Sozialpaedagogische Gruppenarbeit

Aus Soziale Arbeit heute

GA gilt neben Einzelfall- und Gemeinwesenarbeit als dritte traditionelle Methode der Sozialen Arbeit. Jeweils abhängig von den Besonderheiten des Einzelfalls des sozialen Problems und der Persönlichkeit des Klienten, wird man sich zu Beginn eines Hilfeprozesses möglichst schnell entscheiden, ob GA die geeignete Methode ist oder mit anderen Methoden kombiniert werden soll. Es gibt die Möglichkeit, dass verschiedene Methoden während des Hilfeprozesses parallel genutzt werden, sie zeitlich und/oder inhaltlich aufeinander aufbauen oder ggf. auch zwischendurch abgebrochen oder durch eine anderen abgelöst werden.

  • GA kann im Mittelpunkt stehen und durch Einzelfallarbeit flankiert werden. Wenn bsp. in der sozialtherapeutischen Freizeitgruppe ein Teilnehmer seine finanziellen Probleme offenbart, wird i.S. des Prinzips der Allzuständigkeit der Sozialen Arbeit für Abhilfe gesorgt; wenn die Gruppenleiterin dies selber jedoch nicht kann, wird sie ggf. eine Einzelfallhilfe in der Schuldnerberatungsstelle initiieren.
  • GA kann im Hintergrund eine Einzelfallhilfe flankieren, wenn Gabi im Stadtteilzentrum einen Computerkurs besucht, in der Musikgruppe musizieren oder der therapeutischen Reitgruppe reitet, um berufliche Qualifikation, Lebensfreude oder Körpergefühl zu fördern.
  • GA kann auch unterstützend im Hintergrund stehen, wenn die Gemeinwesenarbeit ihre stadtteilpolitischen Anliegen kulturell auf die Straße tragen will und Unterstützer aus der Nachbarschaft mobilisiert. Dann können spezifische sozialpädagogische Gruppenangebote in verschiedenen Bereichen helfen: Die Filmgruppe macht einen Filmvorführschein, sucht Filme aus und bietet Open-Air-Kino an; eine Zeitungsgruppe findet sich, übt sich in der computergestützten Herstellung von Printmedien, übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit (Poster, Flyer) für den ‚Filmsommer' und bringt zeitgleich die Nullnummer der dann regelmäßig erscheinenden Quartierszeitung heraus; einige machen in der Gruppe Straßentheater, -musik und -akrobatik..., bei Bedarf gibt es auch Gruppen, wo Hemmungen abgebaut und freies Reden vor Massen, Presse und Mikrofon trainiert wird...
  • GA kann gleichrangig Angeboten der GWA flankieren, wenn dort gehäuft Gewichts- bzw. Ernährungsprobleme auftauchen. Nicht zuletzt, weil diese Probleme auch das Engagement in der GWA bremsen, sollen sie mit einer gesteigerten Intensität bearbeitet werden, wie sie in der GA -aber nicht in der GWA- möglich ist.
  • GA im Bereich Freizeit und Sport stehen im Jugendclub gleichwertig neben Einzelfallhilfen im Falle von Konflikten mit den Eltern, Liebeskummer oder Schulproblemen.
  • Gruppenangebote für ehemals drogenabhängigen Menschen müssen ggf. vorbereitet werden durch Einzelfallarbeit; teils gelten finanzielle Sicherheit, medizinische Stabilität, gesicherte Wohnsituation oder die Abstinenz von illegalen Drogen als Aufnahmebedingung.
  • Gruppenangebote können aber auch als attraktive niedrigschwellige Möglichkeit genutzt werden, um zu benachteiligten wohnungslosen Jugendlichen Kontakt herzustellen und weitergehende intensivere Einzelfallhilfe einzufädeln.
  • Gruppenangebote nach §29 KJHG müssen durch Einzelfallhilfen abgesichert werden, wenn sich zusätzliche Probleme (Schwangerschaft oder Strafverurteilung) in den Mittelpunkt drängen.
  • (...)




Als Mitarbeiter der Institution, die den Erstkontakt herstellt muss jeweils so schnell wie möglich geklärt werden, ob die selber praktizierten Methoden dem individuellen Hilfebedarf angemessen sind, ob sie ihn gänzlich abdecken können oder ob sie innerhalb der eigenen Institution oder in Kooperation mit einer anderen ergänzt werden müssen; da sich das Hilfeangebot dem Bedarf anzupassen hat, ist auch zu klären, ob der Klient an eine andere Institution weiterverwiesen werden muss.

Bevor die Ausführungen zur sozialpädagogischen GA fortgesetzt werden, erscheint es sinnvoll zu klären, was man überhaupt unter ‚Gruppe' versteht. Die Begriffsinhalte haben sozialpsychologische, soziologische und pädagogische Wurzeln. In ihrem Buch ‚Soziale Arbeit mit Gruppen' hat Schmidt-Grunert (1997) diese Wurzeln für den sozialpädagogischen Gebrauch zusammengeführt. Dieses Buch gilt in der Auseinandersetzung um sozialpädagogische GA als Dreh- und Angelpunkt und bietet sich als Ergänzung an.

Gruppen gibt es seit es Menschen gibt. Seit jeher schließen sich Menschen zusammen, um gemeinsam die Herausforderungen des Lebens besser bewältigen zu können. Um Gruppen besser verstehen und später auch besser mit ihnen arbeiten zu können, sollen zunächst die gemeinsamen Strukturprinzipien identifiziert und jeweils skizziert werden:

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Gruppengröße:

Über die Größe von Gruppen gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen; sie reichen von einer Lebens-, Wohngemeinschaft oder studentischen Arbeitsgruppe über Gewerkschaften oder Parteien bis hin zu den Mitgliedern ‚zivilisierter' Gesellschaften oder ‚Schurkenstaaten'. Spätestens für den sozialpädagogischen Gebrauch machen zu große Zuschnitte keinen Sinn, da die soziale Nähe der Gruppenmitglieder als zentrales Kriterium gilt. Da einige gruppendynamische Faktoren (z.B. Fraktionsbildungen oder Mehrheitsentscheidungen) erst ab drei Mitgliedern zum Tragen kommen, hat sich die Anzahl der Gruppenmitglieder für die Sozialwissenschaften bei 3-24 und bei der Sozialen Arbeit eher bei 3-12 eingependelt. Grob kann man sagen, dass die Stärke einer Gruppe mit jedem zusätzlichen Mitglied überproportional steigt, bis -je nach Gruppenzweck- ein Scheitelpunkt erreicht ist, wo der Koordinierungsaufwand der Mitglieder schneller steigt als die Stärke der Gruppe und der Zusammenhalt an Qualität einbüßt: Die soziale Distanz der Mitglieder steigt, die Prägnanz des Zieles reduziert sich und die Identifikation mit Gruppenführer, -ziel, sowie -erfolg sinkt; es spalten sich Fraktionen, die sich gegenseitig hemmen, eine Opposition kristallisiert sich heraus, der Kontrollaufwand explodiert... Diese Entwicklung beginnt schon, wenn fünf Menschen ein Klavier tragen wollen, wenn zur Party alle Musik mitbringen und auflegen sollen, beim Grillen sich mehrere besonders ambitioniert fühlen oder in einer Abteilung verschiedene Positionen doppelt besetzt sind... Die störenden Einflüsse der Gruppengröße auf Entscheidungsgeschwindigkeit, Qualität der Entscheidungen, Koordinierungsaufwand, Grabenkämpfe, Reibungsverluste... lässt sich mit hoher Prägnanz bei den politischen Parteien beobachten...





[Bearbeiten] Gruppenkultur:

Die Mitglieder einer Gruppe zeichnen sich durch Ähnlichkeit bzgl. sozio-kultureller Merkmale aus. Meist aus gleicher oder nah beieinander liegender sozialer Schicht stammend, sind auch die Unterschiede in der verbalen und nonverbalen Kommunikation, der Kleidung, des Normen- und Wertesystems, der politischen Orientierung, der Freizeitpräferenzen... gering; gegenüber dem sozialen Umfeld unterscheiden sich die Mitglieder bezüglich dieser internen Ähnlichkeiten eindeutig. Mit mehr oder weniger starker sozialen Kontrolle -besser Konformitätsdruck- achtet die Gruppe darauf, dass die Unterschiede zwischen innen und außen Bestand haben. Wegen dieses normierenden und sozialisierenden Einflusses ist die Gruppe als tertiäre Sozialisationsinstanz einzuordnen. Einerseits wird der (subkulturelle) Einfluss durch Gruppe problematisiert, wenn die Gruppennormen und -werte nicht mehrheitsfähig sind; andererseits benutzt die Mehrheit Gruppen zur Durchsetzung und Sicherstellung ihre Mehrheitsnormen und -werte. Sozialpädagogische GA bedient sich genau dieser sozialisatorischen Elemente von Gruppen, um Gruppenmitglieder zu beeinflussen; vor dem Hintergrund staatlicher Normalisierungserwartungen wird sich die GA deshalb besonders darum bemühen müssen, den Nutzen ihres Klientels nachzuweisen.

[Bearbeiten] Gruppenziele:

Man schließt sich zu Gruppen zusammen, um gemeinsam Ziele zu erreichen, die allein entweder gar nicht oder nur mit einem unverhältnismäßig größeren Aufwand zu erreichen sind oder scheinen. Die Ziele sind so vielfältig wie Gruppen allgemein; man will nicht mehr einsam sein, ein Fußballturnier gewinnen, eine Tempo-30-Zone durchsetzen, Wale retten oder ein Klavier tragen..

[Bearbeiten] Gruppenentstehungsgründe:

Gruppen können sich freiwillig konstituieren, um gemeinsames Leid gemeinsam besser zu bewältigen, um Spaß beim regelmäßigen Fußballspielen zu haben, eine Gartenparty durchzuführen oder sich beim Umzug zu helfen.

  • Letzterer Grund ist auch ein BSP für die einfachste Variante von Gruppennutzen: Durch die Anhäufung gleichen Kompetenz (acht Arme tragen das Klavier besser als vier; zwei Arme schaffen es gar nicht) werden Herausforderungen gemeinsam besser bewältigt. Zu beachten ist, dass Arbeiten in der Gruppe nicht proportional besser zu bewältigen ist, sondern überproportional: ‚Die Gruppe schafft mehr als die Summe ihrer Einzelmitglieder': Vier Arme schaffen es nicht doppelt so gut wie zwei, sondern unendlich mal so gut, weil es allein eben gar nicht geht; Acht Arme schaffen es wahrscheinlich nicht doppelt so schnell wie vier, sondern vielleicht drei mal so schnell, zehn Arme schaffen es aber kaum schneller als acht, weil es keinen Platz zum Anfassen mehr gibt...; wahrscheinlich ist zu diesem Anlass bei acht Armen der Scheitelpunkt erreicht über den hinaus neue Mitglieder keine Leistungssteigerung mehr versprechen; vielleicht noch einer zur Koordination oder zum Auswechseln...
  • Der zweite Grund ist etwas komplexer, weil es einer differenzierten Arbeitsteilung bedarf. Es geht um die optimale Koordination unterschiedlicher Fähigkeiten wie sie schon bei dem unsäglichen Aufbau eines Gartenpavillons gefragt ist. Man muss die Explosionszeichnung verstehen, die Leitung übernehmen, die Beteiligten koordinieren, Stangen zusammenstecken, den Stoff drüberziehen, die Heringe im Boden verankern und verhindern, dass alles zwischendurch wegfliegt; dabei sollte die Reihenfolge beachtet und die Geschwindigkeit aufeinander abstimmt werden... Einzelne müssen ggf. nur mal kurz halten, sollen nicht nachfragen warum. Ihnen wird das Gesamtkonzept nicht erläutert; aber keiner darf beleidigt sein über seine Aufgabe, Aufgabenverteilung, Strategie und Führungsstil, damit die Party kein Reinfall wird. Die besonders fixen müssen gezügelt und die langsamen angespornt werden; auch sie dürfen nicht beleidigt sein. Ein technisch versierter Mensch oder einer der sich dafür hält, koordiniert die Handgriffe; der Sozialpädagoge steuert die Emotionen... natürlich kann man so ein Pavillon auch allein aufbauen, braucht dann aber nicht nur doppelt soviel Zeit, sondern -weil auf einer Seite immer wieder etwas auseinandergeht- vielleicht 13 mal soviel, als wäre man zu viert... Betrachtet man das gesamte Fest ist der Gruppeneffekt natürlich noch viel komplexer und wirkungsvoller. Gelingt es, die Stärke der Gruppe zu mobilisieren, wird das Fest nicht nur besonders trocken und schön, sondern sichert jedem -bei einem nur relativ geringem eigenen Einsatz ein Erfolgserlebnis, dass er alleine wahrscheinlich nicht realisiert hätte; alle schmeißen ihre spezifischen Kompetenzen zum Wohle aller in eine Waagschale. Alleine oder zu zweit hätte man den Abend nie oder nur auf Kosten eines unverhältnismäßig hohen Zeitaufwandes, der eigenen Freude und Gesundheit so erfolgreich gestalten können; auch beim besten Willen hätte man zu zweit nicht gleichzeitig Gitarre spielen und zum Singen motivieren, kein ganzes ‚glückliches' Spanferkel billiges organisieren, ein Feuerwerk vorführen, einen spannenden Film zeigen, einen LKW zum Transport der Sitzbänke beschaffen... und eben das Partyzelt aufbauen können... Vielleicht ist der Abend sogar ein Ansporn, sich in Zukunft häufiger mit anderen zusammenzutun... Auch hier wird der Leitsatz der GA verständlich: ‚Die Gruppe ist mehr als die Summe der einzelnen Mitglieder'...
  • In einer Hobby-Sportgruppe steht der ‚Output' der Gruppe im Hinter- und der gemeinsame Spaß -der allein nicht herzustellen wäre- im Vordergrund.
  • Logischerweise können sich Gruppen auch ohne Sozialarbeiter bilden, um soziale Probleme erträglicher zu machen oder zu lösen. Wenn sich Mütter auf dem Spielplatz darüber austauschen, dass sie keine Lust mehr haben, auf ihre Mutterrolle reduziert zu werden; v.a. solange nicht, wie damit keine angemessen Würdigung verbunden ist. Wenn sie sich gegenseitig Mut geben, ihre Interessen zunächst gegenüber ihren Männern durchzusetzen, hätte professionelle GA auch nicht viel mehr bewirken können
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Im Gegensatz zu diesen freiwilligen Gründen gibt es auch zwingende Gründe, in Gruppen zusammen zu kommen; für unsere Arbeit ist es sehr problematisch, wenn die Gruppe nicht freiwillig gesucht wird:

  • Wenn das Jugendamt den Eltern nahelegt, die institutionalisierte familienunterstützende Hilfe der sozialen GA nach §29 KJHG in Anspruch zu nehmen, können die Eltern dem Angebot freiwillig zustimmen. Tun sie dies aber nicht erwecken sie gegenüber der Behörde den Anschein mangelnden Interesses am Wohl des Kindes...
  • Erzwingt der Jugendrichter die soziale GA sogar als Auflage nach JGG, wird das Arbeitsklima beeinträchtigt und die Erfolgswahrscheinlichkeit reduziert.
  • Ist man schon im Jugendknast und nimmt ‚freiwillig' an einer Sportgruppe teil, hat dies sicherlich einen anderen Charakter als außerhalb der Anstalt.
  • Können Jungerwachsene durch ‚freiwillige' Teilnahme an der Anti-Agressions-Trainings-Gruppe ihre Haftzeit verkürzen, kann im eigentlichen Sinne nicht von ‚Freiwilligkeit' gesprochen werden, wenn sich die Teilnehmer zuvor auf dem ‚heißen Stuhl' ihrer Persönlichkeit berauben lassen müssen. Vergleichbar problematisch ist die GA in den amerikanischen militärischen Umerziehungslagern; sog. ‚bootcamps' wo Eltern ihre minderjährigen Kinder abgeben, wenn sie strafrechtliche Probleme haben oder einfach auch nur 'frech' sind, 'widersprechen' oder 'aufreizend gekleidet' rumlaufen.
  • (...)

[Bearbeiten] Gruppendauer:

  • Manche Gruppen verfolgen konkrete Ziele, mit dem Wissen, sich danach wieder zu trennen (Ferienfreizeiten, stationäre Gruppentherapie, Deichschutz während des Elbehochwassers...); hier ist der Zusammenhalt prinzipiell befristet, allein der Zeitpunkt der Trennung kann zunächst unklar bleiben.
  • Ebenfalls befristet allerdings mit einem klaren Ende werden bsp. Wehrpflichtige in der Bundeswehr zu Gruppen zusammengefasst.
  • Sportgruppen, außerparlamentarische Politgruppen oder Schulfreunde haben kein festes Ende vor Augen, beteuern regelmäßig, sich nie trennen zu wollen, tun dies dann in ziemlicher Regelmäßigkeit aber doch.
  • (...)

Von Gruppen kann nur gesprochen werden, wenn mehrere Menschen sich zusammenschließen und dann längere Zeit mit wenig Fluktuation, gemeinsam, gemeinsame Ziele verfolgen. Wenngleich sich nicht genau quantifizieren lässt, was unter ‚längere Zeit' genau zu verstehen ist, handelt es sich in allen BSP um Gruppen; selbst wenn die Ferienfreizeit oder das Hochwasser nur eine Woche dauert.

[Bearbeiten] Gruppenidentität:

Ausgehend von Gruppenkultur und gemeinsamen Ziel entwickelt sich ein ‚Wir-Gefühl' unter den Mitgliedern; soziologisch als ‚kollektive Identität' bezeichnet. Durch die in Gruppen erhöhte Emotionalität und gegenseitigen Ermunterungen kann sich die Motivation zur Zielerreichung hochschaukeln und eine Eigendynamik entwickeln, die einer individuellen Zielverfolgung fremd ist. Einerseits fördert dieses ‚Wir-Gefühl' die Immunität gegenüber Kritik von ‚außen'; dient so als Schutz vor Stigmatisierung. Andererseits kann genau dieser Schutz vor äußeren Bedrohungen eine rechtzeitige Anpassung, sowohl des individuellen als auch des kollektiven Verhaltens an die Erwartungen des sozialen/gesellschaftlichen Umfeldes, verhindern. ‚Innen' und ‚Außen' haben für Gruppen wechselseitig eine starke symbiotische Bedeutung; ohne ‚Außen' nehmen sich die Menschen nicht als Gruppe wahr; ohne ‚Innen' wird die Gruppe von außen nicht als Gruppe wahrgenommen. Man fühlt sich in der Gruppe oft stärker und unangreifbarer als es in Wirklichkeit der Fall ist und verpasst leicht die Chance, sich rechtzeitig der Eigendynamik zu entziehen, bevor die Abgrenzung von der ‚Normalität' den Punkt überschreitet, an dem sich das zuvor diffuse soziale Umfeld zum Widerstand gegen die ‚abweichende' Gruppe formiert oder sich justitielle Probleme aufdrängen. Gruppenmitglieder benutzen oft die Worte ‚wir' oder ‚uns', um sich gegenseitig immer wieder ihrer Zugehörigkeit zu verdeutlichen, sie verbinden sie regelhaft mit guten Eigenschaften und versuchen, diese kollektive Identität symbolisch nach außen absichern. Dies können bestimmte Modestile, Begrüßungsrituale, Autos, Körperhaltungen, Sprachstile... sein oder bestimmte Getränke, Speisen oder Drogen, sowie die Form, diese zu konsumieren. Worte wie ‚die', ‚denen', ‚ihr' und ‚euch' werden besonders häufig benutzt, stereotyp mit negativen Eigenschaften versehen und eingesetzt, um andere aus- und sich abzugrenzen und so die Gruppenidentität zu stärken. Man muss schon genau hinschauen, um diesen Mechanismus zwischen Gras-Kiffern und Hasch-Kiffern zu entdecken; in der Pogromstimmung 1992 wurde die identitätsstiftende Funktion von Abgrenzungen jedoch in fast idealtypischer Weise dokumentiert.





[Bearbeiten] Gruppenkommunikation:

Die Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer Gruppe grenzt sich nicht nur in Form, sondern v.a. auch in Dauer, Häufigkeit und Stärke von jener im sozialen Umfeld der Gruppe ab. Man kann Gruppenmitglieder deswegen in größeren Ansammlungen von Menschen daran identifizieren, dass ihre Kommunikation ‚verdichtetet' bzw. ‚dichter' ist. Je dichter die Kommunikation, desto geringer sind auch die räumlichen und körperlichen Abstände, die bei Nicht-Gruppenmitgliedern Gefühle des Unbehagens auslösen würden. Unter den Gruppenmitgliedern ist diese in cm messbare Distanz generell geringer als gegenüber Nichtmitgliedern; aber auch innerhalb der Gruppe kann man anhand von Kommunikationsdauer, -häufigkeit und -intensität, sowie des Körperabstandes feststellen, zwischen welchen Mitgliedern das wechselseitige soziale Interesse am Stärksten ist und welche Personen Schlüsselfunktionen in der Gruppe innehaben.

[Bearbeiten] Gruppenkonflikte:

Die sozio-kulturellen Besonderheiten von Gruppen begünstigen soziale Konflikte in mehreren Konstellationen:

  • Zwischen verschiedenen Gruppenmitgliedern,
  • zwischen Mitglied und Nichtmitglied,
  • zwischen Mitglied und Gesellschaft,
  • zwischen verschiedenen Gruppen,
  • zwischen Gruppe und einem Mitglied,
  • zwischen Gruppen und gesellschaftlicher Mayorität und
  • In sich selbst, durch Doppelmitgliedschaften in verschiedenen Gruppen
  • (...)

[Bearbeiten] Gruppenrollendifferenzierung:

Gruppen weisen vertikale und horizontale Differenzierungen auf, um die Entscheidungsfindungen in mehr oder weniger demokratischer Weise optimieren und komplexe Herausforderungen arbeitsteilig besser bewältigen zu können. Regelhaft entwickelt sich in Gruppen Hierarchien zwischen unterschiedlich hoch bewerteten Funktionen und damit auch zwischen den Personen, die jene Funktionen ausüben. Die Wertschätzung der Personen ergibt sich aus dem Wert, den die Gruppenmitglieder einzelnen Funktionen zuschreiben; dies kann je nach Situation variieren. Dieser Wert stimmt nicht zwingend mit dem objektiven Gruppennutzen überein; tendenziell werden introvertierte Mitglieder bezogen auf ihren objektiven Nutzen unter- und extrovertierte überbewertet. Einige Rollen bilden sich quasi regelhaft in allen Gruppen heraus und werden idealtypisch bezeichnet als ‚Führer', ‚Sündenbock'‚ ‚Mutti', ‚Sozialpädagoge' (als Gruppenrolle), ‚Mitläufer oder Soldat', ‚Polizist', ‚Sorgenkind', ‚Minister'‚ ‚Clown', Lehrer', ‚Außenseiter (gewollt oder ungewollt)', ‚souveräner oder ängstlicher Zuschauer'... ‚Oppositionsführer'; gibt es eine reale oppositionelle Untergruppe, dann können dort alle Rollen ein zweites mal vorkommen.

Die folgenden BSP können die Unterschiede verdeutlichen zwischen Gruppen und anderen Ansammlungen von Menschen, die sich nicht als Gruppe charakterisieren lassen:

1. Wenn am langen Samstag die Menschen durch die Einkaufsstraßen strömen stellen sie keine Gruppe dar, selbst wenn alle das gleiche Ziel haben, Schnäppchen zu machen. Die sozialen Distanzen in der Anonymität des Einkaufens sind groß; es fehlt die intensive soziale Interaktion, die zur Ausbildung von spezifischen Gruppennormen und -rollen führt. Die gemeinsamen Normen (nicht anrempeln, Tür aufhalten, alten Menschen die Tasche tragen...) sind genereller Art und lassen sich nicht aus dem gemeinsamen Einkaufserlebnis herleiten. Es kann nicht zuletzt auch deshalb keine gemeinsame Klärung darüber gefunden werden, ob es eine Gruppenkonvention sei, sich gegenseitig Schnäppchen wieder aus der Hand zu reißen, weil die Teilnehmer keine längeren Zeitläufe miteinander verbringen und die Anzahl der Teilnehmer unübersehbar ist. Entstehende Konflikte sind individueller zwischenmenschlicher Art und keine Gruppenkonflikte.

2. Wenn in einem Konzert hunderte von Menschen auf die Bühne gucken, haben sie ggf. ein gemeinsames Ziel, können aber nicht als Gruppe bezeichnet werden, da ihr Zusammenkommen zeitlich befristet ist, es zu keiner funktionalen Ausdifferenzierung kommt und die Anzahl der Menschen zu groß ist. Obwohl im Punkkonzert wie auch bei André Rieu gewisse subkulturelle Identitäten, Konventionen oder Äußerlichkeiten festzustellen sind, welche die Menschen einen und gemeinsam von der Umwelt unterscheidbar machen (bunte Haare, zerrissene Klamotten, Pogotanzen und Biertrinken statt Anzüge, Abendkleider, im Sessel seicht mit dem Oberkörper schwingen und Champagner trinken...) fehlt die signifikant größere kommunikative Dichte zwischen Innen und Außen.

3. Ähnlich verhält es sich sowohl in einem ganzen Zug, einem Waggon, als auch in einem einzelnen Abteil der Eisenbahn.

4. In einem Fahrstuhl trotz räumlicher Nähe, geringer Anzahl, ggf. gleicher anvisierten Etage und geringer Körperdistanz kann man nicht von einer Gruppe sprechen. Die Zeit ist gering, das Zusammentreffen ist nur begrenzt freiwillig und die Nähe ist keineswegs ein Zeichen besonderer Sympathie und wird nur für den kurzen Moment in Kauf genommen...; wegen der geringen Zeitspanne können sich auch keine anderen Gruppenmerkmale entwickeln.

5. Im Gegensatz zu kleinen Seminarveranstaltungen, die über zwei Semester das Jahrespraktikum begleiten, können in großen Vorlesungen kaum Gruppenelemente zum Tragen kommen und den Lernerfolg qualitativ steigern.

(...)

Es gibt jedoch mehr oder weniger kleine Anlässe, die mehr oder weniger schnell aus distanzierten anonymen Individuen und Massen Gruppen entstehen lassen; eindrucksvolle und umfangreich dokumentierte BSP i.d.S. waren in letzter Zeit die Zerstörung der ‚Twin-tower' in New York, sowie das Elbehochwasser 2002. Im Vergleich zu diesen Ereignissen kleinste Anlässe zu initiieren und kontrolliert zu steuern, ist eine der Qualifikationen von sozialpädagogischen Gruppenarbeitern, um Gruppen zu bilden und zu stärken:

1. Wenn jedoch das samstägliche Einkaufsvergnügen durch eine Demonstration gestört wird, können sich schnell gruppenähnliche Strukturen entwickeln. Der Demonstrationszug markiert durch seine klaren Konturen plötzlich eine Linie zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Konsumteilnehmer und Demonstranten. Das Bewusstsein für die Zugehörigkeit zur Gruppe der Konsumenten wird erst durch die markante Gegenüberstellung der Nicht-Einkäufer geschärft. Schlagartig entwickelt sich ein kollektives Gefühl, gestört zu sein und eine Form gruppenkollektiven Widerstandes. Sich der eigenen Interessen bewusstwerdend, kann man den Gruppenkonflikt suchen. Schnell kristallisieren sich zwischen den Beteiligten unterschiedliche Rollen heraus. Einige schreien, man solle doch arbeiten gehen, andere fühlen sich auch gestört, wenden aber ein, dass das Demonstrationsrecht doch ein verfassungsrechtlich hohes Gut sei und man vielleicht auch einige Störungen in Kauf nehmen sollte; Gewerbetreibende nötigen den Einsatzleiter der Polizei, die Demonstranten schnell zu vertreiben und spendiert den Beamten Kaffee und Kuchen. Andere Passanten suchen selbst die körperliche Auseinandersetzung oder weisen in der Rolle von Hilfssherrifs darauf hin, dass einige Demonstranten vermummt sind und dass dies doch verboten sei... Wenn die Gegenmobilisierung reibungslos funktioniert und sich ein juristisch phantasievolles Mitglied findet kann sogar spontan eine Gegendemonstration angemeldet werden... Wenngleich die Zeitspanne kurz ist kann sich angesichts der Intensität der Situation zwischen den vorher anonymen Personen schnell die Kommunikation derart verdichten bzw. die soziale Distanz verringern, dass eine Gruppenstruktur entstehen, die sich dann aber ebenso schnell wieder auflöst. Das gemeinsame Ziel und die geringen kulturellen Unterschiede derer, die sich samstäglich in der Innenstadt ins Getümmel stürzen; sind sicherlich förderliche Elemente der Gruppengründung.

2. Auch bei klassischen Konzerten kann man davon ausgehen, dass man sich innerhalb eines gewissen Spektrums darüber einig ist, was innerhalb der Situation angemessenes oder störendes Verhalten ist. Während sich in den ersten Reihen des Punkkonzertes keiner beschweren wird, beim Tanzen angerempelt zu werden, kann sich in der Loge schnell eine Gruppensituation entwickeln, die sich während der Pause entlädt, wenn in einer Loge zwischendurch zu laut miteinander geredet wird. Ein so kleiner Konflikt braucht jedoch einen kleinen überschaubaren Raum, der nur eine geringe Anzahl von Menschen umfasst, um Gruppenstrukturen zu begründen. Um in größeren Ansammlungen gruppendynamische Prozesse zu initiieren, bedarf es umfassendere und/oder bedrohlichere Anlässe. Wenn bsp. die Polizei das Punkkonzert wegen Ruhestörung beenden möchte oder Neonazis Scheiben einschmeißen und die Tanzenden mit Gas beschießen... Aussagen von überlebenden Geiseln aus dem Moskauer Theater 2002 haben bestätigt, dass angesichts der unvorstellbaren Bedrohungssituation sich selbst unter den knapp 1.000 einander vorher unbekannter Menschen -hatte sich die erste Panik gelegt- ähnliche Gruppenprozesse entwickeln konnten, wie sie bei der im Oktober 1977 entführten Lufthansamaschine ‚Landshut' rekonstruiert wurden.

