Intervention ist kein gradliniger Prozess

Aus Soziale Arbeit heute

Intervention ist kein gradliniger Prozess, der kompromisslos einen in der Diagnose skizzierten Hilfeplan abarbeitet. Der Hilfeplan stellt allein eine Orientierung dar, die im Laufe der Intervention stetig modifiziert wird: Umwege werden gegangen, Ziele und Geschwindigkeiten verändert, zusätzliche Akteure einbezogen oder auch ‚Spielregeln' der Zusammenarbeit dem Einzelfall angepasst... durch regelmäßige Rückkopplung vergewissern wir uns immer wieder einer gemeinsamen Interpretation des Hilfeprozesses. Diese Rückkopplungen sind integraler Bestandteil der Intervention; sie ähneln insofern der ersten beiden Phasen, als dass die im Kontrakt formulierte gemeinsame Arbeitsgrundlage immer wieder durch neue Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit präzisiert wird. Es gibt zudem Überschneidungen mit der letzten Phase, der Evaluation, die u.a. die Aufgabe wahrnimmt, begleitend die Wirksamkeit der Hilfe bzgl. Aufwand und Zwischenerfolgen zu erforschen. Die gemeinsamen Reflexion verfolgt zwei Dimensionen, die in einer engen wechselseitigen Beziehungen stehen und hier allein aus analytischen Gründen getrennt werden in eine ‚emotionale' und ‚inhaltliche'.

‚emotional':

Da sozialpädagogische Intervention dem Prinzip der ‚Hilfe zur Selbsthilfe' folgt, wird dem Klienten zunehmend abverlangt, gemeinsam entdeckte Ressourcen eigenständig anzuwenden und einzuüben, damit er zukünftig seine Probleme auch ohne sozialpädagogische Unterstützung lösen kann. Damit ändert sich gegenüber der Eingangsphase das Auftreten des Sozialpädagogen:

  • Er tritt zunehmend fordernd auf,
  • er verweigert punktuell die Unterstützung, um Erfahrungen der Selbstständigkeit zu initiieren,
  • die Asymmetrie zwischen beiden wird zunächst deutlicher, weil es i.d.R. um Kompetenzen geht, welche der Sozialpädagogen bereits hat und der Klient lernen soll; da der Klient teils älter ist, provoziert die Rolle des ‚Lehrers' oft Irritationen.
  • Zum Ende der Intervention wird dann das Ausmaß an Asymmetrie wieder reduziert, dadurch dass der Klient seine ‚Entwicklungsdefizite' im Vergleich zum Pädagogen wie auch zur Allgemeinheit ausgleicht.
  • (...)

Die zunehmenden Erwartungen, die an den Klienten herangetragen werden, können zu Störungen in der Klienten-Helfer-Beziehung führen: Vertrauen und Sympathie können sich beidseitig verändern; Enttäuschungen, Frust, Aggressionen und beidseitig Missverständnisse können provoziert werden... Der Sozialpädagoge muss sich immer wieder vergewissern, ob der Hilfeprozess nicht doch von seinen individuellen Interessen, Erwartungen, Wahrnehmungen und Emotionen dominiert wird, die der Situation und/oder der Person nicht gerecht werden, wenn

  • sich die Klienten erhoffen, durch die Sozialpädagogen von Verantwortungen entbunden zu werden.
  • sie den Helfer als ungeduldig erleben und sich unter Zeitdruck gesetzt fühlen, weil man mehr Zeit braucht, um eigene Lösungen zu finden, oder der Helfer oft auf die Uhr guckt oder sagt: ‚Nun bist du schon zwei Monate hier. Da wird es aber Zeit, dass du endlich...'
  • sie den Helfer als Besserwisser erleben, der ggf. stets seine Interpretation durchsetzen will und jeden fünften Satz oberlehrerhaft mit ‚verstehst du?' beendet...
  • sie sich subjektiv plötzlich im Stich gelassen fühlen, den Helfer wegen seiner stetigen Aufforderungen zur Selbstständigkeit ggf. als Provokateur empfinden und deshalb Antipathien gegen ihn entwickeln.
  • wenn sie ihren subjektiven Nutzen im Hilfeprozess aus den Augen verlieren und dem Helfer unterstellen, allein Geld verdienen oder individuelle Befriedigung aus ihrem Leid ziehen wollen.
  • sie sich über- oder unterfordert fühlen.
  • sie das Gefühl haben, den Hilfeprozess nicht angemessen beeinflussen zu können.
  • ihre Defizite scheinbar im Mittelpunkt stehen bleiben, die Stigmatisierung so aufrecht erhalten wird und die erzielten (Zwischen-) Erfolge scheinbar weder Beachtung noch Lob finden.
  • (...)

