Evaluation

Aus Soziale Arbeit heute

Evaluation ist ein traditionelles Element im sozialpädagogischen Hilfeprozess, das seinen Zweck unter dem Namen ‚Erfolgskontrolle' früher eindeutiger erklärte: Inhaltliche Erfolgskriterien werden bestimmt und operationalisiert, sowie Kriterien zur Mess- und Vergleichbarkeit entwickelt, um damit den Erfolg während, am Ende und im Anschluss an den Hilfeprozess besser kontrollieren und optimieren zu können. Gesteigertes Profilierungstreben der Sozialen Arbeit, sowie der Wunsch, sich den Anschein von Modernität zu geben, führten dazu, dass sich neben ‚Evaluation' noch zahlreiche weitere Begriffe wie ‚controling', ‚monitoring', ‚out-put-gesteuerte Ressourcenverwaltung', ‚Neues Steuerungsmodell'... und irritierenderweise sogar 'Qualitätsmanagement' etablieren konnten. Parallel zur Änderung der Namen wurden auch Konzepte, Inhalte, Ziele und Erfolgskriterien der Evaluation verändert:

  • Die Selbstevaluation der Träger und Kollegen wurde zunehmend ersetzt durch externe Fremdevaluation.
  • Als Ziel wurde die fachliche Optimierung durch Kostenreduzierung verdrängt. Erfolgreich sind nun Träger, die billig arbeiten; nicht jene, die i.S. von ‚Hilfe zur Selbsthilfe' ihrem Klientel nachhaltig dabei helfen, ihr Leben selbstständig (besser) zu bewältigen. Die Kosten-Nutzen Rechnung wird folgerichtig nicht mehr als volkswirtschaftliche aufgestellt zwischen eingesetzten finanziellen Mitteln und ihrem langfristigen -auch ökonomischen- Erfolg...
  • Die Qualität der Arbeit spielt weder ein Rolle i.S. des Ressourcengewinns, der zukünftig zur Selbsthilfe eingesetzt werden und die Wahrscheinlichkeit neuer Notlagen und Hilfebedarfe reduzieren soll; noch bezüglich der qualitativen Ressourcenunterschiede zwischen der defizitären Ressourcenlage zu Beginn der Hilfe und der gestärkten zu deren Ende. Zum ‚Produkt' sozialpädagogischer Hilfe wird der Klient erklärt, der die Hilfeträger verlässt. Der Erfolg der Arbeit wird betriebswirtschaftlich dadurch größer, dass möglichst viele Klienten zum Schluss abgezählt werden können und dabei weniger Kosten verursacht haben. Hohe Qualität wird heute also dort gemessen, wo das Verhältnis zwischen Anzahl der Klienten und Mitteleinsatz günstig ist. Obwohl in Wirklichkeit die Quantität (möglichst viele Klienten) erfasst wird und es egal ist, was die Klienten real gelernt oder internalisiert haben, wie schnell sie dies wieder vergessen und ob sie im Anschluss erneut sozialpädagogischer Hilfe bedürfen, nennt man den Vorgang oft auch Qualitätskontrolle. Wenn jemand sein ursprüngliches Gewaltproblem dank sozialpädagogischer Hilfe nur durch ein Suchtproblem ersetzt hat, wird dies trotzdem als Erfolg der Gewaltprävention verbucht...
  • (...)




Die Soziale Arbeit muss sich darüber klar werden, dass in der sozialpolitischen Debatte Begriffe wie ‚Qualität', ‚Reform', ‚modern', ‚gerecht'... nicht mehr von der eigenen Fachdisziplin, sondern seitens der Betriebswirtschaft definiert sind. Deren Interpretationen decken sich selten mit denen der Sozialen Arbeit; stehen ihr teils sogar diametral entgegen; je schöner sich die Worte auch anhören mögen; aus der Perspektive der Ökonomie sind sie ‚unserem' traditionellen Bedeutungszusammenhang entrissen und verheißen für Klienten, Mitarbeiter und Träger der Sozialen Arbeit nichts Gutes. Je lauter heute gefordert wird, die Soziale Arbeit durch die ‚Einführung von Marktelementen' zu reformieren, desto stärker wird auch das Selbstverständnis Sozialer Arbeit zur Disposition gestellt. Setzen wir uns mit dem Leitmotiv ‚Einführung von Marktelementen' kritisch auseinander, wird einiges deutlich:

  • Soziale Grund- und Menschenrechte sind nicht mehr handlungsleitend.
  • Die Akteure der Sozialen Arbeit haben in ihrer Passivität im Zuge der ‚Modernisierung' bzw. in ihrer Bereitschaft, den Prozess zu unterstützen, in hohem Ausmaß (sozialpolitische) Naivität bewiesen und so den Mitarbeitern und Klienten langfristig ihre Arbeits- und Lebensbedingungen erschwert.
  • Getrieben von der Hoffnung, den eigenen Träger oder die eigene Stelle auf Kosten anderer zu retten, hat man sich innerhalb der Trägerlandschaft entsolidarisiert und sozialstaatliche wie -rechtliche Grundlagen bereitwillig preisgegeben. Als typisches BSP gilt der Träger, der den zunächst mit anderen gemeinsam geäußerten Protest gegen Sozialkürzungen beendet, um in bilateralen Verhandlungen mit der Verwaltung das nächste Haushaltsjahr abzusichern. Wenn er jedoch dann ein Jahr später wieder in der gleichen Situation steckt, sind andere potentielle Bündnispartner längst abgewickelt; die Basis für neuerlichen Protest ist entsprechend verkleinert. So differenziert sich der Widerstand gegen den Abbau sozialstaatlicher Rechte in Einzelschicksale und büßt in einer zyklischen Abwärtsdynamik -Haushaltsjahr für Haushaltsjahr- an Kraft ein. Nach gleichem Muster entsolidarisieren sich auch die einzelnen Beschäftigten der Sozialen Arbeit voneinander...
  • Die Akteure scheinen, die Marktprinzipien -derer die Soziale Arbeit unterworfen wurde- inzwischen verinnerlicht zu haben und auf sich und ihr Klientel anzuwenden.
  • (...)

„Die Zumutungen der betriebswirtschaftlichen Logik in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Sozialen Arbeit wird von vielen, von viel zu vielen Akteuren in Theorie und Praxis mit einer merkwürdigen Euphorie, die den skeptischen Beobachter an masochistische Formen der Selbstaufgabe erinnert, begrüßt und aufgenommen werden. Vielleicht ist der Wunsch nach klaren Strukturen, definierten Erfolgskriterien, nach Beendigung des permanenten Legitimationsdruckes gegenüber den ‚tragenden' Kräften der Gesellschaft, nach einem Ende des sozialarbeiterischen ‚Chaos - nach Ordnung im Inneren und nach außen so übermächtig geworden, dass von der scheinbar rationalen betriebswirtschaftlichen Logik die Lösung aller Probleme und das Überleben in dieser sich immer mehr zum Supermarkt entwickelnden Gesellschaft erwartet wird" (Kappeler 1999b: 345).

Der ‚freie' Markt stellt die ‚freie' Konkurrenz, also das ‚freie' Spiel der Markkräfte in den Mittelpunkt seiner Optimierungsstrategien;

  • indem die Konsumenten um den Erwerb von Produkten konkurrieren, stellen sie auf dem Markt die Nachfrage.
  • ist die Nachfrage relativ zum Produktangebot hoch, steigt der Preis.
  • ist die Nachfrage relativ zum Produktangebot niedrig, sinkt der Preis.
  • der Verkäufer versucht den höchsten Gewinn, der Käufer den niedrigsten Preis zu realisieren.
  • die Verkäufer stehen in ihrem Bestreben um größtmöglichen Gewinn zueinander in Konkurrenz.
  • die Verkäufer können ihre Preise solange erhöhen, wie die Nachfrage des Käufers hoch genug ist, den Preis zu zahlen.
  • wenn sich nicht alle Verkäufer auf einen höheren Preis verständigt haben, wird einer versuchen, einen niedrigeren Preis zu halten und die Produktion zu erhöhen, um seinen Marktanteil zu erhöhen.
  • die anderen Verkäufer werden gezwungen, ihre Preise wieder zu reduzieren.
  • da das Angebot gegenüber der Nachfrage nun gestiegen ist, sinkt allgemein wieder der Preis.
  • die Verkäufer können versuchen, die Produktionskosten zu reduzieren, um bei sinkenden Preisen den Gewinn zu stabilisieren:
  • Sie können die Qualität des Produktes maximal soweit reduzieren (Material, Verarbeitung) bis es für den Käufer das Geld nicht mehr wert ist.
  • Sie können die Produktivität der Maschinen erhöhen, Mitarbeiter entlassen und die Arbeitsbelastung der verbliebenen erhöhen.
  • Sie reduzieren den Lohn der Beschäftigten.
  • Sie drücken den Preis für die Rohstoffe.
  • Sie lagern die Produktion aus in Niedriglohnländer.
  • (...)

Der komplexe dynamische Marktprozess verfolgt als seinen letztendlich einziges Ziel, den Gewinn zu maximieren und an seine privaten oder Aktienbesitzer auszuschütten. Die Qualität des Produktes, seine Haltbarkeit und die Interessen des Käufers spielen eine mittelbare, nur untergeordnete Rolle. Allein schon wegen dieser Zielorientierung der ‚freien' Wirtschaft, die sich grundlegend von jener der Sozialen Arbeit (privater Profit/ Lebensqualitäts-Gewinn auf Seiten des Klienten) unterscheidet, scheint die Übertragbarkeit des Konzeptes auf die Soziale Arbeit fachlich nicht begründbar. Warum trotzdem jahrelang mit großem Aufwand versucht wird, die Übertragbarkeit von Industrienormen (DIN 9000ff) zu konstruieren und durchzusetzen, kann ggf. der Vergleich mit anderen Eckpunkten der Marktlogik klären: Der Klient Sozialer Arbeit zeichnet sich durch Benachteiligungen hinsichtlich genau jener Ressourcen zur Lebensbewältigung aus, welche im Hilfeprozess ausgeglichen werden sollen. Sein Defizit entspricht einem hohen Hilfebedarf und symbolisiert somit auch eine hohe Nachfrage. Wenn heute vermehrt vom Klienten als ‚Kunden' gesprochen wird, geht es jedoch um das vorsätzliche Vorspiegeln falscher Tatsachen: Es wird suggeriert, die Umstrukturierung des Sozialstaates würde die Klienteninteressen berücksichtigen, weil sie sich je nach Bedarf -‚der Kunde ist König'- ihre Hilfen frei aussuchen können. Der Klient kann aber nicht Kunde sein, weil seine Nachfrage nicht Resultat des eigenen freien Willens ist, sondern eine unfreiwillige Notlage bzw. eine strukturelle Benachteiligung symbolisiert. Wegen der Notsituation kann die Nachfrage aber nicht gesteuert, sprich sich flexibel der Marktlage anpassen oder aufgeschoben werden, um in Ruhe nach dem geeigneten Angebot zu suchen. Man kann nicht auf ‚Sonderangebote' warten, sondern muss sofort das nehmen was angeboten wird und das ist eben nicht das was der ‚Kunde' will, sondern das, was der Sozialstaat noch bereit ist zu zahlen. Die eigene Kaufkraft steht in einem diametral entgegensätzlichen Verhältnis zum Konsumbedarf; je geringer die Ressourcen sind, desto höher ist der Bedarf, desto weniger kann aber das Angebot mangels eigener Kaufkraft beeinflusst werden... Da die Klienten weder autonom die Nachfrage steuern noch auf dem ‚Sozialmarkt' die nötige Hilfe kaufen können, wird nicht nur die fehlende Seriosität deutlich, die den Konzepten zugrunde liegen: Es zeigt sich auch, dass der Klient letztendlich gar nicht der Nachfrager ist: Sind staatlicherseits zunächst die Anspruchsgrundlagen für die verschiedenen Angebote festgelegt und rechtlich fixiert, tritt der Staat hinterher -auf Bitten des Klienten- als Käufer der verschiedenen Hilfefragmente auf. Bedenkt man, dass gleichzeitig die Sozialverwaltung mit den Trägern die Kostensätze der Hilfefragmente aushandelt, tritt der Staat quasi gleichzeitig als Käufer und Verkäufer sozialpädagogischer Dienstleistungen auf. Er hat somit Zugriff auf Inhalt und Umfang von Angebot und Nachfrage, sowie auf Herstellungs- und Verkaufspreis. Da das Angebot inhaltlich politisch per Gesetz oder administrativ per Zuwendungsvereinbarungen festgelegt ist, wird die Konkurrenz der Träger untereinander allein auf finanzielle Fragen reduziert; Didaktik, Methodik und Qualität spielen dann keine Rolle mehr. Da die Träger aus öffentlichen Geldern keine privaten Gewinne erwirtschaften dürfen, zugleich aber finanziell mit den anderen Trägern um Aufträge konkurrieren, spart und gewinnt allein der öffentliche Haushalt auf dem Rücken von Mitarbeitern und Klientel... Wenn Klienten über keine ‚Kundensouveränität' verfügen; keine Alternativen zum Angebot haben; keinen ‚Konsumverzicht' ausüben und weder Angebot noch Nachfrage beeinflussen können, ist es makaber, sie ‚Kunden' zu nennen. Zusammenfassend muss man feststellen, dass sich die Übertragung von ‚freien' Marktgesetzen aus der ‚freien' Wirtschaft auf die Soziale Arbeit sowohl aus der fachlichen Sicht der Wirtschafts- sowie Sozialwissenschaften als auch aus der Perspektive der Sozialen Arbeit verbietet. Ganz abgesehen davon, dass die Verfassung eine ‚soziale Marktwirtschaft' festschreibt und die Sicherung sozialer Grundrechte explizit aus dem ‚freien' Marktgeschehen herausnimmt; kann logischerweise nicht von einem freien Markt gesprochen werde, wenn die zentralen Eckpunkte, Regeln und Akteure des ‚Sozialmarktes' staatlich kontrolliert sind. Der Staat nimmt für sich eine Monopolstellung im ‚Sozialmarkt' in Anspruch, die in der ‚freien' Wirtschaft an den Kartellbehörden scheitern würde. Wenngleich sich netterer Begriffe bedient und das freie Spiel der Kräfte suggeriert wird, bleiben die Unterschiede zur staatlichen Planwirtschaft nur gradueller Art, solange die Marktkräfte unseres Klientels unfrei bleiben.

Kommen wir zurück zur Evaluation. Wie, wann, warum und mit welchem Ziel wird und sollte der Erfolg Sozialer Arbeit gemessen werden?

  • Einigkeit besteht darüber, Erfolge sowohl während des Hilfeprozesses als auch an dessen Ende zu suchen.
  • Widersprüchlich wird die Frage beantwortet, ob und wie nach Beendigung der Hilfe im weiteren Lebensverlauf des Klienten auch die Nachhaltigkeit der Hilfe geprüft werden und in die Bewertung des Erfolges einfließen kann.
  • Unversöhnlich bis feindlich gegenüber stehend und die Akteure der Sozialen Arbeit in zwei Lager spaltend, treffen die Meinungen über Kriterien und Bezugspunkte des Erfolgs aufeinander.




In diesen beiden Lagern korrelieren bestimmte Merkmale in hohem Maße miteinander:

1. Wer sich modern klingender Begriffe bedient, stellt eher technische Fragen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und beantwortet sie unter finanziellen Gesichtspunkten; stellt damit den individuellen Bedarf des Klienten in den Hintergrund. Unter Verletzung berufsethischer Kriterien kündigt er letztendlich dem Klientel die Loyalität und erklärt die Situation der öffentlichen Finanzen zum Referenzpunkt der Arbeit. Damit reproduziert er die sozial ungerechte Verteilung der finanziellen Ressourcen unserer Volkswirtschaft; Die bestehende soziale Ungerechtigkeit wird quasi verteidigt: Unsere Klienten werden allein für ihre Benachteiligungen verantwortlich gemacht, ihr Hilfeanspruch wird delegitimiert und soziale Hilfen werden per se als unwirtschaftlicher Kostenfaktor stigmatisiert oder sogar verantwortlich gemacht für Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise... Verantwortlichkeiten des Staates, ‚der Reichen' und der sog. ‚Modernisierungsgewinner' bzgl. Verursachung und Lösung sozialer Probleme werden negiert. Soziale Arbeit ist um so erfolgreicher, wie billiger sie sicherstellt, dass soziale Probleme unsichtbar bleiben und die sog. ‚Öffentliche Ordnung' nicht stören. In der Praxis kann diese Sichtweise dazu führen, dass Leistungen des Sozial- Gesundheits- und Jugendhilfesystems allein mit Verweis auf leere Kassen gekürzt oder gänzlich eingestellt werden, ohne sich mit der Bedarfslage des Klientels fachlich auseinander zu setzen. In Hamburg wurden im Jahr 2000 bsp. Ab Oktober grundsätzlich keine Hilfen zur Erziehung mehr bewilligt, weil unter dem entsprechenden Haushaltstitel das Geld alle war; fest etablierte Institutionen wie ‚Deutsch-Ausländische-Begegnungsstätten' werden ohne fachliche Begründung geschlossen: „Der Verzicht auf bisherige Standorte bzw. Betriebsstätten von DABs ist leider unvermeidlich, weil die hierfür verfügbaren Haushaltsmittel ab dem Jahre 2000 stark rückläufig sind...", heißt es lapidar im Ablehnungsbescheid der Hamburger Sozialbehörde; nicht weil die angestrebte Integration erzielt wurde, die Zusammensetzung der Bevölkerung im Quartier sich geändert hat, man ein neues niedrigschwelliges, weniger institutionalisiertes Konzept verfolgen will... die zunehmende wirtschaftliche Unabhängigkeit der staatlichen Krankenhäuser, führt regelhaft zu pauschalen Massenentlassungen, um die finanziellen Folgen der Tariferhöhungen auf Kosten der Mitarbeiter und ihrer Patienten zu kompensieren...

2. Wer sich berufsethischen Grundlagen noch stärker verpflichtet fühlt, setzt das Klientel der Sozialen Arbeit mit ihren sozialen Bedarfen und Rechtsansprüchen auf ein menschenwürdiges Leben in den Mittelpunkt. Er sucht Schuld und Lösung der sozialen Probleme stärker in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und erwartet die staatliche Finanzierung sozialpädagogischer Hilfen; trotz leerer öffentlichen Kassen! Er weiß und skandalisiert, dass diese Kassen nicht in Folge von Naturereignissen leer sind, sondern auf Grund politischer Weichenstellungen, die Reichtum auf Kosten benachteiligter Menschen fördert. Deshalb seien die öffentlichen Kassen nicht auf der Ausgabenseite durch Sozialkürzungen zu entlasten, sondern auf der Einnahmenseite, indem der Staat seine besser situierten Mitglieder an ihre Solidarverpflichtung erinnert und diese sicherstellt... Soziale Arbeit ist dann erfolgreich, wenn sie allgemein zur Sicherung förderlicher Lebensbedingungen beiträgt und so die Probleme möglichst präventiv verhindert. Solange die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht entsprechend verändert sind, ist ein Zwischenerfolg dort zu suchen und zu finden, wo sozialer Probleme nicht unterdrückt, verschoben, verschleiert oder versteckt, sondern gelöst werden. Dies geschieht durch die Mobilisierung und Verinnerlichung von Ressourcen zur Lebensbewältigung; der Zwischenerfolg wird zum Erfolg, wenn er sich im Anschluss an den Hilfeprozess im Alltag -möglichst lebenslang- nachhaltig bewährt.

Diese beiden konträren Erfolgsvorstellungen lassen sich plakativ gegenüberstellen.

Grafik


1. Variante

Reichtum wird i.S. der Angebotspolitik idealisiert; sogar als dem Gemeinwohl dienlich eingeordnet.

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Reiche Menschen und Institutionen werden von ihrer sozialstaatlichen Verantwortung entbunden und steuerlich begünstigt.

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Die öffentlichen Haushalte geraten unter Druck.

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Die Parlamente bauen den Druck auf der Ausgabenseite ab. Es werden für verschiedene Ressorts Sparquoten festgelegt. Besonders getroffen ist regelhaft der Sozialbereich.

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Die Sozialverwaltung baut ihrerseits den finanziellen Druck ab, indem sie mit Hilfe der

Medien Anspruchsberechtigte stigmatisiert, Zugangsschwellen erhöht, Ansprüche senkt oder streicht...

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Den Trägern der Sozialen Arbeit werden die Mittel gekürzt; teils werden die Träger auch geschlossen.

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Die Träger müssen Personal reduzieren oder durch billigere, weniger qualifizierte Mitarbeiter ersetzen.

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Die Qualität der Arbeit nimmt ab, entweder kann allen Klienten weniger geholfen werden oder einigen mehr und anderen weniger oder es werden ‚schwere' Klienten abgewiesen.

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Verfassungsrechtlich bedenklich wird benachteiligten Menschen systematisch das Recht auf ein menschenwürdiges Leben streitig gemacht.

2. Variante

Der Klient hat einen Anspruch auf ein Leben, welches der Würde des Menschen nach §1 GG entspricht.

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Eine Sozialpädagogin einer sozialpädagogischen Institution erhält Kenntnis wenn der Anspruch nicht eingelöst wird.

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Im Einvernehmen mit dem Klienten wird der Anspruch mittels sozialpädagogischer Hilfe nachhaltig sichergestellt.

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Der Träger der Sozialen Arbeit gibt der Verwaltung (Soziales, Jugend, Justiz, Gesundheit...) Kenntnis über die geleistete Arbeit und lässt sich den Aufwand erstatten.

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Die Verwaltung lässt sich ihren Finanzbedarf in den Haushaltsverhandlungen der entsprechenden Parlamente genehmigen und auszahlen.

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Das Parlament sichert sich die nötigen Einnahmen durch seine Steuerhoheit.

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Nach dem Sozialstaats- bzw. Solidarprinzip werden besserverdienende Personen und Institutionen auch stärker zur Finanzierung des Sozialstaates herangezogen.

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Die Idealisierung von Reichtum wird beendet.


1. Die erste Variante erklärt die Situation der öffentlichen Finanzen zum Referenzpunkt Sozialer Arbeit; sie verfolgt letztendlich das Ziel, die jetzige Verteilung von Reichtum über Reduzierung sozialer Sicherungsstandards abzusichern.

2. Die zweite setzt als Referenzpunkt den verfassungsrechtlich fixierten Anspruch eines jeden Menschen auf ein Leben, unter menschenwürdige Bedingungen; sie verfolgt das Ziel, sozialrechtliche Ansprüche über eine Umverteilung des Reichtums von ‚oben' nach ‚unten' abzusichern.

Grundlage Sozialer Arbeit ist eigentlich die zweite Variante; nur sie kann sich fachlich und verfassungsrechtlich legitimieren. Allein aus didaktischen bzw. analytischen Gründen soll Evaluation ein eigenes Kapitel begründen und als vierte Phase in das Modell einordnen. Es ist Müller im Selbstverständnis auch dieses Buches zuzustimmen, dass jeder problematisierte potentiell förderliche bzw. hinderliche Aspekt, an jeder Stelle des Hilfeprozesses einer selbstkritischen Reflexion bedarf und dass

„es strenggenommen in diesem Kapitel nichts Neues mehr zu sagen gibt. Das ganze Buch soll ja Anregungen und Hilfsmittel liefern, um sozialpädagogische Praxis -insbesondere die von studierenden Anfängern- überprüfbar, der Selbstkontrolle zugänglich, also evaluierbar zu machen... Schon das bloße Erzählen, das Einfangen einer Situation in einer Fallgeschichte, das Aufschreiben und anderen zur Verfügung stellen, ist Evaluation, jedenfalls der erste Schritt dazu" (Müller 1994:126).

