Diagnose

Aus Soziale Arbeit heute

Die Diagnose wird durchgeführt, um die in der Anamnese gewonnenen Informationen zu ordnen. Dabei wird versucht, die sozialen Probleme aus dem lebensgeschichtlichen Hintergrund und der aktuellen Lebenslage des Klienten kausal zu erklären. Wesentlicher Bestandteil dieser Klärung ist die Zuschreibung von Verantwortlichkeiten für die Entstehung und damit auch für die Lösung des Problems. Nicht zuletzt in unserem eigenen berufsethischen Interesse müssen wir unsere Klienten davor bewahren, von allen Seiten (Medien, Verwaltung, Politik, Schulen...) den ‚schwarzen Peter' in Gänze zugeschoben zu bekommen. Da in der direkten Hilfe logischerweise zunächst nur die Anteile des Klienten an ‚Schuld' und Lösung bearbeiten werden können, müssen wir darüber hinaus, auch dessen soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen problematisieren und zu beeinflussen suchen. Die Tendenz, sowohl in den ‚öffentlichen Diagnosen' der Medien und Stammtische, als auch in den professionellen Diagnosen der Sozialen Arbeit, jedwede Form der Auffälligkeit zu individualisieren -also die Verantwortung ausschließlich dem Klientel zuschieben- ist so wenig legitim wie sinnvoll.



Die Soziale Arbeit steckt in einem Dilemma: Ihre Diagnosen dienten ursprünglich rein fachlichen Zwecken, wenn sie die Intervention vor dem Hintergrund der gesammelten Informationen vorstrukturierten; heute entwickelt sich die Diagnose zu einem Schlüsselelement, Arbeit und Träger in der Konkurrenz um öffentliche Mittel zu profilieren. Zur Sicherung der Zuwendung erweist es sich für die Träger heute hilfreich, die gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten zu verschleiern, die Probleme und Gefahren ihres Klientel unnötig stark zu dramatisieren und die Verantwortung ihm über Maßen zuzuschieben. Will sich die Gesellschaft selbst in Unschuld wiegen,

  • dann wird ‚Erfurt' auf die Person des Amokläufers reduziert,
  • dann wird Hyperaktivität auf die genetische Disposition der Kinder zurück geführt,
  • dann wird die Gewalt Rechtsradikaler damit erklärt, dass die Kleinkinder in der DDR kollektiv auf Töpfchen gezwungen wurden,
  • (...)

Wenn wir uns diesem Trend anschließen und entsprechend unsere Interventionen ausrichten, werden wir die Probleme unseres Klientels kaum lösen können:

  • Die Klienten werden sich zu unrecht und zu stark in die Verantwortung gezogen fühlen und dazu neigen, sich unserer Bemühungen zu verweigern.
  • Selbst wenn sie kooperieren bzw. sich anpassen, wird wenig damit gewonnen sein, allein ihre individuellen Anteile zu lösen, während alle ursächlichen Faktoren außerhalb ihrer Personen unverändert bleiben.
  • Die selektive Analyse der Ursachen und einseitige Intervention kann Drogenabhängigkeit, Amokläufe, Suizide, rechte Gewalt... nicht verhindern; wohl nicht einmal in ihrer Wahrscheinlichkeit reduzieren.
  • Will man eine Wiederholung ‚Erfurts' unwahrscheinlicher machen, muss auch verhindert werden, dass jemand nach 13 Schuljahren ohne Sonderschulabschluss dasteht,
  • Hyperaktivität hat auch etwas zu tun mit Wohn- und Wohnumfeldbedingungen oder mit Familienstress und Zukunftsangst in Folge von Verarmung und Arbeitslosigkeit,
  • Rechtsradikale Gewalt wird sich nur reduzieren lassen, wenn man u.a. Perspektivlosigkeit von Jugendlichen nicht mehr als Problem persönlicher Wahrnehmung interpretiert, sondern als ein gesellschaftliches Problem,
  • (...)

Auch für die sozialpädagogische Diagnose formuliert Müller Arbeitsregeln (1994:94ff):

1. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu klären, was für welche Beteiligten in einer Fallsituation das Problem ist.

2. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu klären, was für mich selbst in einer Fallgeschichte das Problem ist.

3. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu klären, welche Mandate zum Handeln auffordern. Dabei sind konstitutive und nicht konstitutive Mandate zu unterscheiden.

4. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu klären, wer über welche Mittel zur Lösung eines Problems verfügt.

5. Sozialpädagogische Diagnose heißt, mögliche Mittel zur Lösung eines Falles auf unerwünschte Nebeneffekte hin zu prüfen.

6. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu prüfen, ob es Vordringlicheres gibt, als die Lösung des Problems.

7. Sozialpädagogische Diagnose heißt, klären von Zuständigkeiten.

8. Sozialpädagogische Diagnose heißt, zu klären, welche Schritte und Ziele ich aus eigener Initiative und welche ich nur durch Hilfe andere erreichen kann.

Während die existenziellen Bedarfe Wohnen, Essen und Kleidung unmittelbar nach dem Erstkontakt gedeckt sein müssen, geht es bei der Diagnose um die langfristige Planung des Hilfeprozesses und des Lebens danach. Am Ende der Diagnose sollten die Ziele nach Aktualität, Intensität der Benachteiligung, Zeitaufwand, Schwierigkeitsgrad, Erreichbarkeit, vorhandenen Ressourcen, Mobilisierbarkeit der relevanten externen Akteure... in Nah- und Fernziele aufgeteilt sein; dabei können auch scheinbar banale, situative Gründe eine wichtige Rolle spielen (Jahreszeit, Krankheiten, Zeugnistermine, Zeitpunkt der Volljährigkeit, Auszahlung des Weihnachtsgeldes...). Die wichtigste Aufgabe bei der Zielformulierung ist jedoch, die Realisierbarkeit der Ziele vor dem Hintergrund der eigenen Ressourcen zu prüfen. Der Sozialarbeiter kann nicht zaubern und sollte daher auch nicht den Eindruck vermitteln, er könne es; in der Diagnose kann als Ergebnis auch festgehalten werden, dass in Folge von Sozialkürzungen dem diagnostizierten Hilfebedarf nur begrenzt entsprochen werden kann. Mit den Klienten muss ehrlich über Möglichkeiten und Grenzen gesprochen werden, um spätere traumatische Enttäuschungen zu vermeiden. Unsere diagnostischen Interpretationen sollten von den Klienten bestätigt werden und zunächst nur für die Zusammenarbeit von Sozialpädagogin und ihrem Klienten handlungsleitend sein; die Ergebnisse der Diagnose können insofern auch formlos festgehalten werden. Erst wenn andere Kollegen beteiligt sind, der Träger Bericht erwünscht oder der Zuwendungsgeber gutachterliche Stellungnahmen erwartet, müssen die diagnostischen Ergebnisse formalisiert festgehalten und für andere transparent gemacht werden. Die Klienten sollten an diesen Stellungnahmen beteiligt werden, sie zumindest lesen; sollen Dritte Einsicht nehmen, ist der Klient zu informieren oder um Zustimmung zu bitten!



