich gegenseitig -quasi in Form eines Ringtausches- solidarisch eigene besondere Ressourcen zur Verfügung stellt, ein tragfähiges soziales Netz knüpft und so die Lebensqualität aller Mitglieder verbessert; von der Tasse Zucker über die Kinderbetreuung bis zum Verlegen des Teppichs... Logischweise klappt das nur, wenn man sich kennt, wenn man sich mag, wenn niemand sich ausgenutzt fühlt, wenn jeder etwas kann und wenn Werkzeug, Werkstatt, Gemeinschaftsraum vorhanden sind...

Man nähert sich einem Quartier traditionell von Außen nach Innen und vom Abstrakten zum Konkreten, also zur einzelnen Familie und Person. Um sich der individuellen Sicht der Bewohner zu näheren, greift man -der Anonymität verpflichtet- auf qualitative Methoden<ref>Wer sich über qualitative Forschungsmethoden informieren möchte, sei auf Uwe Flick 1998: Qualitative Forschung hingewiesen.</ref> zurück:





  • Beobachtung,
  • passiv teilnehmende Beobachtung (als Kioskverkäufer oder am Nachbartisch in der Kneipe),
  • aktiv teilnehmend beobachtend (als Praktikant im Jugendclub, regelmäßiger Mitspieler beim Fußball, neu zugezogener Nachbar),
  • Experteninterviews (Lehrer, Ärzte, Pastor, Jugendamt, Polizei...) und abschließend
  • Einzel- oder Gruppeninterviews

Zur Vorbereitung hat die Forschergruppe die Funktion von Nachbarschaft und Wohnen in Einzelteilen zerlegt, genauer betrachtet (operationalisiert) und einige Stichworte als Interviewleitfaden zusammengetragen:

[Bearbeiten] Institut für Soziologie

[Bearbeiten] Gesprächsleitfaden - Kurzfassung:

LEBENSLAGE:

Sichtweise der eigenen Lage (Wohnung, Nachbarschaft, Arbeitsmarkt, soziale Integration), Geld, Urlaub, Gesundheit, Aktionsraum, Zufriedenheit, Umgang mit Behörden (Scham/schlechtes Gewissen ﷓ Menschenverachtung durch Behörden), Selbsteinschätzung bzgl. Armut

LEBENSLAUF:

Elternhaus (Nationalität), Ausbildung, Berufstätigkeit, Arbeitslosigkeit, Umzüge, Partnerschaften, Kinder, Wechsel der Lebensbedingungen, Einschneidende Veränderungen

TAGESABLAU:

Regelhafte Tätigkeiten, wie wird Zeit verbracht, Probleme des Alltags, Wochenende

SOZIALE KONTAKTE:

mit wem (Freunde, Verwandte, Nachbarn, Berufskollegen, andere alleinerziehende Mütter), zu welchen Anlässen, zu welchen Anlässen nicht mehr/weniger, warum seit wann nicht mehr/weniger?

HAUSHALT/ FAMILIE:

Struktur des HH, Aktivitäten mit Familie/HH, Konflikte (Geld, Kinder, Alkohol, Gewalt), Rollenverteilung im HH, Belastung durch Familie (Kinder, Gesundheit), Ernährung, Zukunft der Familie/der Kinder

WOHNUNG:

Wohnung (Daten, Qualität), Zufriedenheit, Kosten, Probleme mit Vermieter

WOHNUMFELD:

Haus, Erhaltungszustand, Nachbarschaft

STADTTEIL:

Infrastruktur, Leute, Lage (Verkehrsanbindung), Integration/Partizipation, störende Gruppen

ZUKUNFT:

Ursprüngliche Ziele, Träume, Wünsche, Skepsis, Verbesserung der eigenen Lage, Eigeninitiative, Forderungen an die Stadt/den Staat

DATEN:

Alter, Geschlecht, Familienstand, Haushaltstyp, Bildungsabschluss, Ausbildung, Berufsposition, Einkommen (nach Höhe, Quellen und Sicherheit), Schulden, Wohnungsgröße (qm, Räume), Ausstattung, Miete

SONSTIGES:

Ausführlicher beschriebene Besonderheiten, Wertungen und ‚Schuldzuweisungen'

Wenn wir ein Quartier kennen lernen wollen, mischen sich -wie auch in der Einzelfallhilfe- objektiv-statistische mit subjektiven Informationen der Akteure des Quartiers. Wenn man -wie in diesem Fall- zunächst objektive und statistische Informationen sammelt, darf man sich in seiner Objektivität nicht beeinflussen lassen und den Menschen später mit schon vorgefassten Meinungen gegenüber treten. Wissen wir z.B. vorher aus den Wahlanalysen, dass 19% rechtsradikal gewählt haben, dürfen wir hinterher nicht besonders intensiv nach Anhaltspunkten suchen, die meine subjektive Interpretation bestätigen, es würden dort alles Nazis wohnen. Man würde von selektiver Wahrnehmung sprechen, Kleidung, Haarschnitte, Begrüßungsrituale, Begriffe wie ‚Zigeuner' eindeutig i.S. seines Vorurteils auszulegen. Es ist eine ambivalente Entscheidung, ob man zu erst die Menschen in aller Breite und tendenziell oberflächlicher, dafür aber objektiver befragt, oder sich zunächst einen allgemeinen Überblick über das Quartier verschafft, sich auf die Bewohnerbefragung strukturierter vorbereitet und dabei Gefahr läuft, Sensibilität bezüglich spezieller Informationen preiszugeben... Man wird auf jeden Fall strukturiert vorgehen, jedoch in der Anamnese erst mal alles, zunächst ungeordnet und v.a. ohne Bewertung festhalten. Wertungen kann man zu Beginn höchstens in Klammern thesenhaft notieren und später im Fall von Häufungen bei anderen Personen und Situationen, verwerten. Sie müssen für alle beteiligten ‚Forscher' als individuelle vorläufige Interpretation kenntlich gemacht werden und eine Vorstellung des Kontextes ergeben: Bemerkungen wie ‚Ich hatte das Gefühl von Bedrohung, weil sie hinterhergeguckt haben, hinter mir hergingen, tuschelten und lachten', vermitteln einen anderen Eindruck, wenn der Kontext ergänzt wird: (Abends, dunkel, schlechtes Wetter, kalt, vorletzte Station, nur noch sechs Menschen in U-Bahn, alles nur große Männer, steigen alle nach mir aus, stehen erst auf, als ich schon draußen war...). Wir schreiben nicht ‚sie sehen ‚verwahrlost' aus; für uns eh ein Unwort, skizzieren wir ggf. die Anhaltspunkte für diese spontane Klassifizierung soweit, dass man sich mit den anderen später ein objektiveres Bild machen kann. ‚Die Bewohner können sich nicht artikulieren' vermittelt einen anderen Eindruck, als: ‚Sie reden so miteinander, dass ich sie nicht verstehe. Viele Worte sind mir fremd, Sätze werden oft nicht beendet und sie sprechen sehr schnell. Sie benutzen während des Redens -für meine Verhältnisse- auffällig stark Arme und Hände; sie können sich miteinander scheinbar aber gut verständigen...'