Zur Vorbereitung auf die weiteren Ausführungen seien wieder die Arbeitsregeln von Müller sowie einige ergänzende Aspekte aus Lexika vorangestellt:

Müllers (1994:126ff) Arbeitsregeln zur Evaluation:

1. „Evaluation heißt genaues und ehrliches Zugänglichmachen von empfindlichen Punkten.

2. Selbstevaluation hat Voraussetzungen: Man muss sie sich leisten können; in einem Klima, in dem Angst und wechselseitige Bedrohung herrschen, ist Selbstevaluation unmöglich. Sie muss freiwillig sein und kann nicht erzwungen werden. Sie muss davor geschützt sein, missbraucht zu werden. Sie erfordert Zivilcourage.

3. Evaluation heißt herstellen von Rahmenbedingungen, die Offenheit und ungeschützte Sachkritik ermöglichen.

4. Evaluation wird leichter, wenn man dafür verfügbare und einfach zu handhabende Instrumente der Dokumentation und Praxisforschung nutzt.

5. Sozialpädagogische Evaluation braucht Kriterien der Wirksamkeit, ethische Maßstäbe für den Umgang mit Adressaten und Maßstäbe für die Realitätsprüfung ihrer Ziele. Diese Kriterien dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

6. Evaluation als Teil kasuistischer Arbeit ist primär Selbstevaluation; sie muss sich aber der Grenze ihrer Möglichkeiten und notwendiger Korrektive durch Evaluation ‚von oben', ‚von unten' und ‚von außen'" bewusst sein.

Fachlexikon der Sozialen Arbeit (Deutscher Verein 1980)

7. Evaluation heißt, Auswertung, Bewährungs-, Wirkungs- und Erfolgskontrolle von Verfahren, Programmen und Maßnahmen.

8. Dimensionen der Evaluation sind Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Prozesse, Verlauf, Ergebnisse und Auswirkungen.

9. Evaluation als formative Evaluation findet begleitend als Prozessanalyse statt; sie kann optimierende Modifikationen noch während längerer Maßnahmen einleiten. Als Produktanalyse i.S. einer summativen Evaluation wird das Ergebnis am Ende der Maßnahme geprüft. Erkenntnisse fließen dann in die Konzeptionierung einer nächsten Maßnahme.

10. Evaluation kann unterschiedlichen Zielen und Interessen z.B. kritischen und emanzipatorischen ebenso wie affirmativen und legitimatorischen dienen und hat infolgedessen im Interessenantagonismus immer auch eine politische Dimension.

Wörterbuch Soziale Arbeit (Kreft&Mielenz 1996):

11. Evaluation liefert eine Einschätzung über den Wert und die Eignung der Sozialen Arbeit, der Institution, sowie der ausgesuchten Methoden und Handlungsstrategien unter einer bestimmten sozialen Problematik. Damit sollen die Arbeit legitimiert und Ansatzpunkte zur Optimierung herausgearbeitet werden.

12. „Zur Evaluation werden traditionell Methoden der empirischen Sozialforschung herangezogen. Aber auch Mitarbeiterbesprechungen, Fallbesprechungen, Klientenbefragungen können flankierend zu einer oder im Anschluss an eine Maßnahme die o.g. Ziele verfolgen."

13. Evaluation kann als Selbstevaluation von den Mitarbeitern und Trägern der Sozialen Arbeit durchgeführt werden oder als externe Evaluation durch Institutionen der Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften.

Jede Reflexion, egal ob mit Klienten oder Kollegen, im Familien- oder Bekanntenkreis, während oder zum Ende des Hilfeprozesses und zu allen Aspekten der Hilfe, kann als Evaluation betrachtet werden, wenn sie dem Zwecke dient, die Soziale Arbeit zum Wohle des Klienten zu optimieren. Um besser verorten zu können, wo Evaluation stattfindet und um zu verdeutlichen, dass Evaluation nicht erst nach Beendigung der Intervention stattfindet, soll der gesamte Hilfeprozess noch einmal graphisch veranschaulicht und mit Zeitpunkten markiert werden:





Evaluation zu den verschiedenen Zeitpunkten des Hilfeprozesses trägt nicht nur dazu bei, die Arbeit am vorliegenden Falle für die restliche Zeit zu optimieren, sie helfen v.a., die evaluierten Aspekte oder Phasen der Arbeit in späteren Fällen besser bewältigen zu können. Unreflektierter Ritualismus verhindert, aus unserer Arbeit zu lernen; aus Fehlern und Erfolgen. Diese Lernerfolge finden wir nicht nur im Laufe der Hilfeprozesse, sondern auch in der Rekonstruktion der Lebenswelten und Biografien unserer Klienten zum Zeitpunkt t=-1, bevor sie zu uns gekommen sind, sowie zum Zeitpunkt t=n, wenn sie uns wieder verlassen haben und zeigen sollen, was wir ihnen vermitteln konnten.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Evaluation zum Zeitpunkt t=0; vor dem Erstkontakt:

Wir hatten oben gesehen, dass der Hilfeprozess eigentlich schon beginnt, ehe wir den Klienten das erste mal gesehen haben. Dieser Zeitraum vor Beginn des eigentlichen Hilfeprozesses -t=-1 benannt- sollte zur Vorbereitung des Erstkontaktes immer wieder reflektiert werden; schon zu diesem frühen Zeitpunkt macht es Sinn, von Evaluation zu sprechen, selbst wenn man sich in der reflektierenden Vorbereitung auf den Erstkontakt allein auf Theorie und Berufserfahrung beziehen kann; man also quasi von ‚virtueller Evaluation' sprechen muss. Nach dem Erstkontakt und im Laufe des Hilfeprozesses wird die Evaluation real und konkret.



Einige Fragen zur Erfolgskontrolle zu diesem frühen Zeitpunkt will ich kurz skizzieren:

  • Haben wir uns grundsätzlich angemessen auf das Berufs- und Arbeitfeld vorbereitet? Haben wir uns vor bsp. rechtlichen und administrativen Themen immer gedrückt und sollten diese doch noch mal vertiefen?
  • Können wir unsere Helfermotivationen kritisch reflektieren und im Hilfeprozess eventuell störende Effekte steuern? Neigen wir dazu, bsp. aus Einsamkeit zu unseren Klienten emotional ein zu enges Verhältnis aufzubauen oder uns an sie zu klammern?
  • Sind wir offen für die Interpretationen unserer Klienten, selbst wenn sie unseren widersprechen?
  • Erreichen wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit unser Klientel? Hat unser Flyer zu viel Text? Sollten wir lieber direkt in den Schulunterricht gehen, als nur Plakate ans schwarze Brett zu hängen?...
  • Welche Schwellen im Zugang zu uns können abgebaut werden? Ist es sinnvoll, Termine nur telefonisch zu vereinbaren? Schreckt der Eingangsbereich ab? Ist es dunkel? Wie wirkt die schwere Stahltür? Blätter die Farbe ab und stört das jemanden? War die Farbe eh zu kalt?...
  • Wie richte ich mein Büro für Erstgespräche her? Brauche ich eine separate Sitzecke? Sollte ich das Telefon während der Erstgespräche abstellen?
  • Kann ich trotz gutachterlicher Vorinformationen meine Objektivität bewahren? Oder merke ich, dass ich Angst vor Gabi habe wegen dem Mord oder weil es laut Aktenlage schon aussichtslos erscheint?
  • (...)

[Bearbeiten] Evaluation zum Zeitpunkt t=1; nach der Anamnese:

[Bearbeiten]Zum Zeit t=1 kann man den Erfolg von Erstkontakt und Anamnese bewerten. Es geht darum, den Status der Fremdheit möglichst schnell gegen ein vertrauensvolles fruchtbares Arbeitsverhältnis zu tauschen. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, ob man sich gegenseitig versteht bzw. verständlich machen kann. Da man aus unterschiedlichen (sub-) kulturellen Kontexten kommt, gelingt dies nicht immer: Es bedarf unsererseits einer enormen Transferleistung dem Rechnung zu tragen, dass sich beide Seiten verbal wie nonverbal gewöhnlich in unterschiedlicher Art und Weise ausdrücken. Dies bezieht sich nicht nur auf Inhalte, sondern insbesondere auch auf emotionale Befindlichkeiten die einander vermittelt werden müssen. Nehmen wir nicht wahr, wenn sich Gabi von uns überfordert und gestresst fühlt, sich vor uns fürchtet und schämt... und sind stattdessen aber überzeugt von einer offenen, ehrlichen, warmherzigen, herrschafts- und repressionsfreien Arbeitsatmosphäre..., sind Komplikationen im Hilfeprozess logisch. Unsere Sorge und Anteilnahme an Gabis Leben, wird in Folge ihrer Erfahrung mit anderen Pädagogen vielleicht als soziale Kontrolle missverstanden und löste so -von uns nicht intendiert- Panik aus... Solche Kommunikationsprobleme können die Zusammenarbeit bis zum Schluss belasten und beidseitig Energien absorbieren, die zur Zielerreichung unentbehrlich sind. Manchmal werden die Missverständnisse dem Sozialpädagogen erst im Abschiedsgespräch bewusst und schlagen sich dann in der abschließenden Evaluation verheerend nieder. Eine sensiblere begleitende Evaluation hätte ggf. schon zum Zeitpunkt t=1 eine Kurskorrektur ermöglicht. Um die Wahrscheinlichkeit für Irritationen in der Kommunikation zu vermeiden, sollte man sich besonders empathisch und selbstreflexiv der ersten Sekunde widmen, bevor zwischen den sich fremden Menschen das erste Wort gefallen ist. Da wir regelhaft die ersten begrüßenden Worte sprechen, müssen wir unmittelbar ein erstes Spontanurteil über den Menschen, der vor uns steht, treffen. Gelten solche Spontanurteile allgemein als voreilig und damit als wenig populär, sind sie in unserem beruflichen Kontext in dieser Situation unerlässlich. Als Anhaltspunkte haben wir neben der äußeren Erscheinung zunächst nur unser Vorwissen über bestimmte Regelmäßigkeiten bzgl. des Selbstwertes von Menschen die meinen, allein ihr Leben nicht mehr bewältigen zu können (Scham, Schüchternheit, Gefühle von Ausgrenzung, Ohnmacht oder Angst...),
  • des eigenen Arbeitsfeldes bzw. der eigenen Programmatik, die nur bestimmte Zielgruppen mit bestimmten Problemen anspricht (Suchtberatung, Freizeitangebote, Hilfen für Angehörige in der Sterbebegleitung...),
  • von Wegen, Umwegen oder Schwellen bzw. Institutionen, die der Klient hat beschreiten oder überwinden müssen, um zu uns zu kommen (Strafanzeige, -verfahren, -verurteilung, Eltern, Hausärzte, Psychologe, Psychiatrie, Frau Müller vom Jugendamt, Klassenlehrer...)
  • der Motivationen, die zu uns führen (Alkoholentzug, Erziehungsunterstützung, Schuldenberatung, Langweile, Einsamkeit...),
  • der allgemeinen Ressourcenlage, speziell der finanziellen Situation, von Klienten,
  • (...)




Von der konkreten Persönlichkeit wissen wir zunächst nur sehr wenig:

  • Wir wissen ob der Klient allein gekommen ist.
  • Anhaltpunkte über das Maß der Freiwilligkeit können wir ggf. erhalten, wenn er ein Formular der Justizbehörde in der Hand hat; von Eltern oder gar Polizei mit mehr oder weniger körperlichen Einsatz gebracht wird.
  • Vielleicht lässt sich erkennen, ob er mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß gekommen ist.
  • Das Alter, Geschlecht ist wahrscheinlich erkennbar, ebenso einige Formen von Behinderung.
  • Der Blick, die Haltung des Körpers oder der Hände, vielleicht auch der Gang können Anhaltspunkte bieten.
  • Die Kleidung und Frisur sind sichtbar.
  • Körpergeruch, äußerliche Verletzung, grober Gesundheitszustand und Intensität der Körperpflege sind wahrnehmbar.
  • (...)

Selbst das Vorwissen aus ggf. vorgeschickten Akten kann keine Garantie für eine angemessene Begrüßung bieten, sind gutachterliche Stellungnahmen bezogen auf die individuelle Komplexität eines jeden Menschen doch sehr abstrakt und können v.a. keinen Hinweis auf die momentane Lebenslage und Tagesform geben. Wir bleiben darauf angewiesen, aus allen vagen Anhaltpunkten in Bruchteilen einer Sekunde ein Vorurteil zu treffen, das über die ersten Unsicherheiten hinweg hilft. Dies Vorurteil gilt es, immer Gespräch sofort objektiven Kriterien zu unterwerfen und der Realität anzupassen! Es darf keinen Bestand behalten, sondern als Hilfskonstruktion allein ein erstes strukturelles Dilemma zu überwinden helfen. Es soll nur indirekt helfen, am Anfang unnötige Fehler zu vermeiden; folgenschwere Entscheidungen über Hilfestrategien werden noch nicht verlangt, weil verfrüht. Wenn also jemand mit gesenktem Blick und etwas im Körper gebeugt vor uns steht, werden wir ihn natürlich nicht gleich in den Arm nehmen, ihm sofort versichern, dass er ja furchtbar aussehen würde. Zuerst mit lauter überschlagender Stimme zu fragen, ‚Oh Gott was haben sie denn mit ihnen gemacht' und dann fast weinerlich-zart anzuschließen, ‚dass man sich vorstellen kann, wie schwer das ist' und dabei die Hand streichelt... Mit Witzen werden wir uns solange zurückhalten, bis wir uns sicher sein können, ob und wann der Klienten welche Form von Witz und Ironie versteht, erträgt und sich aufheitern lässt. Selbst bei Punkern hält sich der Sozialpädagoge im Erstkontakt mit dem später fast obligatorischen Schlag auf die Schulter zurück, nur wenige Arbeitsbereiche erfordern schon zu Beginn, dynamischen Schrittes, grinsend, mit singender Stimme ‚einen wunderschönen Tag' zu wünschen: ‚Ach was für ein herrliches Wetter - da kann man doch eigentlich gar keine Probleme haben. HaHa. Da sollten doch alle Probleme schon verflogen sein. HiHi. Also wo drückt uns denn der Schuh? Ich bin der Nils. Wir sagen doch ‚Du' - oder? Es kann ja nur noch wieder bergauf gehen...'

Wir merken intuitiv, wann es besser ist, den Mund zu halten, das Radio abzustellen oder zumindest nicht im Takt mit zu wippen und welche körperliche Distanz beim ersten Treffen angemessen ist... Wir wollen und müssen nicht sofort 100%ig treffsicher die Krisenintervention einleiten, sondern erst mal nur eine angemessen Form zum Kennenlernen finden. Man macht nie etwas verkehrt, einen Sitzplatz oder Getränke anzubieten; ist man nicht allein im Büro, sollte man ein Verfahren festgelegt haben, wie bei Bedarf die Kollegin unspektakulär zum Gehen aufgefordert wird. Man macht das Radio aus, leitet Telefongespräche um, bewegt sich und redet ohne übertriebene Hast, gibt den Klienten Zeit, sich besser mit der neuen Umgebung vertraut machen zu können... Wir verstellen unsere Stimme nicht!

Auch für den Zeitpunkt t=1 will ich einige Fragen aufwerfen, welche eine Evaluation bsp. strukturieren könnten:

  • Schaffen wir es, unvoreingenommen auf unsere Klienten zuzugehen auch wenn sie uns verängstigen (wegen der Körpergröße oder einer Aktennotiz über Aids bzw. Tötungsdelikt) uns verärgern (wegen Unpünktlichkeit bei telefonisch vereinbartem Erstgespräch oder schwer zu ertragender Körpergeruch) oder verunsichern (wegen Vermeidung von Blickkontakt, schwerer Atmung, scheinbar grundlosen starken und häufigen Lachens)? Sollten wir lieber versuchen, unsere Eindrücke zu unterdrücken oder zu verbalisieren? Können wir unsere Antipathien unterdrücken, wie wirkt es sich aus, wenn dies nur unvollständig gelingt?
  • Wie sieht es mit der Treffsicherheit aus, eine angemessene Begrüßungsform zu finden? Inwiefern stört es ältere und/oder konservativere Menschen, wenn wir ihnen nicht die Hand geben; oder gelten wir dann im Gegensatz bei jugendlichen Clubbesuchern als blöde Spießer? Ist es für die weitere Arbeit hinderlich oder förderlich, wenn wir die patriarchalen Begrüßungsrituale der Jugendlichen erwidern? Ist es erstrebenswert ein cooler Kumpel zu sein? Oder verspielen wir damit unserer Glaubwürdigkeit?
  • Können wir durch das ‚Du' die Arbeitsgrundlage vertrauensvoller und damit fruchtbarer gestalten oder verspielen wir und bei wem und warum nötigen Respekt? Wie wichtig ist Respekt für die Erfolgswahrscheinlichkeit der Zusammenarbeit?
  • Wie verhalten sich Nutzen und Schaden zueinander, wenn wir uns während des Erstgespräches in Anwesenheit des Klienten in den Akten Notizen machen oder Informationen gleich in den Computer geben? Es stört die Atmosphäre ist unter zeitlichen Gesichtspunkten aber oft sinnvoll. Ist es besser, wenn wir uns zu Beginn die Zustimmung einholen? Würden sie denn ehrlich sagen, wenn es sie stört? Können wir die Akte der Klienten im Gespräch auf dem Tisch liegen lassen oder irritiert es, zu sehen, dass und wie viel Informationen über sie schon gesammelt wurden, auf die ich nun Zugriff habe?
  • Wie wichtig ist es, Blickkontakt herzustellen? Ist es ein Zeichen für Misstrauen? Können wir überhaupt verwertbare Informationen erhalten und später die Intervention beginnen, ehe geklärt ist, inwieweit der Blickkontakt des Klienten mit Vertrauen korreliert? Vielleicht sollte man auch mal Situation suchen, wo man sich ohne verunsichernden Blickkontakt unterhält (Kanu, Auto, nebeneinander am Strand mit Blick aufs Meer...). Schon Kekse und Blumen auf dem Tisch können eine entspannende Ablenkung bieten, weil der Blick irgendwo ein Ziel findet...
  • (...)

[Bearbeiten] Evaluation zum Zeitpunkt t=2; nach der Diagnose:

Wie zu allen anderen Zeitpunkten auch, muss man sich zum Zeitpunkt t=2 der Evaluationenergebnisse früherer Zeitpunkte vergewissern. Neben eventuell wiederholten Fragen zum Verlauf und Ergebnis der Anamnese, sowie zur Vorgeschichte von Klientel und Sozialarbeiter, stehen nun Fragen zur Diagnose im Mittelpunkt der begleitenden Evaluation. An dieser Stelle sollte spätestens sichergestellt sein, dass alle Probleme, Ressourcen und Akteure erfasst sind. Denn in der Diagnose sollten sie nun geordnet werden, um eine verlässliche Grundlage für die Wahl von Methoden, Zielen, Zwischenzielen, Reihenfolge der Ziele, Schrittgröße und -frequenz... zu bieten. Die Diagnose stellt die Weichen für den Erfolg der anschließenden Intervention. Ob diese Ordnung geklappt hat, gilt es nun zu evaluieren. Eine Diagnose war dann erfolgreich, wenn zwischen beiden Seiten in einem Kontrakt über die Analyse der Problementstehung und die Planung der Problemlösung Einvernehmen erzielt wurde. Während existenzielle Probleme (Wohnen, Essen, Kleidung...) kaum Anlass für Differenzen boten und zu diesem Zeitpunkt schon gelöst sein sollten, gibt es für die weiteren Schritte verschiedene Ordnungsprinzipien. Die Frage nach der Richtigkeit dieser Prinzipien steht nicht im Vordergrund, sondern eben die nach Klärung der Einvernehmlichkeit mit dem Klienten; es ist nicht wichtig, wie die Zusammenarbeit strukturiert ist, sondern dass sie es ist! Mag auch Übereinstimmung bzgl. des Zieles bestehen, können die Vorstellungen über Wege, Umwege und Etappenziele doch weit auseinandergehen. So lange hier die Klärung fehlt, werden sich Sozialpädagogen und Klienten an jedem späteren Punkt der Zusammenarbeit gegenseitig blockieren. Bei Gabi galt es bsp. ihren Freundeskreis quantitativ wie qualitativ auszuweiten, sowohl ihr Selbstbewusstsein als auch ihre Selbstständigkeit zu fördern, die finanzielle Situation zu verbessern, ihre Freizeit befriedigender zu gestalten, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, Arbeit zu finden, die physische und psychische Gesundheit zu stabilisieren und die Drogenfreiheit herzustellen... Jeder einzelne Punkt ist zweifellos wichtig und stellt -im Falle der Bewältigung- einen großen Schritt im Hinblick auf eine eigenständige erfolgreiche Lebensbewältigung dar. Oben wurde bsp. angerissen, wie Blockaden entstehen können, wenn sich der Sozialpädagoge verrennt in die Idee, gleichzeitig soziale Kontakte und befriedigende Freizeitbeschäftigung herzustellen während das Etappenziel ‚Förderung von Selbstbewusstsein' hätte vorgezogen werden müssen. Gleichzeitig hatte Gabi ihrem Wunsch nach Erwerbsarbeit eine Priorität zuerkannt, welche der Sozialarbeiter eigentlich nicht teilen wollte, dann aber doch aufgegriffen und eine konsensfähige Kompromisslinie vorgeschlagen hat. Der klassische Konflikt im Arbeitsfeld Drogenhilfe ist jedoch die konträre Gewichtung des Ziels der Drogenfreiheit.



