Geschichtliche Grundlagen

Aus Soziale Arbeit heute

Gesellschaftliche Integration ist die originäre Aufgabe des Staates; sie wird bewältigt mittels der Koordination verschiedener Regulationsfragmente. In dieser geschichtlichen Betrachtung sollen diese Fragmente identifiziert und vorgestellt werden, um Bezugspunkte zu haben, die abschließende Diskussionen der Zukunft Sozialer Arbeit besser verstehen zu können. Das Verhältnis von helfenden und kontrollierenden Elementen ist im Laufe der Geschichte einem ständigen Wandel unterworfen: Die Entwicklung der Regulierung von Armut und sozialer Probleme seit dem frühen MA bis zum Ende des 19.Jh. war von kontinuierlich steigender Disziplinierung geprägt. Kurz von der WR unterbrochen erreichte sie mit dem NS ihren Höhepunkt. Obwohl helfende Interventionen unter staatlicher Regie schon Ende des 19.Jh. entdeckt waren, etablierten sie sich erst mit dem Inkrafttreten des GG 1949. Etwa Mitte der 80er Jahre des 20.Jh. hatte staatliche Hilfe ihren Höhepunkt erreicht und verliert seither kontinuierlich wieder an Bedeutung.

Das gesamte MA war von Armut, Elend, Not und Hunger geprägt; in Europa galten zunächst noch zwei Drittel der Menschen und in der Mitte des 19.Jh. immer noch die Hälfte als ‚absolut' arm. ‚Absolut Armut' bedeutete auch die Gefahr, mangels Nahrung oder Wohnung zu verhungern oder zu erfrieren; diese Form der Armut ist mit der heute in Deutschland dominierenden ‚relativen Armut' nicht zu vergleichen. Dem rapiden Ansteigen der Bevölkerung, hielten die Erntezuwächse nicht stand; Ernteausfälle führten zu Hungerkatastrophen.

Zur Sicherung ihres Überlebens waren die Menschen zu großen Teilen gezwungen, sich als Leibeigene dem Feudalsystem zu verkaufen. Mangels Wohnraum lebten arme Menschen auf der Straße und prägten so das öffentliche Leben; sie waren integrierter Bestandteil der Gesellschaft. Armut war einerseits lebensgefährlich, andererseits aber normal. Arme Menschen wurden noch nicht stigmatisiert‚ ‚von der Straße geholt' oder vertrieben; erst mit der Verhäuslichung im Zuge der Industrialisierung wurde Obdachlosigkeit ein Anlass für Repressalien.

Das MA zeichnete sich durch eine absolute Herrschaft der Kirche im Namen Gottes aus: Sie determinierte nicht nur unangefochten die gesellschaftliche Positionierung, sondern auch die Versorgung der Armen. Ausgerichtet auf das Jenseits galten die Armen als ausgewählt, um dort auf der ‚guten Seite' zu stehen:<ref>LK 6,20 MT 5,3 / MK 10,17</ref> „Seelig sind die Armen"; „eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als denn ein Reicher in den Himmel kommt." Da die Zuordnung zu bestimmten Ständen von Gott bestimmt war und gleichsam die Armen im Jenseits belohnt wurden, entwickelte sozial Ungleichheit noch keine zerstörerische Dynamik. Eher im Gegenteil: Reiche und Arme hatten eine symbiotische Beziehung: Reiche hatten die Möglichkeit über Almosen an die Armen, ihre Positionierung im Jenseits zu verbessern oder die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Die Armen ‚verdienten' sich ihr Geld, indem sie für den Spender beten. Da es für die Reichen im Diesseits weder Hinweis noch Garantie dafür gab, ob er in Himmel kommt, konnte er nie beruhigt aufhören, Gutes zu tun, also den Armen zu helfen.





Da die Armen generell optimistisch ins Jenseits blicken konnten, ihre Arbeit und Existenz allgemein anerkannt war, sie zudem die Möglichkeit hatten, sich bei den irdischen Vertretern Gottes gegen Buße von angehäufter Schuld zu entlasten, war zumindest der psychische Druck gering. Das Geben von Privat war selbstverständlich; auch Könige, reicher Adel und die Feudalherren reihten sich ein; die Sorge um das Wohl der Leibeigenen war -wenngleich auf niedrigem Niveau- eine Selbstverständlichkeit. Zentral blieben jedoch die Hilfen der Klöster: sie versorgten teils weit mehr als das 10fache an Armen, als sie selber Mönche als Mitglieder hatten.

Mittelalter
oberste Instanz:Gott/Kirche
Mittel der Regulierung:Glaube, Angst vor dem Jenseits, Almosen, Versorgungspflichten gegenüber Leibeigenen.
Andere soziale Hilfen:Familienverband, Nachbarschaft, Zünfte, Gilden, Feudalherren

Im Zuge der Aufklärung löste sich die streng ständisch organisierte Produktionsweise auf und es wurde zunehmend über den eigenen und unmittelbar nachbarschaftlichen Bedarf hinaus produziert. Mit der Industrialisierung begannen sich zunächst unter staatlicher Regie (‚Merkantilismus') die Produktionsweise und Lebensweise zu verändern, der Arbeitsprozess wurde arbeitsteilig organisiert, die Arbeitszeiten dehnten sich aus, die Arbeit wurden in steigendem Maße fremdbestimmt und die Arbeiter wurden zunehmend diszipliniert. Im Zuge struktureller Überproduktion stieg zudem sprunghaft die Bedeutung des Handels. Beides, Produktion und Handel, mussten mit steigendem Aufwand koordiniert und abgesichert werden:

Produktion:

In den Anfängen der Industrialisierung herrschte ein hoher Bedarf an Arbeitskräften. Da ‚freie Arbeitskräfte' angesichts starrer Ständestrukturen schwer zu finden und für die industrielle Produktion zudem überqualifiziert waren, gerieten die Armen Almosenempfänger ins Blickfeld. Folgt man Max Weber sicherte die ‚protestantische Ethik' der (früh-) kapitalistischen Produktionsweise den Siegeszug bis in die heutige Zeit: Im Zuge der von Luther (1483-1546) und später Calvin (1509-1564) betriebene Reformation wurde die Bedeutung von Armut, Arbeit und Menschsein neu definiert:

Die Lehre der katholische Kirche kollidierte zunehmend mit der weltlichen Entwicklung; die Priester wurden von Luther für korrupt, geldgierig und überflüssig erklärt. Der Glaube an und die Ehrfurcht vor Gott leiden darunter, dass man sich durch Almosen- und Ablasszahlungen oder durch die Beichte seines schlechten Gewissens entledigen und dann unbeschwert neue Sünden begehen konnte; die Seelenqualen müssten bestehen bleiben und die Angst um das Jenseits allgegenwärtig handlungsleitend sein. Die Hölle war zukünftig nicht mehr jene mit Schwefel, sondern die im Kopf: Angst und Unsicherheit waren als Steuerungsfragmente entdeckt; Angst und Gewissen werden von außen (Gewitter, Hochwasser, Missernten und dem Priester) nach innen, in den Menschen selbst verlagert.

„Mit der Verinnerlichung des Gewissens wird auch deutlich, dass gar kein 'böses Prinzip' der Durchsetzung des Guten entgegen stand; nicht der Teufel verführte die Menschen, sondern sie selbst waren die Satans..." (Kittstein 1992: 115).

Nun musste jeder selbstkontrollierend und -strafend ohne Unterlass und ohne je beruhigende Sicherheit über sein Jenseits zu erlangen- machen, was laut protestantischer Kirche Gottes Wohlwollen fördert. Dies sollte in erster Linie rastloses Arbeiten sein...

Ab dem 16.Jh. wird Almosenbetteln nicht mehr als Arbeit anerkannt, von Luther 1517 abgelehnt und später auch verboten. Nicht wer arm ist, trifft Gottes Willen, sondern wer den Glauben rund um die Uhr, überall, bei jeder Gelegenheit zeigt. Gott wird belohnen, wer streng mit sich selber umgeht, asketisch, sparsam, luxus- und lustfeindlich lebt und v.a. wer bis zur Erschöpfung arbeitsam ist... Während die Katholen nur von der Elite Disziplin verlangten, war sie bei den Protestanten die Maxime für alle. Ohne Betteln konnten die Armen nicht überleben; sie waren und wurden nun zur Arbeit in Manufaktur oder Arbeitshaus gezwungen; vorgeblich zum eigenen Wohle, weil sie sich eben nur durch stete Arbeit den Zugang zum Himmel verdienen konnten. 1520 bringt es Luther auf den Punkt: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen." Das ‚Problem' des Bettelns wurde ab dem 16.Jh. durch Abschreckung (öffentliches Auspeitschen, Brandmarken, Bettlerabzeichen, Arbeitspflicht, Arbeits- und Zuchthäusern) gelöst, teilweise wurden Zuchthäuser und staatliche Industriebetriebe gleich unter einem Dach zusammengelegt. Bezüglich des Menschenbildes war ein qualitativer Sprung markiert: erstmals wurde dem Individuum die Fähigkeit zugeschoben, Selbstkontrolle über sich ausüben zu können. Mit der Erfindung der Selbstkontrolle war -so Foucault- unmittelbar auch die Disziplin erfunden, weil fortan allein das Individuum für sein Verhalten verantwortlich erklärt war. Selbstkontrolle ist bis heute das Verlegenheitsargument, mit dem der Einzelne für alles verantwortlich gemacht werden kann und aus dem -im Falle eine vermeintlichen Fehlverhalten- die Legitimation für Repression oder sozialen Ausschluss hergeleitet wird. Wer sich nun nicht fakt Selbstzwang freiwillig in der Manufaktur einfand durfte legitimerweise durch Fremdzwang zu seinem ‚jenseitigem Glück' gezwungen werden. Die Disziplinierung in Glauben und Produktion wurden insofern miteinander verschmolzen, als dass der Glauben zugleich die Nachfrage nach Arbeitskräften, sowie deren Arbeitsmoral absicherte. Marx wird später sagen, die Kirche übernimmt zur Sicherung des Kapitalismus eine stabilisierende Überbaufunktion.

Bis heute ist in der Geschichtswissenschaft strittig, ob Luther mit seinen Thesen quasi eine Art Gefälligkeitsgutachten für die weltlichen Fürsten schrieb; auf jeden Fall passte es genau zu den neuen frühkapitalistischen Erfordernissen. Calvin ging noch weiter, indem er irdischen Reichtum zu einem Hinweis göttlichen Wohlwollens erklärte und damit das Streben nach und die Präsentation von Reichtum zum Leitziel jedweden individuellen Strebens erhob.

„Das Neue in Luthers Ideen findet sich in drei Punkten:<ref>Thabe 47</ref>

1. Religion wird zu einer Sache des inneren Lebens erhoben

2. Dadurch wird das mittelalterliche priesterliche Stellvertretersystem aufgehoben und

3. wird das alltägliche Leben zu einer Art Gottesdienst erklärt:

„Mit der Feststellung, dass man überall und zu jeder Stunde, in jedem Stand und Beruf, Amt und Gewerbe Gott gefällig sein könne, hat Luther eine Art Heiligsprechung der Arbeit vollzogen: eine Tat von unermesslichen Folgen."

Den Zusammenhang zwischen religiöser Lehre und kapitalistischer Gesellschaftsentwicklung hat Max Weber und dem Stichwort ‚Protestantische Ethik' am differenziertesten untersucht: Die quasi Gleichsetzung von Glauben und Arbeit, hat der Arbeit einen -fast mit Beten vergleichbaren- religiösen Charakter verliehen. Neben der Veränderung in Glaubensfragen waren zwei weltliche Entscheidungen von nachhaltiger Bedeutung für die Industrialisierung:

1. Mit der Leibeigenschaft wurden zugleich die Schutzpflichten der Feudalherren aufgehoben. Massenweise versuchten die nun ‚freien' Menschen in den Manufakturen der Stadt, ihrer Verelendung zu entfliehen; dank des ständig zunehmenden Bedarfs an Arbeit, konnte der Ansturm zunächst aufgefangen werden.

2. Die Mehrheit der in Zünften zusammengeschlossenen Handwerksbetriebe mussten sich im Zuge der Gewerbefreiheit der industriellen Konkurrenz geschlagen geben, so dass auch hier schützende Sicherungsnetze zerstört wurden.

Mit der zunehmenden Produktivität im 19.Jh. reduzierte sich der Bedarf an Arbeitskräften und stieg die Zahl der armen Menschen in raschem Tempo. Die sich aufbauende sog. ‚industrielle Reservearmee' von arbeitssuchenden Menschen drückte -wie heute die Massenarbeitslosigkeit auch- die Löhne der noch Beschäftigten und verbreitet so auch hier existenzielle Not. Letztendlich aus dieser Gleichzeitigkeit der Verelendung Armer und armer Arbeiter, leitet Marx seine Hoffnung auf gemeinsame Solidarisierung und revolutionäre Veränderung ab.

Der für unsere Zwecke zentrale Aspekt der Aufklärung ist die Verlagerung des Gewissen von Außen nach Innen. Das Verhalten der Menschen, orientierte sich zunächst an Gewitterblitzen, dann an Priestern, an externer repressiver Disziplinierung und letztendlich an Selbstzwängen als Ergebnis ‚erfolgreicher' Erziehung.





Reformation:Luther, Calvin
Oberste Instanz:Gott, unmittelbar statt über Kirche vermittelt
Mittel der Regulierung:Angst, Selbstdisziplinierung
Andere soziale Hilfen: Familie, Nachbarschaft, Zünfte, Gilden und v.a. Arbeitskraft

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Grundlagen des Absolutismus:

Handel und Handelswege mussten zur Verteilung der Überproduktion nicht nur gegen Überfälle geschützt werden, sondern in gleichen Weise gegenüber kleinstaaterischen Reglementarien der unzähligen Fürstentümer. Thomas Hobbes und Niccolo Machiavelli entwickelten ihre Staatstheorien nicht zuletzt mit dem Ziel, genau diese weltlichen Einschränkungen frühkapitalistischer Entwicklung zu überwinden. Beide waren geprägt von gewaltsamen Konflikten zwischen Menschen, Menschengruppen und Kleinstaaten, die letztendlich niemandem Nutzen bringen, jedoch allen Schaden zufügen. Die Überwindung der Blockaden gesamtgesellschaftlicher Entwicklung schien ihnen nur möglich durch eine übergeordnete Institution mit absoluter Macht. Da alle Menschen unter dem ‚Kampf aller gegen alle' leiden und ihn beenden wollen, müssen alle auch in Kauf nehmen, dass der absolute Souverän auch auf die Androhung und -wendung von Gewalt zurückgreift, um einen jeden vor jedem anderen zu schützen. Individuelle Rechte werden dem Herrschaftsinteresse unterworfen, dass jedoch als identisch mit dem Gemeinschaftsinteresse definiert ist. Aus Angst, auf der einen Seite Leib, Leben und Besitz zu verlieren, sowie der Zusicherung von Planungssicherheit bzgl. des eigenen Lebens, der eigenen Arbeit oder der eigenen landwirtschaftlichen, handwerklichen oder industriellen Produktion auf der anderen, sollten die Menschen bereit sein, ein Teil ihrer Autonomie dem Souverän zu übertragen. Das Prinzip, aus Angst und Verunsicherung individuelle Freiheiten gegen kollektive Sicherheit einzutauschen, prägt seither fast alle Staatstheorien.





