Anamnese

Aus Soziale Arbeit heute

Bevor es mit dem konkreten Hilfeprozess richtig losgeht, gilt es einige Aspekte zu bedenken, die kurz vorgestellt werden sollen

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Erstkontakt - wenn der Klient neu ist:

Während die Sozialarbeiter in der vertrauten Umgebung ihres Arbeitsplatzes mit einem Klienten konfrontiert werden, hat dieser unmittelbar vorher einiges durchlitten: Auf dem Weg zu uns hat er sich die schmerzhafte Erkenntnis noch mal vor Augen geführt, mit dem eigenen Leben allein irgendwie nicht mehr klar zu kommen. Er weiß, dass ihn dieser Schritt für einige -auch aus seinem Bekanntenkreis- zum ‚Looser' macht; andere denken vielleicht gleich an ‚Sozialschmarotzer'. Obwohl Millionen anderer Menschen arbeitslos sind, oder an den gesellschaftlichen Normalitäten scheitern erlebt er sein Problem als persönliche Niederlage. Er nähert sich nun dem Sozialamt Magdeburg-Nord; ein für ihn fremdes Gebäude, das EG ist vergittert, der Putz fällt von den Wänden, die Flure dunkel und lang: Wenn sich Verlierer irgendwo treffen - dann hier, wird er denken. Vielleicht muss er eine Nummer ziehen und auf dem Flur auf unbequemen Stühlen warten, ohne zu wissen, warum andere vor ihm drankommen. Ist man dran, sitzt vielleicht der Sozialarbeiter im weichen Sessel mit Lehnen vor dem Computer an der Längsseite seines Schreibtisches. Das Ungleichverhältnis bezogen auf das Alltagshandeln in der gewohnten Umgebung des Sozialpädagogen auf der einen Seite und der Verunsicherung des Klienten kann sich noch vergrößern: Während der Klient im rechten Winkel an der schmalen Stirnseite des Tisches auf seinem harten Plastikstuhl sitzt, schaut der Sozialarbeiter auf den Computer: ‚Name?' ‚Alter?' ‚Adresse?' ‚Ausweis?', wird er gefragt. Nur aus dem Augenwinkel sieht er den Ausweis und zieht ihn zu sich. Ohne Erklärung: ‚Wohnen sie alleine?' ‚Krank?' ‚Behindert?' ‚Hepatitis?' ‚Aids?' Direkt vor dem Klienten steht ein Aschenbecher. Mit der linken Hand ascht der Sachbearbeiter dort hinein. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie sich der Klient eine Zigarette dreht. Erst in dem Moment, wo er zum Feuerzeug greift, nimmt der Sozialarbeiter den Aschenbecher weg: Ohne vom Computer aufzuschauen: ‚Der ist nur für mich'...

Erinnert man sich an die ersten Tage an der FH, hat man vielleicht eine Vorstellung davon, wie lange es dauert, bis man sich von einer neuen Umgebung nicht mehr einschüchtern lässt. Diese Erfahrung sollte man nicht erst beim Erstkontakt berücksichtigen, sondern möglichst schon bei der Einrichtung von Büro und Gebäude. Je nach Arbeitsfeld gibt es ggf. die Möglichkeit, sich außerhalb in einem Café zu treffen um dann gemeinsam die ‚Arbeitsplatz' des Sozialpädagogen aufzusuchen und zeigen zu lassen; es lässt sich manchmal auch die Wartesituation freundlicher gestalten (Farben, Pflanzen, Zeitungen, Kaffeeselbstbedienung...) oder zumindest die Raumsituation im Büro anpassen (gleiche Stühle, am separaten Tisch mit gleich viel Platz...). Man muss seine Klienten nicht direkt vor der Tür platzieren, wo ständig jemand reinguckt. Muss man zwischendurch ans Telefon oder bei der Anamnese am Computer sitzen, dann kann man dies seinem Klienten freundlich erklären. Wenn man Kekse oder Getränke anbietet, kann sich die Atmosphäre verbessern; so hilft vielleicht auch eine Kerze oder ein kleines Blumengesteck, was den Klienten er möglicht, sich optisch festzuhalten, um auch mal dem selbstsicheren Blick des Sozialarbeiters ausweichen zu können. Man könnte sich ggf. auch eingangs darüber erkundigen, ob man das Büro gut gefunden hat und ehrlich zugeben, dass das Haus von draußen ja wenig einladend aussieht und man sich um so mehr freut, dass der Klient trotzdem gekommen ist. Natürlich entschuldigt man sich, dass die Raumenge leider nicht mehr Gemütlichkeit zulässt... Ist man nicht fähig oder willens, die Verunsicherung in der neuen Umgebung zu erkennen und ihr angemessen zu begegnen, wird sich nur schwer eine tragfähige Beziehung zum Klienten entwickeln. Eine solche Beziehung kann aber auch bewusst verhindert werden: Erfolge, durch hohe Zugangsschwellen und Ausstattung von Räumlichkeiten Klienten davon abzuhalten, soziale Rechtsansprüche einzulösen, lassen sich in vielen Sozialämtern begutachten...






[Bearbeiten] Adressaten:

Ist es überhaupt mein Klient? Soll er es werden? Am BSP des Kindes wurde schon illustriert, das nicht unbedingt der eigentliche Adressat das Erstgespräch sucht. Es ist kein Ausnahmefall dass der Symptomträger bewusst oder unbewusst vorgeschickt wird:

  • Sitzt mir die 50jährige Frau heulend gegenüber, weil sie seit zwei Jahren über Schwindel und Atemprobleme klagt und nicht weiß, was mit ihr los ist. Sie hat schon alles versucht, es wird nicht besser; weder Beruhigungsmittel noch Aktivpillen. Früher hat sie autogenes Training gemacht, heute fängt sie dabei immer an zu hyperventilieren. Sie weiß nicht mehr, ‚wie ich das jetzt noch alles schaffen soll.' Was heißt ‚alles' und was bedeutet ‚jetzt'? Jetzt hatte der Mann einen Unfall. Er kann nicht mehr laufen, arbeiten und Auto fahren. Alles bedeutet, alle Behördengänge, Einkäufe, Reparaturen, Gartenarbeit, Haushalt... allein machen zu müssen. Langsam kann gemeinsam erarbeitet werden, dass das Problem komplexer ist als ‚nur' die Mehrarbeit. Der Haushalt als -in dieser Partnerschaft- letzte und einzige Bastion autonomen Handelns der Frau, wurde durch die Allgegenwart des Mannes nun auch noch unter seine Kontrolle gestellt. Die erzwungene Selbstständigkeit -für alles allein sorgen zu müssen- vergrößert nicht nur die Verantwortung auf ihren Schultern, sondern geht sogar noch einher mit einer stärkeren Kontrolle durch den Mann. Es wird offensichtlich -mir und v.a. auch der Frau- was aus der selbstständigen jungen Frau von vor 30 Jahren geworden ist. Der schizophrenen Situation, gleichzeitig Autonomie und Abhängigkeit zu gewinnen, sowie das schlechte Gewissen nicht ablegen zu können, weil der Mann nun doch so hilflos ist, kann sie nicht entfliehen. Sie will den Druck dadurch kompensieren, dass sie sich tolle Sachen ausmalt, die sie für sich machen will, wenn der Mann wieder gesund ist; eigentlich weiß sie, dass dies nie mehr der Fall sein wird. Innerlich voller Wut will sie auch nicht weiter Buch führen über jeden Cent des sparsam bemessenen Haushaltsgeldes, weil ‚er doch so gerne rechnet'... Bei einem Hausbesuch schickt er seine Frau aus dem Zimmer, nimmt mich wie ein alter Kumpel zu Seite und diagnostiziert kollegial, dass ‚sie einfach mehr von den grünen Pillen nehmen müsste', die hätten ihr so gut getan...
  • Auf der Informationsveranstaltung der Drogenhilfe und des Landeskriminalamtes meldet sich ein alter Mann zu Wort: ‚Meine Tochter und die Enkelin wissen nicht, dass ich hier bin, aber sie haben ein großes Problem und ich glaube, da läuft Zuhause was schief. Vielleicht kann mir ja hier jemand helfen. Meine Tochter hat im Tagebuch der Enkelin gelesen, dass diese -17jährig- Cannabis raucht. Darauf hat sie in Abwesenheit des Kindes das ganze Zimmer durchwühlt, etwas gefunden, was wie Kräuter ausgesehen hätte und ist damit zur Polizei gegangen. Diese hat unverzüglich noch mal das Zimmer durchwühlt und letztendlich auf Initiative meiner Tochter hin, ein Strafverfahren eingeleitet... Was soll man da machen?' LKA: ‚Das war eine gute Entscheidung der Mutter, weil dem Mädchen so klar wurde, welche Konsequenzen das hat und sie es nach diesem Schock sicherlich nicht noch mal tun würde.' ‚Aber die ganze Familie redet nun nicht mehr miteinander und die Enkelin kommt immer häufiger nicht mehr nach Hause.' Drogenberatung: ‚Wenn man die Tochter dadurch vor Verelendung bewahrt hat, ist das doch ein Erfolg. Sie wissen doch aus den Medien, wie das enden kann... Ich würde ihnen raten, die Tochter mit der Enkelin zur Drogenberatung vorbeizuschicken...' Der Großvater stellt intuitiv ganz richtig fest, dass der familiäre Flurschaden in keinem Verhältnis steht zum Anlass. Die realitätsfremden und medizinisch nicht indizierten Bestimmungen des BTMG haben eine weitere Familie in die Krise gestürzt. Ist daran derzeit leider wenig zu ändern, ist dass Problem auf jeden Fall kein Problem des Kindes und auch kein Drogenproblem. Es ist vielleicht ein Problem der Mutter: Wer in Tagebüchern seiner Kinder liest und dies durch Übersprungshandlungen der Tochter sogar direkt offenbart und sie der Polizei ausliefert, braucht Hilfe. Es ist auch ein Problem der Polizei und der Medien, die sich auf Kosten harmloser Kiffer profilieren wollen; letztendlich ist es ein Problem des BTMG und damit des Gesetzgebers.