In dem vorgestellten BSP hat man sich vier Monate Zeit genommen, um sich einen Eindruck über die ‚äußeren' Lebensbedingungen zu verschaffen, sowie beobachtend und mittels Expertengespräche den ersten oberflächlichen Zugang zu den Lebensweisen der Menschen herzustellen. Sieben Zweiergruppen wurden zusammengestellt und sollten jeweils zwei Aufgaben übernehmen zu denen sie sich folgende Stichworte gemacht haben:

1. Jede Gruppe war für einen Wochentag zuständig, an dem sie allgemeine Eindrücke sammeln sollte: Zu verschiedenen Tageszeiten (früh morgens, morgens, mittags, abends, spät abends), an verschiedenen Orten (Bahnhof, Kiosk, Spielplatz, Kneipe, Imbiss...), bei verschiedenen Witterungsbedingungen und zu verschiedenen Jahreszeiten (da man nur im Sommer untersuchte, wurde sich auf die Gleichsetzung von ‚kaltem, nassen und ungemütlichem Sommerwetter' mit ‚Winter' verständigt).





2. Weiter hatte jede Gruppe eine inhaltliche Aufgabe:

  • Führen von Experteninterviews (Stadtteilkonferenz, Postzusteller, Stadtteilzentrum, Deutsch-Ausländische Begegnungsstätte, Kirchengemeinde, Bewährungshilfe, Obdachlosenberatung, Amt für soziale Dienste, Schulleiter, Wohnungsbaugesellschaft, Arzt für Allgemeinmedizin, Polizei, Jugendbewährungshilfe...); v.a. sollte die Sicht der jeweiligen Fachdisziplin bzgl. der vier Ressourcen-Dimensionen, deren Veränderungen, möglichen Gründen für die Veränderungen, in ‚den letzten beiden' und ‚in den letzten 20 Jahren', sowie Vorschläge zur Verbesserung der Lebensbedingungen erfragt werden.
  • Erfassung der stadtplanerischen Dimension (sozio-kulturelle Infrastruktur, Gewerbestruktur, räumliche Größe des Quartiers, Entfernung vom Zentrum, Abgeschlossenheit, trennende Elemente (Straßen, Eisenbahn, Industrieflächen...) und Verdichtung, Art der Bebauung, Grünflächen, Verkehr, Erreichbarkeit, öffentlicher Nahverkehr, Barrieren für behinderte Menschen, Aufenthaltsqualität (schattig, zugig, Ausmaß der Einsichtigkeit, Sitzmöglichkeiten, visuelle Eindrücke, Wohnungsgrundrisse) (Auch funktionale Nischen finden zum Grillen, Autoschrauben, Dealen, Erholung, illegale Müllentsorgung...); Insellage auf ‚der Wiese' und innerhalb eines verdichteten Wohngebietes.
  • Statistische Aspekte (jeweils mit Veränderung und Dynamik der Veränderung), (Einwohnerzahl, Alterstruktur, Erwerbsstatus, Schulbildung, Fluktuation, Wohndauer, Geschlechtsverteilung, Einkommen, Wahlanalysen, Kriminalität...) (Wohlfahrtsstatistiken, Volkszählungsdaten...).
  • Historische Bedeutung (Museen, Archive, Bibliotheken der Geschichtswissenschaft...) Erzwungene Unterbringung von durch die nationalsozialistische Stadtentwicklungspolitik vertriebenen Bewohner der Innenstadt (s.o.).
  • Mediale Aufmerksamkeit in allen Medien der letzten 20 Jahre

Die beiden fehlenden Gruppen -‚Redaktionsgruppe' genannt- protokollierten die wöchentlichen Sitzungen, wo Eindrücke vorgestellt und verglichen und im Fall von Häufungen, Untersuchungshypothesen für die Interviews abgeleitet wurden. Parallel wurden von ihnen der Interviewleitfaden, sowie Beobachtungsbögen zur standardisierten Beobachtung entwickelt und eine Klausur-Wochenend-Tagung organisiert, woraus sie den Zwischenbericht erstellen sollten. Dieser Zwischenbericht sollte dann den Übergang zur Diagnose darstellen: Informationen ordnen, gewichten, in theoretische Diskurse einordnen, interpretieren und in Handlungsoptionen überführen. Für die wöchentlichen Sitzungen erstellten die Gruppen kleine Protokolle und Referate, um einzelne Eindrücke allen zugänglich zu machen:

 
Bild vom Wandbild
 

Begehung des Quartiers:

Geht man erstmalig bei gutem Wetter durch die Siedlung, steigen ambivalente Gefühle auf. Wer sich sonst hauptsächlich in der Stadt aufhält, empfindet die Atmosphäre wie in einem Kurort. Es fahren kaum Autos, wenig Menschen laufen rum, kleine Kinder spielen scheinbar unbeaufsichtigt auf der Straße, in und neben der Siedlung auf den Rasenflächen. Zwischen den kleinen zweigeschossigen Reihenhäusern schlängeln sich kleine gepflasterte Wege. Die Stirnseiten der Reihenhäuser sind mit lustigen bunten Wandbildern bemalt und vor den Häusern sitzen vereinzelnd kleine Gruppen, die miteinander reden, trinken und essen. Gleichzeitig fühlt man sich unruhig, überall beobachtet; keine Ecke, die nicht einzusehen ist. Viele kleine Grüppchen sitzen draußen vor ihren Häusern; Geht man an Gruppen vorbei, verstummen die Gespräche, alle gucken einem hinterher: ‚Hey! Du weißt hoffentlich Bescheid.' ‚Wie?' ‚Erst wenn sechs mal geschossen wurde, kannst du weitergehen; dann wird das Magazin ausgewechselt', sagt einer alle schütteln sich vor Lachen; selbst vor dem Nachbareingang...