[Bearbeiten] Machiavelli (1469?1527):

Niccolo Machiavelli wurde 1469 in Florenz geboren und nahm dort später als Sekretär aktiv am politischen Leben teil. Die Zeit, in der Machiavelli wirkte war geprägt von Unruhen und Bürgerkriegen. Das in Italien seit Mitte des 15.Jh. bestehende Gleichgewicht zwischen den Teilstaaten Florenz, Venedig, Mailand, Rom und Neapel zerbrach 1496. Es folgte eine Periode von Kriegen und Revolutionen. Es war der Beginn einer neuen Epoche. Im Zeitalter der Renaissance wurde das mittelalterlich-theologische Weltbild durch ein weltlich-naturwissenschaftliches abgelöst. Zwischen 1512-1518 ‚Il Principe' (Der Fürst) und ‚Discorsi' entstanden seine Hauptwerke zum Thema Macht und Herrschaft. Grundlage für Machiavellis Auffassungen ist der Glaube an ein natürliches Streben des Menschen nach Macht; wenn diesem Streben nicht mittels absoluter Macht Einhalt geboten wird, ist das Gemeinwesen zu Stagnation verdammt. Die autoritäre Staatsauffassung wird als bürgerlich-republikanischer Humanismus propagiert, der Pflichten der Bürger gegenüber der Gemeinschaft festschreibt und im Gegenzug Schutz garantiert. Der Mensch kann nur mittels Zwang statt durch Einsicht regiert werden da festzuhalten sei,<ref>(Disc.1,Kap.3) (Disc.1,Kap.3) Disc:18</ref>

  • dass alle Menschen von Natur aus schlecht und böse sind,
  • dass sie stets ihrer Gemütsart folgen, sobald sie Gelegenheit dazu haben,
  • dass sie nur 'von der Not gezwungen, etwas Gutes tun'.

Diese vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten und die Erfahrungen von Unruhe und Krieg führten bei Machiavelli zu einer politischen Theorie, in der als oberste Norm gilt, den Staat an sich stabil zu halten:

„Die hauptsächlichen Grundlagen, die alle Staaten (i.d.S.) brauchen (...) sind gute Gesetze und ein gutes Heer."<ref>(Princ.Kap.12)</ref>

Das gute Heer dient der Stabilität in der Außenpolitik, die Gesetze der inneren Stabilität der Gesellschaft. Wenn ein Staat i.S. des natürlichen Zyklus in einer Phase des Verfalls ist, bedarf es nach Machiavelli eines starken Herrschers, der den Staat aus dem Tiefpunkt holt. ‚Der Fürst' kann als Handlungsanweisung an einen solchen Herrscher verstanden werden, der sich auch grausamer Mittel bedienen darf, wenn dies i.S. von Machterhalt, also letztendlich der Stabilität des Staates, notwendig ist. Machiavelli erklärt i.d.Z.,

„dass es zweierlei Kampfweisen gibt: die eine mit der Waffe des Gesetzes, die andere mit bloßer Gewalt; die erste ist dem Menschen eigen, die zweite den Tieren: da aber die erste oftmals nicht ausreicht, ist es nötig, auf die zweite zurückzugreifen. Daher muss ein Fürst es verstehen, von der Natur des Tieres und von der des Menschen den rechten Gebrauch zu machen."<ref>(Princ.Kap.18)</ref> „Nicht das Wohl des Einzelnen, sondern das Gemeinwohl ist es, was die Größe des Staates ausmacht."<ref>Disc 278</ref> Die Religion gilt es nach Machiavelli nicht zu bekämpfen, sondern i.S. des Herrschers zu funktionalisieren.

[Bearbeiten] Hobbes (1588?1679):

Thomas Hobbes wurde 1588 in England geboren. Geprägt vom 30jährigen Krieg erscheint 1651 in England mit dem ‚Leviathan' (Lev.), die reifste Fassung seiner Staatstheorie. Diese Theorie ist und sein Selbstbild als Friedensbringer sind

„nur zu verstehen, wenn man die revolutionären Umwälzungen berücksichtigt, die Hobbes miterlebte und an deren Ende eine gewisse Revolutionsmüdigkeit und das Verlangen nach einer unerschütterlichen Staatsautorität stand. (...) In Kriegszeiten verdorre die Kultur, verkümmere die Wissenschaft, verrohen die Menschen. (...) In einer solchen Lage ist für Fleiß kein Raum, da man sich seiner Früchte nicht sicher sein kann; und folglich gibt es keinen Ackerbau, keine Schifffahrt, keine Waren, die auf dem Seeweg eingeführt werden können, keine bequemen Gebäude, keine Geräte, um Dinge, deren Fortbewegung viel Kraft erfordert, hin- und herzubewegen, keine Kenntnis von der Erdoberfläche, keine Zeitrechnung, keine Künste, keine Literatur, keine gesellschaftlichen Beziehungen, und es herrscht, was das Schlimmste von allem ist, beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes - das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz."<ref>(Lev 6) /13 /96</ref>

Die Auseinandersetzungen zwischen König und Parlament sowie die Streitigkeiten zwischen Katholiken, Anglikaner und Puritaner mündeten 1642-46 in einen Bürgerkrieg. Seine Vorstellungen von Mensch und Natur ähneln jenen von Machiavelli, wenn er feststellt, dass der Mensch bei Abwesenheit aller Gesetze, Normen und zwangsbewehrten Institutionen zum Überlebensrisiko seinesgleichen wird und deswegen ein starker Staat zum Selbstschutz der Menschen unentbehrlich ist. Menschen seien Machtwesen, die sich gegenseitig aus egoistischen Motiven funktionalisieren. Zwei zentrale Regeln werden von Hobbes aufgestellt:<ref>(Lev.1,Kap.14).</ref>

1. „Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht."

2. „Kann er ihn nicht herstellen, so darf er (der Staat) sich alle Hilfsmittel und Vorteile des Krieges verschaffen..."

Dem Menschen muss -auch ohne dessen Einsicht in die Notwendigkeit- abverlangt werden, seine individuelle Freiheit zu Gunsten eines staatlichen Gewaltmonopols einzuschränken:

„Um dem `höchsten Übel`, dem frühzeitigen Tod zu entgehen, sind die Individuen zur Aufgabe ihres natürlichen Rechts gezwungen."<ref>(Lev 9)</ref>

Aufgabe des Staates sei es den Naturzustand zu befrieden nachdem die traditionellen Autoritäten Natur, Herkunft und Gott entmachtet sind. An deren Stelle soll nun ein Mensch oder eine Versammlung treten, welche die Einzelwillen aller Gesellschaftsmitglieder in einen Willen zusammenführt und diesen -ggf. auch gewaltsam- gegenüber allen, zu deren eigenen Wohl durchsetzt.<ref>(vgl.Lev.2,Kap.17,18)</ref> Mit grenzenloser Macht ausgestatteten und vertraglich garantiert, wird der bisherige 'Kampf aller gegen alle' unterbunden. Da der Wille des Herrschers identisch mit den Einzelwillen ist, darf über den Herrscher selbst nicht gerichtet werden. Selbst dem Urteil Gottes muss er sich -zumindest auf Erden- nicht stellen, da er auch die Rolle des kirchlichen Oberhauptes auf sich vereint.<ref>( LEV10).</ref> An die Stelle des absolut herrschenden Gottes im Himmel ist nun ein irdischer Gott getreten.

Absolutismus:Machiavelli, Hobbes
Oberste Instanz: Absolute Herrschaft des ‚irdischer Gottes'
Mittel der Regulierung:Glaube, Macht, Angst, Zwang, Gewalt, Zucht- und Arbeitshäuser
Andere Soziale Hilfen: Familie, Nachbarschaft; Zünfte und Gilden verloren mit der Industrialisierung an Bedeutung

[Bearbeiten] Menschenbild:

Der absolutistische Staat löste den absoluten Gottesstaat des MAs ab. Gottes Existenz wurde in Zweifel gezogen und kirchliche Lehrsätze im Hinblick auf ihren Vernunftgehalt hin überprüft. Hinsichtlich der Intensität, mit der die Menschen reglementiert werden oder der Stichhaltigkeit des zugrundeliegenden weltanschaulichen Fundaments, sind die Unterschiede dabei gering. Der Staat beruht auf einigen teils widersprüchlichen Setzungen; also nicht bewiesen Annahmen:

  • Der Mensch sei in der Lage, seine ‚Natur' zu überwinden wenn er diszipliniert wird.
  • Er ist dann in der Lage nach staatlicher Definition ‚vernünftig' zu handeln.
  • Die Menschen sind nach Bauernbefreiung, Auflösung der Stände und garantierter Freizügigkeit frei und handeln selbstverantwortlich.
  • Alle Menschen sind gleich; d.h. sie haben die gleichen Chancen.
  • Rousseau, Kant und Pestalozzi stellen prinzipiell die Erziehbarkeit eines jeden Menschen zum vernünftigen Handeln fest. Ein jeder soll also die Möglichkeit besitzen, Normen zu verstehen, zu internalisieren und zu befolgen.
  • Damit sind alle Menschen für ihr Verhalten verantwortlich und bei Definition ‚Fehlverhalten' schuldig; Repression ist prinzipiell legitim, präventiv wie reaktiv. Wer laut Setzung vernünftig handeln kann, muss es auch tun; wer es nicht tut will es nicht; wer nicht will, darf bestraft werden...

Die starre religiöse Ordnung wurde aufgehoben und die Menschen wurden für frei erklärt ‚aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit' (Kant). All diese Setzungen wären vor der Aufklärung als Gotteslästerung bestraft worden, steckte hinter jeder Handlung eines jeden Menschen doch die Intention Gottes. Allein ihm ist es vorbehalten vernünftig handeln zu lassen. Der einzelnen Menschen konnte nicht reflektiert vernünftig handeln, weil er nicht weiß, was vernünftig ist. Wenn Dritte das Verhalten als unvernünftig bewerten, maßen sie sich an, den Sinn Gottes -der sich in dem Handeln der Menschen vollzieht- verstehen zu wollen. Damit stellten sie sich quasi auf eine Stufe mit Gott und hätten die Todesstrafe riskiert. Mit der Aufklärung änderte sich das Menschenbild fundamental: Nun war der Mensch sein eigener kleiner Gott, der unter seiner Selbstkontrolle sein Handeln frei bestimmen konnte und musste. Jemanden allein theoretisch für frei zu erklären, ohne ihn jedoch mit den nötigen Ressourcen zu versorgen, die Freiheit auch zu nutzen, entwickelt auf Seiten der Menschen Rechtfertigungszwänge und auf Seiten des Staates Disziplinierungsrechte. Der weltliche Staat war letztendlich nicht weniger starr, autoritär und unmenschlich als der religiöse; allein er gab sich den Anschein, frei zu sein... Die Menschen wurden ihrer ökonomischen, ständischen, christlichen und feudalen Sicherheiten beraubt, als ‚frei' konstruiert, für ‚frei' erklärt und in den ‚Kampf ums Dasein' entlassen. Vernunft ist nun Ausgangs- und Zielpunkt jeglichen menschlichen und gesellschaftlichen Handelns; die Unterstellung eines aktiven Bewusstseins, um zu erkennen, was Vernunft oder Unvernunft, Recht oder Unrecht, Normal oder Unnormal... ist, leitet die Entwicklung zunehmender Disziplinierung ein. Diese Konstruktion erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance, wenn bsp pauschal behauptet wird, dass trotz Millionen fehlender Arbeitsplätze jeder Arbeit fände, der auch wirklich will und dass wer keine findet, auch nicht wirklich arbeiten will... Wieder werden individuelle Freiheiten konstruiert und dem Individuum untergeschoben, um es stigmatisieren, einschüchtern, zwingen und bestrafen, sowie die sozialstaatlichen Rechtsansprüche einschränken zu können... Solche Setzungen sind für das Hilfeverständnis Sozialer Arbeit konstitutiv. Ihre Bedeutung soll im Folgenden dargelegt werden. Ich halte es für unerlässlich, auch in diesem Teil einige Repräsentanten der Philosophie, Pädagogik, Soziologie... in ihrem Wirken zu skizzieren, um den theoretischen Überbau besser zu verstehen, vor dem unser Arbeitsfeld entstanden ist und sich stetig ändert. Die zuvor allein Gott vorbehaltene Legitimation, menschliches Verhalten zu steuern, zu bewerten, zu verändern zu richten monopolisierte in zunehmenden Maße der Staat. Er setzte kontrollierende und helfende Instanzen ein, um staatstragendes Verhalten seiner Mitglieder sicherzustellen und sie den kapitalistischen Verwertungsinteressen zuzuführen:

„Auch aus der französischen Revolution folgten gleichzeitig eine intensivere Kontrolle durch den Staat und eine breitere Marktgesellschaft. Beide 'Befreiungen' bedeuteten allgemein Vereinzelung: konkurrierende Bürger und einzelne sich auf dem Arbeitsmarkt verkaufende Arbeitskräfte, wobei jeder Einzelne als Staatsbürger der Kontrolle des Staates und als Unternehmer oder Arbeiter der Kontrolle der Smithschen 'unsichtbaren Hand' (Marktgesetzen) unterlag. (...) Die bisherige Ständeordnung behinderte die Industrialisierung. Handwerker und Bauern lassen sich nicht widerstandslos in die neue Arbeitsordnung integrieren. Deshalb muss die Gesellschaft von oben neu aufgeteilt werden; ohne die Schranken bisheriger Traditionen ist sie dann reduziert auf bloßes Material der Macht" (Dreßen 1982: 250,92).

Verstaatlichung sozialer Hilfen:

Während die Kirchen weiterhin das Sammeln der Spenden übernahmen wurde die Organisation der Hilfe -trotz Widerstand der Kirchen und Klöster- seit Beginn des 16.Jh. zunehmend in öffentliche Hände übergeben. Damit beginnt auch der Siegeszuges der Bedürftigkeitsprüfung. Nachdem das öffentliche Betteln verboten war, mussten sich Bettler staatlich anerkennen lassen und später -für alle sichtbar- mit einem Bettelorden rumlaufen. Die Anerkennung erhielt nur, wer seine Würdigkeit unter Beweis stellte. Auch damals wurde ‚unwürdig' weitestgehend mit ‚arbeitsscheu' gleichgesetzt und jedem attestiert, der nicht bereit war, ‚freiwillig' unter unwürdigen Bedingungen zu arbeiten; zudem wurde die Hilfe nun nur noch ‚Einheimischen' gewährt. Da den ‚Würdigen' nun vermeintlich geholfen war und die nicht autorisierten ‚arbeitsscheuen' Bettler nun identifiziert waren, konnten letztere gezielt bestraft werden oder -wie heute gelegentlich auch in Hamburg- am Stadtrand oder im Freihafen ausgesetzt. Zur allgemeinen Abschreckung wurden auch Haare abgeschnitten oder Bettler öffentlich ausgepeitscht... Ab dem 16.Jh. wurden die Menschen auch zur Arbeit in den, staatlichen Manufakturen angegliederten Zucht- und Arbeitshäuser gezwungen bzw. gesperrt. In diesen totalen Institutionen war den eingesperrten Armen der Kontakt nach Innen und Außen verboten. Nachdem sie zur Begrüßung von den Anderen verhauen waren; so den ‚alten' ein seelischer Ausgleich ermöglicht und die Unterwerfung der ‚neuen' gesichert war, mussten sie dort unter der allgegenwärtigen Angst vor körperlichen Strafen, vorwiegend in Steinbruch, Bergwerk, Tretmühlen oder der Textilindustrie arbeiten:

„Erst mit der Manufakturperiode entstand ein solcher Hunger nach Arbeitskräften, dass Todesstrafen und Verstümmelungen (von arbeitsfähigen Menschen) als unproduktiv angesehen werden konnten" (Dreßen 1982: 50).