3. Jeder und jede hat vielleicht schon die Erfahrung gemacht, dass sich in den 6er-Abteilen der Deutschen Bahn gefördert durch die übersichtliche Sitzordnung und geringe Zahl nach einem vorsichtigen ‚Beschnuppern' nach schon einer halben Stunde nette Gespräche ergeben haben; hat das andere Abteil ggf. Lärm und Müll produziert, waren die Toiletten verstopft oder dreckig und der Kaffee zu klein und teuer hat man sich ggf. sogar gemeinsam ereifert, sich lauthals beschwert... Bis hierher soll noch nicht von Gruppe geredet werden, sondern allein verdeutlicht werden, dass in den Großraumwagen mit mehr als 100 Plätzen (v.a. hintereinander angeordnet) diese Intensität des Kontaktes und der Kommunikation nicht einmal theoretisch möglich ist. Heiligabend 2002; als die Züge voll von Menschen, die mit höchster Motivation auf dem Weg zu ihren Liebsten waren, die Hoffnung, nach stundenlangem Stehen auf freier Strecke noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen, aufgeben werden musste, sich zunächst gegenseitig der Frust und später auch der Name mitgeteilt und zum Schluss Christstollen, Weihnachtsgebäck, Glühwein und andere Leckereien gemeinsam verspeist wurden, waren einer unübersehbaren Anzahl von 6er-Gruppen gebildet. Die mit bis zu 12 Stunden verspätet angekommenen Menschen berichten -mit etwas Abstand- fast begeistert, von ihren großartigen Gruppenerlebnissen, wo Musikinstrumente ausgepackt wurden und sich sogar die größten Feinde von Weihnachtsliedern der Gruppendynamik nicht haben entziehen können...

4. Je kürzer normalerweise die Zeitdauer ist, in der sich Menschen in besonderen Situationen begegnen, desto länger und intensiver werden sie wahrgenommen, wenn sie sich außerplanmäßig verlängern. Befindet man sich zudem gefangen in der Enge eines stecken geblieben Fahrstuhls, entwickelt sich getrieben von Angst und der fehlenden Möglichkeit, sich der Situation schnell zu entziehen, schnell Kommunikations- und Gruppenstrukturen; es können sich ‚Beschützer'-, ‚Mimosen'-, ‚Angeber'-, ‚Techniker'-, ‚Pfarrer'-, ‚Philosophen-' oder ‚Retter'-Rollen herauskristallisieren...

5. Auch in großen Lehrveranstaltungen können schlagartig Gruppenstrukturen entstehen, wenn den Studenten im wahrsten Sinne des Wortes die Decke auf den Kopf fällt. Nach etwa 15 Minuten, nachdem der erste Schockzustand überwunden ist, entwickeln sich Gespräche höchster Intensität. Später Hinzukommende erkennen allein an Gesichtsausdrücken, überakzentuierter Gestik und hoher Gesprächsintensität, wer betroffen ist. Die optische Trennung zwischen ‚Gruppenmitglieder' und ‚-nichtmitglieder' manifestiert sich im Gespräch zur unüberwindbaren Hürde, die kein Außenstehender überwinden kann, um inhaltlich mitzureden. Gruppenarbeiter können allein formal moderieren, Fremd- und Selbsthilfepotentiale mobilisieren und vernetzen und ggf. das emotionale Vakuum zu überwinden helfen, indem sie zuhört, mal eine Hand hält oder auch jemanden still in Arm nimmt. Signale von Außenstehenden, man könne verstehen, wie sich alle fühlen, erhalten schnell den Charakter von Überheblichkeit und provozieren Widerstand...





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Anlässe können um so schneller vormals individualisierte und anonyme Menschen zu Gruppen ‚zusammenschweißen' oder zwischenmenschliche Differenzen in den Hintergrund drängen, je kleiner die Anzahl der Menschen ist, je klarer sie räumlich oder gegenüber einer anderen Gruppe abgegrenzt ist, je geringer ihre Fluktuation ist, je größer die Notlage oder Bedrohung von außen wahrgenommen wird, je schwerer man sich ihr entziehen kann, je geringer die kulturelle Distanz der Betroffenen ist, je näher ihre Ziele beieinander liegen und je länger die besondere Situation auf die Menschen einwirkt.

Haben wir Gruppen identifiziert, müssen wir eine Vorstellung über das allgemeine Innenleben von Gruppen gewinnen, um als Sozialpädagoge strategisch in und mit Gruppen arbeiten zu können. Wenn Gruppen quasi natürliche Gruppeneigenschaften besitzen, müssen wir sie kennen, um sie während einer Gruppenanamnese zu Beginn unserer Arbeit in bestehenden Gruppen identifizieren und sie ansonsten sowohl gezielt einsetzen, als auch gezielt vermeiden zu können. Einige soziologische und sozialpsychologische Forschungsergebnisse sollten skizziert werden, welche Anhaltspunkte für die sozialpädagogische GA bieten. Dabei geht es um:

1. Gruppenstruktur und Rollendifferenzierung

2. Inklusion und Exklusion

3. Phasenmodell des Gruppenprozesses und gruppendynamische Aspekte

4. Autorität und Gehorsam

[Bearbeiten] Gruppenstruktur und Rollendifferenzierung:

Überall wo das Innenleben von Gruppen erforscht wurde konnten eindeutige Strukturen identifiziert werden. Auch ohne formelle Festlegung bestand zwischen den Mitgliedern mehr oder weniger Einvernehmen darüber,

  • wie in welcher Situation Informationen innerhalb der Gruppe fließen und Entscheidungen getroffen werden,
  • wer, wann und ob überhaupt in welcher Situation von Informationen erreicht und wie an Entscheidungen beteiligt wird,
  • welche Positionen in welcher Situation grundsätzlich von welcher Rolle oder Person zu besetzen sind,
  • wer welche Rolle spielt und welche Bedeutung sie in welcher Situation erhält,
  • (...)

Es wurde deutlich, dass die Situation, in der sich die Gruppe befindet maßgeblich die Struktur der Gruppe bestimmt. Die Rolle des ‚Führers' kann sich in ruhigen Zeiten auch in hintere Reihen zurückziehen, besetzt dann aber auf jeden Fall wieder die zentrale Position, wenn sich die Gruppe in akuter Gefahr befindet. Schnell müssen nun Informationen fließen und Entscheidungen getroffen werden. Dann können ggf. nicht mehr alle Mitglieder beteiligt werden und die ‚Gruppenclowns', ‚Gruppenmütter', ‚Gruppensozialpädagogen' werden an den Rand des Gruppengeschehens gedrängt... Nachdem die Gruppe eine Gefahr bewältigen und ein Etappenziel erreichen konnte, lässt sich der ‚Führer' zunächst feiern und kann dann partiell die zentrale Position des Gruppengeschehens zu Gunsten eines ‚Clowns' freigeben, der die gute Stimmung möglichst lange konserviert, um bei den Mitgliedern, die zuvor unbeteiligt waren, Motivation zurück zu gewinnen. Nach einer Niederlage muss der ‚Führer' ggf. nicht nur partiell die zentrale Position an die ‚Gruppensozialpädagogen' abgeben, um die Trauerarbeit managen zu lassen, sondern seine Rolle als ‚Führer' vielleicht sogar generell mit der Rolle des internen ‚Oppositionsführers' tauschen. Kehrt dann der Gruppenalltag wieder zurück, wird ggf. die zentrale Position arbeitsteilig auf mehrere Personen aufgeteilt. Der ‚Führer' teilt sich mit den ‚Ministern' gleichrangig die Koordination des Geschehens. Nun muss auch die Beteiligung der ‚Gruppensoldaten', die vorher aus Informationsfluss und Entscheidungsfindung herausgehalten wurden, initiiert werden, um Identifikation zurück zu gewinnen und Loyalitäten zu sichern. Sie dürfen nun am Gruppen-Logo mitarbeiten, die Farbe der Flagge aussuchen oder die Weihnachtsfeier vorbereiten... Punktuell wird sogar, zeitlich begrenzt, die zentrale Position vorher unbedeutenden Rollen übertragen: wie dem ‚Lehrer', der interne Fortbildungen anbietet, dem ‚Handwerker', der die Renovierung des Gruppenraumes organisiert... und manchmal sogar dem ‚Außenseiter', der sein Ferienhaus zur Verfügung stellt und alle zu einem Kurzurlaub einladen darf... Mangels äußerer Bedrohungen gewinnt in ‚friedlichen' Zeiten der ‚Sündenbock' an Bedeutung, um die Gruppe nach innen zu festigen. Obwohl alle über ihn schimpfen, ist er nun einer der unersetzlichen integrativen Bestandteile der Gruppe, da er Kritik und Schuld auf sich nimmt und somit Spannungen und Reibungsverluste unter den anderen abbaut. Diese können sich nun solange gemeinsam über ihn ärgern und untereinander ihre latent schwelenden Streitpunkte verdrängen, bis die nächste große Herausforderung kommt. Der Ärger darf natürlich die Grenze nicht überschreiten, wo der ‚Sündenbock' die Gruppe verlässt und die Streitpunkte zwischen den anderen Mitgliedern dürfen nur von untergeordneter Bedeutung sein, damit es klappt, sie zu verdrängen. Wenn der Gruppenalltag zurückkehrt und sich partiell ein Gefühl von Stagnation einstellt, sind es aber genau diese nachrangigen Probleme, die sich regelhaft zu ‚Nebenkriegsschauplätzen' hochschaukeln und Energie wie Zeit binden, welche der Gruppe an anderer Stelle fehlt: Darf im Rahmen von Gruppenveranstaltungen geraucht werden, darf man in einem Raum mit vereinzelten Vegetariern ein Wurstbrötchen essen, warum hat Peter einen neuen Drucker, obwohl er auch schon einen besseren Stuhl hat als ich, ist Michael ein besserwisserischer profilneurotischer Angeber oder Michaela eine schüchterne, feige Ja-Sagerin... Die zweite integrative Kraft, die in ruhigen Zeiten an Bedeutung gewinnt, ist die ‚Gruppenmutti'. Wenn's nichts Spannendes gibt, sorgt sie durch regelmäßige Gespräche am Rande dafür, dass die Stimmung nicht kippt oder unnötige Grabenkämpfe und Mobbing das Alltagsgeschehen bestimmen. Sie führt den Geburtstagskalender, bring dann immer den Kuchen vorbei und organisiert kleine Feierlichkeiten. Sie nimmt Anteil an privaten Problemen der Mitglieder und kann jedem Tipps geben, wie sie anderen Gruppenmitgliedern eine Freude machen können oder ob diese fest gebunden oder noch solo sind... Der hier grob skizzierte Strukturwandel in Abhängigkeit zur Situation konnte von der Forschung und kann von der Sozialen Arbeit (im Rahmen der Anamnese bestehender Gruppen) nur in Erfahrung gebracht werden,

  • wenn man durch teilnehmende Beobachtung oder Rekonstruktionen in verschiedenen Situationen verfolgt, wie Informationen fließen, Entscheidungen fallen, Positionen und Rollen an Bedeutung gewinnen oder verlieren und sich die sozialen Beziehungen zueinander verändern oder
  • wenn man die Mitglieder zu einem Zeitpunkt hypothetisch fragt, wer im Falle welcher Situation warum wichtig für die Gruppe wäre.





Ergebnisse:

  • Gruppen die darauf achten, auch in ‚ernsten' Zeiten alle Mitglieder gleichberechtigt mit Informationen zu versorgen und an den Entscheidungen zu beteiligen, zeichnen sich zum einen durch eine kontinuierlich hohe Zufriedenheit der Mitglieder, eine hohe Integration, eine lange Lebensdauer, sowie geringe interne Konflikte und Fluktuation aus. Dafür sind sie auf der anderen Seite schwerfällig und unflexibel, brauchen viel Zeit für Entscheidungsfindungen. Die ist besonders dann der Fall, wenn Entscheidungen nicht nur nach dem Mehrheits- sondern sogar nach dem Konsensprinzip getroffen werden. Da jedes einzelne Mitglied somit quasi ein Vetorecht hat, wenn es seine Interessen nicht ausreichend gewürdigt sieht, haben die Entscheidungen eine wesentlich höhere Qualität, sowie längere Halbwertzeiten und fördern in größerem Maße die kollektive Identität der Gruppe als es Mehrheitsentscheidungen vermögen. Einige Anhaltspunkte lassen in Untersuchungen auf diese Art von Gruppen schließen: Alle Mitglieder sind am Gruppengeschehen in annährend gleichem Ausmaße beteiligt und zeichnen sich allseits durch umfassende, detaillierte Kenntnis der aktuellen Herausforderungen der Gruppe aus. Keiner dominiert durch besonders häufige oder etwa lautstarke Einflussnahme, alle Mitglieder haben annährend gleich viele und wechselseitige Kontakte innerhalb der Gruppe, nehmen untereinander die gleiche Körperdistanz ein und reagieren aufeinander in gleicher aufmerksamen, wertschätzender aber selbstbewussten Art und Weise. Die Frage nach den wichtigsten Mitgliedern löst in diesen Gruppen die meisten und größten Irritationen aus. Zwar können hier nicht weniger Rollen benannt werden, als in anderen Gruppen, jedoch fehlt ihnen die hierarchische Zuordnung von Positionen.
  • Andere Gruppen versuchen ihre Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, um gegenüber neuen Herausforderungen flexibler reagieren zu können; dabei wird die Beteiligung der ‚einfachen' Gruppenmitglieder generell reduziert und in ‚ernsten Zeiten' fast gänzlich eingestellt: Abgesehen von der sehr hohen Mitgliederzahl der SPD in Partei, Parlament und Regierung, lassen sich in dieser Partei sowohl alle klassischen Elemente einer Gruppe, als auch der eben erwähnte Umstrukturierungsprozess mit hoher Prägnanz identifizieren: Die sich allgemein mit dem Zwang zur ‚Modernisierung' der Partei begründeten und sich abhängig vom zeitlichen Bezug zum Wahltermin offenbarenden Veränderungen der Gruppenstruktur, bieten viele Anhaltspunkte, um auch andere Gruppen besser analysieren zu können. Die Betrachtungen von Parteien hat den Vorteil, dass ihren Gruppenprozessen dank medialer Aufmerksamkeit im Vergleich zu kleineren Gruppen ein hohes Maß an Transparenz zukommt. Erinnern wir uns an den Wahlkampf 1998: Wie das Wort ‚Parteispitze' veranschaulich, gibt es in den Volksparteien traditionell eine klare Hierarchie, an deren Ende die aktiven ‚Parteisoldaten' und passiven ‚Karteileichen' stehen, die gleichsam kaum Einfluss auf die Entscheidungen der Partei haben. Die aktiven ‚Parteisoldaten' können allein mittelbar Einfluss nehmen, indem sie in ihrem Kreis Delegierte bestimmen und in die Bundesparteitage entsenden. Dort geht es dann jedoch nicht darum, gemeinsam die Inhalte der Partei zu entwickeln, sondern v.a. darum, sich für die einen oder anderen vorgefertigten Anträge verschiedener sog. ‚strategischer Zentren' zu entscheiden. Diese Zentren setzen sich in unterschiedlicher Konstellation zusammen aus Parteivorständen, Parteigeschäftsführern, Fraktionsvorsitzenden aus Bund und Ländern, Ministerpräsidenten der Länder und einzelnen Mitgliedern aus Bundestag und -rat; alle zusammen profilierte Mitglieder der Parteispitze. Während auch schon 1998 die Inhalte in Hintergrund gedrängt waren, konzentrierte sich die Diskussion zunächst auf die Auswahl des Kanzlerkandidaten zwischen Schröder und Lafontaine. Dabei ging es zwar nicht um konkrete Inhalte; es standen jedoch zumindest noch zwei grobe gegensätzliche Zielvorstellung zur Auswahl: Mit der Entscheidung für Lafontaine hätte man sich eher für die traditionellen Ziele und Zielgruppen der SPD; also der Parteinahme für Arbeiter und sozial benachteiligten Menschen ausgesprochen und für die Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von ‚oben' nach ‚unten'. Schröder hat sich, mit seinem Ziel, die Partei zu modernisieren und den traditionellen ‚Ballast' abzuschmeißen, durchgesetzt. Man orientiert sich nun (scheinbar geeint) an den Leistungsträgern und Modernisierungsgewinnern der Gesellschaft und entfernt sich Zusehens von dem traditionellen Wählerklientel. Mit Lafontaine als ‚interner Oppositionsführer' in der Rolle des Wirtschaftsministers und Parteivorsitzenden war der traditionelle Flügel jedoch weiterhin mächtig und profiliert vertreten.

Zuvor, nach der Wahl des Kanzlerkandidaten wurde der Einfluss der ‚normalen' Parteimitglieder gänzlich zurückgedrängt und das Geschehen der Partei/Gruppe auf die ‚Führerrolle' fokussiert, welche Schröder einnahm. Selbst die Mitglieder des sog. ‚Schattenkabinetts' und der Parteiführung hatten, gegenüber der extra befristetet eingerichteten Rolle des ‚Wahlkampfmanagers' und des gesondert etablierten ‚Wahlkampfteams', kaum Einfluss. Glaubt man den Äußerungen Schröders, hatten sie sogar weniger Einfluss als seine Ehefrau, welche seitens der Partei/Gruppe eigentlich keinerlei Mandat hatte. Mit dieser Strategie setzte die Gruppe alles auf eine Karte, die Person Schröders und den kleinen Kreis seiner unmittelbaren Unterstützer. Je stärker eine Person der Gruppe in den Mittelpunkt gerückt wird, desto stärker wächst auch seine Verantwortung und das Risiko, im Falle des Scheiterns nachhaltig jeglichen Führungsanspruch zu verlieren. Nach dem Wahlsieg gab es nun dennoch quasi eine Pattsituation in der Bundesregierung zwischen den beiden Lagern Schröders und Lafontaine, die -um Schaden für die gesamte Partei abzuwenden- aufgelöst werden musste. Lafontaine trat zurück und Schröder übernahm zusätzlich zur Rolle des Regierungschefs auch noch die des Parteichefs. Der Wahlkampf 2002 wurde dann mangels Alternative noch stärker zu einem Personenwahlkampf nach US-amerikanischem Muster hochstilisiert. In dem Maße, wie sich die Programmatik der großen Parteien immer stärker annährt, reduzierte sich die Wahl auf die Entscheidung zwischen zwei Personen. Auch die CDU/CSU setzten alles auf eine Person, Edmund Stoiber.

Schröder ist nach Lafontaines Rücktritt zwar auf zwei Ebenen formal bemächtigt, die Partei zu vertreten; die innerparteiliche Opposition ist dadurch jedoch nicht neutralisiert, sondern noch viel stärker um ihr Profil bemüht. Alle Versuche, sie zu unterdrücken muss mit einer Erhöhung der Kontrolle bezahlt werden; alle Versuche, sie zu integrieren erfordern Kompromisse, die das Profil der Partei verschwimmen lassen. Allein vor der nahenden Wahl beugt man sich den Sachzwängen und ordnete seine Interessen ‚der Sache' -letztendlich eben der Person Schröders- unter. Um so stärker reklamieren sie nach der erfolgreichen Wahl, eine Belohnung für ihre Loyalität. Diese Fokussierung des vermeintlichen Gruppeninteresses auf eine Person ist riskant: teils repräsentiert diese eine Person sogar weniger als die Summe der (innerparteilichen) oppositionellen Interessen. Sie kann sich dann allein deshalb behaupten, weil die Opposition selbst nicht gleichzeitig am gleichen Strang zieht. Parteien als Gruppe neigen in (heutigen) Zeiten großer Herausforderungen dazu, sich stärker auf eine guten Außenwirkung und auf Machterhalt zu konzentrieren, als durch programmatische Seriosität zu überzeugen. Der kollektive Anspruch, dass gesellschaftliche Umfeld gestalten zu wollen wird in das Gegenteil verkehrt, sich am Zeitgeist und an kurzfristigen oberflächlichen externen Erwartungen auszurichten. Eine Straffung der Führung ist dann folgerichtig und unersetzlich, um schnell ‚die Fahne in den Wind hängen' zu können. Das öffentliche Bild der Gruppe beginnt in seiner Bedeutung die Integrität der Gruppe zu dominieren; auf den Punkt gebracht: Erst muss die Frage ggf. juristisch geklärt werden, ob des Kanzlers Haare gefärbt sind, bevor die innerparteiliche Meinungsbildung über die Frage nach dem Selbstverständnis von ‚sozialer Gerechtigkeit im neuen Jahrhundert beginnen darf... Um das ‚Wir-Gefühl' auf einem existenziellen Mindestniveau zu halten und ein labiles Gleichgewicht zwischen den internen Interessensgruppen zu steuern, bedarf es nun zunehmend Energie und zahlreicher gradueller Zugeständnisse. Als verbindende Elemente lassen sich keine Konsense mehr herstellen, sondern nur noch befristete fragile Kompromisse. Verschwimmt das Profil der Gruppe, sinkt die kollektive Identität (Parteiaustritte, Verlust der Stammwähler) und später auch die Legitimation im gesellschaftlichen Umfeld. Eine Gruppe die ihre Entscheidungsprozesse im Falle der Herausforderung auf einen kleinen elitären Kreis beschränkt, um schlagkräftig und flexibel zu sein, muss sich in Zeiten der Entspannung um ihre partiell an den Rand gedrängten Mitglieder kümmern, will sie Blockaden auf unteren Ebenen, sowie interne Spaltungen vermeiden. Wenn auf die Reintegrationsbemühungen verzichtet wird, stattdessen der ‚Führer' auch nach der gewonnenen ‚Schlacht' droht, dass Boot zu verlassen, wenn nicht alles nach seiner Pfeife tanzt, läuft die Gruppe Gefahr, dass die Kommunikation zu einzelnen beleidigten Gruppenteilen gänzlich abreißt. Der Begriff des ‚Medienkanzlers' bringt die Situation auf den Punkt, wenn externe Interessen dem ‚Führer' wichtiger zu sein scheinen als jene der einfachen Mitglieder. Gekränkt ziehen sie sich zurück, verdichten die horizontale Kommunikation innerhalb der Teilgruppe der ‚normalen' Mitglieder und bilden ggf. sogar eigene Gruppenstrukturen, welche sich zu Lasten der Gesamtgruppe etablieren möchte...

Die Frage nach dem wichtigsten Mitglied wird bei den Mitgliedern einer hierarchisch strukturierten Partei keine Irritationen auslösen; wenn man jeweils nach den vielleicht 10 wichtigsten Mitgliedern fragt, kann man bei Häufungen bestimmter Personen erste Hinweise dafür erhalten, dass es mehrere wichtige Gruppenfraktionen gibt. Will man sich dessen vergewissern kann man beobachten, ob rund um diese Personen eine verdichte Kommunikation mit geringerer sozialer Distanz besteht; sind die anderen wichtigsten Personen von diesen Verdichtungen nicht einbezogen, kann man davon ausgehen, dass oppositionelle Fraktionen vorhanden sind. In einer Befragung, mit welchen anderen Mitgliedern man selber am häufigsten oder intensivsten Kontakt hat, lassen sich wahrscheinlich unterschiedliche Hierarchiestufen erkennen und grafisch veranschaulichen. Vielleicht haben die ‚Parteisoldaten' untereinander viele und gute Kontakte (horizontale Kommunikation), während Kontakte zur Parteispitze abgebrochen bzw. einseitig sind (vertikale Kommunikation von ‚oben' nach ‚unten'). Die Hierarchie wird auch dadurch verdeutlicht, wie sich Redezeiten über die Mitglieder verteilen, wie sich regelhaft welche Vorschläge von welchen Mitgliedern durchsetzen, wie schnell und wie tief sich die relevanten Informationen in der Gruppe verbreiten und wer bis zu welcher Hierarchiestufe hinab, an der Entscheidungsfindung beteiligt wird und wie... In Befragungen werden viele Mitglieder über Unzufriedenheiten klagen, dass ihnen sowieso niemand zuhört oder sie nichts machen können; sie können sich des Eindrucks nicht erwähren auch ‚denen da oben' in der eigenen Partei geht es nur noch um Macht und persönliche Interessen. Hinsichtlich Kleidung, Sprache, Bildung, Einkommen... bestehen zwischen Parteispitze und -basis tiefe Gräben. Die Parole ‚Stoiber verhindern' erschien ihnen vielleicht noch schlüssig und mitreißend; schweißte zusammen aber dann? Die eigentlich aktuelle Programmatik der Gruppe -über derartige Parolen hinaus- wird vielen Mitgliedern nicht bekannt sein, ist die Halbwertszeit von Parteibeschlüssen doch sehr kurz. Ohne Beteiligung des ‚einfachen' Mitgliedes werden die Beschlüsse so regelhaft wie kurzfristig den neuen Erfordernissen angepasst. Wenn sich die Gruppe dann bsp. binnen Monatsfrist mal für und später dann doch gegen eine Vermögenssteuer oder Kriegsbeteiligung einsetzen soll und die Mehrheit der Mitglieder regelhaft zum passiven ‚Stimmvieh' degradiert wird, sinkt die Identifikation schnell. Zwischen den Hierarchiestufen findet wenig inhaltlicher Austausch, i.S. von gleichberechtigter Wechselseitigkeit statt. Stattdessen ist eine einseitige, eher anweisende Kommunikationsstruktur von ‚oben' nach ‚unten' erkennbar; ggf. sogar von nonverbaler Unterwürfigkeit begleitet.





  • Andere, autoritär strukturierte Gruppen richten ihr gesamtes Gruppengeschehen einseitig auf eine einzelne Person aus. Kommunikation innerhalb der Gruppe kommt nur in ihrer vertikalen Form, anordnend von ‚oben' nach ‚unten' vor. Es kristallisieren sich eine Gruppenstruktur mit drei Hierarchiestufen und auch nur drei Rollen in Form des ‚Führers', der ‚Leitschafe' und der anderen ‚Gruppenschafe' heraus, die unabhängig von der Situation unverändert bleibt. Ebenso statisch ist die Beziehungen zwischen den Ebenen, eindeutig und allein durch Autorität bzw. Gehorsam hergestellt, horizontale Kommunikation z.B. in Form von Arbeitsgruppen, sowie demokratische Meinungsbildung werden zur Vermeidung von Fraktionsbildung unterdrückt. Wer sich individuell profilieren oder mit anderen zusammenschließen will, läuft Gefahr, auf Anordnung des ‚Führers' -auch ohne Angabe von Gründen- der Gruppe verwiesen zu werden oder die ‚leitende' Funktion zu verlieren. Mitglieder die solchen Gruppen länger angehören, wollen sich keine Identität aufbauen, indem sie ihre Persönlichkeit produktiv in die Gruppe einbringen, sondern eher ihre gekränkte oder bedrohte Identität allein durch die Zugehörigkeit zur Gruppe retten. Ohne mehrköpfiges, arbeitsteilig organisiertes strategisches Zentrum und mangels Komplexität bzw. Rollendifferenzierung in der Gruppe, können keine komplexen Ziele verfolgt werden. So kann die Gruppe sich weniger über Kompetenz, sondern vielmehr über Populismus profilieren. Sekten'führer' versprechen ggf. ihren Jüngern als einzige den Weltuntergang zu überleben oder für das Jenseits ein gutes Los zu ziehen und ‚Führer' von Rockercliquen wollten früher ggf. ein Quartier unter Kontrolle bringen und versprachen ihren Mitgliedern, dann auf der richtigen Seite stehen zu können. Dieses Gefühl, mal auf der richtigen Seite zu stehen, ist oft das einzige, was neue und alte Führer faschistischer Gruppen ihren Mitgliedern anbieten, die -abgesehen davon, sich ‚deutsch' zu fühlen- über kaum andere Identitätsquellen verfügen.
  • Die ‚Schillpartei', die ihre Gruppe gleich mit dem Namen ihres ‚Parteiführers' benennt, profiliert sich mit den klassischen Themen Ausländer, Kriminalität, Sauberkeit und Drogen. Mit dieser dünnen Programmatik konnte sie in Hamburg knapp 20% der Wähler das Gefühl geben, Teil der starken Hand zu sein, die nun ein Bundesland mitregiert. Das Wahlergebnis der ‚Schillpartei' von 0,8% bei der Bundestagswahl 2002 mag ein erster Hinweis dafür sein, dass solch populistische Mobilisierung nicht lange vorhält, da andere Parteien ihr Programm schnell dem Trend anpassen. Solche Gruppen können andere Themen mangels Arbeitsteilung nicht profiliert besetzen und brechen sofort zusammen, wenn ihnen der ‚Chef' oder das Leitthema abhanden kommt, weil weder interne Oppositionen noch handlungsfähige untergeordnete Hierarchiestufen geduldet wurden, die nun leitenden Geschäfte übernehmen können.

Hinweise auf entsprechende Gruppenstrukturen ergeben sich, wenn alle Mitglieder die gleiche Person als wichtigstes Mitglied benennen und dieses in pseudodemokratischen Abstimmungen auch mit über 98% der Stimmen wählen, weil jeder andere Angst vor den Folgen einer Gegenkandidatur hat. Werden die Mitglieder nach den beiden wichtigsten Personen befragt, können sie mit der Frage oft nichts anfangen, fällt ihnen jeweils doch nur einer ein. Bei Mitgliederversammlungen finden keine Debatten statt, sondern nur einseitige Vorträge vom Podium, die in vorgefertigte Beschlussvorlagen münden und denen dann zuzustimmen ist. Die Redeanteile sind eindeutig zu Gunsten des ‚Führers' verteilt, der sich zudem durch sein allgemein dominantes verbales wie nonverbales Auftreten auffallend vom Rest der Gruppe abhebt. Die sozialen Distanzen zischen den Mitgliedern sind im Vergleich zu anderen Gruppen wesentlich größer; sowohl in horizontaler wie in vertikaler Hinsicht; vertikal sind sie zudem von Ritualen, Gesten und Floskeln der Unterwürfigkeit geprägt. Da die Programmatik der Gruppe sehr einfach ist, sich eh nicht an der Differenziertheit der Gesellschaft orientiert und in Parolen zusammengefasst sind, können die Mitglieder immer vortragen, was die Gruppe will: ‚Es soll sauberer werden!' ‚Es soll sicherer werden!' ‚Kriminelle Ausländer abschieben!' ‚Jugendstrafrecht einschränken!'... ist nicht so schwer; jedoch bei Fragen danach, warum die Gruppe dies will, wie sie es erreichen will oder warum sich noch nichts verändert hat, weiß ein einfaches Mitglied kaum eine Antwort...