An keiner Stelle dürfen die Ergebnisse der Diagnose eine solche Eigendynamik entwickeln, dass der Hilfeprozess sich stärker an der festgeschriebenen Diagnose, als an der aktuellen Entwicklung des Klienten orientiert. Flexibilität ist von uns, der Diagnose, dem Hilfekonzept, der Trägerstruktur, der Verwaltung... zu verlangen, die sich nach der Besonderheit des Einzelfalls und seiner Entwicklung richtet! Entwickelt sich die Hilfe nicht so, wie wir vorher prognostiziert haben, ist die Differenz eben auf Seiten der Diagnose aufzulösen... Neben der Verständigung über die Ziele, einigt man sich

  • auf eine Methode.
  • auf ein Verfahren wie, wann, wo und wie oft man sich trifft.
  • auf eine Form, wie die Entwicklung während des Hilfeprozesses gemeinsam reflektiert werden soll.
  • auf ein Verfahren, wie man sich gegenseitig immer wieder vergewissert, ob man sich richtig verstanden hat, sich noch mag, die Geschwindigkeit des Hilfeprozesses angemessen ist..., ohne dass eine Seite beleidigt ist, Angst hat, sich schämt...
  • darüber, welche Akteure einbezogen werden sollen.
  • auf Regeln der Zusammenarbeit (Verbindlichkeit, Vertrauen, Gewalt- und Drogenfreiheit, Verschwiegenheit gegenüber Dritten...)
  • über die ersten Schritte.
  • (...)

Bevor es dann richtig losgeht wäre es angemessen, noch einmal selbstkritisch in sich zu gehen und abschließend zu klären, ob man nun mit dem Klienten gemeinsam am gleichen Strang in die gleiche Richtung zieht; vielleicht habe ich ja doch dem Klienten meine Selbstverständlichkeiten untergeschoben und er hat dem nur zugestimmt um mich nicht zu ärgern oder zu enttäuschen? An drei klassischen Beispielen kann man illustrieren wie die Soziale Arbeit regelmäßig Ziele verfolgt, die für uns eine ganz andere Bedeutung haben, als für unser Klientel: Zur Arbeit gehen! Zur Wahl gehen! Den Schulabschluss machen!

  • Arbeit ist kein Wert an sich! Die Arbeit, um die wir uns selber bewerben, lässt sich mit jener selten vergleichen, die unseren Klienten angeboten wird. Es handelt sich i.d.R. um Jobs, die wir uns selber auch nicht abverlangen wollen...
  • Wir belügen unsere schlechten Hauptschüler, wenn wir ihnen sagen, dass ein (schlechter) Hauptschulabschluss eine befriedigende Zukunft sichert; ob er deshalb das angemessene gemeinsame Hauptziel sein soll, das gegen Wiederstreben durchgesetzt werden soll, ist zweifelhaft...
  • Wenn wir unser Klientel dafür kritisieren, dass es von seinen Chancen der politischen Willensbildung nicht Gebrauch macht, verkennen wir, dass die Parteienlandschaft für ein Großteil unsers Klientel keine Auswahl bietet. Sie können auswählen zwischen Parteien, die offen ankündigen, ihre Lebenssituation zu verschlechtern, stark zu verschlechtern oder ganz besonders stark zu verschlechtern... und den rechtsradikalen Parteien, die zumindest anderes versprechen...
  • (...)

Haben Klient und Sozialpädagoge einvernehmliche Vorstellungen über ihre Zusammenarbeit entwickelt, besiegelt man gemeinsamen den Wunsch, mit der Intervention zu beginnen. Diese Einigung wird mit Kontrakt bezeichnet, der mehr oder weniger einem Vertrag gleicht, der Rechte und Pflichten der Beteiligten klärt: Stationäre Suchttherapieeinrichtungen lassen sich oft mehrseitige Vertrag unterschreiben; in der Straßensozialarbeit kann es alternativ ein rituelles Abklatschen der Hände oder auch nur ein Zuzwinkern sein.

An einem BSP aus der Praxis soll skizziert werden, wie schnell scheinbar eindeutige soziale Probleme an Komplexität gewinnen können, wenn sie einer differenzierten Anamnese und Diagnose unterzogen werden. Das BSP soll eingebettet werden in theoretischen Ausführungen zur sog. Anomietheorie die weitreichende Anstöße zur Analyse ‚abweichenden Verhaltens' bietet:

Die Elternsprecherin der Klasse 9a kommt zusammen mit dem Schulleiter und einem Polizisten in mein Büro. Als Schulsozialarbeiterin soll ich unterbinden, dass Kai weiterhin schwächeren Schülern mittels Gewaltandrohung Jacken, Sonnenbrillen, Walk-Men, Handys... abnimmt. Wird dies Verhalten nicht umgehend unterbunden, wird Kai der Schule verwiesen und die Polizei wird es nicht mehr dabei bewenden lassen, ihn nur zu ermahnen, die Sachen zurückbringen und sich zu entschuldigen. In diesem Fall kann man unabhängig davon, ob Kai selbst ein Problem sieht oder Einsicht in sein Fehlverhalten zeigt, für sich als Schulsozialarbeiterin ein Mandat in Anspruch nehmen; liegt es doch eindeutig im Interesse Kais. Nichtsdestotrotz wird unsere erste Aufgabe sein, ihm seinen Nutzen zu verdeutlichen und ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen. Drei Gründe mögen eine sozialpädagogische Intervention auch ohne direkte Zustimmung rechtfertigen:

1. Das Verhalten ist unstrittig inakzeptabel und im Schulalltag nicht zu tolerieren.

2. Ein Schulverweis kurz vor dem Realschulabschluss kann diesen generell gefährden und damit die beruflichen Chancen Kais lebenslang verringern.

3. Die drohende Kriminalisierung kann über Stigmatisierung und neue belastenden sozialen Erfahrungen, die gesellschaftliche Integration lebenslang gefährden.

