Empowerment

Aus Soziale Arbeit heute

Mit E. wird weniger eine eigenständige Methode, sondern vielmehr ein spezifisches Selbstverständnis der Sozialen Arbeit beschrieben; dieses kann grundsätzlich in allen Methoden Anwendung finden; wurde aber bisher besonders in der Debatte um stadtteilbezogene Ansätze der Sozialen Arbeit aufgegriffen. Zur Reduzierung von Widerholung soll auf das vorangehende Kapitel und besonders auf das Buch ‚Empowerment in der Sozialen Arbeit' von Norbert Herriger (1997) verwiesen werden. Als zentrale Elemente von E. können fünf benannt werden:

1. Die Defizitorientierung wird durch die Ressourcenorientierung ersetzt.

2. Der Kreislauf erlernter Hilflosigkeit wird durchbrochen und damit die Idee der ‚Hilfe zur Selbsthilfe' realisiert.

3. Das entmündigende Klientenbild des hilfsbedürftigen Objekts wird durch jenes des reflektiert handelnden Subjektes ersetzt.

4. Der Klient wird vor sozialpädagogischer Behütung bewahrt, damit sich Entwicklunspotentiale frei entfalten können.

5. Die Expertenmacht gegenüber den Klienten wird relativiert und ihm kooperativ auf gleicher Augenhöhe gegenübergetreten.





Diese Eckpunkte -eingangs unter dem Stichwort ‚Haltungen' schon ausgeführt- sollten eigentlich schon immer integraler selbstverständlicher Bestandteil der Sozialen Arbeit gewesen sein; sie sichern den Erfolg der Arbeit und leiten sich unmittelbar aus unserer Berufsethik ab. Warum nun in den letzten Jahren diese Selbstverständlichkeiten von den wichtigen Repräsentanten der E.-Idee -unter neuer moderner Überschrift- immer häufiger und stärker herausgestellt und vom politischen wie öffentlichen Diskurs aufgegriffen werden, verwundert zunächst:

Wolfgang Stark: <ref>1993:41: Die Menschen stärken. In: Blätter der Wohlfahrtspflege - Deutsche Zeitschrift für Sozialarbeit; 2/93.</ref>

„E. meint alle Möglichkeiten und Hilfen, die es Menschen ermöglichen, Kontrolle über ihr eigenes Leben zu gewinnen und sie bei der Beschaffung von Ressourcen unterstützt. (...) E. beschreibt als Prozess im Alltag eine Entwicklung für Individuen, Gruppen, Organisationen oder Strukturen, durch die die eigenen Stärken entdeckt und die soziale Lebenswelt nach den eigenen Zielen (mit)gestaltet werden kann. E. wird damit als Prozess der ‚Bemächtigung' von einzelnen oder Gruppen verstanden, denen es gelingt, die Kontrolle über die Gestaltung der eigenen Lebenswelt -wieder- zu erobern."

Heiner Keupp:<ref>In: Wörterbuch Soziale Arbeit 1996:164.</ref>

„E. meint den Prozess, innerhalb dessen Menschen sich ermutigt fühlen, ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, ihre eigene Kraft und Kompetenzen zu entdecken und ernst zu nehmen und den Wert selbsterarbeiteter Lösungen schätzenzulernen. E. bezieht sich auf einen Prozess in dem die Kooperation von gleichen oder ähnlichen Problemen betroffenen Personen durch ihre Zusammenarbeit zu synergetischen Effekten führt. Aus der Sicht professioneller und institutioneller Hilfen bedeutet die E-Perspektive die aktive Förderung solcher solidarischer Formen der Selbstorganisation."

Norbert Herriger (1997):<ref>Klappentext.</ref>

„Das Empowerment-Konzept formuliert eine deutliche Abkehr vom Defizit-Blickwinkel auf die Adressaten Sozialer Arbeit. Handlungsziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen Fähigkeiten der Adressaten sozialer Dienstleistungen zu autonomer Alltagsregie und Lebensorganisation zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege selbstbestimmt gestalten können."

Rolf Frössler (1996):<ref>Frössler 1996: Aktivierung statt Abhängigkeit. In: Stadtentwicklungsbehörde Hamburg 1998:7: Solidarische Stadt. Strategien für benachteiligte Gebiete.</ref>

Es geht darum, „dass Bewohner (...) ihre Mitwirkung nutzen können, eigene Handlungsfähigkeiten (wieder) zu entdecken, Selbstvertrauen (wieder) zu finden und dies auch zu nutzen, um ganz persönlich aus der Spirale von Mutlosigkeit und Abhängigkeit auszubrechen."

All diese Definitionen hören sich sinnvoll und nett aber auch selbstverständlich an: Natürlich soll es darum gehen, den Klienten darin zu unterstützen, Ressourcen zu gewinnen und zu nutzen, um sein Leben selbstständig zu bewältigen. Worum sollte es auch sonst gehen? Bei unsereren Klienten sind objektiv Defizite vorhanden, weil sonst würden wir ja nicht mit ihnen arbeiten; wären sie nicht zu uns gekommen und wären eben nicht unsere Klienten. Aus didaktischen Gründen ist es jedoch wichtig, sie nicht immer wieder mit ihren Defiziten zu konfrontieren bzw. sie aus der Defizitperspektive zu betrachten. Die Konzentration auf alte und neu erworbene Ressourcen erhöht wesentlich Motivation wie Lernerfolg und reduziert die Stigmatisierung mit ihren oben skizzierten negativen Folgen. Soll der Mensch Vertrauen in seine Fähigkeiten gewinnen und diese zukünftig konstruktiv einsetzen, sollte er daran denken, was er kann und nicht daran, was er nicht kann. Jedoch dürfen wir nicht vergessen, wo Defizite liegen, wollen wir unser Klientel nicht überfordern und sollen unnötige Rückschläge vermieden werden; letztendlich bleiben die Defizite aber genau so allgegenwärtig, wie unsere Expertenmacht. Dies zu leugnen ist Blödsinn; damit dann aber nicht autoritär, diskriminierend oder entmündigend umzugehen, bleibt selbstverständliche Pflicht. Den Sachverhalt der Ungleichheit zu leugnen oder benachteiligte Menschen pauschal einfach ‚Kunden' zu nennen, stellt eine ungerechtfertigte Gleichmacherei dar. Der Hilfeanspruch des Klienten und die Hilfeverpflichtung des Sozialpädagogen basieren genau auf diesen Unterschieden. Auch wenn wir einen kooperativ-demokratischen Arbeitsstil pflegen und im direkten Kontakt das Wort ‚Klient' vermeiden, besteht bezogen auf die zu bearbeitenden Probleme ein eindeutig hierarchisches Verhältnis und Machtungleichgewicht. Klienten kommen zu uns, weil sie sich hilflos fühlen. Dies ist ihr subjektiver Eindruck und der muss vom Pädagogen als Ausgangspunkt anerkannt werden, selbst wenn er objektiver Grundlagen entbehrt. Auf ‚gleicher Augenhöhe' trifft man sich allein bzgl. der allgemeinen Persönlichkeit des Klientels oder nebensächlicher Lebensaspekte, nicht jedoch bzgl. des konkreten Problembereiches in dem sich der Klient Unterstützung verspricht. Wer bisher damit gelebt hat, Angst vor dem Bahnfahren zu haben und dies aus beruflichen Gründen nun überwinden will, dem ist nicht dadurch geholfen, ihm eine Monatskarte zu kaufen, zu sagen, die Angst sei objektiv nicht berechtigt und ihn ins ‚kalte Wasser' zu schubsen...