In diesen Fällen trifft die Schuldzuschreibung die Falschen. Wenn sie aber schon einmal vor einem stehen, schickt man sie deshalb nicht weg, denn sie sind die Opfer, wenn auch nicht die eigentlichen Adressaten der Intervention. Wenn der Versuch misslingt, Mutter oder Ehemann hinzuziehen, um gemeinsam Lösungen zu suchen, müssen die Leidtragenden ggf. unterstützt werden, sich zu von Mutter oder Mann zu trennen...

Wenn wir einem Klienten nicht weiterhelfen können oder wollen, verpflichtet uns das Prinzip der Allzuständigkeit, die Weitergabe an andere Professionen oder andere Arbeitsfelder sicherzustellen. Auch bei Klienten, die wir ‚total doof' finden, muss die Versorgung sichergestellt werden. Man sagt nicht, dass Klienten ‚doof' sind, wird man meinen; aber was hilft diese Feststellung, wenn wir sie eben doof finden? Schon nach kürzester Zeit wissen wir, wer uns unsympathisch ist; auch bei unseren Klienten so. Dies ist völlig normal. Vielleicht ist es bei 1/3 so. Wir müssen nicht jede und jeden lieben; die Zusammenarbeit deswegen abzulehnen sollte dennoch der absolute Ausnahmefall bleiben. Im Ausnahmefall können wir versuchen, ob wir Kollegen innerhalb unserer oder in einer anderen Institution finden, die ‚aushelfen'. Dies ist legitim und eher ein Ausdruck von eigener Stärke als ein Zeichen von professioneller Unfähigkeit; unsere Zuständigkeit endet jedoch erst dann, wenn wir es dem Klienten ehrlich erklärt und den Kontakt zu einer anderen Hilfsmöglichkeit hergestellt haben. Gibt es keine Alternative, dann haben wir und nicht der Klient Pech. Negative Gefühle zu negieren ist so albern wie erfolglos; sie anzuerkennen und souverän mit ihnen umzugehen, bleibt die große Herausforderung.

[Bearbeiten] Freiwilligkeit:

Freiwilligkeit ist eine Grundvoraussetzung für sozialpädagogische bzw. therapeutische Prozesse. In dem Maße, wie sich Klienten bewusst oder unterbewusst gezwungen fühlen, gerät der Hilfeprozess ins Stocken. Selbst wenn die eben beschriebene Frau meint, freiwillig gekommen zu sein, kann auch der Soziale Druck des Mannes und ihres sozialen Umfeldes entscheidend gewesen sein; dass kiffende Mädchen würde den Besuch der Sozialpädagogin natürlich objektiv als Zwang empfinden. Da die Klienten die Zusammenarbeit im Falle des Zwanges latent als Bedrohung ihrer Integrität empfinden würden, sollte man während des Erstkontaktes das Ausmaß des Zwanges eruieren und weitestgehend minimieren. Obwohl bestimmte Arbeitsfelder (Schulsozialarbeit, Bewährungshilfe, Sozialarbeit im Strafvollzug...) strukturell den Grad der Freiwilligkeit einschränken, müssen wir uns bemühen, Spielräume zu finden, auszuweiten und abzusichern, die ein Maximum an Autonomie und Integrität bewahren. Der Erfolg unserer Arbeit basiert auf vertrauensvollen ehrlichen Beziehungen zu unserem Klientel, deshalb müssen wir uns auch gegenüber Bestrebungen verwehren, die Schweigepflicht einzuschränken oder enger mit kontrollierenden Institutionen (Polizei, Staatsanwaltschaft...) zusammenzuarbeiten; überall wo die Integrität des Klientels eingeschränkt ist (Zusammenarbeit mit Polizei, Weitergabe der Akte, Rücksprache bei Verwandten, Lehrern oder Ärzten...) sollte der Klient vorher in Kenntnis, besser um Zustimmung gebeten werden. Dies gilt z.B. für Träger der Drogenhilfe, die von der Staatsanwaltschaft nach §35 BTMG anerkannt sind und sich Klientel, sowie ihre Finanzierung dadurch sichern, dass sie als verlängerter Arm bzw. Gehilfen der Staatsanwaltschaft ‚Therapien statt Strafe' anbieten:<ref>Vereinbarung zwischen Hamburger Trägern der Drogenhilfe und der Staatsanwaltschaft zu § 35 BTMG.</ref> „Ist jemand wegen einer Straftat zu nicht mehr als zwei Jahren verurteilt worden..., so kann die Vollstreckungsbehörde... die Vollstreckung... für längstens zwei Jahre zurückstellen, wenn der Verurteilte sich wegen seiner Abhängigkeit in einer seiner Rehabilitation dienenden Behandlung befindet. (...) Die Vollstreckungsbehörde wiederruft die Zurückstellung der Vollstreckung, wenn die Behandlung nicht begonnen oder nicht fortgeführt wird (...) sie ist befugt..., einen Haftbefehl zu erlassen." Die Institutionen werden nur zugelassen, wenn sich die Sozialpädagogen/Therapeuten verpflichten, bei Verstößen von Therapieauflagen sofort die Staatsanwaltschaft zu informieren und so ggf. den unmittelbaren Haftantritt einzuleiten und -je nach Bundesland- sicherzustellen, dass ihre Therapie selbst strafenden Charakter hat: In dem Fall, unter Zwang sozialpädagogisch oder therapeutisch zu arbeiten, spricht man von ‚helfendem Zwang' oder von einem ‚setting', das die Erfolgswahrscheinlichkeit der Arbeit drastisch reduziert.

[Bearbeiten] Informationspflichten über sozialrechtliche Ansprüche:

Die Information über Hilfemöglichkeiten ist Voraussetzung dafür, dass Klienten überhaupt in unsere Einrichtung kommen. Die Sozialadministration sowie die Verbände und Träger Sozialer Arbeit sind verpflichtet, ihr potentielles Klientel über soziale Rechtsansprüche und Wege ihrer Realisierung zu ‚beraten' und ‚aufzuklären'. Als Negativbeispiel i.d.Z. fallen besonders die Sozialhilfeträger auf. Sie lassen unwidersprochen der Diskreditierung von Sozialhilfeansprüchen in Politik und Medien freien Lauf, beteiligen sich teils sogar selbst; sie versäumen vielfach ihre Aufklärungspflicht und verteilen Anträge und Informationsmaterial erst auf Nachfrage nach längerer Wartezeit. Aufklärung über Sozialhilfebedarfe von Niedrigverdienern, die knapp über der Sozialhilfeanspruchsgrenze liegen, findet generell nicht statt... Trotz einer Dunkelziffer von bis zu 50% im Bereich der Sozialhilfe, werden nicht Schwellen gesenkt und Information verstärkt, sondern stattdessen weiterhin Kampagnen gegen vermeintlichen Missbrauch durchgeführt. So werden weiterhin Empfänger sozialer Leistungen diskriminiert und Anspruchsberechtigte über ihre Ansprüche im unklaren gelassen. Regelmäßig stellt die ‚Bild' Familien vor, die trotz Vollzeitarbeit weniger Einkommen haben als Sozialhilfeempfänger. Dies ist rechtlich gar nicht möglich, da der Sozialhilfebedarf ein Existenzminimum darstellt, das jedem -also auch den jeweils dokumentieren Arbeitnehmerhaushalten- zusteht und mittels aufstockender Sozialhilfe vom Sozialamt gesichert wird. Aber nirgends wird erklärt, dass Arbeitnehmer mit Niedriglohn einen Anspruch haben, sich die Differenz bis zur Grenze des Sozialhilfebedarfs aufstocken zu lassen und darüber hinaus spezielle Mehrbedarfsansprüche zu haben...

Wichtig ist auch, Information in zielgruppenspezifischer Sprache und Aufmachung zu verbreiten und die richtigen Medien zu nutzen: Grellbunt leuchtende Flyer stoßen bsp. an Grenzen in der Altenarbeit; auch Anzeigen der Bundesregierung der ‚FAZ' oder ‚Die Zeit' für Sozialhilfeempfänger erreichen ihre Zielgruppe nicht... Ganz abgesehen von verschwendeten Druckkosten ist es schade, wenn -trotz guten Willens- mangels Einfühlungsvermögens und Phantasie, die Zielgruppe nicht erreicht wird:

 
Schon eine Wort kanns versegen – Polizeiinfo aus MD
 

Die folgende Kollage kann einen Eindruck vermitteln über -teils auch befremdliche- Formen treffender Informationen:

 
Bild von Flyern und Broschüren Bilder: Telefon, Comic, Aids-Hilfe
 
  • Alle Kinder und Schüler erhalten Telefonnummern über wichtige Beratungsmöglichkeiten in Handyform über den Verteiler der Schulbehörde.
  • Jugendliche können Information zur konstruktiven (drogenfreien) Konfliktbewältigung in Form von Comicheften in Jugendclubs, Kinos und auch bei Mc Donald erhalten.
  • Drogenkonsumenten erhalten Gesundheitstipps auf kleinen bunten Flyern an den Eingängen von Technoclubs oder vom Streetworker. Weil Drogenkonsumenten meist wenig Zeit haben, sind die Texte kurz oder besonders auffallend: Die deutsche Aids-Hilfe e.V. informiert (drogenabhängige) Stricherjungs in ansprechendem Design und zunächst befremdlicher Sprache u.a. wie folgt:

„Mit Sex dein Geld zu verdienen kann toll aber auch ätzend sein. Manchmal geht alles prima. Z.B., wenn es dir gut geht und du einen guten Freier angeln kannst. Wenn er dann nur das von dir verlangt, was ihr vorher vereinbart habt, kann es auch ganz in Ordnung sein. Und verdienen kannst du auch noch was. Es kann aber auch anders laufen, und manchmal läuft es eben Scheiße. (...) An solchen Tagen kannst du kaum an deine Gesundheit denken. (...) Du kannst auch sexuell übertragbare Krankheiten bekommen. (...) Die meisten werden über Schleimhautkontakte übertragen. Du hast Schleimhäute in Mund, Arsch, Schwanz und im Auge... Beim Bumsen immer Gummis benutzen, Blasen nur mit Gummi, auf Arschlecken verzichten... Dildos -Gummischwänze- und andere Spielzeuge gehören immer nur in einen Arsch, entweder in deinen oder in seinen, niemals gemeinsam benutzen..."