Man kann durch funktionale und hierarchische Arbeitsteilung die Entscheidungsfähigkeit, -geschwindigkeit und Flexibilität von Gruppen maßgeblich erhöhen, entsolidarisiert damit jedoch immer auch gleichzeitig die Binnenstruktur der Gruppe. Soll vermieden werden, dass die Gruppe durch hohe interne Reibungsverluste geschwächt wird, die Identifikation mit der Gruppe und damit die Motivation der Mitglieder sinkt, sich ggf. Untergruppen herauskristallisieren und sich gegenseitig blockieren oder gar abspalten; müssen die Gruppen sich nach sowohl erfolgreich wie erfolglos gemeisterten Herausforderungen jeweils ihrer kollektiven Identität vergewissern und sie pflegen. Allein zu Zeiten großer Herausforderungen kann man negative Identitäten (‚Gegen Stoiber', gegen doppelte Staatsbürgerschaft, gegen die lauten Nachbarn...) zur Stabilisierung der Gruppe konstruieren. In ruhigen Zeiten müssen diese künstlichen negativen Identitäten durch positive ersetzt werden (für soziale Gerechtigkeit, für die Mieterselbstverwaltung, für kinderfreundliche Wohnumfeldbedingungen...) Die Identifikation und Mobilisierung kann ansonsten nicht lange aufrecht erhalten werden. Man wird immer -je nach Situation- eine Abwägung treffen müssen zwischen hoher Integrität und Flexibilität der Gruppe; eine Seite gänzlich zu vernachlässigen bedeutet, das Ende der Gruppe zu riskieren.

  • Es scheint logisch, wenn der Handballtrainer im Rückstand zum Schluss des Spiels seine besten Spieler ins Rennen schickt und Anweisungen autoritär ohne Diskussionen erteilt; dass die Spieler dann ihre stärkste Rolle spielen und keine Experimente machen, wird niemanden erstaunen. Wenn aber der Trainer im Training später keine netten Worte findet, alle gleichermaßen lobt oder tröstet, die Stimmung steuert und sich das Vertrauen für seinen herrischen Stil im Punktspiel verdient... wird die Integrität leichtfertig der Flexibilität geopfert.
  • Während eine Töpfergruppe älterer Frauen auf straffe Hierarchien, sowie klare Rollen- und Aufgabenverteilung verzichten kann, sieht es beim Massenunfall mit Verletzten und Toten auf der befahrenen Autobahn anders aus, wenn Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Ärzte in mehreren Teams mit eigenen Strukturen aufeinandertreffen... Hier versucht man, sogar über alle Teilgruppen hinweg (gemeinsame Weihnachtsfeiern) die angespannte emotionslose wie funktionale Zusammenarbeit unter widrigsten Bedingungen zu kompensieren und für die Zukunft zu ermöglichen.

[Bearbeiten] Soziogramme:

Soziogramme sind die grafischen Darstellungen von Gruppenstrukturen, anhand von Erkenntnissen, die man aus Beobachtungen und v.a. Befragungen gewonnen hat. Man kann sich mittels Soziogrammen schnell und differenziert einen Einblick in die Strukturen einer Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt verschaffen; es handelt sich dabei jeweils um ‚Momentaufnahmen' zu einzelnen Teilaspekten des Gruppengeschehens. Wie oben schon erwähnt, kann man sich erst einen Eindruck über die dynamischen Prozesse der Gruppe machen, wenn man ‚Momentaufnahmen' in verschiedenen Situationen miteinander vergleichen kann; zur Erfassung der Dynamik müssen Soziogramme also entweder zu verschiedenen Zeitpunkten oder zu einem Zeitpunkt zu verschiedenen hypothetischen Situationen erstellt werden. Die Entstehung eines Soziogramms kann man sich in etwa so vorstellen, dass allen Mitgliedern Fragen zur Gruppe gestellt werden. Wer ist der wichtigste in der Gruppe? Nenne die vier wichtigsten Mitglieder der Gruppe! Stell dir vor, ihr würdet euch bei einer Nachtwanderung auf der Klassenreise gemeinsam verlaufen; wer wäre dann am wichtigsten? Neben welchen drei Mitschülern möchtest du am liebsten sitzen? Wen magst du in der Gruppe am liebsten?... Alternativ oder auch gleichzeitig kann man die umgekehrte Frage stellen, auf wem man im Wald verzichten kann oder wer total doof ist... Alle Antworten können derart ausgewertet werden, dass man zunächst alle Bezüge zwischen den Mitgliedern mit Linien verbindet; man kann sie auch mit Pfeilen kenntlich machen, um zu sehen, ob Nennungen wechselseitig auf Bestätigung treffen; abschließend könnten die Personen mit vielen Nennungen durch große und die mit wenigen durch kleine Kreise gekennzeichnet werden und jene, die bsp. mehr positive als negative Nennungen haben ggf. mit kleinen weißen und jene mit mehr negativen Nennungen durch große schwarze Kreise... Die Form, wie man die Informationen erhebt und v.a. wie man sie dokumentiert, muss sehr sorgfältig entschieden werden, weil die Aussagekraft der Erhebung schnell leidet und v.a. weil die Ergebnisse psychische Reaktionen bei unserem Klientel auslösen können, wenn sie nun ‚schwarz auf weiß' sehen, wie unbeliebt sie sind; die ausgelösten Reaktionen sind von Sozialpädagogen vielleicht gar nicht wieder aufzufangen:

  • Wenn bsp. alle die Frage, ‚neben wem willst du sitzen' öffentlich vor der Klassen beantworten müssen und dies unmittelbar graphisch an der Tafel umgesetzt wird, zeichnen sich zum Ende schon klare Verhältnisse ab, welche die noch fehlenden Voten beeinflussen könnten: Wer bis dahin schon häufig gewählt wurde, wird ggf. noch mehr Voten auf sich vereinen können, weil alle gern zur Mehrheit gehören wollen; jedoch jemanden auszuwählen, der noch nie genannt wurde wird vielleicht vermieden, um sich nicht lächerlich zu machen, wenn sich schon zwei gegenseitig gefunden haben, möchte man ggf. auch eine Konkurrenzsituation vermeiden...
  • Unabhängig davon, ob die Präferenzen wo wer sitzen möchte direkt dokumentiert oder erst hinterher an der Tafel verdeutlicht wird; es kann verheerende Auswirkungen haben: wenn man selbst drei Wünsche geäußert hat, wo man seine besten Freunde vermutet hat und keiner direkt erwidert wird; wenn man auch von keinem der anderen gewählt wurde; wenn der Stärkste plötzlich sieht wie unbeliebt er ist und danach jene bestrafen will, die ihn nicht gewählt haben; wenn ein Mädchen immer dachte, die beliebteste zu sein... Es kann sinnvoll sein, das Ergebnis nur ohne Namen zu veranschaulichen um allgemein über Sitzordnungen zu reden und den unterschiedlichen Interessen besser gerecht werden zu könnten. Man kann ggf. auch die Ergebnisse vergleichen, wer im Falle der Nachtwanderung, eines Gruppenexperiments in der Chemie oder dem Sportwettkampf mit der Parallelklasse am wichtigsten ist..., um Situationen herzustellen, wo sich jede und jeder mal profilieren kann. Wer sportlich damals in der Schule eine Niete war und deshalb bei der Zusammenstellung der Mannschaft -egal bei welcher Sportart- zum Schluss ausgewählt wurde, hat eine Vorstellung über die Befindlichkeiten, wenn seine geringe Wertigkeit jeweils gruppenöffentlich offenbart wurde; Depressionen oder Schulversagen werden verständlich... Deshalb ist es für Gruppenleiter wichtig zu wissen, wer wo steht und wie wem die Möglichkeit zur Profilierung verschafft werden kann.
  • In der länger angelegten Gruppentherapie kann es didaktisch sinnvoll sein, nach der ersten Sitzung Sympathie und Antipathie zu erheben, dies dann nach drei Monaten zu wiederholen und dann beide Ergebnisse zu veranschaulichen und zu vergleichen. Man könnte dann besser erörtern und diskutieren warum zu Beginn wer welchen Eindruck auf wen gemacht hat, wie und warum er sich bei wem zwischendurch verändert hat. So kann man Fremd- und Selbstwahrnehmung thematisieren und sich gegenseitig helfen, Wahrnehmung und Verhalten In Therapie und Alltag reflektierter zu steuern...
  • (...)

Zum Zwecke der Anamnese zu Beginn und zur besseren Steuerung während einer pädagogischen bzw. therapeutischen GA sind Soziogramme gute Hilfsmittel; meine eigene Skepsis, die Ergebnisse auch offen -also vor den Augen der Klienten- zu dokumentieren, will ich nicht verbergen: Sozigramme zeigen immer nur die objektive Position innerhalb der einzelnen Gruppe und nicht die Einbindung ins gesamte soziale Umfeld des Klienten; zudem werden keine Hinweise gegeben auf Motive und Emotionen, die mit der Gruppenposition verbunden sind. Ein Soziogramm vor allen anderen kann als Tafelbild schnell einen verzerrten Eindruck über die soziale Situation vermitteln:

  • Randfiguren die keine Sympathiepfeile erhalten sind vielleicht gar nicht so arme Würstchen und mit ihrer Position ganz zufrieden, weil sie außerhalb der Gruppe genug Freunde haben, in anderen Gruppen im Zentrum stehen oder sie die anderen Gruppenmitglieder eh nicht so toll finden...
  • Die einzelnen Nennungen lassen sich schwer qualifizieren, weil man nicht genau weiß, ob man neben Michael sitzen möchte, weil man alle anderen noch viel blöder findet oder weil Michael echt ein toller Hecht ist.
  • Wir können nicht vorhersehen, wie es Frida verkraftet, nun noch an der Tafel zu sehen, dass sie niemand in der Sportmannschaft haben möchte; vielleicht interessiert es sie aber auch gar nicht, weil sie sportlichen Wettkampf als unzivilisiert empfindet und ihre Bestätigung in der Literatur alter Meister der Feder sucht.
  • Will neben Frank niemand sitzen, weil er doof ist oder auch weil er erst zwei Monate in der Klasse ist?
  • (...)

Wenn sich zu einer bestimmten Situation die Pfeile auf eine Person konzentrieren, wissen wir zunächst nur, dass diese allein in diesem Moment die leitende Position inne hat; ob sie jedoch gerade von der Rolle der ‚Gruppenmutti' eingenommen wird, weil man endlich mal was Nettes gemeinsam erleben muss, um den Motivationsverfall in der Gruppe aufzuhalten oder ob sie gerade von der traditionellen ‚Führerrolle' ausgefüllt wird, kann man nicht direkt ablesen. Ob Özlem so viele Pfeile von Jungs auf sich zieht, weil alle in sie verliebt sind oder alle immer bei ihr die Hausaufgaben abschreiben; ob sie selbst nur Mädchen wählt, weil sie von den Jungs genervt ist, sie einen festen Freund außerhalb der Gruppe hat, ihre moslemischen Eltern ihre den Kontakt zu Jungs verbieten oder sie Lesbe ist..., bleibt unklar. Soziogramme sind nicht mehr und nicht weniger als ein hilfreicher Baustein zur Analyse von Gruppenstrukturen; sie stellen einen sinnvollen ersten Einstig ins Gruppengeschehen dar, bevor die Ergebnisse des Soziogramms in die Intervention einfließen, müssen sie zwingend um Motive und Emotionen ergänzen werden, die mit der Position verbunden sind. Derart unvollständig sollte ein Soziogramm v.a. dem Sozialpädagogen als Hilfsmittel dienen und nur im Ausnahmefall der gesamten Gruppe unterbreitet werden.



Am vermeintlich einfachen BSP einer studentischen Arbeitsgruppe will ich skizzieren, wie hilfreich und spannend es sein kann, die Gruppenkonstellation grafisch unter einer bestimmten Fragestellung zu veranschaulichen, will man wissen, warum ihr gemeinsamer Lernurlaub so unproduktiv war:

[Bearbeiten] Arbeitsgruppe:

Nenne die drei Kommilitonen, die dir am Fachbereich am wichtigsten sind... Wahrscheinlich entscheidest du dich für jene drei, mit denen du immer an der FH rumhängst und gemeinsam Referate ausarbeitest, jene die dir Bücher aus der Bibliothek mitbringen, in deinem Alter sind und gleiche Hobbys haben...


  • Angela benennt Birgit, Christian und Dieter
  • Birgit benennt Angela, Christian und Dieter
  • Christian benennt Angela, Birgit und Dieter
  • Dieter benennt Angela, Birgit und Christian

Besser (als in Grafik 1) kann die Wahl nicht ausfallen und es scheint zunächst die optimale Clique zu sein, um sich 10 Tage gemeinsam ein Bungalow an der Nordsee zu mieten und sich gemeinsam auf die Prüfung vorzubereiten. Hätte man im Vorwege weitere Soziogramme zu anderen Fragen erstellt, hätte sich der Optimismus ggf. gelegt; im Nachhinein kann man sich erklären warum der Arbeitsurlaub nicht so produktiv war, wie gedacht. Bisher hat man ganz nett zwei Stunden täglich gemeinsam an der Hochschule verbracht; über mehrere Tage können jedoch andere Kriterien eine entscheidende Rolle spielen. Dies wäre sicherlich aufgefallen, wenn man die Frage gestellt hätte, in wen jede und jeder verliebt sei. Wäre das Ergebnis wie in Grafik 2 ausgefallen, wäre zunächst kein Grund zur Sorge gegeben.


  • Angela liebt Ernst, der sie auch ganz doll liebt
  • Birgit liegt Gert, der sie auch ganz doll liebt
  • Christian liebt Frauke, die ihn auch ganz doll liebt
  • Dieter liebt Helga, die ihn auch ganz doll liebt

Es wären jedoch auch zahlreiche andere Konstellationen denkbar, die sich nicht erst in Dänemark entwickeln, sondern auch schon zu Beginn hätten deutlich werden können. Gehen wir hier mal von heterosexuellen Orientierungen aus, kann man sich jeweils verschiedene Szenarien denken. Die Leser können selber Varianten hinzufügen; ähnlich machen es die Redakteure der Bravo-Foto-Love-Story.

[Bearbeiten] Grafik 3:

In dieser Variante wird keiner seine Freundschaft gefährden oder völlig deprimiert nach Hause fahren wollen. Eine richtige Lockerheit wird dennoch nicht entstehen, weil alle was wichtigeres als Arbeiten im Kopf haben. Im Kreis sind alle gegenseitig ohne Gegenliebe in den nächsten verliebt; bildlich und überspitzt wird es sich wie eine Polonaise abspielen, wo alle plötzlich nacheinander an den Strand gehen, sich vor den Fernseher setzen oder schlafen gehen...


Grafik 4:


Birgit führt weiterhin eine glückliche Beziehung mit Gert. Während Angela das Kapitel Beziehungen erst einmal vergessen will, buhlen sowohl Dieter als auch Christian um ihre Gunst. Während sich allein Birgit auf die Arbeit konzentrieren kann, müssen die Männer jeweils aufpassen, ob der andere gerade Sympathiepunkte bei Angela macht oder ob man den Rivalen etwa allein mit ihr schwimmen gehen lassen will oder nicht schnell einen besseren Vorschlag macht, den man stattdessen mit ihr -möglichst allein- umsetzt. Lernen hat zumindest für die Männer nur noch eine nachrangige Bedeutung... Birgit läuft Gefahr, in dies Dilemma hineingezogen zu werden, wenn Dieter seine freundschaftliche Beziehung zu ihr auszunutzen sucht, um näher an ihre Freundin Angela heranzukommen oder diese aufhetzt, Christian schlecht zu machen... Birgit und Angela sind in diesem Kontext genervt, weil sie nicht zum Arbeiten kommen und Angela ist zudem stinkig, weil sie Männer z.Zt. gar nicht leiden kann und das Rumgeschnorchel von den beiden schon gar nicht. Hätte Angela noch ihre glückliche Beziehung zu Ernst, würde sich die Lage nur geringfügig entspannen, wollen die Männer ihre Chancenlosigkeit doch trotzdem nicht einsehen. Schlimmer wäre es sicherlich (allein den angestrebten Lernerfolg im Auge), wenn sich Angela für Christian entscheiden würde. Beide würden ihr gemeinsames Glück zelebrieren, während Dieter am liebsten nach Hause oder von der Brücke springen möchte, weil er am fremden Glück zerbricht. Ist er flexibel, besinnt er sich vielleicht darauf, dass Birgit auch ganz toll ist... Hat diese die Hoffnung auf gemeinschaftliches Lernen längst aufgegeben, könnte sie sich ggf. fragen, ob Gert denn wirklich so toll ist... Wenn Dieter in seiner Verzweiflung nun Druck ausübt, weil er schließlich das Auto hat, und nach Hause will, wird er alle Freunde verlieren...





[Bearbeiten] ==

[Bearbeiten] Grafik 5:

Wenn es Gert nicht gäbe, stiegen die Chancen für letztgenannte Variante sprunghaft, wie auch die Wahrscheinlichkeit, dass die vorausgehende Freundschaft zwischen den Männer Bestand haben kann. Birgit wird sich ggf. wie 2.Wahl vorkommen und Dieter wird das Image behalten, etwas sprunghaft und oberflächlich zu sein; aber wenn sie trotzdem glücklich werden, ist die Rettung von Freundschaften und Lernerfolg doch noch möglich. Wenn auch Angela und Christian noch glücklich sind, gibt es zwei glückliche Pärchen; der Lernerfolg scheint nun jedoch wieder zur Disposition gestellt, weil sich Euphorie genau so wenig mit Lernen vereinbaren lässt wie Depressivität...


[Bearbeiten] Grafik 6:

Wenn Angela Dieter liebt und Dieter auch Angela, aber Christian auch Angela und Birgit und Dieter und sich Birgit und Dieter in ihrem Schmerz nicht trösten können, ist an Arbeiten nicht zu denken und die Freundschaft aller wird auf eine harte Belastungsprobe gestellt...

(...)


Die Gruppenstrukturen können sich schnell verändern. Im Rahmen einer dreitägigen Gruppenveranstaltung können einige Momentaufnahmen der Sympathieverteilung eine Bildergeschichte erzählen. Jeder könnte sich bei freier Assoziation allein aus den Abbildern selber eine Geschichte überlegen; ich will eine Variante skizzieren:

Exkursion:

  • Zwölf Studenten machen eine Exkursion. In den drei Autos nehmen sie eine sehr kurze Distanz zueinander ein die jedoch der Enge des Autos und nicht der Sympathie geschuldet ist. Wegen der kurzen Fahrt kann man diese aufgezwungene Nähe verkraften, die Raucher reißen sich zusammen: Nicht im Auto und nur eine Raucherpause!
  • Angekommen, stellen sich alle gegenseitig vor; obwohl sich einige schon näher kennen unterscheiden sich ihre Körperdistanzen nicht signifikant von den anderen. Alle halten relativ große Distanz.
  • Dies änderte sich schnell als sich Raucher und Nichtraucher deutlich zu erkennen geben, sich jeweils enger zusammenschließen und sich von den anderen abwenden und sich zurückhaltend, jedoch unübersehbar gegenseitig ihren Missmut zeigen. Draußen kalt, drinnen die Luft schlecht, vereinbart man, dass immer nur einer raucht, man häufiger Pausen macht und lüftet, während die Raucher vor die Tür gehen.
  • Sowohl Raucher als auch Nichtraucher wundern sich darüber, dass sich zwei an die Regel nicht halten und sich zwischendurch immer wieder eine zweite Zigarette anzünden. Über die ‚Raucher-Nichtraucher-Grenze' hinweg verständigen sich die 10 restlichen Mitglieder per Blickkontakt, dass sie das Verhalten missbilligen. In der Pause bleiben die beiden Regelbrecher im Raum sitzen, rauchen. Die anderen vier Raucher sind draußen und die Nichtraucher machen das Fenster auf. Die zwei anderen im Raum zünden sich eine zweite Zigarette an, schließen die Fenster und stellen die Heizung höher.
  • Die anderen kommen aus der Kälte wieder rein, empfinden den Raum daher noch viel wärmer und machen Späße, dass die Regel wohl doch nicht so toll klappen würde. Die Nichtraucher sind sauer auf die Regelbrecher und erklären den Rauchern von draußen, warum es warm und die Luft schlecht ist. Die beiden Regelbrecher rücken nun näher zueinander, da sich nun auch die anderen Raucher von ihnen distanzieren.
  • Die Abläufe wiederholen sich, so dass am Ende des Tages die beiden vom Rest der Gruppe isoliert sind. Die 10 anderen haben ihre Antipathien wegen des Rauchens fast beigelegt und lassen ihre Differenzen anhand körperlicher Distanzen kaum mehr erkennen.
  • Nachdem die Regelbrecher nachts im Schlafraum geraucht, die Fenster geschlossen und die Heizung aufgedreht haben; sich dies morgens in Windeseile rumgesprochen hatte, standen sie als Sündenböcke vollends allein, wurden innerhalb der Gruppe von der Kommunikation ausgeschlossen. Sie rückten nun ganz eng zusammen und die zehn anderen lassen nun keine Unterschiede mehr erkennen.
  • Drei kristallisieren sich in der 10er Fraktion heraus, verdichten die Kommunikation und mischen eine ganze Tüte Pfeffer in die Kakaodose der Sündenböcke. Während die sechs anderen voller Schaden(-vor-)freude die Idee großartig finden, grenzt sich eine ab, die dies etwas übertrieben und kindisch findet. Obwohl diese eigentlich keinen positiven Bezug zu den ‚alten' Sündenböcken hat, wird sie trotzdem nun zum Verräter bzw. 3. Sündenbock erklärt.
  • Alle drei Sündenböcke wollen nun gemeinsam vorzeitig nach Hause fahren. Obwohl sie sich eigentlich auch nicht verstehen, ziehen sie die Lösung vor, nur haben sie kein Auto. Erst der Gruppendruck der anderen nötigte einen Fahrer, sein Auto zu verleihen.
  • (...)

Zwei kurze BSP aus größeren Gruppen will ich kurz noch anreißen, um die Rolle des Sündenbocks zu verdeutlichen. Es ist die klassische Rolle, die unser Klientel in seinen sozialen Zusammenhängen spielt und deshalb die Rolle, die wir am genausten verstehen sollten. Zur Erhöhung der Verständlichkeit scheint es sinnvoll, auf zwei prominente Beispiele zurückzugreifen; beide passen zur gleichen Grafik:

Stefan? Kretzmar:

Magdeburg gehört nicht zu den beliebtesten Städten. Unter dem Image leiden auch die Bewohner, die in höchstem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen sind und verkrampft nach Anhaltspunkten suchen, sich wenigstens über ihre Stadt zu freuen und sich mit ihr zu identifizieren. Bewohner und Politiker der Stadt reagieren sehr sensibel und schnell unverhältnismäßig, egal ob es Positives oder Negatives zu berichten gibt. Wenn bsp. im US-amerikanischen Reiseführer schwarze oder homosexuelle Touristen gewarnt werden, in der Dämmerung ihr Magdeburger Hotel zu verlassen oder die sexuelle Orientierung erkennen zu geben, werden alle -die Stadt ansonsten lähmenden kleinlichen Streitereien- überwunden. Man rückt zusammen, sucht die Nähe und protestiert gemeinsam. Wenn Bayern München vom FC Magdeburg aus dem DFB-Pokal geschmissen wird, feiert sich die ganze Stadt, möglichst über Wochen, um den Alltag zu vergessen. Der Fußballclub der Stadt spielt in der 4.Liga, der Handballclub 1. Bundesliga; beide haben ein angespanntes Verhältnis und der Bürgermeister ist im Vorstand des Fußballclubs... Mitte Mai, die entscheidenden Minuten in der Entscheidung um die Deutsche Handballmeisterschaft beginnen und es sieht nicht gut aus; Magdeburg liegt zurück. Stefan Kretzschmar -bekannt als der Punker aus der Nationalmannschaft- wird eingewechselt; zunächst wird er zum Mittelpunkt seiner Mannschaft, reißt das Spiel herum, führt seine Gruppe zum Sieg und zum gesamtstädtischen Identifikationspunkt. Er selbst wird Liebling der Stadt. Alle suchen die Nähe zur Mannschaft und v.a. zu ihm, um auch etwas von der Sonnenseite des Lebens zu erleben. ‚Wir sind wieder wer' feiern selbst betrunkene Obdachlose als seien Stufen sozialer Ungleichheit plötzlich überwunden... Kaum eine Woche später; Kretzschmar war zu Gast in der Satire-Show bei Harald Schmidt: Plötzlich sieht das Bild ganz anders aus, hier versteht man keinen Spaß. Kretzschmar hat Witze gemacht: ‚Für 50Mio. wird ein Fußballstadion für die Oberliga gebaut - das Geld solle man lieber den Arbeitslosen schenken. Monatlich verlassen mehr als 1.000 Menschen die Stadt verlassen - die feiernden 18.000 Menschen, die vor dem Rathaus gefeiert haben, seien alle, die da noch leben - wahrscheinlich waren die alle arbeitslos...' Schon drei Tage später haben Mannschaft und Meisterschaft zur Identifikation maßgeblich an Bedeutung verloren. Die Mannschaftskollegen vermeiden nun, ihren Kollegen für seine sportliche Leistung zu loben; die Bewohner sitzen plötzlich eng in einem Boot mit den Politikern aller Fraktionen, über die sie sonst gerne schimpfen und die untereinander ihre politische Gegnerschaft vergessen. Laut wird darüber nachgedacht ob Kretzschmar überhaupt noch für die Stadt Handball spielen sollte, ob er nicht konsequenterweise auch gleich fortziehen soll, dass man ihn auf jeden Fall nicht mehr zum Mitglied der Stadt zählen möchte... Zwar hat er nun, nach nur drei Tagen wieder die gleiche starke integrierende Funktion für die ganze Stadt, nur mit gegensätzlichem Vorzeichen. Er ist nicht mehr das Maskottchen oder der Star der Stadt, auf den man sich mit hoher Intensität positiv bezieht, sondern der äußere Feind der Stadt, von dem man sich mit ebenso hoher Intensität negativ abgrenzen kann; Hauptsache er schweißt zusammen...

[Bearbeiten] Möllemann:

Nach dem gleichen Schema kann man den letzten Aufstieg Möllemann betrachten, der die Landes- und Bundes-FDP aus ihrer Depression gerissen und der Parteispitze zur neuen Attraktivität verholfen hat. Die Parteispitze suchte die Nähe zu ihm, die Mitglieder zu beiden. Nach der misslungenen Bundestagswahl sah alles ganz anders aus: Die Parteispitze geriet in die Kritik; gemeinsam mit den Mitgliedern wird nun versucht, in massiver Abgrenzung zu Möllemann, Profil und Einheit zurück zu gewinnen. Dem sozialen Ausschluss aus der Partei/Gruppe, sollte dann der formal-rechtliche folgen...

[Bearbeiten] Inklusion und Exklusion:

Wenn sich die sozialen Beziehungen gegenüber Mitgliedern einer Gruppe nicht unterscheiden würden von denen, gegenüber Nicht-Mitgliedern, wenn also die Grenze zwischen Innen und Außen fehlt, dann gibt es gar keine Gruppe. Der Zusammenhalt von Gruppen steigt in dem Maße, wie sich die Grenzen prägnanter abzeichnen, das Umfeld diskriminiert wird, sich die Distanzen gegenüber Außenstehenden vergrößern und sich die Kontakte reduzieren. Diese Entwicklung ist für die Gruppe ambivalent:

  • Mag die Gruppe durch den Zusammenhalt zunächst profitieren, läuft sie gleichzeitig Gefahr, sich von der Realität soweit zu entfernen, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung und/oder Einfluss verliert (Sekten, Königshäuser, Terroristen) bzw. dort den kollektiven Widerstand provozieren.
  • Wenn sich Gruppen zu sehr auf ihre Außenwahrnehmung konzentrieren, können sie zunächst ihren Einfluss erhöhen, verwischen dann aber die Grenzen, welche die Gruppenidentität markieren; die Mitglieder fühlen sich zunehmend verraten und kündigen ihre Loyalität auf.
  • Wenn man sich den Medien andient um die Außenwirkung zu erhöhen, muss man auch zukünftig Erwartungen der Medien bedienen und begibt sich in eine Abhängigkeit, will man später nicht mit gleichem Verbreitungsgrad diskriminiert werden.
  • (...)