Auch die Helfer müssen Gelegenheit bekommen, sich zu rechtfertigen, eigene Unzufriedenheiten kundzutun, Interpretationen über die Entwicklung zu äußern und Vorschläge zur Veränderung der Zusammenarbeit zu machen, wenn

  • die Klienten Eigeninitiative und Risikobereitschaft selbst auf niedrigem Niveau vermissen lassen.
  • ‚Hausaufgaben' (die eigenständige Nutzung von gemeinsam entdeckten Ressourcen) nicht gemacht werden.
  • die Klienten scheinbar nicht sehen und anerkennen, dass man sich zu deren Wohl und Nutzen bemüht.
  • man sich als Sündenbock ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt fühlt, die eigentlich andere treffen müsste.
  • Vereinbarungen über Verbindlichkeiten (Pünktlichkeit, rechtzeitig Absagen...) missachtet werden.
  • (...)

Wichtig ist, dass diese Aussprachen in einer offenen und v.a. repressionsfreien Atmosphäre stattfinden. Gegenseitige Kritik soll konstruktiv allein der Optimierung der Zusammenarbeit dienen; sie dient nicht dem gegenseitigen Schuldvorwurf und Aggressionsabbau. Die Kritik sollte mit Lösungsvorschlägen verknüpft werden, die möglichst zeitnah zu prüfen sind; es scheint sinnvoll, im Anschluss die Veränderung gemeinsam zu bewerten. Damit Unklarheiten reduziert und Vertrauen gestärkt werden, sollte der Klient Einsicht in seine Akten nehmen können, in denen die gemeinsam getroffenen Vereinbarungen fortgeschrieben werden. Akteninhalte, die bei bestem Wissen und Gewissen wirklich nicht in Klientenhände gelangen sollten, müssen ggf. anderenortes aufbewahrt werden. (z.B. Hinweise darauf, dass der Klient ein Adoptivkind ist, wenn er es bisher noch nicht wissen; Gutachterliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch seitens des verstorbenen Opas im Kindesalter von sechs Jahren, der nach 15 Jahren in -für uns nicht nachvollziehbarer Weise!- ins Unbewusste verdrängt wurde...)

‚inhaltlich':

Neben der regelmäßigen Überprüfung der emotionalen Grundlagen der Hilfebeziehung sind die inhaltlichen Rahmenbedingungen dem Hilfeprozess anzupassen. Dies bezieht sich in erster Linie auf das vereinbarte Ziel: Im Laufe der Zusammenarbeit wird bsp. schnell deutlich,

  • ob die Bemühungen um ein Maximum an Selbstständigkeit wirklich in eine selbstständige Haushaltsführung oder in den ersten Arbeitsmarkt führen können, oder
  • Wohnen langfristig doch einer sozialpädagogischen Begleitung bedarf und die Überwindung der Arbeitslosigkeit doch unwahrscheinlich erscheint.

Dies bedeutet, mit Fingerspitzengefühl die gemeinsame Zielvorstellung zu revidieren, ohne dadurch die emotionale Seite zu gefährden. Vielleicht bemüht man sich nun darum, den Klienten zu unterstützen eine für ihn geeignete betreute Wohnform zu finden. ‚Geeignet' bedeutet vielleicht, einen Träger zu finden, der Angebote verschiedener Betreuungsintensität vorhält und ohne einen erneuten Trägerwechsel auch den Übergang in eine Verselbstständigungsgruppe eröffnet, um somit zumindest theoretisch noch dem Wunsch Rechnung trägt, möglichst eigenständig zu leben...

Vergleichen wir die Anforderungen auf dem 1. Arbeitsmarkt mit den vorhandenen Ressourcen, sowie der Lernbereitschaft und -fähigkeit, Ressourcen auszubauen, schwinden die Chancen auf Reintegration vielleicht schnell. Betrachten wir selbstkritisch unsere Idee, über Bewerbungstraining und Immageberatung mittelfristig einen Arbeitsplatz zu sichern, erkennen wir, dass wir zugleich unseren Klienten und uns selbst überfordert haben und nun Gefahr laufen zu frustrieren. Während wir selbst einen solchen Frust im Einzelfall verkraften können, riskieren wir auf Seiten des Klienten ggf. nachhaltig Demotivation oder Depression und laufen Gefahr, dass die Ressourcen zur Lebensbewältigung durch den Rückschlag in ihrer Summe sogar unter das Ausgangsniveau zurückfallen. Wir müssten uns ggf. um Verständigung auf ein neues Ziel bemühen (‚Kompetenzen zur befriedigenden Lebensbewältigung in der Arbeitslosigkeit fördern'). Dann würde man nicht Gefahr laufen, die Zusammenarbeit gänzlich ohne Erfolg zu beenden und behält sich die Möglichkeit vor, im Falle einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt die Chance erneut zu nutzen. Als Zwischenziele mit eigener Qualität könnten dann formuliert werden: Schamgefühle überwinden, Selbstbewusstsein entwickeln, rechtliche Grundkenntnisse des AFG/BSHG erwerben, sich in sinnvoller und befriedigender Freizeitbeschäftigung üben, unabhängig von unmittelbarer Hoffnung auf einen Arbeitsplatz ggf. Computerkenntnisse, Fremdsprachen oder Schulabschlüsse ausbauen...