Bild aus sachßsche mit Tretmühle

Armut war nun ein Zeichen des freien ‚(Wider-) Willen', eine Missachtung der christlichen Pflicht, stetig zu arbeiten und Demut vor Gott zu zelebrieren. Kapitalistische Interessen wurden hinter moralischen Begründungen versteckt und Armut als Bedrohung der staatlichen Ordnung definiert und verfolgt. Der Arbeitszwang wurde im Interesse der Armen begründet, sollen doch auch sie im Jenseits belohnt werden; heute wird als Argument vorgeschoben, Arbeit hätte auch unabhängig von der Bezahlung einen Wert an sich, den man auch armen Menschen nicht vorenthalten möchte; wenn heute jemand gezwungen wird, für 1€/Stunde (zusätzlich zur Sozialhilfe) zu arbeiten, wird dies auch wieder in seinem Interesse begründet: man will helfen, Selbstbewusstsein zu steigern, Arbeitstugenden zu rekultivieren und eine Chance zur Rückkehr in den 1. Arbeitsmarkt zu erhalten... Mittels langer Arbeitstage von 15 Stunden, Schlafentzug und Vereinzelung wurde in den damaligen Zucht- und Arbeitshäusern die Wahrnehmung gesteuert und falsche, sich vom Glauben abwendende Gedanken, verhindert. In den Zuchthäusern zeigte sich in aller Deutlichkeit der Anspruch des absolutistischen Staates, Zugriff auf die gesamte Persönlichkeit seiner Untertanen haben zu wollen. Anfang 19.Jh. übernahm der preußische Staat die Regulierung des Armutsproblems und erhob erstmals eine Armensteuer, die das Almosengeben endgültig ablöste. Das sog ‚Elberfelder System' von 1852 trug schon Grundstrukturen heutiger Hilfe. Wichtiger Bestandteil dieses Systems war die aufsuche Sozialarbeit; die vor Ort die Bedürftigkeitsprüfung vornahm, die Menschen nach Würdigkeit selektierte und der Textilindustrie per Arbeitszwang billige Arbeitskräfte vermittelte. Die ehrenamtliche Sozialarbeit wurde erstmals ????? mit dem ‚Straßburger System' um bezahlte professionelle Mitarbeiter ergänzt, die jeweils 300 untergeordnete ehrenamtliche koordinierten. Als zentrale Elemente etablierten sich:

1. aufsuchende Sozialarbeit

2. Geburts- oder Wohnortprinzip

3. Zwang zur Arbeit in ‚kommunalen Beschäftigungsträgern'

4. Bedürftigkeits-, Würdigkeitsprüfung und uneinheitliche Hilfe je nach Grad der Zusammenarbeitsbereitschaft

Staatliche Strafen dokumentieren seither ein symbiotisches Dreiecksverhältnis zwischen Steuerzahlern, Hilfeempfängern und Staat: Die Steuerzahler wollen sozialen Frieden, jedoch nicht, dass es den Armen gut geht; öffentliche Strafen der Hilfeempfänger müssen den Steuerzahler deswegen beruhigen, damit er weiter zahlt; zahlt er nicht, droht sozialer Unfrieden und der Staat kann sein Schutzversprechen gegenüber dem Steuerzahler nicht mehr einlösen; dann will dieser gar nichts mehr zahlen und den Schutz in die eigenen Hände nehmen, dies kollidiert mit dem staatlichen Gewaltmonopol... Zwischen allen Stühlen sitzt der Sozialarbeiter, der seinen Job verliert, sowie auch nur eine Seite des Dreiecks wegfällt... Der Wunsch einer sich diffus konstituierenden und artikulierenden ‚Volksgemeinschaft' nach Genugtuung, also der Bestrafung der Hilfeempfänger, gewinnt heute wieder einen stetig steigenden Einfluss auf staatliches Handeln und ist zugleich genau dessen Ergebnis...

Mit dem Aufkommen von medizinischer und hygienischer Versorgung, wurden im Laufe der Industrialisierung, Demut und Fleiß um Sauberkeit und Ordnung ergänzt; Vernachlässigung der Gesundheit wurde als neuer Angriff auf das ‚Volkswohl' interpretiert und zum Kriterium für Selektion und Zwang erhoben. Weil die individuelle Arbeitskraft eine Ressource der ‚Volksgemeinschaft' sei, hätte diese nicht nur Zugriffsrechte, sondern auch den Anspruch, dass der Einzelne seine Gesundheit pflegt: An verschiedenen Stellen berichtet Dreßen (1982: 107,310,312,114) über die Hamburger Armenanstalt; einzelne Fragmente will ich zusammenfügen, um einen Eindruck über Soziale Arbeit im 18.Jh. zu vermitteln:

„Die Hamburger ‚Armenanstalt' wird zu einem bis in das 19.Jh. weiterwirkenden Vorbild. Die Mitglieder des Hamburger ‚Armencollegiums' werden von den besitzenden Bürgern gewählt und aus ihrem Kreis gestellt. Stadt und Land werden unterteilt, die ganze Stadt in ‚fünf Haupt-Armenbezirke, und jedes derselben in zwölf Armen-Quartiere.' Die Armenpfleger versuchen, ‚möglichst genaue Nachricht'... über die jeweiligen Ursachen der Armut zu ermitteln. Die hierzu gemachten Besuche bezwecken gleichzeitig eine Erziehung der Armen. Zu achten ist hierbei auf, ‚Arbeit, Sparsamkeit, Ordnung und Reinlichkeit'. Die Pfleger sollen den ‚Arbeitsfähigen und -willigen Arbeit verschaffen' oder sie zumindest unterstützen. Drei Personengruppen werden unterschieden:

1. Arme:   ‚Sie können sich durch Arbeit ‚nur die tägliche Nothdurft verschaffen.'
2. Hilfsbedürftige: ‚Obwohl sie sich bemühen, können sie sich durch Arbeit auch das Nötigste nicht verschaffen.'
3. Bettler:   ‚Sie wollen nicht arbeiten.`

Die Armut der ersten Kategorie soll nicht beseitigt werden. Das Armencollegium: ‚An einer blühenden Stadt müssen viele Arme sein', die allerdings dann auch ständig überwacht werden müssen, damit sie schließlich nicht als Bettler die Ordnung gefährden. Sie wird gesichert, wenn aus der nicht arbeitenden Armenbevölkerung eine Schicht arbeitswilliger und überwachter Lohnabhängiger erzogen worden ist, die sich die ‚tägliche Nothdurft verschaffen' kann. Die Erziehung wird gestützt durch eine nicht zu hohe Entlohnung und andererseits durch eine möglichst geringe Armenunterstützung, denn ‚die Furcht vor Mangel ist der einzige Antrieb zu ernsthafter Arbeit unter den unteren Volklassen'. Wenn diese Furcht schwindet, durch zu hohe Unterstützung, zu hohen Lohn oder die Möglichkeit, sich durch Betteln oder Illegalität zu ernähren, wird der Fleiß, ‚die Industrie', darunter leiden. Bloße Besuche reichen nicht aus, Kriterien für die Zugehörigkeit der Armen zu den drei Kategorien zu entwickeln. Zu viele Arme stellen sich krank oder behaupten nur, sie fänden keine Arbeit. Die jeweiligen ‚Hauswirte oder Nachbarn sollen deshalb befragt werden.' In bestimmten Abständen werden die Unterstützten zu einem Verhör bestellt, bei dem sie einen Fragenkatalog beantworten müssen. Geachtet wird darauf, das nur jeweils einzelne Arme, nicht etwa mehrere Arme zugleich, verhört werden. Allerdings, ‚darüber, ob der Arme gesund und zu arbeiten im Stande sei, kann nicht die eigene Angabe des Armen, sondern nur das Zeugnis des Arztes und Wundarztes entscheiden.'"

Der sich hier festigende Zusammenhang von Armut, Kontrolle und Strafe hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Die Abschreckung durch Repression richtet sich zu gleichen Teilen auch an die Öffentlichkeit: Der einzelne Hilfeempfänger soll nicht nur sein Verhalten ändern, sondern die Steuerzahler sollen sich auch wieder beruhigt in ihren Logen zurücklehnen können und sich an der Bestrafung des Sündenbocks ergötzen. Will man die sozialpolitischen Debatten -gestern wie heute- verstehen, muss immer das hier skizzierte symbiotische Verhältnis zwischen Staat, Steuerzahler und Hilfeempfänger bedacht werden.

[Bearbeiten] Pädagogik:

Mit der Aufklärung war der Mensch auf seine eigene Beine gestellt; frei verantwortlich und haftbar für sein Handeln, ohnmächtig seinem eigenen schlechten Gewissens und der Angst vor Gott ausgeliefert. Die Protagonisten der Aufklärung haben nie die ‚wilde wolfsartige Natur' des Menschen bestritten, eher im Gegenteil. Von der Vision, diese Natur zu zerstören getrieben, begann sich die Pädagogik zu konstituieren. Als ‚schwarze Pädagogik' bezeichnet, ging es ihr um eine Art von ‚Gehirnwäsche' zur Zerstörung von Individualität und individuellen Bedürfnissen; also all jenem, was der Natur des Menschen zugeschrieben wurde. Diese Natur musste besiegt werden, störte sie doch die Vision von Vernunft, Moderne und Zivilisation. Eine Entwicklung setzte ein, welche die tiefenpsychologische Therapien nordamerikanischer Prägung noch heute durch Heilung der psychologischen Symptome abzusichern versuchen; die neuen Umerziehungslager für minderjährige auffällige Menschen in den USA, sog. ‚bootcamps' knüpfen -ganz i.d.S.- an Zielsetzung und Methodik der Zuchthäusern des 18.Jh. an. Der Zwang zum staatskonformen Handeln sollte -gestern wie heute- von außen (Gott und Staat) in das Innerste des Menschen selbst verlegt werden,

  • da Fremdzwänge nicht mehr ausreichten, die Soziale Ungleichheit zu regulieren und 'Abweichungen' zu reglementieren',
  • da Fremdzwänge nur wirken, wenn 'Abweichungen' bekannt werden,
  • da Strafe nur wirkt wenn der Richter vor Ort ist,
  • da Fremdzwänge zum Ausweichen anregen.

Der Selbstzwang ist besonders subtil, weil er keines strafenden Gegenübers mehr bedarf und man keine Chance hat, sich ihm zu entziehen. Die Pädagogik konnte sich nun als zentraler Akteur staatlicher Machpolitik emanzipieren; sie sollte die Verankerung staatlicher Interessen im einzelnen Menschen mittels Erziehung bzw. Sozialisation sicherstellen. Die Fähigkeit zur Erziehung also zur Verinnerlichung (Internalisierung) von Fremd- als Selbstzwänge war schon gesetzt; man könnte auch sagen, die Programmierbarkeit des Menschen war festgestellt. Der Mensch gilt von Natur aus nun als beeinflussbares Wesen, dass mit der Geburt noch unfertig und lebensuntüchtig ist. Es ist auf zwischenmenschliche Interaktion angewiesen. Die Sozialisationsinstanzen (zunächst die Eltern) können sich darauf verlassen, dass ihr Kind empfänglich ist, für alles, was ihm -mittels positiver und negativer Sanktionen- beigebracht wird. Da das Kind nicht prüfen kann, was ihm als Realität verkauft wird, hat er keine andere Wahl, als die ‚Leitkultur' seines sozialen Umfeldes zu übernehmen. Die Hilflosigkeit des Kindes konnten sich die ‚schwarzen Pädagogen' zu Nutze machen, indem sie die Lebenswelt nach Belieben manipulierten, so dass in den Kindern das (schlechte) Gewissen reifen konnte:

„Wo anders als in der Quelle aller Staatskunst, ich meyne, in der Erziehung wird die erste und schönste aller Polizeianstalten zu suchen sein? ... Die Erziehung (ist) das souveränste Mittel, allen Menschen die Gesinnungen, die Begriffe, die Talente, die Tugenden beizubringen, ja zur anderen Natur zu machen, welche ihnen nötig und dem Staate nützlich sind."<ref>Grundsätze der Universal-Cameral-Wissenschaft 1783: 97; zit. in: Dreßen 1982: 65.</ref>





[Bearbeiten] Als Repräsentanten des neuen Erziehungsgedanken sollen Rousseau, Pestalozzi und Kant hervorgehoben werden:
[Bearbeiten] Jean-Jacques Rousseau: (1712-1778)

Wenn Rousseau kritisiert, dass ‚der Mensch frei geboren (sei) und überall in Ketten liegt' - dann bezieht er sich allein auf äußere Zwänge, die den Menschen daran hindern, sein Recht auf unveräußerliche natürliche Freiheit umzusetzen. Innerpsychische, selbstdiziplinierende Selbstzwänge als Ziel autoritärer Erziehung hingegen sind sogar noch zu verstärken; sie würden i.S. Rousseaus jedoch nicht die Freiheit des Menschen einschränken; sie seien ganz im Gegenteil ein Ausdruck hoher persönlicher Freiheit und Autonomie. Sein Gesellschaftsvertrag zur Sicherung der freien Entfaltung der Menschen bezieht sich folgerichtig nur auf die äußeren Zwänge: In freier Übereinkunft des Volkes, müssten in dem Vertrag die individuellen Interessen aller Gesellschaftsmitglieder im Gemeinwillen verschmelzen. Der Staat repräsentiert und schützt diesen Gemeinwillen; die Individuen müssen sich ihm unterordnen. Dabei müssen sie graduelle Nachteile derart in Kauf nehmen, dass ihr Streben nach freier Entfaltung nicht die Freiheit anderer einschränkt. Die Folgschaft soll dann weniger durch externen Zwang, als vielmehr durch den (nicht minder grausamen) Selbstzwang gesichert werden.

