Allgemeine Grundlagen

Aus Soziale Arbeit heute

Soziale Arbeit erfreut sich in der Öffentlichkeit heute keiner großen Wertschätzung. Wenngleich dies kein neues Phänomen ist, so hat es sich in den letzten Jahren doch massiv verstärkt. Dabei bleibt es längst nicht mehr nur bei mehr oder weniger freundlichen Witzen:

Treffen sich zwei Sozialpädagogen: „Du, sag´ mal. Kannst du mir sagen, wo das Kino ist?" - „Neee, duuu. Das kann ich dir auch nicht sagen. Tut mir echt leid, du." - „Naja, aber ich fand´s ganz gut, dass wir darüber geredet haben." Am nächsten Tag treffen sich beide wieder: „Na, du. Hast du das Kino gefunden?" - „Neee, duuu. Aber ich kann jetzt damit umgehen."

In dem Maße, wie die Adressaten Sozialer Arbeit diskriminiert werden, wird auch die Legitimation Sozialer Arbeit in Frage gestellt: Menschen, welche an den Leistungs- und Konkurrenzanforderungen scheitern, wird der Schutz durch die Gemeinschaft immer öfter verwehrt.

„Der Wohlfahrtsstaat, so wie er in der BRD und ähnlichen Ländern angelegt ist, mindert den Wohlstand, bedroht die Demokratie und letztlich die Existenz der Zivilisation. (...) Hinter der Arbeitslosigkeit verbirgt sich oft ein zu zwei Dritteln bezahlter Urlaub."<ref>Wolfram Engels Prof. für Wirtschaftswissensch. HG Wirtschaftswoche.</ref>

Der Förderung benachteiligter Menschen wird auf seine Kostenseite reduziert und gilt in ‚Zeiten leerer Kassen' als nicht mehr finanzier- und legitimierbar. Sozialkürzungen betreffen nun die Lebenslage des Klientels, die Personal- sowie Sachausstattung der Träger und erhöhen die Arbeitsbelastung...



Um so erfreulicher ist es, dass sich trotzdem jedes Semester mehr Studenten dieser Herausforderung stellen wollen, als Studienplätze vergeben werden. Es besteht eine diffuse Vorstellung über Studium und Beruf: Von Bekannten hat man etwas gehört, in der Studien- und Berufsberatung des Arbeitsamts erfahren und in der Prüfungsordnung oder einem Vorlesungsverzeichnis gelesen... In der ersten Veranstaltung nach ihren Motiven für die Studienwahl gefragt, hört man mit leiser unsicherer Stimme immer wieder ‚mit Menschen arbeiten oder ihnen helfen zu wollen.' Später tauschen die Dozenten halb herablassen, halb gönnerhaft lächelnd diese ersten Äußerungen der ‚Kleinen' aus. Eher heimlich müssen sich einige Dozenten jedoch eingestehen, sich selbst hinter scheinbar eindeutigen Definitionen zu verstecken, um nicht stockend eine eigene Interpretation vorzutragen zu müssen. Eine allgemeingültige Interpretation Sozialer Arbeit gibt es nicht; dies muss aber nicht zwingend schlecht sein!

Man kann den Idealismus zu Beginn des Studiums eigentlich nicht hoch genug schätzen; man sollte die Studenten v.a. darin unterstützen, ihre Vorstellungen und Interessen in Zukunft mit stärkerer Stimme zu vertreten und eleganter zu formulieren. Das Umfeld, welches bei der Nennung von Beruf und der damit verbundenen Motivation und Zielsetzung erwartet, Blick und Stimme schüchtern zu senken, muss enttäuscht werden! Wenn die ersten Äußerungen in der fremden und neuen Umgebung der Hochschule jedoch nicht gleich zu Beginn wohlwollend unterstützend aufgegriffen und gefördert werden, hat die Lehre mit zu verantworten, dass sich Interpretationen -wie von Schmidtbauer- in Medien, Politik, Verwaltung und auch am Stammtisch durchsetzen; hergeleitet aus Einzelfällen unterstellt er allen Beschäftigten und Auszubildenden in helfenden Berufen, sie würden v.a. eigene psychopathologische Persönlichkeitsstörungen auf Kosten ihres Klientels und deren Hilflosigkeit therapieren wollen:

„Aus irgendwelchen Gründen ist für den ‚hilflosen Helfer' die Kontaktaufnahme mit einem bedürftigen Schützling zu einer Art Droge geworden. Dass ihn andere brauchen, wird zum Suchtmittel, auf das er nicht mehr verzichten kann... Der Helferberuf bietet die Möglichkeit, dieses Suchtmittel auf legale Weise zu erwerben..." (Schmidtbauer 1983:22).

Zum Ende meiner Schulzeit zeichnete sich ab, dass ich beruflich später ‚etwas Gutes' tun wollte. Dachte ich zunächst zwar an Umweltschutz, landete ich angesichts schlechter Schulleistungen dann an der FH für Sozialwesen; sie akzeptierten meinem Härtefallantrag. Dies traf sich gut, da ich zu der Zeit mit einem der sog. Hamburger Chrashkids zusammenwohnte: Ein netter jungen Mann, der mit seiner Familie gestraft und vom Jugendamt aufgegeben war. So einem Menschen zu helfen fühlte ich mich fortan verpflichtet; im Studium des Sozialwesens, in der beruflichen Tätigkeit als Sozialpädagoge, in meinem Studium der Soziologie, in der Tätigkeit als Soziologe und erst recht in der Lehre. Eine gewisse Naivität, die sich sicherlich auch hinter akademischeren Formulierungen verbergen ließe, blieb mir erhalten und führte an allen Stellen immer wieder zu Enttäuschungen. Die Umgangsformen, sowie die Orientierung am Wohle und Bedarf der Klienten oder Studenten wurden überschattet von Interessen der handelnden Akteure an persönlicher Profilierung, Macht, Einfluss, Einkommen oder Deputatserleichterungen. Größtes Problem blieb jedoch der Sparzwang, der gleichsam einem Naturgesetz folgend, aus den 'leeren Kassen' resultiere und die Soziale Arbeit erschwert.



Dies begann unmittelbar zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit in einem großen Kinderheim am Rande der Stadt; 45 Kindern aufgeteilt in vier Flügeln eines alten Krankenhauses. Die Gruppen wurden durch lange dunkle Gänge erschlossen, von denen nach beiden Seiten die -in ihrer Abwesenheit- abgeschlossenen Zimmer der Kinder, das Dienstzimmer und die Küche abgingen. Da die Kollegen Unruhe und -ordnung vermeiden und verhindern wollten, das ständig etwas kaputt gemacht oder geklaut wird, waren Küche und Dienstzimmer abgeschlossen und wurde auf ein Wohnzimmer verzichtet. Für die Kinder war es dann eine Art sportlicher Herausforderung, die Kollegen -die in fast satirischer Art und Weise mit ihren großen Schlüsselbünden den ‚Alltag' kontrollierten- zu überlisten und dann doch ‚Ärger' zu machen... Der Begriff Alltag ist u.a. deswegen relativ, als dass im Flur der Fahrstuhl mit der sauberen Wäsche ankam, die zuvor schmutzig reingestellt wurde und in der Küche immer zur gleichen Zeit -aus einem andern Fahrstuhl- zwei der drei Mahlzeiten herauskamen; Waschen und Kochen lagen außerhalb der Realität. Da das Image des gemeinen Kinderheimes und Heimkindes schlecht ist, blieben ihnen Einblicke in Lebensrealitäten von Nachbarn oder Klassenkameraden verborgen. Zum Einkaufen nahm man die Kinder nicht mit, weil es länger dauert und Nerven kostet. Selbst wenn der große Zaun nicht geschlossen war stellte er eine klare Grenze zwischen ‚drinnen' und ‚draußen' dar, die dem Leben ‚drinnen' den Charakter eines Laborexperimentes gab. Angesichts dieser Lebensumstände begrüßte ich den Beschluss, die großen Heime zu dezentralisieren und sog. Kinderhäuser aufzubauen, die sich familienähnlicher organisieren und in ‚normalen' Nachbarschaften integrieren sollten:

„Nicht der Minderjährige soll sich institutionellen Bedingungen von Heimerziehung anpassen, sondern das Angebot der öffentlichen Erziehung muss sich flexibel den erzieherischen Bedürfnissen der Minderjährigen anpassen können", veröffentlichte das Hamburger Amt für Jugend noch im Januar 1986.

Das in der Ausbildung gelernte Bedarfsdeckungsprinzip der Sozialen Arbeit schienen sich zu realisieren, konnten in kleinen Einheiten doch die reglementierenden Schranken abgebaut und die zentralen Lebenskompetenzen realitätsnäher vermittelt und erlernt werden. Umso mehr irritierten mich dann die Vorgabe der kostenneutralen Umsetzung der Dezentralisierung, hatte sich die Finanzierung -nach meinem theoretischen Wissen- doch den Bedarfen der Kinder anzupassen und nicht umgekehrt. Im Mittelpunkt ständen nach KJHG doch das Recht der Kinder und Jugendlichen auf ‚positive Lebensbedingungen', ‚kinder- und familienfreundlicher Umwelt', ‚Abbau und Vermeidung von Benachteiligungen', Förderung der individualen und sozialen Entwicklung', ‚Förderung einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit' oder zusammenfassend auf das ‚Wohl der Kinder'...

In einer Senatsdrucksache an die Hamburger Bürgerschaft wurden die Prioritäten anders akzentuiert:

„Das Programm ist langfristig durchführbar und aus der Aufgabe traditioneller Erziehungsgruppen über den demographisch bedingten Abbau hinaus, auch im Personalbereich kostenneutral zu realisieren. (die Verwaltung) ist bei allen stellenwirtschaftlichen Entscheidungen an die Vorgabe der Kostenneutralität gebunden."<ref></ref>

Im Geschäftsbericht des Hamburger Amtes für Jugend 1989 klang es in Inhalt und Form eindeutig und für mich als Berufsanfänger befremdlich:

„Vor dem Hintergrund (...) einer etwa dreijährigen Erfahrung mit Verbünden von Kinder- und Jugendwohnungen hat (die Verwaltung) 1989 seine Kostenstruktur insbesondere seine Stellenausstattung kritisch überprüft. (...) Die Überprüfung führte dazu, dass ein umfangreiches Maßnahmebündel zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit beschlossen wurde:




  • Anhebung der Sollplatzzahlen in öffentlicher Erziehung per 1.6.89 um 16 bei unveränderter Personalausstattung: dies bedeutet eine Absenkung des durchschnittlichen Personalkostenvolumens pro Platz um etwa 2%.
  • Streichung der Hauswirtschaftsleiterstellen in Kinder- und Jugendwohnungsverbünden (13 Stellen).
  • Streichung diverser anderer Stellen in Erziehungseinrichtungen (8 Stellen).
  • Vergrößerung von Verbünden zum Zweck der Einsparung von Leitungsstellen und Verwaltungsstellen (6,5 Stellen).
  • (...)
  • Von den am 31.12.89 vorhandenen Stellen fallen noch 25 Stellen des Bereichs ö.E. und 2,5 Stellen der Zentrale unter das Sparprogramm."
  • Ferner wurden die Kostenübernahme für Kindergärten oder therapeutische Zusatzbetreuung eingestellt und die Heimbusse zur Durchführung von Ausflügen abgeschafft.

Entgegen der gesetzlichen Vorgaben, sich am Wohl/Bedarf der Kinder zu orientieren, musste sich nun also ‚das Angebot der öffentlichen Erziehung flexibel den finanziellen Möglichkeiten der öffentlichen Haushalte anpassen'. Schon in den ersten Wochen des Jahrespraktikums hatte ich erfahren müssen, dass sozialgesetzliche Vorgaben in der Praxis mal mehr, mal weniger ignoriert werden. Diese Erfahrungen wiederholen sich bis heute in großer Regelmäßigkeit.

Wir konnten damals selbst unseren Kleinsten erklären, warum fünf kleine Kinderhäuser nicht zu gleichen Preisen zu betreiben sind, wie ein großes Haus, ohne Qualitätseinbußen und erhöhte Arbeitsbelastung in Kauf zu nehmen. Gemeinsam mit den betroffenen Kollegen und gewerkschaftlicher Unterstützung wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die versuchte, ihre und Kinderinteressen durchzusetzen. Unter anderem anhand von Tagesabläufen wurde verdeutlicht, warum die Grenzen der Arbeitsbelastung erreicht und die Bedarfe der Kinder nicht mehr zu realisieren sind:

Allgemeiner Tagesplan

5.30

Aufstehen: Das eigene Bett wird gemacht, man wäscht sich zieht sich an. Die Heizungen werden angestellt und erste Kinder geweckt. Das Frühstück wird vorbereitet und die Kinder werden erneut ans Aufstehen erinnert. Manchen Kindern wird beim Waschen geholfen, anderen die Kleidung rausgelegt oder Medikamente hingestellt. Es gibt keine Zeit für Emotionalität es herrscht große Hetze.

6.15

Erste Kinder kommen zum Frühstück. Dadurch, dass die Kinder gestaffelt aufstehen und sich die Aufstehprozedur öfter wiederholt, besteht Unruhe; zwischendurch werden Schulbrote gemacht, Fahrscheine ausgegeben, Schulsachen gesucht und die Kinder gebeten, zum Bettenmachen, Aufräumen der Dreckwäsche, noch mal kurz durch ihre Zimmer zu gehen. Es müssen noch Sachen für die Schule unterschrieben werden, die von den Kindern am Vortage vergessen wurden und es finden Diskussionen statt, warum die Kinder zum Turnen oder Schwimmen müssen. Die Kleinen die jetzt schon wach sind, laufen fast unbeachtet und unzufrieden zwischenrum.

6.45

Die ersten Kinder sollen sich die Zähne putzen und ziehen sich an. Sie können dann noch kurz in Arm genommen werden und gehen los. Die Kleinen wollen nun auch etwas essen. Ihnen müssen die Brote geschmiert werden; teils müssen Eier und Yoghurt gefüttert, Haare geflochten oder die Schuhe zugebunden werden.

7.15

Die Großen sind aus dem Haus. Ihr Geschirr wird nachgeräumt und man kann mit den Kleinen etwas zusammenrücken, so dass kurze Ruhe entsteht. Gleich nach dem Frühstück wollen sie spielen, müssen aber erst mal vertröstet werden, da der Tisch abgeräumt und gewischt wird und Sachen abgewaschen oder in die Maschine gestellt werden. Zimmer werden kontrolliert, Fenster auf, Heizung aus und ggf. etwa Aufräumen. Dann werden die Kleinen gewaschen oder es wird ihnen dabei geholfenen.

8.00

Nun gibt es etwas Zeit für die Kleinen, es sei denn, es müssen wichtige Telefonate mit Schule, Polizei, Eltern... geführt werden oder Termine bei Ärzten oder Gerichten wahrgenommen. Kleine Reparaturen am Haus oder Spielzeug werden gemacht und kurze Erledigungen getätigt. Kinder müssen in den Kindergarten oder zur Therapie gebracht werden. Jetzt finden auch Termine mit Handwerkern statt und Möbel- oder Lebensmittellieferungen werden angenommen. Die Kinder müssen i.d.R. überall mit hingenommen werden.

9.00

Beschäftigungen mit den Kleinen werden zunehmend von Telefonaten, der Post, Spülmaschine... unterbrochen. Man fühlt sich ständig zwischen, den Kindern und anderen Sachen hin﷓ und hergerissen und muss Prioritäten setzen; Ein Tagesdienst könnte dies verhindern. Wenn die Hausfrauen kommen, müssen kurze Absprachen getroffen werden. Da man nun nicht mehr ganz allein im Haus ist, kann man die Kinder auch mal etwas allein lassen, um Telefonate und die Post zu erledigen und um den Regionalteil der Zeitung, nach für das Haus relevanten Inhalten zu durchsuchen. Wenn keiner krank ist und alle mitkönnen, können Spaßziergänge, gekoppelt mit Erledigungen, gemacht werden. Die Bindung an das Haus ist i.d.R. aber zu groß, um mit den Kindern regelmäßig rauszukommen. Ihre Bedürfnisse nach Spiel, Toben, Turnen, Luft... werden nicht befriedigt und Förderung in sprachlichen, geistigen und emotionalen Bereichen läuft nur nebenher. Sollte sich jetzt die Ablösung krankmelden, müssen div. Telefonate, wegen einer Vertretung oder der Änderung des eigenen Privatlebens geführt werden.

10.30

Da die Hausfrauen und Betreuer zeitlich unter Druck stehen, körnen die Kinder nur sehr begrenzt in die Hausarbeit mit einbezogen werden. Sie lernen daher weniger Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung als andere Kinder. Langsam fangen die Vorbereitungen für das Mittagsessen an. Wünsche der Kinder müssen ständig abgeblockt werden; sie werden irgendwie beschäftigt. Kinder werden vom Kindergarten oder Therapie abgeholt und, das Essen wird beobachtet, Dienstbuch geschrieben und die Dienstübergabe vorbereitet. Der Mittagstisch wird schon gedeckt.

