Einleitung

Aus Soziale Arbeit heute

Spätestens mit der Verkündigung des GG 1949 hat sich Sozialpolitik in Deutschland als eine tragende Säule staatlichen Handelns etabliert. Die gesellschaftliche Integration als sein originäres Ziel, verfolgte der Staat zuvor allein über die Androhung und abschreckende Durchführung von Repression gegenüber jenen Menschen, die sich nicht unter- bzw. einordnen wollten oder konnten. Seither hat jeder dieser Menschen das einklagbare Recht, ein menschenwürdiges Leben zu führen und der Staat die Pflicht, jedem ohne Vorleistung ein solches Leben zu ermöglichen. Diese Garantie ist im GG nicht nur als verfassungsrechtliche Leitnorm an erster Stelle verankert, sondern auch mit gleicher Priorität in den Sozialgesetzen und damit für den gesamten Bereich der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, sowie jeden einzelnen dort beschäftigten Mitarbeiter handlungsleitend.



Den Beschäftigten dieser Berufe wird oft vorgehalten, systemstabilisierend dem Kapitalismus mit all seinen ungerechten Facetten unterstützend zur Seite zu stehen. Dieser Vorwurf scheint jedoch nur teilweise gerechtfertigt: Sozialarbeiter handeln im staatlichen Auftrag, werden i.d.R. zumindest mittelbar vom Staat bezahlt und sollen gesellschaftliche Integration sicherstellen; Integration bezieht sich dabei sowohl auf das Verhältnis der Menschen untereinander als auch auf ihre Loyalität gegenüber dem Staat. Solange auf Repression weitestgehend verzichtet wird und im Ergebnis jedem ein ‚menschenwürdiges’ Lebens ermöglicht ist und andere den zur Finanzierung nötigen Solidarbeitrag leisten, ist gegen Systemstabilisierung an sich nichts einzuwenden; solange greift die Kritik bezüglich der theoretischen Konzeption des Sozialstaates zu kurz. Das Konzept der ‚Sozialen Marktwirtschaft’ stellt einen verfassungsrechtlich garantierten Kompromiss dar, zwischen kapitalistischem gewinnorientiertem Konkurrenz- und Leistungsprinzip auf der einen und sozialstaatlicher Umverteilung auf der anderen Seite. Mit diesem Kompromiss kann sich die Soziale Arbeit theoretisch ohne Scham und Pein identifizieren; ob dies auch für die Praxis gilt, darüber muss das Niveau der sozialen Sicherung entscheiden. Unsere Haltung soll erst problematisiert werden, wenn die theoretische Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft durch die Praxis systematisch zu Lasten benachteiligter Menschen untergraben wird. Genau diese Entwicklung ist jedoch seit Mitte der 80er Jahre Realität! Begriffe wie ‚Reform’, ‚Modernisierung’ oder ‚Erneuerung’ verschleiern den Kern dieser Entwicklung: Durchgängig geht es seither um Einsparungen auf Kosten von benachteiligten Menschen und den Institutionen, die ihnen bisher noch unterstützend zur Seite standen. Die Menschenwürde als Referenzpunkt unserer Arbeit und der Verfassung verliert heute immer weiter an Bedeutung: Vor dem Hintergrund des Sozialabbaus scheint es unverantwortlich zu sein, sich als Mitarbeiter, Träger, Lehrender, Theoretiker und letztendlich auch als einführendes Fachbuch der Sozialen Arbeit, weiter auf Fragen der Methodik, Didaktik oder Theorie zu konzentrieren und sich einer (sozial)politischen Stellungnahme zu enthalten. Mag dies kurzfristig vielleicht auch existenzerhaltend sein, langfristig werden so aber alle Beteiligten verlieren. Die selbstauferlegte politische Enthaltsamkeit verliert ihre Legitimation, wenn die verfassungsrechtlichen Grundlagen des Sozialstaates bedroht sind; wenn sich die Bedeutung der Sozialpolitik im Zuge gesellschaftlichen Wandels verändert, sie z.B. als Milliarden-Grab diskriminiert wird , muss auch die Soziale Arbeit ihr passives Selbstverständnis überprüfen: Butterwegge (1999:200) verweist darauf, dass

"es neben sachkundiger Beratung und sozialpädagogischer Betreuung einer Rückbesinnung der Sozialen Arbeit auf Konzepte der späten 60er Jahre bedarf, die vorübergehend zu Unrecht in Vergessenheit geraten waren. Nach einer längeren ‚Therapeutisierung’, ‚Psychologisierung’ und ‚Pädagogisierung’ der Sozialen Arbeit wären eine neuerliche Politisierung und eine dementsprechende Qualifizierung jener Personen nötig, die sie unter erschwerten Bedingungen zu leisten haben. Eine klientenzentriert-kurative Sozialarbeit ohne gesellschaftspolitische Perspektive ist dem vom Weltmarkt ausgehenden Konkurrenzdruck hilflos ausgeliefert."

