Praktische Grundlagen

Aus Soziale Arbeit heute

Die Ausflüge in die Entwicklungsgeschichte Sozialer Arbeit und ihre rechtlichen Grundlagen mögen auf dem ersten Blick ungewöhnlich umfangreich erscheinen; da man sich aber auch in der Praxis zunehmend weniger direkt mit dem Klienten auseinandersetzt und stattdessen unentwegt sozialpolitisch um die Existenz von Arbeitsplatz und Arbeitgeber kämpfen muss, halte ich den Umfang der theoretischen Ausführungen für angemessen. Der theoretische Hintergrund kann inzwischen gar nicht mehr hoch genug bewertet werden, bietet die Kenntnis historischer, rechtlicher, politischer, ethischer, philosophischer, soziologischer, pädagogischer... Theorie doch erst die Grundlage dafür, sich erfolgreich an der sozialpolitischen Debatte zu beteiligen. Seit der Bonner Wende 1983 und mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90 werden die finanziellen wie ethischen Grundlagen unserer Profession auf breiter Front systematisch untergraben; diese Entwicklung ist nur zu beenden, wenn die Soziale Arbeit wieder ein politisches Selbstverständnis entwickelt und sich entsprechend zum Wohle ihres Klientels einmischt; dass Methodik und Didaktik dabei relativ an Bedeutung verlieren, ist unvermeidbar. Das praktische Handwerkzeug der Sozialen Arbeit, kann logischerweise erst dann zur vollen Entfaltung kommen, wenn der Sozialstaat seinen Rückhalt in der Gesellschaft zurückgewonnen hat. Dies ist heute nicht mehr der Fall! Und solange dies so ist, bleibt es eine (sozial)politische Aufgabe, zunächst die Arbeitsgrundlage wieder herzustellen; anderenfalls laufen Methodik und Didaktik Gefahr, in der Realität ihre Bodenhaftung zu verlieren.

Sind die entsprechenden Lebens- und Arbeitsbedingungen sozialpolitisch wieder gesichert, greift die erworbene sozialpädagogische Handlungskompetenz und gewinnen entsprechend praktische Lehrinhalte an Bedeutung. Auch ich will mich nun auf die eigentlichen fachlichen Aspekte Sozialer Arbeit konzentrieren. Nun soll nicht Alles wiederholen, was andere an anderer Stelle in erfreulicher Weise schon ausgeführt haben, sondern soll sich darauf konzentrieren werden, einerseits Eindrücke aus der sozialpädagogischen Praxis zu vermitteln und andererseits flankierend die sozialpolitische Dimension zu ergänzen. Auf das Buch ‚Sozialpädagogisches Können' von Burkhard Müller will ich schon an dieser Stelle verweisen und als Ergänzung bzw. Grundlage empfehlen.

Anfangs will ich im Teil zu Methoden und Didaktik Sozialer Arbeit das sog. 4-Phasen Modell vorstellen, das in mehr oder weniger abgewandelter Form- in allen Arbeitsfeldern Anwendung findet. Danach werde ich mit Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit zwei Methoden herausgreifen und vorstellen, die neben Einzelfallhilfe zu den drei klassischen Methoden gehören. ‚Empowerment' wird dann als ein Ansatz der Sozialen Arbeit vorgestellt, der eher durch eine besondere Haltung gegenüber dem Klientel charakterisiert ist und in allen Arbeitsfeldern zum Tragen kommen kann. Unter dem Stichwort ‚Burnout' wird die klassische Berufskrankheit helfender Berufe behandelt, sowie mit ‚Helfersyndrom' und ‚overprotekting' deren erfolglose Kompensationsversuche dargestellt.