  • Die Kinder können sich eigenständig bewegen, weil sie nicht durch Verkehr gefährdet sind und die Eltern (Mütter) aus ihren Fenstern einen umfassenden Überblick haben. Zudem kennen die Kinder alle Nachbarn, die jederzeit auf ihr Quartier aufpassen und zur Hilfe bereit sind (Schuhband zubinden, Pflaster holen, trösten bis die Mutter kommt, was zu trinken geben).
  • Bezüglich der Wandbilder erzählte jemand, sie seien von den Bewohnern selbst entworfen, gemalt und im Rahmen eines großen Festes enthüllt worden.
  • In jeder Ecke der Siedlung fühlt man sich beobachtet. Die Geschichtsgruppe wusste zu berichten, dass die Siedlung genau zu dem Zwecke gebaut wurde, Bewohner, die dem NS oppositionell gegenüber standen, kontrollierbar unterzubringen. In Ringen gebaut, hat die Siedlung ihre Hauseingänge jeweils auf der Innenseite, so dass die Außenseiten von zwei Punkten aus übersehbar waren. Es konnte so leicht beobachtet werden, wer ein und aus ging und im Falle von Razzien flieht. Der Kontrollzweck der Architektur überdauert die Geschichte bis heute in ambivalenter, zweifacher Form:

1. Soziale Kontakte und solidarische Nachbarschaften werden zwar ermöglicht, müssen aber mit einer hohen sozialen Kontrolle bezahlt werden.

2. Was den Zusammenhalt innerhalb verstärkt, erhöht die Distanz zu anderen Menschen und allgemein wirksamen Normen außerhalb; der eingeschränkte Austausch erhöht die Wahrscheinlichkeit für Stigmatisierung.

  • Bei gutem Wetter saßen die Menschen vor der Tür zusammen. Das wurde zunächst uneingeschränkt als Ausdruck guter Nachbarschaft bewertet; erst später wurde dieser erste Eindruck relativiert, weil die engen, dunklen und feuchten Wohnungen kaum eine andere Wahl lassen, als sich möglichst häufig vor die Tür zu setzen.
  • Der o.g. Witz bestätigte, dass sich alle Menschen in der Siedlung zumindest vom Sehen -viele auch persönlich- sehr gut kennen und alle anderen sofort als Fremde identifiziert werden. Wir machten uns noch mal klar, dass wir nicht unbemerkt bleiben. Deshalb müssen wir aufpassen, nicht die Spuren aufzusammeln, die gerade unsertwegen ausgelegt werden. Die Soziologin würde sagen; wir sollen unseren Forschungsgegenstand möglichst wenig selbst verändern.

Stadtplanung:

Stadtplanerisch gelten die Ortsteile als ‚vernachlässigte' Gebiete. Es gibt dort keine Attraktion von gesamtstädtischem Interesse. Soziale, kulturelle und ökologische, Aspekte von Stadtplanung wurden im ganzen Stadtteil vernachlässigt; die Häuser der Siedlung sind zudem gekennzeichnet von schlechter Bausubstanz und schlechter Ausstattung. Bis auf optische Aufwertung und den Einbau neuer Fenster hat sich an der Ausstattung seit 1939 kaum etwas geändert. Die Siedlung, in der ca. 1.100 Menschen wohnen liegt am Rande der Stadt. Die Siedlung wird begrenzt durch drei Straßen und den Gleisen eine Bahnlinie. Der Stadtkern ist etwa sieben Kilometer entfernt und mit der U-Bahn in etwa 12 Minuten, sowie über eine gute Straßenanbindung, je nach Verkehrsaufkommen, schnell zu erreichen. Besondere Auffälligkeiten:

  • Überschaubar, Abgrenzung durch Straßen und Eisenbahn,
  • lange Wohndauer, Vermietungen innerhalb von Familien und Freundeskreisen,
  • kommunikationsfördernde Architektur (Freiräume; Ruhe; enge, dunkle und feuchte Wohnungen drängen die Bewohner bei gutem Wetter nach draußen; große schöne Grünflächen am Rand und in der Mitte der Siedlung; wenig Verkehr),
  • gute Anbindung an U-Bahn und Bus und
  • gute Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf.

Gut ein Kilometer bzw. eine Bahnstation in beide Richtungen entfernt gibt es jeweils zwei mal die Woche einen Wochenmarkt und je ein Einkaufszentrum, Post, Ärztehaus, Orts- und Sozialamt. Das weiter Angebot ist jedoch bescheiden: An die Siedlung angrenzend befinden sich eine Spielhalle, eine Videothek, ein Chinarestaurant und drei Kneipen mit Dart, Kicker und Billard. Die Gastronomie wird werktags nur wenig frequentiert und schließt schon um 24.00 Uhr. Im gesamten Ortsteil befindet sich kein Kino, ein Schwimmbad ist 2 km entfernt, schlecht erreichbar und teuer; allein das zwei km entfernte Stadtteilkulturzentrum bietet ein kostengünstiges und abwechslungsreiches Freizeitprogramm. Als Institutionen der Sozialen Arbeit sind in einem Radius von 2 km zu benennen: Jugendclub, Mütterberatung, Kirchengemeinde, Deutsch-Ausländische Begegnungsstätte, psycho-sozialen und rechtlichen Beratung für Arbeitslose, Beratungsstelle für junge Migranten und Berufsqualifizierung, Stadtteilkulturzentrum, Sozialstation, Stadtteilkonferenz.