Der Sozialstaat hat sich im Laufe der Geschichte erst langsam konstituiert und orientierte sich zunächst ausschließlich am Interesse von Herrschaft; erst nach dem 2. WK auch an der Würde des Einzelnen. Es kann nicht verwundern, wenn die Bedeutung sozialer Sicherung auch im Zuge der letzten 50 Jahre nicht unverändert blieb. Das ‚Wirtschaftswunders’ ermöglichte zunächst gleichzeitig allen gesellschaftlichen Schichten einen Zugewinn an Wohlstand und sozialer Sicherung. Der zu verteilende ‚Kuchen’ war so groß, dass der eigentliche Solidarfall des Sozialstaates gar nicht erst eintrat; also keiner zu Gunsten anderer auf Mehrung seines Wohlstandes verzichten musste. Ungleiche Steigerungsraten waren genau so wenig Thema wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Prosperität; beide Phänomene wurden als gleichzeitig wahrgenommen; auch wurde nicht geklärt, ob die soziale Sicherung die ökonomische Expansion begründet oder umgekehrt. Erst durch die erste sog. Ölkrise 1973 wurde die gleichzeitige Expansion von allgemeinem Wohlstand und wirtschaftlicher Kraft gebremst und mit der zweiten 1983 entgültig gestoppt. Erstmals konnten nicht mehr alle gesellschaftlichen Gruppen gleichzeitig hinzugewinnen; der Solidar- bzw. Ernstfall war eingetreten.



Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sozialem und Wirtschaft wurde zügig beantwortet, ehe sie gestellt war: Trotz schlüssiger gegenteiliger Meinungen wurde die Ökonomie zur Grundlage des Sozialstaates erklärt und soziale Sicherung zum ‚Ballast’ definiert, den man wieder über Bord schmeißen müsse. Verteilung, Polarisierung bzw. Konzentration des volkswirtschaftlichen Reichtums wurde nur sehr selten problematisiert, unser Klientel stattdessen als ‚faule Schmarotzer’ im ‚Freizeitpark’ oder in der ‚sozialen Hängematte’ liegend, stigmatisiert und für gesellschaftliche Probleme zunehmend individuell verantwortlich gemacht. Seit dem Regierungsantritt Kohls, der Bonner Wende 1983, ist unser Klientel in all seinen Lebens- und die Sozialen Arbeit in all ihren Arbeitsbereichen, von Einschränkungen betroffen. Gerieten zunächst benachteiligte Menschen ins Fadenkreuz, folgen fast zwangsläufig die Soziale Arbeit und ihre Beschäftigten; ihr Image sinkt und ihre Legitimation wird in Frage gestellt. Die deutsche Wiedervereinigung hat diesen Prozess aus zwei Gründen noch verschärft:

  1. Die hohen finanziellen Kosten haben zunächst den Druck auf die Öffentlichen Haushalte erhöht und dann weitere Kürzungen im Sozialbereich begründet. Die als ‚Jammerossis’ stigmatisierten Bewohner der neuen Bundesländer wurden als Sündenböcke präsentiert, an denen sich die von Sozial- und Lohnkürzungen Betroffenen emotional abarbeiten konnte. Dies lenkte von der parallel weiter explosiv steigenden Reichtumsentwicklung auf der ‚Gewinnerseite’ der Gesellschaft ab.
  2. Mit dem Wegfall der politischen Systemkonkurrenz mit der DDR endete auch ein -im Weltmaßstab auf hohem Niveau funktionierendes- alternatives Sozialstaatsmodell. Im Bestreben, sich von der DDR positiv abgrenzen zu wollen, bestimmte diese Konkurrenz zuvor mittelbar auch das Niveau sozialer Sicherung in Westdeutschland.