[Bearbeiten] Erstkontakt - wenn wir neu sind:

Nicht immer kommen die Klienten in die neue Umgebung; wenn wir einen Job annehmen, betreten wir ein Terrain, wo sich die Klienten ‚Zuhause' fühlen. Während ich wieder die passive Rolle bevorzuge, sind andere offensiver; dass kann erfolgreich sein, muss es aber nicht:

Im offenen Bereich der Drogenhilfeeinrichtung sitzen 40 Klienten. Ihr Durchschnittsalter beträgt etwa 30 Jahre, fast alle sind vorbestraft, haben mindest eine Therapie hinter sich und Hepatitis. Einige haben Aids, Erfahrung von Haft; die Frauen auch mit Prostitution. Alle sitzen mehr oder weniger schlaff an den Tischen, reden wenig, haben sie doch gerade ihre Dosis der Ersatzdroge Methadon konsumiert. Der Eindruck von Passivität drängt sich unweigerlich auf und ist für engagierte Sozialpädagogen, die ‚etwas bewegen wollen' sehr schwer mit anzusehen. Es juckt uns in den Fingern, die Apathie zu durchbrechen und den Kontakt aufzunehmen: Ohne zu fragen, ob sie sich setzen kann, nimmt die neue Praktikantin einen Stuhl und setzt sich. Wie selbstverständlich duzt sie die Klienten obwohl alle mindestens10 Jahre älter sind: „Na - Wie geht's dir?" Ohne eine Antwort abzuwarten holt sie ein Memoriespiel -‚4 bis 99 Jahre-' aus der Tasche. „Ich hab gesehen, dass du hier einfach nur so rumhängst", bewertet sie den ‚normalen' Lebensalltag des Klienten, der froh ist, ein Kaffee zu trinken, seine -wenngleich stillen- Kumpels um sich zu haben und die ersten beiden Stunden nach seinem Methadon auch Probleme mit der Konzentration hat. „Hast du nicht Lust, mit mir Memorie zu spielen, damit wir uns besser kennen lernen", schlägt sie vor. Ungläubig, innerlich etwas gutmütig väterlich belächelt, wird sie angeguckt... „Du brauchst keinen Schreck kriegen, es ist ganz einfach. Guck mal; auf jeder Karte ist ein Bild drauf, jedes Bild kommt zwei mal vor; man dreht die Karten um; dann nimmt man immer eine auf und versucht die passende Zweite zu finden..." Wenn die Klienten im Laufe des Vormittags gesprächiger werden, wird ‚Memoriespielen' sicher zum Witz des Tages...


[Bearbeiten] Die Anamnese beginnt:

Sozialarbeiter und Klient begegnen sich zu einem lebensgeschichtlich späten Zeitpunkt; durchleben einen relativ kurzen Teil gemeinsam, um sich i.d.R. danach bis zum Ende ihres Lebens wieder zu trennen. Sogar in der gemeinsamen Zeit, leben wir zum größten Teil in verschiedenen Lebenswelten; allein für den beruflichen Kontext müssen wir uns in ausreichendem Maße in die Lebenswelt des Klienten (empathisch) hineinversetzen und unsere Lebenswelt (selbstreflexiv) in den Hintergrund treten lassen. Es treffen eben nicht nur zwei Menschen aufeinander, sondern zugleich auch zwei Welten; teils wie von anderen Sternen kommend, steht man sich zunächst sprachlos gegenüber. Diese Sprachlosigkeit müssen wir überwinden; das bedeutet, wir müssen die Klienten verstehen und wir müssen uns verständlich machen.


[Bearbeiten] Unsere Lebenswelt:

Unsere Lebenswelten ist geprägt durch Normen, Wertvorstellungen und Lebensziele; diese steuern unser Denken und Handeln, selektieren unsere Wahrnehmung und entscheiden letztendlich auch darüber, wen wir sympathisch finden und in welcher Form wir dies mitteilen. Wir finden es in ‚unserer Welt' vielleicht ‚normal', wenn

  • man nicht klaut.
  • man Konflikte nicht mittels Gewalt löst.
  • man andere nicht beim Reden unterbricht, man beim Reden nicht laut wird.
  • man keine Schulden macht.
  • man sich selbst nur realistische Lebensziele stellt.
  • man auf seine Gesundheit achtet.
  • man nicht lügt.
  • man für alles selbst verantwortlich ist.
  • man sich erst duzt, wenn man sich länger kennt; der Ältere das ‚Du' anbietet, oder der Dozent dem Student oder der Sozialpädagoge dem Klienten... selbst wenn dieser jünger ist...
  • man Schlips zum Vorstellungsgespräch trägt.
  • (...)
 
Anhand einer Grafik lässt sich illustrieren, was unter einer Lebenswelt zu verstehen ist:
 

Betrachten wir die Grafik, kann man sich modellhaft vergewissern, wie ‚Normalität' entstehen. Zunächst stehen die Eltern bzw. die Familie als primäre Sozialisationsinstanz im Mittelpunkt: Sie vermitteln dem Kind ihre Sicht auf die Welt, so wie sie sie selber in ihrer Lebenswelt erlernt haben; bei problematischen Verhaltensweisen unserer Klienten greifen wir also oft zu kurz, wenn wir die Ursache allein bei den Eltern suchen haben die sich i.d.R. doch selbst in einer benachteiligenden Lebenswelt entwickelt haben. Sozialisation hat immer die Aufgabe gesellschaftliche Normen und auch Ressourcen zur Erfüllung der gesellschaftlichen Normen zu vermitteln. Da Eltern auch problematische individuelle Normen vermitteln oder in ihren Ressourcen benachteiligt sind, werden die Eltern unterstützt bzw. abgelöst von den sekundären, staatlichen Sozialisationsinstanzen (Kindergarten, Schule, Jugendclub..). Als tertiäre Sozialisationsinstanzen sind bsp. noch Massenmedien und bzgl. Jugendlichen v.a. die sog. ‚Peergroup' zu nennen.

Im oberen Teil der Grafik werden die Ressourcen skizziert, über die der Einzelne als Ergebnis von Sozialisation verfügen soll: In anderer Begrifflichkeit sind das ökonomische und soziale Kapital aufgegriffen; sie hätte an dieser Stelle noch durch das kulturelle Kapital und Gesundheit (s.o.) ergänzt werden können. Der Arbeitsmarkt hat eine mehrdimensionale Bedeutung sowohl für jene mit Arbeit, als auch jenen ohne. Arbeit wird v.a. gleichgesetzt mit Einkommen, am Konsum teilnehmen zu können und andere mit Konsum beeindrucken zu können; Arbeit ist aber auch ein Disziplinierungsmittel, weil man zu ihr gezwungen werden kann oder sich zu ihr gezwungen fühlt, weil man als ‚Faulenzer' seine gesellschaftliche Anerkennung nicht verlieren will; nicht zuletzt ist Arbeit sowohl im Betrieb, wie auch in der Arbeitslosigkeit ein Sozialisationsinstrument, weil man ‚lernt', sich den Erfordernissen der Produktion zu unterwerfen. Da der Faktor Arbeit mit seinen Anforderungen in dieser Gesellschaft zentral ist, bestimmt er Leitziele, Methodik und Didaktik von Sozialer Arbeit, entscheidet über gesellschaftliche Bewertungs- ,Stigmatisierungs- und Ausschlussmechanismen, definiert ‚Erfolg' und ‚Misserfolg' von Sozialisation und begründet persönliche Integrität. Wenn Eltern selber Ressourcendefizite haben, sich bsp. durch die Digitalisierung der Arbeitswelt überfordert fühlen, keine Strategien finden, ihre Defizite zu überwinden und i.d.R. auch aus finanziellen Gründen keine hochwertige Ausbildung ihrer Kinder sicherstellen können, ist die Weitergabe ihre Defizite wenig verwunderlich...






[Bearbeiten] Die Lebenswelt der Klienten:

Betrachten wir wieder nur die Lebensprinzipien, so sind die Unterschiede zwischen Klient und Mitarbeiter relativ groß. Die Klienten sind nicht frei von Normen, allein sie haben andere.

  • Man klaut nur aus großen Autos bei den Reichen und nicht bei armen Omis.
  • Man muss im Gespräch laut sein, um sich durchzusetzen.
  • Man benutzt beim Abziehen nur die Fäuste und keine Schusswaffen.
  • Man schlägt keine Mädchen oder zumindest nicht ins Gesicht.
  • Man schöpft immer den Dispositionskredit aus und versucht bettelnd, dies auszuweiten.
  • Man lebt nur im hier und jetzt. Heute! An die Zukunft denken ist spießig.
  • Man hat selbst nie Schuld an Niederlagen, sondern immer die Schweine, die Gymnasiasten, die ‚von Drüben', die Ausländer...
  • (...)


[Bearbeiten] Widersprüche zwischen den Lebenswelten:

Ich möchte nun illustrieren in welcher Form verschiedene Lebens- und Arbeitswelten miteinander kollidieren können. Meinungsunterschiede zwischen Staatsanwaltschaft und Sozialarbeit bezüglich ihrer gemeinsamen Klienten sind i.d.Z. ein Klassiker. Ganz abgesehen davon, das beide ihren gemeinsamen Klienten nur schwer verstehen, können sie sich oft auch untereinander nicht verständigen, stellen die einen doch das Interesse des Staates und der Opfer und die anderen die Täter in den Mittelpunkt und plädieren tendenziell für mehr Kontrolle bzw. mehr Hilfe. Dabei sind beide Repräsentanten hinsichtlich ihrer Fernziele gar nicht so weit voneinander entfernt: Die Gemeinschaft soll vor sozialwidrigem Verhalten geschützt werden. Die Methoden und Referenzpunkte der Intervention unterscheiden sich jedoch wesentlich:

  • Die einen versuchen lerntheoretisch das Handel zu kontrollieren: Angst davor, erwischt und bestraft zu werden, wird zur Abschreckung mobilisiert. Man hält sich an die klar formulierten Rechtsnormen. Wenn ein Verhalten von diesen Normen erfasst wird, folgt nach einem klaren Verfahren eine Sanktion, um dem Prinzip der Legalität Rechnung tragen. Das Verhalten wird unterbunden; die individuellen Hintergründe, die das Verhalten erklären könnten, spielen einer untergeordnete Rolle. Du hast ein Fahrrad gestohlen - das ist verboten - also wirst du bestraft!...
  • Die Sozialarbeit betrachtet vor allem die Motivationsseite. Sie geht davon aus, dass es individuelle Gründe geben muss, warum sich die Klienten in der Auswahl verschiedener Verhaltensoptionen für die inakzeptable entscheiden. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe, das Verhalten aus Sicht der Probanden verstehen und erklären zu können. Erst wenn wir die subjektive Motivation kennen, können wir angemessene Alternativen zum illegalen Verhalten einüben und die dafür notwendigen Ressourcen aufbauen. Wir eruieren die subjektive Logik, die hinter dem objektiv inakzeptablem Verhalten steht und können dabei allenfalls Verständnis zeigen für die Motivation, z.B., ein Fahrrad haben zu wollen. Hier steht nicht der Diebstahl im Vordergrund, sondern die Motivation, also der legitime Wunsch nach einem Fahrrad. Warum ist der Wunsch legitim? Wie lässt sich der Wunsch sanktionsfrei umsetzen? Welche Schlüsse kann man aus dem Fall ziehen, damit auch andere Kinder keine Fahrräder mehr klauen?...