Statistik und demographische Daten:

Betrachten wir die Merkmale Arbeitslosigkeit, Einkommen, Erwerbsstatus, Bildung, Wohnen und Politik, liegt der Ortsteil nach dem Grad seiner Benachteiligungen auf Platz 24 der 166 Hamburger Ortsteile; Erwerbsstatus sowie Einkommens- und Wohnbedingungen gelten als besonders schlecht. Der Bezirk weist seit 1979 die höchsten Steigerungsraten von Sozialhilfebezieher auf und liegt 1990 im Hamburger Vergleich mit über 19% mit an der Spitze, wobei der Anteil bei den Minderjährigen bei ca. 50% liegt. Bei einem Hamburger Durchschnitt von 43,4% ist der Anteil der Sozialwohnungen mit 75% hier wesentlich höher. Die Wohnungen der Befragten sind ausschließlich Sozialwohnungen. Mit 27m2 Wohnfläche pro Person verfügen die Bewohner in der Siedlung über 7m2 weniger als im Stadtteil und über 15m2 weniger als der Hamburger Durchschnitt. Die Schulbildung in der Siedlung ist deutlich schlechter als in der gesamten Stadt: Der Anteil von Abiturienten liegt mit 7,7% bei einem Drittel des Hamburger Durchschnittes. Während im Bezirk ein Drittel mindestens einen Realschulabschluss hat, liegt der Anteil hier bei nur einem Fünftel. Bei einer Kaltmiete von durchschnittlich DM 191 pro Person sparen die Bewohner DM 41 im Vergleich zum Stadtteil und DM 91 im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt. Zusammenfassend charakterisieren Dangschat u.a. (1993 :S.68) den Ortsteil wie folgt:

„Wiederaufbaugebiet der 50er Jahre, vorwiegend sozialer Wohnungsbau, geprägt durch soziale und ökonomische Notlagen: Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Alkoholmissbrauch, unbetreute und unbeaufsichtigte Kinder, Gewalt in Familien, Vandalismus. Ein hoher Aussiedleranteil führt zur Konzentration weiterer psycho-sozialer Problemlagen (Sprach- und Anpassungsprobleme). Beobachtet wird auch ein Anstieg des Drogensuchtverhaltens."

Historische Bedeutung:

Die ‚Geschichtsgruppe' legte den gesamten Hintergrund nationalsozialistischer Stadtentwicklungs- und Sozialpolitik dar, wie er in diesem Buch schon skizziert wurde. In den Planungen der Siedlung hieß es, dass die „Bauten, unter Vermeidung jedes irgend entbehrlichen Aufwandes... nach Art verbesserter Wohnlauben für Obdachlose Familien... (und) nicht als normale Wohnungsbauten anzusehen sind."<ref></ref> „Volkswohnungen sind billige Kleinwohnungen, die in erster Linie für Familien mit geringem Einkommen bestimmt sind. Die Volkswohnungen sollen nach Größe, Raumzahl und Ausstattung die notwendigen Anforderungen nicht überschreiten."<ref>(Spörhase 1940).</ref> „Nirgends ist eine Waschküche oder eine Bade- oder Duscheinrichtung. In der ganzen Wohnung befindet sich ein Ofen, der gleichzeitig Küchenherd ist. Von dort soll die Wärme durch zwei 15X15cm großen Öffnungen in der Wand in das Schlafzimmer gelangen. Im dritten Raum ist überhaupt keine Möglichkeit zu heizen. (...) Unserer Meinung nach sind diese Wohnungen volksgesundheitlich durchaus nicht als einwandfrei zu bezeichnen. Dieser Umstand wiegt um so schwerer, da es sich um mustergültige Wohnungen für Kinderreiche handeln soll."<ref>(vgl. Staatsarchiv 1938).</ref> Bis heute hat sich bei den Bewohnern die Bezeichnung ‚Happy-Farm' für die Siedlung gehalten. Sie bezieht sich auf ein großes Fest, was dort am 8.5.45 nach der deutschen Kapitulation gefeiert wurde und lässt die Haltung der letzten bzw. vorletzten Generation in der Siedlung gegenüber dem Faschismus damals erahnen. Hier wurden die Menschen zwangsweise untergebracht, die im Faschismus zwar als systemoppositionell galten, deren ‚Erbwert' jedoch ausreichte, um ihnen das Leben unter relativ lockerer Beobachtung zuzugestehen. Da Ausgrenzungen bei den Ausgegrenzten zur Verstärkung ihres Zusammenhalts führt, konnte die These formuliert werden, dass der scheinbar enge Zusammenhalt auch heute noch aus diesen geschichtlichen Erfahrungen resultiert. Diese vermuteten Zusammenhänge wurden später in zahlreichen Interviews bestätigt und -auf Nachfrage- damit erklärt, dass einerseits einige Bewohner den NS und die Zwangsumsiedelung noch erlebt haben und andererseits die Einflussnahme auf die Wohnungsvergabe an Kinder und Enkelkinder die Erfahrungen überliefert haben. Die räumlich trennende Architektur, sowie der geringe Mieterwechsel und die damit einhergehende lange Wohndauer, haben neben den starken Zusammenhalt auch eine gewisse Widerstandskultur konserviert. In den Interviews wurde vereinzelnd darauf hingewiesen, dass man sich von außen immer noch im Hinblick auf die Geschichte abgewertet und beleidigt fühlt.

Als weitere geschichtliche Spur fiel den Kollegen ein Festschrift zum 20jährigem Jubiläum des Jugendclubs der Kirchengemeinde in die Hand; ein kurzes Comic eines ehemaligen Clubbesuchers darin war sehr aufschlussreich:

 
 
Comic zum Club
 
 

Die Bedeutung sozialer Ausgrenzung der damals Jugendlichen wird herausgestellt. Allein in der Siedlung und im Jugendclub, fühlten sich die Jugendlichen sicher vor Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Sich selbst als ‚Horner Honks' bezeichnend, schienen sich die Kriterien der Ausgrenzung ihrerseits zur Identitätsquelle zu entwickeln. Ob der Schonraum von Siedlung und Kirchengemeinde der Entwicklung der heute erwachsenen Männer letztendlich aber eher genutzt oder geschadet hat, ist unklar; die in der Ausgrenzung gebildete (‚abweichende') Identität erklärt sicherlich zahlreiche Probleme, die zwischen den Bewohnern und Gesellschaft entstanden sind.