„Der Eigenwille des einzelnen wird in der Erziehung gebrochen. ‚Jeder, der dem Allgemeinwillen den Gehorsam verweigert, soll von (seinem) ganzen Körper zum Gehorsam gezwungen werden; dass hat keine andere Bedeutung, als dass man ihn zwingen wird frei zu sein.'" Seine Freiheit wird durch die Allgemeinheit gesichert - wenn er sich jedoch nicht einordnet, kann er auch nicht frei sein. Wer seine ‚Freiheit' nicht zu schätzen weiß, muss letztendlich dann doch wieder mit den alten Repressalien rechnen Verbannung - Todessstrafe, Gefängnisse. „Wer den Mut besitzt, einem Volk ein Gesetzeswerk zu geben, muss sich imstande fühlen,, gleichsam die menschliche Natur umzuwandeln... er muss dem Menschen die ihm eigentümlichen Kräfte nehmen, um ihn mit anderen auszustatten, die seiner Natur fremd sind." Erziehung kann nur erfolgreich sein, wenn man die kindlichen Wesensart genau studiert, erst die Kenntnis ihrer Instinkte, Reflexe, Reaktionen, Erfahrungen sichert deren Manipulation. Durch Gestaltung der Umwelt des Kindes emanzipiert sich der Pädagoge zum gottähnlichen Gestalter der subjektiv erfahrbaren Welt des Kindes.<ref>Rousseaus Gesellschaftsvertrag; zit. in: Dreßen 1982: 130,132.</ref>

Seine pädagogischen Vorstellungen verdeutlicht Rousseau in seinem Erziehungsroman Émile; Dreßen skizziert diese unter Verwendung von Originalzitaten wie folgt:<ref>Rousseaus Émile; zit. in: Dreßen 1982: 134f.</ref>

„Der Pädagoge ‚soll keine Vorschriften geben, er soll bewirken, dass sie gefunden werden.' Solche indirekte Lenkung bedarf dauernder Aufsicht. (...) Der Pädagoge und das Kind sind allein aufeinander bezogen. Émile kennt keine anderen Kinder (...) der Pädagoge kümmert sich allein um die Erziehung des Kindes. Die Beobachtung beginnt schon kurz nach der Geburt. Der Pädagoge ‚wacht über den Zögling, er beobachtet ihn, lauert voller Spannung auf den ersten Schimmer seines schwachen Begriffsvermögens.' Gerade der Beginn der Empfindungen muss bereits gelenkt werden. Sie sind das ‚Rohmaterial der Erkenntnis' (...) Dann wird der Zögling über seine Empfindungen, ohne direkten Zwang, eingereiht in die ‚Ordnung der Dinge'. (...) Wie der Gesetzgeber muss auch der Pädagoge Widersprüche verhindern, die aus direktem Zwang entstehen können. Statt dessen versteckt sich der Erzieher hinter der ‚Ordnung der Dinge': ‚Nur durch die Macht der Dinge macht man (das Kind) sanft und gefügig.' Wenn dies allerdings nicht gelingt, dann soll der Pädagoge selbst zur Notwendigkeit werden. Er verbietet ohne Begründung, ein ‚Nein muss wie eine eherne Mauer sein.' Wenn auch dagegen Widerstand geleistet wird, dann behandelt der Pädagoge ‚ein aufsässiges Kind wie ein krankes Kind'. Das ist folgerichtig: Denn das Kind hat die Notwendigkeit nicht verstanden, es verhält sich unnatürlich und muss von solchem Wahnsinn geheilt werden. (...) Die Strafe erscheint als Notwendigkeit, die gerade aus der Freiheit des Kindes folgt (...) ‚es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. (...) ‚Die Notwendigkeit kann der Erzieher nur produzieren, wenn das Kind isoliert ist.' (...) ‚Damit Erziehung selber als Notwendigkeit erscheint, muss die Strafe unsichtbar gemacht werden. Dem Kind soll ‚niemals die Strafe als Strafe' auferlegt werden, sie muss ihm ‚vielmehr jedes Mal als natürliche Folge seiner unrechten Handlung begegnen.'"

Nun ist die Unterordnung des Kindes, das keine Chance hat, die Regeln des ihn umschließenden Mikrokosmos zu hinterfragen zur Natur erklärt; die Bedeutung von Natur ist damit quasi auf den Kopf gestellt. Wie im MA soll Strafe im wahrsten Sinne des Wortes, wie ein Blitz aus heiterem Himmel empfunden werden. Sie soll nicht dem bösen Wille eines Dritten (der Eltern) zugerechnet, sondern als Folge der eigenen, freien, aber falschen Entscheidung erlebt werden. Die Kinder sollen als Reaktion nicht böse auf die Eltern sein, sondern auf sich selbst; die Eltern sollen -ganz im Gegenteil hinterher noch viel mehr geliebt werden, weil sie ihren Kindern scheinbar unschuldig, dann heuchlerisch Hilfe anbieten.

Die absolute Kontrolle über die Lebenswelt des Kindes lässt den subjektiven Ausschnitt der Welt dem Kind als objektiven erscheinen; angesichts fehlender alternativer und freundlicher Sozialkontakte scheint Züchtigung die einzige Form zwischenmenschlicher Interaktion; da sie ‚normal' erscheint, kann sie nicht als Bosheit dem Pädagogen angelastet werden. Kittstein (1992: 372ff) äußert sich bzgl. Lockes Erziehungsvorstellungen u.a. wie folgt:

„Erziehung wird zum Machtkampf zwischen dem triebbestimmten Willen des Kindes und dem Willen der Eltern, ein Machtkampf allerdings, der sich rationalen Regeln fügen soll. (...) Diese Anfänge der Erziehung treffen aber auf kleine Personen, deren Triebausstattung in einem nicht zu unterschätzenden Verlangen nach Macht und Herrschaft besteht; Eigentum und Besitz, dazu Herrschsucht über andere Menschen sind die offenkundigen Inhalte ihrer Begierden. Eben diese Leidenschaften... müssen ausgejätet und durch ‚entgegengesetzte Gewohnheiten' ersetzt werden... Schmerz und körperliche Züchtigung muss ersetzt werden durch die Furcht vor dem Missfallen der Eltern, durch die Angst vor ihrer Abneigung"; ggf. sei Eigensinn für Locke dann aber doch ein Grund, Kinder zu schlagen.

Als zweiter große Pädagoge der Aufklärung ist Johann Heinrich Pestalozzi?????? zu benennen, der sich weniger auf die Elementarerziehung, sondern vielmehr auf schulische Erziehung -besonders armer Kinder- konzentriert:

„In den Schulen sollte die Anerkennung des Staates anerzogen werden. Und ebenso die vom Arbeitsmarkt geforderte Leistungsmoral (und Arbeitstugend) zum Ziel der Pädagogik gemacht" (Dreßen 1982:254) werden. Zentraler Kern ist auch hier die umfassende Kontrolle und Steuerung des Kindes in Familie und Erziehungsanstalt: „Jede gute Menschenerziehung fordert, dass das Mutterauge in der Wohnstube täglich und stündlich jede Veränderung des Seelenzustandes ihres Kindes mit Sicherheit in seinem Auge, auf seinem Munde und seiner Stirn lese."<ref>Pestalozzis Briefe 1799; zit. in: Dreßen 1982: 255.</ref>

Dreßen skizziert das Erziehungskonzept Pestalozzis unter Verwendung von Originalzitaten wie folgt:<ref>Pestalozzis Briefe 1799; Pestalozzis Ansichten über Industrie, Erziehung und Politik 1807f; Pestalozzis Ansichten über die Gegenstände, auf welche die Gesetzgebung Helvetiens ihr Augenmerk vorzüglich zu richten hat 1802; zit. in: Dreßen 1982: 256f.</ref>

„Neben der nicht aufhörenden Beobachtung gehört hierzu auch die zunächst notwendige Brechung des Eigenwillens. Über die Methodik schreibt Pestalozzi 1799: ‚Ich forderte unter anderem zum Scherz, dass sie während dem Nachsprechen dessen, was ich vorsagte, ihr Aug auf den großen Finger halten sollten. Es ist unglaublich, was die Festhaltung solcher Kleinigkeiten dem Erzieher für Fundamente zu großen Zwecken gibt. Ein verwildertes Mädchen, das sich angewöhnt, stundenlang Leib und Kopf gerade zu tragen und die Augen nicht herumschweifen zu lassen, erhält bloß dadurch schon einen Fortschritt zur sittlichen Bildung, die ohne Erfahrung niemand glauben würde.' (...) Als spezifisch für Pestalozzis Erziehung galt das ständige Zusammensein von Pädagoge und Zöglingen. Man erhoffte sich, auf diese Weise, trotz körperlicher Strafen, eine Beziehung zwischen dem Lehrer und seinen Schülern zu produzieren, die keinen Widerstand mehr aufkommen ließ. Der Pädagoge versuchte, innerhalb dieser künstlichen Familie, eine Beziehung zu sich aufkommen zu lassen, die er dann wiederum gegen die Kinder einsetzen konnte. Dieses Liebes-Machtverhältnis wird deutlich, wenn Pestalozzi über die Folgen seiner Strafen schreibt: ‚...keine meiner Strafen erregte Starrsinn; ach, sie freuten sich, wenn ich ihnen einen Augenblick darauf die Hand bot, und sie wieder küsste. Wonnevoll zeigten sie mir, dass sie zufrieden, und über meine Ohrfeigen froh waren.' (Der Pädagoge sichert sich seinen disziplinierenden Einfluss durch die absolute Abhängigkeit und Angst der Kinder vor völliger Isolation. Ordnung wird in den Anstalten Pestalozzis für Armenkinder vor allem auch durch Arbeit erreicht:) ‚Die beständige Arbeit, zu welcher der Knabe gewöhnt wird, hält ihn von allen Lastern beinahe gänzlich ab, die Müßiggang und Überlassung ihrer selbst sonst gewöhnlich bei den Kindern erzeugen.' (...) Diese Prinzipien dehnt Pestalozzi auf eine allgemeine Regulierung aus. Mittel hierzu sind ihm einerseits innere Industrialisierung (‚Realerhöhung der industriösen Kräfte des Volkes selber'), andererseits äußere Industrialisierung (Förderung der ‚Natur und Beschaffenheit der industriösen Branchen'). (...) Entscheidendes Kriterium für die Gesetzgebung wird dann, so Pestalozzi 1802, die Industrialisierung. Alles, was ihr dient, soll gefördert, ‚allen... entgegenstehenden Umständen und Gewohnheiten (soll) Spielraum und Reiz benommen' werden."

Für Immanuel Kant (1724-1804) ist der Mensch nicht mehr das triebgesteuerte wilde Wesen, das es unentwegt zu bändigen gilt; durch die Bändigung hat er sich von der ‚selbstverschuldeten Unmündigkeit' emanzipiert. Menschsein wird nun gleichgesetzt mit rationalem, vernünftigen und zweckbestimmten Handeln. Während die Ziele des vernünftigen Handelns jeweils staatlicherseits festgelegt werden, haben Erzieher allein die Aufgabe, die Bereitschaft ihrer Zöglinge zur Anpassung herzustellen. Auch für Kant ist dabei die Selbststeuerung über das Gewissen das zentrale Moment. Unmündigkeit gelte als das Unvermögen, seinen Verstand ohne Leitung eines anderen nutzen; Mündigkeit bedeutet, zunächst unter Anleitung des Pädagogen ein Gewissen aufzubauen, das anschließend allein die Steuerung vernünftigen Verhaltens übernimmt. Die Fremdzwänge erfahren durch die Internalisierung als Selbstzwänge/Gewissen zwar keine inhaltliche Veränderung, sie sind allein subtiler und allgegenwärtig. Erziehung ist dann erfolgreich, der Mensch frei, wenn er sich aus Angst vor dem eigenen Gewissen der staatlichen Autorität genau so widerspruchslos unterwirft, wie zuvor der göttlichen. Freiheit i.S. der Aufklärung ist also in keiner Weise mit emanzipierten, selbstreflektierten, selbstbewussten, autonomen Handeln vergleichbar, welches moderne Erziehungskonzepte als Leitziele formulieren...

Norbert Elias (1897-1990) hat in seinem beachtenswerten Hauptwerk ‚Über den Prozess der Zivilisation' die gesellschaftliche Entwicklung seit dem MA rekonstruiert. Seine Leitfragen lauten:

„wie sich Verhalten und Affekthaushalt der abendländischen Menschen vom MA her langsam wandelte (zivilisierte)" (1990: LXXII)

Wie konnte aus „jener reichlich dezentralisierten Gesellschaft des frühen MAs, in der viele größere und kleinere Krieger die wahren Herren der abendländischen Gebiete sind, eine jener im Inneren mehr oder weniger befriedeten, nach außen gerüsteten Gesellschaften (entstehen), die wir 'Staat' nennen?" (1990: LXXVIf)

Besondere Beachtung finden in seinen Ausführungen

1. die Monopolisierung staatlicher Macht oberhalb der unzähligen zuvor konkurrierenden Fürstentümer und

2. die Ausbildung von individueller Selbstkontrolle zum Nutzen der Allgemeinheit.

Seine Interpretationen greifen einige der bisherigen Ausführungen wieder auf:

Den Erfolg menschlicher Zivilisation und Sozialisation sieht er darin, dass sich: „Fremdzwänge in Selbstzwänge verwandeln, wie in immer differenzierterer Form menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden, wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle (gesteuert wird). (...) Neben der bewussten Selbstkontrolle (wurde) zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur verfestigt, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße gegen das gesellschaftsübliche Verhalten zu verhindern sucht..." (Elias 1990II: 313, 317).

Die rasch wachsende Arbeitsteilung erhöht die Interdependenzen zwischen den Menschen und Institutionen. Ein ständig wachsendes Maß an Affektregulierung wird erforderlich. Das heißt, dass das Verhalten von immer mehr Menschen aufeinander abgestimmt werden muss, sie sich entgegen ihrer Natur den funktionalen Erfordernissen der Ökonomie unterzuordnen haben und sich zum Wohle wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung friedlich zu allen verhalten sollen, zu denen sie eigentlich in Konkurrenz stehen. Die Selbstkontrollapparatur der Menschen, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatte, soll nun -zeitlich komprimiert- jedem Menschen im Rahmen der Sozialisation vermittelt und ihm abverlangt werden; v.a. im Kindes- und Jugendalter sollen die gesellschaftlichen Zwänge per Erziehung in Selbstkontrolle überführt werden. Die innerpsychische Kontrolle solle das Gewissen, ein ‚Über-Ich' ausüben, das sich nur wenig von Freuds Vorstellungen eines ‚Über-Ich' unterscheidet:

„Der Einzelne wird bereits von der frühesten Jugend an auf jene beständige Zurückhaltung und Langsicht abgestimmt, die er für die Erwachsenenfunktionen braucht; diese Zurückhaltung, diese Regelung seines Verhaltens und seines Triebhaushalts wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standards, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe i.S. der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine ‚Vernunft', ein differenzierteres und stabileres ‚Über-Ich' herausbildet und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt. (...) Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen. Die friedlicheren Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches ‚Über-Ich', das beständig seine Affekte i.S. des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder zu unterdrücken trachtet. Aber die Triebe, die leidenschaftlichen Affekte, die jetzt nicht mehr unmittelbar in den Beziehungen zwischen den Menschen zum Vorschein kommen dürfen, kämpfen nun oft genug nicht weniger heftig in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil seines Selbst. Und nicht immer findet dieses halb automatische Ringen des Menschen mit sich selbst eine glückliche Lösung; nicht immer führt die Selbstumformung, die das Leben in dieser Gesellschaft erfordert, zu einem neuen Gleichgewicht des Triebhaushalts. (...) Niemals gelangt der Heranwachsende zu einer Regelung seines Verhaltens ohne die Erzeugung von Angst durch andere Menschen. Ohne den Hebel solcher von Menschen erzeugten Ängste wird aus dem jungen Menschentiere nie ein erwachsenes Wesen, das den Namen eines Menschen verdient. (...) Durch Ängste wird die bildsame Seele des Kindes so bearbeitet, dass es sich beim Heranwachsen allmählich selbst i.S. des jeweiligen Standards zu verhalten vermag, ob sie nun durch direkte körperliche Gewalt hervorgerufen werden oder durch Versagungen, durch Beschränkung von Nahrung und Lust. Und menschengeschaffene Ängste halten schließlich von innen oder von außen auch noch den Erwachsenen in Bann. (...) Die Angst des Menschen vor sich selbst, vor der Überwältigung durch die eigenen Triebe, sie alle werden in den Menschen direkt oder indirekt durch andere Menschen hervorgerufen... Keine Gesellschaft kann bestehen ohne eine Kanalisierung der individuellen Triebe und Affekte, ohne eine ganz bestimmte Regelung des individuellen Verhaltens. Keine solche Regelung ist möglich, ohne dass die Menschen aufeinander Zwang ausüben und jeder Zwang setzt sich bei dem Gezwungenen in Angst der einen oder anderen Art um." (Elias 1990II: 329ff, 447).