Dies Dilemma versuchen viele Gruppen von zwei Seiten her, populistisch zu lösen; dabei richten sie einen Flurschaden an: Die strategischen Zentren der Gruppen ersetzen einerseits programmatische Inhalte durch emotionale, um die Gruppe zusammenzuhalten und von inneren Problemen, sowie eigener Führungsschwäche abzulenken. Andererseits werden die originären Ziele der Gruppe schrittweise durch neue ersetzt oder allein pro forma noch auf die Fahne geschrieben, um die Mitglieder bei Laune zu halten. Profil wird vermehrt auf selbst abgesteckten Nebenkriegsschauplätzen gesucht, wo Probleme teils erst selber geschaffen und mit emotionaler Bedeutung ausgestattet werden müssen, ehe ihre Lösung mit großem Außenwirkungseffekt inszeniert wird. Ein Flurschaden entsteht dann, wenn die Mitglieder feststellen, dass ihre Gruppeninteressen zu Gunsten purer Machtinteressen der Gruppenspitze verraten werden und diese nun wiederum versucht, durch das Schüren neuer emotionaler Betroffenheit, die Gruppe zusammenzuschweißen. Es etabliert sich ein Kreislauf, in dem zunehmende Erfolglosigkeit der Gruppenleitung zum Zwecke des Machterhalts kompensieren wird durch Verunsicherungen der Mitglieder durch interne und v.a. externe vermeintlich bedrohliche Feinde. Da als ‚Feinde' regelhaft unsere Klienten herhalten müssen, ist dieser Zusammenhang für uns von besonderer Bedeutung. Um an anderer Stelle für stärkeren Zusammenhalt zu sorgen, werden unseren Klienten regelhaft Bedrohungspotentiale zugeschrieben, Hilfeansprüche streitig gemacht, sie zunächst nur verbal ausgeschlossen und später auch öffentlich bekämpft, um Mehrheiten auf der anderen Seite zu stabilisieren und Handlungsfähigkeit zurück zu gewinnen. Da man sich eigentlich nicht mehr um reale Probleme kümmert, sondern selbst konstruierte virtuelle Feinde besiegen will, muss von symbolischer Handlungsfähigkeit gesprochen wird. Der Mechanismus ist genau der gleiche wie bei der Elbflut 2002; identifiziert man gemeinsam eine Bedrohung, entwickeln sich enge Gruppenstrukturen. Fehlt der reale Feind und will man die Strukturen trotzdem fördern, kann man sich neue Feinde ‚basteln', sie bedrohlich gestalten, ihren Abstand zur Gruppe erhöhen und dann beliebig mit ihnen jonglieren. Da der Kern solcher Szenarien jeweils eine Konstruktion ist, darf diese von den Mitgliedern nicht entschlüsselt werden; wollen sie sich der realen Gefahr vergewissern werden sie mittels erneuter Verängstigung oder Gruppendrucks davon abgehalten. Da sich dies sehr abstrakt anhört, will ich versuchen, beispielhaft zu illustrieren, was gemeint ist:

  • Die SPD hat sich als Partei der Angestellten und besonders der Arbeiter verstanden, also der abhängig Beschäftigten. In früheren Wahlparolen, bezog sich ‚soziale Gerechtigkeit' folgerichtig auch nicht auf die soziale Absicherung von armen Menschen, sondern auf relativ arme Arbeitnehmer. Im Laufe des Modernisierungsprozesses der SPD stellte man die Kritik an den explodierenden Profiten ein, die auf Kosten der Arbeitnehmer erzielt wurden, diesen aber vorenthalten blieb. Die Bezugsgröße soziale Gerechtigkeit wurde ausgetauscht: Gerechtigkeit begründete sich nun nicht mehr aus der Relation gegenüber dem Unternehmensgewinn, sondern gegenüber dem Sozialhilfesatz armer Menschen. So waren die explodierenden Unternehmens- und Aktiengewinne aus der Gerechtigkeitsdebatte herausgenommen; während sich auf der anderen Seite der Gesellschaft Reichtum nun ungehindert entwickeln konnte, schaukelten sich zugleich Lohn und Sozialhilfe wechselseitig runter. Den Beschäftigten wurde nun auch von der SPD suggeriert, dass Reichtum funktional sei, da er zu Investitionen und mittelbar zu Arbeitsplätzen führe; Empfänger sozialer Leistungen seien hingegen die Feinde des Arbeitnehmers. Sie wurden stigmatisiert als jene, die nicht arbeitswillig sind, sich nicht um Arbeit bemühen, nichts leisten... und sich auf Kosten des Arbeiters ein schönes Leben machen; Arbeitnehmer und Arbeitslose werden auf höherer Ebene zugleich gemeinsam zum Feind ganz ‚Deutschlands' erklärt, weil ihre gemeinsamen Erwartungen hinsichtlich sozialer Sicherung den nationalen Standort in der internationalen Konkurrenz gefährden...

Das klassische Wählerklientel mag sich irgendwann nicht mehr ausspielen lassen, wartet es doch seit nunmehr 20 Jahre vergeblich darauf, dass sich ihre Zugeständnisse, die sie für mehr Investitionen getätigt haben, durch Wachstum, Arbeitsplätze und Einkommen auszahlen. Die Entfremdung der Parteibasis zeigt sich in Parteiaustritten, der Intensität, wie über die Armani-Anzüge und Auftritte des ‚Medienkanzlers' gestritten wird und bissige Witze über den ‚Kanzler der Bosse' gemacht werden... Der Ärger gegenüber arbeitslosen Menschen nutzt sich im Vergleich zu den Enttäuschungen der Parteibasis ab, haben doch alle genug Erfahrungen von Arbeitslosigkeit in ihrem Bekanntenkreis gemacht. Die durchsichtigen Manöver des ehemalige SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt<ref>In: ‚Die Zeit’ vom 09.01.2003.</ref>, die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes gegen Sozialhilfeempfänger aufzuhetzen scheinen dem Mitglied zunehmend anachronistisch:

„Noch wichtiger wäre es in diesem Zusammenhang, wenn der Bundesgesetzgeber die Sätze der Sozialhilfe befristet einfrieren würde, um endlich einen gehörigen Abstand zu den niedrigsten Nettolöhnen... wiederherzustellen. Den Leistungs- und Arbeitswillen würde dies neu motivieren."





Bezogen auf die Gehaltsforderung und Streikandrohung von ‚verdi' 2003, riskiert er vollends die Loyalität der traditionellen Mitglieder und Stammwähler. Nicht nur dass er die Forderung generell für illegitim erklärt, er erklärt für den Fall eines Streiks:

„Dann nämlich muss Schluss gemacht werden mit der ganz Deutschland überdeckenden Tarifgemeinschaft und folglich auch mit den flächendeckenden ‚allgemeinverbindlichen' Tarifen."

  • Der ehemalige Generalsekretär Hinze hat mit der CDU versucht eine Bundestagswahl mit der ‚Roten-Socken-Kampagne' zu gewinnen, indem er inhaltslos Wähler und Parteibasis allein mit der Angst vor einer Regierungsbeteiligung der PDS zu mobilisieren suchte, Koch hat in Hessen eine Landtagswahl für die CDU entschieden, indem er Partei und Wähler gegen die formelle Integration von Migranten mobilisiert hat; der ehemalige CDU Fraktionsvorsitzende Merz suchte Profil als Verteidiger der ‚Deutschen Leitkultur'...
  • In Hamburg schürt die Schillpartei die Angst vor Graffiti, Jugendlichen, Drogenabhängigen, (schwarzen) Dealern, Hausbesetzern, Bauwagenbewohnern... und gewinnen dann tatsächlich -fast ohne eigene ‚positive' Programmatik- 20% im Land Hamburg. Die Programmatik der Schill-Partei reduziert sich weitestgehend auf Sauberkeit und Sicherheit. In einer beispiellosen populistischen Kampagne wurde das sog. ‚subjektive Sicherheitsempfinden' der Bevölkerung manipuliert, um es später zum Anlass zu nehmen, sich selbst wieder als Beschützer vor den -quasi virtuellen- Bedrohungen aufzuspielen. Objektiv sinkt die allgemeine Sicherheit der Bürger nicht; trotzdem konnten derart Stimmungen mobilisiert werden, dass viele Menschen nun generell befürchten von allen Jugendlichen, Ausländern und Drogenabhängigen, ausgeraubt, erschlagen oder mit Heroin angefixt zu werden; es ging soweit, dass meine Mutter beim Anblick von Grafity ein Gefühl der Angst empfand... Diese Kampagnen treffen in schlechten Zeiten den Nerv der Bevölkerung, die -und wenn auch nur per Wählerstimme- sich mal wieder auf der Seite der Starken verorten wollten. Nun warten Parteimitglieder und Bevölkerung darauf, dass ihnen die Angst genommen wird; die Erwartungshaltung ist hoch. Fehlt der Angst jedoch der objektive Anlass, kann sie auch nicht genommen werden und verharrt auf hohem Niveau. Da man nun kaum erklären kann, die Feindgruppen seien doch nicht so gefährlich, versuchte man sich dadurch zu profilieren, die Polizei in andersfarbige Uniform einzukleiden, die Polizeiautos blau anzumalen, Verkehrsberuhigungen abzubauen und das Bismarckdenkmal nachts zu beleuchten... Dies sind für das Klientel der Partei jedoch nur Nebenkriegsschauplätze; sie finden die Idee viel besser, Hamburgs Polizei mit dem Gas auszustatten, das bei der Geiselbefreiung in Russland über 200 Menschen getötet hat...

Über die Funktionsweise der Strategie, über Inklusion und Exklusion Gruppen zu stabilisieren, kann man sich anhand des Buches und Filmes ‚1984' von George Orwell ein Bild machen. Mit großem propagandistischen Aufwand wird den Menschen vermittelt, dass man sich stetig wechselnd zusammen mit der zweiten Nation im Krieg gegen die Dritte befindet, zusammen mit der Dritten gegen die Zweite kämpft oder auch mal allein gegen beide. Diese Kriegsangst ist virtuell und dient allein der inneren Stabilität, nicht der Sieg und anschließender Friede ist das Ziel des Krieges, sondern der Krieg selbst, der nie zuende gehen darf... In der Funktion für den Zusammenhalt der Gruppe unterschieden sich innere Feinde und äußere Feinde kaum; der äußere Feind stabilisiert die ganze Gruppe und der innere Feind nur die Teilgruppe der Mehrheit und Mächtigen. Zur Nützlichkeit von Feinden und Kriegen für die innenpolitischen Stabilisierung von Gruppen hat Nils Christie ein anschauliches Kapitel geschrieben (Christie&Bruun 1991: 52-55). Von ihm in den Kontext Drogenpolitik eingeordnet, ist er übertragbar auf jede Gruppenkonstellation:

„Früchte des Krieges:

Für die, die die Kosten und die Folgen nicht zu tragen haben, sind Kriege erträglich. Feinde sind nicht nur eine Bedrohung, sie können auch sehr nützlich sein. Feinde einen die andere Seite, machen es möglich, Prioritäten zu ändern, die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zu konzentrieren und vieles andere zu vergessen. Die Wohltaten des Krieges lassen sich gut mit den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit illustrieren. Selbst bei den Siegernationen, wo nichts zerstört wurde, wo nur Feinde getötet wurden, selbst dort schien sich Sorge breit gemacht zu haben, nachdem der Siegesjubel verflogen war. Eine Nation, für kurze Zeit heroisch und geeint, kehrt zurück zu Trivialitäten und inneren Konflikten. Oft folgt Sorge und Tristesse dem jungen Frieden, der großen Revolution, selbst der himmelstürmenden Liebe. Wenn so alle zwei Jahre ein neuer Feind auftauchte - dies wäre der Idealzustand für einen Staatschef. Ein neuer Feind, vorn Volk gehasst, scheinbar stark und gefährlich und in Wirklichkeit schwach.

Der nützliche Feind:

Es gibt viel Böses in einer Gesellschaft. Aber man kann sich nicht um alles auf einmal sorgen, dafür reichen die Kapazitäten nicht. Man muss auswählen... Ähnlich ist es mit sozialen Problemen. Es gibt keine soziale Aufmerksamkeit, keine Mobilisierung, wenn man alles auf einmal will. Man muss mit den sozialen Problemen haushalten. Viele sind qualifiziert, aber nur wenige werden erwählt. Ist die Wahl getroffen, und dies geschieht natürlich durch Tausende von bewussten wie unbewussten Teilentscheidungen und Mobilisierungsprozessen, wird das Resultat in hohem Maße die allgemeine moralische Orientierung einer Gesellschaft dominieren... Folglich kristallisieren sich einige Themen heraus, über die es eine fast rührende Einigkeit gibt, dass es sich um massive soziale Probleme handelt. Es geht also um die Wahl des Feindes. Der perfekte Feind muss bestimmte Bedingungen erfüllen:

1. Macht heißt, seinen Willen gegen andere durchsetzen zu können. Zunächst kämpft man um die Definition des Feindes. Soziale Probleme sind Probleme, die die Menschen als soziale Probleme empfinden. Aber nicht jedermanns Meinung zählt gleich viel. Offizielle soziale Probleme sind die Probleme, gegen die Führungs- und Machtgruppen eine Mobilisierung erreicht haben. Es ist ja klar, soziale Probleme können nie solche sein, die Zentralpositionen einer Gesellschaft bedrohen. Es gibt keine Definition eines sozialen Problems, das etwa der Industrie, den Gewerkschaften, wichtigen Berufsgruppen oder geographischen Regionen schaden könnte, ebensowenig der intellektuellen Elite. Man definierte nie einen Feind so, dass sich eine mächtige gesellschaftliche Gruppe hinter ihn stellt und dann gegen eine solche Problemdefinition zu Felde zieht...

2. Der Feind ist immer gefährlich, teuflisch, unmenschlich, zumindest gilt dies für die Anführer, die Verführer. Oft gilt die Gefahr uns allen, manchmal, bei abgrenzbaren sozialen Problemen, allein ihm selbst. Wichtig ist Entrüstung. Man führt keinen Krieg auf analytische, kalte Art. Im Frühstadium benutzt man Übertreibungen, Schreckensbilder und diese werden im Verlauf des Krieges verschärft. Im Idealfall lässt sich eine bestimmte Gruppe von lndividuen lokalisieren, die alle diese Eigenschaften verkörpert. Eine solche homogene Gruppe steht dann als Erzrepräsentant des Bösen.

3. Wer im Kampf gegen den Feind die Verantwortung zu tragen hat, muss sich selbst sicher fühlen können. Kritik muss warten, bis der Kampf beendet ist. Um Zulauf zu erhalten, müssen sie in Ruhe arbeiten können und auch dann Vertrauen erwecken, wenn sie im Eifer des Gefechts den Feind oder den Problemcharakter überzeichnen sollten. Und der Feind muss als so stark erscheinen, dass gewisse Sondervollmachten angezeigt sind. Ein Weg, dieses Vertrauen herzustellen ist, die normalen gesellschaftlichen Kontrollinstrumente gegen Machtmissbrauch teilweise außer Kraft zu setzen. Ein anderer Weg ist, den Meinungsführern freie Hand für die Kampftaktik zu geben. In Kriegszeiten macht es die Zensur den Bürgern sehr schwer zu beurteilen, wie genau sich die Schlachten auswirken. Ebenso kann man feststellen, wie die offiziellen Verlautbarungen den Weg für den Kampf psychologisch ebnen. So wird es für den Normalbürger fast unmöglich einzuschätzen, ob es Fortschritte gibt oder Rückschritte. Nichtautorisierte Kommentatoren können ja dem Feind in die Hände arbeiten: Je härter der Krieg, desto geringer interne Diskussion über Zweck und Mittel des Kampfes.

4. Gute Feinde bleiben immer am Leben. Es mag... günstiger sein, ihn (den Krieg) möglichst zu verlängern und möglicher Kapitulation des Feindes aus dem Wege zu gehen. Hieraus folgt die Strategie, fortwährend über Fortschritte und Teilsiege zu berichten und aber zugleich zu betonen, dass der Feind stark und schlau ist und weiterhin eine Bedrohung für das Vaterland darstellt. Der erfolgreiche Kampf könnte noch erfolgreicher werden, würden die Generäle mit noch mehr Vollmachten und Mitteln ausgestattet.

5. Das gemeine Volk muss aus diesem Kampf herausgehalten werden. Daher definiere man den Feind so vage, dass sich schwer einschätzen lässt, ob der Feind stärker wird oder schwächer. Bei einem solchen Feinbild kann man dann nach Bedarf andere Gruppen hinzurechnen oder ausschließen. Der perfekte Feind ist klar genug, um bekämpft zu werden, zugleich aber unklar genug, damit er nach Bedarf hinter der nächsten Ecke vermutet werden kann. Den perfekten Feind kann man zugleich überwinden und behalten.

6. Diese Unklarheit hat ihre Grenzen. Der Feind deckt nur dann die inneren Bedürfnisse ab, wenn er das Gegenstück eine Negation - zum Guten und Wahren symbolisiert. Je stärker der Symbolwert, in desto stärkerem Maße wird er andere Gegensätze binden bzw. aufheben.

7. Feindbilder lassen sich nicht beliebig konstruieren. Der Kampf gegen Drogen hätte kaum dieses Ausmaß und diese Intensität gewonnen, wenn die Angst vor ihnen nicht auch einen realistischen Hintergrund hätte. Es ist ein Kern Wahrheit in dem, was über die Drogen erzählt und geschrieben wird, über ihre Wirkungen, Gefahren, Versklavungskraft, die das Verderben der Jugend und der Reichtum anderer ist.

Der Feind lässt sich nicht auf das rein Absurde reduzieren. Es gibt ihn, man kann ihn täglich erfahren, wenngleich nicht in dem Umfang und der Stärke, mit den Zielen und Motiven, wie es die Generäle proklamieren. Hiervon abgesehen, ist kein Feind perfekt. Wenige Machthaber sind an rationalen Analysen der potentiellen Feinde interessiert. Dennoch gibt es Auswahlprozesse, die gesellschaftlich verzweigt ablaufen. Einige Feinde erweisen sich als besser als andere."

Feinde und Sündenböcke lassen sich also relativ beliebig konstruieren und -egal ab sie noch Teil der Gruppe sind oder schon draußen stehen- zur Stabilisierung von Gruppen oder Gruppenmehrheiten funktional einsetzen. Die Funktionalität eines Feindes nutzt sich mit der Zeit ab, so dass neue Feinde gefunden werden müssen oder die Bedrohung der alten Feinde vergrößert werden muss. Wer in der Sozialen Arbeit Gruppenprozesse steuern will und die Rolle des Sündenbockes zulässt, muss wissen, dass der Sündenbock mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann die Gruppe verlässt oder rausgeschmissen wird, wenn entweder er in der Gruppe keinen Sinn mehr sieht oder die Gruppe keinen mehr in ihm. Für den Gruppenarbeiter ist dies in zweifacher Hinsicht ein Armutszeugnis: Menschen helfen bedeutet, allen Menschen helfen; wenn die Lebenslage des Sündenbocks sich verschlechtern muss, damit sich andere stabilisieren, ist das Ziel Sozialer Arbeit verfehlt. Wenn die Gruppe als Lerneffekt mitnimmt, dass es möglich und legitim sei, sich auf Kosten anderer zu stabilisieren reproduzieren sie genau das Prinzip, nach dem das Klientel Sozialer Arbeit in Gänze selbst ausgegrenzt wird, um gesellschaftliche Mehrheiten zu integrieren. Dies Prinzip gilt es generell zu problematisieren und keinesfalls im Kleinen selber zu kultivieren. Solange Gruppen keine andere Form der Konfliktlösung kennenlernen und Sündenböcke zur Gruppenintegrität existenziell benötigen, werden sie sich immer wieder neue Sündenböcke suchen und quälen. Da der Erfolg für die Gruppe eh nur von kurzer Dauer ist, sie dabei keine konstruktive Form der Konfliktlösung erlernt und das Erlebnis für das Opfer regelhaft traumatisch ist, sollte man -sofern man die Fäden in der Hand hat- generell auf die Rolle verzichten und den Zusammenhalt über positive Gruppenbezüge herzustellen versuchen.

Die Stadt Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern haben den Konflikt in Rostock-Lichtenhagen um die Zentrale Aufnahmestelle -‚ihres Feindes den gemeinen Flüchtling'- zugespitzt, um gegenüber der Bundesinnenministerkonferenz eine geringere Aufnahmequote durchzusetzen. Dafür wurden bewusst u.a. die Überbelegung zugelassen und die nötigen Toiletten vorenthalten. Angesichts fehlender ‚Erfolge' nahmen es die Bewohner selbst in die Hand, den ‚Feind' zu bekämpfen: Fast ungehindert über mehr als zwei Tage entwickeln sich eine Pogromstimmung, die darin gipfelt, dass unter Beifall von sozial selber benachteiligten Menschen ein von Vietnamesen bewohntes Haus angezündet wird. Auch danach versuchte der damalige Innenminister Kupfer noch Kapital aus den Ereignissen zu schlagen, indem er die Pogrome gegen den ‚Feind' ein Tag danach als Begründung benutzt, das Asylrecht ändern und die ‚Belastung' seines Bundeslandes reduzieren zu müssen. Eindrucksvoll wurde hier deutlich, wie benachteiligte Menschen ihren Frust vergessen, sich eine Identität schaffen und zur Gruppe formieren können, wenn sie gemeinsam noch schwächere Sündenböcke identifizieren und gemeinsam zu vernichten trachten...





[Bearbeiten] Phasenmodell des Gruppenprozesses und gruppendynamische Aspekte:

Das oben skizzierte BSP von Studierenden auf ihrer Exkursion könnte einen ersten Eindruck vermitteln, wie sich phasenhaft aus Individuen eine Gruppe formiert, wie sich anhand objektiv wenig relevanten Kriterien Fraktionen bilden und Sündenböcke eine tragende Rolle für den Gruppenzusammenhalt spielten. Das ‚Wir-Gefühl' der Gruppenmehrheit sorgte zwar noch dafür, dass sich die ausgeschlossenen Sündenböcke zur vorzeitigen Rückfahrt entschlossen haben, hielt nach der Abreise dann aber nicht mehr lange an. Anhand der Frage wie laut die eine Hälfte der Gruppe abends noch Party im Gruppenraum machen darf, während die anderen schlafen wollten, kam es zu einer erneuten Spaltung innerhalb der Gruppe...

So wie die Beforschung von Gruppen bestimmte Regelmäßigkeiten nachweist hinsichtlich der Bedeutung von Innen- und Außendifferenzen, bestimmten Strukturmerkmalen, sowie der Ausprägung von Gruppenrollen, lassen sich auch hinter den Gruppenprozessen Regelmäßigkeiten erkennen. Obwohl diese derart signifikant sind, dass man sie in einem Phasenmodell zusammengefasst hat, darf hier keine Zwangsläufigkeit vermutet werden. Wie auch bei dem oben vorgestellten Phasenmodell, werden allein Wahrscheinlichkeiten mit all ihren Ausnahmen theoretisch prägnant zusammengefasst. Der Sozialarbeiter soll so sensibilisiert werden, bestimmte Regelhaftigkeiten zu erkennen, vorherzusehen und darin unterstützt werden, sie im konkreten Fall kontrolliert einzusetzen oder auch zu vermeiden. Etabliert hat sich ein 5stufiges Modell;<ref>Garland, J.A.; Jones H.E.; Kolodny R.L. 1971: Ein Modell für Entwicklungsstufen in der Sozialen Arbeit. In: Bernstein S./Lowy L.: Untersuchungen zur Sozialen GA, Freiburg, S.43ff</ref> zur Unterstützung der (Vor-) Strukturierung und Reflexion von Gruppenprozessen:

  • Voranschluss und Orientierung
  • Machtkampf und Kontrolle
  • Vertrautheit und Intimität
  • Differenzierung
  • Trennung und Ablösung

Ich möchte hier die Phasen nur kurz skizzieren und ansonsten auf Schmidt-Grunert verweisen (1997: 181-197).

Voranschluss und Orientierung:

Die Mitglieder einer Gruppe stehen sich zunächst undifferenziert gegenüber, kennen gegenseitig nicht einmal den Namen geschweige denn besondere Kompetenzen oder Persönlichkeitsmerkmale. Allein auf dem ersten Blick kann man i.d.R. Hinweise auf Geschlecht, ein grobes Alter, eine vorläufige Sympathieeinschätzung und nach Art, Qualität und Abnutzung der Kleidung auch eine Idee der sozialen Herkunft gewinnen. Ausgehend von den eigenen Gründen, hierher zu kommen (Freizeitinteressen, Auflage von Jugendstrafkammer, familiäre, psychische oder gesundheitliche Probleme...), hat man eine Idee, warum auch die anderen da sind. Diese Hinweise reichen zunächst nur soweit, sich ggf. einen Sitzplatz auszusuchen, sind Raucher draußen erkennbar, stelle ich mich vielleicht hinzu und grüß zurückhaltend die Menschen dieser Untergruppe. Man sucht relativ einheitlich große Körperdistanzen, beobachtet vorsichtig die anderen Menschen und die fremden Räumlichkeiten, redet -wenn überhaupt- leise und oberflächlich mit dem Nachbarn, dessen Namen man nicht kennt... Jetzt mit Mutproben oder der Frage nach dem Verhältnis zu den Eltern zu beginnen oder gleich eingangs die Frage nach dem Problem zu stellen, scheint verfrüht; eventuell peinliche Frage sollten nicht zu früh, aber auch nicht zu spät gestellt werden... Die Gruppenleitung wird sich darauf konzentrieren, den Kennlernprozess zu moderieren und zu straffen; sie wird eine Form finden, sich gegenseitig vorzustellen, sich zu vergewissern, was man gemeinsam will und ob man hier richtig ist. Einige Minimalregeln für die Zusammenarbeit werden beschlossen (ausreden lassen, sich gegenseitig ernst nehmen, kein Alk, nicht laut werden, keine körperlichen Drohungen...). Am Ende dieser Phase hat man einen undifferenzierten Eindruck, ob die Leute oder die Leitung ganz O.K. sind, man weiß, ob man wiederkommen und neben wem man wohl ganz gerne wieder sitzen will. Man kennt die groben weiteren Planungen, Themen, Termine und die Orte, wo man sich trifft...

[Bearbeiten] Machtkampf und Kontrolle:

Der Titel dieser Phase weckt unerfreuliche Assoziationen und sollte eine Leitung veranlassen, nachdrücklich zivilisierende Momente in dem Gruppenprozess zu verankern. Es sollten zudem Themen, Ziele und Kriterien eingebracht werden, an denen sich die Mitglieder positiv profilieren können, statt nach schwachen Sündenböcken und Feinden zu suchen... Inzwischen kennen sich die Mitglieder so gut, dass sie gegenseitig Stärken und Schwächen einzuschätzen wissen und die Unterschiede nutzen, um Einfluss auf die Gruppe auszuüben. Die Ausbildung von Gruppenrollen und die Besetzung von Positionen sind die zentralen Herausforderungen dieser Phase. Grundsätzlich sind verschiedene Positionen zu besetzen; vielleicht 1-3 zentrale Positionen, einige andere wichtige und weitere unwichtige. In einigen Gruppen werden diese Positionen immer von den gleichen Rollen besetzt; in anderen variiert die Besetzung je nach Situation, in der sich die Gruppe befindet. Eine Gruppenleitung wird darauf achten, dass die Besetzung der Positionen wechselt, damit mehrere Personen Chance zu Profilierung erhalten und sich möglichst keine festen Looser und Führer herausbilden. Eine Arbeitsteilung innerhalb der Gruppe gewinnt ihre Stärke, wenn die Zusammenarbeit der einzelnen Fragmente koordiniert wird und ohne Kränkungen einzelner Mitglieder funktioniert; also wenn alle sich nach ihren besonderen Qualitäten angemessen beteiligt und integriert fühlen, sowie der Nutzen jedes Einzelnen immer noch größer ist, als wenn er alleine wäre. Wo keine Qualitäten vorhanden sind, die in bestimmten Situationen automatisch eine wichtige Position begründen können, muss ggf. intensiv nach Qualitäten gesucht werde, die dann ‚gewinnbringend' -jedoch möglichst unauffällig- inszeniert werden; (einen Gruppenbus reparieren, Partys veranstalten, Geburtstagsbeauftragter...), wenn unsere Bemühungen zu offensichtlich sind, gilt das geförderte Mitglied schnell als ‚Muttersöhnchen' oder ‚Schleimi'... Am Ende dieser Phase haben alle verbliebenen Personen ihren Platz in der Gruppe gefunden, haben sich mit Konkurrenten um die gleiche Rolle gestritten und anschließend arrangiert und erkennen einander nun derart an, dass alle Mitglieder einen Gewinn für die Gruppe darstellen und deswegen unentbehrlich sind. Ggf. in Untergrüppchen zusammengefasste ‚Mitläufer' bzw. als Opposition formierte Mitglieder, gewinnen in ihrer Summe derart an Bedeutung, dass auch ihre Interessen ausreichend Berücksichtigung finden. Teils sogar formell hat sich eine gemeinsame Programmatik inkl. subkultureller Gruppennormen herauskristallisiert, die sich -teils durch bestimmte Kleidungen oder Rituale unterstrichen- vom sozialen Umfeld sichtbar unterscheidet und die Gruppenidentität schärft. Die Zahl derjenigen, welche die Gruppe verlassen haben, war bisher hoch, wird sich jetzt aber deutlich reduzieren. Allgemein haben sich soziale Beziehungen und Kommunikation verdichtet und die Körperabstände reduziert; selbst zwischen jenen, die sich weniger sympathisch sind.

[Bearbeiten] Vertrautheit und Intimität:

Ist die Gruppe geordnet, kann sich eine Intimität zwischen den Mitgliedern herausbilden und ggf. sogar gegenüber dem eigentlichen Gruppenziel dominieren. Das Gefühl, nicht allein zu sein macht die Gruppe dann zum emotionalen Selbstzweck; dieser Nebeneffekt kann ggf. sozialpädagogisch intendiert gewesen sein, wenn die Gruppe (Töpfern) nur Mittel zum Zweck (Überwindung sozialer Isolation) ist. Sekundäre intendierte Nebeneffekte werden in der GA bsp. auch deutlich, wenn Sport-Vereins-Gruppen hintergründig sucht- kriminal- oder gesundheitspräventive Ziele verfolgen. Abgesehen von der emotionalen Dimension ist die Leistungsstärke der Gruppe nun am höchsten; bei Bedrohungen oder Herausforderungen halten alle zusammen und ziehen an einem Strang, ohne sich durch bilaterale Kämpfe zu schwächen. Die Gruppe fühlt sich nun ausreichend gewappnet, die Auseinandersetzung mit anderen Gruppen zu suchen, um so den Zusammenhalt zu erhöhen und zusätzlich Profil zu schärfen. Eine Leiterin würde sich nun langsam zurückziehen, eine eventuell vorher aktive Rolle gegen eine passive, moderierende eintauschen. Unabhängig davon, ob die Gruppenleitung selber die Führungsrolle inne hat oder nicht, muss sie weiterhin sicherstellen, dass die Gruppenentwicklung gemeinsam reflektiert wird; das bezieht sich v.a. auf den Ressourcengewinn, den man kollektiv und individuell erreichen konnte. Er darf nicht in Vergessenheit geraten und muss regelmäßig reflektiert und trainiert werden, damit sich später alle auch ohne Leitung erfolgreicher in Gruppen, sowie im Leben zurechtfinden...

[Bearbeiten] Differenzierung:

Aufbauend auf der emotionalen Sicherheit und der Gruppenstärke besteht nun Einvernehmen darüber, dass man Konflikte und Herausforderungen auch ohne Anleiter lösen kann. Das ‚Wir-Gefühl' ist so hoch, dass man sich mit diesem ‚Sicherheitsnetz' im Rücken zunehmend auch traut, sich Herausforderungen allein und außerhalb der Gruppe zu stellen, um Autonomie und Individualität zu gewinnen. Die Rolle wird differenziert, ausgeweitet oder gesprengt; ggf. schafft man sogar schon den Absprung von der Gruppe; auf jeden Fall bedarf man keiner Leitung mehr, die einen auffängt; dies macht die Gruppe nun allein.