Lassen sich diese Folgen vermeiden, kann man sich im Ausnahmefall über die direkte Mandatserteilung durch den Klienten hinwegsetzen und die Intervention ggf. mit der Aufforderung durch Schulleitung und Polizei rechtfertigen; wenigstens die alleinerziehende Mutter sollte aber ihre Zustimmung erteilen. Selber nur Sonderschülerin gewesen, hat sie bisher Beachtliches damit erreicht, ihrem Sohn den Realschulabschluss zu ermöglichen; diesen Erfolg leichtfertig und vorschnell zu riskieren, scheint unverhältnismäßig. Das erste Gespräch mit Kai verläuft überraschend erfolgreich:

  • Über die Unrechtmäßigkeit des Verhaltens besteht auch seinerseits kein Zweifel.
  • Die Gefährdung des Schulabschlusses wird nicht nur gesehen, sondern von ihm auch als Bedrohung bewertet, die es zu verhindern gilt.
  • Die möglichen strafrechtlichen Konsequenzen sind bekannt und werden gefürchtet.
  • Selbst und in eigenen Worten wird der Mutter gegenüber ein schlechtes Gewissen formuliert und deren Bemühungen von Kai honoriert.
  • Angesichts drohender Folgen für sich und die Mutter war der Junge schnell bereit -auch mit sozialpädagogischer Unterstützung- nach Lösungen zu suchen.

Schon nach diesem ersten Gespräch wurden einige für die weitere Arbeit hilfreiche Aspekte deutlich:

  • Man muss sich nicht um die normative Bewertung des Verhaltens streiten und die Intervention nicht auf die Vermittlung und Übernahme der Normen konzentrieren.
  • Man muss sich nicht um Brisanz des Problems und die Notwendigkeit der Intervention streiten.
  • Man kann die Zusammenarbeit auf einem relativ hohen Niveau an Selbstreflexion aufbauen.
  • Das Verhältnis von Mutter und Kind ist von gegenseitiger Loyalität geprägt, selbst wenn sie es sich gegenseitig nicht so direkt sagen können.
  • (...)

Da sich die normativen Bewertungen des Verhaltens durch Kai, die Mutter, Sozialpädagogin, Polizei und Schulleiter nicht maßgeblich voneinander unterscheiden, scheint es unverständlich sich trotzdem ‚abweichend' zu verhalten. Trotz der Berücksichtigung eigener Normen, sowie Kenntnis und Angst möglicher Konsequenzen, muss in der subjektiven Abwägung Kais, ein subjektiver Nutzen bzw. Sinn vorhanden sein und den Ausschlag geben. Diesen subjektiven Sinn kann uns nur Kai selber erklären; wir müssen den Sinn verstehen, um ihm adäquat helfen zu können. Nachdem die gängigen Motive für diese Form der Jugenddevianz durchgegangen sind, blieb eigentlich nur ein anomietheoretischer Zusammenhang übrig:

  • Er möchte die erpressten Dinge auch haben. Genau so wie für fast alle seiner Mitschüler, symbolisieren sie in dem sozialen Umfeld den Status und sichern die Zugehörigkeit zum Kreis der anerkannten Schüler. Seine Mutter hat kein Geld, ihn auch nur mit einem Teil dieser subjektiv scheinbar unersetzlichen Requisiten auszustatten. Kleidung aus Kleidersammlungen, die zu kurz, für die jeweilige Jahreszeit zu warm oder kalt sind, denen man ansieht, wie häufig sie schon umgenäht wurden, einen Streifen auf dem Arm zu wenig oder die fehlende Gel-Sohle... können seelische Qualen und den sozialen Ausschluss begründen, so wie auch Fahrräder, die zerkratzt und weniger als 18 Gänge haben...
  • Wenngleich die ‚Opfer' subjektiv Angst empfunden haben, entsprach das Verhalten nicht der von Schulleitung, Elternvertretung und Polizei interpretierten Gewalttätigkeit und Aggressivität. Die körperliche Gewalt wurde eben nur angedroht und nicht umgesetzt; bei Herausgabe der begehrten Statussymbole bestand keine Gefahr an Leib und Leben. Der Unterschied zwischen angedrohter und ausgeführter Gewalt ist zur Erklärung nicht unerheblich; der Sinn kann dann nicht in dem Wunsch gesehen werden, mittels der Ausübung von körperlicher Gewalt andere Personen erniedrigen zu wollen oder damit angestaute Aggressionen kathartisch abbauen zu wollen. Die körperliche Überlegenheit und die Androhung von Gewalt können auch nicht Selbstzweck sein, sondern sind allein ein illegitimes Mittel zur Erreichung eines ‚normalen' Ziels; sie sind Zweck, um die begehrten Sachen in Besitz zu nehmen.
  • Es ließ sich auch keine Emotionalität derart feststellen, dass er den Menschen, die als Besitzer hinter den Statussymbolen steht, ärgern, ihnen Trauer und Schmerz zufügen oder sie als vermeintlich ‚Reiche' bestrafen will. Er schien den Zusammenhang der Dinge zum Menschen verdrängt zu haben, ehe er sie wegnahm. Ihm nun nahezubringen, sich in die Gefühlswelt des anderen hinzuversetzen, Mitleid zu entwickeln und so sein Verhalten zu modifizieren, wird wenig helfen, da es eine falsche Intention unterstellt. Es gibt keine Intention gegenüber der Person; es fehlt nicht das Einfühlungsvermögen im Kopf, sondern das Skateboard in der Hand... Der Ansatz, mit ihm zu rekonstruieren, wie er sich fühlen würde, wenn ihm etwas weggenommen wird was ihm wichtig und lieb ist, hilft letztendlich auch deshalb nicht viel weiter, weil er eben nichts Tolles hat...
  • Die Schilderung der Vorfälle suggerierte undifferenziert eine Regelmäßigkeit des sog. Abziehens, erklärt es quasi zum ‚normalen' Verhalten Kais. Die Regelmäßigkeit ist aber allein darin zu sehen, dass er jedes der begehrten Dinge jeweils in einfacher Form haben, besitzen und selber nutzen will; es ging ihm nicht darum, mit geklauter Ware zu handeln, Geld zu verdienen und sich zu bereichern. Da er die Dinge selber nutzen wollte, blieben sie jeweils unbeschadet und konnten dem Eigentümer zurückgegeben werden. Wurde nun bsp. von Handys oder Jacken im Plural gesprochen, ist die suggerierte Regelhaftigkeit nur insofern stimmig, als dass er es eben immer wieder versuchen musste, nachdem er die Sachen immer wieder zurückgegeben musste. Der Eindruck der mangels Differenziertheit transportiert wird, er würde aus einem unreflektierten Zwang heraus alles klauen, was ihm vor die Augen kommt, wäre Wiederholungstäter und stapelt oder verkauft womöglich irgendwo Jacken und Handys, muss in der Diagnose entkräftet werden!
  • (...)

