Intervention in der Gemeinwesenarbeit

Aus Soziale Arbeit heute

Um die Nachbarschaft in der vorgestellten Siedlung zu stabilisieren, wird man den Bewohnern nahe bringen müssen, dass sie sich ihren Stolz -auf soziale Transferleistungen zu verzichten- nicht mehr länger leisten könnten. Sie müssen wissen, dass es sich um Rechtsansprüche handelt, die man doch auch unabhängig vom Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen einlösen könnte. Wer Sozi kassiert zeigt damit nicht, dass er den Staat toll findet, sondern löst allein seinen Rechtsanspruch ein. Es ließe sich dadurch für alle die Lebensqualität verbessern und -wenn es einem denn wichtig ist- zugleich glauben lassen, den Staat reinzulegen. Strategisch gesehen geht es v.a. darum, den Kompensationsbedarf zu reduzieren, der durch informelle und immaterielle Nachbarschaftshilfen gedeckt werden muss; nur so lässt sich die solidarische Nachbarschaftsstruktur vor Überforderung schützen und deren ökonomisierbarer Nutzen sichern. Zunächst wird man Beratung anbieten; nicht nur im Hinblick auf Rechtsansprüche, sondern auch bzgl. des persönlichen Auftretens auf den Ämtern. Von Beginn an sollte man versuchen, in allen Punkten die Bewohner zur Eigeninitiative und Selbsthilfe anzuleiten. Es gilt, die alten Selbsthilfekompetenzen zu reaktivieren, statt sie durch unnötig intensive Fremdhilfe zu verschütten. Kosteninteressen sollten hinter dem Ziel maximaler Selbsthilfe jedoch nur eine nachrangige Rolle spielen und stattdessen die psychisch positive Dimension eines Maximums an Eigenständigkeit in den Mittelpunkt rücken. Während die jugendlichen Bewohner in ihrer schulischen wie beruflichen Qualifizierung unterstützt werden sollten, um ihre späteren Berufs- und Erwerbschancen zu verbessern, wird es bei den Erwachsenen kaum noch Möglichkeiten geben, formale Bildungsabschlüsse zu erwerben oder zu verbessern.



Kann man ihnen zwar ggf. noch Fortbildungen für Computer anbieten oder bsp. mal einen Gabelstaplerführerschein erwerben lassen, wird man sich im Regelfall darauf konzentrieren müssen, ihnen Beschäftigung und Lohnerwerb auf dem 2. Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Da Möglichkeiten auch in diesem Bereich abgebaut werden, wird man sich zudem prüfen müssen, ob Engagement und Qualifikationen, die bisher ehrenamtlich in die Quartiersgemeinschaft eingebracht wurden, nun entlohnt werden könnten und bis zu welchen Grenzen das Sozialamt bereit wäre, Nebenverdienst anrechnungsfrei zu belassen.<ref>In einigen Bundesländern können bis zu 120 Euro anrechnungsfrei im Monat zusätzlich zur Sozialhilfe hinzuverdient werden.</ref> Da man an gewachsenen Tauschnetzen anknüpft, muss man sich aber der Gefahr bewusst sein, dass man durch Bezahlung von einzelnen Gliedern ehrenamtlicher Hilfenetze, ein komplexes Gleichgewicht verändert. Man kann einen Flurschaden anrichten, wenn wie Dominosteine plötzlich alle Bewohner ihren Beitrag zurücknehmen, wenn sie nicht auch bezahlt werden. Die Bewohner haben bewiesen, dass sie auch ohne formelle Berufsausbildung prinzipiell bezahlfähige Dienstleistungen anbieten könnten. Dies bezieht sich v.a.

1. wohnungs- bzw. wohnumfeldbezogene Arbeiten wie Sanierung, Renovierung, Freiflächengestaltung sowie Mieterselbstverwaltung.

2. soziale und jugendpflegerische Aufgaben wie offene Kinderarbeit, Schularbeitenhilfe sowie die Pflege von kranken, alten oder behinderten Menschen.

3. die Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenhalts durch Sommer- und Kinderfeste sowie Vereinsaktivitäten des Bewohnervereins.