Sozialpädagogen wird häufig vorgehalten, dass nun jeder Mensch anderen verständnisvoll zuhören, mit ihnen reden, spielen oder sie auch trösten kann. Dies ist natürlich richtig. Für Außenstehende bleibt jedoch leicht verborgen, dass wir es eben besser können, sogar bei Menschen, die nicht unsere Freunde sind; die uns vielleicht sogar unsympathisch sind. Außerdem machen wir es derart, dass sie lernen, zukünftige Probleme -auf eigenen Beinen stehend- selber zu lösen und uns dann nicht mehr brauchen. Wir machen es methodisch, zielorientiert und nachhaltig.

Methoden: können definiert werden, als planmäßige Verfahren und Techniken um zu gesetzten Zielen zu gelangen. Die Methoden der Sozialen Arbeit sind selbstoptimierend, da den Hilfeprozess begleitend, sowie an dessen Ende (Zwischen-) Erfolge und Niederlagen kritisch reflektiert werden und die Ergebnisse jeweils zur Optimierung unmittelbar in die konkrete Fallbearbeitung, als auch mittelbar in die allgemeine Sozialarbeit einfließen.

Strategie: lässt sich definieren als „genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein... politisches oder psychologisches Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen könnten, von vornherein einzukalkulieren versucht."<ref>Duden-Fremdwörterbuch 1982.</ref>

Hilfe zur Selbsthilfe:

Das Leitziel der Sozialen Arbeit ist‚ ‚Hilfe zur Selbsthilfe' zu leisten. Dies verdeutlicht den Zeithorizont, der unsere Arbeit als professionelle charakterisiert. Unsere Hilfe folgt nicht kurzfristig einem Selbstzweck, sondern ist ein Mittel zu einem Zweck, der -als Selbsthilfe' bezeichnet- erst in der Zukunft seinen Erfolg verdeutlicht. Es geht um Ausweitung von Lebenskompetenzen zur Verhinderung, Reduzierung und Beseitigung sozialer Benachteiligungen. Während freundschaftliche Hilfen darauf abzielen, langfristige Kontakte zu pflegen, zielt unsere Arbeit auf die Beendigung des Kontakts. Wir waren dann erfolgreich, wenn wir überflüssig geworden sind. Aus zwei Gründen ist es deshalb auch notwendig, gegenüber dem Klientel ausreichend soziale Distanz zu wahren und eigene persönliche Interessen in den Hintergrund treten zu lassen:

  • Zum einen müssen wir selber die Ablösung emotional verarbeiten, wenn unsere Klienten uns verlassen.
  • Zum anderen ist unsere Arbeit eine Form von Manipulation, die sich nur aus dem Interesse unseres Klientels legitimieren lässt und uns ein unmittelbares Eigeninteresse verbietet.

Wie noch zu zeigen sein wird, erfordert es viel Energie, im direkten Klientenkontakt gleichzeitig

  • stets genug Einfühlungsvermögen zu zeigen, um die Klienten zu verstehen, deren vorhandenen Ressourcen wahrzunehmen, naheliegende aufzuspüren und diese gemeinsam zu erschließen,
  • stets sich selbst zu reflektieren und zu kontrollieren, um unsere privaten Maßstäbe und Interessen aus dem Zentrum des Geschehens heraushalten,
  • stets zwar Fernziele zu verfolgen, die oft für die Klienten noch nicht greifbar sind, dabei jedoch offen und flexibel zu bleiben, um die Geschwindigkeit nicht zu diktieren und auch kleine Umwege zuzulassen,
  • stets den Klienten weiter als Person ernst zunehmen, selbst wenn er sich dämlich verhält,
  • (...)

Theoretische Lehrinhalte sind wichtig, um die Wahrscheinlichkeiten für erfolgreiche praktische Arbeit zu erhöhen. Sie kann helfen,

  • zielgenauer die für den Hilfeprozess wichtigen Akteure und Faktoren zusammenzutragen,
  • zur richtigen Zeit die richtigen Fragen an die richtigen Personen in der richtigen Form zu richten,
  • Bereitschaft und Fähigkeit für Einfühlungsvermögen und Selbstreflexion zu entwickeln,
  • die einzelnen Schritte der Hilfe in die richtige Reihenfolge zu bringen und in richtiger Dosierung und Geschwindigkeit umzusetzen,
  • die Selbsthilfe- aber auch die Hilferessourcen der eigenen und kooperierenden Professionen und Institutionen kennen und nutzen zu lernen,
  • (...)