Viele Träger stellen die Drogenfreiheit als Vorbedingung, um überhaupt erst mit der sozialpädagogischen Hilfe zu beginnen. Diese Bedingung stellt oft eine derart große Hürde dar, dass der Hilfeprozess gar nicht erst beginnt. In der Substitution wird die Drogenfreiheit in den Hintergrund gedrängt; der Konsum von Ersatz-Opiaten wird legalisiert und medizinisch kontrolliert sogar ermöglicht. Dadurch wird unmittelbar schon die gesundheitliche Situation stabilisiert und die finanzielle wesentlich verbessert. Danach werden alle eben skizzierten Etappenziele in beliebiger Reihenfolge verfolgt, bevor der Drogenkonsums an sich problematisiert wird. Nach dieser Philosophie kommen Klient und Helfer viel leichter zusammen, entwickeln eine entspannteres und vertrauensvolleres Arbeitsklima, reaktivieren erst wieder Lebensqualität und -freude, um sich danach auf dieser Grundlage gemeinsam der größeren Herausforderung zu widmen; letztendlich auch mit der Hoffnung, dass sich das Drogenproblem allein schon dadurch reduziert hat, dass die Lebensqualität gestiegen ist und das Leben wieder mehr Spaß macht... Neben einer solchen ideologischen Festlegung -die der Klient i.d.R. schon vor dem Erstkontakt kennt- und der Lösung der existenziellen Probleme, über die (fast) immer Einigkeit besteht, können u.a. folgende Ordnungskriterien eine Rolle spielen:

  • Ordnung nach der objektiven existenziellen Bedeutung (Essen, Wohnen),
  • Ordnung nach der subjektiven Dringlichkeit (Gabis Wunsch nach Erwerbsarbeit),
  • Ordnung nach den strategischen Ideen des Sozialpädagogen (Erst mal Lebensqualität zurückgewinnen und das Selbstbewusstsein in der Freizeit stärken),
  • Ordnung nach schon bestehender Ressourcenstärke und schneller Mobilisierbarkeit der fehlenden Ressourcen beim Klienten, in seinem sozialen Umfeld oder im sozialgesetzlichen Hilfeangebot; hier geht es darum, möglichst schnell kleine Erfolge zu erarbeiten, um v.a. auch die Motivation zu steigern. (Klienten beim Sozialamt anmelden, dort einen Termin vereinbaren und den Klienten ermuntern selbst dort hinzu gehen und dadurch ‚selbst sein Geld zu verdienen', die Bewilligung von Gabis Hund war relativ schnell und einfach, wenn jemand eine neue Wohnung erhalten hat sollten seine handwerklichen Kompetenzen (re-) aktiviert werden, fehlende vielleicht durch den Klienten Schulze, der mal Maler war, ergänzt. So gewinnen beide ohne großen Aufwand zugleich einen Freund, Lebensqualität und Selbstbewusstsein...,
  • Ordnung nach der Reihenfolge, wie die sozialen Probleme verursacht wurden. Erst das Verhältnis zu den Eltern reflektieren, klären und aufarbeiten, danach die traumatischen Erlebnisse in der Bundeswehr und dann die Aggressionen gegenüber der Lebenspartnerin,
  • Ordnung nach Methoden (zu erst die Probleme, die Einzelfall-, dann jene, die Gruppenarbeit erfordern),
  • Ordnung nach der Intensität, mit der der Klient seine Probleme geschildert hat (Erst über den Beruf reden, dann Hobbys suchen, sammeln und fördern und zum Schluss über Probleme mit der Sexualität reden...),
  • (...)

Auch hier geht es darum, ob die oben skizzierten Aspekte der jeweiligen Phase -hier also der Diagnose- angemessen berücksichtigt wurden oder wie man sie hätte besser berücksichtigen können. Zur Evaluation der Diagnose lassen sich div. Fragen formulieren:

[Bearbeiten] Inhalt:

Haben wir zusammen mit dem Klienten eine Ordnung der o.g. Aspekte gefunden? Ist daraus ein grobes Lösungskonzept entstanden? Ist darüber Einvernehmen hergestellt worden? Ist die Identifikation des Klienten mit diesem Konzept gesichert; d.h. ist die Identifikation groß genug, um möglichst lange gemeinsam an einem Strang ziehen zu können? Das heißt nicht, dass der Klient ggf. in Folge eines übersteigerten Harmoniebedürfnisses den Vorschlägen des Sozialpädagogen zustimmt. Es soll ein gemeinsames Projekt entwickelt werden, das beide Seiten eingehend reflektiert haben und ihnen in hohem Maße Identifikation abverlangt. Wir sind i.d.S. von Beginn an gehalten, die Interpretationen unserer Klienten zu allen relevanten Punkten des Hilfeprozesses heraus zu arbeiten. ‚Arbeiten' bedeutet i.d.Z., die Interpretation nicht nur kurz abzufragen, sondern sie möglichst von den Klienten selber entwickeln zu lassen und ihn dabei zu unterstützen. Schließlich geht es darum, dass v.a. er die Zusammenhänge seiner Probleme versteht und grundsätzlich lernt, eigene Lösungen zu suchen, zu finden und erfolgreich umzusetzen. Wir versuchen daher, uns v.a. in der Anfangsphase möglichst im Hintergrund zu halten:

  • Wir vermeiden zunächst eigene Interpretationen,
  • wir stellen mehr Fragen, als dass wir Antworten geben,
  • wir erforschen die Problemsicht unseres Klientels,
  • wir moderieren ihre Ausführungen statt sie zu lenken,
  • wir gestalten eine fruchtbare Arbeitsatmosphäre. (gemütliche Sitzecke, Getränke, mal ein Kinobesuch; auch als Nichtraucher sollten wir uns überlegen, ob wir dem Klienten zur Beruhigung und Förderung der Selbstexploration, die Zigarette gestatten sollten...),
  • (...)

Je freier der Klient seine Sicht auf Probleme, Ursachen, Akteure, Ressourcen, Ziele, Ängste, Lösungsideen... schildert, desto leichter können wir auch eine Einigung herstellen, die im Klienten seine breite Zustimmung findet. Wenn wir unsere Interpretation mit Druck in den Vordergrund stellen, verschwimmt die Klientenperspektive. Sie wird derart mit unserer Sicht vermischt, dass wir im Kontrakt kaum noch zwischen den unterschiedlichen Perspektiven trennen und die Qualität der Übereinkünfte einschätzen können: Welche Aussagen der Klienten dokumentieren wirklich seine eigene Sicht, welche zeigen mir nur, was ich hören wollte? Es scheint sinnvoll, während der Anamnese und Diagnose zunächst nach meiner und nach seiner Sicht zu unterscheiden und beide Sichtweisen erst später zusammen zu führen. Die Klientensicht erschließen wir

  • aus der Reihenfolge der Stellungnahmen des Klienten zu einzelnen Problemaspekten.
  • aus Aspekten, die erst später zur Vervollständigung selber benannt wurden.
  • aus jenen die ganz vergessen wurden.
  • aus der Intensität wie sie vorgetragen werden.
  • aus der Form, wie sie langsam in abgehackten Sätzen, oder im Redeschwall monologisiert, vorgetragen werden.
  • aus den Affekten (Wut, Trauer, Angst...) welche die Schilderung einzelner Aspekte begleiteten oder welche bestimmten Personen zugeordnet wurden.
  • aus Variationen von Blickkontakt, Körperhaltung und -bewegungen, sowie dem Spiel der Hände.
  • (...),

können wir die subjektive Ordnung der Dinge aus Sicht des Klienten rekonstruieren und Ansatzpunkte finden für unseren Versuch einer ‚objektiven Ordnung'. Wir unterbrechen bzw. stören die Ausführungen nicht durch Nachfragen. Weder: ‚Deine Wut auf deine Mutter ist unverhältnismäßig, weil...' und erst recht nicht: ‚Du würdest mir doch sicher nicht wiedersprechen wollen, wenn ich nach intensiver fachlicher Analyse deiner Ausführungen in meiner Expertise feststelle, dass du deine Mitschüler nur verhaust um deine verbale Retardierung zu kompensieren...' Solange die Schilderungen nicht stocken,<ref>‚Stocken’ bzgl. der -für den Klienten!- normalen Redegeschwindigkeit und Zeitdimension </ref> signalisieren wir Interesse und Konzentration allenfalls mal durch ein ‚Hm'. Am Ende der Gespräche kann man klären, was man nicht genau verstanden hat, was genauer ausgeführt werden sollte, was der Klient mit der Erhöhung der Lautstärke zum Ausdruck bringen wollte...





Kommen die Ausführungen ins Stocken, versuchen wir zunächst nur, den Fluss wieder in Gang zu bringen: ‚Fällt dir vielleicht noch etwas ein?' ‚Willst du noch mal nachdenken, ob du was vergessen hast, während ich Kaffee koche, zur Toilette geh oder Kuchen hole.' ‚Cool! Wir hätten zwar noch etwas Zeit, aber lass uns jetzt man mal lieber ein Eis essen gehen. Schau doch mal, ob dir bis nächste Woche noch was einfällt. Notiere es dir doch einfach in deinen ‚Akten', damit du es nicht vergisst.' (Ein kleines schickes Notizheft wird überreicht) ‚Ich hab schon deinen Namen draufgeschrieben. Da kannst du auch mal was mitschreiben oder dir Notizen machen; ist ja komisch, wenn immer nur ich das mache; gerne auch, wenn du dich über mich ärgerst; darüber können wir ruhig reden; solltest du mir immer sagen, dann werden wir jeweils ne Lösung finden. Also wenn dir bis nächste Woche noch was einfällt, notiere es dir bitte und dann kannst es nächste Woche erzählen, sonst hab ich noch ein paar Nachfragen. Ich möchte sicherstellen, dass ich möglichst wenig falsch verstehe...<ref>Für die Arbeitsatmosphäre ist es besser, Fehler nicht immer dem Klienten zuzuschieben: Nicht er drückt sich falsch aus, sondern ich verstehe vielleicht falsch.</ref> Wenn jeweils auf Nachfrage keine Ergänzungen mehr kommen, können wir langsam eine zunehmend aktivere Rolle übernehmen. Wir können beim nächsten Treffen möglichst breite Themenbereiche allgemein abstecken und offen Fragen zu dem stellen, was einem selbst zu den Themen der letzten Woche noch eingefallen ist. Man kann nun fehlende wichtige Informationen und beim Klienten Ideen zur Verursachung, Analyse und Lösungen seiner Probleme einholen: ‚Viele Leute die sonst hierher kommen haben Probleme im Bereich Wohnen (oder Finanzen, Bildung, Familie, Gesundheit...). Wir haben bisher über andere Sachen gesprochen; fällt dir aber vielleicht zu den Bereichen etwas ein, wo die anderen Probleme haben?' Erste Thesen über Zusammenhänge werden vorsichtig zur Diskussion gestellt: ‚Wann hast du mit dem Trinken angefangen; ist vielleicht irgendetwas Wichtiges zu diesem Zeitpunkt in deinem Leben passiert?' ‚Darüber, das es blödsinnig ist, Bomberjacken zu klauen haben wir ja schon geredet. Haben wir uns darauf auch geeinigt? Mir fallen nur zwei Gründe ein, warum man es trotzdem macht; entweder findet man die Jacke cool oder man will ihren Besitzer ärgern; warum auch immer... Kannst du mir vielleicht erklären, was dich bewegt hat; will's einfach erst einmal nur verstehen...'

Sind entlang der vier zentralen Ressourcen-Dimensionen zur Lebensbewältigung die relevanten Informationen gesammelt, bzgl. von Stärken und Defiziten, sowie ihrer Bedeutung für die Verursachung und Lösung der Probleme, werden die Nachfragen konkreter: ‚Warum hast du schon zwei mal eine Ausbildung angefangen und wieder abgebrochen?'<ref>Wollen wir wissen, ob Klienten faul sind, fragen wir diplomatischer ob sie Probleme haben, morgens früh aufzustehen, der Chef immer wollte, dass sie schneller arbeiten, sie im Sommer ständig dran dachten an den See zu fahren und dies ggf. sogar getan haben und im Winter vielleicht häufig an das warme Bett denken... Wir wollen dann auch wissen, wie sie sich bei der Kritik des Chefs gefühlt haben und wie sie darauf reagiert haben...</ref>

Zum Ende der Diagnose fassen wir die Klientensicht (ggf. grafisch) zusammen: Die Ordnung wird zunächst so dargestellt, wie wir den Klienten verstanden haben; noch ohne eigene Wertungen und logische bzw. kausale Verknüpfungen. Wir geben ihm zunächst die Gelegenheit, einzelne Teile zu korrigieren oder zu ergänzen. Erst dann versuchen wir gemeinsam im Gespräch Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, sowie Lösungsideen zu reflektieren und (graphisch) in die Ordnung einzuarbeiten. Auch an dieser Stelle wird es Sinn machen, den nächsten Schritt nicht sofort einzuleiten, sondern sich und dem Klienten als ‚Hausaufgabe' bis zum nächsten Treffen die Frage zu stellen, was vielleicht noch zu verändern oder ergänzen wäre. Haben wir die Ordnung graphisch dokumentiert, könnten wir dem Klienten als Gedächnisstütze und Hilfe eine Kopie oder ein Polaroidfoto mitgeben. Für den Fall, dass der Klient keine Veränderungen mehr vornehmen will, ergänzen wir ausgehend von seiner Ordnung unsere davon abweichenden Ideen. Diese sind allein thesenhaft vorzubringen, eher mit Bleistift in den Plan einzutragen und ggf. auch mit einem Fragezeichen zu versehen. Wir haben keinen Anlass besserwisserisch aufzutreten; so groß die Probleme des Klienten auch sein mögen und wie überragend wir die eigene empathische Kompetenz auch einschätzen mögen, letztendlich kennt sich der Klient selbst immer besser, als wir es jemals schaffen werden! Das könnte man ihm ruhig auch mal ehrlich sagen... Es muss der Eindruck von Fremdbestimmung vermieden und unserer Hilfe der Charakter von Anregungen verliehen werden. Wir wollen unsere Ideen nicht durchsetzen, sondern mit ihnen allein anregen, eigene Vorstellungen zu finden und selbstkritisch zu überdenken. Je größer die Anteile des Klienten in dem gemeinsam Hilfeplan sind, desto größer werden Motivation und Identifikation des Klienten mit ihm sein und desto fruchtbarer auch die Zusammenarbeit. Nachdem wir unsere Änderungs- und Ergänzungsvorschläge begründet und besprochen haben, können wir das Fragezeichen dort ausradieren, wo Einigung erzielt wurde; wo keine Einigung gefunden wurde, können wir fragen, ob wir es in Klammern setzen und später ggf. noch mal darauf zurückkommen dürfen. Haben wir dann ein gemeinsames Konzept gefunden (bzw. aufs Papier gebracht), sollten wir unsere Phantasie spielen lassen, eine angemessene Form zu finden, das Zwischenergebnis festzuhalten. Von Person und Problem des Klienten sowie der Situation hängt ab; ob man das Konzept an die Wand hängt und ob man (spielerisch) bei jedem Zwischenerfolg jeweils einzelne Punkte durchstreichen will; es kann motivieren aber auch destruktiven Stress verursachen...

[Bearbeiten] Effizienz:

Auch die begleitende Selbstevaluation versucht, die ökonomische Effizienz zu steigern. Kriterien sind auf der einen Seite der Aufwand an Geld, Personal, Sachmittel und v.a. an Zeit; auf der anderen Seite die sozialpädagogischen Erfolge bezogen auf die einzelnen Phasen des Hilfeprozesses und besonders den Prognosen zur Nachhaltigkeit. Heute, wo die Evaluation zunehmend ‚von oben' nach ökonomischen Gesichtspunkten durchgeführt wird und externe Evaluation fachfremder Forschungsinstitute die Selbstevaluation dominieren, ersetzen ökonomische Erfolgskriterien zunehmend auch die fachlichen Kriterien der Selbstevaluation. Die Träger waren bisher bestrebt, die (ökonomischen) ‚Gewinne' ihrer Selbstevaluation innerhalb der Institution nach fachlichen Gesichtspunkten neu zu investieren; die externe Evaluation ist (fast) regelhaft bestrebt, unabhängig von der pädagogischen Sinnhaftigkeit möglichst viel Geld einzusparen. Diesem Drängen nach Kostenersparnis dürfen wir bereitwillig nur Folge leisten, wenn die Nachhaltigkeit unserer Arbeit nicht leidet. Nichtsdestotrotz stellen auch wir uns zum Zeitpunkt t=2 Fragen nach der Effizienz der Diagnose: Hätte man dieses Ergebnis auch schneller, besser und mit geringerem Aufwand herstellen können? Woran hat es gelegen, dass dies nicht realisiert wurde? Was muss verändert werden, um diesen Fall und spätere Fälle besser zum erfolgreichen Abschluss zu führen? Wie können schon zu diesem frühen Zeitpunkt falsche Weichenstellungen zur Effizienzsicherung der anschließenden Intervention erkannt und verhindert werden? Dabei müssen viele Aspekte gegeneinander abgewogen werden:

  • Ist die abschließende Übereinkunft der Diagnose, auf beiden Seiten von hoher Identifikation getragen, wird die Intervention mit einem wesentlich geringeren Aufwand und einer höheren Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen. Einsparungen in der Diagnose begründen im Gegensatz (finanziellen) Mehraufwand und reduzierte Erfolgschancen in der Intervention.
  • Kann die Übereinkunft schneller herbeigeführt werden, wenn man sich während der Diagnose bei jedem Termin doppelt so lange Zeit nimmt und ggf. auch mal einen ganzen Nachmittag vereinbart. Es scheint positiv zu sein, wenn der Klient nicht so lange warten muss, bis ‚es endlich richtig losgeht'; so sinkt in dieser Phase die Wahrscheinlichkeit eines Abbruchs. Man benötigt bei weniger aber längeren Treffen weniger Zeit, um sich jeweils wieder neu zu vergewissern, wo man das vorherige Mal stehen geblieben ist und wie man sich im Nachhinein gefühlt hat. Es macht andererseits aber auch Sinn und steigert den Lerneffekt, öfter die Ergebnisse der Treffen sacken zu lassen und dann noch einmal knapp zusammenzufassen. Wenn man mal einen schlechten Tag hat, ist es weniger verheerender einen 1stündigen Termin zu haben, als einen ganzen Tag; auch die Qualität nimmt -mangels Konzentrationsfähigkeit- im Laufe ganztägiger Termine ab...
  • Sollte man mehr Mittel für einen freien Spesentopf zur Verfügung stellen, um die Diagnose durch ein Begleitprogramm zu flankieren? Ein nettes Begleitprogramm (Kuchen, Eis, Kino...) kompensiert Überforderungen und sichert die Motivation;
  • Wie wichtig sind ansprechende Formen der Dokumentation von Zwischenergebnissen (Fotos und Bilderrahmen, Videofilm)? Es steigert Lerneffekt und Erinnerungsvermögen, kostet aber Geld...
  • (...)

[Bearbeiten] Evaluation zum Zeitpunkt t=3; nach der Intervention:

Eine Evaluation zu diesem Zeitpunkt prüft, ob alle Erwartungen an Interventionen in förderlicher, erfolgssteigender Weise, Rechnung getragen wurde. Beispielhaft will ich hier nur einige Fragen herausstellen:

  • Mit dem Abschluss der Diagnose war eine konstruktive Arbeitsgrundlage inkl. einer Vereinbarung über die Strategie der Hilfe gefunden. Da die Klienten im Laufe der Intervention zunehmend selber gefordert sind und zum Ende ihr Leben wieder weitestgehend eigenständig bewältigen sollen, wird auch die Arbeitsgrundlage immer wieder auf die Probe gestellt. Intervention kann nicht reibungslos verlaufen und punktuelle Enttäuschungen, Rückschläge und Verstimmungen generell ausschließen; haben wir also zu Beginn der Intervention auch an ‚schlechte Zeiten' der Zusammenarbeit gedacht und die Frustrationstoleranz unseres Klienten richtig eingeschätzt? Da sich Verfahren zur Überwindung solcher Situationen in schon angespannter Zeiten nur noch unter unverhältnismäßig hohem Aufwand finden lassen -wenn der ‚Ernstfall' also schon eingetreten ist- versuchen wir zuvor im ‚Planspiel' die Frustrationstoleranz zu eruieren und Verfahren einzustudieren, wie Störungen im Verselbstständigungsprozess ohne Scham, Angst, Enttäuschungen, Wut... entdeckt, problematisiert und überwunden werden können. Wir sollten die Größe haben, den Grund für mögliche Missverständnisse, Probleme und Rückschläge auch bei uns zu suchen.



    Nur weil wir Sozialpädagogen sind, verstehen wir nicht immer alles besser oder richtiger und haben nicht immer Recht, deshalb sollten wir auch nicht so tun als ob! Wir tragen die Verantwortung, die Sicht der Klienten in Erfahrung zu bringen und in den Hilfeprozess zu integrieren. Da ihre Schüchternheit oft zu groß ist, um eigene Interpretationen einzubringen, müssen wir die Möglichkeit ‚pädagogisch einfädeln': ‚Ich kann nicht ausschließen, dass es mal zu Rückschlägen kommt oder der eine oder andere mal schlechte Laune hat, beleidigt ist oder sich über den anderen ärgert. Das ist auch gar nicht schlimm. Hauptsache man kann sich das gegenseitig mitteilen und dann auch aus der Welt schaffen. Ansonsten kann es sich mit der Zeit anhäufen und irgendwann in einer unnötigen Katastrophe, beiden auf die Füße fallen. Auch wenn es sich vielleicht doof anhört, jedes Mal nachzufragen, ‚Was war doof?'', ‚Wie geht's?', ‚Hab ich dich richtig verstanden, dass...?' oder ‚Kannst du mir in eigenen Worten noch mal sagen, wie du das verstanden hast, was ich gesagt hab?'... Es geht v.a. darum, Bescheid zu geben, wenn einer von uns überfordert, sauer oder beleidigt ist bzw. gerade mal nicht weiter weiß oder es einem zu schnell oder auch zu langsam geht. Also auch wenn sie vielleicht blöd klingen, sind die Nachfragen nicht bös gemeint, sie dienen allen der Absicherung einer erfolgreichen Zusammenarbeit...'
  • Um Erkenntnisse für die zukünftige Arbeit zu gewinnen, sollten wir uns selbstkritisch prüfen, ob wir zu starr an dem Plan der Diagnose festgehalten haben: Können wir flexibel andere Akteure integrieren, Ziele modifizieren, Umwege gehen, positive Nebeneffekte sehen und einbeziehen, Geschwindigkeiten variieren..., dann, relativiert dies die Gefahr, wegen Starrsinn, wichtige Aspekte zu übersehen und nicht zu berücksichtigen.
  • Wir müssen uns hinterfragen, ob wir auch in Stresssituation unsere Form, Haltung, sowie negativen Affekte haben kontrollieren können oder die Arbeitsatmosphäre Schaden genommen hat und wir ein schlechtes BSP für nicht-konstruktive Konfliktbewältigung vorgelebt haben.
  • Wir erhalten zum Zeitpunkt t=3 Hinweise, ob wir uns in den verschiedenen Phasen für die richtige Methoden bzw. Methodenmischung entschieden haben. Bei der Anamnese in der oben vorgestellten Siedlung sind viele Bewohner aus dem Untersuchungsraster gefallen, weil wir nach dem ‚Schneeballverfahren' v.a. Netzwerke von Menschen analysiert haben, die enge Kontakte zueinander haben, während ‚einsame' Menschen deshalb nicht berücksichtigt wurden. Unter einer anderen Fragestellung wäre dies sicher problematisch; nach intensiver Überlegungen und Abwägungen hatten wir dies Problem für unsere Fragestellung aber verworfen.
  • Kann oder sollte man die Diagnose stärker standardisieren und beschleunigen um mehr Zeit für die Intervention zu haben? Man könnte schneller objektive Informationen gewinnen, hat dann aber wenig Kenntnis über die subjektive Perspektive des Adressaten; welches Problem in welcher Situation, warum für den Einzelnen, welche Bedeutung hat, wie er sich die Entstehung erklären und Lösungen vorstellen könnte und in welcher Reihenfolge dies geschehen sollte... Wie wichtig diese detaillierten Informationen für die Intervention sind, ist im Verhältnis zu Zeit und Aufwand, sie zu gewinnen, sorgsam gegeneinander abzuwägen! Da sich die Problemlagen verschiedener Klienten z.B. in der Drogenhilfe ähneln, stellt sich die Frage, in wieweit man Gruppenangebote ergänzen sollte. Sie haben den Vorteil der Entstigmatisierung und fördern das Selbstbewusstsein, wenn man sieht, dass man mit seinem Problem nicht allein steht. Vor diesem Hintergrund lässt sich wechselseitig Unterstützung und gegenseitige Motivation mobilisieren und Zeit sparen, wenn viele Probleme nicht mehrfach immer wieder neu, sondern einmalig in der Gruppe thematisieren werden. Diese Vorteile sind jedoch kritisch gegenüberzustellen, mit der Zunahme von Schamgefühlen, der möglichen Hierarchisierung der Teilnehmer, der Ausprägung von Sündenböcken und der Aus- und Abgrenzung gegenüber der Gruppenumwelt. Die Distanz zum Klienten ist größer, die durchschnittliche Aufmerksamkeit je Klient nimmt ab, seine Probleme werden weniger individuell und tief thematisiert und er muss jeweils die Transferleistung vollbringen, die allgemeine Diskussion auf sein individuelles Problem zu übertragen...
  • Damit kommen wir zu den negativen nicht intendierten Nebeneffekten. Sie sind -wie gerade angerissen- in Gruppenprozessen zu befürchten (Sündenbock, Abgrenzung), in der Ausweitung der Probleme auf das nahe soziale Umfeld des Klienten (Vielleicht fördern wir durch die Einbeziehung des Lebenspartners in der Drogenhilfe das Problem der Co-Abhängigkeit). Wir können eine nicht intendierte Katastrophe auslösen, wenn wir den dominanten 24jährigen in seiner Clique bloßstellen und auf den Boden der Realität herunterholen; dabei aber übersehen, welche existentielle Bedeutung sein Verhalten in der Clique für seine persönliche Integrität hat. Vielleicht sieht er hier die letzte Möglichkeit, einen letzten Strohhalm, an den er sich klammert, um zu kompensieren, dass er noch kein Sex hatte und sich hässlich fühlt. Diesem Strohhalm beraubt, in der Clique keine Perspektive mehr sehend, sich depressiv introvertiert zurückziehend und ggf. von der Brücke springend, zeigt er uns, dass wir für therapeutische Anforderungen nicht qualifiziert sind, einen Bogen um entsprechende psychodynamischen Problemkomplexe machen sollten und weniger voreilig und grob Klientenverhalten kritisieren dürfen, ehe wir es verstanden haben.
  • Wir sollten uns selbstkritisch hinterfragen, welche Rolle Zeitdruck in der Arbeit spielt und wie er durch Erhöhung der Ressourcen oder Optimierung der Zeitabläufe abgebaut werden kann. In Arbeitsfeldern, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung erforderlich machen, könnte es vielleicht Sinn machen statt 26-Stunden-Schichten bei 2-stündiger Übergabe lieber 50 Stunden zu arbeiten, die Übergabezeiten zu halbieren und so in der Woche sieben Arbeitsstunden für besondere Anforderungen zu mobilisieren, zudem würde den Mitarbeitern täglich durchschnittlich eine Stunde Arbeitsweg erspart bleiben. Die Nachteile einer selteneren dafür aber stärkeren Arbeitsbelastung, sowie des Wegfalls der täglichen Übergabe mit ihrer entspannenden und ablenkenden Funktion, gelte es dann aber sorgsam abzuwägen. Vielleicht gäbe es im Kinderheim auch die Möglichkeit vormittags während der Schulzeit, das Haus einige Stunden zu schließen?
  • (...)