Die einzelnen Schritte der sozialpädagogischen Intervention müssen hinsichtlich Größe und Frequenz richtig dosiert sein. Die regelmäßigen Rückkopplungen stellen sicher, dass sich die Klienten weder über- noch unterfordert fühlen. Eine Unterforderung führt selten nur dazu, den Hilfeprozess unnötig zu strecken, sondern löst oft eine Verweigerungshaltung der Klienten aus, die sich nicht ernst genommen oder gar beleidigt fühlen; zu große Schritte und/oder eine zu schnelle Abfolge können Gefühle der Überforderung mit den gleichen Reaktionen auslösen. Es ist sicherzustellen, dass die einzelnen Etappen quasi als eine sportliche Herausforderung angesehen werden, wo vereinzelte Rückschläge dazugehören. Da alle mal einen schlechten Tag haben, sind Rückschläge dann kein Grund aufzugeben, sondern Anlass, die Strategie zu modifizieren... im Falle des Erfolges, ist es wichtig, sich nicht nur punktuell zu freuen, sondern v.a. sicherzustellen, dass der Erfolg als neue Ressource internalisiert, also zur Lösung zukünftiger Herausforderungen mit ins Verhaltensspektrum aufgenommen wird. Das heißt, wir reflektieren gemeinsam, das vorherige Gefühl der Ohnmacht, die Freude über den ‚Sieg', die einzelnen strategischen Schritte, die diesen Erfolg ermöglicht haben, sowie die Übertragbarkeit auf andere Herausforderungen... damit sichergestellt ist, dass man sich in Zukunft seltener von -auf dem ersten Blick scheinbar unüberwindbaren Aufgaben- abschrecken lässt: Man sollte im Selbstkonzept des Klienten möglichst fest verankern, dass er z.B. nicht nur im eigenen Haus (einmalig) vier Stockwerke im Fahrstuhl gefahren ist, sondern dass er im eigenen Haus (generell) Fahrstuhl fahren kann, dass er es dann eigentlich auch im Nachbarhaus können müsste, selbst wenn es sich vielleicht dort um ein Hochhaus handelt... Wo er nun sehr stolz auf das Fahrstuhlfahren ist, darf er auch darüber nachdenken, ob er nun auch die große Angst überwinden kann, mit der U-Bahn zu fahren... Im beruflichen Kontext müssen wir lernen, unsere Klienten -so wie auch Kinder- für Dinge zu loben, die uns selbst als selbstverständlich erscheinen. Unser Einfühlungsvermögen stellt sicher, dass wir selbst kleinste Schritte aus Sicht der Klienten wahrnehmen und unser kommentierendes Lob wohlwollend und ernsthaft klingt. Empathie und Selbstreflexion werden verhindern, dass der nächste Schritt zu groß ausfällt oder zu schnell folgt und uns v.a. disziplinieren, abzuwarten, bis unser Klient selbst neue Ziele formuliert und Wege sucht, sie zu erreichen. Die nötige Zeit zu geben, eigene Erfahrungen machen zu lassen, über die man selbst längst hinaus ist, kann zur Qual werden:

  • Abwarten und die Problemanalyse und -lösung selbst finden lassen und die Legoeisenbahn nicht gleich aus der Hand nehmen, wenn schon im Ansatz zu sehen ist, dass die Batterien falsch eingesetzt sind...
  • Das Ikea-Regal in sieben Minuten selber zusammenbauen oder 45 Minuten helfen, die Explosionszeichnung richtig zu lesen und zwei Fehlversuche gemeinsam durchzustehen, ohne dass eine Seite beleidigt ist, heult und die Zusammenarbeit zur Disposition stellt...
  • (...)