  • Bezüglich des ersten Punktes könnte man mit dem Wohnungsbauunternehmen darüber verhandelt, inwiefern gegen Honorar Sanierungs-, Renovierung-, Grünflächen-, Hausmeister- und Mieterverwaltungstätigkeiten ausgeführt werden könnten. Das Sozialpädagogische Institut in Berlin oder die Hamburger Lawaetz-Stiftung haben bsp. gute Erfahrungen damit gemacht, unter Anleitung von Architekten, Kaufleuten und Sozialarbeiter den Bewohnern die Selbstverwaltung der Wohnungen zu überlassen inkl. der geschaffenen sozial- und freizeitbezogenen Infrastruktur (Grillplatz, Spielhaus, Café, Gemeinschaftsküche, Werkstatt) Diese Infrastruktur soll gleichzeitig die ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe wiederbeleben und mit der Kultivierung handwerklicher, kultureller und sozialer Kompetenzen auch die psychische Integrität fördern. So könnte allgemein auch ohne Mieterhöhung die Wohnqualität angehoben werden; Mietergärten hätten nicht nur eine Freizeitfunktion; der gemeinsamen Geräteschuppen bietet -sofern es nicht zur Pflege der öffentlichen Grünanlagen benötigt wird- das nötige Gartenwerkzeug, um Obst und Gemüse anzubauen. Dies entlastet nicht nur die Haushaltskasse, sondern gibt einem auch kleine Präsente in die Hand, mit denen man sich gegenseitige Freude machen und für Einladungen bedanken kann.
  • Die sozialen und jugendpflegerische Hilfen (z.B. Altenkreis, Kinderbetreuung, Schularbeitenhilfe) sollten möglichst seitens der Jugend- und Sozialhilfe finanziell honoriert werden. Wenn die nötigen Räumlichkeiten nicht auch durch die Verwaltung finanziert werden können, sollte man überlegen, ob Räume gestellt und die Mieten auf alle Bewohner umgelegt werden könnten. Es sollte versucht werden, neben den vormals schon geleisteten ehrenamtlichen Angeboten, auch solche zu schaffen, die der Ernährungssituation Rechnung tragen (z.B. Beratung, Mittagstisch, Sportgruppe). Die Räume sollten neben der Erwachsenenbildung, Altenkulturarbeit, Selbsthilfegruppen von alleinerziehenden Menschen auch als Internetcafe nutzbar sein, um allen Zugang zu Computer und Internet -als beruflicher Schlüsselkompetenz- zu sichern. Beratung zu verschiedenen Lebenssituationen könnte integriert werden wie auch ein nachbarschaftlicher Pflegedienst, der sich in unterschiedlichem Maße auch durch die Pflegerversicherung finanzieren lässt. Durch gemeinsame Angebote mit den neuen Bewohnern und den ausländischen Nachbarn innerhalb der Siedlung, sowie mit Nachbarn außerhalb, sollen Barrieren und Konfrontationen abgebaut und die subkulturelle Isolation überwunden werden.
  • Stellt man die soziale Funktion eines Kiosk in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, kann man eine entsprechende Existenzgründung als gemeinnütziges Projekt zur Reintegration von langzeitarbeitslosen Menschen fördern lassen. Man sollte nichts unversucht lassen, dies auch für zielgruppenspezifische Freizeiteinrichtungen zu versuchen, wie bsp. ein Jugendclub oder ein Kulturcafé für ältere Menschen. Die kulturellen Eigenaktivitäten sind entweder mittels öffentlicher Gelder oder wie früher durch kostenlose Leihgabe von Musiktechnik, Bühne, Bänke... sicherzustellen.

Bei allen Hilfen sollte berücksichtigt werden, dass die Bewohner ihre Selbsthilfe bisher -im wahrsten Sinne des Wortes- weitestgehend selbstständig organisierten. Diese Selbsthilfe darf nicht durch überdimensionierte Sozialpädagogik erstickt (‚overprotecting'), sondern nur durch anschiebende und begleitende Unterstützung wiederbelebt und ggf. ausgebaut werden. Die Unterstützung der siedlungsinternen Netzwerke darf nicht zu dem negativen Begleiteffekt führen, dass sich die Abschottung zur Nachbarschaft und Stigmatisierung durch die Nachbarschaft verschärft. Auch innerhalb der Siedlung ist darauf zu achten, dass alle Bewohner von der Hilfe profitieren und die ersten Ansatzpunkte des Ausschlusses von Sündenböcken rückgängig gemacht werden.