12.00

Dienstübergabe: Um Informationsdefizite und späteres Hinterhertelefonieren zu vermeiden, müsste sie sehr sorgfältig durchgeführt werden. Allerdings wird man auch hier vom Telefon unterbrochen und den Kleinen von denen man keinen ständigen Bedürfnisaufschub verlangen kann. Wegen dem höheren Grad an Autonomie der Kinderhäuser, muss die Dienstübergabe ausführlicher ausfallen als im Heim, denn Arbeiten die früher von der Heimleitung und Verwaltung sowie dem Hausmeister und den hauswirtschaftlichen Angestellten übernommen wurden, müssen nun mit organisiert werden. Die Übergabe ist nur in seltenen Fällen befriedigend durchzuführen. Es besteht kaum Raum für Reflexion, Situationsbeschreibung und individuelle Absprachen über die Kinder.

12.30

Die Kinder kommen gestaffelt aus der Schule. Sie wollen berichten, zeigen Arbeiten, fragen ob sie abends Schularbeiten machen können und wann sie wieder zurück sein müssen. Entweder wird die Übergabe abgebrochen, unterbrochen oder die Kinder werden vertröstet.

13.30

Mittagessen: Es ist unruhig, da die Kinder viel erzählen wollen und an ihre Freizeit denken. Sie streiten sich darum, wer zuerst Schularbeiten machen darf und ob sie Freizeitgeld bekommen... Teils werden Medikamente verteilt.

14.00

Der Tisch wird abgeräumt, kleine Sachen werden abgewaschen und andere in die Maschine gestellt. Für die fehlenden Kinder werden die Reste bereitgestellt. Ggf. machen die Kleinen nun Mittagsruhe.

14.30

Schularbeiten: Zwei mal in der Woche wird die Schularbeitenhilfe in Anspruch genommen. Es wird hier sehr viel Zeit benötigt, da unsere Kinder starke Defizite haben, langsam lernen und sehr leicht frustriert sind. Die Kinder brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, Geduld und Zuwendung, weshalb versucht wird, dass der zweite Betreuer erst nach den Schularbeiten geht. Dies ist aus zeitlichen Gründen selten möglich.

16.00

Ggf. werden die Kleinen wieder geweckt. Nun wäre Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen, wobei intensive Beschäftigung nur mit zwei Betreuern möglich ist. Denn nur in seltenen Fällen gibt es so viele Außenkontakte, dass sich die Gruppe so verkleinert, dass Einzel- oder Kleingruppenarbeit möglich wäre. Dann kann man Kinder schwimmen, Rad fahren und ihnen Verkehrsregeln beibringen, Spielzeug mit Kindern reparieren, Angeln gehen... Oft finden zu dieser Zeit aber auch Gesprächstermine mit Eltern, Lehrern, Familienrichtern, Verbundsleitung... oder ein Gruppengespräch statt. Es wird versucht, feste Wochenangebote zu machen. Eine Kontinuität ist aber leider nur schwer aufrecht zu erhalten. Betreuer werden krank, Kinder werden krank, jemand ist im Urlaub oder andere wichtigere Sachen fallen an. Wieder müssen Prioritäten gesetzt werden. Frustriert man die Kinder und sagt ihnen ab oder nimmt man lieber kurzfristige Termine mit Lehrern, Polizei usw. wahr? Ein bis zwei mal in der Woche wird Taschengeld ausgezahlt mit den dazugehörenden Diskussionen über Vorschüsse, Ausnahmen und Fragen was sie davon alles bezahlen müssen.

Ab 16.00

beginnen die ersten Auseinandersetzungen über das Fernsehen.

18.00

Abendbrot: Kleinigkeiten werden gekocht, der Tisch gedeckt und Medikamente verteilt. Die Gelegenheit wird genutzt um kurze Gruppengespräche durchzuführen.

18.30

Der Tisch wird abgeräumt, die Kleinen werden daran erinnert, dass sie bald ins Bett müssen. die Größen wollen fernsehen. Die Spülmaschine wird noch mal angestellt.

19.00

Die ersten Kinder sollen sich bettfertig machen und die Verhandlungen über die Schlafenszeiten beginnen. Beim Waschen wird teils geholfen. Es wird darauf geachtet, ob sie auch wirklich ihre Zähne putzen und ob die schmutzige Wäsche eingesammelt wird. Weil die Kinder gestaffelt ins Bett gehen, ist jeweils nur wenig Zeit für Vorlesen, Emotionalität und ‚geheime' Besprechungen. Man kann sich noch nach besonderen Frühstückswünschen erkundigen und sagt dann Gute Nacht.

19.30

Jetzt ist Zeit für die Großen. Teils ist das Interesse am Fernsehen aber sehr groß oder Probleme! Fehlverhalten und Ärgernisse müssen besprochen werden. Beim Fernsehen ist es gut, wenn man dabeisitzt und Dinge erklärt, berichtigt und die Fernsehwelt relativiert; Es ist wichtig, die Informationsquellen der Kinder zu kennen, um sich auf den normativen Einfluss der ‚Bravo', der Filme... einstellen zu können. Teils wird diese Zeit von den Kindern aber auch für Einzelgespräche genutzt. Wenn die anderen fernsehen, traut man sich die eigenen Probleme anzusprechen (Liebeskummer, Ängste, Heimweh, Sexualität, berufliche Perspektiven...) Diese Gespräche dauern oft bis spät in die Nacht. Oft stößt man hier auf fachliche Grenzen und erkennt die Notwendigkeit therapeutischer Unterstützung. Zwischendurch kommen Kinder nach Hause, wollen erzählen, etwas essen oder einfach nur neben einem sitzen. Andere Kinder werden ins Bett gebracht. Es kommen Anrufe von Kindern, die den Bus verpasst haben oder später kommen wollen oder es gibt Ärger über Schlafenszeiten; die Spülmaschine muss ausgeräumt werden.

21.00

Die Älteren sollen sich nun auch langsam bettfertig machen, ihre Zimmer noch einmal begutachten, ihre schmutzige Wäsche in die Waschmaschine tun und diese noch mal anstellen. Während die Älteren noch wach sind, kann man schon mal mit den Schreibtischarbeiten anfangen. Kassenführung, Berichtschreiben, Lesen (Dienstbuch, Personalrats- und anderen Informationen und Vorbereitung auf Elternabende, Elterngespräche, Richterbesuche, Gerichtstermine...; Tagesplan und Briefe werden geschrieben oder Einkaufslisten erstellt...

22.00

Den Älteren wird Gute Nacht gesagt. Letzte Absprachen werden gemacht und noch Sachen angesprochen, die auf der Seele liegen. Wenn dann alle im Bett sind, wird die Büroarbeit fortgesetzt. Ggf. müssen Geschenke eingepackt und div. Feierlichkeiten vorbereitet werden. Die Wäsche wird noch aufgehängt, ein Kontrollgang gemacht, die Tür abgeschlossen. Kerzen werden gelöscht und Radios ausgeschaltet und die Heizungen kleiner gedreht. Wenn dann nichts Außergewöhnliches passiert, kann man sich selbst bettfertig machen. Wenn nicht alle nach Hause gekommen sind, müssen div. Telefonate mit Discos, Häusern der Jugend, den Eltern und der Polizei geführt werden und man hat eine unruhige Nacht vor sich.

23.00

Wenn nicht gerade jetzt jemand vom Missbrauch vom Stiefvater erzählen muss oder Alpträume hat, ist jetzt ist in der Regel Feierabend.

Nach diesem Tagesplan verläuft i.d.R. der Alltag im Kinderhaus. Wie aus dem Tagesplan ersichtlich ist, geht die Arbeitszeit von 5.30 Uhr bis ca.23.00 Uhr, ohne dass zwischendurch richtige Pausen, gemacht werden können. Dadurch, dass man fast immer allein im Dienst ist und Arbeiten anfallen, die dann nicht erledigt werden können, bleibt viel liegen, so dass man nach der Ablösung oft noch länger bleiben muss, um diese zu erledigen. Daran zeigt sich auch, dass ein Tagesdienst nicht gleichzeitig eine bessere pädagogische Arbeit ermöglicht, sondern erst mal organisierende und verwaltende nachholen muss."





Da man im Alltag nicht wie im Seminar nur ein Fallbeispiel, sondern immer acht gleichzeitig zu lösen hatte, konnten entweder alle Probleme nur unvollständig oder einige gar nicht gelöst werden. Die introvertierten Probleme (der Mädchen) wurden ignoriert, um die akuten extrovertierten (der Jungs) zu bearbeiten. Dem 4jährigen Fritz wurde zwar verboten, sich beim Einkaufen Frauen von hinten erregt anzunähren oder zwischen die Beine zu greifen, der fettsüchtigen 16jährigen einnässenden Petra wurde ein Gummilaken gekauft, Michaela (16) auch schon 114 Kilo, verehrt ihre Mutter, aber der neue Freund der Mutter belästigt sie bei den Besuchen immer wieder sexuell, Svenja und Antje (6+7) waren zum Glück nur sprachlich zurückgeblieben. Aber Franz beklaut und schlägt Lehrer, beschädigt beim Nachbar Gewächshäuser, hält Fritz an beiden Beinen kopfüber ins 2stöckige Treppenhaus oder hält Svenja auch mal das lange Messer an den nach hinten überstreckten Hals und droht, zuzustechen. Hans (15) versucht Franz nachzueifern, erreichte zunächst aber noch keine entsprechenden Resultate. Das schlechte Gewissen gegenüber Svenja und den anderen Mädchen begleitet einen, nachdem jegliche externe professionelle soziale und psychologische Unterstützung gestrichen wurde, rund um die Uhr, auch Zuhause am Küchentisch. Wer im Heim mit den Kindern arbeitet, erlebt, dass deren leibliche Eltern im Laufe von Besuchen -fast regelhaft- erzielte Erfolge zunichte machen. Aus der Perspektive der öffentlichen Erziehung heraus, stehen die Interessen des Kindes im Vordergrund, die in der Ausbildung vermittelte zentrale Rolle der Elterlichen Sorge (§6 GG) stellte sich im Heim eher als Bedrohung denn als hohes schützenwertes Gut dar. Fände man es wirklich so wichtig, hätten v.a. Jugend- und Sozialhilfe vorher jahrelang Zeit gehabt, der Familie zu helfen. Im nachhinein muss es als Versuch interpretiert werden, Kinder aus Kostengründen -pädagogisch nicht begründbar- an die Familie zurück zu geben...

Dieser Einblick in die ö.E. soll zunächst ausreichen, um zu verdeutlichen, dass die Arbeitsbedingungen im Sozialbereich schnell durch politische und administrative Entscheidungen eingeschränkt werden und dann mit dem Wohl der Adressaten kollidieren können. Diese Einschränkungen sind dann -auch beim besten Willen- nicht mehr durch didaktische und/oder methodische Veränderungen zu kompensieren. Wer sich dennoch weiter seinem Klientel parteilich zu Seite stellen will, gerät fast zwangsläufig in Widerspruch mit dominierenden politischen Interessen; er wird sein Mandat zunehmend politisch verstehen und oppositionell ausüben müssen.

Die zweiseitige Orientierung einerseits am Wohle des Einzelnen und andererseits an der Gemeinschaft erinnert an Alice Salomon. Sie gründete 1908 in Berlin die erste ‚Fachhochschule' der Sozialen Arbeit zur Ausbildung professioneller -später dann auch- bezahlter Sozialarbeiterinnen. Sie stellte prägnant dar, dass soziale Probleme immer Ergebnisse sind von Wechselwirkungen zwischen Individuum und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen; folgerichtig lassen sie sich auch zugleich lösen über politische Intervention bzgl. der Rahmenbedingungen und pädagogischer bzgl. des Individuums:

„Alle Soziale Arbeit hat eine gemeinsame Richtlinie. Sie hat es mit Menschen zu tun, mit der wechselseitigen Anpassung von Menschen und Lebensumständen. Sie hat entweder Individuen zu fördern und zu beeinflussen, damit sie sich in Ihrer Umwelt zurechtfinden und bewähren, oder sie hat die Lebensumstände, die Umwelt des Menschen so zu gestalten, dass der Einzelne zur freien Entfaltung seiner Kräfte, zur Erfüllung der in ihm ruhenden Möglichkeiten gelangen kann..." (Salomon 1927)<ref>Zit. in: Münchmeier 1981:150.</ref>

Die Bedeutung der beiden Seiten ist zentral für die Verortung der ‚Schuld' am sozialen Problem, der Auswahl des Adressaten und der Festlegung, welcher gesellschaftlichen Teilgruppe Staat, Wirtschafts- und Sozialpolitik vorrangig dienen soll. Abhängig von Profession und historischer Entwicklung, werden die individuellen Interessen der Adressaten in den Mittelpunkt gestellt oder jene Interessen einer sich unterschiedlich konstruierten ‚Volksgemeinschaft'. Wirklich im Mittelpunkt stand der Adressat in der Bundesrepublik vielleicht von Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre. Mit dem Stichwort Individualisierung lässt sich heute eine Entwicklung zusammenfassen, welche die Individuen in unzulässigem Ausmaß für ihre Benachteiligungen haftbar macht, gesellschaftliche Ursachen negiert, Hilfen zurückzieht und verstärkt repressiv reagiert. Mit der Frage nach der Positionierung zwischen Individuum und Gesellschaft ist sowohl die berufsethische, als auch verfassungsrechtliche Grätchenfrage der Sozialen Arbeit gestellt:

Sind die in §1 GG garantierten individuellen sozialen Schutz- und Menschenrechte höher zu gewichten als vermeintliche kollektive Interessen der Gesellschaft oder ‚Volksgemeinschaft'?

Salomons Betrachtung der gesellschaftlichen Ursachen geriet in der WR in zunehmenden Widerspruch mit der individuellen besonders auch genetischen Zuschreibung sozialer Auffälligkeiten; sie musste 1937 ins Exil gehen. Es wird für die Soziale Arbeit immer wieder ein kleines Politikum sein, wo Ursache und Lösungen sozialer Probleme gesucht und gefunden werden. Es können die Gene sein, der individuelle Wille des Einzelnen oder die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen:

Die Gene:

Lehrer, Eltern, und Ärzte können sich schnell darauf einigen, dass bsp. eine genetische Disposition für das Hyperaktivitätssyndrom vorliegt und das Kind mit dem hochwirksamen Betäubungsmittel Ritalin über Jahre hinweg ruhiggestellt werden soll. Alle Beteiligten können sich hinter ihrer eigenen Verantwortung verstecken, das Kind als schwächstes Glied in der Kette kann kaum widersprechen; bleibt entmündigt. Wenn allerdings die Verschreibungspraxis sich innerhalb von fünf Jahren vervierfacht, steigt der Verdacht, dass die medizinische Indikation entweder fehlt oder falsch ist. Menschen verändern zwar ihre genetischen Dispositionen; allerdings in Zeithorizonten von 1.000enden von Jahren und nicht innerhalb von fünfen. Die sprunghaft gestiegenen Verschreibungen lässt demnach nur zwei Schlüsse zu:

1. Entweder ist die Diagnose falsch oder eine Verlegenheitsdiagnose; dann versuchen die Beteiligten die wahren Verursachungszusammenhänge zu kaschieren, sich aus der Verantwortung zu stehlen und das Problem -des lieben Frieden willen- auf Kosten des Kindes zu lösen oder

2. die Diagnose ist richtig und nur die genetische Begründung und damit die Therapie (Medikament) ist falsch; dann muss das Problem in der Wechselbeziehung mit den einrahmenden Lebensbedingungen zu suchen sein. Soziologisch auf niedrigem Niveau kann man danach suchen, was im Leben der Kinder in den letzten fünf Jahren um den Faktor vier schlimmer oder häufiger vorgekommen ist.

Hier haben weder Gesellschaft noch Eltern ‚schuld'. Das Kind hat zwar auch keine ‚Verantwortung', weil es genetische Dispositionen hat, die jedoch auf Kindesseite medikamentös behandelt werden müssen. Gesellschaft und Eltern sind gleichsam als potentielle Adressaten für Veränderungen entlastet.





Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Der individuelle Wille

unterstellt dem Kind eine bewusste und trotzige Rebellion, der von Eltern und Pädagogen nur durch Strenge begegnet werden kann. Die Kinder bekommen schlechte Noten, Bemerkungen ins Zeugnis, müssen Nachsitzen und Strafarbeiten schreiben, bekommen Zwangsurlaub oder dürfen nicht mit auf den Ausflug, kriegen Stubenarrest, werden beschimpft und ggf. auch geschlagen... Nach diesem Konzept werden höchstens die Eltern wegen fehlender Härte mit in den Kreis der ‚Schuldigen' aufgenommen, während die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vom Verdacht befreit bleiben, sie würden Hyperaktivität begünstigen.