Evaluation zum Zeitpunkt t=4 und t=n; wenn uns der Klient verlässt und in seinem zukünftigen Leben:

Bei der Evaluation zum Zeitpunkt t=4 handelt es sich um den gesamten Zeitraum des Hilfeprozesses der zusammenfassend bewertet werden soll; im Zeitraum t=n wird sogar die Nachhaltigkeit der Arbeit im weiteren Lebensverlauf des Klienten nach Beendigung der Hilfe in die Erfolgsberechnung einbezogen. Werden längere Zeiträume betrachtet, kann man von summativer Evaluation sprechen: Es wird nun nicht mehr ein Zwischenergebnis begleitend evaluiert, sondern das Endergebnis unserer Arbeit zusammenfassend und abschließend. Diese Bewertung dient nun nur noch der Optimierung kommender Hilfeprozesse; sie kann nicht mehr in den aktuellen einfließen, da dieser eben beendet ist. Bedenkt man jedoch das Leitziel, die ‚Hilfe zur Selbsthilfe' und das zentrale Kriterium, die ‚Nachhaltigkeit', kann eigentlich allein aus dem Zeitraum 1=n im Anschluss an den Hilfeprozess eine fachlich begründete Aussage über den Erfolg der Sozialen Arbeit hergeleitet werden. Beide Begriffe machen deutlich, dass der Erfolg nicht darin zu suchen ist, dass die Klienten die Einrichtung verlassen haben, sondern darin, dass sie nicht wiederkommen, auch kein anderes Hilfeangebot in Anspruch nehmen müssen und ihr Leben nun erfolgreich allein bewältigen, weil sie mit uns die nötigen Ressourcen gewonnen und einzusetzen gelernt haben...

[Bearbeiten] Kann der Klient seinen Ressourcengewinn auch ‚selbst' -i.S. von Selbsthilfe- zur Lebensbewältigung einsetzen?

[Bearbeiten] Kann er das auch auf andere Bereiche übertragen als jene, die gemeinsam trainiert wurden?

  • Zeigen sich im Anschluss Symptom- bzw. Problemverschiebungen, die erneute Hilfe erforderlich machen und somit die (Nachhaltigkeits-) Gesamtbilanz, unserer Arbeit wieder untergraben?
  • Bewährt sich der gemeinsame Erfolg der Arbeit im Anschluss auch nachhaltig in den anschließenden 5,10,20... Jahren?

Hat bsp. Gabis Leben durch ihre Arbeit auf dem Kinderheimbauernhof neue Impulse erhalten, sich adäquate Formen der Befriedigung an Stelle des Drogenkonsums zu erschließen? Kann sie Selbstbewusstsein, Durchhaltvermögen und Stressbewältigung erlernen; ggf. später in einem Pferdezuchtbetrieb eine reguläre Anstellung finden und -wenngleich in relativ hohem Alter- doch noch das ‚normale Leben' realisieren, das sie sich immer gewünscht hat...?

Die Bewertung des Erfolges unserer Arbeit vor dem Hintergrund der verbesserten Lebensbewältigung in allen Lebensbereichen in der gesamten anschließenden Lebensbiographie, ist die größte Herausforderung an die Evaluation. Sie allein könnte eine fachliche Entscheidungsgrundlage bsp. dafür geben,

  • welche nachhaltig positive Entwicklung für das weiter Leben durch die Bewilligung eines Fahrrades, Kinderzimmers, Familienurlaubes oder einer Mutter-Kind-Kur eingeleitet wird...
  • welche nachhaltigen negativen Entwicklungen anderenfalls eingeleitet werden können, wenn man diese Hilfeangebote verweigert. Es könnte also auch evaluiert werden, inwiefern Sucht-, Gewalt-, Justiz- und psychische Probleme dadurch verursacht und manifestiert werden, dass sich Sozial- und Jugendhilfe oder auch Stadtplanung ihrer Verantwortung entziehen, menschenwürdige Sozialisations- und Lebensbedingungen zu schaffen...
  • welcher ökonomische Gewinn langfristig mobilisiert wird, wenn das Kind im Kinderheim nicht mit Pferden spielt, sondern mit ihnen arbeitet und sich so eine berufliche Perspektive aufbaut. Den so etwas erhöhten Tagessatz zu verweigern, wird sich in einer langfristigen Betrachtung auch als ökonomische Fehlentscheidung erweisen...
  • warum oberflächliche verhaltenstherapeutische Konzepte zur Gegenkonditionierung von Gewaltverhalten (Anti-Gewalt-Training, amerikanische bootcamps) keinen nachhaltigen Erfolg bzw. sozialpädagogischen Wert haben. Man kann den kurzfristigen ‚Erfolg' feiern; der Erfolg hält jedoch nicht lange vor oder wird dadurch relativiert, dass Symptom- und Problemverschiebungen ausgelöst werden, die erneut kostenintensive Interventionen erforderlich machen...
  • warum es sinnlos ist, benachteiligte Quartiere mittels Quartiersmanagement ‚retten' zu wollen ohne Verarmung und ihre sozial-räumliche Polarisierung generell zu problematisieren...
  • (...)

Da die Klienten im Zeitraum t=n nicht mehr in der Einrichtung präsent sind, können die Träger und Mitarbeiter den Erfolg ihrer Arbeit selber nie abschließend erkennen. Da es die Kollegen latent belastet, ihren Erfolg nicht zu erleben, unterstützen sie schnell die Verlegung des Zeitpunktes der abschließenden Evaluation nach t=4, obwohl dies fachlich unsinnig ist. Bei t=4 lässt sich allein prüfen ob sie billig gearbeitet haben und nicht ob sie gut gearbeitet haben. Entspringt die Bereitschaft der Pädagogen fachliche Kriterien preiszugeben einem emotionalen Bedürfnis nach Bestätigung, folgen externe wissenschaftliche Evaluationsinstitute den politischen Vorgaben, Ansatzpunkte zur Mittelkürzung herauszuarbeiten und fachliche Kriterien der Sozialen Arbeit per se zu ignorieren. Sofern wir die abschließende Evaluation nicht gänzlich anderen überlassen, versuchen wir in der Selbstevaluation zum Zeitpunkt t=4 fachliche Indikatoren zu finden, die zwar keine Garantie geben dass unsere Klienten es zukünftig allein schaffen werden, uns aber in Optimismus, Mut, Motivation und Arbeitseifer bestärken können:

  • Wurde die (begleitete) Verselbstständigung inkl. der Zunahme des ‚Forderns' bis zum Schluss ohne größere Rückschläge überstanden?
  • Haben die Klienten schon gezeigt, dass sie die erworbenen Ressourcengewinne auch auf andere Bereiche übertragen und dort erfolgreich einsetzen können?
  • Hat sich das verstärkte Selbstbewusstsein auch schon gegenüber fremden Personen bewährt?
  • Sind die Klienten durch das nahende Ende verunsichert?
  • Formulieren sie angemessene Ziele und Zwischenziele, was sie im Anschluss machen wollen?
  • (???)

Diese pädagogisch-qualitativen Indikatoren werden zunehmend durch finanziell-quantitative ersetzt. Wie viele Klienten haben, in welcher Zeit, die Einrichtung durchlaufen? Welche Kosten haben sie dabei verursacht? In welchen vergleichbaren Einrichtungen werden Kosten in welcher Höhe verursacht?... Man spricht von Ökonomisierung der Sozialen Arbeit. Die Bedeutung von Ökonomisierung soll mit dem folgenden Artikel dokumentiert werden (Mählmann 1997; vgl. 1999b):

„Das Neue Steuerungsmodell - Die Chance für eine neue Ehrlichkeit in der Bewertung sozialer Arbeit und Transferleistungen?

I.S. des NSM soll sich die Soziale Arbeit einer ökonomischen Bewertung unterwerfen. Im vereinzelten Widerstand der sozialpolitischen ‚Szene' gegen diese Pläne zeigt sich zweierlei:

  • Viele identifizieren sich noch mit den einführenden §§ des SGB, BSHG, KJHG, welche humanistische Ideale in den Vordergrund sozialer Leistungen stellen.
  • Viele glauben, die ökonomische Orientierung sei nicht -versteckt hinter einem humanistischen Etikett- schon immer zentral gewesen.

Folgen wir (Hirsch&Roth 1986; Hirsch 1995; Dangschat 1993), stellt die Reproduktion gesellschaftlicher Ordnung bei einem Minimum an finanziellem Aufwand den Kern sozialpolitischer Zielsetzung dar. Da diese Ordnung in Deutschland immer eine kapitalistische und die ökonomische Konkurrenz ihr stärkstes Element war, muss man m.E. die ökonomischen Mittel, die im Zuge des sozialen Konsens für die Wohlfahrt ausgegeben werden, als innenpolitische Investition zur langfristigen Sicherung kapitalistischer Gewinnmaximierung betrachten. Der Wert sozialer Arbeit hat damit mittelbar auf zwei Seiten sein ökonomisches Äquivalent; im Gewinn wie auch in der Investition.

Demnach sehe ich im Gegensatz zu Richard Sorg<ref>In:’standpunkt:sozial’ 1/1997</ref> das sozialpolitische Sicherungssystem auch nicht als ‚gegen eine pure Marktlogik erkämpft', sondern als bisher erfolgreich zur Sicherung genau dieser Logik eingesetzt. Am deutlichsten wird dieser Zusammenhang in den relativ hohen Ausgaben für soziale Transferleistungen in den 70er Jahren, die der keynsianistischen Logik entsprechend, durch Sicherung der Massenkaufkraft auch die Wirtschaft stärken sollten. Den Beginn der innenpolitischen Funktionalisierung sozialer Arbeit machte jedoch Bismarck Ende

des letzten Jahrhunderts, als er die Sozialistengesetze (-verbote) zeitlich mit den Sozialgesetzen koppelte und damit der Solidarisierung, Politisierung und Radikalisierung der arbeitenden (und nicht arbeitenden) Armen zuvorkam. (...)

Hirsch sieht als konkrete Ziele sozialpolitischer Intervention:

  • die Sicherung des sozialen Friedens trotz sozialer Ungleichheit;
  • die Bildung von an den unternehmerischen Bedarfen orientiertem Humankapital;
  • die Sicherung der Kaufkraft;
  • die demokratische Legitimation des politischen Systems;




Als ökonomischer Gegenwert bzw. Rendite sozialer Arbeit soll die Summe angesehen werden, die investiert werden müsste, um ein Gleichgewicht dieser Punkte zu sichern. Bevor seit Mitte der 70er Jahre die Finanzierung anfing, dem Bedarf an sozialer Kompensation hinterherzuhinken, symbolisierte dieser Gegenwert genau den Bedarf. Seither symbolisieren zunehmende soziale und demokratische Desintegrationserscheinungen zu geringe Investitionen bzw. einen ökonomischen Verlust.

Mit der Internationalisierung des Handels sowie der Verbesserung von Transportmöglichkeiten und des Informations- und Geldflusses erhöht sich die Möglichkeit der Unternehmen, ihre Gewinne international zu sichern und versetzt sie gleichzeitig in die Lage, mit der Aufgabe des ‚Standorts Deutschland' zu drohen. In dem Dilemma nun gleichzeitig die innere Stabilität sichern und die Unternehmen durch finanzielle Zugeständnisse umwerben zu wollen, schlägt sich die Politik auf die Seite der Unternehmen und verteilt den gesellschaftlichen Reichtum von ‚unten' nach ‚oben'. (...) Es sei festzuhalten, dass die prekäre Haushaltslage mit der die Sparlogik im sozialen Bereich begründet wird, Ergebnis von Verteilungspräferenzen ist und kein Zeichen dafür, dass es volkswirtschaftlich kein Geld gibt. Bei einer anderen Verteilung gesellschaftlichen Reichtums wäre Geld genug da (vgl. Huster 1993; Schui&Spoo 1996).

Die konservative Regierung Adenauers baute den Bereich sozialer Leistungen aus, da sie hier eine Investition für die Zukunft sah. Seit der Bonner Wende erhalten nur noch Ausgaben im Bereich der Wirtschaft (z.B. Transrapid) das Prädikat Investition. Sozialausgaben werden ausschließlich als Kostenfaktor stigmatisiert, um deren Luxus, Überflüssigkeit und Schädlichkeit zu suggerieren. Dieser Faktor wird seither kontinuierlich gesenkt; die Einschnitte im Bereich der sozialen Transferleistungen und Infrastruktur sowie die zunehmende Arbeitsbelastung der in diesen Bereichen Tätigen, sind allen bekannt. Im Zusammenhang mit dem NSM wird der Faktor Kosten erstmals in den Vordergrund gerückt, statt nur im Hintergrund Entscheidungsgrundlage zu sein.

Grundsätzlich halte ich die Ökonomisierbarkeit sozialer Arbeit für möglich - wenn sie i.S. einer Investition gesehen wird auch für sinnvoll. Die Kostenperspektive wie sie im NSM dominiert und sich scheinbar auch durchsetzt, halte ich jedoch für illegitim, methodisch unhaltbar und gefährlich für die Träger sozialer Arbeit. Das Amt für Jugend in Person Wolfgang Hammers (1995) macht deutlich, dass die Entscheidung für eine betriebswirtschaftliche Effizienzkontrolle, die nur die Kosten betrachtet allein wegen ‚empirisch-praktischer Schwierigkeiten' und einem zu hohen Aufwand getroffen wurde. Den eigentlichen Erfolg sozialer Hilfen sieht er in ‚monetär bewertbaren gesellschaftlichen Nutzen... (in der) Fähigkeit junger Menschen zu eigenständiger Existenzsicherung, gesellschaftlich verantwortlicher sowie gesundheitserhaltener Lebensführung. (Sie) vermeiden damit zukünftige Kosten bei der sozialen Sicherung und schließlich auch bei der Justiz bzw. dem Justizvollzug.' Eine Effizienzkontrolle bedarf -so ist ihm zuzustimmen- eines volkswirtschaftlichen Untersuchungskonzepts. Hier wird deutlich, dass sich der wirkliche Wert sozialer Leistungen i.d.R. erst zu einem späteren Zeitpunkt und an einem andren Ort als dem, wo die Leistung erbracht wurde, zeigt. Die einzelne soziale Leistung (Errichtung einer Grün- und Spielfläche, Bewilligung eines Fahrrades, ein Kinderfest u.s.w.) ist in diesem Konzept nicht das ökonomisierbare Produkt von Jugendhilfe, sondern allein ein Medium, eine Methode bzw. eine Investition, deren ökonomische Rendite sich globaler und später zeigt und dann auch der Jugendhilfe nur noch schwer kausal zurechenbar ist. Auf der anderen Seite werde Defizite die sich im Bereich der Jugendhilfe zeigen, jedoch z.B. durch den Plan der Sozialbehörde, den Wohnflächenbedarf von Sozialhilfefamilien zu senken, verursacht werden, dieser nicht in Rechnung gestellt.

Nehmen wir diese Beispiele, um das betriebswirtschaftliche Modell wie es nun umgesetzt wird, zu beschreiben und die Schwächen darzulegen, die zugrundeliegende Sparlogik herauszustellen und deren Folgen zu skizzieren. Nach dem NSM werden die sozialen Leistungen als fertige Produkte gesehen wie ein Auto, das vom Band rollt. Die einzelnen Arbeitsschritte die der Fertigstellung vorangehen, werden zerlegt, mit Kennziffern codiert, um dann ihre jeweiligen Kosten zu ermitteln. Durch zeitliche, fachliche und strukturelle Umorganisation soll versucht werden, die einzelnen Schritte wie auch das Gesamtprodukt billiger anzubieten. Keiner will nun widersprechen, dass die öffentlichen Haushalte kurzfristig entlastet werden können, wenn z.B.

  • die Wohnungen die nach dem BSHG bezahlt werden 5m2 kleiner werden,
  • Kindern und Jugendlichen nach dem BSHG kein Fahrrad mehr zuerkennt wird,
  • Spielplätze mit weniger oder billigerem Spielzeug ausgestattet werden oder
  • bei einem Kinderfest auf pädagogisch wertvolles Theater oder fachlich angeleitete Bewegungsförderung verzichtet wird.

Die Zukunft eines fertigen Autos kann dem Produzenten relativ egal sein - als Meßlatte unserer Arbeit muss sie jedoch zentral sein. Eine Erfolgskontrolle im unmittelbaren Anschluss an die Fertigstellung des ‚Produktes' zeigt das Desinteresse an Werten wie Emanzipation, Würde, Demokratiefähigkeit u.s.w. (...) An der Stelle, wo Hammer ein volkswirtschaftliches Evaluationsinstrument zwar theoretisch nahe legt, es wegen ‚empirisch-praktischer Schwierigkeiten' jedoch verwirft, sehe ich nicht nur die Machbarkeit, sondern auch die Sinnhaftigkeit einer Ökonomisierung sozialer Arbeit (vgl Mählmann 1999). Einen solchen Schritt halte ich für angezeigt, nachdem moralische Argumentationsstränge der Akteure der sozialen Arbeit wie auch kritischer Sozialwissenschaftler wie Habermas, ihren Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklung fast restlos eingebüßt haben. Wenn Ausgaben im sozialen Bereich als Investition positiv besetzt werden könnten und ihr langfristiger ökonomischer Gewinn nachgewiesen werden kann, stärkt sich die Position der Sozialarbeit im Verteilungskampf um öffentliche Gelder. Die Hoffnung, den ökonomischen Gewinn einer konkreten Investition an einer bestimmten Stelle zu einem bestimmten Zeitpunkt messen zu können, muss wegen der Komplexität der Armutsfaktoren jedoch enttäuscht werden. Anhand der Beispiele lässt sich die Komplexität schnell verdeutlichen:

  • gut ausgestattete Spielflächen fördern die Gesundheit, erhöhen damit später die Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt und ermöglichen dann auch den eigenen Kindern eine bessere Ausbildung...
  • eine größere Sozialwohnung lässt es eher zu, soziale Kontakte zu pflegen, dadurch entstehen Netzwerke, welche die soziale Lage stabilisieren und helfen können, Zeiten der Arbeitslosigkeit ohne Suchtverhalten zu überbrücken...
  • Ein Fahrrad ermöglicht Jugendlichen, Zeitungen auszutragen und Geld zu verdienen, sie können damit die Konsumnorm ihrer Clique mit legalen Mitteln erreichen und werden seltener strafrechtlich auffällig...