Ist mir mein Klient vielleicht auch in vielen Lebensbereichen überlegen, hat vielleicht mehr Freunde als ich, kann sich besser artikulieren, verdient mehr Geld...; in der Bahn bleibt er bis auf weiteres hilfsbedürftiges Objekt. Zu Beginn ist es auch nicht schlimm, ihn zu behüten. Im weiteren Prozess sind Hilfe und Behütung sukzessive zurückzuziehen und ist der Klient zunehmend gefordert, ihm gestellte Aufgaben allein zu bewältigen und Autonomie über sein Handeln zu gewinnen. Allein auf beiden Beinen steht der Klient erst zum Schluß! Zum Ende der Intervention besteht die Chance, die Unterschiede bzgl. des eigentlichen Problems zu nivellieren; der Kreislauf der Hilflosigkeit soll erst am Ende der Intervention durchbrochen sein, aber nicht unmittelbar eingangs zerstört. Kontraproduktiv im Hinblick auf den Kreislauf der Hilflosigkeit ist allein, wenn man seinen liebgewonnenden Klienten nicht fordern oder loslassen kann, weil man selbst den Hauptnutzen daraus zieht, von hilfsbedürftigen Menschen gebraucht zu werden oder über sie Macht ausüben zu können... Dies ist dann aber schon als pschychpathologischer Einzelfall einzuordnen und verdient i.d.Z. nicht, besonders hervorgehoben zu werden.

Es ist zu befürchten, daß die plötzliche Popularität von E. einem aktuellen Trend zu Lasten des Klientels folgt oder diesem gar zugrunde liegt: Den Klienten werden zunehmend Ressourcen zur Lebensbewältigung zugeschrieben, über die sie (subjektiv) gar nicht verfügen (‚Wenn du arbeiten willst, findest du auch Arbeit'). Vor dem Hintergrund solch fiktiver Ressourcenzuschreibungen werden die Menschen dann zur Verantwortung gezogen und dizipliniert. Wollen benachteiligte Menschen ihre sozialrechtlichen Ansprüche dennoch geltend machen, werden ihnen ebenso pauschal Sozialmissbrauch unterstellt und regelhaft die Hilfe (zum Teil) verweigert. Soziale Arbeit gerät in den Ruf, per se Geld zu verschwenden, weil sie überbehütend und entmündigend umgesetzt wird, vermeintlich bestehende Ressourcen der Klienten ungenutzt bleiben oder gar verkümmern; tendenziell führt diese Argumentation dazu, dass Menschen mit ihren Problemen allein gelassen werden... Natürlich ist es für das eigene Wohlbefinden wichtig, sein Leben in den eigenen Händen zu haben, autonom zu handeln, sich das Überleben selbst zu erarbeiten, sich von Überbehütung zu emanzipieren... Dies sind jedoch Ansprüche, welche Pädagogen ans Leben stellen können, die ihre Beschäftigung noch nicht verloren haben, relativ (zum Klientel) viel verdienen und sich ihre Arbeit in hohem Maße frei einteilen können... Bevor sich derartige Ansprüche auch bei den Klienten entwickeln können, müssen sie zunächst von ihrer Existenznot befreit sein; unter der Bedingung einer latent bedrohten Existenz Selbstständigkeit zu erzwingen, ist so zynisch wie erfolglos. Für jene, deren Existenz gesicher ist, ist Eigenverantwortung in der Lebensgestaltung ein Gewinn; für jene, deren Existenz gefährdet ist, ist Eigenverantwortung hingegen eine Bedrohung! Auch E. muss sich an den zentralen Fragen der Sozialen Arbeit messen lassen:

  • Steht das Interesse des benachteiligte Mensch im Mittelpunkt des sozialpädagogischen Hilfeprozesses?
  • Ist seine Benachteiligung am Ende des sozialpädagogischen Hilfeprozesses geringer als zu Beginn?

Klingen die Fragen auch banal, stellen sie doch die Meßlatte dafür, ob wir uns mit den Konzepten identifizieren sollten. Euphorie ist solange nicht angebracht, wie diese Fragen nicht bejaht werden können!

Wem nützt E. und warum?

Die oben formulierten fünf Elemente von E. sind grundsätzlich genau so richtig wie alt. Die Vorwürfe der Entmündigung, der gelehrten Hilflosigkeit und der Entwicklungblockade wurden ursprünglich v.a. in den 70er und 80er Jahren von linken Sozialpädagogen, Sozial- und Erziehungswissenschaftlern und Psychologen formuliert. Sie verwehrten sich gegen die Entpolitisierung, sowie Systemstabilisierung durch Soziale Hilfen: Die Menschen würden daran gehindert, sich vom unterdrückten Objekt zum politisch-agierenden bzw. revolutionärem Subjekt zu emanzipieren, um gemeinsam die kapitalistischen Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen zu bekämpfen... Wenngleich der Stil dieser linken Protagonisten oft selber entmündigend war -wurden die Ziele doch stellvertretend formuliert- stand das Wohl der benachteiligten Menschen letztendlich doch im Mittelpunkt der Überlegungen. Vergleichbar mit den ersten drei Ansätzen der GWA ging es ihnen um ‚power' im eigentlichen Wortsinn; also um Macht, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit bzw. Kraft. Gesellschaftliche Machtverteilung und die Ohnmacht der Menschen wurden kritisiert; diese Strukturen -mehr oder weniger radikal- zu überwinden war ihr Ziel. Sozialstaatliche Almosen würden -aus dieser Sicht- die Emanzipation zu selbstständigen, selbstbewußten und mündigen Bürgern blockieren und so letztendlich die wirklich gerechte Verteilung des ‚Volkseinkommens und -vermögens' verhindern.

In der heutigen sozialpolitischen Debatte wird ‚power' mit ‚(Eigen)Verantwortung' übersetzt. Menschen werden pauschal zu selbstständigen, selbstbewußten und mündigen Bürgern erklärt und zur Verantwortung gezogen, ohne dass sie sich dagegen wehren können. Ursprünglich berechtigte Einwände gegen die Soziale Arbeit werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, ihres Inhaltes beraubt und neu mit Inhalt gefüllt. Sie werden bsp. heute benutzt, um Einschnitte ins soziale Netz zu legitimieren. Einschnitte im Bereich sozialer Transferleistungen (AFG und BSHG) werden i.d.S. damit begründet, zum Wohle der Arbeitslosen Anreize zur Aufnahme von Arbeit -auch unter widrigsten Bedingungen- verschaffen zu wollen, um ihnen das positive Gefühl zurückzugeben, das Leben wieder in den eigenen Händen zu haben... Angesichts fehlender Arbeitsplätze ergibt dies für die Summe der arbeitssuchenden Menschen jedoch keinen logisch Sinn, sich gegenseitig vom Arbeitsmarkt zu drängen. Allein die Menschen werden diszipliniert und entsolidarisiert, ihr Lohn sinkt und soziale Transferleistungen können gekürzt oder gestrichen werden, wenn sie im Widerstand gegen den Arbeitszwang Unwilligkeit gezeigt haben...