[Bearbeiten] Die gesellschaftliche Interpretation

prüft z.B., ob das Kind in einem Zimmer an der Autoschnellstraße wohnt, ob es sich dieses mit älteren Geschwistern teilen muss, die Abends noch Krach machen und ob die Eltern sich schämen, sich über das Sozialamt eine größere Wohnung finanzieren zu lassen oder dies nicht wissen... Findet das Kind Zuhause weder Ruhe noch Schlaf, eröffnet auch das Wohnumfeld mangels Grün- Spiel- und Sportflächen keinen Ausgleich. Grundsätzlich könnte man auch überlegen, wie sich der zunehmende Leistungs- und Konkurrenzdruck in den Schulen auswirkt: Kinder werden schon immer früher im Hinblick auf spätere Berufschancen selektiert und als kleine Erwachsene behandelt. Indem Kinder das Recht verlieren, punktuell zu Scheitern, wird der Jugendphase ihre originäre Qualität -die der Unbekümmertheit- genommen. Kinder erleben ihre Klassenkameraden zunehmend weniger als Freunde denn als Konkurrenten; bezüglich Noten, Klamotten, Handys. Wer nicht zuletzt auf Grund seiner sozialen Herkunft den Anschluss verliert, wird in der einen oder anderen Form ‚abweichend' reagieren; z.B. auch durch Hyperaktivität.

An einer Hamburger Schule in einem benachteiligendem Wohnquartier war die Unaufmerksamkeit und Unruhe der Schüler nicht mehr zu ertragen. Die Lehrer haben darauf in allen Klassen im Rahmen eines Deutschaufsatzes erforscht, ‚was passiert alles bevor du morgens zur Schule kommst?' Da knapp 1/4 vor der Schule nicht gefrühstückt haben und einfach Hunger hatten, ist man dazu übergegangen, Gelder zu mobilisieren (Spenden, Jugendamt, Schulamt und (freiwillige) Elternbeiträge), um morgens gemeinsam zu frühstücken. Nachdem sich die Situation schon wesentlich entspannt hat, könnten die Eltern in einem nächsten Schritt über ihre sozialrechtlichen Ansprüche beraten werden, um sich und ihren Kindern eine angemessene Lebensqualität zu sichern...

Die BSP sollen anregen, in allen Arbeitsbereichen verantwortungsvoll die individuellen und gesellschaftlichen Anteile aufzudecken und gegeneinander sorgsam abzuwägen. Um nicht unreflektiert dem Trend der Individualisierung sozialer Probleme zu folgen, seien alle aufgefordert, anhand verschiedener sozialer Probleme die verschiedenen Dimensionen -Gene, Individuen, Gesellschaft- exemplarisch durchzuspielen. Wie sich die Betrachtung verschiedener Seiten in der Praxis formulieren lässt, zeigt der Hamburger Drogenhilfeträger ‚Jugendhilfe e.V.':

„‚Drogenabhängigkeit' - Unsere Sichtweise:

Existentielle Ängste, soziale Not und Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste, Angst vor Krieg und ökologischen Katastrophen, zunehmender Leistungsdruck, zerfallende Familien, Gewalt, sexuelle Misshandlungen, Orientierungslosigkeit und Sinnlosigkeitsgefühle - darunter leiden sehr viele Menschen. Diejenigen, die zu uns kommen, haben vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund eine ganz individuelle Entwicklung durchgemacht, Manche suchten einen Ausweg oder eine Alternative in der Drogenszene. Anderen halfen Drogen eine Zeitlang, schlimme Erlebnisse und Erfahrungen zu betäuben. Wiederum andere benutzten Drogen um Schwierigkeiten oder Anforderungen besser zu bewältigen. Alle, die zu uns kamen, hatten verschiedene Stärken und positive Seiten, aber auch oftmals kleinere oder größere Probleme in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen. Sehr viele haben darüber hinaus häufig mit Schwierigkeiten zu tun, die durch den langjährigen Drogenkonsum unter den Bedingungen der Kriminalisierung und Verfolgung auf der gesellschaftlich isolierten Drogenszene sowie durch Gefängnisaufenthalte entstanden sind. Bei der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung Deiner Stärken und der Bewältigung vorhandener Probleme wollen wir Dich mit unseren Erfahrungen unterstützen."

Um es hier noch mal deutlich zu machen: es gibt ein breites Spektrum unterschiedlicher legitimer Lesarten Sozialer Arbeit entlang der Gegenüberstellung von individueller und gesellschaftlicher Zuschreibungen. Die hier ausgeführte Interpretation wird die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich Verursachung und Lösung sozialer Probleme in den Mittelpunkt stellen. In ähnlicher Weise skizziert Hurrelmann das Verhältnis zwischen Individuum, Gesellschaft und Sozialer Arbeit (1988: 177, 193f):

„Alle Maßnahmen der Verbesserung des persönlichen Wohlbefindens, der Handlungskompetenz und des Selbstwertgefühls einer Person und alle Maßnahmen der Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen in materieller und immaterieller Hinsicht sind von grundlegender Bedeutung für den gesamten Prozess gelingender und misslingender Sozialisation. Bildungs- familien- jugend- gesundheits- arbeits- wirtschafts- und rechtspolitische Maßnahmen, die diese Ausgangslage berühren, sind die effektivsten Interventionsmaßnahmen. Sie sind auch kostenmäßig für jede Gesellschaft die idealen Investitionen, denn nachweisbar sind später einsetzende Behandlungs- Heilungs- Therapie- und Kontrollkosten, die bei verfestigten Abweichungen und Beeinträchtigungen und ihren Folgewirkungen wie illegaler Drogenkonsum, Kriminalität, Arbeitsunfähigkeit usw. entstehen, um ein Vielfaches höher."

Die Betroffenen erscheinen hier eher als Symptomträger widriger Lebensumstände denn als Ursache; sozialpolitische Hilfen erweisen ihren Nutzen nicht nur gegenüber dem direkten Adressaten, sondern mittelbar gegenüber allen! Eine Konzentration auf den Einzelnen würde diesen nicht nur illegitimerweise stigmatisieren und damit weiter benachteiligen, sondern präventiv auch verhindern, andere Menschen vor gleichen Problemen und die Gesellschaft vor langfristigen Folgekosten zu bewahren. Ansprüche hinsichtlich sozialer Sicherung sind aus Sicht von Klienten, Praktikern oder Theoretikern weit weniger egoistisch als ihnen unterstellt wird; letztendlich verfolgen sie nicht weniger gesamtgesellschaftliche Interessen als andere vorgeben, es zu tun...

Was ist Soziale Arbeit?





„Sozialarbeit stellt ein äußerst heterogenes Arbeitsfeld dar. Ihre Konturen sind im großen Bereich von Sozialpolitik, -planung, -hilfe, Bildung und Erziehung, Therapien, Seelsorge und organisierter Selbsthilfe nur unscharf ausgebildet. Entsprechend werden die Begriffe Sozialarbeit und Sozialpädagogik i.d.R. synonym verwendet oder es wird ganz allgemein von ‚Sozialer Arbeit' gesprochen, um deutlich zu machen, dass strikte Abgrenzungen der Bereiche nicht möglich sind (und nicht sinnvoll wären). Beschäftigte, die sich als 'Sozialarbeiter' verstehen müssen gleichsam im direkten pädagogischen mit dem Klientel souverän sein, wie die Klienten sich auch darauf verlassen können müssen, dass sich ‚Sozialpädagogen' soweit in die (trockene) Materie der Verwaltung einarbeiten, dass die Rechtsansprüche realisiert werden. Das Spektrum konkreter Tätigkeitsfelder ist beträchtlich."<ref>Alles Zitat?? Regine Gildemeister</ref> Sie listet von ‚Adoptionsvermittlung' bis ‚Zigeunerprojekte' 44 Arbeitsfelder vor, in denen alle Menschen jeglichen Alters, Geschlecht, sozialer und nationaler Herkunft... in allen Lebensbereichen (Wohnen, Gesundheit, Finanzen, Mobilität, Bildung...) durch direkte oder finanzielle Hilfen in Form von Einzel-, Gruppen- oder Gemeinwesenarbeit unterstützt werden, Benachteiligungen zu verhindern, zu lindern oder abzubauen.<ref>Vgl. Regine Gildemeister Soziologie der Sozialarbeit 1993 in Korte/Schäfers (Hg) : Einführung in die Spezielle Soziologien</ref>

Im Wörterbuch der Soziologie (Hillmann 1994) wird noch zwischen Sozialarbeit und -pädagogik unterschieden:

Sozialarbeit:

„Sozialarbeit, Sozialfürsorge; Bezeichnungen für alle Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Lage der unterprivilegierten Gesellschaftsgruppen (Arme, Behinderte, Randgruppen, Obdachlose, unvollständige Familien, Drogensüchtige, Strafentlassene u.a.)."

Sozialpädagogik:

Sozialpädagogik, in Überschneidung mit der Sozialarbeit jener Bereich des Sozialwesens, in dem unter Ausschöpfung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse mit präventiven, beratenden pädagogischen und therapeutischen Dienstleistungsangeboten versucht wird, gesellschaftlich benachteiligten und persönlich beeinträchtigten Menschen bei der möglichst selbstverantwortlichen Lebensbewältigung und bei der Integration in die Gesellschaft behilflich zu sein."

Folgt man der Prüfungsordnung der Fachhochschule, ist man Sozialarbeiter, wenn man bsp. in Magdeburg folgenden Studienverlauf durchschritten und entsprechende Scheine erworben und Prüfungen bestanden hat:

Allgemeiner Studienablauf für den Studiengang Sozialwesen:

Grundstudium beträgt 3 Semester:

1. Semester

vorlesungsfreie Zeit: Verwaltungspraktikum (8 Wochen); Praktikumbericht

2. Semester

Hauptstudium:

4. Semester

vorlesungsfreie Zeit. Sozialpädagogisches Praktikum (7 Wochen; davon 2 Wochen Vor- und Nachbereitung); Praktikumbericht

5. Semester

6. Semester

Diplomprüfungen, 1 interdisziplinäre Klausur (mit rechtlichem Bezug), eine mündl. und eine schriftl. Prüfung aus zwei unterschiedlichen Lernbereichen des Grundstudiums

Praxissemester:

7. und 8. Semester

Kolloquium Praxissemester

Diplomarbeit

Kolloquium (Verteidigung der Diplomarbeit

Grundstudium - benotete Leistungsnachweise - Pflichtfächer (Scheine):

1 Schein in Statistik

1 Schein in Organisation und Verwaltung

1 Schein in Sozialmedizin

2 Scheine in Recht, davon 1 Schein in Sozialverwaltungsrecht

1 Schein im Lernbereich I

1 Schein im Lernbereich II

2 Scheine im Lernbereich III (in unterschiedlichen Fächern)

1 Schein im Lernbereich IV

1 Schein Verwaltungspraktikum (unbenotet)

Wahlpflichtfächer:

2 Scheine in zwei auszuwählenden Fächern

Man mag glauben, dass man am Ende der Ausbildung eigentlich nichts Halbes und nichts Ganzes ist; weder Jurist, Mediziner, Soziologe, Psychologe, Pädagoge... aber von allen ein bisschen. Die größte Transferleistung der Ausbildung ist die Integration all dieser Fragmente zu einem einheitlichen Berufsbild mit eigener Berufsidentität. Bei dieser Aufgabe brauchen die Studierenden Unterstützung, sind aber oft alleingelassen. Diese Aufgabe können sicherlich jene Lehrende besser bewältigen, die sich selbst dieser Herausforderung stellen und sie erfolgreich bewältigen mussten. Ihre geringe Zahl in der Lehre führt systematisch zur Vernachlässigung dieser Qualifizierungsbereiche.

Ziele:

Die Frage nach den Zielen Sozialer Arbeit ist nur schwer zu beantworten, da die zentralen Akteure Sozialer Arbeit (Gesellschaft; Individuen; Sozialpädagogen) oft sehr verschiedene bzw. konträre Zielvorstellungen haben.

 
 
Grafik Ind / Ges/ Wir
 
 

Die Institutionen und Beschäftigten der Sozialen Arbeit nehmen zwischen den staatlichen- und Klienteninteressen prinzipiell eine vermittelnde Rolle ein. Im Konfliktfall befinden sie sich in dem schwer auflösbaren Dilemma, ihre Loyalität -sozial- und verfassungsrechtlich begründet-<ref>vgl.: §1 GG, §1 SGBI</ref>, einerseits auf Seiten des Klientels setzen zu sollen, die eigene Bezahlung und Existenz andererseits aber durch direkte oder indirekt Zuwendungen der öffentlichen Haushalte sicherstellen zu müssen. Zwar ist verbindlich festgeschrieben, dass jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben zu garantieren ist und benachteiligte Menschen daher folgerichtig einen gesteigerten Hilfebedarf haben; was jedoch genau zu einem ‚menschenwürdigen Dasein' dazugehört ist nicht präzisiert; nicht operationalisiert. Da die Finanzierung soziale Hilfen letztendlich i.S. des Solidarprinzips von allen Gesellschaftsmitgliedern finanziert wird, ist deren Interesse verständlich, das Hilfeniveau zu senken. Viele der aktuellen und populären in den Medien dargelegten Vorstellungen sind jedoch völlig inakzeptabel, weil ihre Interpretationen eine Grenze unterschreiten, wo die Menschenwürde' objektiv verletzt wird. Oft wird in der emotionalisierten Debatte vergessen, wie reich die Bundesrepublik im Durchschnitt ist und auf welch hohem Niveau daher soziale Sicherung garantiert werden könnte. Ferner wird das Solidarprinzip missverstanden: Es geht nicht darum, dass ich genau so viel rauskriege, wie ich einzahle, sondern darum, dass ich im Ernstfall gesichert bin und dann ein Vielfaches von dem erhalte, was ich eingezahlt habe. Wenn mein Haus abbrennt oder ich einen Bypass am Herzen brauche, soll die Solidargemeinschaft der Kranken- oder Feuerversicherten dies ermöglichen. Wenn alle Einzahler selber weniger zahlen oder anderen weniger auszahlen wollen, weil sie glauben, sie bleiben immer gesund und ihr Haus kann nicht brennen, dann macht das gesamte Solidarprinzip keinen Sinn.

Zu den Zielen des Individuums:

Die in den Medien dargestellten Einzelfälle missbräuchlicher Nutzung sozialer Leistungen könnten -würden sie unsere Arbeit nicht so massiv behindern- ignoriert werden, sind sie doch aus sozialpolitischen, sozialpädagogischen, ökonomischen und statistischen Gründen eigentlich irrelevant. Unsere Klienten wollen und können den Sozialstaat nur seltenst betrügen, weil sie mangels kulturellen Kapitals entweder gar keine Kenntnis über ihre Rechtsansprüche haben und weil erfolgreiches Schummeln enorm schwierig ist. Im Gegenteil überraschen sie eher mit ihrer Bereitschaft, auch zu schlechtesten Konditionen ihre Lebenslage lieber selber sichern zu wollen, als ‚von Sozi zu leben.' Ihre Ziele sind i.d.R. sehr bescheiden: irgendeine Wohnmöglichkeit, irgendeine Arbeit, ein Mal im Leben nach Helgoland fahren, einmal im Restaurant bedient werden. Maximal wollen die einen mal Udo Jürgens oder Eminem im Konzert sehen und vielleicht mal irgendein Auto haben. Einen Porsche haben will niemand wirklich, vielleicht mal reinsetzen. Wenn trotzdem jemand von Motorjachten, einem Leben unter Palmen am Strand oder als Popstar träumt, tut er dies so, wie alle schon mal an einen 6er im Lotto gedacht haben oder es ist Ausdruck einer Persönlichkeits- oder Realitätsstörung in pathologischem Ausmaß. Im letzteren Fall ist es unsere Aufgabe, ihnen die schmerzvolle Erkenntnis zu vermitteln, dass sie ihren Traum vergessen können. Die Behauptung, Hilfeempfängern würden wegen weit verbreiteter krimineller Energie auf ‚unsere' Kosten in Saus und Braus leben, entbehrt jeglicher Grundlage!

Wenn unseren Klienten aber seitens des Sozialamtes ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher verwehrt wird -obwohl über 90% der Bevölkerung- einen besitzen, Kinder keine Fußballschuhe oder Sportvereinsbeiträge erhalten, während gleichzeitig das Bundesjugendministerium auf die general- und suchtpräventive Wirkung von Vereinssport hinweist, sollten wir ihnen uneingeschränkt zur Seite stehen; man wird sich auch überlegen müssen, ob und wie allen Kindern ein Zugang zu PC und Internet gesichert werden kann, muss der Erwerb von PC-Kenntnissen doch Schlüsselkompetenzen gesichert werden.