Untersuchungen die sich auf einzelne Armutsfaktoren sowie ihre Ursachen und Folgen konzentrieren, verlieren sich schnell in der Komplexität der Verflechtungen und können kaum verwertbare Aussagen über die ‚Renditeerwartung' einer Investition an dieser Stelle machen. Durch eine Zusammenfassung zahlreicher Untersuchungen zu allen Armutsfaktoren<ref>Die etwa 20 zugrundeliegenden Untersuchungen hatten folgende Faktoren als Hauptgegenstand ihrer Betrachtung: ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital, Produktionsbedingungen/ Arbeitslosigkeit, Wohnsituation, Krawalle/Crashkids/Vandalismus, Sexuelle und körperliche Gewalt, Sucht, Kriminalität, Krankheit, Rechtsradikalismus, ö.E und Obdachlosigkeit.</ref> lässt sich zeigen, dass alle Faktoren mittelbar und unmittelbar, teils auf die nächste Generation übergreifend, gleichzeitig Ursache und Wirkung aller anderen Faktoren sind; die Wohnsituation, die Produktionsbedingungen/ Arbeitslosigkeit und das ökonomische Kapital nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Eine Verbesserung an jeder beliebigen Stelle dieses Netzwerkes führt folgerichtig zur graduellen Verbesserung in allen anderen Bereichen. Den Zusammenhang eines solchen Netzwerkes mit einem ökonomischen Gewinn bringt Hurrelmann (1988: 177,193f; vgl. Hirsch&Roth 1986: 145) am prägnantesten auf den Punkt:

‚Alle Maßnahmen der Verbesserung des persönlichen Wohlbefindens, der Handlungskompetenz und des Selbstwertgefühls einer Person und alle Maßnahmen der Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen in materieller und immaterieller Hinsicht sind von grundlegender Bedeutung für den gesamten Prozess gelingender und misslingender Sozialisation. Bildungs-, familien-, jugend-, gesundheits-, arbeits-, wirtschafts- und rechtspolitische Maßnahmen, die diese Ausgangslage berühren, sind die effektivsten Interventionsmaßnahmen. Sie sind auch kostenmäßig für jede Gesellschaft die idealen Investitionen, denn nachweisbar sind später einsetzende Behandlungs-, Heilungs-, Therapie- und Kontrollkosten, die bei verfestigten Abweichungen und Beeinträchtigungen und ihren Folgewirkungen wie illegaler Drogenkonsum, Kriminalität, Arbeitsunfähigkeit usw. entstehen, um ein Vielfaches höher.' Auch Hamburgs Bürgermeister Voscherau (1994b: 90) sieht Investitionen in sozialen Brennpunkten als ‚ein Gebot politischer und ökonomischer Vernunft' und die Behörde Arbeit, Gesundheit und Soziales Hamburg (1993: 8,123) warnt, dass ‚zu späte Hilfe nicht nur teurer ist, (sondern dass) sie oft auch nicht mehr auf Selbsthilfemöglichkeiten der Betroffenen aufbauen kann'; dass also soziales Kapital verfallen ist.

Den ökonomischen Gewinn sozialer Investitionen kann man im Umkehrschluss aus den Mehrkosten herleiten, die entstehen durch die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums ‚nach oben'. Diese Umverteilung setzt im Netzwerk der Armutsfaktoren eine negative Dynamik mit steigenden Bedarfen an kostenintensiver sozialer Intervention in Gang.

Kosten treten in drei verschiedenen Formen auf:

  • Kosten die sich direkt ablesen lassen bei z.B. sozialen Transferleistungen, Haftunterbringung, Straßensozialarbeit, Mindereinnahmen der Sozialversicherung...
  • steigende Kosten, welche die wachsende politische Desintegration symbolisiert, die ohne immense finanzielle Investitionen nicht mehr zu minimieren ist.
  • Kosten die sich hinter rapide sinkendem sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Kapital der Bevölkerung verbergen und i.S. Bourdieus (s.o.) in ökonomische Kapitaldefizite übersetzt werden können.

Man kann nicht nur zeigen, dass die Entstehung der Kosten in einem kausalen Zusammenhang steht mit dem Anhäufen von Reichtum..., sondern auch dass diese Summe ausreichen würde ein Gleichgewicht wie es noch Mitte der 70er Jahre (s.o.) existierte, zu finanzieren. Angesichts der Zunahme gesellschaftlicher Probleme, der Belastung der öffentlichen Haushalte durch Schulden und Zinsen, sowie fehlender Sickerungseffekte (geht es der Elite gut profitieren mit der Zeit auch die Benachteiligten) scheint eine Überführung des privaten Reichtums in soziale Investitionen volkswirtschaftlich sinnvoll. (...)

  • Achim Trube (vgl. Landessozialamt Hamburg 1995) unterstützt z.B. Beschäftigungsträger indem er herleitet wie und warum sie innerhalb von drei Jahren eine Rendite von 61% abwerfen, sofern ein volkswirtschaftliches Evaluationskonzept angewendet wird.
  • Hartmut Brocke<ref>Sozialpädagogisches Institut (Berlin) am 14.9.1995 auf einer Fachtagung von Stattbau (Hamburg).</ref> beschreibt wie sein Institut großen Wohnungsbauunternehmen für den Preis von 90% der Kosten die vorher für Vandalismusschäden, Mietausfälle und Räumungskosten aufgebracht werden mussten, eine Mietengarantie gibt und die Wohnungsverwaltung übernimmt, um von den Überschüssen eine umfassende sozialpädagogische Mieterbetreuung zu gewährleisten, die einen Wohnungsverlust ausschließt und die Lebenslage stabilisiert."

Um den Inhalt des Artikels auf den Punkt bringen: Obwohl sich Ausgaben für bsp. Kinderspielplätze im weiteren Lebensverlauf des Kindes ökonomisch rentieren, wird diese Rendite nicht evaluiert. Kinderspielplätze werden allein unter dem Gesichtspunkt der Herstellungs- und Wartungskosten betrachtet, problematisiert und ggf. zur Kosteneinsparung geschlossen. Die EXPO 2000 hat einen Verlust von über 1 Mrd. € erwirtschaftet<ref>In: ‚TAZ’ vom 18.12.02.</ref>, der nun vom ‚Steuerzahler' getragen wird; trotz solcher Subventionsbedarfe werden Ausgaben dieser Art (Fußballweltmeisterschaft, Olympiade, Transrapid...) weiterhin positiv als Investition bewertet.





Dass die neuen Formen der Evaluation fachlichen Standards der Sozialen Arbeit nicht mehr gerecht werden, ist allen bekannt; sie dennoch einzuführen beweist den bösen Willen, primär Geld einsparen zu wollen. Wolfgang Hammer wurde oben schon zitiert und soll hier noch mal ausführlicher zu Wort kommen. Er ist im Hamburg Jugendamt dafür verantwortlich gewesen, neue Evaluationskonzepte in der Jugendhilfe zu etablieren. Wie das Problem, Erfolge Sozialer Arbeit nach sozialpädagogischen Kriterien schwer messen zu können, gelöst wird, indem man sie einfach durch ökonomische Kriterien ersetzt, kling im Beamtendeutsch interessant. Unter dem Titel ‚Neue Steuerungsmodelle in der Kinder- und Jugendarbeit/ Jugendsozialarbeit in Hamburg: Perspektiven einer outputorientierten Ressourcensteuerung' schreibt er (1995: 29f):

[Bearbeiten] „Ergebnisqualität

Durch die Definition von Standards der Ergebnisqualität sollen die Leistungserwartungen transparent und die Ergebnisse überprüfbar werden. Diese Standards werden vor dem Hintergrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse formuliert werden, um realistische Ziele bzw. Leistungserwartungen, ggf. in Form von Zielkorridoren formulieren zu können. Für viele Projekte der Jugendhilfe wird die Ergebnisqualität daran messbar gemacht werden können, in welchem Umfang die Zielgruppe erreicht und bei ihr bsp. eine erwartete und bewertbare Veränderung eingetreten ist. Die in der Praxis zur Verfügung stehenden Instrumente, die Ursächlichkeit pädagogischen Handelns für personale Wirkungen zu messen, sind aus sozialwissenschaftlicher Perspektive untauglich und werden eher für rechtfertigende Interpretationen genutzt. Dagegen konnten aufwendige sozialwissenschaftliche Untersuchungen in der Praxis nicht regelhaft durchgeführt werden. Bei der Gewährung von Zuwendungen an sozialpädagogisch arbeitende Projekte kann der Erfolg deshalb im wesentlichen dadurch kontrolliert werden, dass das Projekt die erwartete Organisationsqualität während der Arbeit realisiert, die vorgegebenen Verfahrensnormen beachtet und die Zielgruppe in -nach wissenschaftlichen Erkenntnissen- erwartbarem Umfang erreicht hat. Es wird dann aufgrund exemplarischer wissenschaftlicher Untersuchungen davon ausgegangen, dass bestimmte Konzepte und Methoden in einer bestimmten pädagogischen Situation bei der dann anwesenden Zielgruppe zu den erwarteten personalen Wirkungen führt oder diese zumindest fördert. Die Effizienzkontrolle als Modul einer Erfolgskontrolle soll Aufschluss geben über die Wirtschaftlichkeit einer Maßnahme. Auf der betriebswirtschaftlichen Ebene kann die Wirtschaftlichkeit in aller Regel nur über den Kostenvergleich mit gleichwertigen Alternativmaßnahmen geschehen, es sei denn, dass die Vollzugswirtschaftlichkeit in den Blick genommen wird. Auch hier steht die Sozialarbeit vor dem Problem, Realisierungsalternativen auf ihre Wirksamkeit hin zu vergleichen, um hernach ihre Kosten gegenüberzustellen. Die volkswirtschaftlich orientierte Betrachtung von Ressourceneinsatz und gesellschaftlichen Nutzen verweist auf das Problem, Wirkungen sozialpädagogischer Arbeit hinreichend genau festzustellen und als ‚Nutzen' monetär oder qualitativ zu bewerten. Im wissenschaftlichen Raum gab es Versuche, solche ökonomischen Betrachtungen durchzuführen. Sie stellen den Aufwand für Sozialarbeit mit der Jugend sowie deren integrativen Leistungen und präventiven Wirkungen dar und stellen den monetär bewertbaren gesellschaftlichen Nutzen gegenüber: persönlichkeitsbildende und stabilisierende sowie integrierende Sozialarbeit fördert die Fähigkeit junger Menschen zu eigenständiger Existenzsicherung, gesellschaftlich verantwortlicher sowie gesundheitserhaltender Lebensführung und vermeidet damit zukünftige Kosten bei der sozialen Sicherung und schließlich auch bei der Justiz bzw. dem Justizvollzug. Doch auch hier muss angemerkt werden, dass derartige Kosten-Nutzen-Betrachtungen wegen empirisch-praktischer Schwierigkeiten in der Regel auf Modellrechnungen und Exemplifizierungen beruhen, aber dennoch hinsichtlich ihrer Theorie bestechen."

Obwohl am Ende des Zitates das nach fachlichen Kriterien angemessene Evaluationskonzept selbst skizziert wird, etabliert man dennoch -im Umkehrschluss- ein sozialpädagogisch unzureichendes und wissenschaftlich unangemessenes Evaluationskonzept um Aufwand und Kosten zu sparen. Entstehen Erfolge Sozialer Arbeit wie ‚Vermeidung von Justizkosten' in der Zukunft, müssten sie eigentlich trotzdem der ursächlichen, zurückliegenden Intervention zugeschrieben werden; so wie im Gegenzug auch heutige Sozialkürzungen mit den durch sie verursachten zukünftigen Folgekosten verrechnet werden müssten. Fachlich seriös müssen diese Zeithorizonte i.S. einer volkswirtschaftlichen Evaluation mit einbezogen werden, wenn dies nicht möglich ist, muss ganz auf die wirtschaftliche Evaluation verzichtet werden, weil ein betriebswirtschaftliches Forschungsdesign nicht in Einklang zu bringen ist, mit der volkswirtschaftlichen Zielsetzung Sozialer Arbeit, ‚nachhaltig die Selbsthilfe' zu mobilisieren...

Das von Hammer alternativ vorgeschlagene betriebswirtschaftliche Evaluationskonzept kann prinzipiell den Erfolg Sozialer Arbeit gar nicht erfassen. Es kann allein dokumentiert werden, wie teuer die verschiedenen Träger sind, um sie später in einen Preiskrieg zu treiben. Alle Ansätze der Sozialen Arbeit, die sich in Praxis, Forschung und Lehre diesem ‚Zeitgeist' anpassend, darauf konzentrieren, Arbeit zu Dumpingpreise besser zu managen, verraten Klientel, Sozialpädagogen und die Soziale Arbeit allgemein. Management hat die Aufgabe zu sorgen, dass ein Produkt so effizient wie möglich, d.h. so schnell und billig wie möglich produziert wird. betriebswirtschaftliches Management sozialer Benachteiligung strebt heute danach, zeitnah ein Optimum dreier Variablen zu regulieren:

  • Minimierung von Störungen der öffentlichen Ordnung durch soziale Probleme, soziale Desintegration und durch sichtbare Armut.
  • Minimierung des finanziellen Aufwands für soziale und zunehmend polizeiliche Interventionsstrategien.
  • Minimierung parteilicher Solidarisierungseffekte in der Bevölkerung gegen Sozialabbau und die Preisgabe der Menschenwürde.

Zielsetzung und Zeithorizont des betriebswirtschaftlichen Managements führen zuende gedacht dazu, dass die Prävention sozialer Probleme und deren wirkliche Lösung bald gar keine Rolle mehr spielt. Ausgaben für Prävention haben keinen unmittelbar messbaren Effekt, weil noch keine Störung der öffentlichen Ordnung sichtbar ist; wenn die Störung sichtbar ist, wird allein das Symptom oberflächlich und so lange bekämpft, bis die individuelle Benachteiligung unseres Klientels die Allgemeinheit nicht mehr stört, weitergehende Hilfen gelten als Geldverschwendung; die Probleme werden generell nicht mehr ursächlich gelöst, sondern allein oberflächlich bekämpft, zunehmend auch durch sozialen Ausschluss, Repression oder Freiheitsentzug... Sozialmanagement stellt nicht mehr -wie noch verfassungsrechtlich verankert- die Ansprüche unserer Klienten auf ein menschenwürdiges Leben in den Mittelpunkt, sondern die Entsolidarisierung der besser situierten Gesellschaftsmitglieder die dem verfassungsrechtlichen Sozialstaatsprinzip den Rücken kehren. Die Bedarfe unseres Klientels werden letztendlich unter Finanzierungsvorbehalt gestellt. Die Schere im Kopf, Reichtum nicht skandalisieren zu dürfen, obwohl er die Ursache von Verarmung auf der anderen Seite der Medaille ist, werden im Wörterbuch Soziale Arbeit drei nachrangige Gründe und Ziele für Sozialmanagement benannt:

1. Das „etablierte System öffentlicher und privater Wohlfahrtspflege stößt an Leistungsgrenzen", wegen „struktureller Krisen der ‚Arbeitsgesellschaft', sowie der kulturellen Dynamik gesellschaftlichen Wertewandels." Vor diesem Hintergrund soll Sozialmanagement (neue) Legitimations- und Identitätsprobleme minimieren.

2. „Vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wertewandels verändern sich die Erwartungen und Anforderungen sowohl von Klienten als auch von Mitarbeitern sozialer Dienstleistungsorganisationen. Eine kritische Überprüfung der Strukturen von Sozialer Arbeit, die die Selbstverantwortung und Selbständigkeit von Klienten bisher eher bürokratisch verarbeitet haben in Richtung einer neuen Rolle als ‚Co-Produzenten', verändern grundlegend die Erwartungsprofile an und die Effektivitätskriterien für soziale Dienstleistung. Die Bemühung um Ansätze zur Reform sozialer Dienstleistung i. S. bürgernaher und dezentralisierter Konzepte und Angebote, sowie die Entwicklung neuer Steuerungsmodelle wie Budgetierung und dezentrale Ressourcenverantwortung kennzeichnen den gegenwärtigen Stand der Fachdiskussion."

3. „Darüber hinaus lassen sich veränderte Motivationen für ehrenamtliches Engagement, sowie gestiegene Erwartungen der professionellen hauptamtlichen Mitarbeiter feststellen. Dies lässt sich als zunehmende Anforderung definieren, ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter sowie Klienten stärker in die Erneuerungs- und Gestaltungsprozesse der sozialen Organisationen einzubeziehen. Personal- und Organisationsentwicklung sind hiermit zentrale Ansätze und Erwartungen in der gegenwärtigen Reformdiskussion."

Aus diesen Punkten lassen sich Forderungen an die Soziale Arbeit kritisch bis böswillig wie folgt übersetzen:

1. Ansprüche von Klientel, sozialpädagogischen Mitarbeitern und Hilfeinstitutionen, der Sozialen Arbeit sollen reduziert werden, um sich Legitimation und Identität zu sichern... und um Reichtum sich weiterhin ungehindert entwickeln zu lassen

2. Verantwortlichkeiten hinsichtlich Ursache und Lösung der sozialen Probleme sollen individualisiert werden, um dadurch die Klienten noch stärker als ‚schuldig' oder ‚wollten es eben selbst nicht anders' zu stigmatisieren. In Folge können sozialrechtliche Ansprüche delegitimiert und Kürzungen legitimiert werden, ohne gesellschaftlichen Protest herauf zu beschwören. Es fällt nun leichter, moralisch zu begründen, warum benachteiligte Menschen zusätzlich benachteiligt und best situierte Menschen, zunehmend entlastet werden.

3. Soziale Arbeit soll umstrukturiert werden zu Lasten ihrer fachlichen Standards und zu Gunsten der (Zwangs-) Rekrutierung ehrenamtlicher Mitarbeit. Anhand von Konzepten des 19.Jh. soll neu durchdacht werden, wie sich Modernisierungsverlierer in Familie und Nachbarschaft ehrenamtlich und kostenlos gegenseitig wieder selber helfen können, um die Gewinne der ‚Gewinner' weiter unangetastet zu lassen.

4. (...)

Manfred Kappeler warnt die Soziale Arbeit davor, die Interessen ihrer Profession und ihrer Klienten, einer ökonomischen Verwertungslogik unterzuordnen(1999b: 333):

„Mit Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ist eine Entwicklung gemeint, die zu einer Hegemonie des Ökonomischen über das Soziale führt. Aus der Sicht einer sich selbst definierenden Sozialen Arbeit kann die Ökonomie nur eine dienende Funktion haben, indem sie die erforderlichen materiellen Ressourcen für die Realisierung ihres an den Unterstützungsbedürfnissen des ‚Klientels' orientierten Aufgaben und Zielen zur Verfügung stellt. (...) Gegenwärtig droht diese Selbstdefinition... verloren zu gehen, indem die Ziele und Aufgabenbestimmungen immer mehr den vermeintlichen ökonomischen Sachzwängen unterworfen werden, also von einer Ökonomie bestimmt werden, die einer neoliberalen Wirtschaftspolitik dient und der Handlungslogik von Geld und Macht folgt, die mit der Ideologie von den ‚selbstregulierenden Kräften des Marktes' verbrämt wird. Von dieser Politik wird verlangt, dass sich die Träger der Sozialen Arbeit ‚auf dem Markt behaupten' sollen und um dies zu können für ihr Handeln die betriebswirtschaftliche Logik übernehmen müssen. (...) Mit dieser politischen Strategie wird versucht, die Soziale Arbeit, die... über ein hohes Kritikpotential verfügt, von der neoliberalen Sozialpolitik der gegenwärtigen Regierung politisch zu neutralisieren und ökonomisch in die Regie zu nehmen."

Egal unter welchem Namen heute Management in der Sozialen Arbeit daher kommt, die letztendliche Loyalität gegenüber dem Klienten ist aufgekündigt: Dabei sind es nur graduelle Unterschiede, ob es um die Profilierung neuer Fachbereiche und Studiengänge des ‚Sozialmanagements' oder um neue privatwirtschaftliche Träger geht, welche fragwürdige Konzepte z.B. des Konfliktmanagement in Management-Modulen auf Kreativworkshops lehren oder selber umsetzen, um zu Ruhm und Reichtum zu gelangen.

Soziale Arbeit unter ökonomischen Gesichtpunkten zu bewerten, zu evaluieren und gegenseitig in die Konkurrenz zu treiben trägt dazu bei,

  • die Bezahlung neuer Mitarbeiter und damit die Qualität zu reduzieren,
  • die Arbeitsbelastung und Fallzahlen der Beschäftigten zu erhöhen,
  • die Phase der Verselbstständigung zu beschleunigen, so die Absicherung des Ressourcengewinns durch Verinnerlichung nicht abzuwarten und damit den schnellen Verfall des Erfolges zu riskieren,
  • den Arbeitsaufwand und Qualität entweder bei allen Klienten zu senken, einige Klienten herauszugreifen und auf Kosten anderer stärker zu fördern oder besonders problematische Klienten gar nicht erst aufzunehmen: Wenn es pro Teilnehmer eines Theaterprojektes 150€ Zuschuss gibt, nimmt man lieber Gymnasiasten mit Vorerfahrung, als Straßenkinder mit Alkoholproblemen oder Jugendliche, die Stottern...,
  • dass die Träger die Stigmatisierung ihrer Klienten erhöhen, um höhere Fördersätze länger zu sichern. Jugendclubbesucher werden als Konsumenten illegaler Drogen stigmatisieren, um Sondermittel zur Suchtprävention zu sichern; Gabis psychiatrisches Gutachten wird aufgebauscht, damit sie als ‚Behinderte' nun zusätzliche Hilfen erhält.
  • die Klienten durch steigende Eintrittspreisen oder Kursgebühren abzuschrecken,
  • die pädagogischen ‚Nonprofit-Bereiche' in wirtschaftliche ‚Profit-Bereiche' umzuwandeln. Das bedeutet, dass Getränke- und Essenspreise erhöht oder offene Cafébereich gleich ganz outgesourct werden, um die Eigenerwirtschaftungsquote zu erhöhen. Damit wird die Möglichkeit aufgegeben, niedrigschwellig den Kontakt zum Klienten aufzubauen, spontan die Arbeitsatmosphäre -bei Kaffee und Kuchen der Arbeitssituation anzupassen oder den Klienten -ohne Verzehrzwang und Kostendruck- die Möglichkeit zu geben, untereinander sozialer Kontakte zu pflegen...
  • dass, wie in allen Fällen, wo kommunale Aufgaben privatisiert oder unrentable Bereiche abgestoßen wurden, das Dienstleistungsangebot auf das zusammengestrichen wird, was sich noch rechnet. Nebenstrecken der Deutschen Bahn AG, Schwimmbädern, Spielplätze, Kulturangebote rechnen sich auf dem ersten Blick genau so wenig, wie der offene Cafébereich im Stadtteilzentrum. Ob sich allgemeine Angebote in den Bereichen Soziales, Kultur, Gesundheit, Kultur, Wohnumfeld, Nahverkehr, Versorgung... überhaupt rechen müssen, wird heute gar nicht mehr diskutiert; obwohl diese Bereiche öffentlicher Infrastruktur seit Jahrzehnten das Fundament gesamtgesellschaftlicher Integration stabilisiert haben und damit per se gemeinnützig sind und deshalb eigentlich von der Gemeinschaft kollektiv finanziert werden müssten... Das Prinzip nur noch das zu machen, ‚was sich rechnet', hat inzwischen alle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit erobert.
  • dass „die öffentlichen Geldgeber in den letzten Jahren deutlich die Tendenz entwickelt, sogenannte Billiganbieter von Sozialer Arbeit aus reinen Einsparungsgründen zu bevorzugen. Wenn die Leistungen eines Anbieters den formalen Anforderungen entsprechen, wird zunehmend von einer Qualitätsprüfung, die sich an entwickelten fachlichen Standards orientieren müsste, abgesehen. Diese Finanzierungspraxis hat dazu geführt, dass sich auf dem ‚Markt der Subventionen' neben den drei oben beschriebenen ‚Säulen' -die allesamt gemeinnützig arbeiten, also keine Profite erwirtschaften- kommerzielle, also gewerbliche, auf die Erwirtschaftung von Profiten angewiesene Anbieter sozialer Leistungen etablieren konnten, die inzwischen mit den klassischen Trägern der Sozialen Arbeit konkurrieren. Darauf reagieren die großen Wohlfahrtsverbände ihrerseits mit privatrechtlichen sogenannten Ausgründungen, v.a. in solchen Bereichen, in denen mit standardisierten Billigangeboten Profite gemacht werden können. Auf diese Weise kommt es immer mehr zu sog. ‚ökonomisierten Preisen' für soziale Dienstleistungen. Die Finanzierungsstrategie der öffentlichen Träger gegenüber den privaten Anbietern sozialer Leistungen verschärft bewusst die Konkurrenz um die Finanzierung der Sozialen Arbeit und leistet damit einen erheblichen Beitrag zu ihrer Ökonomisierung. Der Druck auf Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Effizienz nimmt zu. Auch das wird zu anderen Qrganisationsformen und Managementstrukturen führen. (...) Auf diesem Wege geht die vom Gesetzgeber, z. B. im Kinder- und Jugendhilfegesetz geforderte Orientierung sozialer Leistungen an den Lebensbedingungen und den aus diesen resultierenden Bedürfnissen des ‚Klientels' verloren" (Kappeler 1999b: 336)




Vor diesem Hintergrund fordert Kappeler (1999b: 345f) die Akteure der Sozialen Arbeit eindringlich zur gemeinsamen Profilierung unter fachlichen statt ökonomischen Kriterien auf:

„Angesichts der beschriebenen ‚sozialpolitischen' Konstellation gilt es mehr denn je, den gemeinsamen Nenner der Sozialen Arbeit, die Orientierung an den Lebenslagen und Lebensbedingungen des ‚Klientels'... zu verteidigen und theoretisch wie praktisch weiterzuentwickeln. Das Abfahren so vieler auf betriebswirtschaftliche Scheinrationalität und Marktförmigkeit schwächt die ohnehin defensive Position der Sozialen Arbeit in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung erheblich, nicht nur auf der Ebene des Diskurses über Selbstdefinition und Fremdbestimmung, sondern ganz praktisch im teilweise schon hemmungslosen Konkurrenzkampf um die Verteilung des politisch beabsichtigt knappen Sozialbudgets der öffentlichen Hände. Mit dem uralten Wettbewerbsargument, dass die Konkurrenz das Geschäft belebe, wird hier ein ‚Gesetz' aus der Sphäre der Warenzirkulation auf die Soziale Arbeit übertragen."