In den Diskussionen um Zivil- und Bürgergesellschaft, Ehrenamt und Bürgerarbeit, 3.Sektor und 3.Weg, Fördern und fordern..., steht Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Wenn Helmut Schmidt<ref>In Bild XXX</ref> aus profilierter Perspektive darauf hinweist, daß die Menschen daran zu messen seinen, wie sie ihre Pflichten gegenüber dem Staat erfüllen und nicht der Staat daran zu messen ist, welche Rechte er seinen Mitgliedern zubilligt, bringt er den sozialstaatlichen Bedeutungswandel auf den Punkt, den die E.-Debatte transportiert. Pflicht zur statt Recht auf Arbeit, Fordern statt Fördern, Überfordern statt Helfen, erzwungene statt ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe... Wenn Zivil- und Bürgergesellschaft quasi als Staatsbürgerpflicht etabliert wird, bedeutet es nicht, die über jeden Zweifel erhabene Konkurrenzgesellschaft zu ersetzen. Im Gegenteil: wie auch bei den beiden letzten Ansätzen der GWA bzw. des QM geht es darum, den sozialen, kulturellen und ökologischen Flurschaden den die Konkurrenzgesellschaft im ‚erster Sektor', der 'ersten Stadt' verursacht, kostenneutral zu kompensieren: Reiche Menschen werden von ihrer Solidarverpflichtung entbunden; durch Zwang armer Menschen zum Ehrenamt, soll die Lücke nun gestopft werden... Damit wird E. die Funktion zugedacht, auf Kosten benachteiligter Menschen genau jenes System zu stabilisieren, was soziale Ungerechtigkeit systematisch produziert hat und weiterhin produziert. Die Defizitperspektive zu überwinden heißt heute v.a., Bedarfe abzuerkennen, Hilfen zu verweigern, benachteiligte Menschen zu Arbeit und Einkommensverzicht, zu zwingen, öffentliche Haushalte zu entlasten und besserverdienende Menschen zu schützen. Auch hier geht es um die Frage, ob unsere sozialpädagogischen Konzepte zur Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zum Wohle unserer Klienten oder umgekehrt zur Reproduktion der Rahmenbedingungen zu Lasten unserer Klienten beitragen sollen. E. heißt heute keinesfalls, benachteiligten Menschen die Macht zu geben, um sich gegen Armut und sozialräumliche Polarisierung zu wehren. Um zu klären, welche Interpretation nun die Popularität des E. begründet, sollen zunächst Aussagen aus der Debatte um E. und Um- bzw. Abbau des Sozialstaates exemplarisch und unkommentiert herausgegriffen werden:

Rudolf Bauer: <ref>In: Sozial extra (Hg.) 1998: Einstürzende Sozialstaaten.</ref>

„Es ist an der Zeit -auch aus Gründen der demokratischen Verfassung unseres Landes- und zugleich ist es eine epochale Herausforderung an die Soziale Arbeit, die Bodenfunde, die bei den unterprivilegierten Gruppen und in den Quartieren der Armut entdeckt werden können, zu bergen und das 'Volksvermögen' der Schwachen gesellschaftlich nutzbar zu machen."

Wolfgang Schäuble (1994: 50,53f,78):

„So kann es nicht weitergehen: Ohne mehr Bürgersinn, Pflichtgefühl und Dienst an der Gemeinschaft... Dies gilt speziell für den Sozial- und Jugendbereich, wie für die Pflege alter und behinderter Menschen, Elterninitiativen und Nachbarschaftshilfen. Die Politik muss jedenfalls nicht jeder Forderung nach Entlastung seiner Bürger nachgeben, da sich die Bürger in vielen Bereichen durchaus auch selber zurechtfinden können. Solidarität entsteht erst dort, wo Menschen auf Selbsthilfe angewiesen sind. So ist freilich, wenn sich die brachliegenden Solidarpotentiale zur freiheitlichen Selbstregulierung entfalten sollen, besonders auch der Mut der Politik gefragt, einmal nein zu sagen. (...) Hoffnung und Zuversicht als Grundvoraussetzung menschlicher Existenz soll sich aus zwei Elementen speisen: aus religiöser Zuversicht und aus der Geborgenheit dem Aufgehobensein in der Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Familie, der Gemeinschaft des Dorfes, des Vereins, auch der Nation. (Ehrenamtliches Engagement für diese Gemeinschaften) bedeutet nichts anderes (als das, was) man seit je unter Patriotismus, unter Liebe zum Vaterland verstanden (hat). Auch Patriotismus ist nichts Antiquiertes. Unser Vaterland könnte viel mehr Patriotismus brauchen."

Dettling, Warnfried (1998: 242,263f,277f):

„Die leitende Idee des 3. Sektors ist es, nicht länger Defizite zu kompensieren, sondern die Ressourcen der Menschen zu stärken." (Dabei soll) „die solidarische Bedeutung von Familie, Sippe, Nachbarschaft, sowie religiösen und lokalen Gemeinden erhöht werden. (...) Die Menschen fördern und fordern und aktivieren. Der 3. Sektor wird Ausdruck und Folge der Rekonstruktion des Sozialen sein."

Susanne Elsen (2000; 2001):

„Wenn Staat und Markt ihre sozialen, ökonomischen und politischen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen, gewinnen Zivilgesellschaft und Lokalitäten ihrer Lebenszusammenhänge an Bedeutung." „Ansätze der Wiedergewinnung von Handlungsfähigkeit sind da zu suchen, wo das dominante ökonomische System materielle und immaterielle Schäden verursacht. (...) Wo der Markt mangels Rentabilität Felder insbesondere im Bereich örtlicher Bedarfsdeckung aufgibt, entsteht ein wachsender Bedarf an Arbeit, die vor Ort zu organisieren ist." Mittels „Tausch, Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe" solle ein „solidarökonomischer Basissektor" aufgebaut werden, um z.B. „Kinder- und Altenbetreuung, außerschulische Bildung und Kultur" zu übernehmen. GWA habe die Aufgabe, zur Eigenverantwortung und -Initiative anzuhalten und so die ‚Zivilgesellschaft' und Ehrenamtlichkeit im Bereich sozialer Dienstleistungen wie „Kinderbetreuung, Tagesmütter, Altenbetreuung, einschließlich der privaten Dienstleistungen für Familien und im Haushalt" zu stärken. „Gerade im sozialen Bereich, bei Initiativen, Selbsthilfegruppen, Mütterzentren, könnte viel Sinnvolles mit wenig Geld bewegt werden..."

Empirica: <ref>Empirica 2000: Die Stadt wiedererfinden (Tischvorlage zur Urban 21 Konferenz). In: www.urban21.de/german/04-objective 6/2000</ref>

„Städte... müssen unterstützende Nachbarschaftsnetze entwickeln und zwar in erster Linie im informellen Sektor (...) Für die Schwachen, für die nicht mehr arbeitsfähigen Alten und für die Jugend, die erst noch ausgebildet werden muss, damit sie aktive produktive Bürger werden, müssen sie soziale Dienstleistungen entwickeln (...) Aufgrund des weltweiten Wettbewerbs werden die Städte des 21.Jh. zum anderen immer stärker in globale Produktions- und Austauschnetzwerke eingebunden sein. Deshalb wird lokale Autonomie umso dringender benötigt. Denn jede Stadt wird immer mehr um ihr Wohlergehen wetteifern müssen, indem sie ihren endogenen Humankapital-Bestand entwickelt... In den armen, von übermäßigem Wachstum geprägten Städten, brauchen die Bürger Unterstützung, damit sie sich selbst befreien können. (...) Weltweit können Menschen in den Städten -sogar die Ärmsten unter ihnen- sich selbst in Macht setzen, um Wege aus ihren gegenwärtigen vielfältigen Zwangslagen zu finden. Durch die Entwicklung ihrer eigene Humankapital-Ressourcen... werden sie sich selbst befreien können."

Diese Zitate dokumentieren den Hintergrund, vor dem in der Sozialstaatsdiskussion heute die Selbstständigkeit des sozialpädagogischen Klientels erörtert wird. Aus dem Recht auf maximale Selbstständigkeit im Hilfeprozess ist eine Pflicht zur Preisgabe der individuellen ‚endogenen Humankapitalressourcen' geworden. Es wird eine Legitimation des Staates konstruiert, auf dieses ‚Volksvermögen' wie im NS Zugriff nehmen zu können. Dabei werde die Klienten nicht aus pädagogischen Gründen gefordert, sondern aus fiskalisch-haushaltspolitischen überfordert. Bleibt die Lebenslage des Klientels so prekär und von Existenzangst überschattet, kann sich keine wirkliche Autonomie entwickeln.