Neben den Wandbildern muss sichergestellt werden, dass die Bürgerbeteiligung immer wieder Spuren hinterlässt, die Identifikation stiften und zu neuem Engagement motivieren. Vielleicht ergibt sich i.d.S. die Möglichkeit, im Rahmen von Projekt-Studien-Angeboten gemeinsam mit Studierenden des Sozialwesens und Anwohnern einen Dokumentarfilm zu drehen. Zur Sicherung des gegenseitigen Informationsflusses, wird die Stadtteilzeitung eines Bewohners reaktiviert, eine Schaukasten mit Beschwerdebriefkasten installiert und eine regelmäßige Rückkopplung mit den Bewohnern institutionalisiert. Diese muss sich den Artikulationsmöglichkeiten der Bewohner anpassen und kann ggf. auch den Charakter gemeinsamer Ausflüge, Feste oder Kegelabende annehmen. Keine Bewohnergruppe darf systematisch ausgeschlossen werden oder sich so fühlen. Ggf. muss improvisiert und der Pastor für die älteren Menschen aktiviert werden, während die Kleinen über einen Malwettbewerb beteiligt werden...

Der Rückzug aus dem Quartier kann nur langsam erfolgen und nicht im Voraus zeitlich fest terminiert werden. Er muss sich an der Eigenständigkeit der Bewohner orientieren, darf sie nicht überraschen und lässt sich manchmal auch nicht zu 100% umsetzen; dh. ggf. muss in stark reduziertem Umfang eine halbe Stelle zur Organisation und Krisenintervention langfristig Bestand haben...

Auch wenn selten die Möglichkeit besteht, im Hilfeprozess alle Phasen in der hier angedeuteten Ausführlichkeit zu durchschreiten und die Intervention meist auch nicht an entsprechend detaillierte Vorarbeiten anknüpfen kann, sollten wir versuchen, so viele der vorgestellten Aspekte wie möglich zu berücksichtigen. Schon nach kurzer Berufserfahrung werden viele Aspekte schnell und intuitiv integriert, so dass die Intervention hier komplexer erscheint, als sie dann in der Praxis ist. Auch im Falle einer Krisenintervention können wir -zeitlich auf ein Minimum komprimiert- die wichtigsten Aspekte berücksichtigen und spontanen Herausforderungen gerecht werden.

Wenn bsp. der Kinder- und Jugendnotdienst mit einem Vorlauf von nur zwei Stunden zwei vier und sechs Jahre alte Geschwister im Kinderhaus vorbeibringt, die von der Polizei aus einer Wohnung befreit wurden, wo sie -scheinbar mehrere Tage alleingelassen- wegen Hunger zunehmend geschrieen und die Nachbarn auf sich aufmerksam gemacht haben... Obwohl wir eigentlich nur Kinder im Alter von 8-17 Jahren aufnehmen und man vielleicht keinen Bezug zu 4jährigen hat, wird eine angemessene Form gefunden, die traumatisierten Kinder in Empfang zu nehmen. Vielleicht holt man sie lieber selber ab und geht erst mal ein Eis essen. Dann lernen sie erst einmal mich kennen und werden nicht gleich mit der ganzen Meute konfrontiert, vielleicht ist es gut, wenn zwei von den Jüngeren so lieb sind, ihnen (aus ihrer Sicht) Haus, Zimmer, Haustiere, Mitbewohner, Mitarbeiter vorzustellen, vielleicht ziehen wir den später geplanten Zoo-Besuch vor, damit sich schon morgen alle ungezwungen kennenlernen können, vielleicht warten wir lieber, bis sie etwas von sich erzählen, statt sie auszufragen, vielleicht legen wir die Akten erst einmal eine Woche ungelesen zur Seite...







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