Streit gibt es regelhaft darüber, in welchem Verhältnis beider Interpretationen Berücksichtigung finden sollten und wie die Grenzen zwischen legalen, legitimen, ordnungswidrigem und illegalem Verhalten zu ziehen sind:

  • Wenn Betteln und Übernachten im öffentlichen Raum bisher unter der Kategorie Ordnungswidrigkeit fällt, setzen sich Sozialarbeiter für die Legalisierung des Verhaltens, für Wohnraum und für höhere Sozialhilfe bei reduzierten Zugangsschwellen ein, während andere gleichzeitig Betteln und öffentliches Nächtigen nach STGB unter Strafe stellen wollen.
  • Wenn Schwarzfahren als Straftat verfolgt werden soll, plädieren Sozialarbeiter dafür, die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs als Grundrecht allen Menschen kostenlos zur Verfügung zu stellen so wie dies auch bei Parkanlagen der Fall ist.
  • Wenn Sozialarbeiter in Graffitis eher die Aufforderung sehen, die Angebote für Jugendliche zu verbessern, plädieren Innenpolitiker für Strafverfolgung.
  • Wenn die Wohnform des Bauwagens auch für illegal erklärt ist, aber versteckt in Millionenstädten gerade mal 200 junge Menschen so leben wollen, setzen sich Sozialarbeiter für die Legalisierung ein.
  • Wenn weiterhin der Anbau, Verkauf, Erwerb und Konsum, von Cannabis als Straftat gelten, setzen sich Sozialarbeiter für die Legalisierung ein, weil es keine medizinischen oder pädagogischen Gründe für ein Verbot gibt und allein die Lebensqualität unter einem Verbot leidet.
  • (...)

Während die Staatsanwaltschaft nur im Gesetz gucken muss, um klare Handlungsanweisungen zu erhalten, müssen sich die Sozialpädagogen fragen, welches Verhalten ihres Klientels verständlich ist, für welches sie Verständnis zeigen und für welches sie sich dann auch stark machen wollen. Ggf. müssen wir uns auch gegen Legalitätsnormen im Interesse unseres Klientels engagieren, wenn diese Normen und nicht das Verhalten inakzeptabel sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir selber kiffen, in Bauwägen schlafen wollen und wir Dreadlocks hässlich finden...

Mein letztes Treffen mit einem Jugend-Staatsanwalt hat mir die Bedeutung unterschiedlicher Lebenswelten verdeutlicht und die Differenzen der genannten Berufe vergegenwärtigt, mit diesem Faktum umzugehen:

Engagiert wird vom letzten Prozess erzählt: ‚Zwei 17jährige Jugendliche haben beim Fußballspiel in der Westkurve des Hamburger Sportvereins einen 40jährigen Mann krankenhausreif geschlagen. Als sie nach dem Grund gefragt wurden, nannten sie zur Begründung ohne Scham, dass dessen Handy während des Spiels geklingelt hat. Das ist doch eine Unverschämtheit und dann haben sie von diesem linken Richter auch nur Sozialauflagen bekommen. Wie findest du das?' Beim Bier in der Kneipe, in unserer Freizeit, die Ernsthaftigkeit hinter der Frage falsch gedeutet, meine ich: ‚Wieso da hat er doch selber schuld gehabt...' Es kam zu einem Streit, der unser Verhältnis nachhaltig belastet hat. ‚Schuld' war natürlich das falsche Wort; man hätte besser sagen sollen, dass mich so ein Verhalten nicht wirklich wundert und ich mir schon denken kann, warum ein klingelndes Handy diesen Jugendlichen subjektiv als solche Provokation erscheinen konnte, die ihnen ihr Verhalten als schlüssig erscheinen lässt. Bevor ich zu diesen Gedanken komme, müsste ich jedoch klarstellen, dass das Verhalten unstrittig inakzeptabel ist! Trotzdem wollte ich mich als Sozialpädagoge nicht leichtfertig dem Ruf nach höherer Bestrafung anschließen; selbst dann nicht, wenn ich selber Fußball stumpf finde und Volleyball wegen seiner Eleganz vorziehe; ich -wenn überhaupt- nur St.-Pauli-Fans akzeptieren könnte, ich vorurteilsbeladen in meiner Freizeit Menschen, die sich enthusiastisch dem Fußball widmen, pauschal gerne für rechtslastig und niveaulos halte...

Ich dachte aber an meine Jugendlichen, die ich in ihrer Qualifizierungsmaßnahme begeleitet habe: Schon Montags fing es an, nicht nur vom letzten Spieltag zu sprechen, sondern schon vom kommenden glorreichen Sieg im nächsten Heimspiel in zwei Wochen zu phantasieren. Jeden Tag musste ich hören, wie viel Geld sie für die Eintrittskarte schon angespart haben. Sie überlegten, ob sie vielleicht zu Dritt Geld zusammenlegen sollten für eine Fahne und ob man solche nicht selber basteln könnten, sie fragten, ob sie bei uns billig Stoff bestellen und die Nähmaschine nutzen dürften... Sie tauschten Autogrammkarten, stritten sich über Fouls, Pässe und Tore... Den ganzen Tag, die ganze Woche, den ganzen Monat... ‚Der eine Stürmer ist total nett', behaupten sie. Erklärungen, dass dieser ein geldgieriger Abzocker und der ganzen Bundesligaquatsch eine große kommerzielle Verarschung ist, mit dem alleinigen Ziel solchen armen Würmern wie ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen und dass es auch schlecht für die Augen sei, 90 Minuten aus hunderten von Metern am Rande des Stadions einem so kleinen Ball hinterher zu schauen, dem 20 Millionäre wie gestört hinterherlaufen und sich dabei gegen die Beine treten..., führten in der Werkstatt regelmäßig zu kleinen Aufständen. Spätestens nachdem ich ihnen vorschlug, lieber mit mir in die Staatsoper zu kommen, um die neue Neumaiers Ballett-Inszenierung von Mozarts Requiem anzugucken, dachten sie, ich komm von einem anderen Stern. Ihr größter Wunsch ist, einmal Geld genug zu haben für ein Auswärtsspiel; möglichst natürlich für einen Sieg in München...

Beim Streit um die HSV-Fans musste ich sofort an mein letztes Neujahrskonzert denken: Wie jedes Jahr gehe ich ins Neujahrskonzert. Immer wieder. Seit 12 Jahren. Immer wieder Beethovens Neunte. Es ist ein Höhepunkt im Jahr, wenn im letzten Viertel das Motiv von den Kontrabässen gespielt wird, sie alle gemeinsam -acht Stück- einsetzen, wenn Luft und die ganze Halle vibrieren, wenn mir immer wieder die Tränen ins Gesicht schießen, mein Kreislauf an die Grenzen getrieben wird und mich später minutenlang die Beine nicht mehr tragen wollen... Nur jenes mal war es anders: Unmittelbar vor der entscheidenden Stelle klingelt hinter mir das Handy. Fast von Sinnen zische ich den Herren an, dass er dafür hinterher auf die Fresse bekommen würde. Kaum war der letzte Ton gespielt, war der Herr verschwunden. Zwar war mir die gesamte Freude, der ganze Tag und der Beginn des Jahres vermasselt; trotzdem hätte ich die Drohung ‚natürlich' nicht umgesetzt. Wenn sich meine ehemaligen Klienten jedoch nur halbwegs so in ihr Fußballerlebnis hineinsteigern, muss es für sie nicht zwingend ‚natürlich' sein, sich zurück zu halten. Der Wunsch, diese psychische Belastung auszugleichen, scheint mir ihr Verhalten verständlich. Auch ich hätte eine Form gesucht und gefunden. Als staatlich anerkannter Diplom-Sozialpädagoge und Dozent an der Fachhochschule stände aber viel zu viel auf dem Spiel, als dass ich nicht eine Form gefunden hätte, die nicht im Strafverfahren endet und mein standing unwiederbringlich zerstört; bsp. das Handy hinterher in die Toilette zu schmeißen, hätte aber mein seelisches Gleichgewicht wieder herstellen können. Problemlos hätte ich ggf. den Schaden ersetzt und mir zur Belohnung einen Opernabend in der Semperoper gegönnt... Den Jugendlichen fehlen aber verschiedene Handlungs- und Kompensationsoptionen, sowie der soziale Druck, der mich vor irreparablen Folgen bewahrt hätte. Was vor meiner Dozenten-Peergroup zum sozialen Ausschluss geführt hätte, würden deren Kumpels als Zeichen besonderer Qualität bewerten...