Zu den Zielen der Gesellschaft:

Integration ist als das Hauptziel (sozial)staatlichen Handelns allgemein benannt. In der Praxis Sozialer Arbeit entwickelt dieser umgangssprachlich relativ eindeutige Begriff eine sehr ambivalent Sprengkraft. Es wird die Anpassungsleistung zwischen Gesellschaft und ihren einzelnen Gesellschaftsmitgliedern einseitig auf unsere Klienten abgewälzt; die Soziale Arbeit lässt sich verpflichten, diese sicherzustellen. Diese in der Sozialen Arbeit auch mit ‚Normalisierung' bezeichnete Zielbestimmung erklärt die jeweils bestehende Gesellschaftsordnung für gut, richtig und unfehlbar, sowie statisch und über jeden Verdacht erhaben, Ursache sozialer Probleme zu sein. Weil es ‚normal' ist, sollen Leistungs- und Konkurrenzdenken schon im frühen Kindesalter verinnerlicht, Rechte dem Stärkeren zuerkannt, sowie Solidarverhalten, individuellem Streben geopfert und höchstens noch als nachrangige Sekundärtugend vermittelt werden. So wie auch beim eigenen Kind, muss man sich entscheiden, ob ihm die Kompetenzen, Haltungen und Verhaltensweisen beigebracht werden soll, die in der bestehenden Gesellschaft zwar Erfolg versprechen, jedoch dem eigenen Welt- und Menschenbild entgegenstehen... Die Sozialarbeit steht immer unter dem Druck, Normalisierung verwirklichen und ihrem Klientel Anpassung an die (sozial benachteiligenden) Rahmenbedingungen abverlangen zu müssen/sollen. Sie werden dafür bezahlt und können sich mit der Normalität oft auch leicht identifizieren, weil sie ja selber ‚auf Seite des ‚Normalen' stehen; wir glauben schnell, dass diese Normalität ‚richtig' und ‚gut' ist; nicht nur für uns, sondern auch für unser Klientel. In dem Moment, wo wir -egal mit welchen Mitteln und in welcher Intensität- unser Klientel allein aus der eigenen Überzeugung integrieren, ersetzen wir unsere Hilfe- durch eine Kontrollfunktion. Bedenken wir, dass Normen bzw. Normalität Ergebnisse sind von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, in denen sich die sog. ‚normentragende Majorität' (Mehrheit) mittels Macht gegenüber der gesellschaftlichen Minoritäten (Minderheiten) durchsetzt, reproduzieren wir in unserer Arbeit genau diese Macht, gegenüber jenen Minoritäten die unser Klientel bilden und an der Normensetzung selbst weitestgehend unbeteiligt waren.





Wenn ich mit Punkern im Jugendclub arbeite, ist es wahrscheinlich, dass mein Klientel nicht nur äußerlich auffällt, sondern auch besondere Begrüßungsrituale pflegt, die Füße gelegentlich auf den Tisch legt, meine übliche Körperdistanz -die ich sonst zu entfernteren Bekannten pflege- latent unterschreitet, öfter rülpst als ‚Bitte' und ‚Danke' sagt, alle Menschen duzt, große Hunde hat, auf Bauwagenplätzen wohnt und mich ‚Wichser' oder ‚Arschloch' schimpft, wenn ich kein Geld verleihe. Dieses Leben allgemein und pauschal als falsch zu bewerten, bietet jedoch keine Arbeitsgrundlage. Ich muss anerkennen, dass diese Menschen auf ihre Art vielleicht sogar solidarischer miteinander umgehen, als meine eigenen Freunde; sie einfach eine andere Art von ‚Normalität' pflegen als ich; ich kann mir allenfalls bezogen auf meine Person einige Verhaltensweisen verbitten, weil sie mich persönlich stören. Wir müssen klarzustellen, dass man aus verschiedenen Welten kommt und nur dann miteinander arbeiten kann, wenn man gegenseitig die Grenzen des anderen anerkennt. Die Grenzen müssen sich jedoch der Zielgruppe und Situation anpassen. Wir sollten uns verbitten, körperlich bedroht oder ‚Fotze' beschimpft zu werden, während wir mit ‚du blöder Sozialpolizist' leben müssen; die Punks dürfen sich selbstverständlich verbitten, wegen Haarschnitt oder Kleidung kritisiert zu werden. Man kann im Club eine gute gemeinsame Arbeitsgrundlage finden, ohne sich selber Piercings durch die Lippen zu ziehen, ‚All cops are Bastards' auf die Nietenlederjacke zu schreiben oder Rotwein durch Hansa-Dosen-Pils... zu ersetzen. Wenn man erreicht hat, dass die Kids ihrerseits andere/meine ‚Normalitäten' akzeptieren -was unter pädagogischen Gesichtspunkten schon als großer Erfolg bezeichnet werden kann- heißt es nicht, dass ihnen auf dem Sozialamt die gleiche Toleranz entgegen gebracht wird, halten diese vielleicht extra ein Formblatt bereit, um wegen äußerer Auffälligkeiten, die Sozialhilfe zu kürzen:

 
 
Mangelndes Äußeres (ANLAGE) Grund für 18,19 25 BSHG
 
 

Wollen wir unseren Punkern die Rechtsansprüche sichern, stehen wir wieder auf dem Glatteis: Es ist klar, dass sie ihre Chancen durch ihr übliches Auftreten schmälern, selbst wenn das Sozialamt Unrecht begeht.

  • Erklären wir unseren Klienten nun, dass sie auf dem Sozialamt im Recht sind und dass ihre Persönlichkeitsrechte Vorrang haben, stürzt man sie ggf. in langwierige Rechtsstreitigkeiten, die sie kaum durchstehen werden...?
  • Sagen wir ihnen, dass es nicht ‚normal' ist so wie sie rumzulaufen, man andere Erwachsene siezen muss und sich zur Begrüßung unterwürfig duckt, man lieber einmal zu viel Danke und Bitte sagt, als zu wenig... und dass sie selber schuld haben, wenn sie sich an die ‚normalen' Regeln gesellschaftlichen Umgangs nicht halten wollen und dann auch kein Geld kriegen...?
  • Oder erklären wir, dass es wie im Theater ist, wo alle ihre Rollen spielen, dass auch die Sachbearbeiterin einer Regieanweisung folgt, eigentlich ne ‚arme Wurst' ist, hat sie doch ‚total' wenig Handlungsfreiheiten... Ihr wisst doch z.B. dass ich beim Anblick ‚eurer widerlichen Dreadlocks mit all ihren Maden, Würmern und nistenden Vögel und diesen hässlichen Sicherheitsnadeln im Gesicht Pickeln und Haarausfall bekomm... aber weil ich so'n super toller cooler Sozialpädagoge bin, schneid ich euch die Haare nicht ab...' Wir mussten uns doch auch erst mal aneinander gewöhnen; dort habt ihr aber nur fünf Minuten Zeit. Fühlt euch doch einfach auf wie Schauspieler und ihr könnt ja versuchen fünf Minuten so langweilig und spießig zu sein, wie ihr es mir immer unterstellt. Wir können ja mal üben, auf was ihr euch beim Sozi so einstellen müsst..., wenn ihr mit ihnen spielt habt ihr euer Geld und die voll schlau reingelegt...
  • (...)

Wir müssen also eine Form finden, unser Klientel darauf vorzubereiten, wie das soziale Umfeld in welcher Situation auf des Punkers ‚Normalität' reagiert. Normen dürfen nicht aufgezwungen und müssen nicht zwingend eingehalten werden; sie müssen aber i.S. allgemeiner Verhaltenserwartung zur Steuerung des eigene Handelns einkalkuliert werden, um in jeder Situation seine Rollen -im wahrsten Sinne des Wortes- souverän spielen zu können. Wenn unser Klientel nicht mehr unbewusst, sondern selbstbewusst die Konfrontation im Sozialamt sucht oder an der Hochschule den älteren Dozenten das ‚Du' nicht anbietet aus Unkenntnis über die tradierten Konventionen, sondern um sie willentlich zu provozieren, dann ist das ein sozialpädagogischer Erfolg... Die Problematik von ‚Normalität' lässt sich auf einige Fragen reduzieren:

  • Sind soziale Probleme ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft ein Problemen mit den Menschen hat oder die Menschen mit der Gesellschaft?
  • Ist das sozial problematische Verhalten der Menschen angesichts ‚nicht-normaler' gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ‚normal' oder verhalten sich Menschen ‚nicht-normal' im Rahmen einer ansonsten ‚normalen' Gesellschaft?
  • Müssen sich die Menschen prinzipiell den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen fügen oder muss sich die gesellschaftliche Ordnung an den humanistischen Bedarfen der einzelnen Menschen orientieren?
  • (???)

Integration:

Inspiriert von den Ausführungen Darwins zur natürlichen Strukturierung tierischer und pflanzlicher Gesellschaft über Macht und Konkurrenz, hat sich im ersten Drittel des 20. Jh. in Nordamerika die sog. ‚struktur-funktionale Systemtheorie' entwickelt. Die kapitalistische Gesellschaftsform nach dem gewonnenen 1.WK wurde allgemein zum Optimum erklärt. Alle staatlichen Akteure waren fortan aufgefordert, die staatliche Ordnung gegenüber jegliche Abweichung von der ‚Normalität' zu verteidigen. Der Sozialpolitik wurde die Aufgabe zugedacht, Ruhe, Ordnung und Anpassung im Kreise ihrer Zielgruppe zu sichern. I. d. S. kann man -bezogen auf GWA- Folgendes lesen:

  • „Ich glaube, dass die sozialen Spannungen in den einzelnen Stadtteilen zunehmen werden. (...) Es gibt viele Möglichkeiten, mit diesen sozialen Brennpunkten umzugehen, von der Sozialpolitik über die Sozialstationen bis zur Polizeipräsens. (...) Kultur als Sozialpuffer, als Parapolizei. Bitte. Natürlich nicht primär, aber es hat auch immer diese Bedeutung. Und da das so ist, glaube ich, wird die Bedeutung von Soziokultur zunehmen. (...) Die (Soziokultur)-Szene soll aber wissen und im Hinterkopf behalten, dass sie zugleich die Funktion hat, für die Entspannung in Spannungsgebieten zu sorgen... Für die Politik ist das ein Argument, mehr Geld zu geben."<ref>Knut Nevermann 1992: Kultur als Sozialpuffer; in: Querstreifen Nr. 8/1992.</ref>:

Bezogen auf die Ziele von Sozialisation:

  • „Mit Sozialisation wird der Prozess bezeichnet, in der der nur mit rudimentären Instinkten geborene, aber für vielfältige Lernprozesse offene Mensch durch die allgemeinen sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse wie durch spezielle Sozialisationsagenturen der jeweiligen Gesellschaft so geformt wird, dass er ihnen gemäße Einstellungen und Verhaltensweisen entwickelt und schließlich als Erwachsener zum arbeitsteiligen Reproduktionsprozess seiner Gesellschaft beitragen kann" (Deutscher Verein 1980).
  • Sozialisation ist „der Prozess der Einordnung des Einzelnen in die Gesellschaft", heißt es im Fremdwörter-Duden (1982).

Diese Vorstellungen von Sozialer Arbeit stehen konträr zu jenen der Bundesrepublik in den 70er/80er; Unterschiede sollen knapp gegenübergestellt werden:

Struktur-funktionale Vorstellung Sozialer Arbeit

[Bearbeiten] Emanzipative Vorstellung Sozialer Arbeit

Konflikte wurden als Warnsignal interpretiert, die bestehende Ordnung sei bedroht; sie galten als Aufforderung, die Kontrolle zu optimieren. Konflikte sind immer so zu lösen, dass gesellschaftliche Veränderung verhindert und Anpassung der Individuen an sie hergestellt wird.
Konflikte wurden nicht als Anlass für Hilfe oder Kontrolle verstanden, sondern als BSP genommen, an dem sich konstruktive Konfliktlösungen und soziale Kompetenzen trainieren lassen. Konflikte können Hinweise für gesellschaftliche Probleme sein und konstruktive Impulse geben, Gesellschaft zu verändern.
Soziale Ungleichheiten sind gerecht, weil sie unterschiedliche Macht und Stärke dokumentieren; wer schwach und ohnmächtig ist, verdient nicht, gesellschaftlich anerkannt zu sein, am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben oder an attraktiven Orten der Stadt zu wohnen. Den Menschen muss durch Soziale Arbeit Einsicht in diese Gerechtigkeit vermittelt werden.
Soziale Ungleichheiten sind ungerecht, weil ihnen (sozial)darwinistische Kriterien zugrundeliegen, von denen sich die Zivilgesellschaft emanzipiert haben sollte; sie sollte sich genau dadurch auszeichnen, dass sie Grund-, Freiheits- und Gleichheitsrechte nicht nach individueller Stärke verteilt. Soziale Arbeit soll politische Bewusstseinsbildung betreiben und unterstützen, die Ohnmacht und Schlechterstellung benachteiligter/schwacher Menschen zu überwinden.
Ziele (sozial)staatlicher Intervention ist die kritiklose Ein- und Unterordnung in bzw. unter die bestehende staatliche Ordnung.
Es geht um Emanzipation gegenüber staatlicher Bevormundung und die Förderung inner- wie außerparlamentarischer Partizipation und Opposition.
(Sozial)politische soziale Bewegungen stellen eine Bedrohung dar und müssen bekämpft werden.
(Sozial)politische soziale Bewegungen stellen Ziel und Chance dar, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen; sie müssen unterstützt werden.
Normen und Werte sind als starr und zeitlos zu vermitteln und Abweichungen entsprechend zu bestrafen, Normen sollen über Verinnerlichung und über öffentlich abschreckende Androhung und Durchführung von Sanktionen unreflektiert befolgt werden. Normen und Werte werden als wandelbar gesehen; sie müssen sich immer wieder neu vor dem Hintergrund legitimieren, dass sie nicht als ‚Herrschaftsnormen' nur einer bestimmten Teilgruppe der Gesellschaft nutzen. Menschen sollen zur Überprüfung der Sinnhaftigkeit von Normen befähigt und ggf. auch ermutigt werden, sich für eine Veränderung stark zu machen.
Menschen werden feste Rollen zugeordnet, deren Funktion sich aus dem Nutzen für die Organisation/Gesellschaft ergibt, die Rolle darf nicht verlassen werden; Rollenvorgaben sind zu befolgen, anderenfalls drohen Sanktionen.
Rollen sind Orientierungshilfen, die man relativ flexibel handhaben und auch mal verlassen darf, ihre Funktion ergibt sich aus einem Aushandeln zwischen Individual- und Gesellschaftsnutzen, Rollen werden gespielt.

Für unsere Arbeit ist besonders problematisch, dass i.S. der struktur-funktionalistischen Interpretation alle Systeme ihre eigenen Interessen verfolgen sowie Sprachen/Codes sprechen und sich so gegenüber anderen Systemen ihrer Umwelt verschließen. Dies wird deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich das kapitalistische System mit seinem Konkurrenz- und Leistungsprinzip weitestgehend über Geld steuert: Geld haben oder Geld nicht haben, sparen oder nicht sparen, ausgeben oder nicht ausgeben, sich leisten können oder nicht leisten können, ein Gutes oder schlechtes Geschäft machen, teuer oder billig, rechnet sich oder nicht... Da das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dominant ist,

  • kann es sich der Diskussion entziehen, wenn bsp. das Systeme der Sozialen Arbeit Solidarität statt Geld in den Mittelpunkt stellen möchte; man erreicht ökonomisches Denken nicht mit moralischen Argumenten.
  • ist es in der Lage die Geldorientierung anderen Systemen derart aufzudrängen, dass soziale Hilfen sich rechnen müssen, eine Familie sich ein Kind leisten können muss, aus Steuerspargründen geheiratet wird und sich um Bildung erst bemüht wird, wenn ihre Defizite anderenorts wirtschaftlichen Schaden begründet...

Habermas fasste in früheren Jahren diesen Sachverhalt mit dem Begriff ‚Kolonialisierung der Lebenswelten durch die Imperative des Kapitalismus' zusammen. Dies heißt eben, dass alle Lebensbereiche sich der ökonomischen Bewertung unterordnen, ihre Interessen nicht mehr mit ihren eigenen traditionellen Mitteln umsetzen können, sondern nur noch übersetzt in die Sprache des Geldes. Soziale Arbeit kann -in dieser Logik- mit ihrer moralischen Orientierung staatliches Handeln prinzipiell nicht mehr beeinflussen. Moral hat theoretisch in kapitalistischen Gesellschaftssystemen solange keine Relevanz mehr, wie sich soziale Desintegrationserscheinungen finanziell nicht bemerkbar machen: Solange sich die Folgen von Sozialabbau ökonomisch nicht niederschlagen, wird jeder eingesparte Euro, Mitarbeiter oder Jugendclub als systemfunktional und Damit sinnvoll erachtet. Dies ist für die Soziale Arbeit nicht nur ein Schlag ins Gesicht, weil Bedarfe ihrer Klienten missachtet werden, sondern v.a., weil sie eigentlich einen generalpräventiven Auftrag hat; sie soll im Vorwege Lebensbedingungen sichern, um die Wahrscheinlichkeit späterer Katastrophen zu minimieren; sie sollte somit schon eingreifen, bevor soziale Probleme zu finanziellen geworden sind. Damit geht es der Sozialen Arbeit genau so wie der Ökologiebewegung: Deren jahrzehntelangen Warnungen wurden erst ernst genommen, als die Elbe überlief oder Wirbelstürme die Versicherungsbranche zu ruinieren drohten.