"Natürlich ist es ein Unterschied - das muss immer wieder betont werden, ob informelle Arbeit als Strategie der nackten Existenzsicherung geschützt und damit eine Notlage konserviert werden soll oder ob sie sich als frei gewählte Tätigkeit auf der Grundlage einer gesicherten Existenz entfaltet. (...) Das Sozialkapital informeller sozialer Netze entfaltet seine ökonomische Wirksamkeit gerade in dem Maße, in dem das soziale Netz aus primär nicht ökonomischen Fäden geknüpft ist. Jeder Versuch, soziale Netze unter primär ökonomischen Gesichtspunkten herzustellen und instrumentell zu nutzen, läuft Gefahr, das Sozialkapital solcher Netze gerade zu zerstören" (Häußermann&Siebel 1987: 188).

Wenn einzelne Repräsentanten der Sozialen Arbeit aus berechtigten wohlwollenden Motiven heute davor warnen, die Klienten durch unsere Arbeit zu entmündigen, müssen sie die Gefahr einkalkulieren, bewußt falsch interpretiert zu werden. Zu Zeiten, als Soziale Arbeit im Allgemeinen und das Wohl der Klienten im Speziellen noch nicht zur Disposition gestellt waren, waren solche Warnung noch eindeutig berufsethisch legitimiert:

„Der Versuch, sich als Expertin und Experte mit ‚fremdem Blick' an die Einheitsversorgung benachteiligter Menschen zu machen, ignoriert die Fähigkeit und den selbständigen Alternativen zum herkömmlichen Versorgungssystem. Diese Abwertung von teilweise für einen reibungslosen Ablauf unbequemen Autonomiebestrebungen zerstört letztlich die Fähigkeit der Klientinnen und Klienten ‚als unabhängige Personen mit den Erfordernissen ihres alltäglichen Lebens, d.h. auch mit Beeinträchtigungen und Mangel fertig zu werden" (Buff 1988: 136). „Es ist auch die Versorgung mit entmündigender Hilfe, die die emanzipatorischen Kompetenzen und Kapazitäten der betroffenen Menschen verschüttet. Für die ,Klientinnen' und ‚Klienten' bedeutet die Bekanntgabe der eigenen Hilfebedürftigkeit zudem das Risiko, andere, noch autonom zu regelnde Bereiche potentiell in die Hände psychosozialer Profis oder der Sozialbürokratie abzugeben. Das Risiko der Hilfebedürftigkeit kann dann unversehens zu einem umfassenden Autonomieverlust geraten." <ref>1993:42: Die Menschen stärken. In: Blätter der Wohlfahrtspflege - Deutsche Zeitschrift für Sozialarbeit; 2/93.</ref>

Heute könnte Wolfgang Stark auch dahingehend missinterpretiert werden, sozialpädagogische Hilfen generell zu streichen, um die Zielgruppe maximal zu emanzipieren. Sicherlich will er seine Kritik allein auf eine sozialpädagogische Haltung dem Klienten gegenüber verstanden wissen; ist dies auch lobenswert, sollte man sich angesichts der aktuellen Sozialstaatsdebatte vielleicht doch stärker bemühen, Missverständlichkeiten zu vermeiden. Bis etwa Mitte der 80er Jahre wurde an den Fachhochschulen noch gelehrt, man solle unbedingt dort stehen, wo der Klient steht und keinesfalls entmündigende Stellvertreterpolitik betreiben, die inhaltlich wie zeitlich vorgreift. Die Klienten sollten allenfalls darin ermuntert und unterstützt werden, Lebensziele zu formulieren, Wege zu entwickeln und diese mit abnehmender Ermunterung und Unterstützung auch zu verfolgen; sie nach eigenen Vorstellungen zu drängen, wäre Entmündigung. Wenn die klientenbestimmte Arbeit auch länger dauert, werden dafür der Erfolg stärker internalisiert, sowie die Ressourcen im eigenen Selbstkonzept integriert und mit höherer Wahrscheinlichkeit später -zu anderen Gelegenheiten- wieder erfolgreich eingesetzt... Das hat selbstverständlich auch heute seine Gültigkeit nicht verloren, wenn jemand mit geringer Arbeitslosenhilfe einen neuen Kühlschrank möchte. Dann gibt man ggf. nur die Ratgeber für Arbeitslose heraus, vertraut darauf, dass die Klienten selber darauf kommen, dass sie noch den Ratgeber für Sozialhilfe brauchen, man bietet an, den eigenen Computer nutzen zu dürfen und freut sich, dass die Klienten dabei noch ihre Computerkenntnisse auffrischen...



Solange man abschätzen kann, dass die Klienten unter den Aufgaben nicht zusammenbrechen und sich dann wieder darin bestätigt fühlen, nichts zu können, unfähig zu sein und besser von der Brücke springen zu sollen... wird man sie alle Schritte möglichst allein lösen lassen... Da die Existenz grundsätzlich gesichert ist, kann man es auch etwas ausreizen, kriegen sie es nicht gleich hin, dauert es halt etwas länger mit dem Kühlschrank. Etwas schelmisch kann man sich denken, dass dies eine Lehre war und sie sich das nächste mal gleich selber trauen, statt tagelang nur rumzuschimpfen und zu hoffen, man würde es ihnen aus der Hand nehmen und schnell selbst für sie erledigen; wenn die Klienten aber wissen, dass man ihre Probleme 10 mal so schnell lösen kann, sind sie schnell beleidigt, wenn man es ihnen überlässt... Geht es heute im Zuge des Sozialabbaus allerdings darum, dass in der ganzen Stadt die Mietobergrenzen des Sozialamtes um 10% gesenkt, Kinder in geschlossene Heime gesperrt, alle Empfänger der Sozialhilfe für 1€/Stunde zur Arbeit gezwungen werden sollen oder die Drogensubstitutionsbehandlung im Strafvollzug eingestellt werden soll... dann ist es grob fahrlässig, dort stehen zu bleiben, wo die Klienten sind. Sie haben generell eine geringere Beschwerdemacht und sind in Folge verbreiteter Ohnmachterfahrungen langsamer, neue Benachteiligungen wahrzunehmen und ängstlicher, sich gegen sie zu wehren. Natürlich ist es eine Form der Entmündigung, nicht auf sie zu warten, um schnellst möglich sozialpolitisch tätig zu werden! Wenn der Sozialen Arbeit aber auf breiter Front das Fundament entzogen wird, sollte man sich von dem Argument der Entmündigung weder von links noch von rechts entmutigen lassen; um ein Maximum an Transparenz und Klientenbeteiligung werden wir uns im Anschluss dennoch bemühen müssen... Wer i.d.Z. heute noch -nach etwa 20jährigem Sozialabbau in der Bundesrepublik- behauptet, es gäbe eine sozialstaatlich entmündigende Überversorgung, hat den Blick für die Realität entweder verloren oder verschließt bewusst die Augen: Im Zuge des Sozialabbaus heute zu behaupten, im Interesse der Betroffenen zu sprechen, weil man sie wieder bemündigen und ihnen Freude damit bereiteten möchte, die Zügel zur autonomen Lebensbewältigung zurück in die eigenen Hände zu geben, ist Heuchelei!. Diese Argumentation wird heute allein zur Legitimation des Sozialabbaus benutzt. Daran ändert auch der immer wiederkehrende Hinweis auf den Lebensstandard anderer Länder gar nichts, gilt doch die Leistungskraft der jeweiligen Volkswirtschaft als Referenzpunkt zur Bewertung eines menschenwürdigen Existenzminimums. Armut in der Bundesrepublik bleibt ein Problem der Verteilung und nicht mangelnder Selbsthilfe. Darin liegt der zentrale Unterschied zu sog. ‚Entwicklungsländern'. Kann dort die Mobilisierung von Selbsthilfe und -verantwortung als angemessenen Lösungsstrategie gesehen werden, führt hier kein Weg an einer Rückverteilung volkswirtschaftlichen Reichtums von ‚oben' nach ‚unten' vorbei. Diese Notwendigkeit zu befördern, kann auch ein Ziel von E. sein!