Die Jugendarbeit der Kirchen-Gemeinde:

Mehrfach wurde auf die Jugendarbeit der Kirchengemeinde hingewiesen, die viele Bewohner während ihrer Jugend begleitet hat. Die Geschichte der Jugendarbeit, bzw. Randgruppenarbeit der Gemeinde scheint wichtig für das Verständnis der Lebensweise in der Siedlung, weil viele in der Siedlung wohnen geblieben sind und sich noch heute gern als ‚Außerparlamentarisch Opposition' bezeichnen. Die Jugendarbeit in der Gemeinde entwickelte sich parallel zu den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre. Im April 1968 kamen zu einer Konfirmandenparty in der Gemeinde wider Erwarten über 150 Jugendliche; in Folge dieser erfolgreichen Party wurde Jugendfreizeitarbeit als festes Angebot der Gemeinde institutionalisiert. Im Laufe der Jahre kamen Werkstatt, Fotolabor, Mädchenraum... hinzu und die Arbeit professionalisierte sich. Im Gegensatz zu den damaligen Häusern der Jugend erhielten hier auch Rocker und Hippies Einlass und vertrugen sich gut. Den Mitarbeitern gelang es, uneingeschränktes Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen, so dass vielfältige Tiefen gemeinsam und erfolgreich überwunden werden konnten. Dies Vertrauen zum Pastor und seiner Frau hält bei den heute über 40jährigen weiter an, in großen Krisensituationen sind sie immer noch die wichtigsten Ratgeber. Vielfach wird darauf hingewiesen, dass die Gruppenkontakte bis heute bestand haben, egal ob die Leute noch in Hamburg wohnen, ‚im Süden' oder auch im Knast.

„Ich bin kein Sonntags-Kirchgänger geworden, aber weil die damals zu mir gehalten haben, bin ich nicht abgesackt in Alkohol oder Drogen oder Dauerknast und so. Ich bin jetzt verheiratet, habe meinen Beruf und zwei Kinder. Ich wohne auch wieder im Stadtteil und mein Sohn geht in den Kindergarten der Gemeinde."<ref>Dokumentation zum 20. Geburtstag der Jugendarbeit der Timo-Kirchengemeinde.</ref>

Zur Bildung von politischem Bewusstsein und Durchsetzung der Interessen wurde alles gelernt und umgesetzt, was die friedliche außerparlamentarische Opposition zu bieten hatte. Der Pastor, seine Frau, sowie die Sozialpädagogen haben sich mit der Clique quasi zu einer ‚außerfamiliären Sozialisationsinstanz' zusammengeschlossen, die vermittelt, was sie zum Leben brauchen. Ideologisch orientierten sich die Erziehungsziele an den politischen und pädagogischen Idealen der Studentenbewegung; regional bezog man sich auf die Bedarfe der Jugendlichen im unmittelbaren Wohnumfeld. Diese Sozialisation war insofern erfolgreich, als dass bis heute ein starkes, wenngleich spezifisches Gerechtigkeitsempfinden, ein großes Ausmaß an Solidarität, eine Abneigung gegenüber Autoritäten und ein Widerwillen, zu allen Bedingungen zu arbeiten, anzutreffen ist. Das Ergebnis ist so erfreulich wie ambivalent, weil inzwischen auch die Studenten der 68er diese Ideale verworfen, andere sie gar nicht angenommen haben, die Erziehungswissenschaft ihnen den Rücken kehrt und die Nachbarschaft außerhalb des kleinen Einzugsbereichs kein Verständnis für die ungewöhnlichen Konventionen haben, verunsichert sie allein schon die auffällige Kleidung vergangener Zeiten. Wer will heute nachvollziehen, dass Kumpels einander über lange Zeiten ‚in den Süden folgen', damit keiner dort allein die Verjährung seiner Straftat abwarten muss...? Isoliert wie das berühmte gallische Dorf stehen sich verschiedene Welten gegenüber; die Bewohner ziehen -wenig verwunderlich- regelmäßig den Kürzeren, wollen sie am gesamtstädtischen Leben teilhaben und dort auch ihre sozialpolitischen Rechte geltend machen... Die Clique ist im Club geblieben bis sie etwa 30 Jahre alt waren. Die Entscheidung der Gemeinde, sich verstärkt wieder um ‚richtige Jugendliche' zu kümmern, wird noch heute bedauert, wird die Zeit danach doch als Vakuum beschrieben. Das Vakuum wirkt sich insofern verheerend aus, weil Kleidung, Sprache, Verhalten, soziale und politische Grundhaltung, Lebensziel... ihre Anschlussfähigkeit verloren haben. Ihre Ressourcen zur Lebensbewältigung bewähren sich innerhalb der Siedlung noch heute; außerhalb der Siedlung wirken sie eher kontraproduktiv. Die Jugendarbeit hat versäumt, ggf. auch in spielerischer Art und Weise, ihre Klienten zumindest über das ‚normale' Leben zu informieren.

 
 
Titelbild einer Siedlungszeitung
 
 

Mediale Aufmerksamkeit:

Die Mediengruppe brachte u.a. das Titelbild einer Siedlungszeitung mit, die von einem Bewohner unregelmäßig herausgegeben wurde. Anschaulich wird ein Einblick in die ‚Normalität' der Bewohner gegeben: Der Konsum und Kauf von Alkohol sind eine ‚normale' Beschäftigung, die auch tagsüber öffentlich ausgeübt wird. Scheinbar ritualisiert, wird dies von Nachbarn, Spaziergängern und selbst von Hunden kritisch ohne besondere Anzeichen von Aggressivität betrachtet und kommentiert. Die Konsumenten wissen zwar um diese Reaktionen, scheinen aber keine Angst vor Ressentiment verspüren zu müssen. Vor dem Hintergrund jenes Bildes wurde die Erkenntnis über unterschiedlichen Lebenswelten von Forscher und Beforschten verfestigt:

Gemeinsam mit einem 38jährigen Altrocker gehe ich seine Freunde besuchen. Sie sitzen mittags vor einem Haus auf Stühlen in der Sonne. Ohne zu fragen wird uns sofort jeweils ein kaltes Bier in die Hand gedrückt. Es kostet 10 Pfennig mehr als der Einkaufspreis, dafür fährt der Gastgeber jeden Tag mit dem Fahrradanhänger zum Getränkemarkt, schleppt die Kisten in Keller und sorgt für die nötige Kühlung. Das Geld wird ungezählt in eine zerbeulte Blechdose geworfen; jedes Mal, wenn das Geld klimpert, steht -ohne dass ein Wort gesagt wurde- der Hausherr auf, bemüht sich in angemessener Langsamkeit mit der ausgetrunkenen Flasche in den Keller und bringt eine neue. In verschieden -mir zum Teil unbekannten Formen- wird die Flasche geöffnet, wobei der Kronenkorken mehr oder weniger weit fliegt. Jedes mal wird aufgestanden und ohne Hektik, wie computerprogrammiert, der Verschluss aufgesammelt und in eine Dose am drei Meter entfernten Baum geworfen. Die etwa 75jährige Oma kommt mit gebeugtem Rücken und langsamen Schrittes vorbei. „Hey Oma Schulze, wo willst du denn hin?" „Einkaufen!" „Komm her. Setz dich erst mal." Sie kommt, klopft zweien der tätowierten Männer auf die schwarze Leder- oder blaue Jeanskutte, lächelt und setzt sich auf den freigemachten, besonders gemütlichen Stuhl des Hausherren, der sich einen Klappstuhl nimmt. Ohne die Oma zu fragen, wird ihr ein Glas geholt und ‚Schwarzer Kater' eingeschenkt, ihr Lieblingslikeur. Sie schluckt dankbar und schnell... In aller Ruhe werden Zettel und Stift zusammengesucht, eine Einkaufsliste geschrieben und jemand zum Supermarkt geschickt, der die Einkäufe für Oma Schulze erledigt...