Im sozialen Bereich ist dieser Zusammenhang am BSP des Rechtsradikalismus leicht zu erkennen: Weder die latente Fremdenfeindlichkeit wurde ernst genommen, noch die ersten Übergriffe, auch nicht die ersten Toten oder die Pogrome waren Anlass zum Umdenken, sondern erst der Rückzug japanischer Investitionen in den neuen Bundesländern löste den Ruf nach Sozialer Arbeit aus. Über Jahre des Warnens hinweg, hat das Problem inzwischen jedoch eine derartige Komplexität erreicht dass es sich selbst theoretisch nicht mehr mittels symbolischer Sozialpädagogik-Programme lösen lässt. Wird die Soziale Arbeit im nachhinein zur Symptombekämpfung herangezogen, muss sie in dem konkreten Fall die Ziele weit nach unten anpassen und allenfalls bezogen auf die nächste Kindergeneration darauf hinwirken, Lebensbedingungen zu verbessern, so dass die Wahrscheinlichkeit für Wiederholungen sinkt. Möller zitiert einen Kollegen, der sich i.d.Z. so pessimistisch wie realistisch äußert:

„Wenn ich am Ende erkennen kann, dass so'n harter Skin am Abend nicht mehr mit dem Mob Pakistanis klatschen geht, sondern zu Hause auf'm Sofa mit'nem Bembel Bier und Knabberzeug vor der Glotze sitzt und seiner Freundin nur noch ganz selten eine langt, dann hab ich schon viel erreicht."





[Bearbeiten] Zur Bedeutung von Zeithorizonten und -punkten in der Sozialen Arbeit:

Die Sozialer Arbeit setzt ihren Arbeitsschwerpunkt in der Prävention von Entstehung und Verschärfung sozialer Probleme und weniger auf der Reparatur sich über lange Zeiträume hinweg manifestierender Problemlagen:

„Das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen:

  • Ein menschenwürdiges Dasein zu sichern,
  • gleiche Voraussetzung für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen zuschaffen,
  • die Familie zu schützen und zu fördern,
  • den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und
  • besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden und auszugleichen."<ref>§1 SGBI; das SGBI skizziert die rechtlichen Leitsätze, deren sich alle anderen Sozialgesetzbücher unterordnen.</ref>

Das präventive Selbstverständnis wird nun seitens Politik und Verwaltung untergraben, werden doch v.a. die sog. sozialrechtlichen Kann-Leistungen gekürzt, die bisher ohne akuten Anlass die Lebensbedingungen benachteiligter oder von Benachteiligung bedrohter Menschen sicherstellen sollen. Der Interventionszeitpunkt Sozialen Arbeit wird verzögert und die Wahrscheinlichkeit für Verfestigungen von Problemen so erhöht. Erst wenn sich später die sozialen Probleme manifestiert und ein Grad der Störung entwickelt haben, dass sie in den Bereich sog. Muss-Leistungen fallen oder die mediale Aufmerksamkeit zum Handeln zwingt; wird dann -um so hektischer- nach der Sozialarbeit gerufen. Diese ist dann gut beraten, sich sehr genau zu überlegen, ob sie das Mandat annehmen soll, das ihr viel zu spät zugeschoben wird:

  • Wenn nach einem jahrelangen Leben unter -teils widrigster Lebensumstände- sog. Crash-Kids mit geklauten Autos Unfälle verursachen,
  • wenn die minderjährigen drogenabhängigen und/oder obdachlosen Menschen nicht nur das Straßenbild prägen, sondern dort auch noch sichtbar und die Allgemeinheit störend erfrieren,
  • wenn Schüler Amok laufen oder Jugendbanden Markenklamotten abziehen,
  • wenn Supermärkte in randstädtischen Armutsquartieren oder auch Unterkünfte von Migranten unter Beifall der Passanten angezündet werden,
  • wenn junge Menschen mit Baseballschlägern auf die Jagd nach anderen gehen,
  • wenn PISA den Bildungsnotstand aufdeckt,
  • (...)

Wenn wir den uns zugeworfenen Ball auffangen, laufen wir Gefahr, zu unterstützen,

  • dass man weiter darauf reduziert wird, aktuelle und akute Probleme zu managen bzw. aufzufangen und sich so die Funktion Sozialer Arbeit immer weiter von der präventiven hin zur reaktiven Krisen-Feuerwehr-Intervention verschiebt.
  • dass weiterhin warnende Hinweise vor langfristigen Folgen widriger Lebens- und Sozialisationsbedingungen mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage ignoriert und die Sozialpädagogen frustriert werden.
  • dass wir weiterhin unsere reaktiven Einflussmöglichkeiten überschätzen, deswegen scheitern und unser Image in der Öffentlichkeit immer wieder aufs Neue verspielen.
  • dass die Kollegen in der Praxis von Politik und ihren Trägern weiter in aussichtslose Kämpfe getrieben werden und im Falle des wahrscheinlichen Scheiterns, ausbrennen.
  • dass Träger und Politik mittels schneller und mit ‚heißer Nadel gestrickter' Krisen-Interventions-Programme auf Kosten von Mitarbeitern und Klientel kurzfristig zu Ruhm und öffentlichen Geldern gelangen; dass Politik sich hinter dieser Art symbolischer Politik verstecken und sich weiter ihrer ursächlichen Verantwortung entziehen können, bis sich die Wogen geglättet haben.
  • dass wir nachhaltige Lösungen sozialer Probleme verhindern, indem Folgen sozialer Ungleichheiten -von der einen zur anderen Eruption- knapp unter der Oberfläche moderiert, mediiert oder gemanagt werden.
  • (...)

Mit der Aussage, Studenten nicht ermuntern zu wollen, sich in erfolglosen Projekten verheizen zu lassen, wurde ein kleiner Eklat mit dem Ausländerbeauftragten Sachsen-Anhalts provoziert. Er sah die Sozialarbeit dann gefordert, wenn rechtsradikale Jugendliche mit Baseballschlägern andere Menschen zusammenschlagen. Im wurde entgegnet, dass Soziale Arbeit zu diesem Interventionszeitpunkt lieber die Verantwortung von sich weisen sollte. Sie sei zugleich aber verantwortlich dafür, Verursachungszusammenhänge zu benennen und die Zusammenarbeit anzubieten, um bei der jüngeren Generation präventiv zu intervenieren. Obwohl man auch hier keine Garantie geben kann, dass niemand niemals einen Baseballschläger in die Hand nehmen wird, kann man aber die Reduzierung der Wahrscheinlichkeit in Aussicht stellen; wenn das ‚Kind jedoch schon in den Brunnen gefallen', die Keule in der Hand ist, scheint es zu spät zu sein... Mit dieser Ansicht hätte man den Beruf verfehlt, teilte der Ausländerbeauftragte erbost mit...

[Bearbeiten] Unsere Ziele:

Soziale Arbeit verfolgt letztendlich zwei zunächst banale klingende Ziele, sie versucht, sich selbst wieder überflüssig zu machen und will dabei sicherstellen, dass sich die Lebenslage ihres Klientels dann verbessert hat. Die in §1 SGB I formulierte Hilfe zur Selbsthilfe stellt das Leitziel sozialer Hilfen dar. Es ist die Konkretisierung des sog. Subsidiaritätsprinzips welches festlegt, dass zunächst jeder Mensch selber für seine Existenzsicherung verantwortlich ist, dass darüber hinaus je nach Hilfeform und Nähe der Verwandtschaftsbeziehung, die Verwandten oder Haushaltsangehörige in unterschiedlicher Höhe herangezogen werden und erst dann Sozialversicherung und zuletzt Sozial- und Jugendhilfe greifen. Gleichsam wirken die Hilfen in umgekehrter Reihenfolge darauf hin, die Selbsthilfe zu steigern. Dies muss zunächst nicht kritisch betrachtet werden, drückt sich Lebensqualität doch in hohem Maße in Autonomie aus. Leider wird immer weniger darauf geachtet, die Parallelität zwischen zunehmender Eigenverantwortung und individuellem Ressourcenzuwachs zu beachten, so dass es regelhaft zur Überforderung der Person oder seiner sozialen Kontakte kommt und sich dann die Kostenorientierung in den Vordergrund schiebt und Selbsthilfe einen Zwangscharakter erhält. Wir könnten darauf vertrauen, dass sich die Menschen in dem Maße, wie wir mit ihnen gemeinsam Ressourcen zur Lebensbewältigung suchen, aufbauen und trainieren, sowie Selbstbewusstsein und -vertrauen vermitteln, sich des Ressourcengewinns bewusst zu werden und selbstständig darauf zurückzugreifen, sie sich auch selbst um Ausweitung ihrer Verantwortung bemühen; diese Entwicklung wird durch Zwang massiv beeinträchtigt.

Es hat sich in der Sozialen Arbeit der sog. Lebenslagen- bzw. Ressourcenansatz durchgesetzt, der sich zunächst um den Ausbau von vier Grundressourcen bemüht und dann -als größte Herausforderung- sicherstellt, dass diese Ressourcen von den Klienten erkannt, im eigenen Verhaltensrepertoire aufgenommen und bei Bedarf auch in anderen Situationen mobilisiert werden. Es können Gesundheit sowie soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital als Grundpfeiler ausgemacht werden, deren Summe über das Maß individueller Lebensbewältigung entscheidet. Da die Summe entscheidend ist, sind alle vier Dimensionen in der Arbeit gleichzeitig zu verfolgen und können sich Defizite in den verschiedenen Bereichen wechselseitig ausgleichen. Ich will diese Betrachtungsweise hier nur kurz skizzieren und ansonsten auf einen Aufsatz von Pierre Bourdieu verweisen (1983).

Die vier Ressourcen zur Lebensbewältigung im einzelnen:

[Bearbeiten] Gesundheit:

in Form körperlichen, seelischen und sozialem Wohlbefindens fördert z.B.

  • die Arbeitsfähigkeit und damit die Möglichkeit ökonomisches Kapital zu erwirtschaften.
  • die Möglichkeit, Bildungsmaßnahmen zu besuchen, um dort kulturelles Kapitals in Form von Bildungszertifikaten zu erhalten.
  • die Motivation, auf andere Menschen zuzugehen, solidarische Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und so soziales Kapital zu erwerben.
  • (...)

[Bearbeiten] Soziales Kapital:

in Form von sozialen Kontakten in Freundeskreis, Gruppen, Sportvereinen, Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz... fördern je nach Quantität und Qualität z.B.

  • das seelische Wohlbefinden und reduziert damit die Wahrscheinlichkeit für psychosomatische Einschränkungen der Gesundheit.
  • den souveränen Umgang mit unterschiedlichen (sub)kulturellen Konventionen. Das Wissen und Beherrschen der angemessenen sozialen Distanzen, Begrüßungsrituale, Sprache, Kleidung... je nach sozialer Gruppe (Arbeitskollegen, Kunden, Familie, Sportfreunde, Teilnehmer einer Zwangsmaßnahme des Arbeitsamtes...) und Situation (Vorstellungsgespräch, Opernbesuch, Streit um einen Parkplatz...) kann als kulturelles Kapital bezeichnet werden.
  • mittelbar ökonomisches Kapital, wenn ich mir den Passat-Kombi zum Transport der Waschmaschine oder den Einkaufausweis für den Großhandel ausleihen kann, wenn man gemeinsam haushaltet, Freunde sich Werkzeug in der Firma ausleihen, mir in der Freizeit handwerklich zur Seite stehen oder sie im Theater arbeiten und mal Freikarten mitbringen... Kann man sich privat Geld leihen und den hohen Dispositionskredit von 13% sparen, ‚zahlen' sich soziale Kontakte ökonomisch aus.
  • (...)

Kulturelles Kapital:

in Form erworbener Bildungszertifikate und -kompetenz, bezogen auf Personen und Situationen angemessener Verhaltenskompetenz oder auch symbolisiert als Gemälde, bzw. Konzertflügel in meinem Haus, der Super-Wasserpfeife, der kompletten Frank-Zappa-Sammlung oder Play-Station 2 sichert z.B.

  • Soziales Kapital i.S. von Eintrittskarten in soziale Gruppen, die unter ihresgleichen bleiben wollen und sich zum Schutz ihrer Subkultur gegenseitig zur Seite stehen.
  • Ökonomisches Kapital wenn die formalen Bildungszertifikate zunächst das Vorstellungsgespräch ermöglicht und später -weil man zudem mit seinem kulturellen Habitus die Erwartungen treffen konnte- auch Anstellung und Einkommen ermöglichen.
  • die Gesundheit, wenn dank Bildungsqualifikation der Zugang zu Erkenntnissen gesunder Lebensführung erleichtert wird, dank kultureller Selbstsicherheit die Schwelle zur Gesundheitsberatung überschritten wird oder zur Rechtsberatung um den Wiederspruch gegen den abgelehnten Kurantrag zum Erfolg zu führen, wenn die eigenen kulturellen Kompetenzen in rechtlichen Fragen unzureichend sind.
  • (...)

[Bearbeiten] Ökonomisches Kapital:

in Form von Einkommen und Vermögen fördert z.B.

  • die Gesundheit, wenn man sich gesunde pro-aktiv becel Margarine für € 2,99 bzw. den Sportvereinsbeitrag leisten kann oder die private Krankenversicherung eine bessere Behandlung ermöglicht. Zudem kann man sich leisten, an Orten zu wohnen, wo nicht Emissionen die Gesundheit gefährdet, sondern großzügige Grünanlagen diese fördert.
  • das Soziale Kapital, wenn man sich eine Wohnung leisten kann, die Einladungen ohne Scham ermöglicht, wenn man sich leisten kann, ‚kleine Geschenke zum Erhalt der Freundschaft' zu machen, wenn man nicht immer traurig mit Ausreden den Kneipenbummel mit Freunden absagen muss, weil das Bier zu teuer ist und der Verzehrzwang nicht nur durch den Wirt, sondern v.a. auch durch die Gruppe ausgeübt wird.
  • Kulturelles Kapital, wenn man sich oder seinen Kindern teure Aus- und Fortbildung finanzieren kann, der Eintritt in Oper und Technofestival den Zugang zur auserwählten Zielgruppe ermöglicht und die kulturellen Konventionen kultivieren lässt, und man sich die erforderlichen symbolischen kulturellen assesoirs vom Gemälde über Auto und Handy bis zum Plateauschuh anschaffen und seinesgleichen imponieren kann.
  • (...)

Es soll deutlich geworden sein, dass alle vier Seiten in gegenseitigen Ursache-Wirkungszusammenhängen stehen und Defizite untereinander kompensieren können. Im sozialen Hilfeprozess sollte deshalb versucht werden, Ressourcen in allen Bereichen aufzuspüren, selbst, wenn sie nur am Rande der eigentlichen Hilfeplanung liegen. Es geht dann jeweils nicht nur darum, die Ressourcen zu entdecken und einmalig zu nutzen, sondern sie solange zu trainieren, bis sichergestellt ist, dass sie verinnerlicht sind und fortan in allen Lebenssituationen -auch in Abwesenheit des Pädagogen- erfolgreich eingesetzt werden. Die Tatsache, dass ökonomische Defizite durch die sog. ‚endogenen Humankapitalressourcen' ausgeglichen werden können, inspirierte Sozial- und Finanzpolitik, direkte finanzielle Transferleistungen zu kürzen, um sie durch andere Kapitalformen auszugleichen. Diese Idee scheint aus mindestens zwei Gründen blödsinnig:<ref>siehe auch Kapitel zu GWA und Empowerment</ref>

1. Der Aufbau und die Nutzung der immateriellen Ressourcen erfordert viel Zeit und Geschick und ist in höchstem Maße abhängig von Freiwilligkeit. Nur der Verdacht, mein Nachbar ist allein deshalb nett zu mir, weil er sich einen geldwerten Vorteil von mir erhofft, zerstört schlagartig das solidarische Verhältnis.