[Bearbeiten] Trennung und Ablösung:

Als letzte Phase wird die Auflösung der Gruppe benannt. Dies sollte man jedoch vom Einzelfall abhängig machen. Über's Knie gebrochen, mit dem eigenen Weggang als Leiter zwingend auch die Gruppe auflösen zu wollen, scheint unnötig. Es kann Sinn machen, die Selbstorganisation der Gruppe vor dem eigenen Ausstieg sicherzustellen, um Mitgliedern im Falle von Rückschlägen nicht zuzumuten, ganz allein zu stehen und ganz von vorne anzufangen zu müssen; vielleicht ist die Gruppe auch so stark, dass sie nun allein Neueinsteiger aufnehmen und unterstützen kann...

[Bearbeiten] Zusammenfassung:

Gruppenprozesse unterteilen sich regelhaft in verschiedene Phasen, denen ein Spannungsbogen mit einer zunächst steigenden und später wieder abnehmenden Intensität des Kontaktes zwischen Mitgliedern untereinander und gegenüber einer Leiterin, zugrunde liegt. Diese Strukturierung dokumentiert eine Tendenz, der Gruppenprozesse mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen, werden sie nicht gesteuert; sie spiegeln damit quasi natürliche Entwicklungen wieder, die von verschiedenen Eckpunkten abhängig sind. Diese Punkte zu identifizieren und kontrolliert -zum Wohle des Klienten- einzusetzen, ist die Kunst der GA Hilfreiche Erkenntnisse liefern eigene reflektierte Gruppenerfahrungen als Mitglied oder Leiter, die Sozial- und Erziehungswissenschaft sowie die Psychologie:

Im sog. Ferienlagerexperiment hat Sherif, M. ????19???<ref>in: Müller, E.F.; Thomas, A. Einführung in die Sozialpsyhologie 1974:317f</ref>erforscht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich Gruppenprozesse entwickeln und wie sie zu beeinflussen sind:

Die Kennenlernphase der 24 Jungen im Alter von 12 Jahren, die aus ähnlichen sozialen Kontexten und Wohngegenden stammten, sowie über vergleichbare kognitive und psychologische Voraussetzung verfügten und eine 3wöchigen Ferienfreizeit verbringen sollten, dauerte drei Tage. Anhand eines Soziogramms zur Frage, mit wem man den Rest der Ferien am liebsten zusammen verbringen möchte, wurden die Sympathieverteilung innerhalb der Gruppe erfasst. Diese wurde dann aber so halbiert, dass diejenigen, welche sich mögen auseinandergerissen wurden. Schon nach fünf Tagen wurden in einer zweiten Befragung 90% gegenüber zuvor 35% der Sympathiebekundungen innerhalb der neuen Teilgruppen vergeben. Es hatten sich zu dem Zeitpunkt schon klare Gruppenstrukturen und eine gemeinsame Gruppenidentitäten entwickelt. Die Mitglieder beider Teilgruppen drängten darauf, sich mit den eindrucksvollen Namen ‚Red Devils' und ‚Bull Dogs' von den anderen abzugrenzen. Anschließend äußerten beide Seiten den Wunsch, sich im Wettkampf mit den anderen messen zu wollen. Im Verlaufe dieser Wettkämpfe entwickelten sich jeweils Feindseeligkeiten gegenüber der anderen Gruppe; der Namen der gegnerischen Gruppe wurde zum Schimpfwort. Als man die Gruppen später wieder zusammenlegte und gemeinsame Freizeitangebote machte, haben sich beide Seiten wieder angefreundet und Kontakte innerhalb beider ehemaligen Teilgruppen gesucht...

Um sich einen eindrucksvollen Einblick in gruppendynamische Prozesse zu verschaffen empfiehlt es sich auch noch heute, den Roman ‚Herr der Fliegen' von William Golding zu lesen oder sich die Verfilmung bzw. eine Theaterinszenierung anzusehen. Obwohl es sich hier um einen Roman handelt, hat sich die Geschichte -egal über welches Medium verbreitet- als Lehrmaterial über Menschenbild und Gruppendynamik weltweit Anerkennung verschafft; es eignet sich in hervorragender Weise als didaktisches Material in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Eine Theaterankündigung des ‚Theater unterm Dach' fast den Inhalt zusammen:<ref>www.theateruntermdach.de; 12.01.03.</ref>





„Eine Gruppe englischer Schuljungen wird in Folge eines Flugzeugabsturzes auf ein Korallenriff im Pazifik verschlagen. Alle Erwachsenen sind bei dem Unglück ums Leben gekommen, die Heranwachsenden sind auf sich allein gestellt. Schon früh kristallisieren sich mit den Protagonisten Ralph und Jack zwei Rivalen heraus, deren Vorstellungen vom Zusammenleben auf der Insel deutlich differieren. Es werden Vorschriften erlassen, die Gruppe gibt sich Regeln, doch bilden sich bald zwei Cliquen, die sich gegenseitig befehden. Als ein Mord geschieht, kommt es zur Eskalation... Der Roman ‚Herr der Fliegen' von William Golding ist ein Gemälde in düsteren Farben. Obwohl für die Gruppe der Schuljungen alle schädlichen Umwelteinflüsse ausgeschaltet sind und geradezu ideale Bedingungen herrschen, scheitern sie bei dem Versuch, eine auf Vernunft und Ordnung gegründete Gemeinschaft aufzubauen. Die irrationalen Kräfte des von Natur aus bösen Menschen toben sich aus bis zum bitteren Ende und hinterlassen ein Trümmerfeld..."

In der Werbung für den DVD-Film heißt es alternativ:<ref>Head-Film AG 2002; 8048 Zürich.</ref>

„Eine Gruppe amerikanischer Militärschüler wird durch einen Flugzeugabsturz auf eine einsame Insel verschlagen. Im Überlebenskampf spaltet sich die Schicksalsgemeinschaft der 8-12jährigen in zwei Lager. Eine Partei versucht zivilisiert zu bleiben und die Insel irgendwie zu verlassen, die andere übt sich in wilder Jagd, Kriegsbemalung und Erforschung der Insel. Als die Hoffnung auf Rettung mehr und mehr schwindet, verfeinden sich die beiden Gruppen immer mehr, mit tragischen Folgen..."

Die Spaltung der Gruppe geschieht in dem Moment, wo die Notlage nicht mehr als lebensbedrohlich erlebt wird; sich also die Situation geändert und eigentlich entspannt hat. In dem Moment, als Druck und Angst (Feind) der Gruppe abnehmen, stellt die interne Opposition das gemeinsame Ziel, gerettet zu werden, in den Hintergrund und spaltet sich ab. Bestand zunächst Einigkeit darüber, sich in einer bedrohlichen Notlage zu befinden, die nur mittels Vernunft gelöst werden kann, war der vernünftige Ralf in der zentralen Position akzeptiert. Ging es nun nicht mehr um alles oder nichts, gewann der ‚Oppositionsführer' an Einfluss. Er will lieber das Abendteuer ausleben, sich Kriegsbemalung zulegen und zur Jagd gehen... Obwohl er einen undemokratischen autoritären Führungsstil pflegt, entscheidet sich die Hälfte für ihn, um im Falle einer Auseinandersetzung nicht auf der falschen -der schwachen Seite- zu stehen; eine Entscheidung quasi zwischen Fäusten und Worten. Wie im Ferienlageexperiment trennt man sich räumlich und entwickelt getrennte Identitäten, gibt sich statt eines Namens ein signifikant anderes Äußeres, sucht den Wettstreit, der aber eskaliert und fast zu einem zweiten toten Jugendlichen führt. Vermeintliche Verräter werden öffentlich bestraft und die Randfiguren sind in der Entscheidung zwischen einem starken und einem vernünftigen ‚Führer' hin- und hergerissen...

Die Bedeutung des Filmes ‚Herr der Fliegen' als spannendes didaktische Mittel zur Thematisierung von Macht, Menschenbild und Gruppendynamik ist seit 2001 von dem Film ‚Das Experiment' abgelöst worden. Die dargestellte rasante gruppendynamische Entwicklung wirkt noch beeindruckender liegt ihr doch eine wahre Begebenheit zugrunde; ein 1971 von dem Psychologen Rappaport??? an der Standford Universität durchgeführtes und außer Kontrolle geratenes sozialpsychologisches Experiment. Auch hier sollen zwei Filmankündigungen einen ersten Eindruck vermitteln; die erste formuliert es so:<ref>Markus Münch in: www.film.de; 13.01.03.</ref>

„Das Experiment

Realität: An der Stanford University wird 1971 das ‚Stanford Prison Experiment' durchgeführt. Ziel der sozialpsychologischen Studie ist die Erforschung von menschlichem Rollenverhalten. 24 freiwillige Versuchspersonen werden per Zufall in ‚Gefangene' und ‚Wärter' aufgeteilt und sollen zwei Wochen in diesen Rollen bleiben. Als Gefängnis dient ein umgebauter Flur im Keller der Universität. Die Gefangenen müssen drastische Einschränkungen in Kauf nehmen: anstatt Kleidung tragen sie nur ein langes Hemd und werden zu dritt in eine enge Zelle gepfercht. Die Wärter müssen für Ordnung sorgen. Das tun sie mit drastischen Maßnahmen: bereits in der ersten Nacht bestrafen sie aufmüpfige ‚Häftlinge', indem sie ihnen die Betten wegnehmen, sie ausziehen und mit einem Feuerlöscher bespritzen. Doch es wird noch schlimmer: Bereits nach sieben Tagen muss das Experiment abgebrochen werden. Soweit die Realität. Was wäre wohl passiert, wenn das Experiment weiter gelaufen wäre? Wenn die Wissenschaftler die Zeichen von aufkommendem Sadismus auf der einen Seite und psychischen Störungen auf der anderen Seite nicht rechtzeitig erkannt hätten?"

Eine zweite Ankündigung lautet wie folgt:<ref>www.dvd-palace.de; 13.01.03.</ref>

„Das Experiment

Innerhalb von nur zwei Wochen 4000,- DM verdienen, das wäre schon was. Dies denken sich zumindest 20 ganz normale Männer, die sich auf eine Zeitungsannonce hin als Versuchspersonen für ein sozio-psychologisches Experiment der Universität zur Verfügung stellen. Es geht um die Simulation einer Gefängnissituation. 8 Männer werden per Zufallsprinzip als ‚Wärter' eingeteilt und die restlichen 12 sind die ‚Gefangenen'. (...) Zunächst beginnt eine Phase des Beschnupperns und Austestens. Die ganze Situation wird etwas spielerisch angegangen ohne die nötige Ernsthaftigkeit. Deswegen werden alle nochmals von der Projektleitung zur Einhaltung der Regeln ermahnt und die ‚Wärter' werden angewiesen für deren Durchsetzung zu sorgen. Allmählich beginnt sich das Blatt zu wenden und aus der zuerst lockeren Simulation wird bitterer Ernst. Eine gefährliche Mischung aus Machtdemonstration, Rebellion, Demütigung und Schikane nimmt ihren verhängnisvollen Lauf. Als der Professor für kurze Zeit nicht erreichbar ist eskalieren die Ereignisse und plötzlich geht es für alle Beteiligten, gleichgültig ob ‚Wärter', ‚Gefangene' oder ‚wissenschaftliche Beobachter' nur noch um eins - ums nackte Überleben. Mit seinem ersten Kinofilm ist TV-Regisseur Oliver Hirschbiegel gleich ein großer Wurf gelungen. (...) Ein ähnliches Experiment fand in den 70er Jahren tatsächlich an der Stanford University statt und musste nach wenigen Tagen abgebrochen werden. Deswegen wirkt der Film auch jederzeit absolut Glaubwürdig und die gezeigte Gruppendynamik überzeugt auf ganzer Linie. (...) Vielmehr verrät uns der Film viel über die labile Beschaffenheit der menschlichen Natur und die Brüchigkeit anerzogener ethischer und moralischer Prinzipien. Wenn es um den Druck hierarchischer Strukturen und die Ausübung von Macht geht, wird jegliche menschliche Vernunft schnell über den Haufen geworfen."

Abgesehen von fehlenden Schusswaffen, wurden die ‚Wärter' mit allen Requisiten ausgestattet, die zu ihrer Rolle gehören und die ‚Gefangenen' entsprechend eingekleidet und untergebracht. Die Menschen, die vorher als einander unbekannte Individuen mit allgemein großer sozialer Distanz -oberflächlich jedoch gleichberechtigt miteinander kommunizierten- konzentrierten ihre Kommunikation nach der Wahl schlagartig auf die ihnen zugewiesene Gruppe. Hier reduzierten sie jeweils die Distanzen, während der (positive) Kontakt zu Mitgliedern der anderen Gruppe sofort abriss und beidseitig missbilligt wurde. Anhand von Mimik, Gestik, Körperhaltung, emotionaler Stimmung und verbaler Äußerungen zeigten einige ‚Wärter' deutlich, wie ihr Selbstbewusstsein sprunghaft steigt, kaum ist die Uniform angezogen und hat man sich mit Handschellen, Gummiknüppel und Trillerpfeifen ausgestattet. Schon in den ersten Stunden wurden Regeln durchgesetzt, um die ‚Gefangenen' zu schwächen und als Schwache zu markieren: Sie erhielten Kleider mit Nummern, durften darunter nichts anziehen, die Namen wurden durch Nummern ersetzt, gegenüber dem ‚Personal' durfte man sich nur äußern, wenn man aufgefordert war und musste die Unterhaltung mit „Jawohl Herr Strafvollzugsleiter" beenden; untereinander wurde das Reden gänzlich verboten... Die Freude über die neu erworbene Macht schien bei allen ‚Wärtern' groß, war ihr Einfluss in der realen Welt weitestgehend gering. Auf Seiten der ‚Gefangenen' kristallisiert sich am zweiten Tag die Rolle des ‚Führers' heraus. Provozierend trinkt dieser die Milch seines Kumpels in einem Zug auf, da dieser wegen einer Allergie die Regel ‚alles aufessen' nicht einhalten konnte. Auf Seiten der ‚Wärter' wird der Kampf gegen den ‚Gefangenenführer' und dessen Sturz zum Hauptziel erklärt. An diesem Ziel kristallisiert sich nun der ‚Wärterführer' heraus, der zuvor auch dort unbeliebt war, Probleme mit Frauen hat, pleite und ein Looser ist, der dies jedoch nicht wahrhaben will... Nun verschafft er sich Geltung. Die Randfiguren seiner Gruppe suchen verstärkt Anerkennung und Profil, indem sie die Gefangenen phantasievoll bestrafen. Wer sich als ‚Wärter' nicht freiwillig an den Strafen beteiligt, erlebt Gruppendruck, der später darin gipfelt, einen der ihren auszuschließen, zusammenzuschlagen und zu den Gefangenen in die Zelle zu sperren. Dabei geht es v.a. um den ‚Gefangenenführer' der entweder direkt bestraft wird (Haare abrasieren, Besuchsverbot, Toilette mit Fingernagel und Kleid putzen und dieses danach wieder anziehen lassen...) oder andere seinetwegen bestrafen, um ihn von seiner Gruppe zu isolieren... Die Gruppe der ‚Wärter' gerät -wo sie nichts mehr zu verlieren hat- in einen Rausch...

Autorität und Gehorsam:

Während die Auseinandersetzung zwischen ‚Gefangenen' und ‚Wärtern' die Handlung weitestgehend bestimmen, entwickelt sich parallel eine interessanter Gruppenprozess, der die Bedeutung von Autorität und Gehorsam zwischen den Wissenschaftlern zum Gegenstand hat. Gab man sich hier zunächst noch kollegial und glaubte, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, gewinnt die Rolle des ‚Projektleiters' im Laufe der Auseinandersetzung zunehmend eine dominante Rolle. So lange es darum ging, interessante wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, konnte man sich noch gemeinsam über die vergleichsweise harmlose Sequenz freuen, wie das Problem mit der Milch gelöst wurde. Die Gruppe der Wissenschaftler vergrößert die Distanz zueinander ab dem Moment, wo es im Knast zu ersten Übergriffen kommt. V.a. der stellvertretenden Leiterin ging es um Erkenntnisgewinn im Rahmen berufsethischer Grenzen, dem Leiter ging es vorrangig jedoch um seine internationale Reputation; die Zieldifferenzen wird den Forschern erst jetzt deutlich. Es spitzt sich ein Streit zu, in dem dann der Leiter schnell die kollegiale Arbeitsstruktur verwirft und sich seiner strukturellen Macht bedient: Es seien bisher ‚normale wenngleich spannende Machtkämpfe.' Schön fände er es selber natürlich ja auch nicht; aber man hätte jetzt die ‚Chance, Erkenntnisse aus Phasen zu gewinnen, die weltweit noch kein anderes Institut gewinnen konnte', ‚es ist die Chance unseres Lebens'...

Scheinbar gibt es in Gruppen schnell Punkte, ab dem sich die Mitglieder der Eigendynamik nicht mehr entziehen können, selbst wenn sie dabei gegen allgemeine, berufliche und sogar, wenn sie gegen ihre eigenen ethischen Prinzipien verstoßen. Hat man eine Gruppe gefunden in der man sich wohlfühlt, dass heißt in irgendeiner Art und Weise von der Mitgliedschaft profitiert, fällt es im Laufe der Zeit zunehmend schwer, sich zu trennen und den persönlichen Vorteil preiszugeben, auch wenn man sich nicht mit allem einverstanden erklärt; wenn endlich mal einer auf mich hört, mich grüßt, ich wer bin, ich vom Professor gelobt werde...; wenn ich spannende Forschungsergebnisse produziere oder endlich mal mein Name im Titel einer Fachzeitschrift auftaucht, wenn ich so meine berufliche Karriere absichere... Irgendwann versucht eine Gruppe in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen Profil zu gewinnen; dann fühlt man sich in der Pflicht, seine Gruppe nicht hängen zu lassen; ggf. wird man auch durch sie zur Unterstützung gezwungen. Der Lustgewinn muss dabei gar nicht direkt aus der Konfrontation mit den anderen gezogen werden, sondern wird viel stärker in der gestiegenen Anerkennung in der eigenen Gruppe gesucht; die Gruppenzugehörigkeit wird zum Selbstzweck. Scheinbar in ihrer Symbiose gefangen, schaukelt sich ‚Führer' und ‚Mitläufer' gegenseitig hoch. Die Gruppe steigert sich in ihre eigene Lebenswelt hinein, verliert die Realität mit ihren allgemeingültigen Normen aus den Augen und hat dann gemeinsam eine Grenze erreicht, wo es kein zurück gibt; man hängt zu tief drinn. Wenn nun sicher ist, dass man hinterher eh schlechter dasteht, als vor der Mitgliedschaft in seiner Gruppe, sichern sich die Gruppenmitglieder gegenseitig ab, dass sie hinterher nicht alleine die Verantwortung tragen müssen, deswegen darf nun niemand mehr die Gruppe verlassen; sich vermeintlich aus der Verantwortung zu stehlen wird nun (gruppen-) öffentlich abschreckend bestraft; ‚Mitgegangen ist mitgehangen.' Inzwischen bleibt man in der Gruppe, weil man Angst vor den anderen hat und vor der Einsicht, schon zu lange falsch gehandelt zu haben.





Rekapituliert man solche Prozesse muss man sich regelhaft mit subjektiv fehlendem Unrechtsbewusstsein erzählen lassen, dass man nur auf Befehl und nach Recht und Glauben für ‚die Sache' das Richtige zu tun, gehandelt hat: ‚Ich hab nur die Kleider raugetragen, nur das Zahngold rausgebrochen, nur das Zyklon B in einen Trichter gekippt...; das wurde mir befohlen. Hätte ich das nicht gemacht, hätte es eine anderer gemacht. Ich hätte das eh nicht verhindern können...'

Macht ist das zentrale Element, welches das Binnenverhältnis der Mitglieder, sowie die gruppendynamischen Prozesse begründet und zur Erklärung beitragen kann, warum jemand in der Gruppe Grenzen überschreitet, die er einhalten würde, wäre er allein. Max Webers Machtdefinition bleibt der unumstrittene Bezugspunkt in der Debatte um Macht: ‚Macht bedeutet die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.' Etwas unscharf übersetzt, geht es um Manipulation, die verschiedene Ursprünge haben kann. Die Erfahrungen des Holocaust haben die nordamerikanische Forschung inspiriert, das vorherige, als auch die beiden folgenden Experimente durchzuführen. Spielten die Aspekte Macht, Gehorsam und Kontrolle in der Forschung zuvor nur eine untergeordnete Rolle, begründete die Suche nach den Bedingungsfaktoren, die ‚Auschwitz möglich gemacht haben', in der Zeit nach 1945 eine umfangreiche Forschungstätigkeit. Besondere Aufmerksamkeit zog das Thema Macht, Autorität und Gehorsam in Gruppen auf sich. Hier sah v.a. die Psychologie die Gründe für den starken Rückhalt in der Deutschen Bevölkerung und deren Bereitschaft, sich aktiv zu beteiligen. Allein die Forschungsfrage, ob sich solche Entwicklungen in den USA wiederholen könnte galt als Affront. Man hielt die Bevölkerung der USA für generell zivilisierter und immun gegenüber einer Entwicklung wie in Deutschland. Aber auch hier wollte man das Dogma nicht verlassen, im NS ein singuläres Ereignis, quasi einen Unfall zu sehen, der sich aus einer ungünstigen fast unwahrscheinlichen Konstellation erklären lässt. In den USA ausgeschlossen, hätte es in Deutschland an einem spezifischen nationalen Charakter, einer gemeinsam empfundenen Kränkung, einer wirtschaftlichen Notlage, einer großen Zukunftsangst und der Zauberei eines einzelnen Mannes, Hitler, gelegen. Mittels exportierter GWA und GA sollten die Deutschen ‚umerzogen' und ihres gefährlichen Bewusstseins beraubt werden. Sog. ‚charismatischen' Führern (wie Hitler oder Stalin) müsse in Zukunft rechtzeitig der Einfluss entzogen werden, um eine Wiederholung auszuschließen. Die von Horkheimer und Adorno entwickelte und heute von Bauman rezipierte Kontinuitätsthese galten damals wie heute als unpopulär, sehen sie im NS eher die logische Konsequenz der Aufklärung. In der ‚Dialektik der Aufklärung' identifizieren sie quasi eine anthropologische Grundkonstante, die nach Befriedigung drängt. Im Zuge der Aufklärung wurde dieses Bedürfnis unterdrückt, der Mensch zum rational-funktionalen Handeln gezwungen und an diesem bemessen. Die Sozialisation v.a. der sekundären Sozialisationsinstanzen zielte rigide darauf ab, emotionale Bedarfe zu unterdrücken und sich fügsam wie funktional in die bestehende und über jeden Zweifel erhabene kapitalistische Gesellschaft einordnen. Als ‚autoritäre Charaktere' seinen die Menschen zu bezeichnen, wenn die Sozialisation in diesem Sinne erfolgreich war: Der i.d.S. ‚gute' Mensch

  • verzichtet darauf, sich entlang eigener individueller Bedürfnisse Befriedigung zu verschaffen, sondern sucht sie in der Erfüllung der ihm durch die gesellschaftliche Ordnung gestellten Anforderungen.
  • identifiziert sich mit klar hierarchisch geordneten Institutionen und strebt nach oben.
  • sieht in anderen Menschen Konkurrenten, meidet enge solidarische soziale Kontakte und minimiert sein Einfühlungsvermögen wie auch alle anderen emotionalen Regungen.
  • enthält sich kritischen oppositionellen Denkens.
  • hat Angst, sich von den vorgegebenen Konventionen zu emanzipieren.
  • ist neidisch und zugleich ängstlich, wenn andere dies tun; er neigt dazu, sie sozial auszuschließen oder sogar zu denunzieren.
  • zeigt generell Gehorsam gegenüber Autoritäten und machen alles was sie vorschreiben.
  • (...)

Diese Charakterzüge hätten den NS erst möglich gemacht. Die Versuche den NS allein einer Person zuzuschreiben und als singuläres Ereignis abzutun, dienen der Verschleierung, dass diese Eigenschaften sowohl in den USA als auch in Europa -gestern wie heute- als Leitziele der Sozialisation kultiviert und in letzte Zeit sogar verschärft werden. Wenn man den Menschen generell zur Unterordnung erzieht, machen sie es auch unter jedem Vorzeichen. Sie können funktional überall eingesetzt werden und genügen ihrer Pflicht, sofern sie immer mal wieder eine Stufe aufsteigen, Abzeichen kriegen und sich anhand äußerer Zeichen vergewissern können, wie viele andere unter ihnen stehen. Nach unten treten verschafft ihnen Bestätigung und Selbstbewusstsein und eine Form emotionaler Ersatzbefriedigung. Da jeder nur ein ‚kleines Rad' ist, die Opfer arbeitsteilig gedemütigt, gequält und vernichtet werden und möglichst wenig direkter Kontakt hergestellt wird, entsteht mangels Empathie selbst beim größten Verbrechen weder Mitleid noch Solidarität. Mit der These Horkheimers und Adornos, dass überall in der westlichen Welt genau jenes Bewusstsein gefördert würde, das Auschwitz möglich gemacht hat und gleichzeitig zentraler Bestandteil kapitalistischer Gesellschaftsordnung ist, haben sie sich verständlicherweise wenig beliebt gemacht.

Stanley Milgram hat i.d.Z. weltweite Aufmerksamkeit erregt. Sein Experiment stellt die Frage nach Gehorsam gegenüber Autoritäten in den Mittelpunkt seiner Forschung. Das zunächst vorgestellte Experiment von Solomon Asch konzentriert sich auf die Bedeutung von Beeinflussbarkeit durch Gruppendruck: Damit überprüfen beide einen Aspekt des autoritären Charakters und damit der o.g. These. Da sie ihre Experimente mit US-amerikanischen Bürgern durchführten, stand man auch ihrer Forschung skeptisch gegenüber: Solomon Asch<ref>in Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? 1978:93 München</ref> will in einem Experiment herausfinden, wieweit sich die einzelnen von anderen Gruppenmitgliedern beeinflussen lassen. Zunächst haben die Studenten allein die einfache Aufgabe bewältigt, die Länge eines Striches auf der einen Tafel, auf einer anderen wiederzuentdecken. Dies geschah zunächst fehlerfrei.

In einem zweiten Durchlauf befand man sich in einer Gruppe mit sechs anderen Studenten. Diese waren eingeweiht und riefen bewusst mehrheitlich falsche Antworten in den Raum. Knapp 40% der Testpersonen unterwarfen sich den falschen Urteilen; ordneten sich der Gruppenmehrheit unter. Wenn selbst Studenten, die sich untereinander nicht kennen, also weder seitens der Versuchsleitung noch untereinander negativen Konsequenzen zu befürchten hatten, sich schon bei einem derart irrelevanten aber eindeutigen BSP dem Gruppendruck beugen, so müsste -so die Interpretation- in der Gesellschaft die Bereitschaft zum Gehorsam; also der Unterordnung unter Gruppendruck, erschreckend hoch sein... Im Filmverleih<ref>Matthias-Film 8/1995; vgl.: Milgram, Stanley 1982: Das Milgram Experiment. Reinbeck: Rowohlt</ref> wird die Dokumentation des sog. ‚Milgram-Experiments' in dem Film von Egon Humer ‚Gehorsam und Verweigerung' wie folgt angekündigt; angesichts der vorangehenden Ausführungen kann diese Ankündigung unkommentiert für sich sprechen:

„Der Film setzt sich mit den Gehorsamsexperiment des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram aus dem Jahr 1962 auseinander. Milgram wollte herausfinden, wie lange ein Mensch einer Autoritätsperson gehorcht, die ihm befiehlt, einen anderen Menschen mit immer stärkeren Elektroschocks zu quälen. (...) Bei der Durchführung seines Experiments bediente er sich eines Tricks. Er bat seine Versuchspersonen, an einem angeblichen Experiment über den Einfluss von Strafe auf Erinnerungsvermögen und Lernfähigkeit teilzunehmen. Seine Versuchspersonen handelten in der Annahme sie seien ‚Lehrer'. Als ‚Lehrer' hatten sie die Aufgabe, vermeintliche ‚Schüler' mit Elektroschocks zu bestrafen, wenn diese beim Lernen von Wortpaaren Fehler machten. Die Auswirkung der Strafe auf den Lernprozess wurde durch einen angeblichen ‚Versuchsleiter' überprüft. 'Versuchsleiter' und ‚Schüler' waren in den Versuch eingeweiht und spielten ihre Rolle nur. Der ‚Lehrer' -die eigentliche Versuchsperson- sollte dem ‚Schüler' Aufgaben stellen, die Antworten prüfen und ihn bei falschen Antworten strafen. Der ahnungslose ‚Lehrer' sah zu Beginn, wie der ‚Schüler' auf eine Art elektrischen Stuhl gefesselt wurde. Der ‚Lehrer' wurde in einem vom ‚Schüler' getrennten Raum an einen Schockgenerator gesetzt, wo er an einer Schalttafel 30 Schalter von 15 - 450 Volt bedienen konnte. Die Versuchsperson erhielt einen kleinen Probeschock von 30 Volt, damit sie einen Eindruck von der Schmerzhaftigkeit hatte. Die Versuchsperson stellte nun die Fragen, erhielt zumeist falsche Antworten und wurde von dem ‚Versuchsleiter' angewiesen, bei jeder falschen Antwort einen Stromstoß zu geben und diesen mit jeder neuen falschen Antwort zu steigern. Der ‚Schüler', der in Wirklichkeit keine Stromstöße erhielt, reagierte mit Protest, der bei niedriger Voltdosis mit leisem Murren begann, sich bis zu Schmerzensschreien steigerte und schließlich mit Schweigen endete, das der ‚Lehrer' für Bewusstlosigkeit halten musste. Wandten sich die Versuchspersonen zwischendurch zweifelnd an den Versuchsleiter, so wurden sie von diesem angespornt mit Sätzen wie: ‚Bitte fahren Sie fort!', ‚Das Experiment verlangt, dass Sie weiter machen!', ‚Sie haben keine Wahl. Sie müssen weitermachen!' Die Ergebnisse des Experiments waren erschreckend 62% der Versuchspersonen drückten alle Schocktasten. Sie gingen bis 450 obwohl sie schon seit 180 Volt die qualvollen Schreie ihrer Opfer hörten. (...) An welchem Punkt würde sich die Versuchsperson weigern, dem Versuchsleiter zu gehorchen?