Expertengruppe:

Zum Expertengespräch im Stadtteilzentrum wurde ein Bewohner der Siedlung hinzugezogen. Der damals 41jährige lebt sein ganzen Leben in der Siedung, gilt dem Stadtteilzentrum als auch allgemein als einer der wichtigsten Repräsentanten der Siedlung. Er gehört zur ehemaligen Jugend-Clique, die auch heute noch fast unverändert in der Siedlung wohnt. Er zeigte sich sehr interessiert und lud mich ein, ihn zu besuchen. Er verspricht ein Interview, eine Siedlungsführung und den gemeinsamen Besuch seiner Kumpels. Es wurden drei etwa 3stündige Besuche, die einen sehr qualifizierten Einblick in die Lebenswelt der Bewohner ermöglichten:

Interview im Juli, mit Hartmut:

Demographische Daten:

Alter:     41
Geschlecht:     männlich
Schulabschluss: Realschule
Staatsangehörigkeit:     deutsch
Familienstand: ledig
Haushaltsstatus:       allein
Kinder: keine
Haushaltsgröße:     1
Ausbildung: Rettungssanitäter (abgebrochen)
Job:                 Gelegenheitsarbeiten (Renovierung, Möbelpacker, Obst und Gemüse auf

Wochenmarkt verkaufen...)

Nettoverdienst:                 schwankend 500-1000 DM
Haupteinnahmequelle:       schwankend, keine sozialen Transferleistungen (‚Will kein Geld vom Staat')

Wohnung:

Miete: 270 exkl./kalt
Größe der Whg.:     36
Räume: 1 plus Wohnküche

Zum Interview:

Stichprobe: Schneeball
Methode:   offenes Interview
Daten: Gedächtnisprotokoll
Status: in eigenen Worten zusammengefasst

Erster Eindruck:

In der Wohnung herrscht ein geordnetes Chaos, wo alles seinen Platz zu haben scheint; wohin auch alles sofort wieder zurückgelegt wird. Die Wohnung und Toilette auf dem Flur machen einen sauberen Eindruck, Reste von unserem Frühstück werden von ihm sofort weggeräumt; der Tisch wird gewischt. Er macht einen sehr informierten Eindruck (Politik in Hamburg, Deutschland und der ganzen Welt; interessiert sich v.a. für Umwelt und Soziales); er ließt regelmäßig die Hamburger Morgenpost. Sein Auftreten ist selbstbewusst und freundlich, wirkt aber sehr unausgeglichen ('zappelig'). Die Atmosphäre war nett auch mit den Freunden die besucht oder bei Spaziergängen getroffen wurden. Zuerst wurde gefrühstückt und dann mit Freunden Bier getrunken.

Soziale Kontakte:

a) innerhalb der Siedlung:

Die sozialen Kontakte innerhalb der Siedlung seien sehr gut, wobei sie sich zu den ausländischen Bewohnern und zur Drogenszene innerhalb der Siedlung nur auf das gegenseitige Wiedererkennen beschränken. Die verschiedenen Gruppen leben friedlich nebeneinander her. Fremde würden von allen in der Siedlung gleich als solche identifiziert. „Keinem (egal aus welcher Gruppe) aus der Siedlung darf etwas angetan werden." Zu all den 12 Deutschen, die wir bei zwei Spaziergängen (zusammen 2,5 Std.) getroffen haben, ist der Kontakt so gut, dass jeweils sofort kurze Gespräche entstehen; selbst bei den Bewohnern auf der anderen Seite der U-Bahn-Linie, obwohl ‚das Leben dort drüben als Abstieg gilt'. Zu Leuten, die neu in die Siedlung eingewiesen werden, entstehe kaum Kontakt. Ein fast familiärer aber auch streng hierarchischer Kontakt besteht zu seiner Clique (20 Männer und 10 Frauen), die sich seit Mitte der 60er Jahre kennen, dort wohnen und gemeinsam den Jugendclub besuchten. Die daraus entstandenen Kontakte sind so eng und gut, dass Cliquenmitglieder vor polizeilichem Zugriff geschützt werden. Einige Kumpels können Kühlschränke, Waschmaschinen, Baustoffe, Gasflaschen ‚klar machen'; einer übernimmt die Sozialhilfeberatung für die ganze Gruppe. Früher haben sie sich immer in seiner Wohnung zum Partymachen getroffen; er kann das ewige Saufen aber nicht mehr ertragen und hätte die Partys inzwischen ‚ausgelagert'. In den letzten beiden Jahren hat er paar mal darüber nachgedacht, wegzuziehen.

b) außerhalb der Siedlung:

Er kennt in allen angrenzenden und gering entfernten Projekten und Institutionen (Kirche, Beratungsstellen, Schule, Stadtteilzentrum, Kneipen, Läden, Imbiss..) jeden; in einigen Institutionen hilft er beim Renovieren oder bei der Öffentlichkeitsarbeit, wenn er dafür Essen, Trinken oder kleine Honorare erhält. Im Gegensatz zu seinen Kumpels hält er den Kontakt auch zu Leuten aufrecht, die in anderen Stadtteilen wohnen, alle ursprünglich auch aus der Nachbarschaft kommen. Andere Leute aus der Clique wohnen seit über 10 Jahren ‚im Süden'; er hat sie schon mehrfach besucht; dort muss einer seine Verjährungsfrist abgewartet. Zu Menschen, die nicht aus dem Ortsteil kommen, bestände wegen des schlechten Images der Siedlung und der gegenseitigen Abgrenzung kaum Kontakt; vom Stadtteilzentrum fühlt er sich als Integrations- und Vermittlungsfigur missbraucht.