2. Man muss sehen, dass sich die Benachteiligungen unser Klienten auf alle Bereiche erstrecken und die Mobilisierung von Ressourcen hier nur graduelle Verbesserung der Lebenslage bewirken können; kleine Zugewinne aufbauend auf niedrigem Niveau. Große Zugewinne auf hohem Niveau können sich allein jene sichern, die nicht zum klassischen Klientel Sozialer Arbeit gehören und schon relativ gut situiert ist: Als C3-Proffessor für Kulturwissenschaften frage ich meinen Kumpel Fritz; dem Chef einer weltweit agierenden Wirtschaftskanzlei im Golfklub, ob mein Sohn, dem ich an der London School of Öconomics eine exklusive Juristenausbildung finanziert habe nicht in seiner New-Yorker Niederlassung ein Job bekommen könnte... Der Baulöwe Peter hatte zunächst Probleme mit der Aufnahme im Golfklub, weil er trotz ökonomischer Mindestvoraussetzungen an den kulturellen Aufnahmekriterien scheiterte; Nachdem er mir aber -für schwarz- einen Wintergartenanbau ans Haus und Fritz den Pool eingebaut hat, sahen wir darüber hinweg. Die Gartenparty auf dem parkähnlichen Anwesen zur Einweihung des Wintergartens wurde Herrn Dr. Schmidt aus der Baubehörde gewidmet, der die nötige Baugenehmigung ohne Prüfung schon nach zwei Tagen erteilt hat. Wie er das gemacht hat, wollen Fritz und ich lieber gar nicht wissen...

Im Rahmen unserer Arbeit muss man eher denken an, die Möglichkeit, Samstag Abend im Supermarkt verderbliche Lebensmittel zum halben Preis zu kriegen; den Rollstuhlfahrer, der Nachhilfe gibt, wenn man seinen Garten pflegt oder Einkaufen geht; den Mietergarten in dem sich Mitbringsel und Geschenke wie Blumen oder Erdbeeren zur Pflege von Freundschaften angebaut lassen...

Im Kreise unseres Klientels ist es unüblich, durch die Mobilisierung immaterielle Ressourcen über kleinere Gewinne an Lebensqualität hinaus, die Existenz auf eigene Beine zu stellen. An unrealistischen Vorstellungen an dieser Stelle scheitern bisher alle Träume einen ‚Dritten Sektor' der nachbarschaftlichen Selbsthilfe zu etablieren.

Der Ressourcenansatz verlegt den Erwartungshorizont für Erfolge sozialer Intervention in die weite biographische Zukunft ihres Klientels und findet sie dann in allen Lebensbereichen und -situationen, die mittels erweiterter Ressourcenbasis nun besser bewältigt werden können; er beschränkt sich nicht auf die zeitnahe Bewältigung eines aktuellen Problems. Man konzentriert sich nicht allein auf den einzelnen ‚auffälligen Menschen', sondern auf alle Menschen. Ohne dass sich jemand als auffälliger defizitärer Einzelfall stigmatisiert fühlen muss, soll allen Menschen Ressourcen zur Lebensbewältigung vermittelt werden, um sie gegenüber Lebensproblemen allgemein zu wappnen, ohne dass bereits ein konkretes Problem absehbar seien muss.

Der Ressourcenansatz verdrängt den gegensätzlichen Defizitansatz der Sozialen Arbeit der die Fehler und Defizite seiner Klienten in den Mittelpunkt stellt. I.d.S. wurde das Klientel immer wieder mit dem Stigma des schuldhaften Versagers konfrontiert; jeder Freude über kleine Fortschritt wurde genommen mit dem Verweis darauf, was trotzdem alles immer noch nicht klappt. Man kann sich vorstellen, dass es für die Selbstsicht und die Motivation der Klienten im Hilfeprozess entscheidend ist, ob sie gemeinsam am Ausbau ihrer Ressourcen arbeiten oder Einsicht in ihr Versagen erlangen sollen und dem Sozialpädagogen beweisen müssen, dass sich ihr Versagen nun langsam reduziert. Die Fortführung der Stigmatisierung in der Sozialen Arbeit ist kontraproduktiv: ‚Hast du etwa schon wieder deine Hausaufgaben nicht verstanden? ‚Haben Sie es den etwa immer noch nicht geschafft, ihrem Mann die Meinung zu sagen?'... Da Stigmatisierung allgemein als (Mit-)Ursache sozialer Probleme anerkannt ist, kann sie folgerichtig den Hilfeprozess nicht beflügeln! Stigmatisierung gilt als problematisch, weil die stigmatisierten Menschen im Laufe der Zeit, die Fremdzuschreibungen ‚dumm, faul, arbeitsscheu, asozial, Zigeuner, Versager...' übernehmen, ihr Selbstbild dieser Zuschreibungen angleichen und sich letztendlich -also erst viel später- dann wirklich so Verhalten, wie man es ihnen eingeredet hat. Die Erwartungen des Umfeldes sind während des Prozesses in hohem Maße selektiv; kleine Fortschritte laufen systematisch Gefahr, übersehen und nicht gewürdigt zu werden, während kleine Probleme, selbst wenn sie an Intensität verlieren, die Erwartungen immer wieder bestätigen und skandalisiert werden. Das Umfeld wartet quasi freudig darauf, mit seinen Unterstellungen Recht zu bekommen, dass es die Klienten doch nicht schaffen. ‚Einmal kriminell immer kriminell!'... Unsere Klienten befinden sich in einer Zwangslage, aus der sie nur schwer ausbrechen können: Gerade die ersten Schritte, sich von einem Stigma zu befreien, kosten besonders große Überwindung; sie erscheinen aus subjektiver Sicht sehr groß und mutig, während sie im Umfeld aber leicht übersehen und nicht honoriert werden, weil sie sich objektiv auf einem sehr niedrigem Niveau abspielen, das der Allgemeinheit -oft auch dem Sozialarbeiter- als selbstverständlich gilt. Diese Ignoranz kann eine Verstärkung des problematischen Verhaltens bewirken; wenn sich der Eindruck verfestigt, man könne tun was man will, ohne dass es jemanden interessiert; dann erst recht... Die Wechselwirkungen zwischen Stigmatisierung und abweichendem Verhaltens lassen sich in unterschiedlichen Kontexten eindrucksvoll beschrieben:

Dostojewski beschreibt in ‚Der Idiot' einen Menschen der aus der Psychiatrie zurück in seine Heimat kommt und von allen als ‚Idiot' beschimpft und ausgeschlossen wird. Er wird von allen als Sündenbock und Witzfigur benutzt, um von eigener Unzulänglichkeit abzulenken. In den ausführlichen Selbstreflexionen dokumentiert die Romanfigur ein hohes Einfühlungsvermögen in den Mikrokosmos seiner Umgebung, er begegnet allen mit einem großen Vertrauensvorschuss und reagiert zunächst wohlwollend freundlich auf die Anfeindungen. Er skizziert seine Vorstellungen von vertrauensvollen, solidarischen, ehrlichen und empathischen Umgangsformen, die idealerweise jedem Gemeinwesen eigentlich zugrunde liegen sollten. Die in der Realität missgünstigen und dennoch ‚normalen' völlig konträren Umgangsformen lehnt er zunächst souverän ab. Im Laufe der Zeit verliert er sein Selbstbewusstsein, stellt sein Vorstellungen in Frage, reagiert mit zunehmend depressiver Verstimmung, versucht sich mit den Umgangsformen zu arrangieren und zerbricht. Er endet wieder in der Psychiatrie...

Fritz Sack einer der bedeutensten Kriminologen stellt in der Theorie des ‚Labeling approach' die Bedeutung von Stigmatisierung für die Entstehung abweichend krimineller Karrieren heraus. Seine Ausführungen lassen sich derart zuspitzen, dass Verhalten und die Person erst dadurch kriminell werden, dass andere normensetzende Instanzen Macht und Einfluss nutzen, dem Verhalten das Label/Stigma ‚kriminell' zu verleihen. Dieser Vorgang wird v.a. immer dann deutlich, wenn sich Interessengruppen durchsetzen und neue Straftatbestände schaffen oder Strafmaße erhöhen,

  • wenn mit dem Erlass des Residenzpflichtgesetz Asylsuchende mit Verlassen ihres zugewiesenen Landkreises eine Straftat begehen,
  • wenn das öffentliche Trinken, Sitzen in Gruppen und Betteln als ‚aggressives Betteln' kategorisiert, unter Strafe gestellt werden soll,
  • wenn aus der Ordnungswidrigkeit ‚wildes Plakatieren' eine Straftat wird
  • (...)

Einmal formal als ‚kriminell' erfass, reduzieren sich die beruflichen und damit ‚legalen' Möglichkeiten der Lebensbewältigung; im Bekanntenkreis vergrößern sich tendenziell körperliche und soziale Distanzen, die Besuchshäufigkeit wird erst von der einen Seite reduziert und später auch von meiner. Man verliert den Mut, erhält keine Chance mehr und wird immer mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden; vielleicht fassen Freunde auffallend häufig nach ihrer Brieftasche oder wollen einen nicht mehr allein im eigenen Zimmer lassen... ‚Ist der Ruf erst ruiniert...' Wenn man eh keine Chance hat, ist die Entscheidung, dann doch einfach kriminell zu bleiben, logisch und nachvollziehbar. Andere, die es mit Gesetzen vielleicht auch nicht so eng sehen, vielleicht nur noch nicht erwischt wurden, geschickter sind oder Straftaten begehen, die weniger intensiv verfolgt werden können hingegen den sozialen Ausschluss vermeiden.

Elias&Scotson (1990) haben in ihrer lesenswerten Publikation über ‚Etablierte und Außenseiter' die Bedeutung von Stigmatisierung für sozial problematische Wohnquartiere und zunehmender Benachteiligung ihrer Bewohner am prägnantesten dokumentiert: In einer Englischen Kleinstadt wohnten -grob vereinfacht- die Gruppe besser situierter Bürger und schlechter situierter Arbeiter, die untereinander wenig Kontakt hatten. Am Stadtrand -von einer Eisenbahnlinie getrennt- wurden die ‚Neuen' angesiedelt; Arbeiterfamilien, die einem Braunkohletagebau haben weichen müssen, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Zusammensetzung in keinster Weise von den alten Arbeiterfamilien unterschieden, abgesehen eben davon, dass sie neu waren. Keine signifikanten Unterschiede in Alter, Bildung, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Krankheit konnten erklären, warum zehn Jahre später fundamentale Unterschiede hinsichtlich Gesundheit, Suchtverhalten, Kriminalität, Nachbarschaftsstreitereien... bestanden. Zunächst erst mal unverfänglich als ‚die Neuen' bezeichnet, wurden sie im Laufe der Zeit als ‚die kriminellen Asozialen' von den alten Arbeiterfamilien benutzt, um sich selbst durch Abgrenzung nach unten psychisch zu stabilisieren. Alle Probleme wurden fortan den ‚Neuen' zugeschrieben, Ängste geschürt und die alte Trennung zwischen alten Arbeitern und Bürger punktuell aufgehoben. Zugang sowohl in die politischen Selbstverwaltung der Stadt, als auch zu Arbeitsplätzen wurde massiv erschwert; Eheschließungen über die Bahnschiene hinweg waren geächtet. Da die neu Hinzugezogenen in der Stadt nicht verankert und untereinander noch nicht solidarisch vernetzt waren, konnten sie sich gegen die geeinten Zuschreibungen nicht wehren und glichen ihr Selbstkonzept dem Fremdbild an. Die ‚Alten' sahen sich dadurch wiederum in ihre Einschätzung bestätigt und erhärteten sie... Zum Schluss der Entwicklung hatte sich die im statistischen Vergleich einheitlichen Arbeitergruppen in allen Indikatoren sozialer Benachteiligung und auffälligem Verhalten signifikant voneinander entfernt.

Traditionell randstädtische Quartiere, in den sich im Laufe von Segregationsprozessen -also sozial-räumlicher Polarisierung- sozial benachteiligte Menschen konzentrieren, entwickeln wenn sich sie in ‚Verruf' kommen, selbst eine benachteiligende Wirkung. Wer es sich noch leisten kann, versucht diese Quartiere zu verlassen, wer es nicht schafft oder gar neu hinzukommt, weiß von sich, ganz unten angekommen zu sein. Die ganze Stadt weiß, dass dort die Looser wohnen, meiden den Kontakt, verbieten ihren Kindern, dort Mitschüler zu besuchen, das regionale Gewerbe zieht sich mangels Kaufkraft oder drohendem Imageverlust zurück, die Wohnungsbaugesellschaften reduzieren die Pflege von Haus und Hof, während gleichzeitig die Schäden zunehmen und die Menschen in unterschiedlicher Art und Weise ‚abweichend' zu reagieren scheinen. 1979 stigmatisiert der Deutsche Städtetag solche Quartiere als ‚soziale Brennpunkte' und in Hamburg wurde der Ansatz stadtteilbezogener Sozialarbeit 1994?? zunächst ‚Konzept Soziale Brennpunkte' und später nicht minder stigmatisierend ‚Armutsbekämpfungsprogramm' genannt. Diese Zuschreibungen haben das zunächst informell zugeschrieben schlechte Image der Quartiere nun auch noch formell bestätigt und die negative Dynamik noch zusätzlich verstärkt. Zunächst gut gemeint, ist hier ein Problem angesprochen, das ich ‚Skandalisierungsfalle der Sozialen Arbeit' nennen möchte. In dem Maße, wie Regelzuwendungen der zuständigen (Sozial-) Behörden von (Einzel- oder Sonder-) Fallzuwendungen verdrängt werden, fühlen sich Institutionen aufgefordert, ihr Klientel -hier Quartier- selber zusätzlich zu stigmatisieren, allein um höhere oder längere Zuwendungen zu erhalten. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtpunkten ist es sinnvoll, sein Klientel -oft sogar aktenkundig- als noch schlechter darzustellen, als es wirklich ist; bzgl. des Klientels wird die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Hilfeprozess verringert, nicht zuletzt, weil Ablösungsprozesse teilweise sogar hinausgezögert werden, um sich Zuwendungen länger zu sichern. Das größere Problem wie gesagt darin, dass die Zuwendung daran gekoppelt werden, den Ruf des eigenen Klientels zusätzlich zu ruinieren.

Auch zur Reduzierung von Stigmatisierungen sollten wir versuchen, den Interventionszeitpunkt nach vorne zu verlegen, um die Intervention von einem konkreten Adressaten und Problem zu entkoppeln. Ersucht man sozialpädagogische Hilfe, damit nicht später einmal ein Problem entstehen könnten, ist dies weit weniger stigmatisierend, als wenn man mit dem Gang zum Sozialpädagogen zugleich seinem gesamten sozialen Umfeld signalisieren muss, man hätte sein Leben nicht mehr unter Kontrolle... Eine Aussage im Rahmen der Drogenhilfe kann die Bedeutung von Prävention und Stigmatisierung illustrieren:

 
Darstellung ich-Entkernten Junki – im Drogenmat.
 

Die Einleitung der Kampagne ‚Kinder stark machen' der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vermittelt eine Vorstellung eines präventiven Hilfeverständnisses; es ist bedauerlicher, dass sich diese Einsichten kaum in der Praxis der Jugend- und Sozialhilfe wiederfinden:

„Der Griff zu Drogen hat verschiedene Ursachen. Das Gefühl von Ohnmacht und Schwäche kann eine Ursache sein. Schlimm genug, dass es Drogen gibt, aber das allein macht nicht süchtig. Kinder, die sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen fühlen, suchen oftmals Zuflucht in Alkohol, Tabletten oder Drogen. Wer gelernt hat, Konflikte mit sich und anderen eigenverantwortlich zu lösen, braucht nicht Scheinlösungen in Suchtmitteln zu suchen. Selbstvertrauen stärken, Konfliktfähigkeit fördern, die realistische Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen unterstützen heißt, Kindern die Chance geben, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln. Es schützt sie mehr vor Drogen als alle Warnungen und Verbote. ‚Starke' Kinder können von sich aus ‚Nein' sagen. (...) Miteinander reden kann Schwierigkeiten beseitigen, bevor Probleme. Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden. Kinder stark machen, zu stark für Drogen, ist ein Teil davon."<ref>Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.</ref>

In diesen für das Thema ungewöhnlich ehrlichen Äußerungen konzentriert man sich auf einen Zeitpunkt, ehe das Problem aktuell ist, man wendet sich nicht nur an ‚Problemkinder oder -familien, sondern an alle. Es geht um die Förderung allgemeiner statt nur problemspezifischer Ressourcen und scheut sich nicht, auch die ‚Anforderungen des Lebens' als potentiell ursächlichen Aspekt mit zu erwähnen.