Empowerment in der Praxis:

E. i. S. von ‚Bemächtigung' verstanden, bleibt unabhängig von heute dominierenden Interpretationen und den damit verbundenen Verwertungsinteressen, eine zentrale Aufgabe Sozialer Arbeit. Die Klienten Sozialer Arbeit sind ‚Klienten', weil sie in ganz unterschiedlichen Lebenskontexten benachteiligt sind; diese Situationen nicht zum eigenen Wohle beeinflussen zu können, ist eine Frage von Macht und Ohnmacht. Im Falle der Ohnmacht ist es Aufgabe der Sozialen Arbeit, dabei zu helfen, diese zu überwinden.

„Ausgangspunkt von E.-Prozessen ist stets das Erleben von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung, die Erfahrung also, ausgeliefert zu sein, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, die Fäden der eigenen Lebensgestaltung aus der Hand zu verlieren. (...) Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit setzt nun dort ein, wo die Bewältigungsversuche ins Leere laufen, fehlschlagen, immer wieder abbrechen und ein Brückenschlag zwischen Umweltforderungen und personalem Bewältigungsmanagement nicht gelingt. An diesen Orten entstehen Erfahrungen der Unkontrollierbarkeit eines Ereignisses. Mit diesem Begriff der Unkontrollierbarkeit gewinnen wir das Herzstück der Theorie der erlernten Hilflosigkeit" (Herriger 1997: 52,69).

Das Problem ist also nicht, punktuell die Erfahrungen der Überforderung und des Scheiterns zu machen, sondern es geht darum, darum, sie regelhaft zu machen und im Laufe der Zeit als Selbstbild -‚ich bin halt ein Looser und werde es immer bleiben...'- fest zu verinnerlichen. Man kann dann von ‚Ohnmacht' und ‚erlernter Hilflosigkeit' sprechen, oder wie Paulo Freire, eine ‚Kultur des Schweigens' identifizieren, um einen Hilfebedarf zu konstatieren. Da Ohnmacht ohne Macht nicht zu denken ist, führt E. logischerweise immer dazu, dass über den Machtzugewinn auf Seiten des Klientels, andere Menschen oder Institutionen relativ an Macht einbüßen. Damit ist E. per se ein konfrontatives Konzept, das hoher Sensibilität bedarf. Da nicht wir, sondern unsere Adressaten den heraufbeschworenen Widerstand der ‚Mächtigen' erleben, müssen wir von vornherein mögliche Verteidigungs-, Gegenwehr- oder Strafreaktionen einbeziehen und mit den ‚Ohnmächtigen' gemeinsam und ehrlich erörtern. Wird bsp. eine Ehefrau empowert, die darunter leidet, dass sie jahrzehntelang in einem entwürdigendem Ritual von ihrem Mann Taschengeld zugeteilt bekommt, obwohl sie selber Lohn und später Rente verdient, sie keinen Überblick über die Finanzen geschweige denn Zugriff auf das Konto hat, sie daher nie weiß, ob ihr Wunsch, mal Urlaub zu machen, ange- oder vermessen ist, sie von ihren Freundinnen ausgelacht wird..., dann muss einkalkulieren werden, dass der Mann einen Wutanfall kriegt, schreit, mit ihr nicht mehr redet, sie nicht mehr beachtet, sich mit schmerzverzerrtem Gesicht um Luft ringend an sein Herz fasst, die Diskussion so beendet und die Frau auch noch mit schlechtem Gewissen bestraft oder sogar schlägt... und dass die Ehe hinterher noch unerträglicher ist... Man muss auch sorgfältig abwägen, wie wahrscheinlich, bedrohlich oder erfreulich es wäre, wenn der E.-Prozess ein ‚Ende mit Schrecken' (Scheidung) provozieren würde... Anderenfalls hat Ohnmacht auch den Vorteil, sich um vieles nicht kümmern und wenig Verantwortung tragen zu müssen. Wenn man sich jahrzehntelang mit dieser Situation arrangiert hat, kann man die ‚Vorteile' von Autonomie und Eigenverantwortung ggf. gar nicht mehr positiv würdigen... Wenn Menschen dabei geholfen werden soll, sich aus ihrer ohnmächtigen Situation zu befreien, offenbart sich dem Pädagogen in unterschiedlicher Art und Weise schnell eine hohe Komplexität, egal wer sich gegenübersteht:

Arm - reich

3. Welt - 1. Welt

Frauen - Männer

Schwarze - Weiße

Anwohner - Investoren

Behinderte - Nicht Behinderte

Gesellschaftsmitglieder - Politiker

Studenten - Professoren/Hochschule/Kultusministerium

(...) - (...)

Im Hinblick auf Haltung, Stil, Selbstreflexion und Empathie sind wir auf eine harte Probe gestellt, unsere Adressaten nicht voreilig in die Konfrontation zu stürzen. Nur weil ihre Unterordnung unter eine ‚Macht' objektiver Gründe entbehrt, der Pädagogen sich selber in der jeweiligen Situation gar nicht eingeschüchtert fühlen würde und jenen, der die ‚Macht' für sich reklamiert sogar lächerlich findet..., darf man die Ohnmachtgefühle des Klientels nicht weniger ernst nehmen. Zunächst wird man des Klienten Nutzen und Schaden aus dem unterordnenden Verhalten eruieren und einander gegenüberstellen müssen. Danach wird man auf Ängste stoßen, im Falle des ‚Widerstands' sanktioniert zu werden (Schlechte Noten an Schule oder Hochschule, Missachtung oder Schläge als Frau oder Kind in der Familie, Mobbing oder Kündigung als Frau, die in ihrer Firma um eine angemessene Position streitet, Streichungen der Entwicklungshilfe, Kriminalisierung von Schwarzen in den USA oder Sitzblockierern in der BRD oder Ermordung von Adressaten und Pädagogen in der E.-Arbeit mit Indios in Kolumbien...). Da diese Ängste nicht unbegründet sind, dürfen wir sie nicht vom Tisch wischen, sondern müssen sie eben sorgfältig abwägen, bevor die eigentliche empowernde Aktion beginnt. Die Pädagogen haben eine zurückhaltende unterstützende Rolle einzunehmen, die sich auf Moderation und Bewusstmachung konzentrieren muss und dem Adressaten die Entscheidung, ob, wann und wie die Konfrontation gesucht werden soll, nicht abnehmen darf! Ansonsten würde die Fremdbestimmung durch die eine ‚Macht' allein durch eine andere ‚Macht', uns, ohne Autonomiegewinn abgelöst. Lebenshilfetipps in den Zeitschriften müssen nicht erfolgreich sein, können die Situation schnell verschlimmern, müssen dafür aber keine Verantwortung tragen; das gilt für uns wir nicht:

Sie dürfen als Frau am Arbeitsplatz nicht benachteiligt werden. Bitten Sie ihren Chef einfach um einen Termin und schildern Sie ihm, dass Sie einen Anspruch haben auf bessere Position und Bezahlung. Der Chef wird sicherlich beeindruckt von Ihrem Auftreten sein und merken was er an Ihnen hat. Der angemessenen Positionierung und Bezahlung steht dann nichts mehr im Wege...

Wenn der Klient mit der Haltung zu uns kommt, er habe ein Problem, werden wir dieses Selbsteinschätzung versuchen, durch Bewußtseinsförderung zu überwinden. Es geht um die Einsicht,

  • dass es sich bei dieser Sicht letztendlich um die Folge individualisierende Fremdzuschreibungen gesellschaftlicher Schuld handelt,
  • dass die Internalisierung dieser Fremdzuschreibung von den ‚Mächtigen' intendiert ist,
  • dass die Internalisierung nicht stimmig und zwingend ist,
  • dass nicht er Schuld hat, sondern allenfalls Symptomträger benachteiligender Rahmen- und Unterdrückungsbedingungen ist,
  • (...)