c) Familienkontakte:

Seine Oma hat schon in der Siedlung gewohnt und die Eltern gleich um die Ecke. Ob und wie der Kontakt derzeit besteht, blieb offen

a) Beeinflussbares Wohnumfeld:

Ein Erfolg u.a. seines Engagements ist die Gemeinschaftswohnung, die gegenüber dem Wohnungsunternehmen erkämpft wurde, von ihm aber nun nicht mehr genutzt wird, da sie zu spießig eingerichtet wurde. Ansonsten hat er die öffentliche Terrasse entworfen und gebaut, wo heute gelegentlich Feste gefeiert wurden. Früher hat er ehrenamtlich und als Zivildienstleistender im Jugendclub mitgearbeitet und bis 1992 jährlich ein Straßenfest mitorganisiert. Seit sie das Zelt und die Musikanlage nicht mehr umsonst leihen können, findet es nicht mehr statt. Vor seiner Haustür hat er eine (von mehreren) kleinen Sitzecken der Clique, wo sie im Sommer draußen sitzen, trinken und quatschen; die Tischtennisplatte und der Stromkasten werden für die ‚täglichen Partys' als Tresen genutzt und ‚immer sehr sauber hinterlassen'. Als einziger aus seiner Clique würde er auch mal zur Stadtteilkonferenz gehen und mitreden.

b) Nicht beeinflussbar Wohnumfeld:

Positiv: Einkaufsmöglichkeiten, schöne ruhige Rasenflächen zwischen den Häusern (dies sei aber ‚nur Kosmetik der Wohnungsbaugesellschaft; ihre Ignoranz und die schlechte Ausstattung der Wohnungen sei ansonsten eine Sauerei!')

Negativ: ‚Rausschmiss' aus dem Jugendclub; das Stadtteilzentrum ‚macht immer nur so komische Kurse für andere Leute'; es gibt wenig Freizeitangebote, die ihm gefallen. Die sozialpolitische und -pädagogische Infrastruktur ist ihm bekannt, wird aber ignoriert, da ‚seine Clique sich selbst helfen kann'; allein der Pastor wird mal gefragt.

c) Soziales Wohnumfeld:

Im Keller wohnt ein obdachloser Kumpel, was ihn nicht stört. Schlimm findet er aber die Drogenszene, ‚die immer schlimmer wird - Nein, nicht wegen der Leute, sondern wegen der Bullen.' Die Haustür würde er inzwischen (aber auch wegen seiner Kumpel) abschließen. ‚Die Polen im Park nerven etwas' mit allen anderen Ausländern hat er überhaupt keine Probleme, Ausländerfeindlichkeit gibt es hier nicht. Der Alkoholkonsum seiner Clique würde immer schlimmer und zum Problem. Ende des Monats, wenn das Geld knapp wird, wird die Stimmung aggressiv; es kommt zu Handgreiflichkeiten und apathischem Fernsehgucken. Die Studenten und die neu Zugewiesenen sind völlig isoliert und die Leute in den kleinen Hochhäusern sind spießig, leben hinter den Bahngleisen ist der ‚absolute Abstieg.'

Wohnung:

Er schimpft über das Wohnungsunternehmen wegen zugiger Fenster, Treppenhaustoiletten, Ofenheizung und Feuchtigkeit; für die Ausstattung sei die Miete viel zu hoch; im Gegensatz zu vielen anderen hat er selbst keine Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt.

Sonstiges:

Seit 18 Jahren ist er arbeitslos; seit fünf Jahren verzichtet er auf soziale Transferleistungen, obwohl er über die Bedingungen gut informiert ist und kaum Schwellenängste hat. Es sei ihm zu stressig und blöde, von diesem Staat Geld zu fordern. Mehrfach spricht er sein Interesse an, ‚alles übersehen zu wollen.' Er hat einen Stammplatz am Fenster vom Imbiss, der Stromkasten wird als Tresen und zur Übersicht genutzt. Ein Kumpel sitzt im Knast, weil er regelmäßig frühmorgens Milchlieferungen an die Supermärkte geklaut und an die Kumpels verschenkt hat. Seit drei Jahren würden Nachbarn im Winter die Zäune und das Holzspielzeug vom Spielplatz verfeuern, weil sie nicht genug Geld für Kohlen haben.





Veränderungen:

Schlimm geworden ist der Alkoholmissbrauch seiner Freunde; am Schlimmsten sei inzwischen aber die finanzielle Situation der Bewohner und die Beendigung der Vereinbarung mit dem Wohnungsunternehmen, die Neuvermietungen der Eigenregie des Bewohnervereines zu überlassen; Besonders der letzte Punkt sei schuld, dass sich das nachbarschaftliche Klima verschlechtern würde. Andere Probleme hätten sich erst über die Jahre summiert und zur Überforderung vieler seiner Freunde und damit aber auch ihrer nachbarschaftlichen Hilfemöglichkeiten geführt. Wegen ABM-Streichungen würde nun niemand mehr von ihnen im Recyclinghof arbeiten und Möbel oder elektrische Geräte beschaffen können. Über sechs Jahre wäre immer mindestens einer von ihnen dort beschäftigt gewesen; das Wohnungsunternehmen hat die Mieten für die Garagen in den letzten fünf Jahren vervierfacht, so dass private Werkstätten für Fahrräder, Holz, KFZ geschlossen werden mussten... Früher hat die Clique jährlich ein großes Fest veranstaltet, es nun aber seit zwei Jahren einstellen müssen, weil das Bezirksamt nach Jahren plötzlich ihren Zuschuss von 500DM eingestellt hat und der Kollege aus dem Stadtteilzentrum gekündigt hat, der ihnen bisher kostenfrei Bänke, Tische, Zelt, Bühne und Musikanlage zur Verfügung gestellt hat. Mit Schließung der Elternberatungsstelle fallen auch die Räumlichkeiten weg, die bei schlechtem Wetter für Kleinkinder Platz zum Spielen und den Eltern zum Treffen gegeben haben. Die ehrenamtliche Kinder- und Jugendarbeit, sowie die Schularbeitenhilfe und Altengruppe sind kurz vor der Aufgabe, weil die kostenlose Anwohnerwohnung des Vereins seit Anfang des Jahres 300 DM kalt kosten soll...