Dies BSP will auf den Punkt bringen, dass alle Menschen eigene subjektive Realitäten haben und dass wir im beruflichen Kontext nicht im alltagssprachlichem Sinne von Normalität im Singular sprechen können, sondern von Normalitäten im Plural. Es gibt eine allgemein wirksame Normalität; sie ist dominant, weil sie durch die Macht der gesellschaftlichen Majoritäten konstruiert und durchgesetzt wird; es gibt unsere eigene Normalität die sich zu großen Teilen mit der allgemeinen überschneidet. Mit den Differenzen können wir dank eines relativ hohen gesellschaftlichen Status spielerisch umgehen. Unsere Klienten haben jedoch Realitäten mit tendenziell nur geringeren Überschneidungen; Differenzen sind oft fundamental und führen zum sozialen Ausschluss. Unsere beruflich Tätigkeit ist ein Drahtseilakt, der nicht immer erfolgreich aufgeführt wird, dürfen wir uns weder rigide an die geltenden -teils sogar rechtlich fixierten- Normen klammern, noch die Normen der Klienten unkommentiert und -verändert anerkennen. Ihr subjektiver Hintergrund ist aber generell nicht zu übergehen:





  • Wenn in einem benachteiligtem Wohnquartier jemand seinen Nachbarn regelmäßig und ohne direkte Gegenleistung morgens Milchpackungen für die Tür stellt, ist dies bezüglich seines Sozialverhaltens positiv zu bewerten. Den solidarischen Aspekt dieses Verhaltens dürfen wir auch dann nicht übersehen, wenn wir später erfahren, dass er regelmäßig morgens um 5 Uhr aufsteht und vor Supermärkten angelieferte Milch klaut. Zudem muss man es unabhängig von der Strafbarkeit als Kompetenz registrieren, regelmäßig morgens um 5 Uhr aufstehen zu können.
  • Erfolglos bleibt der Jugendclubleiter, der seine Jugendlichen vor Partydrogen schützen will, indem er seine Rock-Platten und Lichtorgel mitbringt und Samstag im Club selber eine Party macht; statt mit seinen Leuten gemeinsam zur Techno-Party zu gehen und anzuerkennen, dass es eine geile Veranstaltung ist... Selbst wenn man die Musik schlimm findet, muss man ‚über seinen eigenen Schatten springen' und anerkennen, dass es ein beeindruckendes Schauspiel ist, welches man seinen Klienten nicht streitig mach kann und soll. Erst jetzt hätte man eine angemessene Arbeitsgrundlage, über Drogen und Sucht zu reden, wenngleich die derzeitige Rechtslage es weiterhin verbietet, mit seinen Klienten ehrlich über gesundheitsverträglichen Konsum zu sprechen.
  • Auf Schuleschwänzen mit Polizei und Geldstrafen für die Eltern zu reagieren verkennt im Falle von Sonder- oder auch Hauptschule deren objektiv geringen Nutzen oder ignoriert ggf. auch die für erwachsene Sozialpädagogen nur schwer fassbaren Qualen von Kindern, die keine ‚angesagte' Klamotten haben und womöglich die alten braunen Grobcordhosen von den Cousinen auftragen müssen, die unten vom häufigen Umnähen waagerechte hellen Streifen haben...
  • Wenn wir Gewalt unter jungen Menschen thematisieren, gehen wir i.d.R. von unserem Mittelschichtverständnis aus und konzentrieren uns auf körperliche Gewalt: ‚Wir wollen unsere Konflikte doch nicht mit Gewalt austragen'; ‚Konflikte löst man im Gespräch'. Die modernen Angebote der Sozialen Arbeit zur konstruktiven Konfliktbearbeitung wie Mediation, Konfliktmanagement, Anti-Gewalt-Training verkennen die Tatsache, dass Gewalt in unserer Gesellschaft normal ist. Wenn wir allein die körperliche Variante herausgreifen, stigmatisieren wir jene, die Defizite in den gesellschaftlich tolerierten oder gar geförderten Gewaltdisziplinen haben. Will man allein ihre Gewalt stoppen, macht man sie wehrlos, man entwaffnet sie im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne ihre Ohnmachterfahrungen zu rekonstruieren können wir keine Alternativen entwickeln, Ohnmacht zu überwinden. Wenn allein auf die Kraft der eigene Faust Verlass ist, bleibt es eine Illusion zu glauben, unser gewaltbereites Klientel würde und könnte darauf verzichten. Wir müssen in der Lage und gewillt sein, die Erfahrungen, die unser Klientel mit nicht körperlicher Gewalt machen, wahrzunehmen und anzuerkennen; dort wo diese Gewalterfahrungen ursächlich für körperliche Gewaltreaktionen sind, ist es unzulässig dies zu ignorieren und unser Klientel allein in die Verantwortung zu nehmen:
  • Wo artikulationsschwache Menschen sich zur verbalen Auseinandersetzung gezwungen fühlen,
  • wo sich aggressive Kinder als Sündenböcke der gruppendynamischen Prozesse in Schulklassen in die Enge getrieben fühlen,
  • sich schlechte Schüler von Zukunftsängsten erdrückt fühlen,
  • wo schulische Methodik und Didaktik als struktureller Zwang erlebt werden muss, der sich weniger an pädagogischen Bedürfnissen orientiert als vielmehr an den Anforderungen der Wirtschaft,
  • wo sich Kinder ihrer (unbeschwerten) Kindheit beraubt fühlen, weil sie immer nur als ‚kleine Erwachsene' behandelt, mit Verantwortung und Disziplin überfordert und ihrer Freuden beraubt werden,
  • wo Kindern allseits das Leistungs- und Konkurrenzprinzip als Schlüsselkompetenz vermittelt wird und sie sich an diesem messen lassen müssen,
  • wo sie sich Konsum- und Schönheitszwängen unterworfen fühlen,
  • (...),

geht es um ein allgemeines gesellschaftliches Gewaltproblem. Dies dürfen wir nicht verschleiern, indem wir es auf die Minderheit der körperlich gewalttätigen Menschen reduzieren und individualisieren.

„Zum anderen scheinen die subjektiven Funktionen von Gewaltanwendung bei Jugendlichen im Kontext von Rechtsextremismus, und Randale-Action nur unzureichend geklärt zu sein und entsprechende pädagogische Konsequenz Karlsruher en drohen deshalb, quasi auf halbem Wege steckenzubleiben Klar: Gewalt wird als Hilfeschrei diagnostiziert, als Ruf nach Aufmerksamkeit etc. Nur: Dabei bleibt die Analyse dann meist stehen, und Jugendarbeit bietet sich als Helferin in der Not, als aufmerksame dazu, an. Übersehen wird: Gewalt ist für jugendliche Cliquen und Szenen oft darüber hinaus auch Mittel ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist Medium der Publikation ihrer Existenz mit all ihren Problemen. Jugendarbeit, die dies erkennt, kann sich nicht in cliquenbetreuender und individueller Konfliktberatung erschöpfen" (Möller 1994: 255).

Auch unsere Arbeit hat für unsere Klienten oft den Charakter von struktureller Gewalt, weil sie uns i.d.R. verbal wie intellektuell hoffnungslos unterlegen sind, sich körperlich aber nicht wehren dürfen. Wenn bsp. im Rahmen von Anti-Gewalt-Trainings der ‚Schläger' in dem Kreis von bis zu 20 Menschen auf den heißen Stuhl gesetzt wird und seine Persönlichkeit gebrochen wird, indem alle ihn verbal erniedrigen, dann wird körperliche Gewalt allein durch psychische Gewalt ersetzt. Der Pädagoge nimmt für sich dann aber trotzdem in Anspruch, mit seiner Form der Gewalt moralisch über seinem Probanden zu stehen...

Man kann sich selbst noch unendlich viele BSP überlegen, wo, wann und warum es wichtig ist, sich in die Lebenswelt unseres Klientels hineinzuversetzen, um ihm angemessen helfen zu können. Eines aus einem Nischenarbeitsfeld der Sozialen Arbeit will ich noch ausführen, weil es mich besonders beeindruckt hat und die Bedeutung von ‚anderer Welt' im wahrsten Sinne des Wortes zusammenfasst: In der wenig präzise als ‚Entwicklungshilfe' bezeichneten Arbeit, arbeitet der Kollege Norbert Spiegler u.a. mit indigenen Völkern im Urwald Kolumbiens. Zunächst sammelte er Eindrücke über die ihm fremde Lebenswelt:<ref>In den Rundbriefen 4+5 1989.</ref>

„Die Awá (Indianer) leben eng mit der Natur verbunden. Frau und Mann, Kinder und Erwachsene haben ihre je eigene Beziehung zu Pflanzenarten, die nur sie säen oder ernten. Der Medizinmann weiß die Heilpflanzen zur richtigen Tageszeit, nach je bestimmen Himmelsrichtungen hin und in eigenen Zählabfolgen zu pflücken. Die Awá bewirtschaften den Wald, ohne ihn auszubeuten. Sie lassen ihn immer wieder ruhen und nachwachsen, während sie in einem Rotationssystem an einer anderen Stelle anbauen. Gewisse Bäume, die für das Nachwachsen des Waldes oder als Schutz gegen die Erosion wichtig sind, lässt der Awá stehen. Der Wald ist für ihn seine Welt, sein ‚Kosmos'. Im Wald wurde er geboren, verlebte seine Kindheit, arbeitet er und gründet seine Familie. Der Wald ist voller Leben: Er gibt dem Awá Humus für den Anbau seiner Kochbananen; mit den großen Blättern der Bäume kann er das Dach seiner Hütte bauen; mit den Holz kann er kochen, Häuser -neustens auch Schulen und Gemeinschaftshäuser- errichten und Wege und Brücken sichern; in den Baumrinden findet er proteinreiche Käfer, in den trinkwasserklaren Flüssen Fische. Der Wald gibt dem Indianer alles, um Grabstätten zu errichten und Musikinstrumente anzufertigen. Lianen werden für das Flechten von Körben und Tragetaschen verwendet, für den Bau von Brückengeländer und für Balkenverknüpfungen. Die Awá sind wahre Zauberkünstler im Finden von Wegen und Suchen von Fährten. Die indianische Verehrung für die Natur, die uns Europäer so sehr beeindruckt, findet man jedoch wenig bei den Awá. I.d.S. sind sie sehr nüchtern. Hingegen kennen sie eine große Furcht vor dem Wald wo die bösen Geister und auch die Verstorbenem umgehen und sie erschrecken."