Sozialisation wird auch heute noch weitestgehend als einseitiger Prozess der Anpassung an die bestehenden Normen gesehen. Bedenken wir, dass benachteiligte Menschen/unsere Klienten i.d.R. nicht zu den Teilen der Gesellschaft gehören, die Normen setzen, sie jedoch in besonderem Maße an den Normen gemessen/ vor ihnen gerichtet werden, dann symbolisiert die Einseitigkeit des Anpassungsprozesses Macht und Herrschaft. In der Rolle der sekundären bzw. tertiären Sozialisationsinstanz ist die Sozialpädagogik ein entscheidender Akteur in der Vermittlung dieser Normen; im Fall von Normenverletzungen wird ihr zudem zugeschoben, das als ‚abweichend' klassifizierte Verhalten zu korrigieren. Erfolgreiche Erziehung wird nur selten in der politischen Partizipation, der Beteiligung der Normensetzung und -sicherung bzw. der Emanzipation von Rollenzuschreibung gesehen, sondern eben v.a. im widerspruchslosen Befolgen vorgegebener Regeln gesehen. Als Motivation für normenkonformes Verhalten sollen vordergründig die internalisierten Normen stehen, im Hintergrund weiter aber auch die Angst vor sozialer Kontrolle und Ausschluss.





Über die Funktionsweise der Selbstkontrolle, ihre große Wirksamkeit, sowie ihre Entstehung im historischen und auch lebensbiographischen Verlauf, besteht in Pädagogik, Psychologie und Soziologe weitestgehend Einigkeit. Die moralische Bewertung der Selbstkontrolle, könnte jedoch verschiedener kaum sein; Elias zusammenfassend positive Bewertung des Zivilisationsprozesses ist im theoretischen Diskurs umstritten. Die Interpretation, die Monopolisierung von staatlicher Macht und die erstarkende Selbst- und Affektkontrolle der letzten Jahrhunderte hätte das Zusammenleben der Menschen zivilisiert, ist nach dem Faschismus nur schwer zu begründen.

Wenn Sartre (1905-1980) davon spricht, dass die Menschen im Zuge der Aufklärung ‚zur Freiheit verurteilt' wurden benennt er das Hauptproblem für die Bewertung dieser Phase geschichtlicher Entwicklung: Die einzelnen Menschen haben keinen Gewinn aus ihrer Freiheit ziehen können. Sie habe ihre Abhängigkeit von Gott allein eingetauscht gegen eine vom Staat, ohne dass sich die Intensität ihrer Reglementierung reduziert oder ihre Autonomie zugenommen hat. Da in dem Maße, wie zunehmend die Individuen anstelle von Gott die Verantwortung für ihre Positionierung übernehmen mussten, die Schutzpflichten der Feudalherren und die Almosen wegbrachen, hat sich hingegen die Lebenslage materiell wesentlich verschlechtert. Foucault (1926-1984) bezieht seine kritische Betrachtung der erklärten Freiheit besonders auf den Aspekt der Stigmatisierung, Ausgrenzung, Disziplinierung und Inhaftierung. Freud (1856-1939) hat mit seiner Systematisierung der Beziehung von Ich, Über-Ich und Es ermöglicht, die innerpsychischen Abläufe der Selbstkontrolle bzw. des Selbstkontrollapparates nachzuvollziehen. Seine Psychoanalyse -weitestgehend als Behandlungskonzept missverstanden- hat als Forschungsinstrument zu Tage gebracht, dass die Unterdrückung eigener Bedürfnisse durch die im Über-Ich internalisierten Fremdzwänge, für diverse psychische Krankheiten verantwortlich ist. Es kostet Energie und lähmt die allgemeine Aktivität der Menschen, wenn Bedürfnisse latent unterdrückt, Ersatzbefriedigungen aber nicht angeboten werden. Während die klassische nordamerikanische Psychoanalyse das Problem widerstreitender Interessen zwischen Individuum und Gesellschaft zu Lasten der Individuen auflösen und sie behandelt, problematisierte Freud die unangemessenen hohen Erwartungen und Reglementierungen der Gesellschaft, die sich stärker den Bedürfnissen der Menschen anpassen sollten. Elias und Freud stehen sich mit ihrer Bewertung des Über-Ichs diametral gegenüber: Ist ein streng funktionierendes Über-Ich entwickelt, ist für Elias die Sozialisation erfolgreich abgeschlossen; für Freud fangen die (psychischen) Probleme dann erst an. Es wird zu überlegen sein, ob Konsum eine Ersatzbefriedigung i.d.S. darstellt, die psychiatrische Auffälligkeiten in der kapitalistischen Gesellschaft verhindert; andersrum formuliert, stellt sich die Frage, ob die Senkung der Konsummöglichkeiten von benachteiligten Menschen mit ihrem Erkrankungsrisiko korrespondiert.

Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903-1969) in „Dialektik der Aufklärung" und Zygmund Bauman in ‚Moderne und der Holocaust' wiederholen die bisherigen Kritikpunkte und stellen dann eine völlig gegenteilige Interpretation von Gesellschaft und Zivilisation heraus: Gerade die Monopolisierung von Macht bei gleichzeitiger Erziehung zum gehorsamen autoritären funktionierenden Charakter bedroht den Frieden: Das Fehlen zwischenmenschlicher Aggression sei ein Zeichen von Anpassung, Folgsamkeit, Kritikunfähigkeit, Unterwürfigkeit, Unreflektiertheit, Emotionslosigkeit und fehlender Empathie und keinesfalls ein Zeichen für Friedlichkeit, Interesse am Mitmenschen, Solidarität, Toleranz... Die Aggression bleiben latent wirksam, richten sich aber solange eher gegen sich selbst, bis ein anderslautender Befehl erteilt wird. Da mit der Affektkontrolle auch die mitmenschlichen Fähigkeiten (Solidarität, Mitgefühl, Mitleid, Empathie...) verkümmern, man nicht gelernt hat Verantwortung zu übernehmen und jeder ja nur eine kleines (jedoch funktionierendes) Rad ist, wurde auch Massenmord machbar... Lautet der Befehl auf Aggression gegen Schwache, Kranke, Ausländer, Juden..., ist mit Verweigerung des Volkes und der aktiv handelnden nicht zu rechnen; das vernunftbezogene funktionalistische Menschenbild hat Auschwitz erst möglich gemacht. Von Reijen (1992: 13ff) fasst die Kritik von Horkheimer und Adorno in vier Punkten zusammen:

1. „Das Individuum wird heute nicht mehr in seinem wirklichen Wert anerkannt. Nicht nur im Faschismus wird deutlich, dass das Individuum entwertet ist: ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles.'

2. Auch im Kapitalismus wird das Individuum den unmenschlichen ökonomischen Wertbestimmungen unterworfen, die es Arbeitern und Kapitalisten als Charaktermasken gleichermaßen verwehren, sich selbst zu verwirklichen. Auch in den Wissenschaften verschwindet das Individuelle hinter der Forderung der universellen Gültigkeit der Gesetze, die in der Wertschätzung statistischer Daten am perfektesten zum Ausdruck gebracht wird.

3. Die Massen sind nicht bestimmt durch Solidarität, sondern durch die bewusstseinsdeformierende Propaganda politischer Systeme, die fortwährend und strukturell das Interesse kleiner Gruppierungen als allgemeines Interesse darstellen und was gemeinhin als kulturell wertvoll dargestellt wird, ist in Wirklichkeit barbarisch.

4. Die Wissenschaften, die schon immer den Anspruch erhoben haben, zu einer Verbesserung der Lebensumstände und der sittlichen Ordnungen einen Beitrag liefern zu können, zeigen immer deutlicher ihren menschenfeindlichen Charakter."

  • Elias zu Ende gedacht, sichert Zivilisation prinzipiell den Frieden und der Holocaust war der Sonderfall, der Ausnahmefall, der Einzelfall, in einer ansonsten stetigen positiven Entwicklung zunehmender Zivilisiertheit. ‚Zivilisation' -im umgangssprachlichen Gebrauch- bewahre im Regelfall vor Barbarei...
  • Für Horkheimer, Adorno und Bauman bietet Zivilisation keinen Schutz vor Barbarei, sondern ist eher eine ihrer Voraussetzungen. Der Holocaust war keine Abweichung von Normalität, sondern deren Ausdruck in besonderer Intensität...

Will man Elias folgen, kann man den Unfall vergessen und optimistisch in die Zukunft sehen; will man ihm nicht folgen, dann muss man Position beziehen, wenn Kohl, Walser, Schäuble u.a. die Rückkehr zur ‚Normalität' verkünden und ‚Ballast der Geschichte über Bord schmeißen' wollen...

Aufgeklärter Absolutismus:Rousseau, Pestalozzi, Kant
Oberste Instanz: Absolute Herrschaft des Staates
Mittel der Regulierung:Vereinzelung, Angst, Zwang, Zucht- und Arbeitshäuser, sowie Pädagogik/
Sozialisation
andere soziale Hilfen: keine relevanten

[Bearbeiten] Bismarck (1815-1898):

Der Beginn des modernen Sozialstaates wird oft in Bismarcks Sozialgesetzgebung 1878ff gesehen; diese Interpretation kann ich nicht teilen: Sicherlich ist es der Übergang von einem passiven ‚liberalen Nachtwächterstaat' zu einem aktiv steuernden Staat. Die bisherige repressive Strategie der Herrschaftssicherung wurde allein punktuell um sozialpolitische Rechtsansprüche ergänzt; solange jedoch die Herrschaftssicherung (gegenüber sich politisierenden Arbeitern) an Stelle individueller Sozialrechte noch im Mittelpunkt steht, ist von ‚Sozialstaat' zu sprechen, nicht legitim.

  • "Die Heilung der sozialen Schäden ist nicht im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen."<ref>Bismarck Sozialgesetze 17.11.1881 in der kaiserlichen Botschaft auf:</ref>
  • "Das politische System war, angesichts der drohenden Krisen, um seine Legitimation einerseits und um Ruhe und Ordnung andererseits besorgt. Beides führte nach und nach zu einer -ideologischen und faktischen Aufwertung der Staatsintervention" (Dettling 1998: 59).
  • "Die Fabriken erziehen uns aber die Masse von Proletariern, von schlecht genährten, durch die Unsicherheit ihrer Existenz dem Staat gefährliche Arbeiter."<ref>??</ref>
  • (...)

Die Geburtsstunde des Sozialstaates sollte bis 1949 verschoben und im GG gefunden werden. Der in der zweiten Hälfte des 19.Jh. sprunghaft steigende Zuwachs der wirtschaftlichen Produktivität führte zu Massenentlassungen, -arbeitslosigkeit und -armut. Die steigende ‚Industrielle Reservearmee', also die Menschen ohne Arbeit ermöglichten -wie heute- in einem sich wechselseitig aufschaukelndem Prozess die Durchsetzung von Lohnkürzungen bei jenen, die noch Arbeit hatten. Dies bedeutete für beide Seiten absolute Verelendung. Dieser Verelendungsprozess nährte Karl Marx (1818-1883) Hoffnung auf zunächst solidarisierende und später revolutionäre Prozesse. Ab Mitte des 19.Jh. begannen Handwerker und Arbeiter sich zu organisieren und politisieren: Erst genossenschaftlich, ab 1871 gewerkschaftlich und ab 1875 auch parteipolitisch in der SPD skandalisierten sie das Elend der Arbeiter und versuchten, es zu lindern. Das sog. Subproletariat (die Arbeitslosen) blieb zunächst außen vor, trug jedoch durch Revolten, Krawalle, Streiks und Plünderungen in den hoch verdichteten Quartieren -mit ihrem Ansteigen von Krankheiten, Seuchen, und Hunger- zur Destabilisierung bei.

„Als... die Wirtschaftskrisen zu Herrschaftskrisen zu werden drohten, weil das Elend Sozialismus und Kommunismus heraufbeschwor, entwickelte die noch an der christlich-feudalistischen Wohlfahrtsideologie des Absolutismus orientierte Staatspolitik Bismarcks das Konzept der staatlichen Sozialpolitik..." (See 1990:601).

Bismarcks Sozialgesetze dienten der Absicherung eines autoritären Staates; ein sozial-moralische Motivation ist nicht zu erkennen. Seine Strategie lässt sich treffsicher mit dem bekannten Ausspruch von ‚Zuckerbrot und Peitsche' klassifizieren. Das 1878 fast zeitgleich zur Sozialversicherung erlassene „Gesetz wider die gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" (Sozialistengesetz zum Verbot der SPD) macht deutlich, dass es v.a. darum ging, (Bewusstseins-) Prozesse zur Politisierung der Arbeiterklasse und ihre Solidarisierung mit dem ‚Subproletariat' zu unterbinden. Der zwischen Arme und arme Arbeiter getriebene Keil sichert noch bis heute die gegenseitige aggressive Abgrenzung zwischen diesen beiden -gleichsam benachteiligten- Gruppen: Niedrigverdienern diskriminieren die Empfänger von Sozialhilfe und machen sie solange verantwortlich für die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und ihren niedrigen Lohn, bis die Sozialhilfe gesenkt ist, der Arbeitsplatz trotzdem verloren ist und man dann selber unter den sozialen Einschnitten leidet, die man zuvor lautstark gefordert hat... Eine Solidarisierung und Ausbildung eines gemeinsamen Bewusstseins darüber, dass sie beide unterhalb der EU-Armutsgrenze liegen, gemeinsam benachteiligt werden und dass dies ggf. ein Problem der Verteilung von Reichtum sein könnte, scheint auch heute ausgeschlossen.

"Als Bismarck sich anschickte, den Kulturkampf gegen die katholische Kirche zu beenden, hatte er bereits einen neuen Präventivkrieg nach Innen eröffnet: gegen die sozialdemokratische Bewegung. Es gehörte zu seiner Herrschaftstechnik der 'negativen Integration', innenpolitische Konflikte anzuheizen, Minderheiten als Reichsfeinde zu stigmatisieren, um auf diese Weise Mehrheiten zu sammeln und auf seine Ziele der konservativen Stabilisierung zu verpflichten."<ref>Volker >Ulrich in:Dettling 57</ref>

Sozial abstürzende oder abgestürzte Menschen neigen weniger dazu, ein Bewusstsein über objektive Quellen gemeinsamer Benachteiligung zu entwickeln, Kontakte zu anderen aufzubauen und sich zu solidarisieren; eher meiden sie untereinander den Kontakt und suchen nach Unterschieden gegenüber Anderen und Fremden, um sich mehr oder weniger aggressiv von ihnen abzugrenzen (vgl. Ehrenreich1994).

„Der Klassenkampf trug im weiteren Verlauf weniger zur Revolutionierung der Arbeiter als zur Reformierung des Kapitalismus bei."<ref>Einführung 45</ref>

„Durch die Schaffung (Bismarcks) Sozialstaat geschah dreierlei: Erstens wurde die Konkurrenz zwischen den einheimischen Unternehmen entschärft, zweitens die Solidarität zwischen den Lohnarbeitern fest institutionalisiert und drittens ein Klassenkompromiss zwischen Kapital und Proletariat durch eine ihnen beide übergeordnete Macht, den Staatsapparat, rechtlich-politisch garantiert" (Butterwegge 1999:30).