Neben dem ausführlichen Interview haben die ausführlichen Begehungen eine Vorstellung der fremden Lebenswelt vermitteln können. Das gemeinsame Essen an dem o.g. Stromkasten vor dem Imbiss bestätigten sein Kontrollbedürfnis und die besondere Eignung des ausgewählten Standortes. Etwa jeder Zweite blieb kurz stehen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Kleidung begrüßte man sich freundlich. Im Supermarkt wurde die Bekannte besucht, die an der Kasse immer mal ein Auge zudrückt und mit dem Kumpel, der den ABM-Job im Gartenbau hat und Kaminholz für den Winter abzockt, wurde abends ein Bier getrunken. Zum Schluss stellt er klar, dass ‚nicht mögen hier etwas anderes bedeutet; nur damit es keine Missverständnisse gibt.'

Exkurs: Lebenslagen - Obdachloser in seinem Keller:

In den beiden Informationskästen hingen Hinweisschilder, die zunächst schwer zu verstehen waren und erst nach dem ersten Rundgang durch die Siedlung Sinn ergaben: ‚Wir haben gehört, dass sich Herr Meyer wieder häufiger in der Wohnanlage aufhält. Wie wir Ihnen schon mitgeteilt haben, hat Herr Meyer Zutrittsverbot. Wir werden weiterhin von unserem Hausrecht Gebrauch machen. Wer Herrn Meyer Unterkunft gewährt, erhält die fristlose Kündigung...' Gemeinsam wurde Herrn Meyer ein Krankenbesuch abgestattet:

Er lebt im Keller. Er ist obdachlos, gehört zur Clique und wird von dieser ‚durchgeschleppt'. Er lebte dann in insgesamt sieben Schuppen in der Siedlung, aus denen er jeweils von dem Wohnungsunternehmen ‚rausgeschmissen' wurde, bis ihn jemand in seiner Wohnung aufnahm. Auch diesem Mieter wurde gekündigt. Aufgrund des sich formierenden Widerstandes der Clique wurde die Kündigung zurückgezogen. Nun wohnt er seit ca. einem Jahr in einem Keller. Das würden zwar alle wissen, aber keiner würde es verraten! Sein ‚Obdach' besteht aus zwei ca. 5qm kleinen Räumen. Es gibt eine kleine Gasheizung, für die gelegentlich auf dem Bau Gasflaschen geklaut werden. Der Keller ist auch im Sommer, kühl und feucht. Es gelingt kein Tageslicht hinein. Der Betroffene ist hoch verschuldet; er ist verheiratet und hat zwei Kinder, sieht seine Familie aber nicht mehr. Früher hat er als Lackierer gearbeitet, bis die Chemikalien seine Leber zerstörten und er berufsunfähig wurde. Durch Alkohol, aber v.a. durch Schwarzarbeit, hat sich sein Zustand noch verschlimmert. Er musste dreimal die Woche zur Dialyse, was er bisher gut hingekriegt hat, obwohl er weiterhin viel trank. Irgendwann hat er dann aber einen Termin wegen eines ‚Rausches' verschlafen. Er war dann zu schwach und hatte zu starke Schmerzen, um hinzugehen und hat dadurch dann auch den zweiten Dialyse-Termin versäumt. Alle machten sich Sorgen, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt schon Blut im Urin und im Kot. Er hustete Blut und sein Bettzeug war blutverschmiert. Aus Angst vor dem Wohnungsunternehmen war die Clique nicht sicher, ob sie den Krankenwagen holen sollte und warteten deshalb auf eine Nachbarin. Diese arbeitet als Krankenschwester und genießt bei vielen in der Siedlung als einzige das Vertrauen, über Behandlung von Krankheiten zu befinden. Diese entschied sofort für den Krankenwagen. Es wurde dann schnell eine Reisetasche gepackt und Geld für Zigaretten und Taschentücher gesammelt. Während die Clique vor der Tür saß, Bier und Korn trank, wurden sie von einem Sanitäter beschimpft, weil ihr Kumpel fast ‚abgekratzt' wäre. Nachmittags besuchten sie ihn mit Schnaps im Krankenhaus; zwei Monate später war er tot.

Die Besuche der Siedlung wurde gemeinsam ausgewertet, um Thesen für die weiteren Interviews zu sammeln:

  • Die sozialen Kontakte seien von gegenseitiger Toleranz und Solidarität geprägt.
  • Viele Belastungen können dank umfangreichem ehrenamtlichen Engagements von einzelnen Personen aufgefangen werden.
  • Die Überforderung der Nachbarschaft resultiert nicht aus sinkender Solidarbereitschaft, sondern aus zunehmenden finanziellen Belastungen, die nun die Leistungsfähigkeit der eigentlich intakten Solidargemeinschaft überfordert. In den folgenden Interviews sollte erfasst werden, ob Kenntnis über sozialhilferechtliche Ansprüche und der Wunsch besteht, diesbezüglich unterstützt zu werden.
  • Die Überforderung nachbarschaftlicher Solidarität ergibt sich neben der finanziellen Aspekte, aus einer Vielzahl ‚kleiner' Einschränkungen seitens der Wohnungsgesellschaft, der sozio-kulturellen Infrastruktur, sowie der kommunalen Verwaltung.
  • Eine Intervention müsste an diesen graduellen Veränderungen anknüpfen, da Mängel an sozialem und kulturellem Kapital oder gesundheitlicher Ressourcen nicht als ursächlich für die Verschlimmerung der Lebensbedingungen angesehen werden können.
  • Man sollte das sog. ‚Schneeballverfahren' nutzen, in dem man am Ende jeden Interviews fragt, wer denn sonst noch was zum Leben in der Siedlung sagen könnte; wenn die Nennungen grafisch dargestellt werden, kann man ggf. erkennen, wie viele solidarische Netze vorhanden sind und wer in ihnen Schlüsselfunktionen übernimmt und umfassender befragt werden sollte.
  • (...)

Vor dem Hintergrund dieser Vorergebnisse entstand der o.g. Leitfaden, der dann die qualitativen Interviews strukturierte und uns so nah wie möglich an die Menschen heranbrachte. Um die sozialwissenschaftliche Arbeit zu beenden, musste danach ein abschließendes Gutachten erstellt werden. Ein solches Gutachten ist mit der Diagnose der Sozialen Arbeit vergleichbar; erst im Anschluss würde mit der eigentlichen Intervention begonnen werden.




Nächstes Kapitel: Anamnese in der Drogenhilfe