Das Experiment baut darauf auf, dass das Böse der Handlung, die von der Versuchsperson verlangt wird, zunächst nicht deutlich ist. Die Folgen des Gehorsams, sind am Anfang völlig harmlos. Wim Meeus spricht von einer ‚Falle', in die die Versuchspersonen gelockt werden: ‚Sie werden aufgefordert jemandem ein Übel zuzufügen, nur ein Kleines. Wenn sie später aufhören, müssten sie sich selbst kritisieren. Sie würden sich eingestehen, was ich bisher getan habe, war falsch. Es ist schwierig, sich einzugestehen, was ich getan habe, war falsch' (... Milgram) beunruhigte die Vorstellung, dass unter bestimmten politischen Umständen so etwas wie ein ,Nazideutschland' in den USA entstehen könnte. Er hat gezeigt, dass das Personal von Vernichtungslagern auch mit amerikanischen Bürgern besetzt werden könnte. ‚Dies widerspricht dem Selbstverständnis der Amerikaner' kommentiert Milgrams früherer Mitarbeiter Alan Elms das Ergebnis. (...) Überall stieß das Experiment auf Ablehnung, weil -so eine von Milgrams Versuchspersonen- ‚es etwas über uns aussagt, über die menschliche Natur, was wir einfach nicht hören wollten' (...) Warum war es so einfach für Eichmann, so zu handeln? Es war so einfach für ihn, weil er nicht sah, was er mit seinen Handlungen anrichtete. Er sah seine Opfer nicht. Auch die Versuchsperson bei Milgram ist eine Art von Bürokrat - sie sieht das Opfer nicht. ‚Der Trick den alle Autoritäten verwenden, um Gehorsam zu erzielen, ist, das Opfer unsichtbar zu machen' (Meeus). Milgram stellte mit seinem Experiment nicht generell Gehorsam in Frage, sondern er verstand es als Mahnung, einer Autorität nicht gegen das eigene Gewissen zu gehorchen. (...) Warum gaben nicht mehr als nur ein Drittel der Versuchspersonen das Experiment einfach auf, da sie sichtlich auch unter der Situation litten? (...) Popitz betont: ‚Es haben dort Menschen gehandelt, die nicht unter dem Einfluss von Massenhysterie standen, die nicht unter Druck waren, Nachteil, zu erleiden, wenn sie nicht konform wären. Sie wurden nicht aufgehetzt und ihre Opfer nicht als minderwertig dargestellt. Das macht die Sache so schrecklich.'"





[Bearbeiten] Sozialpädagogische GA:

Bisher wurden Ergebnisse zusammengetragen über regelhafte, wenngleich nicht zwangsläufige Merkmale von Gruppen; dabei handelt es sich weitestgehend um theoretische Ergebnisse und Interpretationen der psychologischen oder soziologischen Gruppenforschung. Als professionell initiierte und angeleitete Gruppe ist die sozialpädagogische Gruppe im Rahmen einer solchen Forschungen ein Sonderfall; die Forschungsergebnisse lassen sich daher nicht immer unmittelbar übertragen. Wie bei theoretischen Forschungsergebnissen üblich, dokumentieren sie keine Kausalitäten, sondern allein Wahrscheinlichkeiten. Wenn wir in und mit Gruppen arbeiten, müssen wir in allen Phasen des Hilfeprozesses eine Vorstellung darüber gewinnen, ‚wo die Gruppe steht'. Dieser Leitspruch der sozialpädagogische GA verpflichtet uns, Gruppenprozess und -struktur stets genau zu erfassen; ohne die differenzierten Ergebnisse der wissenschaftlichen Gruppenforschung wäre dies systematisch nicht möglich. Wissen wir, ‚wo unsere Gruppe steht' und haben auch eine Vorstellung davon, ‚wo sie hin soll', versuchen wir durch Beeinflussung der zentralen Variablen, die Gruppenstruktur und -prozess zugrunde liegen, eine entsprechende Entwicklung einzuleiten. Aber das ist doch Manipulation, werden vielleicht einige nun denken - das ist richtig. Zwar hört sich dies Wort böse an, aber wenn es denn nun mal den Sachverhalt trifft, sollte man es m.E. auch ehrlich aussprechen; Manipulation muss aber nicht per se schlimm sein, solange sie dem Wohl der Klienten dient, selbst wenn dieser das vielleicht selbst gar nicht erkennt. Solange man deutlich den manipulativen Charakter der eigenen Arbeit vor Augen hat und sich der Macht bewusst ist, die ausgeübt wird, solange -so hoffe ich- wird man sich besonders darum bemühen, Interventionsform, Motivation und Ziele berufsethisch und aus Perspektive des Klienten zu legitimieren. In dem Moment, wo der Sozialpädagoge in der GA aus den Augen verliert, die Gruppenmitglieder stets zu manipulieren, offenbart er einen gefährlichen Verlust an Selbstreflexion; die Manipulation droht, sich zu verselbstständigen... Die Etablierung von GA in der BRD geht auf die Initiative der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem 2.WK zurück und hat zu Beginn eindeutig manipulativen Charakter:

„Nach dem Zusammenbruch des NS in Deutschland wurde insbesondere von den amerikanischen Besatzungstruppen die soziale GA als Instrument der politischen Umerziehung der deutschen Jugend eingesetzt."<ref>C.W. Müller zum Stichwort ‚Gruppenarbeit’ im Wörterbuch Soziale Arbeit.</ref>

Gruppe als Mittel zu einem Zweck zu betrachten, ist das entscheidende Charakteristikum einer sozialpädagogischen Gruppe und unterscheidet sie von allen anderen. In der sozialpädagogischen Gruppe steuert der Gruppenarbeiter zielorientiert -aus der Mitte oder vom Rande der Gruppe her- das Geschehen und verfolgt dabei zu großen Teilen sekundäre Ziele, die den Gruppenmitgliedern selbst oft kaum präsent sind. Mit ihren erheblichen Wissensvorsprüngen verfügen die Gruppenleiter über große Macht, die letztendlich zum Wohle der Gruppen-Klienten eingesetzt werden. Da Manipulation von der Form her bedenklich ist und zudem schnell Ziele verfolgt werden könnten, die dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit widersprechen, ist GA eine besonders sensible Angelegenheit. Es kann sehr verlockend sein, ein tolles Gefühl geben, sowie Lustgewinn vermitteln, sein Know-how einzusetzen, um fast gottgleich mit unsichtbarer Hand Menschen zu manipulieren... Schnell wird deutlich, wie wichtig es ist, sich selbstkritisch zu kontrollieren oder kontrollieren zu lassen. Ein Team, das ehrlich und (selbst)kritisch miteinander umgeht und sich möglichst auch der Supervision stellt, scheint unerlässlich zu sein, um das Klienteninteresse gegenüber individuellen Pädagogen- und Fremdinteresse immer wieder neu zu schützen. Interessen benachteiligter Menschen zu schützen, ist eine Aufgabe, die weit über die Interessen meiner eigenen Gruppe hinaus reicht und auch bedeutet, dass die Entwicklung meiner Gruppe keine zusätzlichen Benachteiligungen bei anderen potentiellen Adressaten der Sozialen Arbeit auslösen darf: Weder macht es Sinn, meine GA durch Einsparungen aus anderen Bereichen der Sozialen Arbeit zu finanzieren, noch ist viel gewonnen, wenn sich meine Gruppenmitglieder darüber stabilisieren, dass sie andere benachteiligte Menschen stigmatisieren, ausgrenzen, bekämpfen, denunzieren... Eine Gruppe frustrierter Kleinbürger, die Obdachlose, Punker, Junkies, Bettler... vertreibt, kann keine sozialpädagogische Gruppe sein; es sei denn, deren Ausgrenzungsbereitschaft ist gerade das Problem, das durch GA gelöst werden soll. Im Fachlexikon der Sozialen Arbeit<ref>Heinrich Schiller in: Deutscher Verein 1980.</ref> wird die Aufgabe sozialer GA wie folgt zusammengefasst:

„(Soziale GA) ist eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende, bewusst angewandte Arbeitsform, um Menschen durch Gruppenerfahrungen zu körperlicher, geistiger und sozialer Erfahrung zu verhelfen und sie zu befähigen, sich und ihre Umwelt auf Grund eigener Erfahrungen zu verändern."

Der Aspekt der Manipulation ist hier weniger zentral, nur noch zwischen den Zeilen erkennbar und die US-amerikanische Interpretation einer einseitigen Anpassung an eine vorgegebene Gesellschaftsordnung und -ideologie durch sozialpädagogische GA sicherzustellen, schien 1980 aufgehoben. Heute gewinnt diese einseitige Anpassung und Einordnung der Klienten in die bestehende Gesellschaft jedoch wieder an Bedeutung und drohen die Interessen der Klienten unter den Tisch zu fallen.

Aus Sicht der Sozialen Arbeit möchte ich anhand einiger theoretischen Erkenntnisse exemplarisch skizzieren, wie Gruppentheorie in der Gruppenpraxis Bedeutung gewinnt. Nachdem dann gezeigt ist, wie die Erkenntnisse über Gruppen auch zum Nachteil unseres Klientels missbraucht werden können, soll -dieses Kapitel abschließend- ein sehr erfreuliches Projekt aus der GA mit Mädchen dokumentiert werden.

[Bearbeiten] Gruppenentstehungsgründe:

Marianne Schmidt-Grunert 1997: 92) unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Formen von Gruppen je nachdem, ob die Gruppenmitgliedschaft freiwillig gesucht wird oder ihr ein direkter oder indirekter ‚helfender Zwang' zugrunde liegt. Erstere gelten als ‚Wahlgruppen', letztere als ‚Funktionsgruppen'.

Unter Wahlgruppen fallen z.B.:

  • Freizeitgruppen, die freiwillig besucht werden, weil man solche Hobbys pflegt, die einer Gruppe bedürfen (Fußball, Handball, Skat) oder welche die in der Gruppe mehr Spaß machen (Wandern, Drachenbauen).
  • Interessengruppen in denen mehrere Menschen ein gemeinsames Interesse identifizieren und dieses in der Gruppe mit größerer Erfolgswahrscheinlichkeit umsetzen können. (Anwohner eines Wohnblockes, welche die trennenden Zäune abbauen wollen, um den Freizeitwert für sich und ihre Kinder zu erhöhen.
  • Hilfegruppen, deren Mitglieder wegen Leidensdrucks freiwillig sozialpädagogische Hilfe gesucht haben und nun in Gruppen lernen wollen, gegenseitig unterstützend, wieder mit der Bahn zu fahren.
  • (...)

Funktionsgruppen zeichnen sich dadurch aus, dass die Mitglieder gezwungen sind oder sich zumindest gezwungen fühlen, einer Gruppe beizutreten. Dieses Gefühl ist besonders zu Beginn eine GA, in hohem Maße kontraproduktiv. Ob das Gefühl berechtigt ist oder nicht, ist zunächst genau so zweitrangig wie die Frage, ob die GA nicht trotzdem dem Wohle des Klienten dient und dieser dies ggf. später auch selber einsehen wird:

  • Wenn bsp. ein Jugendrichter verfügt, Arbeitsstunden in einem Sportverein abzuleisten, diese dort als Mitgliedsbeitrag anerkannt werden und der Jugendliche per Auflage zur regelmäßigen Teilnahme an einer Sportgruppe eigener Wahl verpflichtet wird, ist dies zunächst ein Zwang. Später wird der Jugendliche ggf. Spaß entwickeln und rückblickend froh über die Entwicklung sein und damit auch den Erfolg im sozialpädagogischen Sinne dokumentieren.
  • Wenn der Jugendliche stattdessen zur Teilnahme am Anti-Gewalt-Training gezwungen wird, ist fraglich, ob der Jugendliche seine Bewertung bezüglich des Zwanges revidiert und sich später irgendeine sozialpädagogische Sinnhaftigkeit nachweisen lässt.
  • Ähnlich skeptisch kann man sein bzgl. therapeutischer Gruppen, derer Drogenabhängige nach §35 BTMG auf Gerichtsbeschluss und als Alternative zum Knast (zwanghaft) zugeführt werden.
  • Wenn Eltern nahegelegt wird, zum Wohle ihrer Kinder nach §29 KJHG Soziale GA in Anspruch zu nehmen, ist es zunächst eine Frage des Feingefühls des Pädagogen, ob es von den Eltern als Hilfe oder als Zwang interpretiert wird. Da eine Ablehnung der Eltern zugleich auch als Gefährdung des Kindeswohls interpretiert werden und unmittelbaren Zwang begründen könnte, stehen zumindest beide Interpretationen im Raum. Selbst wenn die Eltern der Hilfe positiv gegenüberstehen, kann die GA von den Kindern und Jugendlichen immer noch als Zwang empfunden werden, je nachdem, wie attraktiv ihm die Gruppe erscheint und in welcher Form sie von den Eltern auf die Gruppenmitgliedschaft vorbereitet wurden.
  • (...)

Da bei Wahlgruppen die Motivation von den Mitgliedern ausgeht, nehmen die Gruppenleiter hier eine weniger zentrale Position ein, können sich auf eine moderierende Funktion beschränken und müssen nur punktuell kleine Anstöße geben. Hier spricht man von intrinsischer Motivation; also einer aus eigenem Antrieb. Bei Funktionsgruppen muss hingegen von extrinsischer Motivation gesprochen werden, die zunächst von Dritten (Gericht, Jugendamt, Eltern, Lehrern..) ausgeht und dann von den Gruppenleitern aufrechterhalten, erhöht und stabilisiert werden soll. Wir müssen also erst selber die Motivation sichern, an der wir dann anschließend anknüpfen können. Dies ist möglich, wenn wir spannende Sachen anzubieten haben, selber eine Attraktivität ausstrahlen und den Teilnehmern glaubhaft vermitteln können, dass sie letztendlich in ihrem Interesse zur Teilnahme gezwungen wurden und dies sicherlich im Laufe der Zeit einsehen werden. Wenn die Teilnahme ursächlich einer negativen Motivation entspringt und auf Autorität und Gehorsam basiert, muss die Motivation so schnell wie möglich positiv besetzt werden. Anderenfalls ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass bis zum Ende der Nutzen der GA nicht internalisiert wurde und man sich nur der Autorität gebeugt hat, um größeren Schaden abzuwenden. Der Lernerfolg tendiert dann dazu, sofort nach Wegfall der Autorität in sich zusammenzubrechen und so den sozialpädagogischen Misserfolg zu offenbaren. GA zielt immer auf Veränderung; solange die Teilnehmer hinter den Veränderungswünschen aber immer nur die Interessen der Eltern, der Sozialen Arbeit, der Polizei, der Gesellschaft oder der Medien entdecken, ist die Veränderung blockiert. In beiden Formen von Gruppen muss man die Attraktivität der Gruppe für ihre Mitglieder aufrecht erhalten und quasi um deren Gunst buhlen, damit sie entweder nicht gehen und weiter konstruktiv mitarbeiten. Die Leiter können dies versuchen, indem sie besonders lustig, mitreißend, zuverlässig, einfühlsam, sachlich, hilfreich, emotional umarmend... oder wie auch immer sind. Dies ist eine Stilfrage; eine andere Stilfrage ist, ob ich mich diesem Druck zur Attraktivität aussetzen will. Persönlich ziehe ich es vor in Funktionsgruppen zu arbeiten und mich dort damit beliebt zu machen, besonders locker zu sein; mit der Sicherheit im Rücken, dass die Teilnehmer eh nicht so leicht weg und im Zweifelsfall auch gezwungen werden können... Wie gesagt: Eine Stilfrage!...

Gruppengrößen:

In dem Maße, wie die Gruppe wächst, steigt auch der Koordinierungsaufwand; dieser übersteigt dann irgendwann den Nutzengewinn, den man eigentlich aus dem Zusammenschluss zur Gruppe ziehen wollte. Da sich in einer Gruppe alle Mitglieder inkl. der Gruppenleitung gegenseitig kennen müssen, steigt mit der Teilnehmerzahl der Aufwand zur Pflege der sozialen Kontakte exponentiell. Dieser Mehraufwand kann in Zweifacherweise kompensiert werden, dass entweder allgemein die Qualität der Kontakte reduziert wird oder sich auf wenige Mitglieder konzentrieren. Die zweite ‚Lösung' fördert die Fraktionierung, Spaltung und ggf. auch die Trennung der Gruppe, die andere Variante führt zur allgemeinen Individualisierung der Mitglieder; beide Varianten konterkarieren den Nutzen von GA. Dieser negative Effekt wird um so deutlicher, als dass die Gruppenleitung nicht nur jedes einzelne Mitglied kennen muss, sondern gerade deren Beziehungen untereinander. Da der Aufwand, diese Beziehungskonstellationen zu kennen, exponentiell wächst, erreicht er schnell unübersehbare Dimensionen.

Grundsätzlich wird die Entscheidungsfindung erschwert, die kollektive Identität bzw. die Qualität des Zusammenhalts geschwächt und das Ausscheiden bzw. die Fluktuation von Mitgliedern begünstigt, wenn ein Maximum der Mitgliederzahl erreicht ist; eine Expansion über diesen Punkt hinaus, ist kontraproduktiv. Der Punkt wird durch die Motivation der Mitglieder zur Eigeninitiative, das Ausmaß ihrer sozialen Kompetenz, dem Grad der Freiwilligkeit, der Kompetenz des Gruppenleiters und v.a. der Art und Weise des Themas, welche die Gruppe umfasst, bestimmt. Wenn weniger komplexe Ziele verfolgt werden, wie Fußball in einer Sportgruppe zu spielen, kann die Gruppe sicherlich größer sein, als in Gruppen mit verhaltensgestörten Jugendlichen aus stark benachteiligten Familien in denen sucht- und kriminalitätspräventiv nach §29 KJHG gearbeitet werden sollen, oder mit jungen Frauen, die Erfahrungen körperlichen und/oder sexuellen Missbrauch durch Väter oder Stiefväter verarbeiten wollen. Als ideale Teilnehmerzahl für sozialpädagogische Gruppen wird immer wieder die Zahl 12 benannt, nicht zuletzt, weil sie idealerweise (für Rollenspiele) die Aufteilung in 2er, 3er, 4er und 6er Kleingruppen ermöglicht...

Gruppenziele:

Je prägnanter Gruppen ihre gemeinsamen Ziele benennen und so ihren Mitgliedern Identifikation verschaffen können, desto stärker werden Zusammenhalt und Nutzenmaximierung der GA sein. Dass dies wiederum von der Gruppengröße, sowie dem Maß an Selbstbestimmung der Mitglieder abhängt, liegt auf der Hand. Ist die Teilnahme unfreiwillig und die Zahl zu hoch, als dass sich jedes Mitglied in ausreichendem Maße in der Zielformulierung wiederfinden kann, muss von den Gruppenleitern viel Energie in die Motivationsarbeit gesteckt werden...

Gruppendauer:

Die Gruppendauer muss sich an der Zielsetzung der Gruppe ausrichten.

  • Geht es allein um die Freizeitgestaltung, muss vorher keine Ende festgesetzt werden, sollte die Gruppe aber in Eigenregie überführt werden.
  • Sollen Menschen jedoch in der Gruppe konkrete Lernziele erreichen; wollen sie bsp. ihre Angst überwinden, mit der Bahn zu fahren, macht es Sinn, ein Ende zu vereinbaren. So wird eher vermieden, dass sich symbiotische Strukturen entwickeln, an die sich die Mitglieder klammern, statt die anvisierte Eigeninitiative bzw. Autonomie zu zeigen.
  • Die Dauer darf nicht zu lang sein, damit nicht Einzelne anfangen, sich zu langweilen und die Gruppe vorzeitig verlassen, weil sie keine Lerngewinne mehr verbuchen; sie darf aber auch nicht zu kurz sein, damit sich die Menschen nicht gehetzt oder überfordert fühlen und noch genug Zeit haben, sich allein aber noch mit ‚Sicherheitsnetz' auszuprobieren. Andersrum muss die Zeit aber gering genug sein, dass sich jeder herausgefordert fühlt, Schritte zum Erfolg zu machen, statt aus hinteren Reihen heraus zu beobachten und abzuwarten...
  • Nachdem zu Beginn einer Gruppe noch die Möglichkeit für Nachrücker oder Wechsler besteht, hinzuzustoßen, muss dann im Anschluss genug Zeit eingeplant sein, sich als Gruppe ohne Störungen zu formieren und Vertrauen zueinander zu gewinnen, bevor man sich gemeinsam den Herausforderungen stellt.
  • (...)

Grundsätzlich erreicht jede sozialpädagogisch geleitete Gruppe zeitlich einen Zenit, wo keine weiteren Erfolge mehr realisiert werden können, außer der Erfahrung, die Erfolge auch bei abnehmender Betreuungsintensität aufrecht zu erhalten. Für die Leitung heißt es nun, das Ende der Gruppe oder zumindest der eigenen Beteiligung einzuleiten. Versäumt man diesen Punkt und nehmen die Lernerfolge der Mitglieder in Häufigkeit und Intensität ab, müssen die Gruppenleiter sprunghaft zunehmend mehr Energien darauf verwenden, die Attraktivität quasi im Wettlauf mit der sinkenden Motivation der Mitglieder zu steigern. Dies ist sehr aufreibend und könnte auch ein Hinweis darauf sein, die eigenen Gefühle kritischer zu hinterfragen. Will ich nicht loslassen, sehe ich meine Klienten als meine Freunde und fürchte ich meine eigene Einsamkeit, hab ich Gefallen daran gefunden, dass mir endlich mal jemand zuhört und folgt, macht es mir Spaß, Macht auszuüben...?

Gruppenkommunikation:

Die Gruppenkommunikation verliert steigender Teilnehmerzahl an Dichte, erreicht nicht mehr die ganze Gruppe oder vollzieht sich selektiv in fraktionierten Klüngeln. Man kennt dies z.B. an Diskussionsrunden, wo immer mehr Gespräche am Rande die gemeinsame Kommunikation stören bzw. die Gesprächsleitung immer stärker intervenieren muss, um die Aufmerksamkeit aller auf einen Punkt zu lenken. Je nach Ernsthaftigkeit der Situation wird man sich überlegen müssen, ob man die horizontale Kommunikation in der ‚Breite' zu Gunsten einer strafferen vertikale-hierarchischen Kommunikation ersetzen will. Ist gerade ein Jugendlicher auf der Nachwanderung verloren gegangen, muss es schnell gehen: Zwei bleiben im Zeltlager, zwei informieren die Polizei, alle bekommen Handy und tauschen gegenseitig die Telefonnummern aus, zwei dreier Gruppen bekommen Taschenlampen, eine geht den Weg rückwärts, eine noch mal vom Anfang, wer ihn gefunden hat telefoniert, der Polizei wird nach zwei Stunden auf jeden Fall das Ergebnis der eigenen Suche mitgeteilt... Sollen jedoch gerade allgemeinverbindliche Regeln festgelegt werden; erörtert man, wie man sich ausreden lässt, nicht laut wird und jenen, die eher schüchtern sind, einen gleichberechtigten Einfluss auf das Gruppengeschehen sichert, dann kommuniziert man -im Gegensatz zum ersten BSP- horizontal, beteiligt alle, gibt ihnen ausreichend Zeit und vielleicht sogar ein Vetorecht, um die Entscheidung über diese Regel im Konsens zu treffen... Z.B. hat sich die Partei der Grünen ursprünglich die Regel gegeben, dass nach der Wortmeldung eines Mannes der nächste Mann erst sprechen darf, wenn sich eine Frau geäußert hat. Da sich die Frauen dann teils unter Druck gesetzt fühlten, etwas sagen zu müssen, nur damit es weiter geht, hatte man die Regel später modifiziert. Dann durften sich Frauen unmittelbar zu Wort melden, während die Männer auf der Rednerliste warten mussten. Einige wollten dann gar keine Sonderregel mehr, weil diese sie als benachteiligt stigmatisieren würde... Solche Regeln hören sich kompliziert an und kosten zunächst viel Zeit, sind sie aber (im Konsens) beschlossen, bieten sie allen Mitgliedern und dem Leiter Sicherheit. Da nun nicht jedes Problem der Kommunikation in unendlich vielen Einzelfällen Zeit und Energie kostet, ist es arbeitsökonomisch sinnvoll, sich um eindeutige Regeln zu bemühen, auch wenn dies zunächst sehr anstrengend ist. Wenn später Mitglieder in der Kommunikation benachteiligt werden, kann man sich auf die gemeinsamen Regeln beziehen, statt sich schützend vor ein benachteiligtes Mitglied stellen zu müssen und sein standing weiter zu verschlechtern als ‚des Leiters Liebling', ‚der Heulsuse' oder ‚des Weicheies'.

[Bearbeiten] Gruppenstruktur:

Als Gruppenleiter haben wir in unseren Gruppen immer eine zentrale Position; deshalb sind wir eben auch die ‚Leiter'. Wir können uns noch so jugendlich, so benachteiligt, so deprimiert, so krank, so ausgebeutet, so unterdrückt... geben wie wir wollen, wir sind kein ‚normales' Mitglied; ‚keiner von ihnen'! Wir kriegen Geld für unsere Tätigkeit und die anderen nicht; wir haben das Wissen zur Gruppenbeeinflussung und die anderen nicht; wir können die Gruppe beenden wann wir wollen und die andern nicht... Würden wir diese Sonderstellung verlieren, haben wir uns als Gruppenleiter disqualifiziert. Egal ob wir unsere zentrale Position nun in der Rolle eines ‚Führers', ‚Regisseurs' oder ‚Lehrers' ausüben; ‚Mutti' oder ‚Papi' sind; ‚Animateur'‚Anwalt' oder ‚Richter' spielen..., wir behalten die Fäden in der Hand. Sowohl für den Gruppenleiter als auch für die -mitglieder halte ich es für notwendig, zwischen Position und Rolle zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist in anderen Darstellungen nicht üblich, mir aber besonders wichtig. Die zentralen Positionen in einer Gruppe sollten je nach Situation flexibel und wechselnd durch verschiedene Rollen, also den verschiedenen dahinter stehende Personen besetzt werden. So verhindert man innerhalb einer Gruppe zu starre und hierarchische Strukturen. Die zentrale Leitungsposition sollte m.E. immer der Pädagoge besetzen, sich dafür aber verschiedener Rollen bedienen und auf die Rolle des Führers prinzipiell verzichten. Allein im Falle der Verletzung zentraler, vorher festgelegter Regeln (körperliche Gewalt, Zerstörung der Einrichtung, Konsum illegaler Drogen...) kann auf diese Rolle zurückgegriffen werden, nachdem den Mitgliedern dies eingangs als Notfallreaktion angekündigt wurde. Ebenfalls eingangs würde ich,

  • eingestehen, dass ich nicht alles kann und dies erst recht nicht am besten,
  • ankündigen, dass ich je nach Situation, mich mehr oder weniger zurückhalten werde,
  • darauf vorbereiten, dass ich immer mal wieder den einen oder anderen bitten werde, tragende Aufgaben zu übernehmen,
  • (...)

Die Klassenreise in der Oberstufe ‚Kanufahren in Schweden' wäre sicherlich harmonischer verlaufen,

die Lehrerin ehrlich gesagt hätte, dass sie bisher weder in Schweden Kanu gefahren ist, noch eine erfahrene Camperin ist, nicht angeln oder Waldfrüchte identifizieren kann... dass es aber ein langer Traum von ihr ist, so etwas mal zu machen...: ‚Ich möchte euch bitten, mich zu unterstützen. Da ich die Verantwortung habe werde ich mich neben preisgünstigen Fahr- und Kanuleihmöglichkeiten v.a. um Versicherungssachen kümmern. Auf alle Bedingungen i.d.Z. werde ich bestehen und bitte dafür um Verständnis; dies fängt gleich an mit den Schwimmwesten: Sie sind zwar wirklich hässlich; sie zu tragen ist dennoch eine erste unumstößliche Bedingung...; ansonsten habe ich gehört, dass zwei von euch schon einmal mit dem Kanu dort waren, andere Pfadfinder sind... Vielleicht kann noch jemand schwedisch oder zumindest dänisch, bzw. kennen sich einige mit Pilzen, Beeren und Fischen aus... Wenn sich die Pfadfinder immer um das Feuer kümmern würden, hätten wir alle was davon und eine Gitarre mitzunehmen hebt sicherlich die allgemeine Stimmung... zusammen wird's schon klappen...' Die Lehrerin verspielt ihr positives Image aber sofort wieder, dass sie mit dem Kanuurlaub gerade hat gewinnen können: Beim ersten Vorbereitungstreffen zieht sie gleich alles an sich, dominiert das Geschehen und fordert auf, zwei Kochgruppen mit jeweils zehn Personen zu gründen. Diese sollten gemeinsam erfassen, was sie während der Zeit brauchen und alles vorher einkaufen, weil man dort nichts kaufen kann. ‚Das ist doch nicht der Amazonasurwald; auch dort gibt es überall Läden, wo das Wichtigste einzukaufen ist, allein es ist teurer und man muss mal zwei km mit dem Boot hinfahren. Ich war vor drei Monaten schon dort' gab ich zu bedenken, weil ich nicht alles tragen wollte. ‚Nein, wir müssen alles vorher mitnehmen!' In der Kochgruppe wird sofort festgelegt, dass man zwei Gaskocher braucht und mindestens 10 Gaskartuschen. Einer der Pfadfinder will aber auf offenem Feuer kochen. Die Lehrerin sagt nein, weil das Holz dort auch nass sein könnte. ‚Nasses Holz brennt doch auch...', belehrt er‚es ist nur ne Frage von Zeit und Vorbereitung...' ‚Nein!!!' Dann wollten die anderen acht Kilo Mehl mitnehmen, weil sie täglich Stockbrot essen wollten, brauchten zwei Kilo Zucker, 20 Liter haltbare Milch... Der Pfadfinder in meiner, der in der anderen und ich wollten um Gewicht zu sparen, Mehl dort kaufen, weil es dort auch nicht viel teuer ist, Süßstoff mitnehmen und Vollmilchpulver kaufen, um es in Seewasser aufzulösen. Die Lehrerin fiel uns in Rücken, weil man dort eben nicht einkaufen und das Wasser nicht trinken kann... Wir konnten dann eine 3er Gruppe machen und würden aber nichts von den anderen abkriegen, hätten wir Probleme... Wir nahmen dann lieber noch drei Flaschen Rum und Schokolade mit, weil dies in Schweden wirklich unbezahlbar ist. Schon beim ersten Vorbereitungstreffen waren unsere spätpubertären Instinkte geweckt und wir wollten allen zeigen, wie doof sie sind, v.a. natürlich der Lehrerin. Beim zweiten Vorbereitungstreffen teilt die Lehrerin dann Kopien ihrer Landkarte aus. Wir fragten sofort, ob sie denn wirklich keine andere Karte hätte. Sie verneinte. Maßstab 1:100.000, keine Höhenlinien, keine eindeutige Nord-Süd-Ausrichtung... Ich hatte ja noch meine super 1:25.000 Kanuwanderkarte vom letzten Urlaub, in die natürlich niemand anderes außer meine Kleingruppe reingucken durfte... Etwa 20 Minuten nach uns erreichten die anderen, schwere Kisten tragend, schwitzend die Boote. Wir hatten unser schon ausprobiert, natürlich ohne Schwimmwesten! (...) Gegen den Wind fahrend wollten alle endlich den Lagerplatz erreichen. Unser Kartenmonopol wies uns eindeutig den Weg nach rechts, war doch der Hochspannungsmast weit hinten im Nord-Osten ein klarer Hinweis. Die Karte der Lehrerin ohne Nord-Osten und erst recht ohne Hochspannungsmast versprach jedoch anderes. Wir verweigerten uns - alle anderen Schüler folgten der Lehrerin... Mit zwei Stunden Verspätung kamen dann die anderen, während unser Zelt schon aufgebaut war, unser Feuer brannte, wir unseren Kaffee tranken und uns sonnten... Am nächsten Tag frühstückten wir Blaubeerpfannkuchen. Die anderen ließen sich inspirieren, sammelten mit vier Leuten in 30 Minuten etwa drei Kilo! Drei Kilo blaue Beeren! Mit einer Art Rumtopf wollen sie Eindruck schinden und die Beeren mit einem Kilo Rum, sowie einem Kilo Zucker aufkochen. Ohne die Beeren anzugucken meine ich, das keine Blaubeeren sind. Wir wären ja nur eifersüchtig, außerdem hatte die Lehrerin gesagt, dass es Blaubeeren seien, denn sie sind blau... Der Pfadfinder erklärt, dass sie nicht an 1 Meter hohen Sträuchern wachsen und sie auch innen blau gefärbt sind... Ohne Erfolg; die Lehrerin hat's gesagt... Später -ein Flasche Rum und ein Kilo Zucker verbraucht- quälen sich zehn Schüler mit schweren Magenkrämpfen und Durchfall... Wir schmeißen uns weg vor Lachen und machen uns zum Feind der gesamten Gruppe, die Lehrerin zwischen Scham und Ärger schwankend, hatte inzwischen jeglichen Führungsanspruch verspielt... Nächster Tag nach einer Nacht mit schwerem Regen: Ein anderes Zelt ist in der Senke in der es stand abgesoffen, die Stimmung ist schlecht, alle anderen sind in ihrem Zelt, unser Feuer brennt und wärmt, unser Kaffee kocht und wir sind gerade dabei, gut gelaunt unseren Erfolg zu zelebrieren..., kommen vier von den anderen, mit dem großen Topf, voll Wasser, löschen unser Feuer, es kommt zur Schlägerei...