Entstehen soziale Probleme immer in einem Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Individuum, werden heute die gesellschaftlichen Verursachungszusammenhänge sozialer Probleme zunehmend negiert. Dies führt dazu, dass den Adressaten Sozialer Arbeit Verantwortung und Schuld in einem Maße zugeschoben werden, wie sie objektiv gar nicht tragen können. In diesem Prozess der Individualisierung werden sowohl Hilfeanspruche benachteiligter Menschen, als auch Institutionen der Sozialen Arbeit delegitimiert und helfende Interventionen durch repressiv-kontrollierende ersetzt. Die Fachliteratur der Sozialen Arbeit, sowie die Fachhochschulen des Sozialwesens zeigen sich angesichts der sich verändernden Rahmenbedingungen entweder erschreckend anpassungsfähig oder unbeeindruckt. Dieser Umstand ist insofern besorgniserregend, als dass die Berufseinsteiger unangemessen auf ihre Arbeit vorbereitet ins ‚offene Messer der Praxis’ laufen gelassen werden:

  • In den konstruierten Fallbeispielen des Studiums nehmen sich ganze Seminargruppen zur Lösung ein Vielfaches an Zeit als ihnen in der Praxis zur Verfügung steht; alle Probleme scheinen lösbar und Erfolgserlebnisse durch die Rückmeldung dankbarer Klienten allgegenwärtig... Erwartungen, die wir so lernen an unseres Arbeit zu stellen, relativieren sich aber vor dem Hintergrund inadäquater Arbeitsbedingungen (Personalschlüssel, Sachmittel...) oder Lebensbedingungen der Klienten (Massenarbeitslosigkeit, Entwertung von Bildungs- und Berufsabschlüssen...). Auf Erfolge muss man oft lange warten und sie treten regelhaft erst dann auf, wenn der Klient uns verlässt, so dass wir uns kaum an ihnen erfreuen können. Große Teile der Klienten scheinen störrisch, undankbar und so unsympathisch, dass wir unserer Freizeit keinesfalls mit ihnen verbringen wollen würden... Durch die unrealistische Vermittlung von Machbarkeit, steigt die Wahrscheinlichkeit von traumatisierenden Praxisschocks und frühzeitigem Burnout.
  • Wer voller Idealismus, mit Interesse an der pädagogischen Arbeit, didaktisch und methodisch bestens vorbereitet den Berufseinstieg sucht, wird verzweifeln an einem Träger, der seinen Erfolg in der Optimierung des Managements sucht, Gesprächszeiten reduziert, unverbindliche offene Kontaktbereiche zugunsten telefonischer Kontaktanbahnung schließt, den Erstkontakt formalisiert und zeitlich durch feste Minutenvorgaben eingrenzt, den kostenlosen Kaffee streicht, die vermeintlich kostenträchtigen ‚schwierigen’ Klienten nicht mehr aufnimmt... Optimieren Träger und Mitarbeiter ihre Arbeit unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten, sinkt die Qualität der Sozialen Arbeit weit hinter die fachlichen Standards zurück, die im Studium vermittelt werden.
  • Kündigt die Soziale Arbeit gegenüber dem Klientel ihre Loyalität auf, macht es allein für seine Probleme verantwortlich, ohne sein mittelbares und unmittelbares Umfeld oder seine biographische Geschichte mit einzubeziehen und sucht dann bereitwillig die Lösung bsp. in der Medikamentierung durch Psychopharmaka oder der Zerstörung von Persönlichkeit auf dem ‚heißen Stuhl’, in geschlossenen Heimen oder im Jugendstrafrecht..., dann verstoßen sie gegen berufsethische Mindeststandards der Sozialen Arbeit.

Solche professionellen Fehlentwicklungen sind teils direkte Ergebnisse der Lehre, teils strukturellen Bedingungen der Ausbildung geschuldet, v.a. jedoch der Tatsache einer fachfremden Ausbildung zuzurechnen. Sozialarbeiter werden nicht von Sozialarbeitern ausgebildet, die selbst mal mit hohem Idealismus ins Berufsleben eingestiegen sind, Ängste vor den neuen Kollegen und dem ersten Klienten überwinden mussten, von Klienten fast immer ohne Dank verlassen wurden -egal wie erfolgreich man auch gewesen seien mag- oder sich mit dem Lebenspartner zerstritten haben, weil man abends noch einen Kuchen fürs Kinderheim backen musste... Hier lehren Vertreter der Sozialwissenschaft, der Politikwissenschaft, der Erziehungswissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Medizin, der Psychologie..., die sich in ihrer Fachwissenschaft profilieren wollen, ggf. dort eine berufsethische Haltung entwickelt haben und Forschungssemester in ihren Heimatwissenschaften aber keine Praxissemester in der Sozialen Arbeit absolvieren...