Im Wörterbuch der Sozialen Arbeit wird die Befürchtungen geäußert, dass

„mehr und mehr ...nun auch Einrichtungen und Maßnahmen der Sozialen Arbeit in den Verteilungskampf um Mittel aus dem Staatshaushalt hineingezogen werden. (...) Auch traditionelle Einrichtungen und Maßnahmen v.a. der Jugendhilfe müssen die von ihnen behaupteten Effekte stärker als früher nachweisen, v.a., wenn ihre politischen Konzepte nicht mit denen der staatlichen Exekutive übereinstimmen. Angesichts einer solchen Prognose besteht die Gefahr, dass die hoffnungsvollen Ansätze einer sinnvollen Evaluationsforschung in der BRD wieder in eine universitätsorientierte Evaluationsforschung auseinanderfallen, während die Interessen der praktizierenden Sozialarbeiter und deren Klienten auf der Strecke bleiben."

Erinnern wir uns an die Arbeitsregeln von Müller, muss man heute feststellen, dass viele der dort formulierten fachlichen Bedingungen nicht mehr erfüllt sind:

  • Man kann sich eine transparente ehrliche Evaluation nicht leisten, weil das Klima dank Sozialpolitik und -verwaltung von Angst und wechselseitigen Bedrohungen geprägt ist.
  • Die Art und Weise der Evaluation ist nicht freiwillig angenommen, sondern ‚von oben' aufgezwungen.
  • Ergebnisse werden nicht als Sachkritik gebraucht, um die Arbeit fachlich zu verbessern, sondern missbraucht, um Träger und Konzepte gegeneinander auszuspielen und letztendlich Gelder einzusparen.

Kann man rekonstruieren, wie sich die betriebswirtschaftlichen Evaluationskonzepte in den letzten 15 Jahren langsam der Sozialen Arbeit haben bemächtigen können?

In allen Kommunen und sozialpädagogischen Arbeitsbereichen hat sich die Etablierung neuer Evaluationskonzepte in unterschiedlicher Art und Weise vollzogen. Da hier nur der Grundtenor von Interesse ist, soll auf eine ausführliche differenzierte Darstellung verzichtet und sich auf eine grob zusammenfassende Rekonstruktion beschränkt werden. Ausgangspunkt der Entwicklung neuer Evaluationskonzepte war die sozialpolitische Forderung an die Träger der Sozialen Arbeit, differenzierter Rechenschaft über ihre Tätigkeit abzulegen. Wie in allen staatlich subventionierten Wirtschaftsbereichen war es auch im -weitestgehend durch öffentliche Gelder subventionierten- Sozialbereich nicht ungewöhnlich, den Zuwendungszweck bis in den Grenzbereich zur Illegalität hinein auszudehnen, um sich einen möglichst hohe und lange Subvention zu sichern. Letztendlich war dies aber immer noch von der Sorge um das Wohl der Klienten und nicht vom Wunsch nach privater Gewinnmaximierung motiviert, die im öffentlich geförderten Sozialbereich schon immer weitestgehend unmöglich ist. Der Wunsch, Subventionsmissbrauch zu unterbinden ist generell zu unterstützen, solange fachliche Kriterien darüber entscheiden, was Ge- und was Missbrauch ist:

  • Die regelmäßig skandalisierten Einzellfälle lassen aber jegliche repräsentative und finanzielle Relevanz vermissen und zielen allein ab auf die pauschale Diskreditierung des Sozialstaates und die Durchsetzung des Sozialabbaus.
  • Kleinen freien Trägern wird oft keine andere Möglichkeit gelassen, als ‚phantasievoll' mit den Vorgaben der fördernden Behörden umzugehen.
  • Im Falle von größeren Trägern kann man sich -wie bei allen anderen Wirtschaftsbereichen auch- der Forderung anschließen, Subventionen stärker zu kontrollieren.

Der Widerspruch gegen diese Forderungen war u.a. auch deswegen leise, weil man hoffte, dem Imageproblem -welches der Soziale Arbeit seit ihrem Bestehen immanent ist- entgegen wirken zu können. Erst mit der Umstellung von der pauschalen Zuwendung zu Beginn des Haushaltsjahres zur outputorientierten fallbezogenen Zuwendung am Ende der Hilfemaßnahme, wurde der Erfolgskontrolle in großen und schnellen Schritten die fachliche Sinnhaftigkeit entzogen. Zwei Möglichkeiten wären zu diesem Zeitpunkt fachlich vertretbar gewesen:

1. Entweder hätte man die Trägern weiter pauschal fördern müssen, ihnen differenziertere Rechenschaftsberichte abverlangen können und in größeren Zeitabständen um eine fachliche Begründung dieser Ausgabenverteilung bitten müssen; gäbe es hier inhaltliche Bedenken hätte man diese fachlich erörtern und mögliche Kürzungen oder Schließungen auch inhaltlich begründen müssen;

2. oder man hätte in aufwendigen Evaluationsverfahren den Erfolg der Arbeit im weiteren Lebensverlauf des Klienten suchen und bewerten müssen.

Die Entscheidung, weil man das erste nicht mehr und das zweite nicht wollte, eine dritte Variante einzuführen, die sich darauf beschränkt, einfach durch Abzählen am Ende der sozialpädagogischen Intervention den Erfolg nachzuweisen und die Zuwendung auszulösen, bleibt ihre fachliche Begründung schuldig. Es klang verlockend,

  • den Erfolg der Arbeit schon messen zu können, ehe der Klient uns verlassen hat,
  • zum Ende des Haushaltsjahres eine Leistungsbilanz vorweisen und mit anderen Trägern vergleichen zu können,
  • eine Rückmeldung über den eigenen Erfolg zu erhalten,
  • Hilfestellung zur Effizienzsteigerung in der eigenen Einrichtung zu erhalten, um sich selber finanzielle Spielräume erarbeiten zu können,
  • (...)

Zunächst ging es darum, das gesamte Arbeitsfeld in einzelne Leistungsfragmente zu zerlegen. Diese wurden dann codiert und nach einem Punktesystem bewertet. Drei Seiten wurden zueinander ins Verhältnis gesetzt, um den ‚Wert' des einzelnen codierten Fragments zu ermittelt:

1. Der Zeitaufwande für die Erbringung des einzelnen codierten Leistungsfragments,

2. die Gesamtarbeitszeit der Einrichtung und

3. die bisherige Fördersumme der Einrichtung.

Grob vereinfacht könnte man zum Ende des Haushaltsjahres summieren, wie oft welche Fragmente mit welcher Punktzahl erbracht wurden. Wenn man den Wert zukünftig mit weniger Personalstunden erwirtschaften konnte, hatte man ein zeitliches Polster; wurde in Folge das Personal reduziert, hatte man ein finanzielles Polster... Das war zunächst auch nicht schlecht. Die Mitarbeiter konnten ihre latent bedrohte Identität stärken, da sie nun endlich eine Rückmeldung für ihre Arbeit in der Hand hatten und wussten, ob sie in einem Monat mehr Punkte erwirtschaftet haben als im letzten oder in beiden mehr als die anderen Kollegen oder in allen Monaten mehr als ein anderer Träger...; man freute sich nun über beliebig konstruierte Punkte mit einer virtuellen Aussagekraft, gab es vorher doch gar keine Rückmeldung... Den Trägern wurde i.d.R. zugesichert, sie könnten zumindest für die ersten Jahre die Gewinne behalten und nach eigenen Prioritäten (innerhalb der Einrichtung) ausgeben. So störte dann auch gar nicht, dass bsp. für Supervision in der Arbeitszeit keine Punkte mehr vergeben wurden, so wie auch nicht für die Möglichkeit, im Aufenthaltsraum mit Mitarbeitern oder anderen Klienten ungezwungen reden oder soziale Kontakte pflegen zu können; für die Motivierung von Klienten zum Saubermachen, für die Vorbereitung der Weihnachtsfeier, für die kollektive Hilfe bei der Renovierung einer Klientenwohnung, für Raucher- und Kaffee'pausen' zur regelmäßigen fachlich indizierten Kompensation von Überforderungen, für Wegzeiten bei Außenterminen... gab es keinen Punkt; natürlich auch nicht für die jährliche Evaluationserhebung der Träger innerhalb ihres Klientels, die -bei etwa 150 Klienten- schnell einen halben Mitarbeiter einen Monat lang beschäftigt oder dem Arbeitgeber 1.500€ kostet... Dies hätte stutzig machen müssen, genau so wie das Versprechen, den Gewinn behalten zu dürfen. Dass freie Träger aus öffentlichen Geldern keine Gewinne erwirtschaften dürfen und dass Landesrechnungshöfe nach Ablauf von befristeten Ausnahmeregelungen dafür zu sorgen haben, dies zu verhindern, sollte man schon am Ende des Grundstudiums gelernt haben. Wenn also solche Ausnahmeregelung auslaufen, Arbeitsinhalte zum Teil nicht codiert wurden, öffentliche Subventionen regelhaft nur dem (finanziell) günstigsten Anbieter zu Gute kommt und Kostenvergleiche zwischen den verschiedenen Anbietern von Anfang an als Fernziele formuliert wurden, war abzusehen, das die erarbeiteten Spielräume schnell aufgebraucht sind, ist die Konkurrenz zwischen den Trägern erst richtig ausgebrochen.

Die Träger, die frühzeitig gewarnt hatten, standen auf verlorenen Posten; allein hatten sie keine Chance, sich der Dynamik zu entziehen, zumal sie sich nach DIN ISO 9000ff zertifizieren lassen, also für die outputorientierte Förderung offiziell qualifizieren mussten, um sich zukünftig überhaupt noch an Ausschreibungen beteiligen zu dürfen. Sich allein zu verweigern hätte somit automatisch die Existenz des Trägers beendet. Die Träger waren gezwungen, zunächst die Vergleichbarkeit herzustellen, um sich dann der finanziellen Konkurrenz mit anderen Trägern zu stellen. Der so aufgebaute Kostendruck begründet die bis heute ungebrochene Abwärtsdynamik zu Lasten von Mitarbeitern und Qualität der Hilfe; externes Controlling unterstützt seither den reibungslosen Anpassungsprozess der sozialen Arbeit an die Erfordernisse der Moderne... Im Gegensatz zur sozialpädagogischen Selbstevaluation, kommen Optimierungsgewinne nun nicht mehr der Arbeit und damit letztendlich dem Klienten zugute.



Da man in den nicht codierten also auch nicht abrechenbaren Arbeitsinhalten die Non-Profit-Bereiche der Institution sofort identifizieren konnte, war auch schnell klar, wo man am schnellsten und effektivsten anfängt, Geld einzusparen. Nachdem diese Spielräume ausgeschöpft waren, traf der Kostendruck Mitarbeiter und Klientel zunehmend direkt:

  • Existenzielle Reproduktionszeiten, die zur Prävention eigener Berufserkrankungen bisher als unentbehrlich galten, wenn man bsp. mit größtenteils stark verelendeten Opiatabhängigen, bei stets hohem Lärmpegel in schlechter Luft arbeitet, mal den einen oder anderen Todesfall oder das ein oder andere amputierte Bein emotional verarbeiten muss oder ‚seine' Klienten zum nächsten Freier gehen sieht... werden als unproduktive Pausen stigmatisiert, reglementiert und zunehmend aus dem Bereich der Arbeitszeit in den Privatbereich verdrängt...
  • Teils werden Stechuhren angeschafft, die das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber unserem Berufsstand nun allgegenwärtig am Arbeitsplatz symbolisieren und die Arbeitsfreude drücken.
  • Die Anrechnung von Weg-, Vorbereitungs- und Nachbereitungszeiten wird zeitlich, die von Nachtbereitschaften und -diensten wie auch Feiertags- und Sonntagsarbeit finanziell reduziert.
  • In der Reha-Therapie werden erst die Zwischenräume zwischen den einzelnen Therapieeinheiten gestrichen (von 3 Einheiten à 30 Minuten auf 4 Einheiten à 30 Minuten in 2 Stunden) und dann die Länge der Einheiten reduziert (von 4 Einheiten à 30 Minuten auf 6 Einheiten à 20 Minuten in 2 Stunden).
  • Personal wird grundsätzlich abgebaut und der Personal-Klienten-Schlüssel entsprechend verschlechtert; unbefristet angestellte und hoch qualifizierte Mitarbeiter werden tendenziell ersetzt durch unbefristete, unter Tarif oder gar nicht bezahlte, weniger qualifizierte, Praktikanten, Langzeitarbeitslose oder Erzieher.
  • ‚Problematische' Klienten werden in den Hilfeprozess nicht rein-; ‚einfache' Klienten nicht frühzeitig rausgelassen. Man spricht i.d.Z. von ‚creaming the poor'; also dem Abschöpfen der Besten der Armen; alternativ wird versucht, die Benachteiligung der Klienten künstlich und aktenkundig aufzubauschen, wenn so höhere Hilfesätze realisiert werden können. Unruhige Kinder werden solange vom Töpferkurs ausgeschlossen, bis sie sich dank eines ärztlich bescheinigten ADS-Syndroms (Hyperaktivität) für einen erhöhten Zuschuss qualifizieren...
  • ‚Creaming the poor' wird maßgeblich dadurch befördert, das betriebswirtschaftliche controling Soziale Arbeit statistisch erfasst und die Arbeit anhand statistischer Maßzahlen reglementiert. Z.B. war bisher in Hamburgs armen Stadtteil St.-Pauli die Dichte offener Jugendhilfeangebote höher, weil die Benachteiligungen der jugendlichen Klienten überproportional verbreitet und intensiv sind. Jetzt werden die Angebote dem statistischen Durchschnitt der ganzen Stadt angepasst und in den ‚Armutsgebieten' reduziert. Die Mitarbeiter sollen nun in dem besonders benachteiligten und benachteiligenden Stadtteil mehr Jugendliche mit wesentlich größeren Problemen betreuen, als in besser situierten Stadtteilen... Nachdem die Evaluation von niedrigschwelligen Einrichtungen der Drogenhilfe in Hamburg ergeben hatte, dass Klienten durchschnittlich 2,5 Jahre in den Einrichtungen bleiben, hat die Sozialbehörde die Förderung regelhaft auf dieses arithmetische Mittel von 2,5 Jahre begrenzt und somit die Finanzierung überdurchschnittlicher Hilfebedarfe (Streuung oberhalb des Durchschnitts) pauschal gestrichen. Die Träger können es sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten, ihre bisherigen Erfolgsstandards beizubehalten. Entweder man verweigert Teilen die Hilfe, um den anderen die gewohnte Qualität zu sichern, oder man betreut die Klienten auch ohne Förderung weiter, erhöht damit die Fallzahl für die Mitarbeiter, senkt so die Qualität für alle und verbrennt die Mitarbeiter...

Für die Produktion von ‚sozialen Produkten' der Sozialen Arbeit wie für jede Art von Produktion gilt, dass sie immer Kosten verursachen wird. Die Kostenreduzierung kann logischerweise nur so lange Gewinne im öffentlichen Haushalt oder in privater Hand produzieren, wie das Produkt noch hergestellt, verkauft werden und halten kann, was es verspricht; also nicht sofort kaputt geht. D.h. die Mini-Max-Kurve von Kostenersparnis und Gewinnsteigerung hat einen Scheitelpunkt, hinter dem sich die jeweilige Produktion selber abschafft. Da dieser Punkt in der Sozialen Arbeit wegen hoher Komplexität und langer Zeithorizonte schwer zu markieren ist, scheint es sinnvoll, den Gedanken zunächst anhand zweier BSP aus anderen Bereichen zu verdeutlichen:

1. Trockenbau ist das Handwerk, welches aus Metallprofilen und Gipsplatten Wände und Decken baut. Der Sanierungsstau in der ehemaligen DDR hat nach der Wiedervereinigung dafür gesorgt, dass dieses Handwerk massiv expandierte, um den Nachholbedarf abzudecken. Heute ist sowohl dieser Bedarf gedeckt als auch die gesamte Baubranche in der Krise. Braucht heute bsp. eine Fachhochschule unter dem Dach eine neue Decke, wird der Auftrag öffentlich ausgeschrieben und damit zunächst der ‚freien' Konkurrenz um den Auftrag ausgesetzt. Angesichts der schlechten Arbeitsmarktlage, sowie der Existenzangst von Trockenbauern müssen sich die Unternehmen gegenseitig mit Dumpingpreisen unterbieten, die kaum zu realisieren sind. Da der Auftrag an die billigste Firma vergeben wird, hat diese nun das Problem, einen unrealistisch niedrigen Preis halten zu können. Da der Lohn schon maximal gedrückt wurde müssen andere Wege gefunden werden. Wenn vom Statiker festgelegt wurde, alle 40 cm im Dach mit dicken Dübeln dicke Edelstahlhaken zu verankern, spart man Zeit, Lohn und Materialkosten, wenn man entweder den Abstand etwas vergrößert oder kleinere Dübel und Haken nimmt oder schlechteres Material benutzt. Da diese Möglichkeiten alternativ nicht den nötigen finanziellen Effekt bringt, kann man auch auf die Idee kommen, die Effekte zu summieren und billigere, kleinere Haken in kleinere Dübel im doppelten Abstand zu schrauben... Fällt diese Decke dann den Sozialpädagogikstudenten auf den Kopf, kann man sagen, dass der Punkt optimaler Einsparung überschritten ist. Da die Trockenbaufirma mit hoher Wahrscheinlichkeit sechs Monate nach Bauabnahme im Konkurs ist, also keine Garantieleistungen mehr übernimmt, wird der Bau letztendlich doppelt so teuer wie geplant, weil eine neue Firma in Gänze neu bezahlt werden muss. Dabei ist dann noch gar nicht versucht, den Schaden zu qualifizieren und quantifizieren, den die unter der Decke begrabene Studenten erlitten haben oder der Fachhochschule durch die Evakuierung und dem (befristeten) Verlust von insgesamt über 1000m2 Fläche entstanden ist... Vergleicht man die Kosteneinsparung in Folge des Preiskampfes mit der doppelten Bezahlung der Decke, kann man nicht von Effizienzsteigerung sprechen...

2. Ähnlich gelagert hat die schweizerische Flugsicherung im Juni 2002 mit der Kollision zweier Flugzeuge, den Scheitelpunkt ihrer Effizienzsteigerung durch Personalreduzierung in der Flugsicherung markiert.

In der Sozialen Arbeit lassen sich derartige Scheitelpunkte seltener und weniger prägnant erkennen. Vielleicht dort, wo ein integrativer Kindergarten mit einigen geistig wie körperlich schwer behinderten Kindern in Gruppen von 20 Kindern von zwei Kollegen betreut wird; wo aus Kostengründen die Köchin entlassen wurde; mittags nun der eine kocht, während die andere einem Kind auf der Toilette hilft und sich derweilen ein anderes mit der Kordel seiner Jacke an der Rutsche verfängt und erhängt... In allen Fällen geht es darum, das ein Punkt in Folge des Kostendrucks erreicht wird, wo man die Arbeit auch gleich einstellen könnte, weil das ‚Arbeitsprodukt' den Erwartungen keines der Beteiligten mehr entspricht. In der Sozialen Arbeit wird der Punkt oft erreicht, aber mangels unmittelbarer Katastrophe nicht bemerkt. Als Indikator können Selbstzweifel herangezogen werden darüber, ob die eigene Arbeit noch ‚was bringt', ob es den Klienten hinterher besser geht als vorher, sich ihre Benachteiligungen abbauen ließen, sie Ressourcen gewonnen haben, sie diese auch nicht so schnell wieder vergessen... Zumindest intuitiv ereilt einen oft der Verdacht, der Punkt könne schon erreicht sein:

  • Denken wir zurück an Gabi und stellen uns vor, dass in der Drogenhilfeeinrichtung jeder der vier sozialpädagogischen Mitarbeiter 37 Klienten versorgen muss: Waren die Probleme auch nicht alle so massiv wie bei Gabi, hatten doch fast alle über 10 Jahre lang Heroin intravenös konsumiert, waren verschuldet, krank (u.a. 60% HepatitisC und 10% HIV), ohne Arbeit, mit Wohn- und Justizproblemen... Zielvorgabe der Behörde war ein selbstständiges, drogenfreies Leben nach 2,5 Jahren...
  • Oben wurde die Arbeit im Kinderhaus skizziert: Acht Kinder, rund um die Uhr betreut, im Alter von 4-17 Jahren, wegen eines Krankenstandes von durchschnittlich 23% fast immer allein im Dienst, ohne therapeutische Hilfe, Kinder mit Folgeproblemen körperlichen und sexuellen Missbrauchs, mit massiver Gewaltbereitschaft, sexueller Desorientierung, Schulproblemen, Ängsten, Depression... sollen aufs Leben vorbereitet werden...
  • Rechtsradikale Entwicklungen sollen mittels Streetwork präventiv verhindert werden: In zwei randstädtischen Stadtteilen einer ostdeutschen Stadt mit zusammen ca. 22.000 Einwohnern bei Arbeitslosenquoten von über 20%, fast ohne Sachmitteln, bei Sozial- und Jugendämtern, die weder Skateboards oder Fahrräder bewilligen geschweige denn eine gemeinsame Kanutour...
  • (...)