Sozialarbeitern wird häufig unterstellt, spontan aus dem Bauch heraus zu handeln. Genau hinter diesem Eindruck verbirgt sich jedoch die eigentliche Kompetenz des Profis. Obwohl unendlich viele Hintergedanken zeitgleich miteinander in Beziehung gestellt werden, gelingt es -nach außen- scheinbar ‚normal' zu handeln. Die Klienten würden darüber erschrecken, wie viel Hintergedanken handlungsleitend sind; nicht weil die Hintergedanken böse sind, sondern weil sie umfassender und tiefer gehen, als ihnen wahrscheinlichlieb ist... Bauingenieure gewinnen eher an Seriosität, wenn sie ihre Klienten regelhaft damit vertrösten, noch einmal nachrechnen, prüfen oder ein Statikgutachten einholen zu wollen, bevor sie verbindliche Angaben machen. Dies ist bei Sozialpädagogen anders; sie können es sich nur im Ausnahmefall leisten, Bedenkzeit zu erbitten, um noch mal nachzulesen, wollen sie sich ihre fachliche Kompetenz nicht in Frage stellen lassen...

Theorie kann verstanden werden als ‚verdichtete Praxis'. Grob vereinfacht hat bsp. eine Drogenberatungsstelle auf einem Kongress geäußert, dass viele ihrer Klienten aus Ein-Eltern-Familien kommen. Sie stellen die These zur Diskussion: Die Ein-Eltern-Familie könne eine zentrale Ursache dafür sein, dass die Wahrscheinlichkeit für Suchtprobleme steigt. Andere Träger werden nun aufgefordert bis zum nächsten Kongress -zwei Jahre später- diese These genauer bei ihren ‚Einzelfällen' zu überprüfen. Zunächst unsystematisch erhoben, zeigt sich, dass der Sachverhalt bei 75% der Klienten zutrifft, das reicht aus, um die These als Forschungsfrage zu formulieren: Führt das Fehlen eines Elternteils zur Sucht? Nun kann ein Forschungsantrag geschrieben werden und die Hypothese systematisch durch ein Forschungsinstitut überprüft werden. Tatsächlich trifft sie vielleicht bei 73,2% zu. Dies wird in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Spätestens dann ist es aus der ‚Verdichtung von Praxis' Theorie geworden: Die Ein-Eltern-Familie fördert Sucht! Dies provoziert andere Wissenschaftler, die das Forschungsdesign anzweifeln, weil ihre These der genetischen Disposition nicht gleichzeitig geprüft wurde und man nur den falschen Eindruck vermitteln möchte, die Gesellschaft sei schuld; andere bestehen weiterhin auf ihre lerntheoretische Begründung, nächste behaupten, es läge am autoritären Erziehungsstil..., letzte fassen zusammen: Nicht fehlende Eltern verursachen Suchtprobleme, sondern Suchtprobleme haben einen multifaktoriellen Verursachungszusammenhang. Die Auseinandersetzung wird dann als theoretischer Diskurs bezeichnet.

Ich weiß mit theoretischem Wissen nicht unmittelbar die Lösung oder Ursache des Problems, aber ich weiß, wo ich schneller Anhaltspunkte finde um das Problem mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit zu lösen, als es ‚theorielos' und unstrukturiert möglich wäre... Theoretisches Wissen bietet also keine Garantien und kann keinesfalls als Rezept benutzt werden; es geht immer nur um die Erhöhung von Wahrscheinlichkeiten. Theorien bieten immer nur ein Hilfsgerüst; nicht der Einzellfall wird in das Gerüst gezwängt, sondern vor dem Hintergrund des Gerüsts systematisch betrachtet. Die meisten Situationen in der Arbeit sind von Spontaneität geprägt; hier kann Theorie auch störend und lähmend wirken, wenn man sie jeweils erst kleinteilig rekapitulieren muss, um handlungsfähig zu werden. Da wir intuitiv handeln, müssen die nötigen theoretischen Fragmente als Handlungskompetenz fest internalisiert werden. Zusammenfassend kann man sagen, dass Theorie und Praxis in einer wechselseitigen symbiotischen Beziehungen stehen. Die ab- und ausgrenzende Gegenüberstellung von Theorie und Praxis ist theoretisch nicht möglich, weil sie sich wechselseitig bedingen; sie ist unprofessionell oder einfach dumm.