Diese Einsichten teilen wir dem Klienten nicht als Ergebnis unserer Analyse mit, sondern lassen ihn selbst zu diesem Ergebnis kommen. Ist das Selbstbild erst gestärkt werden logischerweise die Kompetenzen gegenüber den Defiziten in Mittelpunkt gestellt, ggf. sogar wirkungsvoll inszeniert, um Vertrauen in die eigenen Kraft und den Mut, sich auch anderen Herausforderungen zu stellen, zu stärken. Diese hier noch einmal knapp skizzierten Anforderungen an die Pädagogik waren auch zentral für die E.-Konzepte, die Paulo Freire in den 60er Jahren für eine ‚Erziehung zur Selbstbefreiung' der indigenen Völker in Brasilien entwickelt hat. Dieses Konzept ,in seinem Hauptwerk ‚Pädagogik der Unterdrückten' (1973) zusammengefaßt, ist bis heute ein Klassiker der E.-Debatte, war u.a. auch handlungsleitend für die Arbeit Norbert Spieglers<ref>Diakon der schweizerischen Missionarsgesellschaft; arbeitet seit über 15 Jahren in Latainamerika i.S. Freires (siehe auch Kapiel Anamnese).</ref> mit den Awà-Indianern in Kolumbien und hat heute allgemein Eingang in die parteiliche Entwicklungshilfe gefunden. Diese war zuvor dadurch geprägt, dass Gesellschaftsstrukturen, Religionen, Weltanschauungen und Techniken der ‚1. Welt' implementiert wurden, obwohl sie mit der tradierten Kultur kollidierten oder technisch nicht praktikabel waren.



Als bekannteste BSP für eine wenig emphatische bis kontraproduktive Entwicklungshilfe gilt nach wie vor der Tiefbrunnen in der Dorfmitte, der den Frauen auch noch die letzte Möglichkeit nahm, sich beim Wasserholen der Kontrolle ihrer Männer zu entziehen oder der mit der Technik vor Ort nicht zu reparieren ist und dann verrostet. Als weiters BSP kann die Einführung von durch Pflanzenschutzmitteln optimierter Landwirtschaft sein, die neu Abhängigkeiten gegenüber der Chemieindustrie schafft oder zu riskantem Handel zwingt, weil Monokulturen die bisherige Vielfalt der gemeinschaftlichen Landwirtschaft verhindern oder die Samen unfruchtbar sind und die Saat immer wieder neu importiert werden muss...

Da Befreiung nur mit dem und nicht für das Volk möglich sei, bedarf es viel Zeit und guten Willen, um die Lebensweise zu verstehen, die unterdrückenden Strukturen zu identifizieren und der Geschichte, sowie Kultur der Menschen angemessene Lösungen finden zu lassen. Wenngleich letztendlich doch die Analyse des Pädagogen den Ausschlag gibt und das ‚Lösungen finden lassen' kein gänzlich machtfreier Prozess ist, soll diese idealtypische Formulierung so weit wie möglich verhindern, dass die Menschen dadurch entmündigt werden, dass ihnen Lösungen aufoktroiert werden. Man muss immer wieder bereit sein, mit eigenen eingefahrenen Wertvorstellungen und Automatismen zu brechen, wenn der Prozess stockt. Spiegler berichtete wie er zunächst verunsichert war, weil die Menschen -sollten sie denn mal Geld übrig haben- lieber Lotterielose kaufen, statt in die Krankenversicherung einzuzahlen. Ihm wurde später klar, dass dies Verhalten wesentlich rationaler ist, als gedacht; vor dem Hintergrund, dass die Versicherung regelhaft die Zahlung verweigert und so selbst die Lotterie objektiv mehr Erfolg einbrachte. Zur Sicherung der Gesundheit konnte dann gemeinsam mit Hilfe des Medizinmanns und eines ausgeblideten Schulmedinziners aus dem Nachbardorf eine Lösung gefunden werden, die zum einen auf Selbsthilfe und zum anderen auf eingesparten Loskosten basierte... Ging es darum, dass die Verträge zum Abbau bzw. Raubbau von Edelmatall und Holz wegen Täuschungen annuliert und die damit einhergehende Bodenerosion und Vergiftung der Flüsse unter Strafe gestellt wird, kann man aus zeitlichen Gründen nicht solange warten, bis Dorfbewohner einen juristischen Abschluss erworben haben und sich selbst helfen können; dennoch müssen sie das Verfahren verstehen, um sich zumindest die Option zu verschaffen, spätere Rechtsstreiterein selber zu lösen...

E. bedeutet immer, einen sehr schmalen Grad zu beschreiten, einerseits ausreichend Unterstützung anzubieten und trotzdem sicherzustellen, dass die Menschen Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und Kraft gewinnen und umzusetzen können. Selbst wenn der Pädagoge die Macht hätte, den Prozesss zu beschleunigen und sich parteiisch ‚dem Unterdrücker' in den Weg zu stellen, sollte man von diesem Mittel ggf. nicht Gebrauch machen, um die Qualität/Nachhaltigkeit der Arbeit nicht zu gefährden. Ist der Erfolg anderenfalls jedoch gefährdet, darf man sich nicht aus falscher Scham davon abhalten lassen, stellvertretend zu handeln!

Da die ‚Kultur des Schweigens' damit einhergeht, dass man Autoritäten leicht glaubt und die Pädagogen -wie basisdemokratisch auch immer sie sich selber fühlen mögen- auch Autoritäten sind, müssen wir helfen, sich von alten Autoritäten zu emanzipieren ohne sich neuen (uns) unterzuordnen. Da die Sozialisation der Unterdrücker dazu geführt hat, dass die tradierten Autoritäten (Häuptling, Dorfältester, Medizinmann...) verachtet werden und insofern erfolgreich war, als dass die Lebensweise des Unterdrückers idealisiert und internalisiert wurde, muss man dafür Sorge tragen, dass dieser externe Sozialisationseinfluß reduziert wird. Auch wenn das Wissen um die Welt und die Sprache außerhalb des Dorfes zweifellos wichtig ist, muss die Autorität und die Kultur des Volkes wieder Geltung zurückgewinnen:

„In der Schule wird dann die erfahrene Sprache des Volkes die Sprache der Unterdrückten systematisch abqualifiziert und durch die Kunstsprache der ‚Gebildeten' verdrängt. So bleibt Erfahrung sprachlos, Sprache wird sinnlos. Wenn es gelingt, die Volkssprache in die Kneipen, Küchen und Toiletten zu verbannen -zum Glück gelingt es nie ganz-, dann ist eine Mitsprache der Unterdrückten in den Interessenkonflikten und Entscheidungsprozessen der Gesellschaft nicht mehr zu befürchten. Freiheit ist dann nicht mehr diskutierbar, also auch nicht organisierbar. (...) Und die derart tradierte Kultur des Schweigens erlaubt es den Eliten, die ‚schweigenden Mehrheiten' jederzeit gegen sich selbst und ihre elementarsten Interessen aufzubieten: sie können sich nicht wehren, denn ihnen fehlt die Sprache und mit der Sprache die einzige unüberwindliche Waffe der Freiheit. (...) In der Situation politischer, wirtschaftlicher und technologischer Fremdherrschaft aber ist depositäre Bildung immer verbunden mit der Entwertung und Beseitigung dieser kollektiven Erfahrung der eigenen Gruppe, ja selbst ihrer kulturellen Identität, ihrer Sprache, und mit der Einpflanzung fremder Erfahrung, fremder Wörter, fremder Identitätsmerkmale."<ref>Ernst Lange im Vorwort zu Freire 1973: Pädagogik der Unterdrückten.</ref>

Da die Awà-Indianer ihre alte Sprache nicht mehr sprechen durften, wurden sie im wahrsten Sinne sprachlos. Wer taubstumm ist oder Kontakt zu taubstummen Menschen hatte, kann noch besser beurteilen als Touristen, die sich im Urlaub -der Sprache nicht mächtig- vergleichsweise kleinerer Probleme stellen mussten, wie eng Sprach- und Machtlosigkeit zusammenhängen. Die Awà konnten ihre Interessen nicht mehr vertreten, verstanden die Verträge nicht, mit denen sie Nutzungsrechte ihres Landes verkauften oder Krankenversicherungen bzw. Kreditverträge abschlossen und konnten immer schwerer die eigenen notwendigen Lebenskompetenzen inkl. des existentiellen Wissens des Medizinmanns an die jüngeren Generationen weitergeben. Als Spiegler seine Arbeit aufnahm konnten nur noch sehr wenige alte Menschen die alte Sprache; so konnte sie quasi ‚in letzter Minute' rekultiviert werden, nachdem das Verbotsgesetz annulliert worden war...