„Und bald sollte ich genug zu sehen und zu hören bekommen, aber in einer Weise, dass ich mich fast schwarz ärgerte: Diese Indianer liefern sich an diesem Ort völlig an die Kultur der Weißen aus. Sie glauben alles was ein Weißer, der in eine Familie eingeheiratet hat, abfällig über ihre Kultur sagt. Sie legen ihre Gemeinschaftswerte ab: Statt eines gemeinsamen Unterkunftshauses an der Straße für ihre Einkäufe am Wochenende will jeder sein eigenes haben. Sie verlernen das freigebige Teilen und fangen an, ihre Sprache zu verachten. Sie wollen alles nachmachen, vom Raubbau des Waldes angefangen..." Zunächst aus dem Gefühl heraus, die Aufgabe gemeinsamer Vorratshaltung würde den existenziellen Zusammenhalt gefährden, wurde vereinbart, dass Spiegler mit dem Häuptling gemeinsam ein anderes Dorf besucht, um deren Erfahrungen mit der gleichen Idee -nun einige Jahre später- einzuholen. Nach 40 km hin und zurück, zu Fuß über Urwaldpfade, teilte der Häuptling die vom Häuptling des anderen Dorfes übermittelten Erfahrungen mit: Es haben sich schon im ersten Jahr Probleme ergeben, weil die Haushalte unterschiedlich erfolgreich disponiert hatten. Mangel musste im Tausch mit anderen Waren ausgeglichen werden und trieb die ‚Preise' in die Höhe. Die Spaltung des Dorfes in reiche und arme Haushalte glich vom Prinzip -in kleinstem Maßstab- der sozialen Polarisierung in der Bundesrepublik und hatte mit rascher Entsolidarisierung auch die gleichen Folgen. Gemeinsam beschloss nun das Dorf, von der Idee Abstand zu nehmen...






[Bearbeiten] Aus Sicht der Klienten:

Wenn die Klienten wahrnehmen, dass sie von den ‚Helfern' nicht richtig verstanden werden, diese Mühe, Geschick oder auch Willen vermissen lassen, passende Antworten, Hilfen, Methoden, Sprache... zu finden, neigen Klienten dazu, sich der Zusammenarbeit zu verweigern. Mit dem ‚Helfer' wird dann um Interpretationen gerungen, seine Qualität wird in Frage gestellt und Vertrauen entzogen. Auch wenn der Klient objektiv Unrecht hat, hilft es dem Sozialpädagogen nicht, sein Recht objektiv durchzusetzen und die subjektive Sicht des Klienten zu ignorieren. Wenn der Helfer die Interpretationen seines Klienten übergeht ist dies eine Form von Entmündigung; ein Angriff auf die Integrität des Klienten. Sehen wir dies nicht und bieten wir ggf. immer wieder neue Anlässe zur Kränkung, bewirken wir eine Stagnation. Verbiesterte Rechthaberei gegenüber dem Klienten können wir uns nicht leisten, zerstören wir damit doch die Arbeitsbedingungen; ob wir Recht gehabt haben oder nicht, ist völlig egal, wenn unser Jugendclub am Ende leer ist... Wie Klienten- und Helfersicht aufeinanderprallen können, will ich anhand eines BSP skizzieren:

Mitten in der feierlichen Zeremonie eines öffentlichen Empfangs schmerzt innerhalb von Sekunden der Kopf in einer Intensität wie noch nie im Leben zuvor. Schwindel, Zusammenbruch, Ohnmacht. Wieder wach, fragen die Rettungssanitäter was passiert ist, wie man sich fühlt. ‚Kopf scheint platzen zu wollen, ich muss schnell ins Krankenhaus, ich glaub, da ist ganz was Schlimmes passiert.' ‚Nein das geht nicht, wir können sie nach Hause bringen.' ‚Ich muss ins Krankenhaus!' ‚Nein! Wir bringen sie in eine Notfallambulanz!' Der dort behandelnde Arzt legt mich auf die Liege, spritz mir etwas zur Stabilisierung des Kreislaufs! Ich sage, der Kreislauf kann es nicht gewesen sein, da es mit unglaublich starken Kopfschmerzen begann. ‚Ich will jetzt in ein richtiges Krankenhaus!' ‚Ruhen sie sich erst einmal ne Stunde aus.' Dann werde ich entlassen und soll erst mal ausschlafen. Nach einer Stunde hab ich taumelnd meine nahegelegene Wohnung erreicht, versuche zu schlafen, muss mich ohne Unterlass übergeben und kann nun auch nicht mehr richtig sprechen, laufen, stehen. Nächster Versuch: Diesmal fährt mich der Rettungswagen in die Notaufnahme des Krankenhauses; erster Blick in die Augen; 10 Sekunden bis zum Verdacht auf Schlaganfall; weitere zwei Minuten bis zur eindeutigen Diagnose. Während nun alle Möglichkeiten der modernsten Schulmedizin genutzt werden, hilft mir der Triumph über die richtige Selbsteinschätzung kaum darüber hinweg, dass plötzlich mein ganzes Leben zur Disposition steht: Kann ich wieder laufen und sprechen, verlier ich meinen ambitionierten Job, der endlich meine berufliche Karriere einleiten sollte, werde ich jemals wieder ausgelassen mit dem Patenkind spielen können... Im Krankenhaus fand sich Zeit, die Situation zu reflektieren und Gefühle zuzulassen: Was für mich selbst kaum zu fassen war, was ich selbst aus der heutigen Distanz kaum erklären kann, war für die außenstehenden helfenden Personen kaum nachvollziehbar. Dem Tode so nah, das ganze Leben Revue passieren lassen; plötzlich von religiösen Gedanken bedroht zu sein, von einem Tag auf dem anderen nicht einmal mehr sitzen, ganz zu Schweigen denn stehen, laufen oder sich selbst waschen zu können; Selber Hilfe annehmen und erbitten zu können und zu müssen, die Scham zu überwinden, das Umfeld auf Unaufmerksamkeiten hinzuweisen... relativierten meine bisherige Helfersicht stark. Auf alte Opas neidisch zu sein, wenn sie in ihrem Gehwagen an einem vorbeiziehen, aus dem Augenwinkel Radfahrern nach zu schauen, von anderen bei den ersten schwankenden Gehversuchen beobachtet zu werden, später im Bus um einen Sitzplatz bitten zu müssen, sich gegen Aktivbürger durchzusetzen, die einem wegen schwankenden Ganges vom Autofahren abhalten wollen...

Zu Beginn der Rehamaßnahme befand ich mich emotional in einem tiefen Loch und mochte mich kaum auf die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen einlassen. Deshalb schien es mir sinnvoll, in der Klinik meine Blockaden mittels psychologischer Hilfen abzubauen. Statt mir den Rücken zu stärken schickte man mich zum Hirn-Leistungs-Training: Drücken sie immer so schnell wie möglich die Enter-Taste, wenn drei von fünf Dreiecken nach unter zeigen, entscheiden sie sich für eines von 5 Worten, das als Gegensatz von dem eingeblendeten Wort gilt (heiß-kalt, schnell-langsam...). Am dritten Tag sollte ich Zahlen im Bereich bis 20 addieren und subtrahieren. ‚Herr Mählmann, bisher waren sie immer gut, aber heute war es schlecht, wie konnte das passieren?' ‚Vielleicht, weil ich den linken Zeigefinger genommen habe und die linke Seite ja immer noch etwas gelähmt ist.' ‚Aber sie sollten doch so schnell wie möglich...' ‚Meine Ergotherapeutin hat aber gesagt, ich soll alles mit links versuchen.' ‚Ja aber das geht doch gar nicht um den Finger, sondern um ihre Hirnfunktionen.' ‚Ja das hätten sie vielleicht noch mal sagen müssen, das war mir glaube ich nicht so klar...' ‚Jetzt ist aber die ganze Testreihe hinfällig.' ‚Das ist mir doch egal!' ‚Aber die will der Rentenversicherungsträger haben.' ‚Das ist mir auch egal! Wie kommen Sie überhaupt dazu heimlich im Auftrag anderer, Testreihen an mir durchzuführen?' ‚Na sie können es noch mal wiederholen es wäre ja schade um das Ergebnis. Wissen Sie, Sie waren bisher der Beste...' Was soll das heißen ‚der Beste'? Sie wissen doch, dass ich Soziologe bin! ‚Der Beste' zu sein, ohne zu wissen auf welche Grundgesamtheit bezogen, sagt doch überhaupt nichts. Bester alle Sozialwissenschaftler Deutschlands? Aller 37jährigen Dozenten? Aller Patienten hier in der Klinik?... Meine Ergotherapeutin stürzte mich in die nächste Krise: Über Wochenende sollte ich eine Denksportaufgabe lösen: Als ich das Bilderrätsel sah, dachte ich sofort wieder, man will mich nicht ernst nehmen, ich bin doch nicht im Kindergarten; auch Unterforderung kann den Hilfeprozess massiv beeinträchtigen, dachte ich mir. Um so schlimmer war die Einsicht, dass ich trotz der kleinkindgemäßen Zeichnungen nicht in der Lage war, das Rätsel zu lösen... Das Ende der stationären Reha kam abrupt: Auf der Patientenversammlung, stellt sich die Klinikleitung der Kritik. Rhetorisch durchaus nicht ungeschickt fragt der Chefarzt. ‚Ich gehe davon aus, dass sie sich hier wohlfühlen. Sollten sie trotzdem Anlass zur Kritik haben, sagen sie uns doch bitte jetzt.' Bevor ich meine Gedanken in der 3sekündigen Pause, die er mir ließ- sammeln und mich melden konnte, war er schon weiter und zwingt mich, zur Unhöflichkeit, ihm ins Wort fallen zu müssen. ‚Ja ich hätte da doch noch was...' ‚Wie ist ihr Name?' ‚Ich habe das Gefühl, dass die Patienten nach ihren traumatischen Erfahrungen emotional im Stich gelassen werden und ein standardisiertes Hirn-Leistungs-Testverfahren ihrer Befindlichkeit nicht entspricht. Ich denke, dass der Reha-Erfolg eng mit der psychischen Befindlichkeit zusammenhängt und deshalb der emotionalen Stabilität mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte' ‚Ich denke, dass dies nur ihr individuelles Problem ist und sie dies vielleicht auch gar nicht beurteilen können...', bürstet er mich ab und fragt die alten in der ersten Reihe in ihren Rollstühlen sitzenden Patienten, ob sie denn auch etwa dieses Problem hätten. Ohne ihnen Zeit zur Antwort zu geben, sagt er mir: ‚Sehen sie, dies Problem haben nur sie'. Einzelprobleme könnte man natürlich gerne später besprechen; man wolle aber nicht alle damit belasten..., stellt er mich kalt, macht mich vor allen zum Trottel. Ich bin kurz vorm Platzen, nehme meinen ganzen Mut zusammen und klopfe ihm beim Rausgehen auf die Schulter: ‚Macht ja nichts. Ich werde mir Notizen machen. Wenn wir später mal die Qualität ihrer Rehamaßnahme begutachten sollen, werde ich wieder darauf zurückkommen. Sicherlich wird das Gesundheitsministerium meiner Hochschule den Auftrag erteilen...', sage ich und gehe ohne eine Antwort abzuwarten auf mein Zimmer. Zwei Tage später sollte ich wegen ‚schneller und großer Fortschritte' die Klinik vorzeitig verlassen... Ich schließe eine ambulante Rehamaßnahme an: Ich soll mich nicht schämen, wenn ich vor vielen Menschen reden und Probleme mit dem Sprechen habe, weil alle sicherlich dafür Verständnis haben; ich soll ruhig zu Geschäftsessen gehen, weil dort sicherlich alle Verständnis dafür haben, wenn immer etwas von Löffel oder Gabel tropft und fällt; ich soll auch auf Partys gehen, weil sicherlich alle Verständnis haben, wenn ich sitzen muss... Theoretisch weiß ich das natürlich alles selber; hab's ja auch in Fachbüchern gelesen und sowohl Klienten als auch Studenten erzählt; meine Realität sah dann doch ganz anders aus... Wenn ich vor Studenten unserer Fachrichtung stotterte, holperte oder auf die Zunge biss erwartete ich und stieß natürlich auch auf wohlwollende Anteilnahme; auf Fachtagungen vor das Mikro zu treten, mich vorstellen und von unzähligen fremden Fachkollegen angucken lassen zu müssen, wurde aber zur unüberwindbaren Hürde. Der (eingebildete) Rechtfertigungsdruck für jede heruntergefallene Erbse verdarb mir im Vorwege den Appetit. Zu Partys bin ich zunächst gegangen; möglichst frühzeitig, um einen guten Platz zu bekommen. Wenn sich dann aber der Raum füllte, es immer enger wird, immer mehr Beine im Weg liegen, die meisten Gäste, mein Schwanken und ggf. Anstoßen logischerweise hätten dem Alkohol zuschreiben müssen und ich Toilettengänge, sowie den Heimweg voller Stress bis zum letzten hinauszögern wollte, machte es keinen Spaß.