Stellen wir uns vor, wir haben mit unserer Klientin Gabi aus der Drogenhilfe vereinbart, sie soll bis zur nächsten Woche in einer Kirchengemeinde am Stadtrand nachfragen, ob sie in der Freizeitrockband mitspielen kann. Zur Förderung von Selbstbewusstsein und sozial-kultureller Kompetenzen bemühten wir uns doch seit geraumer Zeit darum, Kontakte außerhalb der Drogenszene auszubauen, und mit ihrer musikalischen Begabung zu verbinden. Wenn sie dann die nächsten beiden Termine unentschuldigt platzen lässt, kann man sich spontan gerne mal ärgern, muss dann aber den Hilfeprozess rekonstruieren und Gründe für die plötzlich fehlende Zuverlässigkeit suchen. Dabei müssen wir uns unserer Emotionen bewusst werden: Wir ärgern uns. Wir machen uns Sorgen um Gabi. Wir haben Angst vor der Staatsanwaltschaft, weil wir eigentlich verpflichtet wären, sofort ihr Fernbleiben zu melden; dann würde die Strafaussetzung zurückgezogen und sie binnen zweier weiterer Wochen zur Fahndung ausgeschrieben und in Haft genommen werden. Der Ärger auf sie, dass sie uns in diese Situation gebracht hat, paart sich mit den Selbstzweifeln, ob wir ihr die Situation nicht richtig verdeutlicht haben. Sie riskiert ihre ‚Freiheit', wir riskieren die Zusammenarbeit und der Träger riskiert seine Anerkennung Therapien nach §35 BTMG anzubieten...

  • Wir wissen, dass es nicht so schlimm ist, eine ‚Hausaufgabe' nicht zu machen und dass man deswegen keine Angst haben muss; aber weiß sie das auch?
  • Wir hatten ihr gesagt, dass einige der Rockmusiker Freunde von uns sind; hätten wir, auf das Lehrbuch hören müssen, stets Privates und Berufliches zu trennen, damit sie weniger Angst hat, uns persönlich zu enttäuschen?
  • Können wir uns überhaupt sicher sein, dass sie eine gute Musikerin ist und sich nicht überfordert fühlen muss?
  • Ist es zu viel für sie gleich in einem anderen Stadtteil in fremden Räumen vor mehreren fremden Personen zu spielen? Hätten wir sie hinbringen oder erst mal nur einen von denen kommen lassen sollen? Kann sie sich überhaupt anhand eines Stadtplanes orientieren? Schämt sie sich ihrer Biografie? Denkt sie, die befreundeten Musiker würden alles von ihr wissen?
  • (...)

Wir baten zwei andere Klienten, ihre Hunde dort auszuführen, wo auch Gabi mit ihrem Hund zu vermuten war, und ihr mitzuteilen, dass alles ganz locker sei, sie sich (noch) keine Sorge machen muss, dass sich das mit den Sorgen aber schnell ändern kann und sie sich deshalb zwingend und schnell bei uns melden soll. Nicht weil wir schimpfen wollen, sondern sie doch um die Staatsanwaltschaft weiß... Letztendlich war objektiv nichts Schlimmes passiert, nur mussten wir uns später fragen, ob und warum wir die Situation falsch eingeschätzt haben. Sie wusste zwar genau wo sie hin musste, hatte auch das Geld für die Fahrkarte zur Hand und wollte dann aber mit dem Bus und nicht mit dem Zug fahren. Dies ist angesichts von mehrfachem Umsteigen und 2stündiger Fahrzeit nicht nur unverhältnismäßig aufwendig, sondern mit dem Hund auch verboten. Sie hatte Angst, wir würden uns lustig machen wegen des Hundes; dass sie ihn nicht anderen zur Pflege anvertrauen möchte oder wegen der Angst vor dem Bahnfahren... Sie hat es dann doch mit der Bahn versucht, war dann aber zu spät. Dann hat sie sich nicht mehr getraut, dort hinzugehen, weil die sicherlich denken würde, ‚typisch Junkie'. Sie wollte sich dann als Entschuldigung lieber eine Krankschreibung holen, hat diese vom Arzt aber nicht gekriegt. Danach hatte sie Angst, wir würden sie rausschmeißen und sie müsste in den Knast... Aus Sicht von Gabi hat sich in wenigen Schritten ein scheinbar unauflösbares komplexes Problem entwickelt, vor dem sie resigniert hat und fliehen wollte. Die praktischen Probleme konnten schnell gelöst werden: Wir haben sie gelobt, weil sie den Weg immerhin erfolgreich mit der Bahn bewältigt hat, wenngleich zu spät. Wir haben sie überzeugt, dass die Musiker keine Vorurteile haben und nicht beleidigt sind, weil sie nicht gekommen ist... Es war nicht ein Problem ihrer fehlenden Ressourcen, sondern eines unserer falschen Einschätzung des Vertrauensverhältnisses und ihrer Ressourcen. Wir mussten uns fragen, warum wir ihr einen Eindruck vermitteln haben, der sie so einschüchtert hat und wie wir ihr dieser Eindruck nehmen können. Da wir einige Schwellen nicht gesehen oder unterschätzt haben, mussten nun zunächst einige neue Zwischenziele erreicht werden, bis ein nächstes Vorspielen bei der Band anberaumt werden konnte...