[Bearbeiten] Max Weber (1864-1920):

kritisierte die Sozialversicherungsgesetze aus einem liberalem, sozialdemokratischem Blickwinkel eher prinzipiell aufgrund seines tiefen demokratischen Bewusstseins denn aus tiefer politischen Überzeugung. Dabei stellt er den Aspekt der Entmündigung der Arbeiter in den Mittelpunkt, die durch eine Sozialpolitik von oben in neue Abhängigkeiten getrieben würden. Da so Potentiale der eigenen Interessenvertretung zerstört würden, setzte er auf eine freie Auseinandersetzung zwischen Arbeitgebern, sowie gewerkschaftlich und/oder parteilpolitisch organisierte Arbeiter. Er benutzt den Begriff ‚autoritärer Wohlfahrtsstaat' um dessen eigentliches Ziel (Machterhalt eines autoritären Staates) und die Entmündigung zu veranschaulichen. 'Sozialpolitik (entwickelte sich da) wo sie hinreichend Anlass hatte, sich des Wohlwollens der Massen zu versichern' schreibt er in seinen Studien, die er folgerichtig der Herrschaftssoziologie zuordnete.

„Freilich, die Übermacht des Sozialstaates mit seinen Wohlfahrtsgarantie durch Beamte und Sozialgesetze ist so stark, dass noch vor dem Weltkrieg nicht nur die Sozialdemokraten integriert und die Gewerkschaften an den goldenen Zügel einer vorgeblichen Selbstverwaltung gelegt werden, sondern sich auch die linksliberalen und sozialdemokratischen Intellektuellen zerstreiten und in alle Partei- und Wissenschaftsrichtungen auseinanderfallen."<ref>In Baier: 60f:</ref>

Horst Baier fasst i.S. Weber zusammen:<ref>1988:55</ref>

„Sozialpolitik ist eben eine Funktion der nationalen Machtpolitik, sie muss zu deren Nutzen die Besten und die besseren Klassen physisch und psychisch, ökonomisch und moralisch fördern. Statt dessen hat Bismarcks Sozialstaat nur neue Untertanen und neue Unmündigkeit geschaffen. seine Sozialpolitik hat -laut Weber- die Nation geschwächt, das Bürgertum in eine machtlose Schwebelage zwischen Anpassung und Mutlosigkeit gehalten, die die Arbeiterschaft am Aufstieg zur herrschenden Klasse behindert. Dennoch sind wir noch weit den Zeiten fern, in denen sich das Verhältnis umkehren und die Politik der Nation eine Funktion der Sozialpolitik wird. Dazu wird erst noch ein zweiter Weltkrieg verloren gehen müssen."

Marx und Weber stellen die Interessen von Staat und Ökonomie denen der einzelnen Individuen gegenüber. Bismarcks Sozialpolitik verdient aus deren Sicht den Namen deshalb nicht, weil die Menschen weniger gewinnen als der Staat und v.a. weil deren Emanzipation zum politisch bewussten und aktiven Staatsbürger vereitelt wird. Marx hätte auch die Sozialarbeit wie schon die Religion dem ‚Überbau' zugeordnet, der zur Reproduktion des kapitalistischen Ausbeutungssystems beiträgt. Dass Soziale Arbeit Herrschaftsinteressen verschleiert, sowie systemstabilisierend und entmündigend wirkt, ist auch heute nicht von der Hand zu weisen; Letztendlich sollte das Niveau auf dem soziale Sicherung stattfindet darüber entscheiden, ob man sich an der Systemstabilisierung beteiligen will.

Bismarck war jedoch weder der erste noch der letzte, der soziale Argumente vorschob, um staatliche bzw. kapitalistische Interessen durchzusetzen:

  • Das Elberfelder System der aufsuchenden Sozialarbeit zwang Menschen zum billigen Verkauf ihrer Arbeitskraft unter widrigen Umständen zum Wohle industrieller Produktion.
  • Bettler und Kriminelle wurden nicht mehr verstümmelt oder umgebracht, weil ihr erzwungener Nutzen für die industrielle Produktion größer war.
  • Pestalozzi richtete seine pädagogischen Ziele auf die industriellen Erfordernisse hinsichtlich der Arbeitsmoral aus.
  • Krupp schaffte Werkswohnungen, zahlte relativ gute Löhne und sorgte für Unfallschutz, weil dank zunehmender Arbeitsmoral und sinkender Unfälle die Produktivität zunahm.
  • Heutige Betriebssozialarbeiter bei Daimler-Crysler setzen bei hoher Bezahlung und mit großem ‚Sozial-Sonder-Fonds' diesen Gedanken fort.
  • Der Wohnungsbau Fritz Schumacher verbesserte mit dem Argument der Sicherung/Erhöhung der Arbeitskraft die Standards hinsichtlich Hygiene, Belüftung, Belichtung...
  • Streetworker sollen während der Bundesgartenschau die Punker vom Bahnhof fernhalten, damit mehr Touristen Geld in die Stadt tragen.
  • (...)

Diese Auflistung soll den allgemeinen Fortschritt einzelner Maßnahmen nicht verwerfen, aber dazu anregen, die Soziale Arbeit immer dahingehend kritisch zu überprüfen, ob unser Klientel unter dem Strich wirklich der ‚Gewinner' ist.

Aktiver Staat I:Bismarck
Oberste Instanz: Autoritärer Staat
Mittel der Regulierung:Sozialversicherung, Strategische Spaltungen und Vereinigungen gesellschaftlicherTeilgruppen, Angst, Zwang, Gewalt, Zucht- und Arbeitshäuser Erziehung, Sozialisation
andere soziale Hilfen: geringe Fürsorge nach strengsten Bedürftigkeitsprüfungen
[Bearbeiten] Chicagoer Schule strukturfunktionale Theorie:

In den 30-40er Jahren entwickelten sich in Nordamerika die ‚Chicagoer Schule' und die ‚strukturfunktionale Theorie'; beide übertrugen darwinistische Prinzipien aus dem Reich der Tiere und Pflanzen auf menschliche Organisation. Wohnort, gesellschaftliche Position, Einkommen... würden und sollen sich aus dem freien Spiel ihrer Kräfte in freier Konkurrenz zueinander ermitteln. Der Starke verdrängt den Schwachen wie der König seinen Nebenbuhler oder die große Pflanze die kleine; soziale Ungleichheit und Ausgrenzung sind ‚natürlich', deswegen gerecht und legitim. Diese Theorien der Gesellschaft sehen mit dem kapitalistischen System der USA nach dem 1. WK den Gipfel des Zivilisationsprozesses erreicht. Diesen Zustand um jeden Preis zu verteidigen, fühlten sich bzw. wurde alle gesellschaftlichen Institutionen inkl. Sozialer Arbeit und Sozialwissenschaft verpflichtet. Die Integration der Menschen an ihrem ‚natürlichen' sozialen und geographischen Ort herzustellen hieß, das Konkurrenzprinzips im Berufsverständnis zu internalisieren und soziale Ungleichheit zu akzeptieren. Ergebnis der Arbeit ist in jedem Fall Anpassung der Menschen an ihre Umwelt, entweder mittels sozialer Arbeit oder sozialer Kontrolle und Repression. So wie die Tiere sich einseitig den Klimaschwankungen anpassen, sollen sich auch die Menschen an das kapitalistische Leistungs- und Konkurrenzprinzip gewöhnen... Die Gesellschaft ist ein Organismus; alle Einzelteile haben Funktionen: diese sind konflikt- und störungsfrei aufeinander abzustimmen; alle Abweichungen müssen integriert werden, um wieder den Gleichgewichtszustand herzustellen, ohne das sich die Gesellschaftsordnung verändern darf... Der nordamerikanische Spitzenplatz an Haftstrafen ist ein Zeichen dafür, dass auch heute lieber höchste Populationen an Staatsbürgern inhaftiert werden als ‚the american way of live' zu verlassen. Die gesellschaftliche Regulation steuert sich über Innen-Außen-Differenzen; d.h. Verstöße gegen die Normalität gilt es rechtzeitig wahrzunehmen, zu messen, um sie möglichst schnell wieder herzustellen: In modernen Gesellschaften muss die Basis der Integration von individuellen und gesellschaftlichen Interessen durch soziale Kontrolle hergestellt werden; diese hat das Ziel die harmonische Anpassung der Menschen untereinander und an das politische System zu sichern. In der ersten Hälfte des 20.Jh. war es noch weit verbreitet, soziale Strukturen durch die Suche nach Analogien zur Naturwissenschaft zu erklären.

[Bearbeiten] Weimarer Republik:

Der Prozess kontinuierlich zunehmender Disziplinierung armer Menschen wurde in der WR erstmals -kurzfristig- durchbrochen. In der Verfassung der WR wurden nicht nur demokratische, sondern auch soziale Grundrechte verankert, die sich in der Kürze der Zeit jedoch weder nachhaltig etablieren noch eine wirklich neue Qualität begründen konnten. Der Zuspruch zur jungen Demokratie war schon zu gering und sank wie auch die Legitimation sozialer Hilfen in dem Maße, wie sich die Weltwirtschaftskrise ab 1929 ausdehnte und das Sozialsystem finanziell unter Druck geriet. Die entstehende Not überforderte die Leistungsfähigkeit des sozialen Systems, das fehlende demokratische Bewusstsein auf der einen Seite und bestehende patriotische Gefühle gegen die 'Schande von Versailles'<ref>Entscheidung der Siegermächte nach dem 1.WK, Deutschland zur Deindustriealisierung und zur Zahlung von Reparation zu verpflichten. </ref> andererseits, machten empfänglich für das Gefühl, des ‚In-einem-Boot-Sitzens', das in der nationalsozialistischen Propaganda bemüht wurde. Teil einer Bewegung zu sein, die sich geeint gegen jene zur Wehr setzt, die vermeintlich schuld am eigenen Elend sind, schien attraktiv. Die Plausibilität der Schuldvorwürfe spielte hinter der sozialpsychologischen Dynamik kaum eine Rolle. Die integrierende Funktion des Gefühls, in schlechten Zeiten in der (konstruierten) ‚Volksgemeinschaft' auf der ‚richtigen Seite' zu stehen und gegen ‚das Böse' zu kämpfen, scheint mit rationalen Kategorien nur schwer fassbar zu sein.

Der NS kam dennoch nicht von einem Tag auf den anderen, ‚aus heiterem Himmel'! Anknüpfpunkte für nationalsozialistische Ideologie waren überall vorhanden:

  • Die Vorurteile und Ressentiments gegen Juden und Kommunisten hatte schon eine lange Geschichte.
  • Die Erbtheorie war in der Wissenschaft weit verbreitet.
  • Der Wunsch nach einem erstarkenden deutschen Volk, das nicht durch die Vererbung jeglichen sozialen Problems geschwächt werden sollte, waren auch in Arbeiterschaft und SPD verankert.
  • Eugenische Lösungen für ‚Erbkrankheiten wie z.B. Kriminalität' waren -wie man heute sagen würde- allgemein diskursfähig.

Der geringe antifaschistische oder auch passive Widerstand kann angesichts der ‚Normalität' der diskutierten Thesen nicht wundern; die Intensität der Debatte nahm eher langsam zu und die Folgen waren zunächst schwer zu überblicken. Die politische Umsetzung faschistischer Ideologie kann als Fortsetzung einer diskursiven Kontinuität aus der WR gesehen werden:

Als Vertreter der Medizin äußert sich der Oberarzt Villinger in der Hamburger Jugendbehörde schon 1926 wie folgt:<ref>1926</ref>

„Für die radikale Bekämpfung der psychischen Degeneration' müsse es zum Gemeingut aller werden, dass Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensglück ganz wesentlich von der erblichen Veranlagung abhängig seien. Die Erzeugung „von vornherein voraussichtlich minderwertiger Geschöpfen" sei durch „künstliche Unfruchtbarmachung" zu verhüten. „Fürsorgezöglinge seien in erheblichen Umfange 'anlagemäßig abnorm' (50-70 %); deshalb sah er seine Aufgabe in der „Aussonderung praktisch unerziehbarer und ihre Überleitung in Sonderanstalten"; er kritisierte den Aberglauben an der generellen Erziehbarkeit; er hofft für Zukunft, dass bei erwiesener Unerziehbarkeit in Zukunft „der Eugeniker das Wort habe."

Die Soziologie beteiligte sich bsp. im Januar 1933 in der Person Theodor Geigers:<ref>Theodor Geiger in: ‚Soziale Praxis’ 1/1933; zit. in: Kappeler 2000: 688.</ref>

„... Der Erfolg der Ausmerze ist danach zu bemessen, wie stark diese minderwertigen Erbsubstanzen in hundert oder zweihundert Jahren vertreten wären, wenn sie sich weiter mit so erheblich überdurchschnittlicher Intensität vermehren. Überhaupt scheint mir die Ausrottung sozial unbrauchbarer Individuen als Erfolg der Ausmerze nicht einmal so wichtig, wie der Schutz der gesunden Erbmasse vor Verseuchung."

Die Jugendfürsorge selektierte die Kinder und Jugendlichen im Waisenhaus anhand von Fürsorgeakten, Sippentafeln, Krankengeschichte, Zöglingsakte, Anstaltsakte, Gutachten des ärztlichen Dienstes des Jugendamtes, psychiatrische Gutachten, Erziehungs- und Schulberichten, sowie Stellungnahmen der Leitung der Waisenhäuser in verschiedene Kategorien. 44,5% der Heimkinder wurden der Kategorie 1 und 2 (‚normal') zugeordnet; andere galten als ‚leicht, mittel und stark unterwertig, letzte als ‚nicht erziehungsfähig'. Der Reichsstadthalter gab ein Gegengutachten in Auftrag, nachdem dann nur noch 28,5% als ‚erbbiologisch ausreichend' eingeordnet wurden.<ref>???</ref> „Etwa ab 1925 kam es zu Annährungen zwischen Rassenhygiene und der sozialen Fürsorge und noch vor 1933 zur Übernahme rassenhygienischer Postulate durch zahlreiche Fürsorgeträger" (Reyer 1991: 60) Ab 1933 wurden Fürsorgezöglinge generell von Psychiatern „erbbiologisch gesiebt." „Der Stellenwert der Fürsorgeerziehung in ihrer Funktion für 'das Volksganze' wurde ab 1933 reichsweit unter der zentralen Fragestellung 'Ist Fürsorgeerziehung Minderwertigenfürsorge oder volksaufbauende Erziehungsarbeit?' diskutiert. Als Repräsentant der katholischen Kirche schreibt 1926 der katholische Sozialethiker Joseph Mayer<ref>In: Sachße&Tennstedt 1992:99.</ref> „Die Heilung des Volkskörpers aber ist entschieden als ein höheres Gut zu bewerten als die Heilung eines einzelnen Körpers."

Das Weimarer Parlament beschließt im Juli 1932 das Preußisches Sterilisationsgesetz:

Orientiert an den theoretischen 'wissenschaftlichen Erkenntnissen' Darwins oder Spencers<ref></ref> soll die „Gefährdung des ganzen Volkes durch Geisteskranke, Schwachsinnige, Fallsüchtige, Psychopathen, erblich Kriminelle, andere Belastete (bekämpft werden da die) Fürsorgelast steigt und gesunde arbeitstüchtige geschwächt werden." Beide Theoretiker legitimieren im Bereich pflanzlichen, tierischen und menschlichem Leben die ‚natürliche' Verdrängung des Schwachen durch den Starken; jegliche Politik zum Schutz des Schwachen ist widernatürlich und hindere damit in illegitimer Weise die Entwicklung der Starken.; diese Gegenüberstellung durchzieht die nationalsozialistische Argumentation wie ein roter Faden In einer Notverordnung wird später im Nov 1932 skandalisiert, dass 'Asoziale' und 'Minderwertige' für teures Geld auf Staatskosten durchgefüttert würden, während die normalen 'anständigen' Arbeitslosen leer ausgingen und Hunger litten. "Schon seit Anfang der 20er Jahre wurden in Fachkreisen Möglichkeiten und Formen der 'Bewahrung' von jugendlichen und Erwachsenen diskutiert, bei denn aufgrund geistiger oder seelischer Defekte jeder erzieherische Beeinflussung aussichtslos schien, die aber ohne Aufsicht für sich und die Gemeinschaft eine Gefahr bildeten.