Rückblickend hat mich nur meine Physiotherapeutin positiv beeindruckt: In einer ausführlichen Anamnese ließ sie mich erzählen, für was für einen begnadeten Volleyballspieler ich mich hielt, wie sich beim Stellen der Ball nie drehte... Bis zum Schluss verhinderte sie jeglichen Kontakt zu einem Volleyball. Was mich zuerst geärgert hatte, erwies sich als sensibler Weitblick. Hätte ich zu Beginn erfahren, dass meine Hände einen Höhenunterschied von 10cm aufweisen würden und dass sich dieser im Laufe von zwei Jahren kaum auf unter 0,5cm reduzieren lässt, wäre ich psychisch zusammengebrochen...; 0,5cm sind beim Volleyball sehr viel!






[Bearbeiten] Lösungen? Wir erforschen uns:

Wenn

  • wir in der Lage sind, über unsere eigenen Macken zu lachen,
  • wir uns dabei selber erwischen, uns widerwillig bestimmten Kleidungsordnungen zu unterwerfen,
  • wir über uns noch erschrecken, wenn wir rechthaberisch aus Prinzip das letzte Wort haben wollen,
  • wir über uns selbst enttäuscht sind, doch vor Freunden mit dem Preis unsere Einbauküche anzugeben,
  • wir an uns zweifeln, wenn wir vor dem Spiegel, unseren Bauch betrachtend, an Schlankmacher aus der Werbung denken,
  • wir über uns selbst den Kopf schütteln wenn wir eifersüchtig darüber wachen, mit welchem Kollegen mein Lieblingsklient noch Kontakt pflegt,
  • (...),

dann haben wir gute Chancen für eine erfolgreiche Arbeit. Wir können unsere eigene Lebensweise mit Distanz kritisch hinterfragen, sie als eine von mehreren betrachten, die keinen Anspruch hat, besonders hervorgehoben zu werden. Diese Kompetenzen sind Ausdruck von einem Menschenbild, vor dem wir den Kontakt zu den Klienten pflegen; Interpretationen, wonach man selber drogenabhängig gewesen sein sollte, um in diesem Arbeitsfeld angemessen mit speziellen Lebenswelten umgehen zu können, halte ich aber für übertrieben. Je besser es mit der Empathie und der Selbstreflexion klappt, desto seltener wird unser subjektiver Hintergrund uns in die Quere kommen; er behält aber dennoch die Tendenz, sich mit stets unterschätzter Intensität unsere Arbeit -besser unserer Wahrnehmung und Interpretation- in den Weg zu stellen. Selbst wenn wir prinzipiell in der Lage sind, objektiver das Wohl des Klienten zu verfolgen, ohne seine Besonderheiten als Angriff auf die eigene Lebensweise misszuverstehen und abwehren zu wollen; können wir uns nie beruhigt zurücklehnen und die Bemühungen um Selbstreflexion einschränken. Unseren Klienten fällt es sehr viel schwerer als uns, eigene Lebensvorstellungen zu realisieren, wenn sie von der Norm abweichen; Normendiskrepanzen sind wesentlich größer, ihr relativ schlechtes gesellschaftliches standing macht es für sie fast unmöglich, Normenabweichungen mit Gelassenheit durchzusetzen; eingeschränkte Verhaltensoptionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, unangemessen auf gesellschaftliche Erwartungen zu reagieren und so immer weiter sozial ausgeschlossen zu werden... Dies bedeutet,

  • selbst wenn wir Markenklamotten unnötig, Boy-groups schlecht und die ‚Bravo' zu teuer finden, trotzdem die subjektive Relevanz für das Klientel anzuerkennen und die (teilweise pathologische) Angst nachzuvollziehen, an den subkulturellen Erwartungshaltungen zu scheitern.
  • wenigstens beim zweiten Nachdenken darüber zu fallen, dass das Verbot von Computerspielen nach Erfurt albern ist.
  • Graffiti vielleicht hässlich zu finden und dennoch in ihnen kein Zeichen von ‚Verwahrlosung' oder einen Fall für die Staatsanwaltschaft zu erkennen, sondern eine Form jugendlicher Raumaneignung, Partizipation, Kommunikation und Kultur.
  • auch wenn man spaßfeindlich oder latent depressiv ist und Technomusic inkl. grinsender gut gelaunter schöner Menschen furchtbar findet, junge Partykids trotzdem vor sozialpädagogischer Umarmung oder polizeilicher Kontrolle zu schützen; man prüft seine Vorurteile und stellt fest, dass es auffallend freundschaftlicher, netter und friedlicher ist, als auf Volksfesten mit älteren alkoholisierten Zeitgenossen.
  • eine Möglichkeit zu suchen, die unsägliche, Verfolgung von Cannabis-Konsumenten zu beenden, um zwanglos mit den Jugendlichen über Dosierung und Herstellung von ‚Space-Kekse' reden zu können, statt sie rausschmeißen zu müssen.
  • in dem Junkie mit der Spritze im Arm, den Klienten der Sozialarbeit und nicht den Straftäter und das Objekt des Strafverfolgungssystem zu erkennen.
  • (...)


[Bearbeiten] Wir erforschen die Klienten:

Wenn wir es im ersten Schritt schaffen, zum Zwecke der Arbeit unsere Sicht auf die Welt in den Hintergrund treten zu lassen, müssen wir im zweiten Schritt versuchen, uns die verborgene Sicht unserer Klienten zu erschließen. Wenn uns dies logischerweise auch nie zu 100% gelingen wird -ist Leben doch zu komplex- müssen wir uns um ein Maximum bemühen. Dies bedeutet v.a., unser erworbenes Wissen um Techniken der Gesprächsführung zu nutzen; konzentriert zu beobachten, zuzuhören und Schwellen zum Klienten abzubauen. Da unsere Klienten häufig Probleme haben,

  • ihre Gedanken und v.a. Gefühle zu verbalisieren,
  • ihnen unangenehme Dinge mitzuteilen oder
  • Selbstverständlichkeiten ‚ihrer Welt' als wichtig für den Hilfeprozess einzuschätzen und uns mitzuteilen,<ref>Wenn bsp. Rollstuhlfahrer es ‚normal’ finden, nicht am Nachtleben teilzunehmen, weil es in Kneipen wenig Platz und Toiletten für sie gibt...; wenn ausländische Studierende es in Magdeburg inzwischen ‚normal’ finden, Nachts und im Dunklen nicht wegzugehen und deshalb auch keine Angst vor rechtsradikalen Übergriffen haben.</ref>

müssen wir ggf. ungewöhnliche Wege suchen, um uns ihre Lebenswelt näher zu bringen. Dabei gibt es einige einfache klassische BSP:

  • An vielen Fachhochschulen kann man sich Rollstühle ausleihen, um Einschränkungen in der Mobilität, Blicke anderer Menschen und Gefühle von Hilflosigkeit zu erleben. Man sollte in Kleingruppen losziehen, ggf. auch mit einer scheinbar unbeteiligten Person, die das Gesamtgeschehen aus der 2. Reihe beobachten. Diese Erfahrungen sollten möglichst gemeinsam mit interessierten behinderten Menschen ausgewertet und von diesen ggf. korrigiert und ergänzt werden...
  • Der Besuch, bzw. die Konzeption und Durchführung einer Gehörlosen-Party, zusammen mit einer Besprechung des Grönemeyer-Lied, ‚Sie mag Musik nur wenn sie laut ist', kann eine erste Idee vom Leben gehörloser Menschen vermitteln. Wenn man sieht, wenn einige sich mit der größt möglichen Körperoberfläche, mit ausgebreiteten Armen, vor die Bassboxen stellen und sich von den Luftstößen treiben lassen, sich an den taktorientierten Lichteffekten orientieren und den vibrierenden Fußboden spüren...
  • Man kann in Kleingruppen tagsüber mit Bierdosen Busfahren, sich mit Bier in die Schlange der Post stellen, durch Einkaufszentren gehen und sich dort hinsetzen, um eine Vorstellung zu gewinnen, was unter stigmatisierenden oder ausgrenzenden Blicken gemeint sein kann, was ‚Hausrecht' im Einkaufszentrum bedeutet und ggf. auch was unter ‚Sicherheits- und Ordnungsgesetz' zu verstehen ist... Um sich eine Hintertür freizuhalten und juristische Probleme zu minimieren, ist es nicht verkehrt, vorher das Bier durch Selters zu ersetzen und einen Dozenten der Hochschule im Hintergrund zu haben.
  • An der FH Kiel konnte man Scheine dafür bekommen, in der Fußgängerzone Monster zu spielen und die Gefühle der eigenen Grenzüberschreitung und der Reaktionen vor der Gruppe zu reflektieren; zum Diebstahl wurde dort nicht aufgefordert, aber jenen, die das prickelnde Gefühl kannten, Lippenstifte, Bravos oder Fahrräder... zu klauen, durften ihre Gefühle den Kommilitonen im ‚geschützten Raum' erläutern. Die Spannung, die Freude, das Lob der Clique, die subjektiven Gerechtigkeitsvorstellungen..., aber auch der Ärger der unserer jugendlichen Zielgruppe blüht, gewann an Realität.
  • Man kann als Familie auch versuchen, solange wie möglich mit dem Sozialhilfesatz auszukommen.
  • (...)
  • Häufig in Verbindung mit der Thematisierung von Vertrauen, wird mit verbundenen Augen die Lebenswelt von blinden Menschen simuliert; i.d.Z. hilft es auch, im Seminar gemeinsam eine kleine Geschichte auszudenken, in einem Blindenbuch mit Blindenschrift und greifbaren Bildern umzusetzen und dann gemeinsam mit blinden Menschen darin zu lesen.
Bild

Oft wird nachgefragt, ob man den selber geklaut oder gekifft haben muss, um ein guter Sozialpädagoge zu werden. Es ist zweifellos hilfreich, auch mal in dem einen oder anderen Zusammenhang mehr oder weniger sozial benachteiligt, ‚auf der anderen Seite der Sozialen Arbeit' gestanden zu haben. Gegenüber unseren Klienten müssen wir dies jedoch nicht glorifizierend erzählen, haben sie i.d.R. doch eine viel schlechtere Ausgangssituation als wir. Nun aber genau in dem Bereich zu arbeiten; wo man selber Klientenerfahrungen gesammelt hat, empfiehlt sich wegen zu starker Identifikation mit Problem und Adressaten nicht!

Einige Sozialwissenschaftler oder Journalisten versuchten mit großem Aufwand, sich fremde Lebenswelten zu erschließen:

  • Der Journalist Günther Wallraff (1985) hat in den 80er Jahren, verkleidet und unter Mithilfe von Maskenbildnern und Friseur zwei Jahre als ‚Türke Ali' gelebt. Er hat versucht, Wohnungen, Arbeit oder einfach nur Zugang in Diskos zu finden. Wer sich einen Eindruck über Diskriminierung, Ausbeutung, Ausgrenzung und Bedrohung von Migranten machen möchte, kommt auch heute nicht um dieses lesenswerte Buch herum; in der Buchankündigung heißt es: „Diesmal ‚ganz unten'. Da, wo es vom Arbeitsmarkt zum Sklavenmarkt nur ein Schritt ist, wo Arbeit tödlich werden kann und der Mensch aufhört Mitmensch zu sein. Zwei Jahre lang war Wallraff Ali Levent: u.a. als Hilfskraft bei McDonald, bekehrungs- und integrationswilliger Moslem bei Pfarrern, Versuchskaninchen beim Medikamentenversuch, Illegaler auf einer Großbaustelle, Arbeiter in einer Kolonne von Leiharbeitern bei Thyssen. Mit der List seiner Rolle provozierte er die oft makabre und bis ins Absurde gesteigerte Entmenschlichung gegenüber dem, der nicht dazugehört, erfuhr er den Alptraum einer Arbeit, die den Menschen buchstäblich ‚verheizt' im Dienste des Profits. Dass sich in den Grauzonen unserer Arbeitswelt ein Rückfall ins frühkapitalistische System vollzieht -seit der (Bonner) ‚Wende' aggressiver denn je-, Wallraff belegt es, durch das radikale Einbringen seiner Person, mit erschütternder Deutlichkeit."
  • Im Grenzbereich zur Sozialwissenschaft hat sich der Hamburger Soziologe Josef Bura (vgl. Kunstreich 1998II: 112ff) mehrere Monate in eine Obdachlosenunterkunft einweisen lassen, das Leben dort erforscht, mit den Mitbewohnern demokratische Beteiligungsformen etabliert, die Erfahrungen in der Lehre parallel seinen Studenten vermittelt und sich damit um die Reformierung der Obdachlosenunterbringung verdient gemacht.
  • Als Meilenstein parteilicher Sozialforschung in sozialpädagogischen Arbeitsfelder gilt bis heute die schon 1933 erstellt Marienthalstudie(Jahoda&Lazarsfeld&Zeisel 1975). Massenarbeitslosigkeit, die von einem Tag auf den anderen ein ganzes Dorf betraf, wurde bezüglich der Lebensbedingungen des Dorfes, der Familien und der physischen, sowie psychischen Befindlichkeiten der einzelnen Menschen in einer von Umfang und Intensität seither kaum wieder erreichter Weise beforscht. Der Anlass war vergleichbar mit Kleinstädten in den neuen Bundesländern, die ehemals rund um Industriestandorte errichtet wurden und eigens dem Zweck dienten, die Beschäftigten mit Wohnraum zu versorgen. Im Zuge der Deindustriealisierung einiger Regionen werden nach der Wiedervereinigung auch dort punktuell Arbeitslosenraten von über 50% erreicht.

In dem kleinen Fabrikdorf ‚Marienthal' in Niederösterreich (Flachs- und Baumwollspinnerei, Weberei, Bleiche, Textildruck) wurde 1926 die Belegschaft erst halbiert und 1929/30 dann der Rest entlassen. Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden zusammen mit aktiv teilnehmenden Studenten die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit untersucht (Jahoda&Lazarsfeld&Zeisel 1975: 28):

„Es war unser durchgängig eingehaltener Standpunkt, dass kein einziger unserer Mitarbeiter in der Rolle des Reporters und Beobachters in Marienthal sein durfte, sondern dass sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben natürlich einzufügen hatte." Dafür wurden Kleiderkammer, Nachhilfekurse, Freizeitangebote, Lebensberatung, Sportangebote.. aufgebaut. Einige haben über Monate im Untersuchungsgebiet gewohnt.

Ausgehend von diesen Angeboten wurden 478 Familien befragt, 60 ganze Lebensgeschichten rekonstruiert, 80 Zeitverwendungsuntersuchungen durchgeführt, Schulaufsätze ‚Was will ich werden?' und ‚Was wünsche ich mir zu Weihnachten?' ausgewertet, ein Preisausschreiben ‚Wie stelle ich mir die Zukunft vor?' für Jugendliche organisiert, von 40 Familien Wochenprotokolle über deren finanzielle Ausgaben und Ernährung erstellt, Weihnachtsgeschenke von 80 Kleinkindern geprüft, Experteninterviews durchgeführt, Schulleistung über Lehrerinterviews erfragt, die wirtschaftliche Entwicklung des Kleingewerbes dokumentiert, (schul)ärztliche Befunde ausgewertet... Die Gehgeschwindigkeit der Menschen wurde gemessen, Körperhaltung, Stimme und Sprache beobachtet, die Bibliotheksakten danach geprüft, wie viele und welche Bücher ausgeliehen werden... Folgende Fragen lagen der Untersuchung zugrunde:


[Bearbeiten] A. Stellung zur Arbeitslosigkeit:

  • Was war die erste Reaktion auf die Arbeitslosigkeit?
  • Was hat der einzelne getan, um Arbeit zu finden?
  • Wer hat auswärts Arbeit gefunden; auf welchem Weg?
  • Welcher Arbeitsersatz wird geleistet? (Kleintierzucht, Bauernarbeit...)
  • Stellung zu gelegentlichen Arbeitsgelegenheiten, insbesondere zur Auswanderungsfrage?
  • Typen und Phasen des Verhaltens?
  • Welche Pläne haben die Leute noch? Unterschiede zwischen Erwachsenen und Jugendlichen?
  • Unterschiede zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen?
  • Verhältnis zur Fürsorge?


[Bearbeiten] B. Wirkungen der Arbeitslosigkeit:

  • Auswirkung auf den physischen Zustand der Bevölkerung?
  • Auswirkungen auf die Schulleistungen der Kinder?
  • Auswirkungen auf die Kriminalität?
  • Sind die älteren oder die jüngeren Kinder stärker von den Wirkungen der Arbeitslosigkeit betroffen?
  • Haben sich Schwierigkeiten bei eventueller Wiederaufnahme der Arbeit gezeigt?
  • Haben die politischen Gegensätze sich verschärft oder vermindert?
  • Wie hat sich die Stellung zur Religion verändert?
  • Haben sich allgemeine Interessenverschiebungen gezeigt?
  • Welche Veränderungen hat die Zeitbewertung durchgemacht?
  • Wie haben sich die Beziehungen der Einwohner zueinander geändert? (Hilfsbereitschaft und Solidarität oder Konkurrenz und Ausgrenzung)
  • Veränderungen innerhalb der Familie?

Wie deutlich werden sollte, ist die sozialpädagogische Anamnese mit Methoden der empirischen Sozialforschung vergleichbar. Jene versuchen Erkenntnisse über eine Vielzahl von einzelnen Menschen und ihren Beziehungen zueinander zu sammeln, um regelhafte Zusammenhänge herauszuarbeiten und als Theorie zu formulieren; die Erkenntnisse werden dabei nicht in unmittelbare Handlungen umgesetzt. Mit ähnlichen Instrumentarien versucht die Sozialarbeit Erkenntnisse im Einzelfall zu gewinnen, um diese dann unmittelbar in Hilfeangebote umzusetzen. Ich will nun darstellen, wie Anamnese in der Gemeinwesenarbeit bzw. Drogenhilfe aussehen kann. Da in späteren Kapiteln wieder auf diese BSP zurückgegriffen werden soll, werden sie hier in aller Ausführlichkeit vorgestellt:




Nächstes Kapitel: Anamnese in der Gemeinwesenarbeit