Sein Verhalten lässt sich nur von dem Wunsch her erklären, auch über Statussymbole verfügen zu wollen. Die Handlung an sich hat allein keine ursächliche bzw. sinngebende Bedeutung. Er will etwas haben, ohne über die legitimen Mittel zu verfügen diese zu erwerben. Deswegen beschreitet er illegitimen Wege, obwohl er sowohl die legitimen Mittel als auch die legitimen Wege kennt. Im Prinzip identifiziert er sich sogar mit den ‚normalen' Wegen und verfolgt die sozial unangemessenen eigentlich auch nur Ausnahmenweise, um eine Jacke, ein Handy, ein Skatebord... zu erwerben; müsste er die Sachen nicht immer wieder zurückgeben, würde er wahrscheinlich kein zweites Skatebord abziehen. Sein Verhalten ist im sozialwissenschaftlichen Sinne, als ‚innovativ' zu bewerten, weil er versucht, seine Ziele unkonventionell zu erreichen... ‚Innovation' ist ein Stichwort, um sich auch als Sozialpädagoge die Inhalte der sog. ‚Anomietheorie' zu vergegenwärtigen, um die Problemlage zu systematisieren und Inspirationen zur Intervention zu bekommen.<ref>Der Begriff Anomietheorie ist von Robert K. Merton 1968 in den Diskurs um abweichendes Verhalten eingeführt worden. Immer wenn Sozialpädagogen Fragen an die Soziologie haben, bietet es sich an, nach dem soziologischen Lexikon zunächst in den von Hermann Korte und Bernhard Schäfers 1992 herausgegebenen soziologischen Einführungen nachzuschlagen. Im Band II zur ‚Einführung in die Geschichte der Soziologie’ sind in knapper und gut lesbarer Form die Grundgedanken der Anomietheorie skizziert. Ausführlicher und an die heutige Zeit angepasst, führt Wilhelm Heitmeyer (Hg.) 1997 in hervorragender Weise für alle Formen abweichenden Verhaltens die Bedeutung der Anomietheorie aus.</ref> ‚Innovation' gilt als eine Form, den Widersprüche zwischen verinnerlichten Zielen und unzureichend zur Verfügung stehenden legitimen Mitteln zu überwinden. V.a. Konsumziele werden öffentlich aggressiv geschürt; werden diese dann unangemessen verfolgt, wird dies allein den ‚abweichenden' Menschen angelastet und nicht der Werbung. Es gibt im Prinzip fünf Möglichkeiten, Zielen und Mitteln miteinander in Einklang zu bringen, wobei vier von ihnen als ‚abweichend' gelten.





Arten der Anpassung Kulturelle Ziele Legitime Mittel
Konformität + +
Innovation / Neuerung + -
Ritualismus - +
Apathie / Rückzug - -
Rebellion (-/+) (-/+)

Nur im Falle der ‚Konformität' identifiziert man sich mit den allgemein gültigen Zielen und verfolgt diese auch auf den dafür allgemein vorgesehenen Wegen; diese Menschen gelten als ‚integriert'. Kai verhält sich ‚innovativ', wenn er die ‚normalen' Ziele mit illegitimen Mitteln verfolgt. Die ‚Apathischen' sind ziellos, sie haben weder ‚normale' noch individuelle Ziele und verfolgen dies fehlenden Ziele dann auch weder mit legitimen noch mit illegitimen Mitteln. Allgemein kann man sich unter dem Stichwort ‚Apathie/Rückzug' Menschen vorstellen, die ihre Ressourcendefizite wahrnehmen, keine Chance sehen, diese zu überwinden, aufhören, an die allgemeingültigen Ziele zu glauben und diese zu verfolgen und so introvertiert wie passiv auf das Dilemma reagieren (Depression, Sucht, Fernsehkonsum, Suizid...) ‚Rebellische' Menschen sind zwar aktiv und zielorientiert verfolgen jedoch wechselnd sowohl ‚normale', wie individuelle Ziele, mal mit legitimen und mal mit illegitimen Mitteln; auf jeden Fall wollen sie irgendwie irgendwas erreichen. Bei ‚Ritualismus' haben sich die Menschen innerlich schon von den ‚normalen' Zielen verabschiedet, verhalten sich aber weiter so wie es allgemein erwartet wird, um nach außen den Schein zu wahren. Sie wollen unbedingt noch zur ‚richtigen' Seite zugerechnet werden; wollen auf keinen Fall auffallen oder Ärger bekommen. Sie glauben selbst, nicht abzuweichen; tun dies aber genau deshalb, weil sie sich krampfhaft daran klammern auf dem richtigen Weg zu sein, selbst wenn sie keine Schritte mehr machen und die ‚normalen' Ziele nie erreichen. Individuelle Ziele wie bsp. die größte Bierflaschensammlung zu haben sind jedoch nicht unwahrscheinlich. Der Idealtypus ist der arbeitslose Familienvater, der seinem familiären/sozialen Umfeld die ‚Niederlage' verschweigt, monatelang morgens die Thermoskanne füllt, Brote schmiert, in das wiederverwendete Butterbrotpapier wickelt und monatelang täglich acht Stunden durch die Stadt läuft, bis die Schulden nicht mehr zu verheimlichen sind und man Suizid begeht. Weniger gravierend versuchen andere sich dadurch zu stabilisieren, dass sie chancenlos monatlich 20 Bewerbungen schreiben, leicht einsichtig jedem vermitteln, dass sie immer einige coole Jobs an der Hand haben, für die sie jedoch ‚überqualifiziert' seien, andere rufen die Polizei, wenn Hunde nicht angeleint sind, Cannabispflanzen im Garten des Nachbarn stehen oder die ASU von Autos abgelaufen ist... In Leserbriefen kann man sich eine Vorstellung von Menschen machen, die ihre Benachteiligungen ritualisiert verarbeiten:

„Unverhältnismäßiger Einsatz!<ref>In: ‚Magdeburger Volksstimme’ vom 18.3.00.</ref>

Seit Jahren gehöre ich zu den schärfsten Kritikern der unverhältnismäßigen Polizei- und Ordnungsdiensteinsätzen in unserer Stadt. Leider bleiben derartige Lesermeinungen meist als lästig unberücksichtigt. Der Beitrag zeigt jedoch wieder einmal deutlich die amtlich gedeckte Grundeinstellung von Polizei und Ordnungskräften. Während sich rudelweise Politessen und Polizisten auf ungefährliche und friedliche kurzzeitige Falschparker stürzen und sogar bösartige Fallen stellen, um Geschwindigkeitsübertretungen erbarmungslos zu ahnden, wird vor Vandalismus und Terrorismus offiziell kapituliert. Die Hintergründe sind offensichtlich. Der Normalbürger im Bagatellfall zahlt zähneknirschend, aber zuverlässig viele kleine Beiträge für das Stadtsäckel und ein neues protziges Ordnungsamt mit vielen neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für überflüssige Beamte und Angestellte. Von Chaoten und Kriminellen ist jedoch außer Ärger und vielleicht ein blaues Auge nichts zu holen, meist nicht einmal mehr ein Führerschein. Also warum soll dafür noch investiert werden. Also, freie Fahrt den Gesetzlosen. zu denen sich in ähnlicher Weise steuer und mietebefreite hundehaltende Punker, Hausbesetzer, Farbsprayer und andere Protektionierte gesellen, denen die geballte Fürsorge einer Heerschar städtischer Bediensteter widerfährt. Ein stinksaurer steuerzahlender Normalbürger."