Die evangelische Kirche diskutiert 1931 auf der 'Fachkonferenz Eugenik' die Vorschläge des Vorsitzenden der inneren Mission Harmsen, wie „die aufwendige Pflege für körperlich und geistig unwerte gesenkt" werden kann.<ref>In: Reyer 1991: 138f.</ref>

Das preußische Landesgesundheitsamt führt 1932 aus:

„Früher wurde der Nachwuchs der asozialen minderwertigen Bevölkerungsgruppen durch den der sozial hochwertigen, leistungsfähigen Familien ausgeglichen. (...) Kann es noch als sinnvoll bezeichnet werden, dass ungewöhnlich hohe Mittel, die in keinem tragbaren Verhältnis zu den sonstigen Bedürfnissen der Gesamtbevölkerung stehen, ausschließlich der Fürsorge für Asoziale, Minderwertige und Behinderte dienen?"

Zur Ausbildung von Sozialarbeiterinnen in der WR heißt es:

„Jeder Krieg bringt zweierlei Verluste für die Rasse mit sich: quantitativen und qualitativen. (...) Das kann der Rasse zum Verhängnis werden. Nur Hand in Hand mit der Rassenhygiene wird die Sozialpolitik der Zukunft im Stande sein, die Einbuße wettzumachen, die unser Volk in der Gegenwart auf dem Schlachtfeld erleidet."<ref>??? 1915 erklärt Dr Agnes Bluhm in die Frau:</ref> 1916 gründete sich in Hamburg der Verein 'Soziale Frauenschule (SFS) und eröffnete 1917 unter der Leitung von Marie Baum und Gertrud Bäumer das Sozialpädagogische Institut. Bäumer wird in einigen Lexika und Fachbüchern noch heute als Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung gefeiert. Mit der Gründung des Instituts hätte sie sich demnach um die Emanzipation der Frauen verdient gemacht, weil Frauen erstmals eine halbakademische Berufsausbildung machen konnten; in Hamburg wurde jüngst eine Straße nach ihr benannt. Schon ihre Antrittrede 1917 klingt irritierend: „In der Sozialarbeit geht es um den Kampf um die Befreiung des Guten, des Geistes vom äußeren Druck, innerer Schwäche oder feindlicher Gewalten." Spätestens jedoch 1929 musste man sich fragen, ob Emanzipation von Frauen per se einen Wert darstellen kann, unabhängig vom Gegenstand der ihr zugrunde liegt? Ihre national-völkisch-ausgrenzende Gesinnung wir deutlich: „Wir haben nicht das geringste Interesse daran, eine Volksvermehrung zu begünstigen, wie sie sich aus reiner Triebhaftigkeit in Familien ohne Erbwert und ohne Erziehungskraft vollzieht, wir haben aber alles Interesse an der richtigen qualitativen Steigerung" zum Aufbauen und zur „Sicherung des ewigen Lebens des Volkes." Wenn sie sich 1933 -auch noch vor ‚Hitlers Machtergreifung'- unpolitisch gibt; kann die politische Dimension ihrer Aussage nicht übersehen werden: „...für das uns gestellte Problem ist es im Grunde völlig gleichgültig, wie der Staat beschaffen ist, in dem heute die Frage der Einbeziehung der Frauen besteht: ob es ein parlamentarischer, ein demokratischer, ein faschistischer Staat ist."<ref></ref> Wichtig sei „das Verständnis jenes gewaltigen ständig vorwärts drängenden nationalen Lebens zu vermitteln." „Das klare Erfassen der besonderen eigenartigen Aufgaben der eigene Nation...; auch die soziale Arbeit dient letztendlich diesen Zielen: Der Stärkung der deutschen Volkskraft, der Pflege deutschen Volkstums und deutschen Kultur. Auch die Soziale Arbeit gewinnt ihre Kraft erst aus dem Verständnis für das Wesen der nationalen Gesamtentwicklung." „Bis zum Ende der WR hatte Sozialarbeit sich als weiblicher Dienstleistungsberuf mit eigenen Ausbildungseinrichtungen, gesetzlich anerkannter und reglementierter Berufsausbildung und beruflicher Interessenvertretung fest etabliert. Der Zusammenhang von weiblicher Emanzipation und sozialer Hilfe (...) hatte sich in der Zeit der Republik zusehens gelockert. Berufliche Sozialarbeit wurde der bürokratischen Funktionslogik wohlfahrtsstaatlicher Dienstleistungen unterworfen. (...) V.a. die Schulen für soziale Arbeit pflegten dennoch in den Jahre der Republik beharrlich die aus dem Kaiserreich überkommenen Theoreme der sozialen Mütterlichkeit und des Dienstes am Volksganzen als Grundlage weiblicher Sozialarbeit. Diese entwickelte sich so unter der Hand von einer Theorie weiblicher Emanzipation zu ideologischen Versatzstücken, die mit dem sozialarbeiterischen Berufsalltag wenig mehr zu tun hatten, aber eine unverkennbare Affinität zur in den Kriegsjahren lauter werdenden nationalsozialistischen Propaganda aufwiesen."<ref>187 Sachße? / Ebbinghaus?</ref>





„War soziale Arbeit (ursprünglich) konzipiert als Strategie weiblicher Emanzipation (zur) Heilung der „sozialen Schäden einer industriell-patriarchalen Gesellschaft' (Salomon) hatte am Ende der WR Sozialarbeit ihre emanzipatorische Ziele weitgehend verloren."<ref>210</ref>

Wally Schick, die Referentin im Centralausschuss für Innere Mission hatte sich schon 1933 von emanzipatorischen Zielen emanzipiert:<ref>203 f</ref>

„Das Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses gibt völlig neue Grundlagen für die Wohlfahrtspflege. Es vollzieht sich die Abkehr von einer irrgeleiteten Fürsorge, die ihre Kraft in erster Linie einsetzte für alles Kranke und Schwache, während das Gesunde nicht mehr zu erhalten war. (...) In den Kreisen der Sozialarbeiter besteht eine große Bereitschaft zur Mithilfe am Neuaufbau des Staates. (...) In diesen Kreisen weiß man unserem Führer zu Danken, dass er das Christentum als ein Fundament des neuen Staates ansieht. Denn hier liegen die Kräfte für den selbstlosen Dienst am Nächsten, von hier aus ist wieder ein Aufbau und Erstarken der sittlichen Kräfte unseres Volkes möglich. (...) Die junge Generation der Sozialarbeiterinnen muss aus der Idee des Nationalsozialismus heraus geschult werden für die Zukunftsaufgaben einer deutschen Volkswohlfahrt."<ref>Nationalsozialistischer Volksdienst 1/33, H3 S.67ff)</ref>

Es verwundert nicht, dass die Sozialarbeiterinnen, entsprechend ausgebildet -seit 1927 einem sich ständig verschlechternden Arbeitsmarkt für Fürsorgerinnen ausgesetzt- nach 1933 die Chance suchten, sich in einem dann schnell wachsendem Arbeitsmarkt zu profilieren. Die damalige Leiterin des sozialpädagogischen Instituts äußert sich gegenüber dem NS schon zu loyal:<ref>Gertrud Bäumer in: Die Frau 6/1933; zit in: Kappeler 2000: 709f.</ref>

„Und wie die gesteigerte Leistung der Frauen (‚Volkspflegerinnen') bisher im letzten Ziel nicht ihnen, sondern dem Volksganzen und dem Staat galt, so wird sie in den neuen Formen, in denen das deutsche Volk sein Schicksal zu bewältigen versucht, auf vielen Wegen hilfreich und verantwortungsbewusst einströmen. (...) Wir alle wissen, dass wir den heiligen Quellbezirk geschichtlicher Schöpfung betreten, wenn wir sagen: Mein Volk, Mein Land."

[Bearbeiten] Nationalsozialismus:

Der Übergang zum Nationalsozialismus, war in vielerlei Hinsicht bruchlos. Sachße und Tennstedt fassen zusammen:<ref>Sachße, Christoph; Tennstedt, Florian 1992:188 /51 ???</ref>

„Weder aus Kreisen der bürgerlichen Frauenbewegung noch der beruflichen Sozialarbeit wurde der nationalsozialistischen ‚Machtergreifung' nennenswerter Widerstand entgegengesetzt." „Nationalsozialistische Sozialpolitik wurde vorrangig als Bevölkerungs- und Rassenpolitik definiert. Sozialpolitik wurde verstanden als Instrument der Produktion des ‚gesunden Volkskörpers'" anstelle der Unterstützung benachteiligter Menschen.<ref> Sachße, Christoph; Tennstedt, Florian 1992:188 /51 ???</ref>


Neben der unmittelbaren Repression wurden beliebig als bedrohlich konstruierte Sündenböcke zur politischen Steuerung benutzt, um in der Bevölkerung Ängste zu schüren und den Zusammenhalt zu erhöhen. Die staatliche Bekämpfung der geschürten Angst sicherte im nächsten Schritt die Loyalität der gesellschaftlichen Mehrheiten. Diese Politik der Stigmatisierung traf das gesamte Spektrum des Klientels Sozialer Arbeit. Mitten im Wechselspiel von Stigmatisierung und Bekämpfung hatte die Soziale Arbeit eine zentrale Rolle übernommen; allein von ‚Verstrickungen' unserer Profession zu sprechen, scheint zu kurz zu greifen. Die Wirksamkeit der Inklusion und Exklusion wurde später dadurch verstärkt, dass die ‚Volksfeinde' sichtbar markiert wurden, während die anderen durch Orden, Ränge, Uniformen, Dienstwaffen... emotional stabilisiert wurden und ihre Zugehörigkeit zur ‚richtigen Seite' dokumentieren konnten.

 
Juden und andere Sterne
 

Kappeler (2000: 723f). stellt im Zusammenhang von Exklusion und Inklusion die Bedeutung von Sprache heraus: eine Liste von Begriffen und Sätzen lässt erahnen, welchen Stellenwert die Gegenüberstellung von ‚Volk und Feind' für die gesellschaftliche Integration im NS hatte:

Begriffe der Zugehörigkeit zur positiven Integration:

‚Volkspfleger', ‚in seiner Not zerrissenes Volk', ‚Volk in Not', ‚Volk und Vaterland', ‚Volk ohne Raum', ‚geeintes deutsche Volk', ‚Deutschtum', ‚Volkheit', ‚Volkstum', ‚Deutscher Volkskörper', 'Volksgenossen'...

Begriffe und Sündenböcke zur Sicherung negativer Integration:

Die 'Volksfeinde' würden ihre Gefahren vererben, sich schneller reproduzieren und so langfristig zum Aussterben der ‚Rasse' führen. Volksfeinde waren:

„Arbeitsscheue, gewohnheitsmäßige Bettler, Landstreicher, Trinker, Rauschgiftsüchtige und Prostituierte sind Parasiten an unserem Volkskörper. Statt nützliche Arbeit zu leisten, leben sie auf Kosten der Gesamtheit und verursachen einen außerordentlich hohen Fürsorgeaufwand. (...) Durch Erzeugung eines körperlich und geistig minderwertigen Nachwuchses schwächen sie auch biologisch unser deutsches Volkstum."<ref>1933: Deutscher verein für öffentliche und private Fürsorge:</ref>

„Behinderte, psychisch Kranke, Asoziale, Erbkranke, Lebensunwerte, Zigeuner, Juden, Schwule, Kommunisten, Tagediebe, Nichtsnutze aller Art, intellektuell Schwachsinnige, Säufer, Prostituierte, chronische Schuldenmacher, Verlumpte, Verwahrloste, Liederliche, sexuell Haltlose, Sonderlinge und Querulanten, Geisteskranke, Fallsüchtige, Psychopathen, leichte, mittlere und starke Unterwertige oder Nichterziehungsfähige, Nichterziehbaren, erblich Kriminelle und andere Belastete. Allesamt „hoffnungslose Fälle, die wie ein Geschwür am Volkskörper weiterwuchern und ungehindert Krankheitskeime und Defekt weitergeben."

 
Grafik Vererbung
 

Die Stigmatisierung wurde von zahlreichen repressiven Maßnahmen begleitet: Entzug von Hilfeleistung, rechtliche Einschränkung von Heirat und Reproduktion, medizinische Verhinderung der Reproduktion, Zwangsarbeit, Vernichtung durch Arbeit oder Ermordung. Kurze exemplarische Einblicke sollen genügen:

[Bearbeiten] Entzug von Hilfeleistung:

„Früher wurde der Nachwuchs der asozialen minderwertigen Bevölkerungsgruppen durch den der sozial hochwertigen, leistungsfähigen Familien ausgeglichen. (...) Kann es noch als sinnvoll bezeichnet werden, dass ungewöhnlich hohe Mittel, die in keinem tragbaren Verhältnis zu den sonstigen Bedürfnissen der Gesamtbevölkerung stehen, ausschließlich der Fürsorge für Asoziale, Minderwertige und Behinderte dienen?" „Der geisteskranke kostet der Volksgemeinschaft 4, der Verbrecher 3,5, der Krüppel 5, während der ungelernte Arbeiter 2,5, der Angestellte 2,6 und der Beamter am Tag 4 Reichsmark... (verdient). Die Kosten für Minderwertige belasten die wertvollen Familien."<ref>????</ref>

rechtliche Einschränkung von Heirat und Reproduktion:

Das 1933 erlassene ‚Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses' dienten der Sozialarbeit als Rechtsgrundlage zur kontrollierenden und selektierenden Intervention. Gleichzeitig sollten mittels sog. Ehetauglichkeitszeugnisse die Familiengründungen gesteuert und die „Sicherung des ewigen Lebens des Volkes" gewährleistet sein.<ref>101</ref> Das Strafrecht verpflichtet sich der 'rassenmäßigen Aufartung' und 'rassenhygienischen Maßnahmen zur Ausrottung krimineller Stämme.' 'Diese Ausscheidung volksschädlicher Bestandteile (habe) ohne Rücksicht auf persönliche Schuld' zu erfolgen.<ref>Mezger:</ref>

medizinische Verhinderung der Reproduktion:

Medizin wurde dem Ziel der ‚rasssenmäßigen Aufartung des Volkes als ein Ganzes' verpflichtet. Die ‚Heilung des Volkskörpers' wurde präventiv in großem Umfang durch Zwangssterilisationen und teils auch durch Zwangsabtreibungen verfolgt. Der konstruierte Erbwert dokumentierte den Nutzen für das Volksganze und entschied über Erlaubnis bzw. Pflicht zur Reproduktion. Medizinisch-kriminologische 'Erkenntnissen' stellten Kausalzusammenhänge zwischen jeglichen Formen sozialer oder gesundheitlicher Krankheiten und Vererbung her: 'Diese Ausscheidung volksschädlicher Bestandteile (habe) ohne Rücksicht auf persönliche Schuld' zu erfolgen. Aus einem derart konstruierten Gesundheitsbegriff wird schließlich nicht nur die Pflicht zur Gesundheit abgeleitet, sondern auch das Recht abgeleitet 'lebensunwürdiges Leben' nachträglich zu vernichten. (...) Seit 1934 sprachen Vormundschaftsgerichte auf Antrag der Sozialverwaltung und des Erbgesundheitsgerichtes in steigendem Maße sog. Sterilisationspflegschaften aus. Zwischen 1937-40 erstatteten Hamburgs Jugendämter 16.926 Anzeigen wegen Verdacht auf Erbkrankheit; in Hamburg wurden allein 1935 2.620 Fürsorgeerziehungs-Zöglingen zwangssterilisiert von insgesamt 19.-24.000 (im Deutsch Reich 300.000); In Hamburg wurden 15.800 Unfruchtbarmachung und bei 800 -meist polnischen und russischen Zwangsarbeiter- Abtreibungen erzwungen; 1.000 Fälle von Euthanasie sind bekannt.<ref>Karl Heinz Roth in Ebbinghausen:</ref>