Spiegler unterstreicht, dass man sich gänzlich auf die Lebensweise einlassen sollte, mit den Menschen leben, fischen, jagen, kochen, Hütten bauen... und möglichst die verbale und nonverbale Sprache erlernen sollte, um das Machtgefälle zu reduzieren und letztendlich auch um sich besser gemeinsam freuen zu können. Nicht gewohnt, nach eigenen Meinungen und Interessen gefragt zu werden und diese dann auch noch vor anderen, fremden Menschen zu äußern, bewegten ihn und seine Kollegen dazu, sich in hohem Maße über Bilder, Bilderspiele und Bildergeschichten auszutauschen und die verbale Interessenäußerungen erst langsam zu ergänzen. Will man die Menschen und ihr Leben kennenlernen, Vertrauen gewinnen, schrittweise die Erfahrungen der Unterdrückung (Resignation, Angst, Ohnmacht, Apathie...) reduzieren und die Nachhaltigkeit des Erfolges sicherzustellen, sollte man s.E. nicht weniger als fünf Jahre veranschlagen.

E. versucht nicht nur, ein spezielles Problem zu lösen, sondern will die Menschen allgemein rechtlich, sozial, psychisch, gesundheitlich, kognitiv... bemächtigen, ihre Interessen in allen Lebensbereichen souverän durchzusetzen. Spiegler wie Freire weisen darauf hin, dass der Ansatz damit per se ein politischer ist, als dass er die bestehende Machtverteilung in Frage stellt, sie bedroht. Freire wurde in Brasilien kurzzeitig verhaftet und seine Bücher verbrannt, von Spieglers Instituition -die in ganz Latainamerika arbeitet- sind in den letzten 15 Jahren drei Mitarbeiter ermordet worden. Dies ist nicht verwunderlich, wenn kommerzielle Interessen der ‚Mächtigen' eingeschränkt werden; gerade in Kolumbien gerät man zwangsläufig in die ‚Schußlinie', wenn man ursacheorientiert arbeiten möchte. Egal ob man die schlechten Arbeitsbedingungen und agressive (bewaffnete) Interessenvertretung der Ölindustrie kritisiert oder sich gegen die existenzbedrohende Drogenpolitik engagiert, man gerät in ein von US-Interessen stimuliertes Spannungsfeld. Heute versucht Spiegler in Kollumbiens Erdölstadt Barrancameija, nachbarschaftliche Selbsthilfestrukturen aufzubauen; zwischen bewaffneten Wachschützern der Ölfirmen, Guerilla, Militär, Paramilitärs und Polizei welche die Bewohner bedrohen und rekrutieren wollen; während die USA gleichzeitig mittels Drogenbekämpfungsplänen dafür sorgt, dass im großen Stil landwirtschaftliche Flächen -die zum überwiegenden Teil nicht dem Drogenanbau dienten- von Flugzeugen mit Pilzen und chemischen Giften besprüht und über Jahre zerstört werden. Der zudem von der USA ausgelöste Preisdruck auf dem Bananen- und Kaffeemarkt reduziert zudem die Möglichkeiten, einer akzeptierten Existenzsicherung. Da die eigene Sprache fast verlernt ist und die Menschen durch die Drohungen von Politik oder Industrie... verängstigt sind, ist die Rückgewinnung von Autonomie ein langer schwerer Prozess. Stark von dieser Arbeit in Latainamerika beeindruckt, muss man trotzdem -ohne die Sinnhaftigkeit der dortigen Arbeit in Frage stellen zu wollen- die Übertragbarkeit auf bundesrepublikanische Verhältnisse zurückweisen. Das Sozialforschungsinstitut ‚empirica' (s.o.) möchte nach Konzepten ärmster Länder, benachteiligte Quartiere in Deutschland stabilisieren. Zwar ist wegen der sozialpolitischen Sprengkraft die Einsicht zu begrüssen, dass im Ausnahmefall einzelne Quartiere mit jenen in der ‚3.Welt' vergleichbar sind. Der Idee diese in einem der reichsten Länder der Erde über Selbsthilfe statt nach dem gesamtgesellschaftlichen Solidarprinzip auffangen zu wollen, muss jedoch entschieden widersprochen werden.

Die Idee des E. sollte für die Soziale Arbeit immer handlungsleitend sein. Sind die Adressaten wegen sozialer Lage, Alter, Geschlecht, Ethnie... benachteiligt, soll ihnen geholfen werden, sich möglichst eigenständig von diesen Benachteiligungsstrukturen zu emanzipieren. Der enge Zusammenhang zwischen Zielerreichung und Machtgewinn besteht grundsätzlich bei allen traditionellen Methoden, ist bei Gruppen- und Gemeinwesenarbeit aber besonders ausgeprägt, da man eigene Macht und Gegenmacht immer erfolgreicher im Kollektiv entwickeln kann. Die Interessen einer Sozialen Arbeit, die der Idee des E. folgt, ähnelt sich in Ziel und Strategie verschiedener politischer sozialer Bewegungen bis hin zur Austauschbarkeit. Sowohl in der Sozialen Arbeit, wie auch in der sozialen Bewegung sind die Erfolge nicht nur bezogen auf eine gerade aktuelle überwundene Problematik zu suchen; sie sind v.a. in dem allgemeinen Zugewinn an Ressourcen zu suchen, die der erfolgreichen Bewältigung jeglicher kommender Herausforderungen. Einige BSP sozialer Bewegungen sollen plakativ dargestellt werden und für sich sprechen:

Zunächst ein Flugblatt einer Bürgerinitiative (Gemeinwesenarbeiter mobilisieren gegen die aufwertende Umstrukturierung ihres Stadtteils):<ref>Bürgerbegehren gegen Umstrukturierung in Hamburg-St.-Pauli; 1999.</ref>

„Stoppt den Bauwahn auf St.-Pauli - BürgerInnenbegehren für ein integriertes Stadtteilkonzept

Dem Stadtteil St.-Pauli stehen einschneidende Veränderungen bevor. Eine ganze Reihe von Großprojekten ist geplant. Deren Auswirkungen sind bisher weder ausführlich untersucht, noch öffentlich diskutiert worden. Betroffen sind nicht nur AnwohnerInnen, sondern auch Geschäftsleute und St-Pauli-BesucherInnen.

Einige Beispiele:

  • Die ‚Kleine Freiheit' - Discos, Geschäfte, Varieté auf 20.000 qm, teilweise Überbauung des nebenliegenden Parks, 15.000 BesucherInnen pro Tag werden erwartet.
  • Das Urban Entertainment Center 25.000 qm, Hotelturm plus 2.440 Plätze in Imax- und Multiplexkinos plus Geschäften, Restaurants, Boutiquen.