Ausschlaggebende Kompetenzen wie Phantasie, Spontaneität, Haltungen gegenüber anderen/benachteiligten Menschen, Selbstreflexion, Rollenvarianz, Einfühlungsvermögen lassen sich genau so wenig im theoretischen Studium erlernen wie ein persönlicher Stil, die Fähigkeit zur Selbstkritik oder innere Ausgeglichenheit... Ein Studium kann hier nur hervorlocken, fördern, modifizieren, trainieren und reflektieren, was zumindest in Ansätzen schon vorhanden ist. Diese Kompetenzen kommen erst dann zur Geltung, wenn man sie -dem Einzelfall des Menschen und der Situation angemessen- einsetzen und steuern kann. Gerade die Berufsanfänger müssen sich immer wieder verdeutlichen, dass ihre Klienten in ihrer Klientenrolle oft viel mehr Erfahrung haben als sie in ihrer Sozialpädagogenrolle; die Klienten haben schon mit viel mehr anderen Sozialpädagogen trainiert, als andersrum...

Der Stil ist entscheidend besonders für gelingende Erstkontakte:

  • Es gibt dynamische Kollegen, die von Aussehen, Kleidung, Mimik, Gestik und Bewegung sofort viel Raum in Anspruch nehmen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen, gleich mit den Klienten ins Gespräch kommen, lustige Sprüche finden und sich schon am ersten Tag mit einem lässigen Händeabklatschen verabschieden. Sie haben immer sofort einen Rat und schaffen es, immer freundlich zu gucken...
  • Andere schaffen es, schon nach Tagen, Klienten mit gesenktem mitfühlendem Blick und anteilnehmender ruhiger Sprache zur Begrüßung zu fragen, wie es ihnen denn heute geht und wie viel sie denn inzwischen schon abgenommen haben. Sie wissen beim zweiten Treffen nicht nur den Namen des Klienten, sondern auch jene der nächsten Bekannten und Freunde; sie wissen auch wo und wann sie geboren sind. Teils wird schon bei der ersten Begegnung die Hand gestreichelt, Tränen dürfen frei fließen...
  • Die letzten scheinen gelangweilt und desinteressiert. Sie spielen damit, so die Neugier zu wecken und versuchen von Beginn an den Eindruck zu vermeiden, ihnen sei mehr an den Klienten gelegen als andersrum. Sie haben sich aber auch soweit unter Kontrolle, dass man sie bei keinen suchenden Blicken nach positiven Reaktionen erwischt. Wenn die Klienten erste Annährungsversuche machen, bleibt man noch zurückhaltend und schnappt einzelne Probleme auf. Es wird sich nicht auf sie gestürzt, sondern fast beiläufig am Ende des Gesprächs noch mal zusammengefasst und gefragt, ob man sich mal was überlegen, nachlesen oder irgendwo nachfragen soll... Dann macht man sich langsamen Schrittes und gelangweilten Blickes auf den Weg ins Büro; reißt sich dann -kaum ist die Tür verschlossen-ein Bein aus, um am nächsten Tag still und bescheiden imponierende Vorschläge zu machen; das soll sich dann bei allen rumsprechen...
  • (...)