Beide Seiten brauchen in der Sozialen Arbeit Erfolgserlebnisse, die je nach Persönlichkeit mehr oder weniger lange auf sich warten lassen dürfen, ohne die Motivation zu untergraben. Sind die Probleme akut aber wenig komplex, lassen sich meist schon nach schneller Krisenintervention relativ große Erfolge verbuchen: Wenn das entzündete offene Bein verarztet, der Obdachlose im Winter trocken und warm untergebracht und das Straßenkind gesättigt ist... Menschen, deren Benachteiligungen sich -wie bei Gabi- jedoch schon derart haben zuspitzen können, verfügen über eine besonders geringe Ressourcenausstattung. Deshalb brauchen beide Seiten einen langen Atem, wollen sie die Lebenslage auch nachhaltig verbessern. Da Menschen mit größerem Ressourcenrepertoire viel mehr Probleme selber lösen können, verfügen sie i.d.R. auch über eine Wohnung und ‚warten' nicht so lange, bis ein Bein großflächig offen und entzündet ist...; wenn sie dennoch Hilfe brauchen, haben ihre Probleme ein wesentlich höheres Ausmaß an Komplexität. So sind dann auch diese Probleme trotz größerer Ressourcen nicht schneller oder mit größerer Erfolgswahrscheinlichkeit zu lösen.

Je nach Persönlichkeit bzw. Frustrationstoleranz sucht man sich Tätigkeitsbereich, wo entweder ‚große Erfolge' selten auftreten oder ‚kleine Erfolge' häufig und regelmäßig. Während wir unsere Vorlieben vorher kennen, müssen wir von unseren Klienten möglichst schnell in Erfahrungen bringen, wie sie mit Verzögerungen oder Rückschlägen umgehen, wie ausgeprägt ihre Risikofreude ist und über welche Zeiträume sie wie konzentriert arbeiten können, sowie psychisch wie physisch belastbar sind. Wollen Klienten einen großen Korb flechten, einen Lenkdrachen steigen lassen, ein Seifenkistenrennen fahren, ihre Wohnung selber streichen, einen Berg besteigen, als Sekretärin arbeiten, einen Kiosk betreiben, einen Schulabschluss nachholen, viel Geld verdienen... müssen diese Wünsche eben nicht nur in Einklang gebracht werden, mit den Ressourcen und der Möglichkeit, Ressourcen zu erwerben: Man kann es ggf. zu einer Frage der Mentalität erklären, wie lange man Energie in ein Ziel investieren kann ehe z.B. der Drachen endlich fliegt und beide Seiten ihre befriedigende Belohnung verbuchen können. Auf halber Strecke zu hoch gehängte Ziele aufgeben zu müssen, ist immer unbefriedigender, als im Vorwege mehr Zeit zu investieren, die Ziele der Realität anpassen. Dadurch schützt man sich und seine Klienten gleichermaßen vor unnötigen Frustrationen. Einen Pianisten versucht man vielleicht lieber von einer Umschulung zum Dirigenten, Komponisten oder für die Pauke zu überzeugen, wenn er in Folge eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt ist, statt ihn in seinem Ziel zu bestärken, wieder in der gewohnten Qualität am alten Instrument zu spielen... Andererseits muss man sich auch selber eingestehen können, dass man sein Klientel vielleicht niemals mehr im ersten Arbeitsmarkt integrieren wird; dass man sich und sein Klientel verarscht, wenn man Hoffnung macht, eine Farb- und Imageberatung ermöglicht eine solche Integration. Es ist nicht den Adressaten vorzuwerfen oder als Zeichen professionellen Scheiterns zu bewerten, sein Arbeitsfeld realistisch als ‚Gemeindenpsychiatrie' anzuerkennen, statt sich an die Illusion zu klammern, man würde ‚aktivierende GWA' und ‚Empowerment' betreiben. Wer die Realität von Grenzen nicht erkennen will, dem fehlt Empathie, der verhält sich unprofessionell, der überfordert Klientel, Mitarbeiter oder sich selbst und der offenbart, sich zwanghaft aus dem Nichts Erfolge konstruieren zu wollen. Letzteres führt zum Burnout und zerstört die eigenen beruflichen Ressourcen; anderenfalls können die vorhandenen Ressourcen des Klienten unwiederbringlich zerstört werden.