 
Plakat Kinder stark machen Zitat Kinder stark machen ist unten!!!!
Drogen Erlebnis Indianer Bild BZGB
 

Die Kausalität einer solchen Kampagne hinsichtlich einer Suchtprävention bzw. einer Garantie der lebenslangen Suchtfreiheit, lässt sich schwer beweisen, liegt aber auf der Hand. Da man hinterher nicht wissen kann, wie viele Jugendliche Drogen konsumieren würden, hätte man vorher keine präventiven Angebote gemacht, muss man auf den Erfolg vertrauen. Die Wahrscheinlichkeit sinkt sicherlich; vielleicht wirkt das Angebot nicht sucht-, sondern kriminalpräventiv. Ob ein Angel- oder Sportverein, ein kindorientiertes Konflikttraining oder der Kinder-Bauspielplatz-Streichelzoo nun kriminal-, sucht- oder krankheitspräventiv wirkt, sollte für Sinnhaftigkeit und Finanzierung der präventive Intervention aber keine Rolle spielen.

 
Grafik Angelverein Ebbe und Friese????
 

Vorläufig als Ziel kann festgehalten werden, dass unsere, staatliche und Klienteninteressen voneinander abweichen können, dass letztendlich aber das Klienteninteresse im Mittelpunkt stehen bleiben muss: Am Ende soll er unter dem Strich bezüglich seiner Lebensqualität- und Bewältigung hinzugewonnen haben und sein Zugewinn muss größer sein, als jener der bewilligenden Behörden, der Sozialen Arbeit, ihrer Mitarbeiter oder Dritter.

Soziale Arbeit kann kein Beruf sein, den man allein wegen der Entlohnung macht; es hat in gewissem Sinne etwas mit Berufung zu tun. Logischerweise soll erlaubt sein, Spaß bei der Arbeit zu empfinden, sich über Rückmeldungen der Klienten zu freuen und selbst das Gefühl zu genießen, gebraucht zu werden und eben auch angemessen bezahlt zu werden. Über dem von Schmidtbauer oben geäußerten Generalverdacht, man würde generell im Sozialbereich nur sein Klientel emotional ausbeuten wollen, kann man getrost stehen; dieses entbindet uns jedoch nicht, im Einzelfall sorgfältig darüber zu wachen, dass es zu seinem Recht kommt! Seine Entwicklung sollte weder durch Ängste des Helfers und v.a. nicht durch eine symbiotisch-klammernde Beziehungen blockiert werden!

Der Deutsche Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik (DBSH) fasst die Aufgaben und Ziele Sozialer Arbeit wie folgt zusammen:

„Ziel:

Leitziel professioneller Sozialarbeit ist es, dass einzelne Menschen und Gruppen, insbesondere benachteiligte, ihr Leben und Zusammenleben i.S. des GG und der Menschenrechtskonvention zunehmend mehr selbst bestimmen und in solidarischen Beziehungen bewältigen. Ziel des professionellen Handelns ist die Vermeidung, Aufdeckung und Bewältigung sozialer Probleme.

Aufgaben:

Aus der Zielsetzung ergeben sich folgende Aufgaben:

  • Menschen durch persönliche und umweltbezogene, also psychosoziale Hilfen, Bildung, Erziehung und materielle Hilfen so zu fördern, dass sie in ihrer Lebenswelt (wieder) handlungsfähig werden.
  • Einzelne und Gruppen bei der Überwindung eingeschränkter Lebensbedingungen konkret zu unterstützen. z. B. in Selbsthilfegruppen, so dass sie ihre Konflikte selbst bearbeiten und ihre Interessen vertreten können.
  • Einflussnahme auf die sozialräumliche Entwicklung der Lebensbedingungen im Rahmen von Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, um den Bewohnern menschenwürdige Lebenschancen durch Mitverantwortung und Mitentscheidung zu eröffnen.
  • Die vielgestaltigen gesellschaftlichen sozialen Dienstleistungsangebote erreichbar zu machen, diese in ihrer Wirksamkeit zu kontrollieren und zu optimieren durch Mitwirkung an Sozialplanung und Einwirkung auf Richtlinien, Erlasse und Gesetze.
  • Erschließen von Ressourcen vor Ort, u. a. durch die Gewinnung, Beratung, Begleitung, Schulung freitätiger und ehrenamtlicher Mitarbeiter.
  • Förderung der Zusammenarbeit aller beteiligten Personen und Organisationen.
  • Den Interessen Benachteiligter Geltung zu verschaffen durch rechtliche, ggf. politische Vertretung und Öffentlichkeitsarbeit.
  • Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Arbeit und problematische Entwicklungen im Arbeitsfeld öffentlich benennen, um auf diese Weise Verantwortlichkeiten neu zu klären und dem gesellschaftlichen Aussonderungsprozess gegenzusteuern.
  • Leitung von sozialen Institutionen, Diensten und Einrichtungen.
  • Nicht alle diese Aufgaben werden gleichwertig und gleichzeitig umfassend von einer Fachkraft wahrgenommen. Es erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Interdisziplinäres Arbeiten ist für Sozialarbeit berufstypisch.
  • (...)"

Zur Komplexität sozialpädagogischer Hilfeprozesse:

Bisher wurden mit Klienten, Staat, und Sozialpädagogen drei Akteure benannt, die mit oft unterschiedlichen Interessen am sozialpädagogischen Hilfeprozess beteiligt sind. Der folgende Artikel von Toralf Staudi in ‚Die Zeit' (7/00) über das Projekt ‚Miteinander' verdeutlicht, dass sich letztendlich eine kaum zu überblickende Zahl von Akteuren mit eigenen Interessen -zumindest mittelbar- an der Sozialen Arbeit beteiligen. Dies Projekt zur Bekämpfung von Rechtsextremismus zeigt, wie schwer es sein kann, zunächst überhaupt den Klienten zu identifizieren und dann seine Interessen zu verfolgen:

„Politische Bildung statt Jugendarbeit mit einem neuen Konzept will Sachsen-Anhalt den Rechtsextremismus bekämpfen:

Wenn die Mitarbeiter des Magdeburger Vereins ‚Miteinander' über ihre künftige Tätigkeit beraten, klingt das manchmal, als säßen Entwicklungshelfer aus Europa vor ihrem Abflug in den afrikanischen Busch zusammen. Da heißt es etwa, die ostdeutsche Gesellschaft müsse zivilisiert, westdeutsche Entwicklungen nachgeholt werden. Das oberste Prinzip der Arbeit sei dabei ‚Hilfe zur Selbsthilfe'... Kritische politologische oder soziologische Diskussionen über die Ost-Gesellschaft werden dort wahrscheinlich zwangsläufig als abwertend empfunden. Denn die gängigen Begriffe und Kategorien der Gesellschaftswissenschaften sind in Westdeutschland geprägt worden - und nach all den Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre rücken die neuen Bundesbürger reflexartig enger zusammen, wenn sie sich von dort aus angegriffen fühlen. Dass die meisten Mitarbeiter... selbst in der DDR geboren wurden, ändert nichts an dem Problem. Sie agieren, wie einer von ihnen sagt, ‚in einem Minenfeld'.

Mit einer neuen Strategie will der Verein versuchen, gegen die Ausländerfeindlichkeit im Osten vorzugehen: Nicht mehr die Rechten sollen ‚bekehrt', sondern das Nicht-Rechte gefördert werden. Der neue Ansatz ist bitter nötig, nachdem das aus dem Westen importierte Konzept der ‚akzeptierenden Jugendarbeit' gescheitert ist. In ABM-Maßnahmen hatten -meist gar nicht oder schlecht ausgebildete- Sozialarbeiter in den vergangenen Jahren versucht, den Rechten beizukommen. Die aber nutzten in vielen Fällen die staatliche Förderung geschickt für den Ausbau ihrer Strukturen. So hat etwa das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt das sich die Bundesregierung von 1992 bis 1994 60 Millionen Mark kosten ließ, häufig das Gegenteil erreicht.

In den kommenden Wochen eröffnet nun ‚Miteinander' drei regionale Zentren für Demokratie und Weitoffenheit mit jeweils zwei Referenten, Ostler und Westler, Mann und Frau gemischt. Dabei konzentriere man sich auf die ländlichen Regionen, sagt der Politologe und Vereinsgeschäftsführer Heinz Lynen von Berg. Während es in den größeren Städten bereits Ansätze von pluralistischer Kultur gebe, hätten in der Provinz vielerorts Rechte die Hegemonie erobert. Mangels Ausländern verprügeln Rechte eben Punks oder Obdachlose. In Klötze z.B..., ist die rechtsextremistische Kameradschaft allgemein akzeptiert und hat ihren eigenen Clubraum. (...) Bomberjacken und Glatzen gehören in Sachsen-Anhalt zum Straßenbild. Der Mainstream der Jugendlichen ist ausländerfeindlich und empfindet das als ganz normal. Nein, das habe doch mit Rechtsextremismus nichts zu tun, sagen viele völlig überzeugt und bezeichnen sich als unpolitisch. (...) ‚Miteinander' will nun Alternativen anbieten, will bestehende Projekte mit ‚pluralistischem Ansatz' fördern und neue initiieren. Lehrer, Erzieher und ‚lokale Eliten', die der rechten Aggressivität oft hilflos gegenüberstehen, will man schulen und beraten. Dabei dürfe der Verein, so ein Mitarbeiter, ‚nicht wie die Antifa auftreten, nicht mit der roten Fahne in die Dörfer einreiten'. ‚In einer Umgebung, die autoritär geprägt ist, müssen wir die Inseln der Demokratie stärken.'...

Auslöser für die Gründung des Vereins ward der Einzug der DVU in den Magdeburger Landtag. Sensationelle 12,9% hatte die Partei bei den Wahlen im April 1998 errungen, unter den jungen Männern stimmte damals gar ein Drittel für die -Rechtsextremisten. Die De-facto-Koalitionsparteien SPD und PDS gründeten daraufhin eine Arbeitsgruppe, im März vergangenen Jahres beschloss die Landesregierung ein ‚Handlungskonzept für ein demokratisches und weltoffenes Sachsen-Anhalt'. Schulsozialarbeiter wurden eingestellt, Lehrstellen mit über 130 Millionen Mark gefördert. Eine Wanderausstellung des Wirtschaftsministeriums soll beweisen, dass Ausländer keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern neue schaffen: Ausländische Investitionen hätten Sachsen-Anhalt mehr als 30 000 Jobs gebracht, demgegenüber arbeiteten nur 5.400 Nichtdeutsche im Lande. Im Rahmen des Handlungskonzepts wurden auch zwei Millionen Mark pro Jahr für den Verein bereitgestellt, der von SPD, PDS und Bündnisgrünen, Gewerkschaften."

40 Akteure lassen sich in Formen von Personen, Personengruppen, Institutionen und Regionen herauslesen, die bezogen auf das Problem spezifische Interessen verfolgen:

Verein, Vereinsmitglieder, Vereinsgeschäftsführer, Vereinsvorstand, Mitarbeiter, sein Kollege, seine Kollegin, Bundesregierung, Bundesland Sachsen-Anhalt, Landespolitiker, Wirtschaftministerium, Verfassungsschutz, Große Städte, Polizei, Grüne, DVU, CDU, SPD, PDS, Regionen, Harz, Provinz, Klötze, Westdeutsche, Ostdeutsche, Deutsche, Ausländer, Rechte, Nicht-Rechte, Linke, Unpolitische Menschen, Junge Männer, Jugendliche, Punks, Obdachlose, Lokale Eliten, Lehrer, Schulsozialarbeiter, Erzieher, Ausländische Investoren, andere Soziale Vereine, Gewerkschaften, Gesellschaftswissenschaft und Protagonisten der akzeptierenden Jugendarbeit.

Zu allen Akteuren stehen wir in der einen Rolle des Sozialpädagogen in einer professionellen Beziehung. Konflikte, die sich in dieser Rolle durch konfligierende Interessen abzeichnen, nennen man Intra-Rollenkonflikte. Einige Konflikte dieser Art will ich beispielweise konstruieren:

Jugendaustausch:

In dem Maße, wie fremdenfeindliche Ressentiments -medial aufbereitet- jeweils die Öffentlichkeit beunruhigen, sprudeln Sondermittel in die Jugendhilfe. Empfänger sind regelhaft große, neue, kommunale oder staatstragende Träger; dem privilegierten Zugang zum Geld steht mit ähnlicher Regelmäßigkeit ein begrenzter Zugang zum Klientel diametral gegenüber. Um dieses Missverhältnis zu überwinden, wird versucht über bestehende Multiplikatoren -wie bsp. Jugendclubs- an die Jugendlichen heran zu kommen. Diese Jugendclubs bearbeiten das Problem von Fremdenfeindlichkeit seit Jahren wahrscheinlich kontinuierlich und unabhängig von konjunkturellen Schwankungen der öffentlichen Aufmerksamkeit und Förderung. Obwohl ihnen personell wie finanziell das Wasser bis zum Hals steht, haben sie den Kontakt zu dem ‚gefährdeten Klientel' hergestellt und ausgebaut: Nachdem letztes Jahr mit dem ganzen Club in Istanbul ein Jugendfreizeitheim besucht wurde, die eigene Rockband dort zwei Konzerte gegeben hat, die Mädels ihre einstudierten Tänze aufführten, alle an Volleyball- und Fußballturnieren teilnahmen, die türkischen Jugendlichen die Stadt gezeigt und mit den deutschen zusammen einheimisch gekocht haben..., haben sich Freundschaften -aus der Distanz eher Brief- oder E-Mail Freundschaften- entwickelt. Die Kids hatten endlich eine Motivation, Englisch zu lernen und den PC nicht nur spielerisch zu nutzen. Diese Erfahrung verdanken die Jugendlichen unzähligen Überstunden, ehrenamtlicher Mitarbeit von den Lebensgefährten der Clubbetreiber und nicht zuletzt einer einmaligen Spende von Öger-Tours. Auch wenn die Kids über ihre Sozialpädagogen als ‚linke Zecken' lästern, blieb ihnen der Einsatz nicht verborgen. Niemals würden sie öffentlich Lob aussprechen; hinter vorgehaltener Hand vergewissern sie sich dennoch gegenseitig; dass ‚die -für Sozialpädagogen- schon ‚ganz cool' sind. Angesichts des regen schon ein Jahr anhaltenden Austausches, will man nun die Einladung erwidern. Der Mitarbeiter des ‚Sonderprogramm, Rechts' ist fasziniert von dem Erfolg und kann deshalb nicht verstehen, dass das Jugendamt einen Zuschuss von 2.500€ abgelehnt hat, weil ‚sie nur für deutsche Jugendliche Geld ausgeben' wollen und nicht für deren türkische Brieffreunde. Da nun aber nicht die türkischen Freunde in der Türkei ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit haben und die deutschen Jugendlichen die eigentlichen Adressaten sind, scheint verständlich, warum türkische Jugendämter nicht einspringen wollen... Obwohl der Kollege von vom Misstrauen im Club total genervt ist; die Gegenüberstellung von dort ‚guten Praktikern' gegenüber ‚bösen Theoretikern' nicht teilt, schlägt er vor, das Projekt zu unterstützen. Der Vorschlag der Unterstützung trifft in der Geschäftsführung vom ‚Sonderprogramm Rechts' zwar auf Begeisterung, wird aber daran gekoppelt, dass die Schirmherrschaft und Leitung vom Club -also quasi die Patenrechte- an sie abgetreten werden. Wie erwartet -und eigentlich auch verständlich- stößt diese Bedingung auf Entsetzen: ‚Haben die eigentlich ne Vorstellung, wie viel zusätzliche Arbeit da drinn steckt? Wir werden zukünftig keine Minute mehr außerhalb der Arbeitszeit investieren, geschweige denn privates Geld zugeben... ‚Soll das korrupte Gesocks doch sehen, wie es das selber machen kann; keiner unserer Jugendlichen wird sich von anderen vollquatschen lassen...' Unter dem Strich bleiben nur Verlierer...

Streetwork:

Heute morgen finde ich in meinem kleinen Büro, das mir als Streetworker und meinen ‚Honks' Wärme, Toilette und Kaffee bietet, die Dienstanweisung des Jugendamts, während der Bundesgartenschau dafür zu sorgen, dass ‚ihre Klienten auf dem Bahnhofsvorplatz bei den auswärtigen Besuchern keinen falschen Eindruck hinterlassen.' Sie sollen sich dort also nicht mehr treffen, damit unserer Stadt endlich ihr negatives Image genommen wird. Ich überlege, was vor diesem Hintergrund denn ein ‚falscher' oder ein ‚richtiger' Eindruck sein kann, wenn es denn nun mal auch hier -wie überall und schon immer in größeren Städten- Jugendliche gibt, die vom Erscheinungsbild auffällig und vom Verhalten gewiss gewöhnungsbedürftig sind. Nachdem sich meine Leute untereinander massiv gestritten hatten, ob ich denn nun doch mit der Polizei zusammenarbeite, stelle ich die ‚interne' Dienstanweisung offen zur Diskussion. Dies ist verwaltungstechnisch zwar nicht ganz sauber, aber die Loyalität der Kids erfordert Risikobereitschaft! Dank gewachsener Kontinuität war es mir möglich, eine Art Parlament zu gründen, wo über alles Wichtige gemeinsam besprochen wird; die Mehrheit denkt nicht daran, freiwillig zu verschwinden: ‚Dass musst du doch nicht machen. Sollns die Bullen doch selbst. Ist doch nen Bullenjob! Oder? Was meinst du?...' Was soll man da sagen? Im Jugendhilfeausschuss erkläre ich, dass drei Jahre Arbeit zerstört würden, wenn ich die Vorgabe des Jugendamtes umsetzen würde. ‚Die Lösung solcher Probleme ist genau ihre Aufgabe! Sollen wir Sie so verstehen, dass Sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind? Müssen wir Sie etwa an Ihre Dienstpflichten erinnern?...', werde ich belehrt. Meine Kids werden es nicht machen, nachdem sie ja schon von dem Brief erfahren haben... Aber wenn rauskommt, dass sie davon Kenntnis haben, obwohl ‚intern' darauf stand, bin ich geliefert... Da werden sie sich nur drauf einlassen, wenn Sie was davon haben. Wenn die Gesamtstadt profitieren will, dann sollte doch auch was für die Jugendlichen rausspringen denke ich mir: ‚OK' -erkläre ich auf der nächsten Ausschusssitzung- wir haben es besprochen und wären bereit, wenn wir im Gegenzug fünf Kanus, fünf Zelte einen Bootsanhänger bekommen und alle drei Wochen den Kleinbus des Jugendamtes ausleihen dürfen...