Arbeitszwang:

Betteln und Arbeitsverweigerung galten nach 361 STGB als Straftat. Diese Menschen wurden zunächst (nur) in der Fürsorge, Psychiatrie oder Haft ihrer Freiheit beraubt, bis ihre Produktivität als Zwangsarbeiter entdeckt wurde. Danach waren sie nicht nur im Rahmen öffentlicher Beschäftigung begehrt, sondern auch in der Privatwirtschaft: „Wegen des erhöhten Arbeitskräftebedarfs wurden nun die Arbeitsverweigerer, die Asozialen, die Bettler und Obdachlosen durch erneute gemeinsame Razzien von Polizei, Arbeitsämtern und Fürsorge systematisch erfasst und je nach Würdigkeit in den Arbeitsprozess der freien Wirtschaft, in die Arbeitshäuser oder in KZ eingewiesen.<ref>1936 S. 257</ref>
[Bearbeiten] Vernichtung durch Arbeit, Ermordung einzelner Menschen oder als Massenmord:

In der Zwangsarbeit kamen viele der Hamburger Klienten der Sozialen Arbeit ums Leben; teils wurden sie systematisch durch Zwangsarbeit vernichtet oder -in einzelnen dokumentierten Einzelfällen- in Konzentrationslagern ermordet, wenn sie nach ihrer Flucht aus der Zwangsarbeit gefasst wurden.<ref></ref>

[Bearbeiten] Wissenschaft:

Zentrale Rollen in der Sozial- und Gesundheitspolitik des NS nahmen neben der juristischen und medizinischen Fakultät auch verschiedene andere wissenschaftliche Disziplinen ein, indem sie sich zur Legitgimierung staatlichen Handelns anboten:

Mezger:<ref>Gleichzeitig sahen Wissenschaftler Chance zur Profilierung (wie Walther) (gingen Koalition ein) 197:</ref> „Der Gedanke der Verantwortung des Einzelnen vor seinem Volk und der Gedanke der rassenmäßigen Aufartung des Volkes als ein Ganzes. (...) Die Wissenschaft von heute sieht ihre vornehmenste Aufgabe in der Mitarbeit an dem Aufbau an der Ausgestaltung der kulturellen Werte."

[Bearbeiten] Kriminologie im 3.Reich:

Die Kriminologie hat sich in der zweiten Hälfte des 19.Jh. als eigenständige Wissenschaft etabliert und war stark naturwissenschaftlich und positivistisch ausgerichtet. Sie legitimierte das rigide Vorgehen gegenüber kriminellen Menschen, indem sie die genetische Disposition in den Vordergrund stellte und damit Gedanken an Resozialisation, Hilfe oder Prävention verwarf; letztendlich begründete sie damit auch die physische Vernichtung von Straftätern. Damit „...erhält zwangsläufig die Kriminalbiologie eine ihre gerichtshelferische Ausgangsrolle übersteigende Bedeutung, weil sie wissenschaftlich begründete Behandlung gerade jener abgrenzbaren Bevölkerungsschicht an die Hand gibt, die z.T. nicht allein sozial abträglich ist, sondern gleichzeitig auch erb- und rassenwertlich schädlich ist und insoweit einer planmäßigen Ausschaltung zu geführt werden muss..."<ref>Kriminalbiologische Gesellschaft 1937:</ref>

Die Biologie:

unterfütterte die Rassen- und Vererbungsideologie durch naturwissenschaftliche Beweise aus der Tier- und Pflanzenwelt.

Die Rolle der Sozialwissenschaft will ich am Beispiel Hamburgs herausheben:

1934 wurde von dem Soziologen Andreas Walther<ref>709fin Kappeler oder kunstreich?</ref> in Hamburg das Soziologische Institut gegründet, um ein Konzept zur Umsetzung des ‚Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses' zu entwickeln. Er stellte die Soziologie unmittelbar in Dienst nationalsozialistischer Sozial- , Gesundheits- und Stadtplanungspolitik. Angeregt durch die Theorie der Chicagoer Schule (s.o.) ging er davon aus, dass sich die schwachen und benachteiligten Menschen in Folge natürlicher Konkurrenz, bzw. des Rechtes des Stärkeren an bestimmten Orten konzentrieren, die von den politisch loyalen Mehrheiten der Gesellschaft gemieden werden. Dort würde man die Zielgruppe nationalsozialistischer Kontrolle finden und die Möglichkeit haben, diese Kontrolle effizienter umzusetzen. Die Identifizierung solcher Orte -‚Sanierungsverdachtgebiete' genannt- war die Aufgabe, die der Institutsgründung in der Art einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zugrunde lag:

Er will „die Brutstätten des Marxismus zerstören, ...die Altsstadt sanieren und Altbauquartiere und die Großstadt als solche auflockern (...) Die Forderung, dass keine Sanierung wieder im alten Stil, mit der Folge unkontrollierter Zerstreuung der Ausgewiesenen, durchgeführt werden darf, wird sehr eindringlich, wenn man der Frage nachgeht, wie die Zusammenhäufung von Asozialität aller Art in bestimmten Stadtregionen zu erklären sei." Als Zielgruppen benennt er ‚politisch Andersdenkende', 'Nichtchristen', ‚Behinderte', ‚Drogenkranke', ‚Arbeitslose', ‚Homosexuelle', ‚Prostituierte', Kommunisten, ‚Sozialisten', ‚Epileptiker', ‚Kriminelle', ‚Blinde', ‚Taubstumme' und ‚Verwahrloste'. „Um die Zukunft des Volkes willen ist er (der Führer) entschlossen, Volksschädigendes nicht länger schwächlich zu dulden, sondern unter Kontrolle zu nehmen und unschädlich zu machen. Das bedeutet eine grundsätzliche neue Einstellung auch zur Großstadtsanierung. Die soziale Gesundung ist für das Städteplanen in den Vordergrund getreten."<ref>Walther 1936 zit. von Schubert 1986: 78f.</ref> „In den Gemeinschädigenden Regionen der Großstädte gibt es gehäuft hoffnungslose Fälle, die wie ein Geschwür am Volkskörper weiterwuchern, wenn sie nicht herausgesucht und am Weitergeben ihrer Krankheitskeime und Defekt gehindert werden. Viele der früheren Bewohner eines Sanierungsgebietes zogen (bisher) nur um in andere schlimme Quartiere, die den verlassenden möglichst ähnlich waren. Andere trugen Ansteckungen in bisher gesunde Gebiete, so dass man selbst in baulich besten neuen Miethäuserblocks, ja in fast ländlichen Randsiedlungen Nester asozialer Menschen finde, die größtenteils aus den Sanierungsgebieten dort hinkamen."

Die Angst vor dem ‚Anstecken' anderer Stadtteile oder der ‚Zerstreuung' der ‚Krankheitskeime' erforderte ein strategisches und systematisches Vorgehen. Mittels umfangreicher sozialwissenschaftlicher Forschung sollte der Zugriff detailliert vorbereitet werden. Ausgehend von Gebieten mit großen Wahlerfolgen der KPD und SPD galt es ‚Sozialkataster' bzw. „Sozialatlanten der Gemeinschädlichkeit" zu erstellen. Alle Daten über soziale oder medizinische Abweichungen mussten erfasst, kartiert und mit der Karte der Wahlergebnisse verglichen werden. Wenn man alle Karten auf Folie kopieren und dann übereinander gegen das Licht halten würde, kann man sich dunkle Flächen vorstellen, dort wo sich die Markierungen in hohem Maße überschneiden; dies waren die sog ‚Sanierungsverdachtsgebiete', wo eine effiziente Kontrolle anzusetzen hatte. Alle Ämter, Krankenhäuser, Ärzte, Hebammen und nicht zuletzt auch die -nun ‚Volkspflegerinnen' genannten- Sozialarbeiterinnen aus allen Institutionen wurden verpflichtet, zum Datenabgleich beizutragen.

  • Die Anzeigepflicht von Behinderungen, geistigen und seelischen Defekte für Ärzte, Hebammen, Lehrer, Fürsorgerinnen war schon seit 1920 eingeführt.
  • Akten aus Jugendämter, Pflegeeinrichtungen, Sozialfürsorge und Gesundheitsämter waren feste Bestandteile,
  • die Wohlfahrtstellen beteiligten sich durch Sichtung und Auswertung von in Razzien sichergestelltem Material,
  • die Dienststellen der Polizei stellten Daten von Straftaten, Arbeitsverweigerern, aus Arbeitslager geflüchteten und später auch von Menschen, die im KZ saßen, zur Verfügung,
  • die polizeilichen Daten und jene aus der Gesundheitsverwaltung waren schon in einem 'sozialhygienischen Kataster' vernetzt',
  • Schulen meldeten unsystematisch schulische Auffälligkeiten und regelhaft die Ergebnisse der Schulreihenuntersuchungen,<ref>168</ref>
  • es gab Spitzel in Kneipen oder Läden und ein ausgedehntes Netz von Blockwaltern, Hauswarten und sonstigen Helfern die zumindest in den großstädtischen Ballungsräumen die engmaschige Kontrolle ergänzten
  • (...)

Der genaue Einblick über die engen sozialen Netze dieser Quartiere war sehr schwer, weil die Netze eben so eng waren:

„Die wirkliche Beherrschung das Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so großen Einsatz von Kräften, wie er auf Dauer nicht gestellt werden kann."<ref>Rith in Ebbinghausen: </ref> Hier war der Ansatzpunkt zur Profilierung der aufsuchenden Sozialenarbeit gefunden:

„Obgleich Hausbesuche nichts Neues waren, sondern jahrelang geübte Praxis der Wohlfahrts- und Gesundheitspflege, wurden sie im Nationalsozialismus Teil des umfassenden Informationssystems, das Daten für 'auslesende' und 'ausmerzende' amtsärztliche Maßnahmen lieferte; in erster Linie für die Zwangssterilisation. Ein breites Erfassungsspektrum boten zunächst alle gesundheitsamtlichen Beratungszweige selbst, in Verbindung mit den Jugend- und Wohlfahrtsämtern -zum Teil in Form gemeinsamer Familienfürsorge-, ferner die Zusammenarbeit mit der Polizei, den Gerichten und den örtlichen Parteiorganisationen, insbesondere der NSV und den Ämtern für 'Volksgesundheit' der NSDAP, mit denen gegenseitiger Aktenaustausch vereinbart war. Alle Ärzte waren gegen die Androhung einer Geldstrafe verpflichtet, 'erbkranke' Patienten (...) anzuzeigen."<ref>251</ref> Fürsorgerinnen erhielten ab 1934 den Auftrag erbbiologische Bestandaufnahmen und Sippenforschung zu machen<ref>442f</ref>; <ref>109??</ref>Erb- und Rassenpflegeprüfung konnten an der traditionellen Gesundheitsfürsorge andocken und gleichzeitig erledigt werden: "Diese traditionellen Instrumente wurden jetzt -auch- Mechanismen der Kontrolle, Filterung, und Ausgrenzung bis hin zur ‚Ausmerze'. (...) In die erb- und rassenpflegerischen Aktivitäten der Gesundheitsämter wurden die Fürsorgerinnen als Volkspflegerinnen weitgehend einbezogen, und zwar als angestellte Zuträger für den anzeigepflichtigen Arzt sowie bei der Anfertigung von sog. Sippentafeln auch über die Gesundheitsfürsorge hinaus. (...) Von 1938 an hatten die Gesundheitsämter die bei ihnen angefallenen negativen Informationen für eine detailliert geregelte Erbbestandsaufnahme zu verwenden."<ref>169</ref> „Während der Hausbesuche (der Volkspflegerinnen) wurden verwertbare Fakten für 'selektierende' Begutachtungen (...) gesammelt. Noch nie konnten Fürsogerinnen/Volkspflegerinnen massiver in den Familienraum eindringen, wie unter der nationalsozialistischen ‚Sozialgesetzgebung'. Die Fürsorgeakten wurden auch ungehindert zwischen Sozialbehörden, Polizei, Gerichten und NSV-Stellen ausgetauscht."<ref>13</ref> „Und die Fürsorgerinnen genossen ein gewisses Vertrauen bei ihrem Klientel, was ihnen intime Kenntnisse über die zu 'betreuenden' Personen vermittelte. Insofern stellten sie die wichtigste Verbindung dar zwischen den Betroffenen und denjenigen Institutionen, die über Zwangssterilisationen, Heimeinweisungen, Arbeitszwangsmaßnahmen und Euthanasie entschieden. In der Verantwortung der Fürsorgerin lag zwar nicht die letztendliche, amtliche Entscheidung, die trafen Kommissionen von Bürokraten, Ärzten, Richtern - die Fürsorgerin entschied über die Vorauswahl.

Die aufsuchende Sozialarbeit protokollierten detaillierte die Lebenssituation ihrer Klienten auf Block-, Straßen-, haus- und Wohnungsebene:





 
Fragebogen (in HH Prüf-Bögen )
 

Ergebnisse der mehrfach geschichteten Daten war die Einordnung in vier Kategorien:

1   gesund gebliebene
2   nur angesteckte
3   nicht besserungsfähige  
4   biologisch hoffnungslose Defekte Arbeitszwang

„Die trotz asozialer Umwelt gesund gebliebenen, also gegen die großstädtische Verderbung in besonderem Maße Immunen, (galt es zu) fördern zu erfolgreichem Fortkommen in der Stadt; die für Rand- und ländliche Siedlungen geeigneten, die ebenfalls nicht fehlen zum Ziel ihrer Wünsche führen; die nur angesteckten in gesunde Lebenskreise verpflanzen, die nicht Besserungsfähigen unter Kontrolle nehmen (entmündigen, sterilisieren, Arbeitszwang); das Erbgut der biologisch hoffnungslos Defekten ausmerzen."

Nationalsozialismus:Hitler
Oberste Instanz:Hitler; gleichgeschaltete Diktatur, NSDAP
Mittel der Regulierung:Stabilisierung durch Inklusion und Exklusion entlang konstruierter Sündenböcke; Angst, Zwang, Gewalt, Mord, Arbeitslager, Anstalten, KZ, Erziehung, Sozialisation
andere soziale Hilfen: geringe Fürsorge nach strengsten Bedürftigkeitsprüfungen, mobilisierte Volkssolidarität, gestaffelt nach (Erb)wertigkeiten

Zum Ende des Buches soll die Sozialstaatsgeschichte der Bundesrepublik angeschlossen werden. Da die (Sozialstaats)- Erfahrungen des NS für die Formulierung der Verfassung konstitutiv waren und diese bis heute den rechtlichen Rahmen des Sozialstaates und der Sozialen Arbeit begründet, ist nun die historische Grundlage dafür geschaffen, die Praxis Sozialer Arbeit auszubreiten. Zuvor sollen nur noch die rechtlichen Grundlagen skizziert werden.







Nächstes Kapitel: Rechtliche Grundlagen