Da die Pädagogen letztendliche die Verantwortung tragen, sollten sie auch nie die Leitung abgeben; wie gesehen heißt dies aber nicht, alles selber machen zu müssen. Im Gegenteil zeichnet sich eine gute Gruppenleitung dadurch aus,

  • dass sie die einzelnen Kompetenzen in der Gruppe wahrnimmt,
  • dass sie daran denkt, dass sie immer allein auf verlorenem Posten steht und keine Chance hat, wenn sich die gesamte Gruppe gegen sie zusammenschließt,
  • dass sie dazu steht, dass sie punktuell selber nicht alles -v.a. nicht am Besten- kann,
  • dass sie ihre Position der Gesamtleitung deshalb derart ausfüllt, dass sie zum Wohle aller -je nach Situation- Teile der Leitung an andere mit ihren spezifischen Ressourcen delegiert,
  • dass sie die Rolle der ‚Regisseurin' einnimmt und die Stärken der Einzelnen gewinnbringend koordiniert,
  • (...)




Je unfreiwilliger die Teilnehmer jedoch zur Gruppe gefunden haben, desto intensiver wird man sich selber in Szene setzen müssen. Aber auch hier könnte man ehrlich sagen: ‚Ich hab keinen Anspruch -das könnt ihr mir gerne glauben- hier besonders autoritär den ‚Chef' zu machen. Aber ‚Chef' bleibt ‚Chef' da könnt ihr euch auf den Kopf stellen; ihr wollt ja auch nicht den Ärger haben, wenn was schief geht. Ich werde aber stets die Interessen der Gruppe und jedes Einzelnen im Auge behalten; gegen die Gruppeninteressen zu agieren wäre ja völliger Blödsinn, würde ich ja eh nicht schaffen. Könnt ihr euer Interesse mal nicht wiedererkennen, könnt ihr protestieren und ich bemühe mich, meine Vorstellungen darzulegen und bin mir sicher, dass wir es dann schon jeweils einvernehmlich klären können... Ihr braucht auch keine Angst haben, mich mit eurer Kritik zu verärgern; schließlich krieg ich ja auch Geld dafür...'

Wenn ich neu in bestehende Gruppe komme, muss ich selbstkritisch meinen Stil und meine Haltungen überprüfen um einen angemessenen Zugang zu finden, dies ist um so wichtiger, wenn diese -ggf. zu recht- vielleicht gar keinen Hilfebedarf verspürt. Soll ich eine Gruppe Punker vor dem Bahnhof davon überzeugen, aus dem Sichtfeld der Reisenden zu verschwinden, weil die Stadt zur Bundesgartenschau einen guten Eindruck machen will, sollte ich die Interessen der Stadt ehrlich darlegen, sagen, was ich persönlich eigentlich davon halte und die Vor- und Nachteile erläutern, wenn sie sich auf mich einlassen, statt auf Polizei, Wachdienste und Bundesgrenzschutz zu warten. Ich sollte auch versprechen, mich dafür stark zu machen, für sie einige Bonbons der städtischen Verwaltung locker zu machen; schließlich wollen die etwas von ihnen und nicht umgekehrt; gleichsam sollte ich kein Hehl darüber machen, wo meine Möglichkeiten und Grenzen liegen und ihnen dann die Entscheidung darüber überlassen, ob wir es zusammen versuchen wollen oder auch nicht...

Die Leitungsfunktion inne zu haben bedeutet -neben dem Stil und der Haltung- v.a. auch zu prüfen, welche Rollen generell besetzt werden sollen und welche ich selber einnehmen will. Ich will nicht ‚Lebensgefährten' oder ‚Freund' sein; höchstens ‚väterlicher Kumpel'. Sympathien werde ich gleichmäßig auf die Teilnehmer verteilen; keinen übervorteilen. Ich kann nur sehr selten -wenn überhaupt- zu Privatpartys der Klienten gehen, sollte möglichst nur mit allen zusammen ins Kino gehen oder die Wohnung eines Mitglieds renovieren; auch darf ich mich von meiner Klientin nicht unwidersprochen ‚Na mein kleines Dickerchen' nennen und auf den Oberschenkel klopfen lassen, um meinen Einfluss nicht aufs Spiel zu setzen; auch dann nicht, wenn sie betrunken ist... Obwohl nie 100%ig einzulösen, sollten wir uns doch stets um Objektivität, Gerechtigkeit in der Gruppeninteraktion und um professionelle Distanz bemühen. Steuerungskompetenz bedeutet neben den eingangs skizzierten allgemeinen Kompetenzen sozialpädagogischer Fachkräfte i.d.Z., das Wissen um die Quasi-Gesetzmäßigkeiten von Gruppen zu nutzen, um das Gruppengeschehen zum Wohle der Klienten zu beeinflussen. Dies bedeutet bsp. den sonst konflikthaften Prozess der Gruppenkonstitution zu harmonisieren, die Rolle des Sündenbocks in der Gruppe auszuklammern und äußere Feinde -wenn überhaupt- nur sehr begrenzt zu funktionalisieren.

[Bearbeiten] Wie machen wir das?

Je nach Gruppenzielen, -mitgliedern und -situationen versuchen wir die Gruppe so vielfältig zu gestalten, dass unterschiedliche Kompetenzen punktuell das Gruppengeschehen bestimmen und sich so alle profilieren können, anstatt anhand einzelner einseitiger Kompetenzen Hierarchien festzuschreiben. Am BSP des Sportunterrichts will ich skizzieren, was ich meine: Einige erinnern sich vielleicht an Sportlehrer, die immer nur Fußball angeboten haben, jedes mal öffentlich zwei Schüler die Mannschaften zusammenstellen ließ. Alle saßen zunächst auf der Bank und wurden abwechselnd gewählt, bis die Jungs alle weg waren, dann auch die Mädchen bis auf -nennen wir sie- Britta. Da Sport für die Positionierung innerhalb der Klasse eine zentrale Bedeutung hat sollte man zur Reduzierung von Ausgrenzungen vielleicht ein anderes Auswahlverfahren wählen und die Sportarten variieren. Wenn auch nicht jede und jeder ein Wunsch durchsetzen kann, sollten ggf. abwechselnd Jungen und Mädchen die Sportart bestimmen: Dann gibt es vielleicht häufiger Schwimmen, Tischtennis, Turnen oder Jazztanz, wo auch die begnadeten Fußballspieler punktuell die Erfahrung machen können, Looser zu sein...

Im Jugendclub kann man versuchen, neben einer Fußballmannschaft der Jungs auch eine Volleyballmannschaft für Mädchen zu etablierten. Man kann nun seine Phantasie spielen lassen, wie man anderen eine Chance zur Profilierung geben kann neben Mannschaftsführer und -führerin. Jungs und Mädchen könnten sich gegenseitig als Fanblock unterstützen. Wer nicht spielt sorgt für Salat, Brötchen, Kuchen und Getränke und organisiert im Falle des Sieges eine kleine Party, die Spiele werden gefilmt und von einem Jungen und einem Mädchen gemeinsam geschnitten und -mit lustigen Zeitraffereffekten und vertont- präsentiert, Autos müssen für Auswärtsspiele organisiert und gefahren, sowie ein Mannschaftsbus für den TÜV repariert werden, die Computerhelden entwerfen Flyer und Poster, kurze Artikel werden für die Stadtteilzeitung verfasst, jemand überlegt sich ein Logo für beide Mannschaften, das selbst mit Siebdruck auf einheitliche Trikots gedruckt wird, die jeweils sowohl Fans wie Spieler tragen und vielleicht lernen die Jungs auch, eine Fahne zu nähen. Im Sommer wird eine ‚Trainingslager' für alle gemeinsam durchgeführt...

Wenngleich Prozesse der GA auch in der Realität in hohem Maße strategisch vorgeplant werden müssen, sollten die Adressaten dies nur in eingeschränktem Maße merken. Sie sind sonst leicht von den weitreichenden (Hinter-) Gedanken des Gruppenleiters verschreckt; schließlich sieht der Gruppenleiter Defizite, die strategisch langfristig minimiert werden sollen. Wenn unsere ‚Tricks' durchschaut und das Defizit immer wieder präsent würde, wird das den Hilfeprozess erschweren.

Immer nur Halle und Ballschrank aufschließen ist nicht sozialpädagogische GA. Ihr geht es darum, verschiedenen -auch sonst am Randes stehenden Clubmitgliedern- die Möglichkeit zur Profilierung zu bieten und allgemein ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass alle Mitglieder -für die Gruppe unentbehrliche- spezifische Kompetenzen haben, die allen nur zugute kommen können, wenn man zusammenhält; wären wir allein, würden wir niemals so weit kommen wie in der Gruppe mit ihren vielfältigen Qualitäten die sich einander wechselseitig zur Verfügung gestellt werden. Gruppenerfolge sollten immer auf dem Engagement mehrerer Mitglieder aufbauen, nie auf einer einzigen Person und erst recht nicht, wenn immer die gleiche Person in allen Situationen die zentrale Position besetzt... Wenn man gewinnt, gewinnen auch die ‚Clowns', an Bedeutung v.a., wenn sie gute Musik auflegen; bei der Niederlage stellen ‚Mutti' und ‚Papi' ihre empathische Kompetenz in den Mittelpunkt der Trauerarbeit und ‚die Kleinen' holen Eis aus dem Tiefkühlschrank für die geschundenen Knochen... Unsere Aufgabe wäre es,

  • punktuell Anregungen zu geben (Trikots selber drucken),
  • zu moderieren (Logoauswahl),
  • Ressourcen zu erschließen (einen eigenen Raum anbieten, der gemeinsam zu renovieren ist, Siebdruckwerkstatt von einem Freund reservieren, Bauernhof für ein ‚Trainingslager' entdecken und natürlich Geldquellen erschließen),
  • Rahmenbedingungen abzusichern (Versicherungsschutz bei Benutzung von privaten PKWs, Spendenquittungen ausstellen, Kassenführung),
  • überall wo es geht Aufgaben zu delegieren (Reservierung von Hallenzeiten, Aquise von (Sach-) Spenden, Besuch der Redaktion des Lokalblattes...),
  • den Jugendlichen möglichst früh und umfassend freie Hand zu geben (Gestaltung des Logos, Schmücken des Partyraumes, Texte der Öffentlichkeitsarbeit...),
  • die Kids sich für einen relevanten Anteil der entstehenden Kosten selbst verantwortlich fühlen zu lassen (Beiträge, Spenden sammeln, Flohmärkte veranstalten,
  • (...)

Wir steuern letztendlich die Gruppe indem

  • wir Anstöße geben (Gruppenaktivitäten, Ziele, Zwischenziele, Methoden, mögliche unterstützende Akteure, verborgene Ressourcen),
  • wir transparent die flankierenden Rahmenbedingungen sichern, welche die Kompetenzen der Kids z.Zt. noch überfordern würden,
  • wir die Kontakte zu Kollegen, Freunden und Verwaltung pflegen, die externe Ressourcen zur Verfügung stellen könnten,
  • wir die Einbindung von schwächeren Gruppenmitgliedern sicher, ohne sie als ‚Schwächlinge' zu stigmatisieren,
  • wir die Ressourcen der Institution zur Verfügung stellen (Zelte, Fußbälle, Sachmittel, Bus und unseren Führerschein...),
  • wir uns allen Gruppenmitgliedern für alle nebenbei entstehenden individuellen sozialen Probleme helfend zur Verfügung stellen (von Gewalt in der Familie bis Liebeskummer),
  • wir Gruppenkonflikte vorhersehen und präventiv entschärfen oder Hilfen zu Lösung anbieten,
  • (...)

Ein besonderer Erfolg ist erreicht, wenn sich die Mitglieder gegenseitig ihre besonderen Qualifikationen beibringen und sich dabei von traditionellen Rollen emanzipieren: Jungs könnten vielleicht auch erleben, dass sie als männliche Cheerleader die Mädchen mindestens genau so beeindrucken können, als mit Bier auf Ex, Mofas und dicken Armen...

Gruppenmessung:

Wer Gruppen steuern will, muss immer einen Überblick darüber haben, wo die einzelnen Mitglieder in der Gruppe aber auch allgemein im Leben positioniert sind, welche Kompetenzen sie haben, welche sie zeigen und wie alle zueinander in Beziehung stehen. In Folge erster Erfahrungen sollte man sich auch möglichst früh vergewissern, wie sich die Formation in verschiedenen Situationen wandelt. Wir müssen Vorstellungen entwickeln, in welcher Situation welche Person gestärkt oder ggf. auch geschwächt wird, wen man zur gegenseitigen Unterstützung auffordern kann, wer im Falle der Herausforderung Solidarbereitschaft aus- oder abbaut... Diese mit der Anzahl exponentiell steigende Komplexität kann man nur schwer allgegenwärtig im Kopf haben. Selbst in Gedanken hat unser Wissen über die Gruppe die Form von Soziogrammen; sie sind als Messinstrument immer ein unentbehrliches Hilfsmittel zum besseren Verstehen der Gruppe und zur didaktischen Unterstützung der Arbeit.

Gruppendynamik und Gruppenidentität:

Bisher sind v.a. die Möglichkeiten beachtet worden, mittels technischer und struktureller Erkenntnisse über das Innenleben von Gruppen, im sozialpädagogischen Kontext Gruppen zu manipulieren. Nun will ich Möglichkeiten und Grenzen gruppendynamischer Erkenntnisse exemplarisch skizzieren: Dabei geht es zunächst um den Druck auf Gruppen durch große Herausforderungen, Notlagen, sowie subjektiv empfundene bzw. objektiv existente Bedrohungen. In allen Fällen ist festzustellen, dass Zusammenhalt und Stärke der Gruppe profitieren, wenn der Druck von außen steigt; es liegt damit die Frage auf der Hand, inwiefern Gruppenleiter, diesen Sachverhalt nutzen sollten, um die Gruppe zu stärken. Macht es Sinn als Gruppenleiter manipulativ einen äußeren Druck zu mobilisieren, um die Gruppe so zusammen zu schweißen? Es scheint verlockend,

  • da die vielen kleinen und schwächenden Nebenkriegsschauplätze in Hintergrund gedrängt werden könnte (wer hat mit wessen Freund geflirtet, ist das Tragen von Lederklamotten in der Gruppe erlaubt, weil die Tiere ausgebeutet würden, hat Michael ein besseres Geburtstagsgeschenk bekommen, warum bin ich nicht mit auf dem Titelbild...).
  • da nun alle gebraucht werden, werden Spaltungsprozesse gestoppt, Hierarchien neu gemischt und erhalten auch die ‚Schwachen' Chancen zur Profilierung.

Der Verlockung nachzukommen erscheint aber generell ambivalent; ist manchmal ggf. sogar strafbar.

  • weil unsere bewusste Manipulation entdeckt werden könnte und dann ggf. meine Akzeptanz gegenüber der Gruppe nachhaltig gestört ist.
  • Weil der positive Gruppenbezug auf das Innenleben der Gruppe drunter leidet; man Gefahr läuft, zunehmend außengesteuert die eigene Programmatik aus den Augen zu verlieren. So steigt die Wahrscheinlichkeit, nach einer kurzen Verstärkung der Gruppe, ihre Schwächung zu riskieren, steigert man nicht immer wieder aufs Neue Häufigkeit und Intensität des Drucks.
  • Menschen in Notlagen spüren eine Bedrohung ihrer persönlichen Integrität; werden solchen Situationen gemeinsam erlebt, halten Menschen zusammen und können über sich hinaus wachsen, wie die zahlreichen Berichte über die Stimmung an der Elbe 2002 und nach dem 11. September vermitteln. Solche Notlagen vorsätzlich herbeizuführen -egal in welcher Dimension- kann Dritte in ihren Persönlichkeitsrechten einschränken. Im oben beschriebenen ‚Experiment' mussten die ‚Gefangenen' deshalb unterschreiben, dass sie über solche Einschränkungen aufgeklärt wurden, die den ‚Wärter' helfen, ihre Gruppe zu stärken. Gruppenerfahrungen zur Steigerung von Führungskompetenzen von Managern bedürfen ihrer Zustimmung, bevor sie im Urwald mit je einem Messer, einem Stück Band, einem Kompass, einer Uhr und drei Bananen ausgesetzt werden... Wenn ich mit Jugendlichen im Hochgebirge wandere und den Rucksack mit dem Proviant ‚zufällig' fallen lasse und die Gruppe über Stunden dem Hunger und Durst aussetze, kann ich -auf Kosten meiner eigenen sozialen Ausgrenzung- die Gruppe stärken; stürzen auch die warmen Schlafsäcke ab, muss man nachts im wahrsten Sinne eng zusammenrücken... Es soll hier nun gar nicht nur darum gehen, ob dass heute vermeintlich verweichlichten unsolidarischen jungen Menschen schadet; es geht auch um die Frage, was die Eltern davon halten, wenn der Vorsatz erkennbar ist und ob nicht berufsethische Grundlagen derart verletzt werden, dass die staatliche Anerkennung verloren geht.
  • Eindrucksvoll schildert ein Kollege, wie seine Gruppe im Ferienlager durch die Nachtwanderung zusammengeschweißt wurde: Auch wenn die Kettensäge mit der die Kids nachts im Dunkeln durch den Wald gejagt wurden, kein Sägeblatt hatte und der Verlust eines Kindes nur gespielt war, scheint diese Methode doch grenzwertig zu sein; obwohl sich der Zusammenhalt merklich verbessert hat und die Diskrepanzen zwischen starken und schwachen Mitglieder reduziert wurden... Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass die Kinder traumatisiert wurden, sowohl durch die Kettensäge, als auch durch die empathische Vorstellung/Identifikation, wie es dem verlorenen Kumpel allein im dunklen Wald wohl geht...
  • (...)

Um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, es wäre leicht, erfolgreich die Kontrolle über Struktur und Dynamik von Gruppen zu haben, will ich eine Gruppensituation schildern, die einen Kollegen überfordert hat. Im gemeinsamen späteren Gespräch darüber, haben wir selbst theoretisch keine adäquate Lösung der Situation finden können. Jugendclubmitarbeiter werden sich an das Dilemma erinnert fühlen, das Alkoholverbot durchzusetzen und die Jugendlichen bei schlechtestem Wetter rausschmeißen zu müssen, dabei aber die Möglichkeit zu verspielen, mit ihnen problematische Trinkgewohnheiten ernsthaft zu thematisieren...:

Zusammen mit Studenten fährt man zum Blockseminar. Nach dem gemeinsamen Essen sollte der gesellige Teil des Abends beginnen; plötzlich fangen einige der die Gruppe tragenden Persönlichkeiten an, auffallend miteinander zu flüstern, sich zuzuzwinkern, zuzunicken oder unter dem Tisch zu treten. Es war für den Leiter eindeutig, dass man sich verabreden wollte, im Nebenzimmer zu kiffen. Eine Außenseiterin hatte allein wahrgenommen, dass irgend etwas Spannendes passiert und wurde unruhig. Sie -inzwischen schon eine halbe Flasche Wein getrunken- geht hinterher. Anhand des blassen Gesichts, des schwankenden Ganges zur Toilette, der Schweißausbrüche, sowie starker Kreislaufprobleme... wurde deutlich, dass sie was geraucht und dies nicht vertragen hat... Für den Seminarleiter stehen nun schlagartig verschieden Probleme unvereinbar gegenüber:

  • Man dürfte eigentlich nicht von illegalen Handlungen in seinem Umfeld wissen; gibt man sich nun den Anschein, nichts zu bemerken, vermittelt man den Anschein fehlender Empathie und Leitungskompetenz; geht man hinterher, kann man sich nicht mehr rausreden, nichts gewusst zu haben; spricht man nun ein Verbot aus, verspielt man seine Glaubwürdigkeit, weil man die Illegalisierung von Cannabisprodukten als falsch einschätzt...
  • Eigentlich ist es gut, dass sich die Gruppe zurückzieht und zumindest theoretisch noch die Möglichkeit der Ausrede lässt, nichts gewusst zu haben. Wenn nun die Außenseiterin neugierig hinterhergehen will, könnte man ihr sagen, was dort passiert, verspielt dann aber ihr gegenüber die Chance der Ausrede.
  • Sollte man aber eine 24jährige Studentin wie ein kleines Kind behandeln und sie warnen? Wie würde sie es interpretieren, wenn man ihr im Vorwege unterstellt, sie würde einem Gruppendruck folgen wegen dem Wunsch ihre Gruppenposition zu verbessern...?
  • Wenn man ihr folgen würde, um zu verhindern, dass sie nach viel Alkohol nun erstmals -dann auch noch gleich aus der Bong- Cannabis konsumiert und wenn man mit den anderen schimpfen würde, dass man sie und einen selbst da mit reinziehen würde, dann würde man zu ihrem Nachteil die Außenseiterrolle festigen.
  • Man könnte allgemein kritisieren, dass aus dem Kiffen so ein Abendteuerquatsch gemacht wird, der -sie und alle anderen auch- nötigt, überhaupt oder mehr als eigentlich gewollt zu konsumieren. Weil man ja nicht eindeutig zu erkennen geben will, zu wissen, was ab geht, kann man nicht einfach und offen sagen, dass dies spätpubertäre Scheiße sei und keine geeignete Voraussetzung für den Konsum von Cannabis, dass es allein darum gehen sollte, dass es einem schmeckt und man das Gefühl schätzt, dabei aber die Kontrolle behalten sollte und dass es ansonsten so ist, als würde man sich nach einem überreichlichen Essen gruppendynamische in ein Schokokusswettessen reinsteigern... Obwohl letzteres nicht weniger schlimm und gefährlich ist, darf man über die Gefahren des Cannabiskonsums nicht ehrlich informieren, weil man davon ja nichts wissen darf..: ‚Dieses Abendteuergetue ist ja wohl totaler Blödsinn. Wenn eure Kommilitonen mal probieren wollen, erwarte ich von euch angehenden Sozialpädagogen vernünftig abzuraten, wenn vorher zu viel getrunken wurde und sich alternativ ggf. für den nächsten Tag verabreden. Dann könnt ihr drauf achten dass es mit kleinem Mundstück versucht wird oder mit einem nur kleinen Loch zwischen den Lippen und dass nicht gleich so tief eingeatmet wird...; aber das geht nicht, solange das Strafrecht über einem schwebt.
  • Will man ihr als erwachsene Frau nun erklären, wie sich durch den körperlichen Absturz ihre Position in der Gruppe noch weiter verschlechtert hat?
  • (...)

Am nächsten Tag wurde der Gruppe gesagt, dass man keine Lust hat, dass auf dem Seminar mit diesem Abendteuergetue dem Kiffen eine derart unangemessene Attraktivität verliehen wird, die andere nötigt mitzumachen, man doch Joints rauchen solle und man es aber selbst nicht mitkriegen will... Die junge Frau -so dachte der Leiter- hätte gelernt: Als dann wieder Gekicher in der Küche zu hören war, alle anderen bekifft taten während die junge Frau in der Mitte -die Zigarette mit dem Basilikum rauchend und beteuernd dass es ‚gut käme'- sich wieder zum Kasper machen ließ, gab der Kollege seine Versuche mit dem kleinen Erfolgsgefühl auf, dass die anderen sie vereinbarungsgemäß wenigstens nicht zum Cannabis-, sondern zum Basilikumkonsum angestiftet haben...





[Bearbeiten] Gruppenintegration durch Ausschluss:

Der oben dokumentierte Beitrag von Nils Christie hat eindrucksvoll vermitteln können, wie der Zusammenhalt einer Gruppe gestärkt werden kann, wenn außerhalb der Gruppe, bedrohende Feinde entdeckt oder konstruiert werden. Dieser Zusammenhang stärkt die Gruppe nicht nur, weil Grabenkriege eingestellt und Kräfte aller Mitglieder mobilisiert und gebündelt werden, sondern auch weil sich alle Mitglieder zu Disziplin und Loyalität verpflichten lassen, wenn vor Augen geführt wird, was einem widerfährt, wenn man ausgestoßen und zum Feind erklärt wird. Die Mitglieder suchen nun Schutz in der Gruppenmitte wenn der Gruppenleiter disziplinierend mit Ausschluss droht; der muss dann allerdings auch gelegentlich öffentlich ein abschreckendes Exempel statuieren:

  • Der US-Präsident polarisierte bsp. zwischen Schurkenstaaten und zivilisierter Welt und spricht ergänzend von einem ‚Kreuzzug', um die Entscheidung zwischen gut und böse auf den Punkt zu bringen; wer nicht mit ihm ist, ist gegen ihn... Um andere zur Räson zu bringen, wird am BSP Afghanistans oder des Iraks verdeutlicht, was ihnen droht, stellen sie sich US-amerikanischen Interessen in den Weg. Unterstützt durch propagandistisch hochstilisierte (erfundene) Bedrohungen, wird zugleich die innere Opposition in UN und USA zum Schweigen gebracht und von innenpolitischen Probleme abgelenkt...
  • Im alten Rom wurden die armen Massen mittels ‚Brot und Spielen' bei Laune gehalten, gleichzeitig abgeschreckt und integriert, sehen sie wie die Ausgeschlossen zur Strafe den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden...
  • Jugendcliquen neigen dazu, ausgeschlossene ehemalige Mitglieder als Verräter zu stigmatisieren und besonders hart zu bestrafen.
  • (...)

Bei der Funktionalisierung von Feinden tauchen grundsätzlich die gleichen Probleme auf wie bei der Produktion von Sündenböcken oder Notlagen. Die Programmatik der Gruppe, auf die man sich positiv bezieht, mit der man sich identifiziert, die positiv integriert, wird abgelöst durch eine außengerichtete negative Identifikation und einen inneren Zusammenhalt basierend auf Emotionen, auf Angst. Da sich Gruppen erst über eine Abgrenzung von Innen und Außen konstituieren und ein ‚Wir-Gefühl' entwickeln können, ist es -innerhalb von Grenzen- für die Gruppenleitung unerlässlich und sinnvoll, Gegenüberstellungen zu betonen und mit ihnen zu arbeiten:

  • Wir Kinder die sich auf der eine Seite in der Gruppe formieren gegen die Übervorteilung von Autofahrern auf der anderen Seite.
  • Wir Bewohner des Wohnquartiers, die Bewusstsein und Aktionen entwickeln wollen gegen die Emissionen von Industrie und Autobahn.
  • Wir Studierende die sich gegen die Sparpolitik des Kultusministeriums oder das unzureichende bzw. unstrukturierte Lehrangebot engagieren.
  • Wir Praktiker unter den Dozenten, die überakzentuiert von ‚wir' und ‚uns' reden, um sich von den anderen Kollegen positiv abzugrenzen.
  • (...)

Die Versuche der Polarisierung zur Stärkung des Gruppenzusammenhalts werden erst dann eindeutig problematisch, wenn sie dass Gruppengeschehen dominieren, unverhältnismäßig aggressiv sind und wenn sie sich der Abgrenzung gegenüber Schwächeren bedienen. Während die Schärfung von Gruppenprofilen über die Abgrenzung gegenüber ‚starken Feinden' weniger problematisch erscheint, müssen i.d.R. aber genau die Klienten der Sozialen Arbeit als ‚schwache Feinde' herhalten, Mehrheiten zu stabilisieren:

  • Ehemalige, nun arbeitslose Kollegen, die bisher noch ‚zu uns' gehörten werden plötzlich zur Bedrohung ‚von uns' definiert, stigmatisiert und ausgeschlossen (exkludiert), um uns Projektionsflächen zum Ausagieren eigener Unzufriedenheiten zu verschaffen... Um die Emotionen nachhaltig auf die Feinde zu fokussieren, wird ihnen unterstellt, sie würden in ‚der sozialen Hängematte' liegen und uns anhand statistisch irrelevanter BSP suggeriert, die meisten wollen nicht arbeiten, kassieren doppelt und verschweigen den Besitz von Autos...
  • Die Verlierer aus Entwicklungsländern, auf deren Ausbeutung unser Wohlstand beruht, werden zur Bedrohung hochstilisiert, wenn sie ‚ihr' Land verlassen und zu ‚uns' kommen wollen. Diese Menschen als ‚Flut' oder ‚Schwemme' bildhaft dargestellt, wollen ‚unseren Wohlstand verfrühstücken' (Schill) und gefährden ‚unsere deutsche Leitkultur (CDU).
  • (...)