Dies in mehrfacher Hinsicht bedauerlich:
Selbst wenn die genannten wissenschaftlichen Disziplinen auf hohem Niveau gelehrt werden, ist die Gefahr für Übertragungsfehler in die Alltagspraxis der Sozialarbeiter hoch. Wenn ein Jurist bsp. verfassungs-, sozial- und jugendhilferechtliche Grundlagen vermittelt, müssen die Studenten auch darauf vorbereitet werden, dass diese rechtlichen Vorgaben in der Praxis keine Selbstverständlichkeit sind; zunehmend regelhaft werden sozialrechtliche Ansprüche der Finanznot der öffentlichen Haushalte untergeordnet. Solche Erfahrungen sind -ohne Vorbereitung- dann gerade für Berufseinsteiger sehr frustrierend. Auch bei Praktiken in der Lehre können Probleme entstehen, wenn sie ihre Ausbildung und Praxis in den ‚alten guten Zeiten’ gemacht hat, in denen das Image Sozialer Arbeit und ihrer Klienten noch besser war und sich Hilfen wirklich noch getreu des Prinzips der Bedarfsdeckung an den individuellen Bedarfen der Klienten orientierten und nicht an öffentlichen Haushalten, Sparquoten oder Haushaltssperren. Erst alltägliches Erleiden der -teils rechtswidrigen- Restriktionen in der heutigen Praxis Sozialer Arbeit, würde den Lehrenden eine überfällige politischere Interpretation ihrer Tätigkeit nahe bringen. Da Studenten der Sozialen Arbeit im Gegensatz zu anderen Disziplinen also fachfremd ausgebildet werden; kann sich an ihrem Fachbereich viel schwerer ein gemeinsames Bewusstsein und Engagement von Lernenden, Lehrenden und Praktizierenden entwickeln, wenn politische Entscheidungen die Existenz ihrer Profession bedrohen. Die begrenzte professionelle Überschneidung zwischen Lehrkörper und Praktikern schlägt sich auch in der Fähigkeit nieder, Studierende auf typische heikle Situationen der Profession vorzubereiten. Diese Probleme in der Ausbildung sind struktureller Art und den einzelnen Dozenten nicht anzulasten. Es scheint aber sinnvoll, wenn sich die etwa 80% fachfremden Dozenten um Praxissemester an Stelle der Forschungssemester bemühen würden; die anderen 20% sind gut beraten, ihre praktischen Erfahrungen vor dem Hintergrund der aktuellen Sozialstaatsdebatte theoretisch und praktisch neu zu reflektieren. Als gleichzeitiger Praktiker der Sozialen Arbeit und Theoretiker der Sozialwissenschaft bin ich mir sicher, dass die eine Seite ohne die andere nicht auskommt. Da zudem beide Seiten Lücken aufweisen, sollte keine gegen die andere ausgespielt werden oder für sich eine führende oder unfehlbare Rolle in Anspruch nehmen. Da der Sozialstaat in Auflösung begriffen ist, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen und die Hilfswissenschaften der Sozialen Arbeit ihren Beitrag für ‚die Sache’ leisten; dem Sozialstaat und der Sozialen Arbeit die Geltung zu verschaffen, der ihr in einer ‚zivilisierten Demokratie’ zusteht. Ein Engagement gegen Sozialabbau kann sich heute nicht mehr auf seine traditionelle moralische Argumentation verlassen, sondern muss sie um eine historische, ökonomische, rechtliche, politische... ergänzen. Da ich diese -für mich fachfremden- Disziplinen nur stellvertretend bemühen kann, auf sie aber nicht verzichten möchte, dürfen sich Vertreter diese Disziplinen nicht wundern, wenn ihr theoretisches Anspruchsniveau nicht erreicht wird.
Das vorliegende Buch ist aus der Perspektive des Sozialpädagogen geschrieben und bezieht sich folgerichtig weniger auf den theoretischen Diskurs, sondern richtet sich v.a. an Lernende und Berufsanfänger der sozialen Berufe; studierende und praktizierende Sozial-, Erziehungs- und Politikwissenschaftler sollen sich -ausgehend von ihren und den hier vorgestellten theoretischen Grundlagen- einen Einblick in die Praxis von Sozialstaat und Sozialer Arbeit verschaffen können. Ich will mich an den Anregungen messen lassen, welche für die praktische Arbeit gewonnen werden können. Trotzdem ist der Theorieanteil für ein Einführungsbuch in die Soziale Arbeit überraschend hoch; ich verstehe diesen Teil als ‚Theorie für die Praxis’. Schon in Umfang und Komplexität reduziert, stellt er -nach meiner Einschätzung- das Minimum dessen dar, was mir angesichts von Sozialabbau zeitgemäß erscheint, um sich in Sozialarbeit und Sozialpolitik zu engagieren.
Es sollen jene Aspekte in den Mittelpunkt gerückt werden, die in Lehre und anderen Fachbüchern der Sozialen Arbeit oft auf der Strecke bleiben:

  1. Einerseits die Bewusstmachung der gesellschaftspolitischen Kontexte und Entwicklungen, in die Soziale Arbeit eingebunden ist.
  2. Andererseits die Sensibilisierung für Unwägbarkeiten in Aufbau und Pflege des direkten Klientenkontaktes.


Zur Darstellung der gesellschaftspolitischen Kontexte und Entwicklungen kann es nicht ausbleiben, in kürzeren oder längeren theoretischen Ausführungen, historische, gesellschaftswissenschaftliche, rechtliche, philosophische und berufsethische Grundlagen zu rekonstruieren. Erst mit solchen vergleichbaren Fixpunkten lässt sich der heutige Wandel wahrnehmen und messen. Da es aber weniger um akademische Diskurse als vielmehr um Handwerkszeug für Praktiker gehen soll, werden diese Ausführungen auf ein Minimum beschränkt; sie sollen anregen, statt abschrecken. Dort wo die einschlägige Grundlagenliteratur oder Lexika schon hilfreiche Ausführungen vorhalten, sei auf diese verwiesen...
Zur Verdeutlichung von Unwägbarkeiten in Aufbau und Pflege des direkten Klientenkontaktes will ich auf meine Berufserfahrungen als Sozialpädagoge zurückgreifen und darstellen, wie ich sie vor dem Hintergrund meines Studiums des Sozialwesens und der Soziologie verarbeitet habe. Wenngleich die Praxisbeispiele eine selektive Auswahl darstellen und nicht den tagtäglichen Alltag dokumentieren, scheinen sie mir doch geeignet, um einen praxisnahen Einblick in das Berufsfeld der Sozialen Arbeit zu gewährleisten.



Wenn sich die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit in gleichem Maße schnell und umfassend verschlechtern, wie die Lebensbedingungen ihres Klientels, dann sollte dem in der Ausbildung Rechnung getragen werden. Anders formuliert: Ist die Praxis oft deprimierend, müssen es auch die Lehre und das vorliegende Einführungsbuch sein, wollen sie keinen falschen Eindruck vermitteln. Es ist m.E. sinnvoll, die unbefriedigenden Aspekte möglichst früh zu thematisieren um sie gemeinsam, im solidarischem Kontext der Ausbildung zu bearbeiten. Lehrende wie Lernende sollten sich gleichermaßen darum bemühen, die Erfahrungen von Kurzzeit- und Jahrespraktikanten in die Seminare hereinzutragen, um Diskrepanzen zwischen Theorie und ‚Soziale Arbeit heute’ zu minimieren. Hier könnten und sollten Dozenten ‚ihren’ Studenten ruhig signalisieren, dass sie auch von deren Erfahrungen lernen können und wollen. Wenn Studenten aus falsch verstandener Scham ihre Unsicherheiten, Ängste, (vermeintliche) Rückschläge... für sich behalten, vereiteln sie wichtige Lernerfolge bei sich, den Kommilitonen und ihren Dozenten. Diese Lernerfolge lassen sich später nur sehr schwer nachzuholen, wenn man sich in der Arbeit allein und/oder überfordert fühlt, man um seinen Arbeitsplatz bangt und die Atmosphäre weniger solidarisch geprägt ist, als sie an der Hochschule hergestellt werden sollte... Es ist wichtig, Studierende des Sozialwesens auf die Realität vorzubereiten auch wenn sie zunächst wenig ermunternd wirkt, als sie mit überfrachteten Utopien ins kalte Wasser zu schmeißen und sie unnötig stark, dem ‚Praxisschock’ auszusetzen. Den Dozenten, die kokett, weise und mit gönnerhaften Lächeln vom Pult aus den Praxisschock als quasi Naturereignis darstellen, sein Erleben einer Feuertaufe oder einem Eintrittsritual in die Erwachsenenwelt gleichsetzen... habe ich im nachhinein wenig abgewinnen können...
Um in Ausbildung und Praxis der sozialen Arbeit erfolgreich zu sein, müssen zahlreiche Aspekte miteinander in Einklang gebracht werden. Rückschläge aber generell auszuschließen und Erfolge generell zu garantieren ist nicht möglich; allein Wahrscheinlichkeiten lassen sich auf der einen Seite reduzieren und auf der anderen erhöhen:

  • Warum studiere ich Sozialwesen, wo die Bezahlung relativ gering und meine Fachhochschulreife relativ gut ist?
  • Warum will ich als Sozialpädagoge arbeiten, wo das Image so gering ist wie Witze über den Beruf verbreitet?
  • Mit welchem Menschenbild soll ich Menschen gegenübertreten, die an der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft gescheitert sind, in der ich mich selber befinde und unter der auch ich oft leide?
  • Wie gehe ich mit Menschen um, die aus einer Lebenswelt kommen, die mir fremd ist?
  • Darf man sich bezahlen lassen für die Hilfe andere Menschen, wo Hilfsbereitschaft doch als Selbstverständlichkeit gilt und viele meinen, dass jeder diese Arbeit auch ohne Ausbildung machen könnte?
  • Wie gehe ich mit meinem professionellen Wissen um soziale, pädagogische und psychologische Zusammenhänge um, wenn ich in Freundeskreis und Familie glaube, Probleme zu entdecken, die andere nicht sehen, sie vielleicht aber auch nicht interessieren?
  • Wie soll ich meine Erwartungen und die meiner Klienten in Einklang bringen mit den hohen Fallzahlen, geringen Ressourcen und schlechten Personalschlüsseln?


Ich möchte helfen, die unübersehbaren Facetten Sozialer Arbeit zu identifizieren, sie zu ordnen und miteinander in Einklang zu bringen. Wer auch zum Ende der Lektüre noch meint, einen Beruf zu ergreifen, wo es allein darum ginge, ‚ob man Kinder so süß findet und gerne mit ihnen spielt’, muss etwas missverstanden haben. Wer ‚Menschen helfen will’ kann erkennen, dass dies auf verschiedenen Wegen möglich ist und dass man seine legitime Motivation aber anders formulieren muss, damit Ignoranten keine Witze machen...
Die Art und Weise, wie ich die verschiedenen Aspekte in meinem Berufsverständnis integriert habe, ist eine sehr politische Interpretation Sozialer Arbeit. Es soll nicht vorenthalten werden, dass es auch andere Interpretationen gibt, die nicht minder für sich in Anspruch nehmen dürfen, Recht zu haben. Entgegen dem allgemeinen Zeitgeist habe ich meinen Studierenden für ihre Praktika mit auf den Weg gegeben:

  • An den sozialen Problemen unserer Klienten sind immer die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schuld und nie sie selbst.
  • Wenn es in der Arbeit mal nicht klappt, haben nie die Klienten, sie selbst oder die Kollegen schuld, selten der Träger und fast ausschließlich die Gesellschaft, die nicht die nötigen Rahmenbedingungen für eine angemessene Hilfe und Lebensbewältigung zur Verfügung stellt.