Erfolge können auch leicht vereitelt werden, wenn Arbeitsprojekte nicht zuende gedacht werden: Mit großem Enthusiasmus werden auf einem Kinderfest mit Kindern von sechs bis 10 Jahren Vogelhäuschen gebastelt, damit die Vögel im Winter nicht so frieren, nass werden oder hungern müssen... Die Meterware Holz wird mittels Schablonen markiert und mit Stichsägen zugeschnitten. Die Kinder -Stichsäge, Aku-Schrauber und Bohrmaschine in der Hand- platzen genau so vor Stolz wie die Studenten, die ihnen diese Erfahrungen möglich gemacht haben. Stück für Stück -wie bei der Sendung mit der Maus- nahmen die Häuschen Gestalt an und wurden Eltern und Großeltern voller Freude präsentiert. Soweit ein großer Erfolg; wären wir nicht auf die Idee gekommen, dass ein winterfestes Häuschen auch einen winterfesten Anstrich braucht, der logischerweise stundenlang in Ruhe! trocknen muss. Mangels Fähigkeit und Bereitschaft, die Häuschen einen Tag stehen zu lassen, liefen sie mit den klebrigen Dingern rum, Eltern waren gestresst, Studenten hatten Angst vor verklebter Kleidung, Häuschen wurden den Kindern weggenommen, Kinder fangen an zu schreien... Im nachhinein wäre es besser gewesen, die Häuschen nicht zu streichen, selbst wenn sie dann nur einen Winter durchgehalten hätten...

Ähnliches kann passieren, wenn man mit Kindern Pfefferkuchenhäuschen bastelt: Inspiriert von dem Erfolg mit den 6-10jährigen, will man nun auch mit den Kleinen welche basteln. Wenn man nicht daran denkt, diesmal große Kekse, statt kleiner Gummibären oder Smarties zu kaufen, sind die Kleinen überfordert: Mehr als zwei Stunden können sie sich nicht konzentrieren, wollen legitimerweise aber trotzdem ein fertiges Haus haben, sind aber nicht so schnell wie die Großen...

Bevor man mit seinen Klienten Experimente eingeht, die ggf. sogar ganz scheitern können, sollte man deren Risikofreude und Frustrationstoleranz im Planspiel vorab getestet haben. Das gilt nicht nur für umfangreiche Versuche, aus einem Baumstamm ein Kanu schnitzen zu wollen, sondern auch für kleinere wie der Anbau eigener Erdbeeren zur Herstellung von Marmelade oder die Entscheidung, einen Hefekuchen backen oder Popcorn machen zu wollen... Natürlich kann es für die Klienten auch sehr lehrreich sein, gemeinsam mit dem Pädagogen vom (fast) gleichen Ausgangspunkt aus, etwas Neues zu wagen, dabei gemeinsam aufgeregt zu sein und ggf. am Modell des Pädagogen zu lernen, ‚vernünftig' sowohl mit ‚Niederlagen', als auch Erfolgen umzugehen. Da ‚Niederlagen' aber immer die Gefahr von Störungen des Hilfeprozesses in sich bergen, wird man sich auch ganz genau überlegen müssen, ob man sich bewusst in Grenzbereiche der eigenen Kompetenz manövrieren oder aus didaktischen Gründen vorsätzlich Erfahrungen des Scheiterns herbeiführen möchte. Bleibt Scheitern in unserem Leben eher die Ausnahme, so dass wir vor dem Hintergrund unserer regelmäßigen Erfolge spielerisch mit ‚Niederlagen' umgehen können, sieht es bei unserem Klientel i.d.R. gegenteilig aus. Jedes Scheitern kann ihr Selbstbild bestätigen, schon immer eine Looser gewesen zu sein und dies auch zu bleiben... Es sollte keinesfalls versucht werden, sie vor diese Erfahrungen gänzlich zu bewahren, gilt der konstruktive Umgang mit (scheinbaren) Versagenserlebnissen doch als Gipfel der Souveränität und somit als wichtiges Leitziel sozialpädagogischer Arbeit; es sollte aber versucht werden, sie vor dem Hintergrund der jeweiligen Ressourcen, flankierender Erfolgserlebnisse und des Selbstbewusstseins zu steuern und in -für den Klienten- konstruktive Bahnen zu lenken.