Will man Sozio- oder Stadtteilkultur als sozialpädagogisches Arbeitsfeld verstehen, kann man in der Erfolgsdokumentation dieses Arbeitsfeldes in Hamburg 2001 das Dilemma der Sozialen Arbeit zwischen Kostendruck, Existenzsicherung und sozialpädagogischem Erfolg und sozialpädagogischer Beliebigkeit erahnen:

Stadtteilkultur weiter erfolgreich!<ref>Ralf Henningsmeyer in: ‚querlight’ 07/02.</ref>

„Die Erhebung der Kennzahlen für 2001 hat ergeben, dass wieder weit über eine Million Besucher in den 25 Stadtteilkulturzentren gezählt wurden. Mit ihren dezentralen und generationsübergreifenden Angeboten bleibt die Stadtteilkultur ein wichtiger Bestandteil der Hamburger Kulturlandschaft. Unbestreitbar stellen die Ergebnisse der aktuellen Kennzahlenauswertung auch diesmal wieder eine Erfolgsbilanz dar: Mit über 1,2 Mio. Besucher konnte die gute Akzeptanz des Vorjahres gehalten werden. Denn die Kultureinrichtungen... bieten für jeden etwas. Ob Kidsdisco, Jugendtheater, Frauencafé, Seniorenschwoof oder Nachwuchsförderung (...) Die finanzielle Lage der Einrichtungen zeichnet sich seit 1996 (!) durch eingefrorene Zuschüsse der Stadt aus. Kompensiert wird der wachsende Kostendruck durch das Einwerben von Spenden (plus 16 Prozent, auf 225.604€) sowie durch Mehreinnahmen durch Veranstaltungen (plus 5,7 Prozent, auf 1,3 Mio.€). In vielen Fällen mussten aber die Eintrittspreise erhöht werden, was zur Folge hat, dass niedrigschwellige Angebote vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen weiter reduziert werden mussten. Die Personalkosten wurden weiter gesenkt, dies stellt allerdings langfristig die erreichte Qualität der Arbeit wiederum in Frage. Da auch ein Unterstützung durch staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen weiter rückläufig ist, ...wurde ein Teil der laufenden Arbeit von einer wachsenden Zahl von Freiwilligen, d. h. unbezahlten Kräften übernommen. In kaum einem anderen Bereich liegt das Verhältnis von haupt- zu ehrenamtlicher Arbeit so günstig... Aber ohne eine ausreichende Zahl qualifizierter Hauptamtlicher ist das Engagement der vielen Ehrenamtlichen dauerhaft nicht gewährleistet..."

Der Erfolg, mit 101 ganzen und festen Mitarbeitern 1,2 Mio. Menschen zu erreichen wird als ‚unbestreitbar' klassifiziert. ‚Unbestreitbar' ist es natürlich ein Erfolg, allein etwa 11.900 Menschen zu erreichen; dieser soll auch gar nicht dadurch geschmälert werden, dass die etwa 1000 ehrenamtlichen Kollegen hinzugerechnet werden: nur wird in der Quantifizierung des Erfolges nicht deutlich ob, es sich um einen sozialpädagogischen Erfolg handelt (Ressourcengewinn, Emanzipation, Selbsthilfe...). Bedenkt man, dass es von entscheidender Bedeutung ist, wie man als Klient am Ressourcengewinn beteiligt war, wie man diesen zunächst gemeinsam trainiert hat und später zunehmend allein ausprobiert hat..., dann ist es problematisch, wenn gerade der konsumtive Bereich ‚Veranstaltungen' ausgeweitet wird; wenn bsp. Kindern Mikey-Mouse-Filme gezeigt werden; ohne reflexive Anteile und ohne sozialpädagogischen Wert. Hier scheint völlig ohne Bedeutung zu sein, ob die Kinder ihre Disko selbst organisieren, sich in Ton- und Lichttechnik üben, die Öffentlichkeitsarbeit selber gestalten, Plakate gar selber entwickeln und in der Siebdruckwerkstatt drucken... Wenn ‚niedrigschwellige Angebote in benachteiligten Stadtteilen reduziert' werden, sind genau jene Menschen ausgeschlossen, die den höchsten Hilfebedarf haben... Wenn Ziele wie Emanzipation, Alltagskompetenzen, Demokratisierung, Gewalt-, Drogen- Rassismusprävention... keine Erwähnungen finden liegt v.a. daran, dass dies in Verwaltung und Politik niemanden interessiert und deshalb heute keine Zuwendung mehr begründet. Aber auch daran, dass die Mitarbeiter (angesichts drohender Erfolglosigkeit?) ihre sozialpädagogischen Identitäten längst den Förderkriterien angepasst haben. Obwohl selber problematisiert wird, dass der Kostendruck und der Ersatz fester bezahlter Stellen durch ehrenamtliche perspektivisch die gesamte Arbeit zur Disposition stellen, muss man sich in die quasi schizophrene Situation drängen lassen, sich trotzdem gerade mit dem hohen Freiwilligenanteil, den gestiegenen Eigenanteil durch konsumtive Veranstaltungen, sowie hohe Spendeneinnahmen zu profilieren. Nur Praktiker können den hohen personellen Aufwand einschätzen, der von der eigentliche Arbeit abgezogen werden muss, um Spenden, sowie Freiwillige zu akquirieren und zu koordinieren, Einsparmöglichkeiten zu suchen, Existenzängste der Mitarbeiter aufzufangen... Der herausgestellte Erfolg steht oft in keinem sinnvollen Verhältnis zu den dadurch gebundenen Personalressourcen; man kann sich die lähmende Stimmung schwer vorstellen, bei jeder Mitarbeiterbesprechung und auch zwischendurch die Gefährdung von Institution und Arbeitsplatz im Hinterkopf zu haben, wie auch die (unausgesprochene) Konkurrenz der einzelnen Arbeitsbereiche und Mitarbeiter des Trägers untereinander, hinsichtlich des Grades der Eigenerwirtschaftung. Niemand aus einem profitablem Arbeitsbereich möchte freiwillig unrentable Bereichte unterstützen. Wer eine Gruppe von benachteiligten Migrantenmädchen in der Holzwerkstatt leitet bzw. mit älteren Frauen töpfert um ihre psychischen Probleme zu reduzieren oder ihre Emanzipation gegenüber dem Ehepartner einleiten möchte, braucht eine starke Persönlichkeit, um die Bezuschussung durchzusetzen und ruhig im Schatten des Veranstaltungsmanagers zu stehen, der stets für seinen hohen schwarzen Zahlen gelobt wird...

Bisher wurden die negativen (auch finanziellen) Folgen von Kürzungen im Sozialbereich problematisiert; viel wichtiger ist jedoch, die positiven (auch finanziellen) Folgen von Ausgaben zu verdeutlichen: Welchen Nutzen hat es -neben dem Klienten- auch für die Allgemeinheit, sozial benachteiligte Menschen zu unterstützen, ist die zentrale Frage zur Legitimation Sozialer Arbeit

  • wenn das Jugendamt durch einen geringfügig erhöhten Tagessatz langfristig die berufliche Eigenständigkeit als bsp. Pferdepflegerin fördern könnte,
  • wenn vom Sozialamt bewilligte Fahrräder soziale wie kognitive Kompetenzen und die Gesundheit fördern, oder
  • wenn ein eigenes Zimmer unmittelbar den schulischen Erfolg und lebenslang die Berufschancen verbessert...

Dies fordert uns zunächst nicht nur eine sehr komplexe Argumentationstatregie ab, sondern auch einen hohen Aufwand, diese Strategien fachlich zu untermauern. Selbst wenn dies geschafft wäre, müssten die weitestgehend voneinander getrennten administrativen Zuständigkeiten der Sozialen Arbeit von einer gemeinsamen Verantwortlichkeit bzw. einem gemeinsamen Nutzen überzeugt werden und gemeinsame Strategien entwickeln.

  • Solange der von der Jugendbehörde ursprünglich erwirtschaftete geringe Gewinn (billigeres Kinderheim) nicht mit potentiellen späteren Verlusten der Sozialbehörde, der Justizbehörde und des Arbeitsamtes;
  • solange der von der Sozialbehörde ursprünglich erwirtschaftete geringe Gewinn (abgelehntes Fahrrad) nicht mit potentiellen späteren Verlusten der Sozialbehörde, der Gesundheitsbehörde oder der Krankenkasse;
  • solange der von der Sozialbehörde ursprünglich erwirtschaftete geringe Gewinn (Ablehnung einer größeren Wohnung) nicht mit potentiellen späteren Verlusten des Arbeitsamtes, der Landesversicherungsanstalt

verrechnet wird, werden alle Beteiligten sich weiter darauf konzentrieren, kurzfristig ihre Ausgaben zu senken. Da der einzelne Sozialpädagoge neben seiner Arbeit kaum in der Lage ist, diesbezüglich Überzeugungsarbeit zu leisten, ist es um so erfreulicher, wenn die ‚Pisa-Studie', Landesregierungen, Wohlfahrtsverbände oder Institute der Sozialwissenschaft einzelne dieser komplexen Zusammenhänge untersuchen oder untersuchen lassen. Anhand von vier BSP will ich die entsprechenden Forschungsfragen und -antworten knapp skizzieren: Die Pisastudie zur Qualität der Schulbildung, die Studie der Arbeiterwohlfahrt zur Kinderarmut, eine Schweizer Studie zur kontrollierten Heroinvergabe und eine Studie des Landes Brandenburg zum Zusammenhang von sozialer Lage und Gesundheit im Alter der Einschulung:

[Bearbeiten] Pisa:

Neben der Erkenntnis, dass die Qualität der bundesdeutschen Schulbildung generell nur niedrigstes Niveau erreicht, wurde der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Bildungsniveau der Schulkinder dokumentiert. In keinem der von der OSZE untersuchten Länder ist dieser Zusammenhang stärker ausgeprägt als in Deutschland: wer als Kind durch seine Herkunft sozial benachteiligt ist, besucht die schlechteren Schulen, ist dort ein schlechterer Schüler, erwirbt seltener einen Abschluss und studiert fast nie... Diese Zusammenhänge sind in Deutschland nicht gradueller, sondern fundamentaler Art; sie sind die logische Konsequenz, wenn der Spaltung in arm und reich kein Einhalt geboten wird und Kinder benachteiligter Familien zugleich immer weniger Unterstützung erfahren. Während ‚Bildungsinvestition' bis in die 80er hinein ein gebräuchlicher Begriff war, um Ausgaben in diesem Bereich positiv zu besetzen, hat sich inzwischen durchgesetzt, auch Bildungsausgaben auf ihren Kostenaspekt zu reduzieren, sie in Haushaltsdebatten zur Disposition zu stellen und pauschal zu kürzen.



Wenn heute

  • trotz Massenarbeitslosigkeit in einzelnen Branchen Facharbeiter fehlen,
  • sich Handwerksmeister, Berufsschulen und sogar die Hochschulen über die Qualität der allgemeinen Bildungsabschlüsse beschweren oder eben
  • die Ergebnisse der Studie betrachtet werden,

ist dies als Alarmsignal zu verstehen. Ein Signal strukturell -wenngleich von geringerer Symbolkraft- vergleichbar mit dem sog. ‚Sputnikschock' in den 50er Jahren. Als die UDSSR den ersten Satelliten erfolgreich in All schoss, waren die westlichen Industrienationen, v.a. aber die USA geschockt und erkannten in dieser Niederlage das Symptom falscher, v.a. aber zu geringer Bildungsausgaben. Im Fachlexikon der Sozialen Arbeit heißt es zum Stichwort Bildungsökonomie (Deutscher Verein 1980: 149):

„Die gesellschaftlichen Ursachen für die Renaissance der Bildungsökonomie in den USA und nachfolgend in Europa sind zum Teil im Erkennen eines Technologierückstands in den 50er Jahren gegenüber der UDSSR zu sehen -Sputnik-Schock-. Verstärkt wurde diese Argumentation von den Deutschen Bildungsökonomen Edding und Picht, die in den 60er Jahren auf der Basis einer internationalen Vergleichsanalyse nachwiesen, dass die Bildungsausgaben in der Bundesrepublik eine relativ niedrige Rate aufweisen. Daraus leiteten sie die gesellschaftliche Notwendigkeit einer allgemeinen Höherqualifikation und eine Reform des Bildungswesens ab. (Damals) versuchte die Bildungsökonomie nachzuweisen, dass eine verstärkte Investition in den Bildungssektor sich gesamtwirtschaftlich positiv auszahlen würde."

Auch für die heutige Bundesrepublik als Export-, Hochlohn- und Hochtechnologieland stellt die Bildungsmisere eine volkswirtschaftliche Katastrophe dar. Während die Erkenntnisse der internationalen Vergleichsanalyse in den 60er Jahren im Bildungssektor noch eine Ausgabenexplosion auslösen konnten, wird diesmal unverändert am Sparkurs in Schule und Hochschule festgehalten. Pisa findet Misserfolge nun genau dort, wo die deutsche Bildungspolitik seit der ‚Bonner Wende' 1983 versucht hat, sich zu profilieren;

  • wo die Bildungsausgaben je Kind im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern gering sind,
  • wo die soziale Absicherung sozial benachteiligter Familien vernachlässigt wird,
  • wo soziale Benachteiligungen der Kinder in der Schule unberücksichtigt bleiben und nicht (sozialpädagogisch) ausgeglichen werden,
  • wo Schul-, Sozial- und Jugendressorts sich separieren statt kooperieren,
  • wo man Elitenförderung einer breiten Qualifizierung vorzieht,
  • wo zu früh und intensiv Selektion betrieben wird und Noten wie Leistung überpointiert in den Mittelpunkt der Schulbildung gestellt werden,
  • wo der Unterricht nach standardisierten strengen Curricula und traditioneller Didaktik durchgeführt wird,
  • (...)

Wenn man derzeit die Forderung nach ‚Investitionen in die Köpfe' hört, ist Optimismus verfrüht: Die Summe der Bildungsausgaben bleibt gedeckelt; ‚Investitionen in die Köpfe' sollen refinanziert werden durch Erhöhung von Klassengröße und Stundenzahl der Lehrer, den Abbau von Förderangeboten, sowie der Verkürzung der Dauer bis zum Abitur. Der Leistungsdruck soll erhöht, Prüfungen, Inhalte und Didaktik sollen länderübergreifend vereinheitlicht werden, die Selektion nach Schulzweigen soll früher stattfinden, der ‚Aufstieg' erschwert und der ‚Abstieg' beschleunigt werden... Die schulpolitischen Reflexe auf die Ergebnisse der Studie setzen zwar an den wesentlichen Kritikpunkte der Studie an; weitestgehend jedoch nicht um die Ursachen zu beheben, sondern sie noch weiter zu verschärfen. Eine fachlich fundierte Debatte müsste im o.g. Sinne bildungsökonomisch geführt werden; das heißt, sie müsste längere Zeithorizonte berücksichtigen:

  • Die heutige Bildungsproblematik ist Resultat von Fehl- und Minderinvestitionen der letzten 20 Jahre.
  • Will man die heutigen Bildungsprobleme in den nächsten 20 Jahren gelöst haben, bedarf es heute einer großen (finanziellen) Kraftanstrengung. Wir wissen nun, dass diese nicht zu Lasten sozial benachteiligter Menschen umgesetzt werden darf, da sich die Problematik dann wiederholen würde. Im Gegenteil: Nur durch Rück- bzw. Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums kann die sozialpolitische Absicherung der Bildungsinnovation finanziert werden.

Die Ergebnisse der Pisastudie bieten vielfältige Ansatzpunkte dafür, heutige Ausgaben im Sozial-, Jugend- und Bildungsbereich als Investition in die Zukunft zu betrachten sind, die langfristig eine ökonomisierbare Rendite verspricht. Wenn die Bundesregierung in Folge der Pisaergebnisse nun Milliarden in den Bildungsbereich investieren möchte, ist dies natürlich zunächst zu begrüßen; wenn diese jedoch durch Kürzungen bei der Sozialhilfe refinanziert werden sollen<ref>vgl. ‚Der Spiegel’ 52/02.</ref> offenbart dies die Niveaulosigkeit des politischen Diskurses, wie auch den Unwillen, die Pisaergebnisse in aller Breite anerkennen zu wollen. Wurde dort nachgewiesen, dass soziale Benachteiligung schlechte Schulergebnisse begründen, kann logischerweise keine Verbesserung erzielt werden durch Umschichtungen zwischen den sich gegenseitig bedingenden Bereichen Schule und soziale Sicherung...

  • Solange sich Politik davor drückt, Reichtum zu Gunsten von Bildung und Sozialer Sicherheit gleichzeitig und konsequent umzuverteilen,
  • Politik stattdessen versucht, durch Nullsummenspiele verschiedene Klientengruppen gegeneinander auszuspielen,
  • Politik allein symbolisch versucht, Steuerungskompetenz zu demonstrieren, die sie längst eingebüßt hat,

solange ist die Soziale Arbeit aufgerufen -alle Arbeitsfelder umfassend- eine Umverteilung von ‚oben' nach ‚unten' einzufordern und mit entsprechenden Forschungsergebnissen zu untermauern. Gleichzeitig sei natürlich auch die Sozial-, Erziehungs- und (Volks-) Wirtschaftswissenschaft aufgefordert, sich um entsprechende Forschungsergebnisse zur Förderung gesamtgesellschaftlicher Integration zu bemühen.

[Bearbeiten] Brandenburg:

Das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg veröffentlicht (1999) die Ergebnisse einer Untersuchung des Gesundheitszustandes von Schulanfängern: Besondere Aufmerksamkeit wurde der Frage gewidmet, welchen Einfluss die soziale Lage der Familie auf Krankheit und Gesundheit hat; eingangs wird festgestellt, dass sich die Schere zwischen arm und reich in Brandenburg immer weiter öffnet. Würde zum einen diese Entwicklung sozialpolitisch nicht gestoppt und sollten sich zum anderen signifikante Zusammenhänge zwischen Armut, Krankheit und Leistungsschwäche nachweisen lassen, würden sich -so der logische Schluss- damit für die Zukunft noch größere gesundheitliche und schulische Probleme ankündigen. Neben bisher schon gesicherten Erkenntnissen aus allen Altersgruppen bezüglich Häufigkeit von Erkrankungen, geringerer Lebenserwartung und geringerer (beitragspflichtiger) Beschäftigungszeiten wurden in Brandenburg für die konkrete Altersgruppe folgende weiteren signifikanten Zusammenhänge mit sozialer Benachteiligung nachgewiesen:

  • Einschränkungen im Sehen und Hören
  • Sprachstörungen
  • Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung
  • psychomotorische Störungen
  • Einnässen, Einkoten und andere psychiatrische Erkrankungen
  • Zerebrale Bewegungsstörungen
  • Zerebrale Anfallsleiden
  • Emotionale und soziale Störungen
  • Behinderungen und drohende Behinderung
  • Erkrankungen im Zahn-, Mund- und Kiefernbereich
  • Kinderunfälle
  • Zurückstellungen von der Einschulung wegen allgemeiner Entwicklungsdefizite

(Drohende) Arbeitslosigkeit, materielle Benachteiligungen, sowie allgemeine Ressourcendefizite würden sich in der Familie als permanenter Stressor krankheitsfördernd auf alle Familienmitglieder auswirken. Während die Eltern diese Situation häufig auch mittels Konsum von Alkohol und/oder Zigaretten zu kompensieren suchen, treffen psychische und psycho-somatische Erkrankungen in Folge von Unzufriedenheit, Zukunftsangst, sozialer Isolation, Minderwertigkeitgefühlen... beide, Eltern und Kinder in gleichem Maße. Zur Illustration der Wirkungszusammenhänge wird zusammengefasst (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen Brandenburg 1999:9):

„Kinder spüren Armut

Kinder bilden, indem sie sich untereinander vergleichen, spontan einen relativen Armutsbegriff. Schon im Kindergartenalter ordnen sie sich im Vergleich selbst ein: nach der Kleidung, der Menge und Aktualität von Spielsachen, der Ausstattung der Kinderzimmer, den Urlaubsreisen. Sechsjährige wissen schon ganz genau, wer ‚wer' ist: Das arme Kind hat wahrscheinlich eher keinen Game-boy, keine Inline-Skater, keine neue Markenkleidung und kein Kinderzimmer für sich allein. Manches ist sicher Luxus und hat mit einer gesunden kindlichen Entwicklung nichts zu tun. Für die Wohnverhältnisse gilt dies aber bsp. nicht, wenn z.B. für die Schularbeiten kein Raum da ist, wo das Kind in Ruhe und konzentriert arbeiten kann."





Man muss die Zusammenhänge umdrehen, um die ‚Gegenrechnung' aufzustellen: Sozialpädagogische Hilfen zur Stabilisierung der sozialen Lage der Familien wirken bezüglich der Wahrscheinlichkeit von Kindeserkrankungen in all den in der Brandenburger Studie benannten Dimensionen präventiv. Diese Perspektive muss verdeutlicht werden, um den nachhaltigen Erfolg präventiver Sozialer Arbeit zu begründen; da die Soziale Arbeit zunehmend von der Kostenseite her unter Druck gesetzt wird, wäre es wichtig, die finanziellen Folgekosten zu quantifizieren: Kosten durch Mehrausgaben der Krankenkassen, Sozial- und Arbeitsverwaltung, der Rentenversicherungsträger bei gleichzeitigen Beitragseinbußen durch Krankheit, Minderung der Erwerbsfähigkeit oder Frühverrentung; nur so könnte die Argumentation zum Abschluss gebracht werden, dass Ausgaben zur Stabilisierung der Sozialen Lage, vermittelt über

  • die Reduzierung von Krankheiten im Kindes- und Jugendalter,
  • die Verbesserung ihrer Lernfähigkeit,
  • der Absicherung ihres Berufseinstiegs,
  • der Erhöhung der beitragspflichtigen, nicht durch Krankheit oder Behinderung unterbrochenen Erwerbsfähigkeit, (...)

im volkswirtschaftlichen Sinne eine lukrative Investition darstellen... Als Argumentationsgrundlagen zur besseren ‚Vermarktung' unseres Berufes sind derart seriöse Untersuchungen unerlässlich.