Diese plakative und überpointierte Interpretation erhebt logischerweise nicht den Anspruch 100%iger Gültigkeit, will aber die dominierende Sichtweise relativieren, die Klienten hätten ihre benachteiligte Lebenslage gänzlich selbst zu verantworten, müssten sich deshalb allein aus ihr befreien und die Sozialpädagogen hätten allein die Aufgabe, dies mit einem finanziellen Minimalaufwand sicherzustellen... Praktikanten, die trotz widrigster Umstände den Fehler für ‚ihre Erfolglosigkeit’ bei sich gesucht haben oder in ihrer Verzweiflung schon in den ersten Wochen, die gesamte Schuld dem Klienten aufgeladen haben, waren für mich ein Hinweis darauf, wie weit die o.g. Sichtweise von den Studierenden schon verinnerlicht wurde und wie wichtig es ist -zum Selbstschutz- ein anderes Extrem gegenüberzustellen, um zwischen ihnen eine eigene Realität zu entwickeln... Solche Polemik kann helfen, vermeintlichen Realitäten zu misstrauen und sie vor dem Hintergrund zu überprüfen, dass es zumindest auch andere Interpretationen gibt, die zumindest nicht weniger seriös sind als die allgemein übliche Sicht. Wie man sich nun selbst positionieren möchte, soll jedem unbenommen sein; allein die gesellschaftlichen Aspekte hinsichtlich Verursachung und Lösung sozialer Probleme gänzlich auszuklammern, ist illegitim. Da dies jedoch gesellschaftliche Praxis ist, um den Abbau des Sozialstaates zu legitimieren, wird schnell deutlich, dass didaktische und methodische Kompetenz heute allein nicht mehr ausreicht, Ziele und Wertvorstellungen der Sozialen Arbeit zu realisieren. Ohne politisches Selbstverständnis und Engagement kommen die Akteure Soziale Arbeit heute nicht mehr aus...
Dies Buch ist konzipiert als ‚Mitmach- und Mitdenkbuch’; das bedeutet,

  • dass teils längere Textpassagen aus anderen Veröffentlichungen dokumentiert sind, die auch als Arbeitsmaterial verwendet werden können.
  • dass einige längere Exkurse in andere Bereiche (Geschichte, Soziologie, Ökonomie, Philosophie, Literatur...) Anregungen liefern sollen, eigene Horizonte über den direkten Geltungsbereich der Sozialen Arbeit hinaus, auszuweiten.
  • dass teils mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben werden, weil Antworten, die selber gefunden werden, eine viel höhere Qualität haben.
  • dass die einzelnen Abschnitte ergebnisoffen gestaltet sind und teils erst ergänzt um eigene Erfahrungen einen abgeschlossenen Sinn ergeben; die verschiedenen Abschnitte erhalten keine festgelegte Anzahl auswendig zu lernender Spiegelstriche, die suggerieren, der Inhalt sei abschließend erfasst. Den Anspruch einzelne Themenbereiche abschließend behandeln zu können, stelle ich nicht an mich und sollte sich der Leser auch nicht an sich stellen.


In der Praxis hilft auswendiggelerntes Wissen nur wenig weiter, selbst wenn es zuvor gerade noch eine gute Examensnote gesichert hat. Man muss die theoretischen Lehrinhalte im eigenen beruflichen Bewusstsein integriert haben, um intuitiv und angemessen auf spontane Situationen des Berufsalltags reagieren zu können: Einige kontrollieren sich bsp. nach einem Seminar über Rogers Gesprächsführung jahrelang streng, um auf gar keinem Fall ‚Du-Botschaften’ auszusenden, weil die Klausur diesen Spiegelstrich verlangt hat. Jedoch die eigentliche Anregung, das Menschenbild bzw. die Haltung gegenüber dem Klientel kritisch zu reflektieren, ihn als Experten seiner eigenen Lebenswelt ernst zu nehmen, seine Interpretation zunächst anzuerkennen, ehe man ihm eine eigene überstülpt und ihn faktisch entmündigt..., verpufft in der oberflächlichen Reproduktion von Spiegelstrichen. Hätte man stattdessen die eigentliche Botschaft verstanden, würden sich einerseits die ‚bösen Du-Botschaften’ von selber reduzieren oder sie würden vereinzelnd nicht stören, weil man seinem Klienten längst verdeutlicht hat, dass man ihm nicht als Besserwisser diktieren will, wo es lang geht...
Ich will versuchen, sozialarbeiterische Realität -so weit wie in einem Buch möglich- greifbar zu machen. Dabei besteht die Gefahr, dass die Leser einzelne Akteure wiederzuerkennen glauben. Orte, Namen, Daten und graduell auch die Sachverhalte sind jedoch derart verändert, dass man auf Spekulationen verzichten kann und soll! Am Ende des Buches werden Überlegungen zur Zukunft des Sozialen an- und Ansatzpunkte vorgestellt, wie wir uns im eigenen und Klienteninteresse in die Planungen zum Um-/Abbau des Sozialstaates beteiligen könnten.




Nächstes Kapitel: Allgemeine Grundlagen