Zentraler Gegenstand der Intervention ist, die Klienten darin zu unterstützen, ihre Ressourcen zur Lebensbewältigung auszuweiten, damit sie möglichst eigenständig Benachteiligungen überwinden oder sich neuen Benachteiligungen gegenüber, besser behaupten zu können. Wie oben schon ausgeführt wurde, stehen die unterschiedlichen Ressourcen in einem derartigen Zusammenhang, dass sie sich gegenseitig ersetzen bzw. verstärken, so dass erst ihre Summe über den Erfolg der Lebensbewältigung bestimmt. Da bei einer befriedigenden Lebensbewältigung zudem keines der vier Ressourcen-Dimensionen gänzlich wegbrechen darf (Ist es besser gesund, gebildet mit vielen Freunde aber bankrott zu sein oder gesund, gebildet, reich aber einsam?...), liegt es nahe, die Intervention vier-dimensional auszurichten. Dies bezieht sich sowohl auf Ressourcen, die am Rande des ursprünglichen Interventionsplanes liegen und leicht aufgegriffen werden können, wie auch auf Probleme in anderen Ressourcenbereichen, die sich erst im Laufe der Intervention abzeichnen:

Auch wenn man bei Gabi den Aufbau von sozialen Kontakten außerhalb der Drogenszene in den Mittelpunkt der Intervention gestellt hat, um ‚soziales Kapital' quantitativ wie qualitativ auszubauen, verfolgt man letztendlich das übergeordnete Ziel, ihre Ressourcenbasis in Gänze auszubauen. Wenn man also unvorhergesehen über das Mittel ‚Hund' ihr Interesse am Internet gewinnen kann (Hunderatgeber, Hunde Chat-Room...), sollte man dies nutzen, um gleichzeitig möglichst viele Computergrundkenntnisse zu vermitteln... Erzählt sie, wie gerne sie mal wieder ins Kino gehen würde, könnte man fragen, ob man nicht mit vier anderen einen Filmvorführschein und selber Kinoveranstaltungen machen möchte; der Hinweis -wegen der Angst vor Überforderung- dass dies nicht schwer sei und es bestimmt auch Hundefilme geben würde..., könnte nicht schaden. Obwohl das erworbene Zertifikat ‚Filmvorführer' objektiv von geringer Bedeutung ist, hätte es für sie -mangels anderer Zertifikate- subjektiv eine höhere. Die Bestätigung dieser bestandenen Prüfung könnte Mut machen für andere Herausforderungen und in eine (halb-) öffentliche Filmvorführung für alle Klienten münden. Diese Veranstaltung kann -mittels Fotos festgehalten- nachhaltig dokumentieren, wie erfolgreich nicht nur die Filmprüfung, sondern auch die Präsentation vor einer Masse anderer Menschen verlaufen ist und wie viel Spaß sie sich und anderen hat vermitteln können... Solche Umwege der Intervention können die Zusammenarbeit auflockern und zusätzlichen Ressourcengewinn sichern; selbstverständlich machen sie nur Sinn, wenn das Hauptziel dadurch nicht gefährdet wird; Spielräume für solche Umwege müssen ggf. gegenüber dem Träger oder der zuwendenden Verwaltung erstritten werden.