In der Anomietheorie geht es um die Gegensätze von ‚Integration' und ‚Abweichung'. Die pauschalen Zuschreibungen erweisen sich für die Soziale Arbeit jedoch als problematisch. Die alltagssprachlich moralische Konnotation von ‚Integration = gut' kann nicht übernommen werden: Da ‚Integration' seine Bedeutung i.S. politischer Herrschaft gewinnt und nicht i.S. von sozialer, kultureller und ökonomischer Partizipation am gesellschaftlichen Leben, sollte sich Sozialarbeit davor hüten, unreflektiert ‚Integration' als Leitziel anzuerkennen. Wenn ‚Integration' die Ein- oder Unterordnung in die bestehenden (sozial-) politischen Verhältnisse bedeutet, dann entscheiden allein die jeweiligen Verhältnisse darüber, ob ‚Integration' ein legitimes Ziel der Sozialen Arbeit sein kann. Heute kann es vor dem Hintergrund des Niveaus sozialer Sicherung und dem Verhältnis von helfenden und kontrollierenden Integrationsstrategien zueinander vielleicht noch bejaht, muss angesichts der aktuellen sozialpolitischen Weichenstellungen für die Zukunft sicherlich aber wieder verneint werden... Auch die pauschale Klassifizierung nicht ‚konformen' Verhaltens als ‚abweichend' ist für sozialarbeiterische Praxis problematisch:

  • Sozialarbeiter müssten sich bsp. mit jungerwachsenen Hausbesetzern solidarisieren, wenn sie ohne diese ‚Innovation' keine Möglichkeit sehen/haben, das kulturell anerkannte Ziel, eigenen Wohnraum zu bewohnen, auf dem überteuerten Wohnungsmarkt zu realisieren.
  • Wer in der DDR als Industriefacharbeiterin gearbeitet hat, sich eine Wohnung, eine Gartenlaube und nach längerem Warten auch einen Trabbi hat leisten können und allgemein gesellschaftliche Anerkennung erfahren hatte, ist heute im Alter von 50 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Mauerfall arbeitslos. Statt der versprochenen und erhofften ‚blühender Landschaften' hat man die Gartenlaube verloren, weil eine Einfamilienhaussiedlung gebaut wurde; wegen der sprunghaft gestiegenen Miete musste man in ein benachteiligendes Quartier an den Stadtrand ziehen; der Bezug von Sozialleistungen symbolisiert den Angriff auf die aufrechterhaltene (weibliche) Arbeiteridentität der DDR. Die Zuschreibung ‚abweichend' scheint nicht angemessen, selbst wenn sie i.S. von ‚Apathie und Rückzug' sowohl ihre wie auch allgemeine Lebensziele verworfen und mit dem Trinken anfangen hat und sich auch nicht mehr um jede schlechtbezahlte Arbeitsstelle auf dem 3. Arbeitsmarkt bewirbt. Vor diesen ‚abweichenden' Lebensumständen erscheint also eher ihr Verhalten als ‚normal'...
  • ‚Rebellisches Verhalten' symbolisiert eine allgemein gesellschaftskritische Einstellung. Die Kritik behält jedoch oft einen diffusen Charakter, da die Anlässe des Ärgers unklar bleiben oder nicht gesehen werden wollen. Wenn der ‚normale' Beobachter über hundert Meter an frisch sanierten Häusern einen einfachen mit Sprühdose gesprühten schwarzen Strich oder das zerstörte Büro des Quartiersentwicklungsbüros der Immobiliengesellschaft sieht, dann weiß er nicht, ob die ‚Täter' im Vorwege vielleicht auf legitimen Wegen versucht haben, dort Wohnraum zu finden oder sie ggf. sogar vorher von dort vertrieben wurden...
  • (...)

Kommen wir zurück zu Kai:

Kai möchte sich bezogen auf die ‚normalen' Ziele konform verhalten. Dies bedeutet in unserer Gesellschaft und somit auch in der Schule, am Konsum teilzuhaben, mit bestimmten Requisiten des Konsums einen gesellschaftlichen Status für sich zu reklamieren und mittels besonderer Kleidung -so ist besonders in diesem Alter zu vermuten- auch vom Aussehen positiv wahrgenommen zu werden. Er verhält sich -wie gesagt- auf seine Art ‚innovativ', wenn er mangels ökonomischer Ressourcen allgemein anerkannte Ziele mittels Gewaltandrohung illegitim verfolgt.





  • So wie der Schüler, der mangels kognitiver Leistungsfähigkeit von seinem Nachbarn abschreibt, um sich bezüglich des Zieles konform zu verhalten gute Noten zu erhalten.
  • So wie die Bürger, die eine Bürgerinitiative gründen und einen Volksbescheid herbeiführen, um Spielplätze zu erhalten.
  • So wie der Arbeitslose, der an heißen Sommertagen gekühlte Getränke in den bevorzugten Parks und an Flussufern anbieten und dabei für sich die Gesetze des Marktes entdecken.
  • (...)

Es empfiehlt sich, in Anamnese und Diagnose wie auch in der späteren Intervention Ressourcen und Ziele getrennt voneinander zu bearbeiten: Kais Zielseite müsste dahingehend modifiziert werden, dass er keinen legitimen Anspruch darauf hat, alles zu haben, was er will. Die Ressourcenseite weist fundamentale Defizite auf und wird im Mittelpunkt des Hilfeprozesses stehen müssen; dies bezieht sich unmittelbar auf die ökonomische Dimension und mittelbar auf die soziale, kulturelle und gesundheitliche Dimensionen, die ggf. ökonomische Defizite ausgleichen könnten. Als erster Schritt sollte wegen des seidenen Fadens, an dem Kais Zukunft hängt, zwingend geklärt werden, ob er derzeit noch irgendwelche erpressten Dinge hat, die sofort mit allen Formen der Entschuldigungen zurückgegeben werden sollten; später auftauchende ‚Altlasten' würden den Hilfeprozess doch empfindlich stören.