Im sozialpädagogischen Kontext haben wir nun das Problem, dass der Mechanismus, sich über die Konstruktion von schwachen ‚Feinden' und dem Treten nach ‚unten‚ Identitäten zu sichern, sich in allen gesellschaftlichen Teilbereichen fest etabliert hat. Nicht zuletzt greifen auch Klienten, Kollegen, Berufsgruppen und Träger auf dieses Prinzip zurück, um wechselseitig zum Nachteil anderer, eigene Identitäten aufzubauen...

  • Einige in der Gemeinwesenarbeit Beschäftigte nutzen die durch die politischen Kampagnen aller Parteien diffus verängstigten Bewohner, um sie in Abgrenzung zu Drogenabhängigen, Dealern, Obdachlosen, Punkern und ‚anderem Dreck' zusammenzuführen und zu stärken. Die Bürgerbeteiligung ist dann schnell und erfolgreich aufgebaut; profitieren tut jedoch nicht das bedürftige Klientel, sondern allein graduell nur etwas weniger benachteiligte Kleinbürger...
  • In der Mädchenarbeit suchen einige Mitarbeiter ihre Gruppen zu stärken, indem Jungs als störende, bedrohliche Elemente überakzentuiert werden, so dass ihre gemeinsamen Benachteiligungen in den Hintergrund treten und eine gemeinsame Mobilisierung dagegen erschwert wird.
  • Träger fangen an, Klientengruppen gegeneinander auszuspielen, in gute und weniger gute Klienten aufzuteilen und die schwächsten auszugrenzen (‚creaming the poor').
  • In der Jugendhilfe wird teils ‚ihr'' Klientel als besonders bedrohlich skandalisiert, um Mittel einzuwerben, während die Mittelvergabe an Kollegen in der Arbeit mit Migranten kritisiert wird.
  • Kollegen aus der Arbeit mit Opfern von Straftaten ereifern sich gegen die Ausgaben für die Resozialisierung von Straftätern.
  • Träger die sich um das Wohl von Menschen kümmern, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrierbar sind, werden von jenen diskreditiert, die noch integrierbare Klienten haben, wo es sich quasi noch lohnt.
  • Traditionelle Drogenhilfeprojekte grenzen sich von niedrigschwelligen ab.
  • (...)

Die Versuche, sich über schwache Feinde zu definieren, sind für die sozialpädagogische Arbeit generell inakzeptabel. Ambivalent beantwortet wird die Frage, ob man in der Sozialen Arbeit mit ‚starken Feinden' arbeiten sollte, um Bewusstsein für kollektive Benachteiligungen zu entwickeln und geeint die Konfrontation zu suchen. Dies Prinzip war integraler Bestandteil der oppositionellen Gemeinwesenarbeit, wie sie sich in der BRD v.a. Anfang der 70er bis Mitte der 80er Jahre des 20. Jh. entwickelt hat. Aber auch heute stellt sich die Frage, ob man als Sozialpädagoge im Quartier nach dem Tod eines Kindes Elterngruppen gegen Verkehrsgefährdung, den ‚feindlichen' Bauminister oder den ADAC mobilisieren sollte; ob man im Kindergarten oder Jugendclub gegen die kommunale Regierung und den Finanzminister mobilisieren sollte, wenn Club, Bauspielplatz oder Sportplatz geschlossen werden...

Die Funktionalisierung ‚starker Feinde' ist in Grenzen konstitutiv in unserer Arbeit: Empowerment, politische Emanzipation und Partizipation nach §§8f KJHG oder politische außerschulische Bildungsarbeit sind bsp. ohne ein Bewusstsein über die Verteilung von Macht und Ohnmacht, der Problematisierung dieser Verteilung und der Mobilisierung dagegen, nur schwer vorstellbar. Ansonsten ist es auch eine Frage des persönlichen Stils, ob man zur Polarisierung neigt. Eine Gruppe -v.a. über emotionale Befindlichkeiten zusammengeschweißt- kann aber die Anschlussfähigkeit zu ihrem sozialen Umfeld und ihren Einfluss darauf verlieren. Z.B. die massive Verfolgung linksradikaler Gruppen inkl. der stetigen Gefahr der Infiltration durch Polizei und Staatsschutz hat den Zusammenhalt kleiner Grüppchen verstärkt, hat deren Wirken aber auf den Selbstzweck der Selbst-Verteidigung reduziert und die Weiterentwicklung, sowie öffentliche Verbreitung ihrer Programminhalte maßgeblich behindert...

Die Mitglieder ‚meiner' Gruppe können zugleich Mitglieder in anderen Gruppe sein. Ähnlich wie bei Rollenkonflikten, können Doppelmitgliedschaften hilfreich, egal und problematisch sein oder ggf. sogar zum Ausschluss führen:

  • Wenn jemand in einer Gesprächstherapiegruppe und gleichzeitig in einer sozialpädagogisch geleiteten Sportgruppe ist, wird dies eine sinnvolle Ergänzung sein.
  • Wenn er dann noch Teil der Gruppe ‚Familie', oder ‚Arbeitskollegen' ist, wird dies egal sein, sofern es keine zeitlichen Probleme gibt.
  • Zeitlich unproblematisch könnten Jugendliche ggf. in zwei Cliquen im gleichen Wohnquartier Mitglied sein, dann jedoch inhaltliche Problem kriegen.
  • Wenn gute Sportler aus meinem Verein Aufmerksamkeit im anderen gewinnen, können Abwerbe-, also Inklusionsversuche des anderen Vereins zur Bedrohung werden und müssen durch gesteigerte positive Aufmerksamkeit im alten Verein bekämpft werden; hat uns unser Sportler trotzdem verlassen ist er zukünftig noch viel stärker unser Gegner als seine neuen Kollegen, die uns zuvor fremd waren.
  • Gruppenleiter werden sich bemühen, Einflüsse, die durch Doppelmitgliedschaften oder Aktivitäten andere Gruppen, den Gruppenerfolg in der eigenen Gruppe gefährden, auszuklammern. Zeitliche Probleme lassen sich im Vergleich zu inhaltlichen i.d.R. leicht lösen, die schnell zur Unvereinbarkeit führen. Dies kann z.B. dann der Fall sein, wenn rechtsradikale Jugendcliquen finanziert durch die NPD um die Gunst von Mitgliedern unseres Jugendclubs werben; wenn Mitglieder der Stadtteilgruppe unseres Stadtteilzentrums sich in Bürgerinitiativen gegen Kinderheime, Drogenberatungsstellen, offenen Strafvollzug oder Obdachlosenwohngemeinschaften engagieren oder wenn Schüler unserer GA in der Schule, Frauen aus der Gruppentherapie von ihrem öffentlichen Arbeitgeber oder gleich die ganze Gruppe vom eigenen Träger gezwungen werden, an Masseninszenierungen nach dem 11.September teilzunehmen, während wir in der GA parallel versuchen, Autonomie und Selbstbewusstsein ohne Ausgrenzung zu fördern.
  • (...)

Gruppenautorität und -gehorsam:

Die sozialpädagogischen Gruppenarbeiter müssen die Fäden des Gruppengeschehens in der Hand behalten; die Form wie sie dies in der Praxis sicherstellen, ist dabei entscheidend. Je mehr autoritäre Macht eingesetzt und Gehorsam erzwungen wird, desto problematischer erscheint die Form und desto eher ist sie aus pädagogischen Gründen abzulehnen. Es werden weder Kritik- und Demokratiefähigkeit vermittelt noch Phantasie, Kreativität und Autonomie gefördert oder Partizipation in den jeweils relevanten Lebensbereichen gesichert. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass unsere Klienten oft zu mehr Gehorsam und Unterordnung bereit sind, als uns lieb sein kann. D.h.,

  • wenn wir ankündigen, locker mit Kritik umgehen zu können, heißt es nicht, dass unser (Gruppen-) Klientel dies auch glaubt und sich traut Kritik locker ohne Angst zu formulieren.
  • wenn ich als Leiter der Gruppe frage, ob jemand was dagegen hat, wenn wir uns Duzen, spüren sich die Teilnehmer ggf. genötigt zuzustimmen, obwohl sie eigentlich Angst davor haben, es könnte eine Falle sein, weil ich in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so locker bin...
  • wenn ich sage, dass jeder der zwischendurch flüstert rausfliegt und dann alle still sind, besteht die Gefahr, dass die Gruppenmitglieder mich ernst nehmen, weil sie sich nicht glauben können, dass dies Ironie sein sollte...
  • (...)

Also auch wenn wir einen partnerschaftlichen kollegialen Leitungsstil folgen, müssen wir einkalkulieren und in unserem Auftreten berücksichtigen, dass die Autoritätshörigkeit meiner Teilnehmer eine andere Wahrnehmung wahrscheinlich macht. Wenn also der Chefarzt (s.o.) in seiner Uniform vorne vom Podium aus seine Patienten fragt, ob den alle zufrieden sind, dann aber nur zwei Sekunden wartet, bevor er selber die positive Antwort gibt, übt er einen autoritären Zwang zum Gehorsam aus; denn eigentlich will er Kritik weder hören noch dulden. Daran ändert auch nichts, dass er eine kleine Lücke lässt; den diese ist angesichts der hohen sozialen Schwellen viel zu kurz.

Wenn GA gefährlich wird:

Die Fähigkeiten, Menschen und Gruppen manipulieren zu können, wirkt sich natürlich dann verhängnisvoll aus, wenn das Wohl der Klienten aus den Augen gelassen wird. Dies fängt dort an, wo wir uns bsp. treu an die politischen und administrativen Vorgaben halten, uns mit ihnen identifizieren und dann Punkergruppen mittels Streetwork vor den Bahnhöfen vertreiben. Was für diese Gruppen eine positive Bedeutung hat, sich mit Freunden zu treffen, wird einseitig als störendes abweichendes ‚Rumhängen' stigmatisiert und soll ohne die jugendlichen Bedarfe zu eruieren, durch Soziale Arbeit ersatzlos beendet werden. Solche ‚Emanzipation vom Klienten' -wie der Hamburger Soziologe Sebastian Scheerer eine solche Entwicklung bezeichnet- setzt sich überall dort fort, wo Sozialpädagogen unwidersprochen hinnehmen, dass die gesellschaftlichen Verursachungszusammenhänge der Probleme ihres Klientels gänzlich ausgeklammert, die Probleme also individualisiert werden. Heute versuchen Kollegen und Träger zunehmend häufig, sich sogar dadurch Profil zu verschaffen, dass sie sich dem in der Gesellschaft grassierenden Bestrafungsinteresse von Minderheiten und Außenseitern als Strafinstanz andienen. Dabei werden gruppenpädagogische Kenntnisse bewusst manipulativ eingesetzt, um Zucht, Anpassung, Unterordnung und Ordnung zu erzwingen. Als Ziel wird allgemein üblich formuliert, zunächst die ‚schlechte', ‚falsche' oder ‚böse' Persönlichkeit des Klientels zu destabilisieren, zu ‚brechen', um sie dann durch eine ‚neue' auszutauschen; dabei wird sich regelhaft immer wiederkehrender gruppendynamischer Elemente bedient. Im oben vorgestellten Film ‚Das Experiment' werden diese Elemente dargestellt, welche die Gruppe und die einzelnen Persönlichkeiten der ‚Gefangenen' destabilisieren sollten. In den neuen Umerziehungslagern, sog. ‚bootcamps' finden sie praktische Anwendung, wie partiell auch in den verschiedenen Formen des Anti-Gewalt-Trainings. Nicht zuletzt waren sie nach Zygmund Bauman ein fundamentaler Faktor in der Umsetzung der Vernichtungspläne Auschwitz. Da diese Art des Missbrauchs gruppenpsychologischen Wissens im sozialpädagogischen Kontext v.a. für die abstinenzorientierte stationäre Langzeittherapie für opiatabhängige Menschen thematisiert wurde (vgl. Müller&Schuller&Tschesche 1983), soll zunächst ein älterer Spiegelartikel zu diesem Arbeitsfeld eine Vorstellung geben, welche Bedeutung die manipulativen Elemente gewinnen können:

„'Spür das, spür dein Zittern'<ref>Gerd Kröncke über ein Suchtentwöhnungszentrum bei Hannover in: ‚Der Spiegel’ 23/77.</ref>





In Hohenrode betreibt der DPWV ,Take-it'-Haus... vorgesehen für schwere Fälle von Heroin-Sucht. Was da mit auf den ersten Blick erschreckenden Gelobt-sei-was-hart-macht-Methoden praktiziert wird, ist bisweilen so entwürdigend wie eine Gehirnwäsche. Aber die harte Tour ist offenbar nicht ohne Erfolg... In der Halle des ehemaligen Altenheimes sitzt die Gruppe beim Essen: Nudeln mit Leber. Aber der Neue wird nicht hinzugebeten. In dem Raum, in dem sich die Gruppe später trifft, steht er rum, alleingelassen, sieht Mikrophone von der Decke baumeln, doch das Ende der Strippe ist glücklicherweise leer. Ein Paar, schon Stufe 2, wie er später lernen wird, kommt herein, aber bleibt auf Distanz: 'Zieh dich aus.' Dann steht er da, im Slip, bemüht, trotzdem keine Blöße zu zeigen, 'ganz cool zu bleiben, wie er es gelernt hat auf der Szene, während die beiden anderen Jeans und Jacke filzen mit der Verbissenheit eines Zollhundes, nur gründlicher. Gleich darauf, im Badezimmer, wird noch intimer nachgefasst, nach ,Äitsch' (Heroin). Wieder angezogen, gleichwohl ungeschützt, wartet der Neue im Gruppenraum. 'Willst du was essen?', wird er gefragt und hockt dann auf einer durchgesessenen Couch, Teller auf den Knien, einen Becher mit Pudding vor sich auf dem Boden. Später ist er Delinquent, sitzt auf einem harten Klappstuhl, die Arme verschränkt, die Beine übereinandergeschlagen, während ein knappes Dutzend Hausbewohner, auf Sofas oder Kissen oder nur so auf dem Teppich kauernd, um ihn herum ihn anschweigt, bis einer fragt: 'Wer bist du?' Der dort sitzt, der seinen Namen sagt, bleibt nicht lange cool. 'Wir wollen nicht wissen, wie du heißt, wir wollen wissen, wer du bist.' Schon gar nicht hilft der Schutz der Ironie, nicht einmal Selbstironie. Und die Frager steigern sich, stundenlang, erfragen Schwächen und lassen Stärke nicht gelten. Manchmal zwei Stunden und oft noch länger muss einer Auskunft geben, wird bloßgestellt und offenbart, was die Droge übriggelassen hat. Jeder aus der Gruppe hat selbst mal auf dem Stuhl gesessen und rächt sich nun für all die Erniedrigung. Dabei wird -so der Psychologe des Mitarbeiter-Teams- 'die Unterwerfung unter die straffen Gruppennormen' und die 'emotionale Öffnung vor der Gruppe' versucht, bis hin zur Selbstaufgabe. Denn auf Dauer wird auch der Stärkste gebrochen. Der Stress, zunehmend unerträglich, wird erbarmungslos auf die Spitze getrieben. Und wenn einer seine Fixer-Karriere offengelegt hat, wenn er dann ganz allein ist, schubst ihn die Gruppe ins Nichts. Peter muss sich ausziehen, nun vor allen, steht da in der Unterhose. Er soll, so wird ihm aufgegeben, durchs Haus gehen. brav an jede Tür klopfen und vor jedermann bekennen: 'Ich bin ein mieses Arschloch.' Er tut es. Manch einer ist selbst dem noch gewachsen, sperrt sich bis zuletzt. Dann geht es noch anders. Gerd, mit strubbeligem Afro-Look, bleibt standhaft und muss sein Liebstes lassen: Die Haare werden ihm auf halbe Streichholzlänge geschnitten. Die Frage, ob so etwas nicht erniedrigend sei, stößt auf Unverständnis. Wer fixt', weiß der ehemalige Fixer, 'der erniedrigt sich jeden Tag.' Nirgendwo ist das Sozialleben so auf dem Hund, nirgendwo der Egoismus größer als im Rauschgiftmilieu... Dass er selbst ein Nichts ist, ist das erste, was ein Neuer lernt. Sein Selbstbewusstsein -das falsche, weil von der Droge bestimmt- wird erst einmal gebrochen, um dann bei Null neu aufzubauen. Was da passiert, ist die erste, einjährige Phase der Therapie, ihrerseits unterteilt in drei Stufen. Nach und nach soll sich der ehemalige Fixer hocharbeiten, auch seelisch, wo es geht, sollen ihm wenigstens bürgerliche Normen beigebogen werden, die er -Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Arbeitsbereitschaft oder auch Kontaktfähigkeit- wenn schon nicht emanzipiert, so doch für die Anpassung draußen gebrauchen muss. Denn in Hohenrode ist für emanzipatorische Elemente wenig Luft und es besteht die Gefahr, dass ein zerbrochenes Ich künftig nichts als Anpassung praktiziert, dass aus einem Ausgeflippten ein Normentyp wird. (...) Gut 40 000 Mark kostet eine 18 Monate dauernde Behandlung, viel Geld, wenn's schief geht. In diesem Jahr sind schon fünf ausgestiegen, mehr als je zuvor in so kurzer Zeit, Dorothee z.B. ganz jung und sehr kaputt, war länger als alle anderen in Hohenrode, ging zu ihrem Freund, der seine Therapie schon hinter sich und sogar eine Lehrstelle hatte. Nun sind sie beide weg, weg von Hannover und müssen wohl aufgegeben werden. Und auch Peter der sich ausziehen musste, als er sich der Gruppe offenbarte ist über den Anlauf nicht hinweggekommen. Die Radikalkur, die anfangs eben nur radikal und erst später auch von Zuneigung getragen ist, scheint doch nicht jedermanns Sache. (...) Der Neue zählt mindestens zwei Monate lang zur ersten von drei Klientenkategorien; das heißt: 'Keine Rechte, kein Ausgang, kein Telephon, keine Besuche, keine Musik, nur Haus- und Küchendienst.' Von morgens um sieben an ist sein Tageslauf vorgegeben, jede Stunde ausgefüllt mit Pflichterfüllung<ref>vgl. Sozialisation in der Aufklärung nach Pestalozzi im Kapitel Geschichte.</ref> zu der auch Teilnahme an Gruppenveranstaltungen -zunächst ohne Stimmrecht- zählt. Die Neuen, die zur ‚Stufe 1' gehören, sind fürs Grobe, für die niederen Arbeiten zuständig: Hausputz und Kochen, Waschen und Bügeln für sich und alle anderen. Die etwas Fortgeschrittenen, ‚Stufe 2', haben schon ein bisschen mehr vom Leben. 16 Stunden in der Woche absolvieren sie mit der Pädagogin ein Unterrichtsprogramm -z.B. mittwochs: eine Doppelstunde 'Deutsch (Hörspiel, Kurzgeschichten etc.)' und eine Doppelstunde 'Menschenkunde'-, oder sie arbeiten Sinnvolles in der Holzwerkstatt, bauen solide Kieferntische oder restaurieren alte Bauernschränke. Doch vorher kontrollieren sie, ob die Unteren richtig saubergemacht haben. Dann muss sich der ehemalige Junkie, der auf der Szene gelernt hat, dass Mädchen einen Dreck wert sind, von einem Mädchen sagen lassen: 'Wenn man putzt, dann putzt man richtig oder gar nicht...' Während Gerd noch die Leviten gelesen werden, kommt schon der nächste Frust. 'Deine Klamotten waren bei der Post, mit einem Brief von deiner Freundin. Schönen Gruß.' Und? Nichts weiter, den Brief dürfe er vielleicht irgendwann mal lesen. Post und Telephon, zensiert von den Fortgeschrittenen der dritten Stufe, stehen ihm erst zu, wenn er sich bewährt hat. Für manche freilich wäre es auch dann noch gut, die Außenwelt außen vor zu lassen. Elke, die eben noch die Saubermacher runter putzte, bekommt Schriftliches und darf es auch lesen. Das Hauptzollamt Hagen schickt einen Steuerbescheid fürs Heroin von damals. Elke schuldet der Behörde 'in Worten 2.180,80 DM, zahlbar binnen vier Wochen... Das eigene Bare reduziert sich einstweilen auf ein Taschengeld von monatlich 25 bis 80 Mark in der ‚Oberstufe'. (...) Es gibt Tage, da isst einer nichts mehr und raucht nur noch; wenn es darum geht, von einer Stufe zur anderen aufzusteigen, sich dem Urteil der Gruppe zu stellen. Über viele DIN-A4-Seiten hinweg hat er aufgeschrieben, warum er sich reif genug fühlt für die nächste Stufe; reif für zensierte Briefe, zu telephonieren oder mal in die Stadt zu gehen in Begleitung, Musik zu hören zu festgelegten Zeiten. Er präsentiert sich der Vollversammlung von Klienten aller Stufen und den Therapeuten: ein Tribunal, das nicht nur befördern, sondern auch zurückstufen kann. 'Nach meiner ersten Zurückstufung', schreibt Dieter, 'wurde ich wegen meiner Laschheit angemacht und ich kam langsam wieder in die Gänge (...) Schon in der ersten Woche merkte ich, was es bedeutet, wieder zu arbeiten und sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.' Dieter, der auch beim erneuten Versuch die nächste Stufe nicht schafft, der gleichsam vor zwei Dutzend Staatsanwälten in der Großgruppe scheitert, wird zwei Monate später ganz rausfliegen. Sie werfen ihm Opportunismus vor, er habe immer schnell eigene Fehler eingeräumt. Zu schnell, wie die Gruppe meint, zu eilfertig. Allerdings ist Dieter auch nicht ganz freiwillig nach Hohenrode gekommen, seine Einweisung wurde -anstelle von Knast- vom Gericht angeordnet (§35 BTMG). Nach zwölf Monaten, so steht zu befürchten, wird er ins Milieu zurückkehren... Bei den meisten bricht irgendwann der Damm. (...) Doch zuvor ist da der Kampf mit dem Magier, dem Therapeuten, der die Technik der Geduld beherrscht und weiß, wann er den sanften Zuspruch ablegen muss. (...) Da widerspricht auch der Therapeut nicht, fasst nur zusammen, die möglichen Alternativen: Knast oder Klapse, wenn es hoch kommt für immer. Schluss machen, ebenfalls für immer. Oder sich anpassen, was er, bislang noch nie versucht habe. Donald wird in der Einzeltherapie und später auch in der Gruppe das Verhältnis zum übermächtigen Vater aufarbeiten..."

Sozialpädagogen, die sich solcher Interventionsformen bedienen, haben den Boden dessen verlassen, was Soziale Arbeit ausmacht. Losgelöst von allgemeinen und v.a. berufsethischen Grundlagen kann man sich manchmal des Verdachts nicht erwähren, man versuche eigene psychopathologische Auffälligkeiten zu kompensieren (Minderwertigkeitskomplexe, übersteigertes Profilierungsbedürfnis, Sadismus, eigene übersteigerte Aggressivität oder Gewaltphantasien...). Wenn nicht derartige individuelle Gründe handlungsleitend sind, ist es der Wunsch, sich als Trendsetter der Branche einen gesicherten Arbeitsplatz zu schaffen, indem man sich, sein Klientel und die Soziale Arbeit im allgemeinen, den gesellschaftlichen Erwartungen unterordnet, wie man sie auch aus der ‚Bild' kennt. Wo der Trend zur Individualisierung sozialer Probleme, zur repressiven Intervention, zur Reaktion statt Prävention geht; wo soziale Problemen nicht mehr verhindert oder gelöst, sondern allein knapp unter der Oberfläche gehalten werden sollen, wo sie die Allgemeinheit nicht mehr stören, dort hat man sich im wahrsten Sinne des Wortes ‚von seinem Klientel emanzipiert.'

[Bearbeiten] Hierachisierung des Klientels:

Fester organisatorischer Bestandteil einer inhumanen GA ist die Hierarchisierung des Klientels und die Delegation der Strafen und Kontrollen an die jeweils höherstehende Klientengruppe. Dies hat für die Leitung verschiedene Vorteile: Die höherstehenden Klienten strafen und kontrollieren besonders streng, weil sie dies als Möglichkeit nutzen, sich für die eigenen Erniedrigungen zu rächen; entsprechend richtet sich der Widerstand stärker gegen die anderen Klienten als gegen die Gruppenleitung. Diese profitiert so im doppelten Sinne:

  • Sie kann eine große Gruppe mit wenig Personal in Schach halten, weil die ‚Hilfssherrifs' einen großen Teil der Arbeit abnehmen.
  • Zwischen den Klienten wird derart Zwietracht geschürt, dass sie sich lieber gegenseitig ausspielen, anschwärzen und das Leben schwer machen, statt sich gemeinsam oppositionell zu solidarisieren und Widerstand gegen die unterdrückende Struktur zu leisten.

Egal ob die Hierarchisierung situativ hergestellt wird (heute sitzt Michael im Kreis der 11 anderen auf dem heißen Stuhl) oder sich prozesshaft entwickelt (phasenhafter Aufstieg in höherstehende Gruppen im Falle der Bewährung), werden den Kontrolleuren Vergünstigungen gewährt: Wer im Kreis sitzt, sitzt härter und tiefer, bekommt im Gegensatz zu den anderen keinen Kaffee und Kuchen oder darf auch nicht rauchen... Bei den Phasenverläufen werden Privilegien je nach erreichter Stufe erteilt: Mit den anderen am Essenstisch sitzen dürfen, statt immer nur im Stehen die Reste essen zu müssen, Post erhalten, Musik hören und Fernsehen, sich wieder die Haare wachsen lassen und die Anstaltskleidung gegen Zivilkleidung austauschen und natürlich die Unterstehenden -in der Phase, die man selber gerade verlassen hat- bestrafen. Mit höherstehenden Klienten darf man nur nach Aufforderung und mit gleichrangigen gar nicht reden; später steht jemand auch unter ihnen... Klassisches Element der Aufnahme ist die Abgabe von privater Kleidung, Schmuck, Haaren... also zentralen Grundlagen der Identität. Teils darf man seinen Namen nicht mehr benutzen und wird zur Nummer degradiert oder man spricht sich nur noch mit dem Nachnamen an. Manchmal muss man als symbolische Wiedergeburt zwischen den Beinen aller anderen durchkrabbeln oder den Bi-Ba-Buzemann tanzen und dabei Schlagerlieder singen, vielleicht beides nur in Unterhose... Der Alltag zerstört die physische und psychische Widerstandskraft durch wenig Schlaf, stundenlange Verhöre, Sport, Langstreckenläufe bzw. -märsche oder stupides Saubermachen. Wenn jemand seine Aufgaben nicht schafft, verzögert sich nicht nur der Aufstieg in die nächste Stufe, sondern man macht den ‚Versager' zum Sündenbock seiner Stufe, indem man seinetwegen alle Teilnehmer seiner Stufe bestraft. Man kennt dieses Verfahren bsp. wenn das 3er Zimmer im Kinderhaus nicht aufgeräumt ist und dann keiner aus dem Zimmer in den Zoo darf, um es den Kindern zu überlassen, den Schuldigen zu finden und sich gegenseitig zu bestrafen. So werden die negativen Emotionen wieder auf die anderen gelenkt; von einem selbst ferngehalten... Wenn man solche Gruppen ‚erfolgreich besteht', hat man allein die Lernfähigkeit bewiesen, sich aus Angst vor Strafen besser anzupassen. Zusätzliche Ressourcen werden kaum vermittelt, selbstreflektiertes Handeln nicht erlernt. Fehlen später der Druck durch die Institution oder die Staatsanwaltschaft, ist ein nachhaltiger ‚Erfolg' unwahrscheinlich; im Falle des ‚Erfolges' hat man den ‚autoritären Charakter' angenommen, den Horkheimer, Adorno und Bauman für die Unterordnung unter die faschistische Gesellschaftsordnung verantwortlich machen.

Ganz abgesehen von den ethischen Grundlagen wird durch solche Methoden eine Dynamik initiiert, die psychische und psychosomatische Reaktionen auslösen kann, derer unsere Profession gar nicht gewachsen ist. Stellen wir uns vor, auf der Ferienfreizeit hat Fritz die gesamten Schokoladenvorräte der Gruppe geklaut und aufgegessen. Wenn wir nun alle anderen zusammenholen, Fritz in die Mitte des Kreises setzen und fragen: ‚Wer von euch mag Schokolade?' Alle melden sich. ‚Wollte ihr Schokolade?' ‚Ja' schreien alle vor Begeisterung. ‚Ich würde euch ja gerne welche geben, aber wir haben für die ganze Woche keine mehr. Nein ich hab sie nicht vergessen, ich hab keine Schuld. Der Fritz hat schuld. Dort! Schaut ihn euch an! Da kann man sich schon denken, wo die Schokolade jetzt ist! Ha, Ha! Er hat sie gestohlen! Eure Schokolade! Ihr müsst euch jetzt überlegen, was ihr mit ihm machen wollt!' Fritz entschuldigt sich selbstverständlich, beteuert, es nie wieder zu machen und guckt auch ganz traurig... Dass dies der Gruppe jedoch reicht, ist unwahrscheinlich... Es besteht die Gefahr, dass eine so inszenierte Konfrontation Fritz derart destabilisiert, dass er Kreislaufprobleme kriegt, Hyperventiliert, nachts allein im Dunkeln abhaut oder sich im schlimmsten Fall vor die Bahn stürzt. Auf jeden Fall riskieren wir mit diesem Stil Reaktion, die ärztlicher oder psychologischer Hilfe bedürfen. Genau so wie Sozialpädagogen nicht den Skalpell in die Hand nehmen, wenn Klienten Bauchschmerzen haben, sondern es denen Ärzten überlassen, die es können, sollten sie sich nicht zu sozialpsychologischen Experimenten hinreißen lassen...







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