Einen Umweg wird man nun auch in der Zusammenarbeit mit Gabi gehen müssen, nachdem sie verängstigt den Kontakt unterbrochen hatte. Er wird über andere Teilziele, ggf. andere und zusätzliche Methoden sowie Akteure führen und weniger steil ansteigen: Unsere Idee, neben der Einzelfallarbeit, die sich doch immer wieder um ihre Defizite dreht, Gruppenaktivitäten zu ergänzen, um die Freizeitaspekte und die gemeinsame Freude in den Mittelpunkt zu stellen, scheint auch im nachhinein richtig. Die Schwelle zur Gruppenaktivität müsste jedoch gesenkt werden; nicht nur wegen der räumlichen Entfernung des Übungsraumes, sondern auch bezüglich einer sozialpädagogischen Begleitung solcher Musikgruppen. Diese Schritte hofften wir ursprünglich, überspringen zu können, um schneller Kontakt zu Menschen und Gruppen aufzubauen, die sich nicht aus dem Klientel Sozialer Arbeit rekrutieren... Ganz unabhängig von Fragen zur zeitlichen Abfolge und Größe der Schritte musste man in Gabis Verhalten sehen, dass zunächst noch einige Probleme bezüglich der gemeinsamen Arbeitsgrundlage im Einzelkontakt geklärt werden müssen, bevor man sich um die Förderung sozialer Kontakte mittels Gruppenarbeit kümmern kann. Dabei geht es besonders um Gabis Selbstbewusstsein, das ihrerseits ausgebaut werden müsste und unsererseits überschätzt wurde. Wir mussten uns eingestehen, selbst zu stark von unserer coolen Idee überwältigt gewesen zu sein und von dem Verlangen getrieben, einen schnellen Triumph zu verbuchen. Wir hätten intensiver klären müssen, ob und welche Probleme es gäbe und ihr wahrscheinlich mehr Zeit geben müssen, sich zu entscheiden. Vielleicht haben wir ihr auch signalisiert, dass wir es viel wichtiger finden, als sie selbst und sie zudem mit unseren ironischen Hundewitzen verunsichert. Es war dumm zu glauben, wir könnten genau so locker auf ihre Kosten Hundewitze machen, wie die Klienten uns und untereinander Pädagogenwitze erzählen... Waren unsere Hundewitze nicht geprägt von Antipathie oder gar Hundehass, sondern eher von freundlicher Anteilnahme, so ist es ein Zeichen unserer fehlenden Empathie statt ihrer Humorlosigkeit, wenn man sich hier nicht richtig verstanden hat. Wir müssen ihr vermitteln, dass sie vor uns keine Angst haben muss, wenn etwas nicht klappt, dass sie es uns sagen kann und soll, wenn wir mal doof sind oder doofe Ideen haben; dass dies uns nicht stört... Wir konnten uns gegenseitig deutlich machen, dass sich keiner wohl gefühlt hat, es dumm gelaufen ist, alle nun in ihrem Interesse daran arbeiten wollen... Aber selbst wenn man sich mal streiten sollte, müssen wir unbedingt immer wissen, wo sie ist und wie man sie erreicht, sind wir doch gegenüber der Staatsanwaltschaft rechenschaftspflichtig. Diesbezüglich hätten wir ein gemeinsames formales Problem, das weit größer und wichtiger ist, wie Ärger, Peinlichkeiten, Enttäuschungen... untereinander; wir müssen die Ebenen trennen, damit so blöde Missverständnisse oder -stimmungen niemals zum Bewährungswiderruf führen. Um dieses Risiko zu vermeiden wäre es immer noch besser, uns einen Zettel ‚Ich find euch scheiße - komme deshalb morgen nicht. Melde mich aber trotzdem nächste Woche' in den Briefkasten zu schmeißen. Wir verständigten uns ferner darauf, dass wir bei jeder neuen Herausforderung gemeinsam nach widrigen Aspekten forschen wollen, weil wir leicht etwas vergessen können, was ihr vielleicht viel klarer ist... Dies Nachfragen sollte sie weder als Misstrauen oder Verarschung interpretieren, sondern eher als Ausdruck unserer Unsicherheit... Während die Therapeutin sich nun mit ihr ernsthaft darum bemühen wird, auch einmal ,Nein!' zu sagen, zu widersprechen und Augenkontakte zu halten, hat eine Sozialpädagogin die Aufgabe übernommen, mit ihr eine Lösung zum Hundebahnfahren (Hundetraining, Internettips...) und eine verlässliche Möglichkeiten zu finden, den Hund zu hüten. Als neue Akteure kamen dadurch -zunächst theoretisch- die Hundeschule, eine Hundepension und eine ältere Dame in ihrem Haus hinzu, die nach Gabis Angaben ‚nett sei und auch Ahnung von Hunden' hätte. Zwei Wochenendkurse in der Hundeschule zum Thema Bahnfahren nahmen dem Hund die Angst; gemeinsame Bahnausflüge nahmen ihr die Angst. Der Kontakt zur Hundepension führte -wegen des Preises- zwar zu keiner stundenweisen Entlastung von der Hundepflege aber zu einem kleinen Job zur ökonomischen Entlastung. Die ältere Dame, die im gleichen Haus wohnt und häufiger auch mit ihrem Hund im Park getroffen wird, wurde erstes ‚Versuchsobjekt', um den Blickkontakt zu üben, bevor Gabi sich traute, zu fragen, ob diese gelegentlich auf den Hund aufpassen würde, wenn sie der Frau etwas unter die Arme greifen würde. Danach schleppte Gabi gelegentlich Kohlen oder Lebensmittel und putzte gelegentlich die Scheiben der Nachbarin; hatte dafür Zeit für Musikproben, -konzerte und -auftritte...




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