Hinzu kommt ein weiteres Multiplex-Kino am Nobistor mit 2.200 Plätzen, der Neubau des Millerntorstadions die Verlagerung der Endoklinik und des Schlachthofes sowie weitere Büro-, Kino- und Hotelprojekte rund um die Reeperbahn.

Kapitalkräftige Investoren haben die Reeperbahn und den Mythos ‚St.-Pauli' als gewinnbringendes Ansiedlungsgebiet für ihre riesigen Konsum- und Vergnügungstempel entdeckt. Solche Großprojekte zerstören die vorhandene Nutzungsmischung von Wohnen, Arbeit und Vergnügen. Schon allein von ihrer Baumasse beherrschen sie den Stadtteil. Glatte Fassaden steriler Neubauten werden die lebendige Vielfalt verdrängen. Genau aber die macht das Flair und den Charme St.-Paulis aus.

Wir wollen:

  • Frühzeitige Information der Betroffenen, BürgerInnenbeteiligung
  • Erst Auswirkungen abschätzen, öffentlich diskutieren, dann bauen, statt umgekehrt
  • Sozialverträglichkeit - keine Verdrängung von BewohnerInnen und Kleingewerbe
  • Lebendige Vielfalt statt langweilige Monokultur
  • Gesamtkonzept für den Stadtteil. Die Bauprojekte sind keine Inseln mitten im Nichts!"

Ein Aufruf von Studenten:

„Aufwachen! - Aufstehen!!!

Studiengebühren:

Bis zu 3000 DM/Semester sind so gut wie beschlossen.

Bildung nur noch für elitäre Zirkel

Privatisierung:

Bildung im Dienst der privaten Wirtschaft

Human Ressource:

Der Mensch wird zur Ware

Rationalisierung:

Ausverkauf Bildungsqualität sinkt

Rasterfahndung:

Freiheit stirbt mit Sicherheit

Demo zum Kultusministerium:

12.12.01, 15.00 Uhr, Haus 1"


Eine Frauenselbsthilfewerkstatt stellt sich vor:<ref>Hamburger Frauen-Selbsthilfe-Projekt ‚Pfiffigunde’.</ref>

„Die Sozialisation und Lebenslage von Frauen ist in verschiedensten Kontexten mit zahlreichen Abwertungserfahrungen verbunden. Unterstützt durch eine geschlechtsspezifische Erziehung werden sie zudem in eine passive Rolle gedrängt und auf vermeintlich ‚frauentypische' Qualitäten reduziert. Die Qualifizierung in den Bereichen KFZ und Metall bedeutet nicht nur die Möglichkeit, eine Motorrad zu reparieren, sondern schafft v.a. Mut, in allen Bereichen geschlechtsspezifischer Unterdrückung, Ansprüche zu erkämpfen."

Die dargestellten E.-Beispiele haben eine deutliche Gemeinsamkeit; es geht immer um die Unterstützung von relativ schwachen, machtlosen Menschen gegenüber mächtigen unterdrückenden Menschen, Gruppen oder Institutionen. Ob wir in unseren Gruppen eine aggressive Polarisierung gegenüber ‚starken Feinden' unterbinden sollten, muss im Einzelfall entscheiden werden; wenn jedoch noch schwächere Menschen und Gruppen als Feinde benannt und von anderen benachteiligten Menschen zur Mobilisierung funktionalisiert werden, ist dies -sofern möglich- zu unterbinden! Selbst wenn die Menschen dabei ein Zugewinn an ‚power' verspüren, handelt es sich nach unserem Verständnis nicht um E., sondern genau um dessen Gegenteil. Die gilt ebenso für Bürgerentscheide gegen Bauwagenplätze, Jugendclubs, Drogenhilfeeinrichtungen, Flüchtlingswohnungen... Wenngleich es eine sehr heikle Sache ist, einigen Menschen ihre Demokratiefähigkeit abzusprechen: Elemente direkter Demokratie wahrgenommen von benachteiligten Menschen zu Lasten anderer benachteilgten Menschen, in emotionalisierter Stimmung... kann kein Gewinn für die Demokratie sein; spätestens dann nicht, wenn Volksparteien zusätzlich dieses Element für sich vereinnehmen wollen, um bsp. das Asyl- oder Zuwanderungsrecht per Volksabstimmung entscheiden zu lassen...<ref>Empowerment einer rechts-konservativen Bürgerinitiative in Hamburg Altona; 1993.</ref>

Auch hier ein BSP einer Bürgerinitiative (Altonaer Bürgerverein von 1848):

Es reicht! Altona darf nicht verkommen!

Lassen die Politiker Altona verkommen?

Forderungskatalog zur Beseitigung der Missstände

in ALTONA Mai 1993

  • Die Punker und Penner kamen im zunehmendem Ausmaß nach Altona
  • 3 Asylschiffe kamen nach Altona. Über 2.500 kurzfristig untergebrachte Asylbewerber überschwemmen derzeit zusätzlich den Stadtteil
  • (...)
  • Punker und Penner belagern seit Jahren die Bänke und Grünanlagen der Einkaufspassagen rund um den Bahnhof. Diese und ihre Tiere verunreinigen das Pflaster und alle Baumkästen.
  • Für Punker ist in dieser Region ein rechtsfreier Raum entstanden. Sie treten betrunken in Horden auf, gegen die Einzelpersonen wehrlos sind. In Folge der stattfindenden Wegelagerei, aggressiver Bettelei und anderer Provokationen durch Punker und deren Hunde, haben die Geschäftsleute Angst, vor die Tür zu gehen.
  • Die rund 2.500 auf Schiffen, untergebrachten Asylsuchende sind zuviel für Altona! Nach Erhalt der Unterstützung überschwemmen sie regelmäßig die Ladengeschäfte. Oftmals wird dabei mehr ‚mitgenommen' als bezahlt. Die Rentabilität der Läden ist somit gefährdet und notwendige Investitionen können nicht erfolgen. Arbeitsplätze werden dadurch vernichtet!
  • (...)"

Fazit:

Die Kerngedanken von E. sollten im beruflichen Selbstverständnis aller Beschäftigten helfender Berufe handlungsleitend sein. Erst dort wo die Idee dahingehend umintepretiert wird, dass nicht mehr die Verbesserung der Lebensqualität des Adresaten verfolgt wird, sondern die Konsolidierung des öffentlichen Haushaltes, sollte sich die Soziale Arbeit der Mithilfe enthalten. Der Punkt wo E. anfängt problematisch zu sein, ist dort erreicht, wo man die Bedeutung von ‚Verantwortung' an Stelle von ‚Macht' in den Vordergrund stellt und den Menschen dann mehr Verantwortung im Zusammenhang mit der Verursachung wie Lösung ihrer Probleme zuschiebt, als sie objektiv verdienen bzw. tragen können. Zwar ist die Persönlichkeit des Klienten über alles zu würdigen; genau das heißt aber auch, ihn nicht für gesellschaftliche Verursachungszusammenhänge haftbar zu machen. Es heißt ihn -wie schon immer- auch zu fordern, aber vor Überforderung zu schützen; illegitime Schuldzuweisungen ist die Vorstufe illegitimer Disziplinierung und Bestrafung!

Immer wieder wird die USA lobend erwähnt, würde doch dort die Selbsthilfementalität besonders weit verbreitet sein; dies sollte soweit korrigiert werden, dass sich der Staat dort einfach seiner sozialen Verantwortung entzieht. Die USA kann als Prototyp eines Staates gelten, der pauschal suggeriert, Leben sei mittels Selbsthilfe zu bewältigen, der Hilfe verweigert und dafür die weltweit höchste Gefangenenpopulation billigend in Kauf nimmt. Die Ideologie der Selbsthilfe scheint eng mit inhumaner und repressiver Staatsintervention verbunden zu sein; ob diese sich dann als billiger erweist, ist fraglich...




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