Ressourcenseite:

Zunächst sollte die finanzielle Situation in der Familie geklärt werden. Angesichts der Dramatik, wird die Mutter Vertrauen schöpfen und ihre finanzielle Situation aufdecken müssen. Ggf. müssen Wissenslücken um soziale Transferleistungen ausgeglichen oder Schamgefühle abgebaut werden. Schnell haben wir z.B. den ‚Leitfaden der Sozialhilfe von A-Z'<ref>Fachhochschulverlag Kleiststraße 31; 60318 Frankfurt/Main.</ref> zur Hand und können der Frührente von Kais Mutter den Bedarf an HzL gegenüber stellen. Wäre die Rente vielleicht 150 € oberhalb der Sozialhilfe, könnte es immer noch einen Wohngeldzuschuss geben, sie liegt in diesem Fall aber nur 5€ über dem Sozialhilfesatz. Sie sagt, sie würde laut Auskunft des Sozialamtes keinen Anspruch haben. Wir können ihr glauben, diese Information erhalten zu haben, wissen aber dennoch, dass sie sowohl falsch als auch rechtswidrig ist. Davon muss nun die Mutter überzeugt werden und ihr die Unterstützung dabei zugesichert werden, ihre Rechtsansprüche zu realisieren. Irgendwie muss jeder Sozialpädagoge sich im Hinterkopf erinnern, dass es Ansprüche gibt, selbst wenn die Grenze für regelhafte Leistung nicht erreicht ist. Wenn man sich soweit erinnern hat, findet man schnell heraus, dass die überschüssige Summe bei einmaligen Leistungen wie z.B. Kühlschränken nur in 6facher, also in Höhe von 30€ angerechnet wird und dass im ganzen Jahr nur 60 € auf einmalige Hilfen angerechnet werden. Ein erster schneller und grober Überblick ergibt einen monatlichen Betrag von etwa 100€ oberhalb des Regelbedarfs (Kleidergeld (Kind ab 14 Jahren) 350€/Jahr; Kleidergeld Mutter 360€/Jahr, Weihnachtsbeihilfe Mutter 65€/Jahr; Weihnachtsbeihilfe Kind 35€/Jahr; jährlich ein Möbelstück oder Kühlschrank im Wert von 200€/Jahr, Klassenfahrt des Kindes 150€/alle 2Jahre; Schulmaterialien 30€/Jahr... abzgl. der 60€ angerechnetem Einkommen). Der Anspruch kann sich noch mal um 50€ auf steigern, bräuchte die Mutter wegen ihrer Diabetes eine aufwendigere und kostspielige Ernährung... In Größenordnungen von ca. 100€ monatlich könnte man der Mutter also vorsichtig Hoffnung machen auf ergänzende Sozialhilfe. Zu dritt gilt nun auszuhandeln, dass Kai sich dann sicherlich einige Wünsche erfüllen könnte, aber immer noch nicht alle. Ob er das gerecht findet oder nicht wird mit ihm nicht auszudiskutieren sein, auch wenn man seine subjektive Interpretation durchaus anerkennen sollte. Es geht vielmehr darum, ihm Verhältnismäßigkeiten zu verdeutlichen: Die Mutter ist am Rande der Leistungsfähigkeit und verweigert ihm nicht aus bösem Willen seine Wünsche. Er läuft Gefahr, seine gesamte Lebensperspektive zu verspielen, wenn er Schulabschluss und Kriminalisierung riskiert; er lebe vielleicht noch 60 Jahre, da ist es doch blödsinnig, sich diese wegen einer Jacke oder einem Skateboard zu versauen... Wenn er sich etwas bescheidener geben und vielleicht auch noch Zeitungen austragen würde, könnten alle hinzugewinnen; Sachen vom eigenen Geld zu kaufen sei auch viel cooler, als sie von Eltern geschenkt zu bekommen...

Zielseite:

Kai sollte klargemacht werden, dass er Abstand davon nehmen muss, alle materiellen Wünsche realisieren zu wollen, dass es doch nur künstliche Quellen der Identität sind und er auch über immaterielle eigene Fähigkeiten verfügt. Letztere Fähigkeiten könnten vielleicht auch nützlich eingesetzt werden, um eine Freundin zu finden; wäre doch vielleicht eine Alternative zum Abzocken?... Solche Diskussionen mit Kai allein zu führen sind sicherlich sinnvoll und notwendig; nur dürfen wir uns davon nicht zu viel erwarten. Während Werbung, die Lebenswelt der ‚BRAVO' und sogar weihnachtliche politische Appelle auffordern, den Einzelhandel zu unterstützen, kann man nun nicht gerade von Kai erwarten, dass er sich als einziger diesem Trend verweigert. Einige Schulen versuchen inzwischen, den Druck abzubauen, indem sie einheitliche Schulkleidung einführen; im erziehungswissenschaftlichem Diskurs wird u.a. diskutiert, in welcher Form Fernsehwerbung in Kindersendungen und im Vorabendprogramm gesetzlich reglementiert werden sollte. I.d.Z. stehen jedoch Fragen des Jugendschutzes -also der Abwehr- im Mittelpunkt. Andere regen am BSP der ‚BRAVO' an, Bestimmungen des KJHG heranzuziehen; dies würde bsp. bedeuten, ‚BRAVO' zur „Förderung der Entwicklung... zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" zu verpflichten und aufzufordern „dazu beizutragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen."<ref>§1 KJHG.</ref> Es wurde schon gesagt, dass soziale Probleme sowohl individuell und gesellschaftlich verursacht, als auch gelöst werden können. Dies wir bei den Diskrepanzen zwischen Zielen und Ressourcen besonders deutlich; zuerst auf Seiten Kais und seiner Mutter:

Da Kais Ziele ‚normal' sind, kann ihm legitimerweise nicht abverlangt werden, sie allein zu verwerfen. Der Klassenverband bzw. seine Peergroup sind die unterste Ebene, auf der es Sinn machen kann, seine Klamottenwünsche -gegen den Konsumtrend- zu modifizieren und -ggf. mit der Einführung von Schuluniformen- den gegenseitigen Druck von den Kindern zu nehmen. Auf der Ressourcenseite müssen individuell Informations- und Durchsetzungsdefizite ausgeglichen werden, um soziale Rechtsansprüche einzulösen. Die Erwerbsmöglichkeiten scheinen bei der verrenteten Mutter erschöpft und im Falle des Kindes abgesehen von einem Taschengeld angesichts des Schulbesuches beschränkt.