Krank im Dienst:

Letzte Woche bin ich mit Grippe und starken Kopfschmerzen ins Kinderhaus gefahren und hab meinen 25-stündigen Dienst angetreten. Meine Entscheidung, nicht abzusagen, basierte zum einen auf falsch verstandenem Heldentum zum anderen folgte sie auch der Überlegung, dass es eigentlich egal ist, ob ich krank Zuhause oder im Kinderhaus rumliege; zudem hatten alle schon zu viel Überstunden. Zunächst lass ich die ältesten, also Michaela, Petra und Franz antreten und erkläre ihnen, dass ich krank und wehrlos sei, ich mich auf sie als älteste verlassen würde, dass sie sich um Haus und die Kleinen kümmern, dass sie bisher jawohl mitbekommen haben müssen, was das bedeutet... Mit tiefer und strenger Stimme, in der bekannten ruppigen Art, die schon eine erhöhte Ernsthaftigkeit signalisiert aber keine drakonischen Strafen verspricht, erkläre ich weiter, dass ich irgendwann sicherlich wieder gesund bin und sie dann Böses zu erwarten hätten, sollte es nicht klappen... Obwohl die alltägliche Arbeit sonst weitestgehend um sie herum organisiert wurde, sie alltagspraktisch kaum gefördert wurden, motivierte sie der Stolz über das zugeschriebene Vertrauen und die abgegebene Verantwortung zu Höchstleistungen, die alle Erwartungen übertrafen. Wie in einem befristeten Waffenstillstand wurde sich nicht mehr gestritten, sondern gekocht, abgewaschen, Wäsche gewaschen, nach dem Fernsehen das Wohnzimmer aufgeräumt... Franz putzt Fritz die Zähne, bringt ihn ins Bett und ließt ihm ne Gute-Nacht-Geschichte vor, sagt ihm, wenn er nachts nicht schlafen kann, soll er mich schlafen lassen und zu ihm kommen. Es wurden alle pünktlich geweckt, Schulbrote geschmiert und kleine Einkäufe nach der Schule erledigt... Für mich schien der Versuch sehr erfolgreich verlaufen zu sein; dies ließ ich die Kinder wissen, bestätigte sie in ihrem Stolz und konnte bei ihnen einen nachhaltigen Gewinn an Souveränität vermuten. Meine Bewertung maß sich an dem, was man von den Kindern erwarten konnte und dem Verhältnis, was für Lerneffekte verbucht wurden, gegenüber Qualitätseinbußen in der Hausarbeit. Logischerweise war die Küche nach dem Kochen nicht so sauber wie sonst, die Wäsche teils vertauscht, nicht alle Haare gekämmt und der Müll nicht rausgebracht... Vor den Kindern machten mich die Hausfrau und mein älterer Kollege am nächsten Tag zur Schnecke; dies verbesserte meinen Platz in der Beliebtheitsskala der Kinder erneut. Das war mir damals noch super wichtig, obwohl ich die damit steigenden Erwartungshaltungen der Kinder gar nicht befriedigen konnte und das Team darauf bestehen darf, dass solche Überlegungen vorher besprochen werden, würden sie nun doch tendenziell als fauler dastehen, wenn sie wegen Krankheit Zuhause bleiben, sie empfanden das als Nötigung...

Mit Michael vor Gericht:

Seit zwei Wochen arbeite ich mit heroinabhängigen Menschen. Nach mehrjähriger Berufserfahrung war dies ein neues Arbeitsfeld, eine große Herausforderung. Voller Elan übernahm ich meinen ersten großen ‚Fall', Michael. Er konsumiert seit zehn Jahren Heroin intravenös, ist zu 1,5 Jahren auf Bewährung verurteilt und liegt z.Zt. auf der Intensivstation; gleichzeitig ist der nächste Prozess terminiert, wo wegen einer erneuten Straftat die Bewährung zum Widerruf steht. Die Bewährungshelferin wird informiert, der Gerichtstermin verschoben und die Mutter nach stundenlangem Gezeter damit vertröstet, dass ich mich für ihren Sohn stark machen würde. Nun, schon in der Entgiftungsstation, spreche ich mit ihm und dem Therapeuten. Er vergewissert uns, dass er nicht in Knast will und eine stationäre Therapie machen würde im Anschluss an die Entgiftung. Im Laufe von zwei Wochen! waren Therapieplatz und Finanzierung gesichert und es musste nur noch die Gerichtsverhandlung überstanden werden. Noch während der Entgiftung gehen wir also ins Gericht; meine sozialpädagogische Stellungnahme lag dem Gericht vor:

„Herr Franke wird seit 1997 mit Polamidon substituiert und in unserer Einrichtung psycho-sozial betreut. Nach 10jähriger Abhängigkeit vom Heroin war seine Lebenssituation zunächst geprägt von finanziellen und justiziellen Problemen, sowie unsicheren Wohnverhältnissen. Nach kurzer Zeit konnten mit ihm zusammen eine Wohnung gefunden und seine finanzielle Lage soweit in Ordnung gebracht werden, dass er zunehmend regelmäßig therapeutische Gespräche wahrnehmen und freiwillig handwerkliche Arbeiten innerhalb unserer Einrichtung übernehmen konnte. Seine justiziellen Probleme haben sich im Gegensatz jedoch noch verschärft und liegen letztendlich darin begründet, dass der Beikonsum illegaler ‚weicher' Drogen (Cannabis) nicht abgestellt werden konnte. Während wir in der ersten Jahreshälfte 1999 bei ihm kaum Bereitschaft wahrnahmen, seine Lebensverhältnisse verändern zu wollen, hat im Zusammenhang mit einer schweren Operation und einem längeren Krankenhausaufenthalt, ein positiver Prozess des Umdenkens eingesetzt. Abszesse in der Lunge und die damit verbundene Einsicht in den lebensgefährlichen, Lebenswandel weckten in ihm ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Mutter und Schwester, v.a. aber gegenüber seinem Patenkind, dem er -wie er formuliert- ‚einen so frühen Tod nicht zumuten möchte'. Die Rückfragen des Kindes hinsichtlich seiner Krankenhausaufenthalte, sowie einer frühen U-Haft werden seinerseits glaubhaft als zentrale Motivation dafür formuliert, den Drogenkonsum durch eine Therapie beenden und damit zusammenhängend ein straffreies Leben führen zu wollen. Die Aufgabe seiner vormals überheblichen affektierten Selbstdarstellung interpretieren wir genauso als Zeichen für die Ernsthaftigkeit seines Wunsches, wie die positive Rückmeldung aus der Entgiftungsstation des Krankenhauses, in der er sich zur z.Zt. befindet und die Tatsache, dass er sich den Platz dort selber gesucht hat. Seit Anfang unserer Zusammenarbeit formuliert er zudem erstmals den Wunsch, eine berufliche Ausbildung zu machen. Zusammenfassend sehen wir in dem derzeitigen Entwicklungsstand eine gute Grundlage, eine Therapie mit nachhaltigem Erfolg anzutreten. In enger Zusammenarbeit mit seiner Bewährungshelferin und der im Krankenhaus zuständigen Drogentherapeutin bemühen wir uns z.Zt. um die Kostenübernahme für eine stationäre Therapie -möglichst mit handwerklicher Arbeitsmöglichkeit- im Anschluss an die Entgiftung.

(Sozialpädagoge)"

Ich war stolz, dass der Richter meine Stellungnahme wortwörtlich vorlas und wider aller Erwartungen, die Bewährung nicht widerrief und den weiteren Plänen zustimmte. Noch ehe wir den Erfolg haben feiern können, war er über alle Berge und kehrte auch nicht zur Entgiftung zurück. Auf der Mitarbeiterbesprechung ist mir dann vorgehalten worden, ich hätte als Vertreter der Einrichtung Ruf und Glaubwürdigkeit riskiert...

Nun haben wir nicht nur die Rolle des Sozialarbeiters, sondern zudem Rollen wie Frau, Lebenspartner, Vater, Freund, Vereinsmitglied, Sohn, ‚'Zivilbürger'... zu spielen. Probleme, die sich zwischen den verschiedenen Rollen ergeben, die man nicht immer miteinander in Einklang bringen kann, nennt man Inter-Rollenkonflikt:

Privathaus:

Mein Chef saniert sein Privathaus mit den Beschäftigten und dem Werkzeug des Beschäftigungsträgers, während der regulären Arbeitszeit; darüber wer das Baumaterial bezahlt, fehlt die Information. Der Jurist in meinem Volleyballverein sagt, dass ich mich strafbar machen würde, wenn ich keine Selbstanzeige mache. Während ich den Job brauche, um die Schulden für das Ferienhaus abzuzahlen, mit dem ich meiner Frau, dem Lütten und natürlich auch mir eine Freude gemacht habe. Meine früheren Kommilitonen erinnern mich daran, mit welcher Überzeugung ich früher vertreten habe, mir auf jeden Fall treu zu bleiben; während ich selbst schwach werde versuche ich meinem Kind beizubringen, ehrlich auch sich selbst gegenüber zu sein...

Kinder Weihnachten Zuhause:

Obwohl Weihnachtsbesuche im Elternhause für unsere Kinder problematisch sind; wir zu Jahresbeginn immer wieder vor pädagogischen Scherbenhaufen standen, mussten wir ‚unsere' Kinder weggeben. Elternrechte gemäß §6 GG dominierten unsere pädagogischen Einschätzungen. Zum Abbau von Überstunden machten wir das Haus über die Feiertage zu, eine Kollegin nahm die übrigen Kinder zur eigenen Familie mit nach Hause und deklarierte dies als Frei-, statt als Arbeitszeit. Mit ihrem Mann gab es über diese nicht abgesprochene Idee einen großen Streit, der weder den eigenen noch den anderen Kindern verborgen blieb. Als der Streit zwischen den Kindern über unterschiedliche Qualitäten der Geschenke ausbrach, die Tischmanieren der eigenen Kinder untergraben und die Schneemänner der Nachbarskinder durch unsere zerstört wurden, wurde der Besuch von den Schwiegereltern abgesagt. Der Ehemann fuhr stattdessen mit seinen Kindern zu ihnen; als rauskam, dass Franz die Nachbarstochter geküsst und Svenja beim Edeka um die Ecke Überraschungseier geklaut hatte, fuhr die Kollegin zurück ins Kinderhaus...

Beschaffungskriminalität:

Meine drogenabhängigen Klienten benötigen zur Finanzierung ihrer Sucht im Schnitt etwa € 50 am Tag. Bei den Männern sind Fahrraddiebstähle und Autoaufbrüche zwei verbreitet Möglichkeiten, diesen Bedarf zu decken. Da dies oft nicht ausreicht, um Wohnung, Kleidung und Ernährung abzusichern, hinterlassen sie beim allgemeinen Betrachter einen erschreckenden Eindruck. Die ersten Modellprogramme zur staatlich kontrollierten Vergabe von Heroin nähren die Hoffnung auf ein legales Leben, Lebensqualität und Menschenwürde. Wenn meine Klienten abends in der Kneipe im Beisein von Freunden geklaute Räder oder Autoradios anbieten, muss ich verschweigen, dass ich sie kenne und mir anhören, dass man ‚die alle einsperren muss! Man kann sich ja nicht mehr auf die Straße trauen...' verkünden Menschen, die sich als linksliberal einschätzen. ‚Und du nimmst sie immer noch in Schutz, verdienst damit Geld...; wir gehen arbeiten und die beklauen uns hinterher...' Zwar hatte ich mit meinen Freunden das Abkommen, in der Freizeit nicht mehr über die Arbeit zu reden; aktuelle Anlässe zwingen mich aber immer wieder, mich -mit geringen Erfolg- zu verteidigen und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des BTMG kritisch in Feld zu führen. Gestern hat mich meine Frau bedrückt zur Seite genommen, weil meine Tochter in der Schule gerade ihr Berufspraktikum vorbereitet. I.d.Z. wurde auch über die Berufe der Eltern gesprochen. Einige der anderen Eltern müssen dann wohl mit ihren Kinder so darüber geredet haben, dass sie tags darauf meiner Tochter vermittelten, dass ihr Vater wohl der ‚letzte Dreck' sei... Es tat sehr weh und motivierte mich, beim nächsten Elternabend mein Befremden zur Sprache zu bringen und anzubieten, mal mit zwei Klienten zum nächsten Elternabend zu kommen, um andere Eindrücke zu vermitteln...; dankend wurde abgelehnt... Zwei Monate später war in meinem Auto die Musik-Anlage gestohlen. Meine Freunde triumphierten und ich muss gestehen, innerlich vor Wut gekocht zu haben...

Schichtdienst:

belastet seit langem die Beziehung meines Kollegen zu seiner Freundin. Da ich privat mit beiden befreundet bin, versuche ich, soweit wie möglich einzuspringen, wenn Unvorhersehbares passiert und zwingt, kurzfristigen die Freizeitplanung über den Haufen zu schmeißen; eigentlich fällt mir das nicht leicht, da ich die Freundin eigentlich viel mehr mag, als ihm lieb sein kann. In letzter Zeit erzählt er aber immer häufiger, dass ihm Zuhause nicht mehr zugehört wird; dass es ihm gar nichts ausmacht, auch häufiger Nachtschichten in der psychiatrischen Wohngemeinschaft zu machen. Immer häufiger erzählt er von der Klientin Meyer, mit der er sich stundenlang unterhalten kann, die so viel Verständnis hat... Zum Geburtstag kauft er ihr neben dem Blumenstrauß des Hauses, noch einen eigenen, was sonst nicht vorkommt... Auf der Weihnachtsfeier wird eng getanzt und ich sehe den ‚Gute-Weihnachten-Kuss' mit Klientin Meyer. Direkt darauf angesprochen sprach er von einer ‚Beziehung', die er hätte. Den noch freundschaftlichen Rat, sie zu beenden schlug er aus; auch wollte er nicht kündigen. Erst als gedroht wurde, es der Geschäftsleitung mitzuteilen, sprach er es selbst an und kündigte. Da war die psychisch kranke Frau jedoch schon schwanger. Im Landkreis wird er nun gar keine Anstellung mehr finden; in dem Arbeitsfeld auch nicht bundesweit. An schlechten Tagen frag ich mich manchmal noch, welche Rolle meine Eifersucht gespielt hat...

Es soll deutlich geworden sein, dass Soziale Arbeit sehr konfliktträchtig ist. Eine der größten Herausforderungen liegt in der möglichst klaren Abgrenzung zwischen den Rollen; z.B. Zuhause nicht über die Arbeit reden. Dies geht nie zu 100% aber man sollte nahe herankommen und v.a. den eigenen Lebensbereich nicht vernachlässigen, da dies langfristig auch der Arbeit nicht nützt. Als Trost für die Arbeit in solch komplexen Netzen differenzierter Interessen kann man festhalten; dass die Wahrscheinlichkeit eigener Schuld an Misserfolgen entsprechend gering ist; wer sich jedoch im Team der Klärung gemeinsamer Arbeitsgrundlagen verweigert, hat immer eine Mitschuld!

Bevor es mit praktischen Themen weitergeht, sollen zunächst die geschichtlichen und rechtlichen Grundlagen Sozialer Arbeit rekapituliert werden. Theoretische Grundlagen sind etwas trockner; dies lässt sich zwar reduzieren jedoch nicht vermeiden. Zur Einordnung der heutigen Praxis und ihrer derzeitigen Veränderungen, sowie im Rahmen des notwenigen Engagements gegen Sozialabbau ist theoretisches Wissen unerlässlich.

Das muss kein Spaß machen; aber da muss man durch!




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