[Bearbeiten] Arbeiterwohlfahrt:

2000 hat die Arbeiterwohlfahrt eine Untersuchung über die Folgen von Kinderarmut veröffentlicht.<ref>Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt 10/2000: Gute Kindheit - schlechte Kindheit; i.A. der Arbeiterwohlfahrt.</ref> Dort wurden nicht nur Zusammenhänge zwischen Armut und verschiedensten Formen sozialer Benachteiligung hergestellt, sondern anhand einer ergänzenden Befragung von jungen Erwachsenen nachgewiesen, dass soziale Benachteiligung im Kindes- und Jugendalter gleichsam als Weichenstellung für das gesamte weitere Leben angesehen werden muss. Natürlich werden alle den einen oder anderen kennen, der aus benachteiligendem Elternhaus stammend trotzdem Professor geworden ist, sich guter Gesundheit erfreut und keiner Straftat überführt worden ist... Dies kann sein; kann als Einzelfall festgestellte statistische Wahrscheinlichkeiten jedoch nicht widerlegen. Für die etwa zwei Mio. armen Kinder bedeutet dies, dass sie mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit -im Vergleich zu mittel und besser situierten Kindern- in ihrer allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung Schaden nehmen, nicht zuletzt weil sie weniger Urlaube oder Ausflüge mit Eltern oder Klassenkameraden unternehmen, weniger Freunde haben, sowie seltener Besuche empfangen und unternehmen. Sie leben tendenziell beengter, kommen drei mal so häufig hungrig in die Schule, tragen ein erheblich höheres Risiko krank zu werden, haben zu 40% Probleme im Sprach-, Rede- und/oder Spielverhalten. Schulversagen ist ebenso signifikant öfter zu erwarten wie schlechtere Schulabschlüsse, kriminelle Auffälligkeiten und Drogenkonsum... Schließen wir uns der Interpretation von Armut als Kehrseite von Reichtum an, kann man hier die gleichen Argumentationsstränge anknüpfen wie an den Ergebnissen der Brandenburger Untersuchung: Heutige Ausgaben zur Überwindung von Armut reduzieren eine nachhaltige komplexe Dynamik sozialer Benachteiligungen, die ansonsten über die gesamte Lebenszeit der benachteiligten Kinder und Jugendlichen Kosten verursachen wird. Wenn Reichtum nicht zum Wohle benachteiligter Kinder nach ‚unten' umverteilt wird, lassen sich die angedeuteten Folgekosten nicht vermeiden.

Heroinvergabe in der Schweiz:

Völlig neue Maßstäbe in der Erforschung sozialpädagogischer Erfolge wurden in der Schweiz gesetzt. Wenngleich nur in einem Teilbereich Sozialer Arbeit -der Drogenhilfe- wurde modellhaft vorgeführt, wie eine fachlich fundierte Evaluation auszusehen hat und wie die Sozialer Arbeit; im wahrsten Sinne zeigen kann, was sie wert ist. Während die verantwortungsbewussten Akteure der Wissenschaft und Sozialarbeit die Entkriminalisierung bzw. Legalisierung des Drogenkonsums bisher v.a. aus berufsethisch-humanistischen Gründen fordern, benennt die Evaluation der Universität Zürich (1997) den Wert kontrollierter sozialpädagogisch begleiteter Heroinvergabe in Franken: Der Erfolg sei pro Tag und Patient mit 45 Franken zu beziffern. Es wir dabei ein Forschungsdesign zugrundegelegt, wie es Hammer (s.o.) prinzipiell einfordert, es dann wegen des ‚forschungstechnischen Aufwandes' aber wieder verworfen hat. Wäre der politische Wille da, könnten sich Ausgaben in allen Bereichen der Sozialen Arbeit als ‚gewinnbringend' legitimieren: In der Bundesrepublik wird die Heroinvergabe derzeit modell- und projekthaft eingeführt und u.a. hinsichtlich ihres volkswirtschaftlichen Gewinns evaluiert. I.d.S. weist das Bundesgesundheitsministerium auf Kosteneinsparungen hin, wie sie schon in der Schweiz in einer umfangreichen Evaluation nachgewiesen wurde:<ref>Siehe: www.heroinstudie.de 22.12.02.</ref>

„Zudem ist Ziel einer an die Studie angeschlossene Spezialstudie, weitere finanzielle Effekte zu ermitteln. Diese Ergebnisse für das bundesdeutsche Projekt sind abzuwarten. Eine ökonomische Analyse des Modellversuch hat ergeben, dass -v.a. durch einen Rückgang der Straftaten und eine Verbesserung des Gesundheitszustands der Abhängigen -pro Tag, an dem ein Patient an der dortigen Studie teilnahm, ein volkswirtschaftlicher Gesamtnutzen von 96 Franken entstand - nach Abzug sämtlicher therapiebedingter Kosten ergab sich ein Netto-Nutzen von 45 Franken pro Patient und Tag."

„Die Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bewertung des Versuchs i.S. einer Kosten-Nutzen-Analyse..., dass pro Patiententag ein volkswirtschaftlicher Gesamtnutzen von 96 Fr. entsteht. Der größte Teil entfällt auf Einsparungen bei Strafuntersuchungen und bei Gefängnisaufenthalten, in zweiter Linie auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes. Nach Abzug der Kosten ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 45 Fr. pro Patiententag." (Universität Zürich 1997: 8).

Zeithorizonte:

Die beiden m.E. zentralen Probleme in der Debatte um Erfolge der Sozialen Arbeit sind

  • die langen Zeithorizonte der Entstehung und Lösung sozialer Probleme, sowie
  • die unterschiedlichen Bedeutungen die Klienten, die Soziale Arbeit, die Sozialpolitik und die öffentliche Meinung den Zeiten vor, während und nach dem Hilfeprozess zuschreiben.

Bis soziale Probleme von der ersten verursachenden Weichenstellung soweit gereift sind, dass sie den ersten sozialpädagogischen Hilfeprozess begründen, ist viel Zeit vergangen. Da jeweils versäumt wird, frühzeitig präventiv zu intervenieren, manifestieren sich die Probleme, werden um andere ergänzt und müssen sich erst soweit summieren, das sie in der öffentlichen Wahrnehmung als störend empfunden werden und helfende bzw. repressive Lösungen auslösen. Teils sind auch schon zahlreiche Interventionen erfolglos durchlaufen, bis meine Hilfe gefragt ist, in welchem Arbeitsfeld auch immer, ich gerade beschäftigt bin. Danach dauert es viel zu lange, als dass wir den Erfolg unserer Arbeit im weiteren Lebensverlauf unserer Klienten wahrnehmen können; den Erfolg dann auch noch ökonomisch beziffern zu wollen, scheint unmöglich. Da unsere Arbeit immer erst gefragt ist wenn's stört; wenn es also eigentlich viel zu spät ist und sofort wieder delegitimiert wird, kaum dass es nicht mehr stört, also bevor die Probleme nachhaltig gelöst sind, wird unsere Arbeit generell beeinträchtigt: Immer auf die schnelle und oberflächliche Symptombekämpfung reduziert zu werden, ist auf Dauer demotivierend, weil letztendlich erfolglos und widersprüchlich. Sinnlos erscheint die Arbeit z.B. wenn

  • Arbeitsunfähigkeit nicht ursächlich ergründet und präventiv behoben wir, sondern allein durch Druck und die Einschränkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gesenkt wird; sich dabei aber Krankheiten chronifizieren und so nachhaltig Lebensqualität geschmälert und langfristig Arbeitsfähigkeit zerstört wird.
  • von illegalen Drogen abhängige Menschen verurteilt werde, ohne vorher die Gründe für ihren Konsum zu rekonstruieren oder die Lebenslage zu verbessern. Wenn die Kriminalisierung nicht gestoppt wird, obwohl sie weitestgehend selbst für die finanzielle, soziale und medizinische Verelendung verantwortlich ist, die es später mit hohem zeitlichen, personellen und finanziellen Aufwand wieder zu beheben gilt. Wenn im Strafvollzug der Spritzentauschautomaten abgebaut wird und Spritzen wieder mehrfach von mehreren Menschen benutz werden müssen, die sich dann gegenseitig mit HIV und Hepatitis infizieren... und dann entgültig um ihre Rehabilitationschance gebracht sind.
  • Vertreter der Sozialen Arbeit immer wieder darauf hinweisen, dass sich anomisches Verhalten nicht allein aus Ressourcendefiziten herleitet, sondern auch aus übersteigertem Leistungs- und Konkurrenzdruck, der Internalisierung von übertriebenen Erfolgserwartungen von Eltern und sozialem Umfeld bzw. dem gesellschaftlichen Elitedenken und Selektionsbemühen; wenn erklärt wurde, dass deshalb nicht nur die sozial benachteiligten Schüler anomisch reagieren; dass dies jeder tut, der seine internalisierten Ziele nicht erreicht und wenn ergänzt wird, dass die anomischen Reaktion nicht nur introvertiert, sondern auch extrovertiert und gewaltsam sein können...; dann muss sich die Soziale Arbeit den Vorwürfen des Versagens nach Erfurt nicht aussetzen und die Verantwortung weder für die Verursachung noch für die Lösung übernehmen; erst recht nicht, wo die Bereitschaft zum Umdenken weiter fehlt und eine Widerholung billigend in Kauf genommen wird.
  • (...)




Kommen wir zurück zu dem Zeitschema: Andere einführende Veranstaltungen oder Publikationen zur Sozialen Arbeit beschränken sich auf den Zeitraum von t=0 bis t=4, als von dem Zeitpunkt, wo der Klient in der Tür steht bis zu jenem, wo das Geld überwiesen ist. Dass dies etwas kurzsichtig ist, scheint plausibel und erfordert zwingend die Ergänzung um die Zeiträume, die dem Hilfeprozess vorangehen bzw. sich ihm anschließen. Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: ich möchte diese beiden Zeiträume zu den wichtigsten erklären! Im Zusammenhang mit der Zielformulierung, ‚Hilfe zur Selbsthilfe' leisten zu wollen, wurde schon kurz aus das schizophrene Dilemma hingewiesen, darauf hinzuarbeiten, sich selbst überflüssig zu machen. Wer möchte das schon gerne sein? ‚Überflüssig'? V.a., wenn er sich vorher so sehr um die Beziehung zum anderen bemüht hat... Wir zielen aber nicht nur darauf ab, das unsere Klienten uns wieder verlässt, sondern wir hoffen auch, dass er im Zeitraum t=n nicht wieder zu uns oder zu Kollegen anderer Hilfeeinrichtungen gehen muss. Es wäre unstrittig das beste gewesen, das Problem, welches unsere Zusammenarbeit begründet, wäre niemals entstanden, sondern wäre im Zeitraum t=-1 präventiv verhindert worden. Prävention bezieht sich nun sowohl auf vorangegangene sozialpädagogische Intervention als auch auf die allgemeinen gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die sozialpädagogische Fremdhilfe möglichst gänzlich überflüssig machen sollten. Wären also andere vorausgehende Intervention erfolgreich gewesen, wäre die aktuelle Intervention gar nicht erst notwendig gewesen; würden gesellschaftliche Rahmenbedingungen weniger soziale Benachteiligung hervorrufen, wären sowohl der eine aktuelle als auch die anderen vorherigen Hilfeprozesse entbehrlich gewesen... Prinzipiell beginnt die sozialpädagogische Problematik mit benachteiligenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und bilden solange sozialpädagogische Maßnahmekreisläufe, wie nicht eine Maßnahme einen derart nachhaltigen Erfolg hat, dass weitere Hilfen entbehrlich werden. Zuende gedacht muss unsere Arbeit darauf abzielen,

  • uns überflüssig zu machen,
  • nachfolgende sozialpädagogische Hilfen überflüssig zu machen,
  • dass die erste sozialpädagogische Hilfe gleich zum nachhaltigen Erfolg führt und letztendlich unser ganzes Arbeitsfeld überflüssig macht,
  • soziale Benachteiligungen durch eine ‚gerechte Gesellschaft' ursächlich zu verhindern, um Soziale Arbeit gänzlich abzuschaffen.

Bewusst utopisch formuliert will ich verdeutlichen, dass Sozialarbeit auf allen Ebenen bedeuten muss, sich überflüssig zu machen. Dass wir dann auch arbeitslos werden, ist der I-Punkt des widersprüchlichen Grunddilemmas der Sozialen Arbeit, erst erfolgreich zu sein, wenn man nicht mehr gebraucht wird... Soziale Arbeit hat heute wieder zunehmend die Aufgabe, Störungen zu vermeiden, statt Probleme zu lösen; um heute einen Erfolg zu begründen, muss ein Problem nicht gelöst sein, soweit es denn störungsfrei gemanagt ist. Fordern Kollegen mehr Ressourcen, um Probleme wirklich lösen zu können; um also sicherzustellen, dass sie nicht später (t=n) einen erneuten Hilfebedarf begründen, stehen sie auf verlorenem Posten. Wenn sie gar versuchen, die Ursache der Probleme aus dem Zeitraum t=-1 zu ergründen, wird ihnen vorgeworfen, die Bedrohung der Allgemeinheit durch abweichende Klienten tolerieren zu wollen und zu laufen Gefahr, selber zur gesellschaftlichen Bedrohung definiert zu werden... der Kreislauf immer wiederkehrender Benachteiligungen und ihrer Interventionsbedarfe wird so nie unterbrochen. Auf Kosten latenten Leids benachteiligter Menschen können zwar verschiedene Berufsstände ihre Existenz sichern, dies scheint aber weder moralisch vertretbar noch auf Dauer kostengünstig zu sein. Den Kreislauf zu durchbrechen muss das vorrangige Ziel der Sozialen Arbeit sein. Diese muss sich dagegen verwehren, funktional darauf reduziert zu werden, Symptome im Einzelfall nur unter die Oberfläche zu drücken, statt Probleme ursächlich zu lösen. Das soll natürlich nicht heißen, unseren Klienten die Hilfe zu verweigern, wenn sie denn vor uns stehen. Dies bleibt erst mal unsere konkrete Aufgabe; solange soziale Probleme da sind, sollen wir bestmöglich helfen, diese zu überwinden. Unsere Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte sozialer Probleme müssen dann aber dazu beitragen, vorangehende sozialpädagogische Hilfen zu optimieren oder die gesellschaftlichen Ursachen im Vorwege auszuschalten, damit der Mensch gar nicht erst Klient wird und uns besuchen muss.

Den Kreislauf zu durchbrechen bedeutet, den Interventionszeitpunkt vorzuverlegen und Prävention der Reaktion vorzuziehen; es ist nicht nur menschenwürdiger, nicht abzuwarten, bis sich die Benachteiligungen und Probleme manifestiert haben, sondern auch billiger (vgl, Voscherau 1994b; Hurrelmann 1988; Behörde Arbeit, Gesundheit und Soziales; Hamburg 1993 in diesem Kapitel). Im Bereich der Drogenproblematik stellt folgerichtig selbst die Polizei<ref>Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes; www.polizei.propk.de.</ref> fest: „Bei der Rauschgiftbekämpfung hat die Drogenprävention eine zentrale Bedeutung, da dem Drogenproblem allein mit repressiven Maßnahmen nicht wirksam begegnet werden kann. Drogenprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. (...) Niemand darf erwarten, dass allein die Warnung vor dem Konsum von Drogen... oder gar abschreckende Darstellungen eine ausreichende Vorbeugung gegen Drogengefährdung sind. Teilweise können sie sogar das Gegenteil bewirken." Die Polizei präsentiert sich sozialpädagogisch auffallend engagiert, wenn sie hier auflistet, wo sie drogenpolitische Akzente setzen will: ‚Persönlichkeit stärken (Konflikte durchstehen lernen, Selbstwertgefühl verbessern, Ängste überwinden, Emotionen erkennen und regulieren); Soziales Umfeld verbessern (Schwierigkeiten in Familie, Schule und Beruf lösen, Trennung von geliebten Menschen vermeiden oder zu verarbeiten helfen, emotionale Zuwendung sichern, übersteigerte Leistungserwartungen vermeiden, Zukunftsperspektiven verbessern). Wenn feststellen: „Kinder brauchen seelische Sicherheit", „Kinder brauchen Anerkennung und Bestätigung", „Kinder brauchen Freiraum und Beständigkeit, „Kinder brauchen realistische Vorbilder", „Kinder brauchen Bewegung und richtige Ernährung", „Kinder brauchen Freunde und eine verständnisvolle Umwelt" und „Kinder brauchen Träume und Lebensziele", dann unterscheidet sich polizeiliche Vorstellungen nur noch graduell von der Kampagne ‚Kinder stark machen' der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (1991ff): „Kindern die Chance zu geben, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln schützt sie mehr vor Drogen als alle Warnungen und Verbote", schützt mittelbar aber auch vor Kriminalität, Krankheit uns sozialer Desintegration. Leider werden diese auf Bundesebene formulierten erfreulichen Strategien auf kommunaler Ebene nicht umgesetzt. Da präventive Hilfeangebote in den Bereich der ‚Soll- und Kannbestimmungen' von KJHG und BSHG fallen und den Kostenträgen nicht mehr die notwendigen Mittel zu Verfügung gestellt werden, wird Prävention in der Praxis kaum noch umgesetzt; das fängt dann dort schon an, wo Fahrräder und Sportvereinsbeiträge nicht bewilligt werden. Letztendlich wird dann doch so lange gewartet, bis die Probleme eine Komplexität und Intensität erreicht haben, dass man sich zum Eingreifen gezwungen sieht. Das ist dann immer weniger menschenwürdig, repressiver und auch teurer... Da die hier formulierten Lebens- und Sozialisationsbedingungen in direktem Widerspruch stehen zu den großen Politikentwürfen von Bundesregierung und Opposition (s.u.), kann es nicht verwundern, das sich die Kreisläufe sozialer Benachteiligung lebensgeschichtlich wie generationsübergreifend immer weiter fortsetzen...

Wenn man sich Gabis ‚Hilfekarriere' in groben Schritten rekonstruiert, kann man sich einen Eindruck machen, über die Verkettung der verschiedensten Interventionsformen, verschiedenster Kostenträger und verschiedenster Kollegen der Sozialarbeit: Ihren Misserfolg dokumentieren sie quasi dadurch, dass sie die Verkettung nicht unterbrechen konnten. Wenn in vorherigen Kettengliedern der Misserfolg durch Kosteneinsparungen verursacht ist, müssten dem Träger eigentlich die gesamten Folgekosten der anschießenden Kostenträger angelastet werden.



Will man sich eines Bildes aus dem Sport bedienen, kann man sich auch eine Vorstellung machen, wie sich die Kettenglieder zu einem generationsübergreifenden Kreis schließen: Dort wo die geburtsvorbereitenden Angebote Gabis Eltern nicht ausreichend haben helfen können, wurde das ‚Staffelholz' der Hilfekarriere an Gabis übergeben; sollte sie nach Beendigung des eigenen Hilfeangebotes schwanger werden; würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit das ‚Staffelholz' an das Kind übergeben...

1. Sozialbehörde, Krankenkasse, Gesundheitsbehörde, Mutter-Kind-Stiftung: Schwangerschaftsberatung, Geburtsvorbereitung, Sicherstellung der Finanzen der Familie in den ersten beiden Lebensjahren

2. Jugendamt oder Sozialbehörde: bieten den Eltern eine Partnerberatung an, nachdem Nachbarn die Polizei riefen, weil das Kind immer schreit

3. Jugendamt: Elternberatung nachdem der Vater weg und Mutter alleinerziehend ist

4. Jugendamt: ambulante familienunterstützende Hilfen der Jugendhilfe

5. Jugendamt: veranlasst die Heimunterbringung

6. Jugendamt: bezahlt das Kinderheim mit seinen Sozialpädagogen

7. Jugendamt: organisiert und finanziert die Pflegefamilie

8. Schulbehörde und Jugendbehörde: zahlen das Internat

9. Schule: Schulsozialarbeit versucht Schulprobleme (Leistung und Verhalten) kooperativ mit Pflegeeltern zu lösen

10. Gesundheitsbehörde: Bietet Drogenberatung wegen Cannabiskonsum

11. Sozialbehörde: zahlt Sozialhilfe

12. Sozialbehörde und Arbeitsamt: organisieren und finanzieren eine sozialpädagogisch begleitete Ausbildung nachdem die erste abgebrochen wurde

13. Sozialbehörde: zahlt Sozialhilfeberatung eines freien Trägers, weil Gabi finanzielle Probleme hat

14. Justizbehörde: bietet Schuldnerberatung an

15. Sozialbehörde: organisiert und finanziert Unterbringung im Frauenhaus, weil sie wegen Mietschulden die Wohnung verloren hat

16. Innenbehörde: observiert Gabi, weil sie als Kleindealerin ihren Drogen-Eigenbedarf finanziert

17. Justizbehörde: führt das erste Verfahren durch, muss Pflichtverteidigung bezahlen

18. Sozialbehörde: zahlt die Bewährungshelferin

19. Justizbehörde: muss nach dem nächsten Prozess und der Verurteilung die Haft und den Sozialpädagogen des Strafvollzuges finanzieren

20. Sozialbehörde: zahlt hinterher wieder die Bewährungshelferin

21. Krankenkasse oder Sozialbehörde: zahlen die Verarztung von Abszessen

22. Sozialbehörde und Gesundheitsbehörde: zahlen verschiedene Drogenberatungsstellen mit ihren Sozialpädagogen, die von Gabi aufgesucht werden

23. Krankenkasse oder Sozialbehörde: zahlen die Entgiftungsbehandlung

24. Rentenversicherungsträger oder Sozialbehörde: zahlen mehrere Therapien

25. Gesundheitsbehörde: zahlt die Betreuung von drogenabhängigen Prostituierten

26. Krankenkasse oder Sozialamt: zahlen Zahnprothesen für die durch den Drogenkonsum zerstörten Zähne

27. Sozialbehörde: zahlt Wohnung, Lebensunterhalt und den Hund

28. Behindertenabteilung des Sozialamtes: bezahlen die Arbeitsassistenz auf dem Bauernhof für drei Monate

29. Arbeitsamt: zahlt dem Bauernhof Zuschuss für die Einstellung von Langzeitarbeitslosen

Wenn nun nicht die Stabilisierung und Selbstständigkeit gesichert wird, kann sich die Hilfespirale noch weiter drehen...

30. (Krankenkasse oder Sozialamt: Operation am Herzen wegen abgebrochener Nadel in der Herzklappe (s.o.))

31. (Krankenkasse oder Sozialamt: Sterbebegleitung im Hospiz der Aidshilfe)

32. Wenn Gabi trotz eines möglichen erneuten Scheiterns doch ein Kind bekommt, kann der Grundstein für eine neue, weitere Hilfekarriere gelegt sein

33. (...)

Grafisch kann man diese Verkettung so darstellen, das sich das oben skizzierte Phasenmodell immer wieder aneinander anschließt und die Kette von Benachteiligung und Hilfe auch auf die eigene Kinder übertragen werden...

Kreislauf – Grafiken hintereinander verkleinert 4 Stück

Erinnern wir uns an die Frage, ob das Jugendamt ein graduell teures Kinderheim finanzieren soll, wo Kinder auf berufsrelevanten Niveau lernen mit Pferden zu arbeiten. Vergleicht man dies mit Gabis Biografie, deren Verkettung von Hilfe-Maßnahmen nun im gleichen Kinderheim über die Arbeit mit den Pferden durchbrochen werden soll, fällt schnell ins Auge, dass die gleiche Entscheidung zwischen ‚Arbeits- und Spielpferd' auch über 30 Jahre zuvor (zwischen den Punkten 5 und 9) hätte gefällt werden können. Mit dem gleichen Angebot kann also versucht werden, den Kreislauf von Benachteiligung und Hilfemaßnahmen bei einer erwachsenen Frau und einem Kind zu durchbrechen. Bei dem Kind steht nicht nur eine Entscheidung zwischen verschiedenen Pferden oder zwischen graduell unterschiedlich hohen Tagessätzen, sondern auch darüber an; ob man das Risiko einer 30jährigen Maßnahmekarriere eingehen möchte. Bei Gabi kann man erkennen, was ggf. dem jungen Mädchen für eine leidvolle Biographie droht, weil sich das Jugendamt aus seiner kurzsichtigen Sicht an einen minimalen Sparerfolg klammert.







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