Auf Seiten der Gesellschaft:

Egal ob in der Werbung, in der Schule, im Fernsehen, am Stammtisch, in der Clique...; überall in der Gesellschaft werden materieller Reichtum und materielle Statussymbole als einzige Lebensziele glorifiziert. Zugleich wird vermittelt, jeder hätte die gleichen Erfolgschancen; aber auch die Schuld, wenn er sie denn nicht nutzt. Auf der anderen Seite aber zur gleichen Zeit werden die Ressourcen mittlerer und unterer Einkommensgruppen systematisch beschnitten und Empfänger sozialer Transferleistungen regelhaft unter die Armutsgrenze gedrückt; immer öfter wird die Einlösung sozialer Rechtsansprüche auch in rechtswidriger Weise gekürzt oder gar in Gänze gestrichen. Im gesellschaftlichen Umfeld muss deswegen die von Medien, Verwaltung und Politik geschürte Stimmung gegen Sozialleistungsempfänger thematisiert werden, welche diese genauso davon abhält, Hilfeansprüche einzulösen, wie die rechtswidrige, weil fehlende Öffentlichkeitsarbeit der Sozialverwaltung...

Bisher wurde anomisches Verhalten thematisiert, stand dies doch im Mittelpunkt der Anomietheorie. Die Möglichkeit anomischer Rahmenbedingungen wurde in der Logik der Theorie zunächst negiert. Heute gibt es Ansätze, auch von anomischen Gesellschaften zu sprechen, wenn Wege und Ziele zueinander im Widerspruch stehen, in sich unstimmig sind oder auch ethisch fragwürdig erscheinen. Auf dem Soziologentag 1998 wurde diesbezüglich eine Tabelle illustrativ vorgestellt und diskutiert:

Aktive Gewinner Passive Gewinner
Aktive Verlierer Passive Verlierer

Eine Gesellschaft, die sich unter Leitprinzipien wie ‚Leistung muss sich lohnen'; ‚ohne Fleiß kein Preis'; ‚von nichts kommt nichts' oder ‚Jeder ist seines Glückes Schmied' integrieren möchte, muss fleißige Menschen belohnen und eben nur diese! Zu diesem Prinzip passen die ‚aktiven Gewinner' und die ‚passiven Verlierer'; die anderen Kästchen haben laut Leistungsprinzip eigentlich keine Legitimation. Besonders für die neuen Bundesländer wurde ausgeführt, dass diese Kästchen aber real und v.a. in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung gewinnen. Man kann auch sagen, dass immer häufiger -nicht nur in den neuen Bundesländern im großen Maßstab- die versprochenen, verinnerlichten und somit verdienten Belohnungen für Fleiß, Enthaltsamkeit, Bedürfnisaufschub... vorenthalten werden. Damit wird die zentrale kapitalistische Leitnorm der BRD relativiert; wenn sich die gesellschaftliche Realität von ihren eigenen Leitnormen entfernt, muss von einer anomischen Gesellschaft gesprochen werden.





Aktive Verlierer:

Aus eigener Erfahrung oder im Zuge öffentlicher Aufmerksamkeit bildet sich in großen Teilen der Bevölkerung der neuen Länder das Bewusstsein, trotz überdurchschnittlicher Arbeits- und Leistungsbereitschaft als Verlierer zu gelten. Durch die versprochenen ‚blühenden Landschaften' wurde eine Aufbruchsstimmung und Erwartungshaltung geschürte, die sich nun in gleicher Relation vor dem Hintergrund der realen allgemeinen wie persönlichen Entwicklungen, in übersteigerter Frustration niederschlägt. Die Abwertung beruflicher Qualifikation, explodierende Arbeitslosenzahlen, sowie die Verweigerung der versprochenen Lohnangleichung konterkarieren das dort frisch internalisierte Leistungsprinzip. In weiten Teilen trafen überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft auf übersteigerte suggerierte Zielvorstellungen; eigentlich der Idealfall für ‚Konformität'; wird die Belohnung vorenthalten, ist dies aber auch der Idealfall für Ritualismus; dies ist dann aber nicht der Person als ‚abweichend' anzulasten... Anomische Gesellschaftsstrukturen zeigen sich auch im Kleinen:

  • Wo schlechte Hauptschüler sich fleißig um einen Abschluss bemühen und trotzdem -nicht wie von Eltern, Lehrern, Arbeitsamt und Politik versprochen- einen Job bekommen oder zumindest keinen der Spaß macht, da scheint Schwänzen kein ‚abweichendes', sondern ein logisches Verhalten zu sein.
  • Wo aber auch Gymnasiasten von ihren Eltern zu Verlierern erklärt werden, weil sie den NC für Medizin nicht geschafft haben; wo sie individuell zwar größte Leistungsbereitschaft gezeigt haben, aber an unrealistisch hohen Zielen ihrer Eltern gemessen wurden, die ihnen Ressourcen zuschrieben, die eher ihrem Wunschdenken entsprachen. Da es immer um die Differenzen zwischen Zielen und Ressourcen geht, sind logischerweise auch besser situierte Menschen betroffen, wenn bezüglich der realen Ressourcen überproportionale hohe Ziele verfolgt werden.
  • Wo arbeitslose Menschen monatlich zahlreiche Bewerbungen verschicken und nie zum Vorstellungsgespräch geladen werden und nicht mehr glauben können, dass ‚jeder, der arbeiten will auch Arbeit findet'.
  • Wo sich Arbeitnehmer mit ihrem Betrieb identifizieren, krank zur Arbeit kommen, unbezahlt Überstunden machen und in großem Maße die Gewinne steigern; dann jedoch zu einer ‚Nullrunde' genötigt oder sogar entlassen werden, damit höhere Dividenden an die Aktionäre ausgezahlt werden können.
  • (...)

Passive Gewinner:

Wo sog. Alteigentümer Häuser in den neuen Ländern zuerkannten bekommen oder Immobiliengesellschaften aus Westdeutschland zu Dumpingpreisen Immobilien erworben haben, diese aufwendig und mittels öffentlicher Subvention sanieren und mit großen Gewinnspannen vermieten und verkaufen, können passive Gewinner identifiziert werden. Dies ist auch möglich, wenn westdeutsche Firmen Wirtschafts- und Produktionsbereiche im Osten kostengünstig einkauften, um bestenfalls Gewinne mit reduzierten Belegschaften zu erwirtschaften oder auch nur um Subvention einzustreichen oder eine lästige Konkurrenz auf dem gesamtdeutschen Markt auszuschalten. Während ‚blühende Landschaften' ausblieben und der ‚Wirtschaftsstandort Ost' stagnierte, wurde er als Marktstandort zur Absetzung der in alten Bundesländern produzierten Waren erschlossen; dann wurden auch dort Arbeitsplätze gesichert, Löhne und Gewinne erwirtschaftet und diese auch dort versteuert. Anderenfalls haben westdeutsche Unternehmen auch Subventionen eingestrichen, direkt hinter der ehemaligen Grenze Produktionsstandorte geschaffen, dann aber die alte Belegschaft mitgenommen und nun zu Ost-Tarifen billiger weiterbeschäftigt... Passive Gewinner finden sich auch dort,

  • wo gefördert durch die Börsensendung unmittelbar vor der Tagesschau der Eindruck vermittelt wird, es sei ‚normal', wenn einige Menschen ohne eigenes Zutun -auf Kosten von Ausbeutung der Mitarbeiter in den Betriebe- mit Aktien Geld zu verdienen.
  • wo der Anteil von Einkommen aus Vermögenswerten gegenüber jenem aus Erwerbsarbeit kontinuierlich überproportional zunimmt.
  • wo Schüler wahrnehmen, dass andere allein aufgrund ihrer Herkunft in der Schule besser bewertet oder durch kostenaufwendige Nachhilfe unterstützt werden und wo beim Berufseinstieg weniger Leistung, als vielmehr exponierte Kontakte der Eltern den Ausschlag geben.
  • (...)

Wenn sich das allgemein propagierte Leistungsprinzip in der Realität für einen steigenden Anteil der Bevölkerung als Utopie erweist, verliert die Norm an Glaubwürdigkeit und später auch an Legitimation. Daraus resultierendes Verhalten kann zwar objektiv problematisch sein, muss aber ursächlich aus den anomischen Rahmenbedingungen erklärt werden (vgl. Holtappels&Hornberg 1997: 352f).

Viele verschiedene soziale Probleme, mit denen sich Soziale Arbeit befasst, stehen kausal und zeitlich miteinander in einem engen Zusammenhang. Selbst wenn sie unterschiedlichen Typen des ‚abweichenden Verhaltens' entsprechen, muss man sich bei vermehrtem und gleichzeitigem Auftreten fragen, ob sie nicht eine gemeinsame Ursache haben. Selbst wenn wir zunächst ‚nur' mit dem Einzelfall Kai zu tun haben, müssen wir sensibilisiert sein für eine Systematik hinter diesem und anderen Symptomen. Der sozialpädagogische Einzelfall ist vielleicht zugleich ein Indiz für ein allgemeines Gesellschaftsproblem; dann indiziert der Einzelfall eher eine (sozial)politische denn eine sozialpädagogische Intervention, um nicht nur ‚Kais Problem' zu lösen, sondern zugleich alle Probleme seiner Leidensgenossen. Der Interventionszeitpunkt ist dann viel früher zu setzen und als Adressat ist die Politik identifiziert, die folgerichtig nur politisch zu beeinflussen ist... Man kann diesen Zusammenhang am BSP von Sachsen Anhalt veranschaulichen: Sachsen Anhalt ist das Bundesland mit dem geringsten Durchschnittseinkommen und Vermögen, sowie der höchsten Arbeitslosigkeit. Betroffen sind besonders junge Menschen mit niedrigem und mittlerem Schulabschluss, denen oft der Ersteintritt ins Berufsleben versperrt erscheint oder wo dieser immer seltener dem eigenen Berufswunsch entspricht. Und ältere Menschen im Alter von über 50 Jahren, deren Beruf auf dem Arbeitsmarkt entweder an Wert eingebüßt hat oder ganz abgeschafft wurde. Diese Ausgrenzung steht konträr zur traditionell hohen integrativen Bedeutung von Erwerbsarbeit -insbesondere auch für Frauen- in der ehemaligen DDR; sie steht aber auch im klaren Gegensatz zur hohen Leistungsbereitschaft der Jugendlichen bezüglich ihrer beruflichen Integration. Die Integrität dieser Menschen eh schon bedroht, haben sie die großen Versprechungen nach Mauerfall viel ernster genommen als es angemessen war. Nun von der Widervereinigung enttäuscht, sind sie besonders sensibilisiert für die Debatten

  • um soziale Hängematten, in denen sich arbeitslose Menschen ausruhen würden,
  • um fehlende Flexibilität, Innovation und Leistungsbereitschaft der Menschen, die ihren schlechten sozialen Status damit selbst zu verantworten haben,
  • um vermeintlich inakzeptable Forderungen nach gleichem Lohn wie in den alten Ländern,
  • (...)

Abgesehen von der schlechtern und stetig sich weiter verschlechternden sozialen Infrastruktur ist die Kenntnis über soziale Hilfeangebote aber auch die emotionale Bereitschaft, sich nach jahrzehntelanger Erfahrung von Vollbeschäftigung und sozialer Selbstständigkeit nun in sozialstaatliche Abhängigkeit zu begeben, gering. Zunächst ist eine Gleichzeitigkeit festzustellen von hoher Motivation, einer zumindest subjektiv empfundenen relativ aussichtslosen Lebenslage, einer geringen sozialstaatlichen Versorgungsdichte und zahlreichen Formen ‚abweichenden Verhaltens': In Sachsen Anhalt wird bundesweit am meisten geraucht und Alkohol getrunken, ist der größte Anstieg des Konsums illegaler Drogen und Kriminalität (wenngleich von einem niedrigen Niveau ausgehend) festzustellen. Mit dem politischen System ist nur noch die Hälfte der Bevölkerung Sachsen Anhalts zufrieden, in den vier Jahren vor 2000 hat sich die Zahl der NPD-Anhänger verfünffacht und die Anzahl der rechtsextremen Straftaten ist hier so hoch wie nirgendwo anders; bzgl. der Zahl gewaltbereiter Rechtsradikaler liegt Sachsen Anhalt auf Platz zwei. Die Lebenserwartung liegt hier zwei Jahre unter dem Bundesdurchschnitt, die Zahl psychischer Erkrankungen, sowie der Ernährungszustand der Schulkinder sind besorgniserregend und die Fernsehdauer nimmt bundesweit genau so einen Spitzenplatz ein, wie deren Steigerungsraten.<ref>Alle Angaben aus: ‚Magdeburger Volksstimme’ 4,5,6/2000; Angaben zum Ernährungszustand aus Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen Brandenburg 1999 auf Sachsen-Anhalt übertragen.</ref> Trotz Häufung verschiedenster Formen sozialer Benachteiligung, werden diese in der Analyse alle voneinander getrennt bewertet. Es liegt auf der Hand, dass es gemeinsame gesellschaftliche Verursachungszusammenhänge gibt, die aber i.d.R. ignoriert werden, um die Menschen weiter individuell verantwortlich zu machen und zu entsolidarisieren...




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