Alle Stile haben ihre Berechtigung und Erfolge; wichtig ist dass man sein persönlichen Stil in Einklang bringt mit Arbeitsfeld, Zielgruppe und Situation. Der erste Typ bietet sich z.B. an bei freiwilligen Angeboten im Freizeitbereich und weniger im Erstgespräch der neuen Aids-Selbsthilfegruppe. Der zweite Typ wird eher Probleme als Streetworker mit Jugendlichen haben. Ob aber der erste oder der dritte Typ bei den Punkern vom Bahnhof beliebter ist, entscheidet die Situation. Diese beiden Typen sind vielleicht seltener in Sterbehospizen zu finden... Die selbstreflektierte Wahrnehmung meines Stils wird sicherstellen, dass ich Arbeitsfelder suche, die zu meinem Stil passen.

Zwar kann auch die persönliche Haltung, mit der man seinem Klientel begegnet in großem Maße differieren. Im Gegensatz zum Stil schließen sich einige Haltungen jedoch prinzipiell aus: Aus Gründen der Erfolgschancen wie der Berufsethik ist es erforderlich zwischen dem Klienten als Mensch und seinem Verhalten zu unterscheiden. Gilt das Verhalten des Klienten allgemein und auch für mich persönlich als völlig indiskutabel, müssen wir in der professionellen Interaktion den Klienten als Menschen trotzdem ernst nehmen und akzeptieren, um eine fruchtbare Arbeitsgrundlage aufzubauen. Ohne gute Arbeitsgrundlage gibt es keine Möglichkeit, auf das Verhalten Einfluss zu nehmen. Für das Verhalten müssen wir kein Verständnis haben; sollten es jedoch verstehen können, sind Ansatzpunkte zur Veränderung sonst kaum zu finden. Verstehen bedeutet ausdrücklich nicht, Verständnis i.S. einer moralischen Bewertung zu zeigen!

Franz aus dem Kinderheim geht mit 16 Jahren in die Sonderschule. Seine intellektuelle Entwicklung ist eher mit der eines 12jährigen vergleichbar. Wenn er deshalb und wegen seines massiven Übergewichts von anderen gehänselt wird, gerät er leicht außer Kontrolle und setzt seine körperliche Stärke ein. Auch wenn er alte Menschen beraubt, setzt er seine Kraft ein, um ‚Herr' über Lebenssituationen zu werden. Seine Eltern in Ungarn hat er mit drei Jahren das letzte mal gesehen und ist bei Verwandten aufgewachsen. Im Alter von 13 ist er vom Kinder- und Jugendnotdienst einem Heim zugewiesen worden, nachdem er zum zweiten Mal von der Polizei nach einem Kioskaufbruch volltrunken aufgegriffen wurde und die Verwandten sich nicht mehr um ihn kümmern wollen. Er fühlt sich verstoßen und gezwungen, in dem ärmlichen Heim zu wohnen, während die Familie -wie er allen sagt- mit teuren Autos rumfährt, ‚Geld ohne Ende' hat und die Eltern ein riesiges Haus mit Blick auf den Plattensee haben... Er bindet im Heim soviel Zeit und Energie, dass die Erziehung der anderen nicht mehr sicherzustellen ist. Die Vorstellung der Kollegen ‚über alles reden zu können und zu müssen' kollidiert mit seiner Sprachstörung und erschwert die Kommunikation, hat er im Gespräch doch latent das Gefühl, ohnmächtig zu sein. Ein Gutachten vom psychiatrischen Dienst muss eingeholt werden und soll eine intensivere Betreuung empfehlen... Er kann nicht genau überblicken, worum es geht, hat mich aber als engagierten Jahrespraktikanten erlebt und vertraut mir. Mir ist Unwohl zumute, geht es doch darum, ihn gutachterlich ‚herunter zu stufen' um eine höhere Zuwendung zu erhalten. Andere Möglichkeiten sah ich aber nicht, seine Bedarfe an Zuwendung zu realisieren. Wir fahren mit der Bahn in die Stadt, gehen Richtung Verwaltungshochhaus, fahren in 10. Stock, gehen 20 Meter den langen dunklen Flur runter und stehen dann vor dem Schild ‚Jugendpsychiatrischer Dienst des Jugendamtes', 80X40 cm groß. Wenn er auch sonst nicht lesen kann - das war deutlich! Ich spiele mein Entsetzen runter, kann ihn gerade noch überreden, nicht wegzulaufen. Wir werden hereingebeten:

  • Ein kurzes ‚Guten Tag' zu mir. Frank! Setz dich doch hin! Weißt du eigentlich wie dick deine Akte ist?' Sie wird auf den Tisch geknallt. Ich muss dir ja wohl nicht sagen, wie viel es den Steuerzahler kostet, solche wie dich durchzuschleppen. Dass du so ein Scheiß machst, ist das etwa der Dank? Wäre ich dein Vater, hätte ich dich auch hier zurückgelassen. Solche Leute wie du sind echt das Letzte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mir das stinkt, nun noch mehr Geld zu bewilligen! Mit den Zigeunern ist es immer wieder so ein Ärger? Aber ich muss dir nicht erklären, wo solche Kinder wie du sonst landen würden...
  • Mit einem Grinsen im Gesicht, etwas in die Knie gegangen, um sich seiner Größe anzunähren mit hoher Stimme die zum Satzende immer noch etwas höher ausfiel, guckt sie Franz an und sagt: „Ach das ist der kleine Franz der uns immer so ein Ärger macht" und streichelt ihm über den Kopf. „Wie geht es uns denn heute?" Ohne eine Antwort zu erhalten dreht sie sich zu mir, zeigt Franz die Schulter: „Bisher hab ich ja immer nur viel über ihn gelesen. Ich freue mich ja so sehr, ihn nun auch mal zu sehen. Ich hab auch einen Keks für ihn. Soll ich für uns was zum Trinken kommen lassen?" Warum spricht sie ihn nicht direkt an, überlege ich. „Wenn sie Kaffee haben? Danke gerne!" „Ja - Und für Franz eine Schokomilch?" Ich guck Franz an, zieh fragend die Augenbraunen hoch. Er sagt nichts - guckt verstört. „Nein. Franz trinkt auch Kaffee, wenn sie denn viel Milch haben." Du trinkst schon Kaffee?! Das ist ja ein Ding" sagt sie mit singender Stimme und lacht. Franz findet es sichtlich nicht lustig. Unsensibel ist er nicht! Warum ist er noch so nett? Will er mir einen Gefallen tun?... frage ich mich. „Na dann setzen wir uns mal." Sie sitzt an der breiten Seite vom Schreibtisch, ich gegenüber, Franz hat einen kleineren Stuhl an der Seite. Eh nicht der Größte versperrt ihm auch noch ein Aktenstapel den Überblick. Jetzt guckt sie mich etwas weniger lächelnd an und fragt mit plötzlich festerer Stimme. „Nun erzählen Sie mal, wie es Franz denn so geht." Irritiert sage ich, dass sie Franz selber fragen könnte, wo er denn doch schon einmal hier sitzt. Stimmt fällt ihr ein, beugt sich etwas in seine Richtung und fragt wieder in der bekannten Stimmlage. „Magst du mir mal erzählen, wie es dir denn so in letzter Zeit geht?" „Nein!" „Warum denn nicht?" „Weil ich sie doof finde!" Damit hat er recht und eigentlich bin ich etwas stolz auf ihn; das Gespräch ist aber beendet, ich fühle mich irgendwie als Versager und hab Angst vor meinem Chef...

Ich kann ihm glaubhaft erklären, dass ich die Frau nicht kenne, ich es mir anders vorgestellt habe, es mir leid tut, dass ich die Frau auch nicht so toll finde. Ich will ihn als Wiedergutmachung zu Mc Donalds einladen:

Er bedauert, nicht zu wissen wo und wie ich wohne und er möchte lieber bei mir Zuhause etwas Richtiges kochen. In der Hoffnung ihn abzuschrecken sage ich ja unter der Bedingung, dass er kocht und dies auch für meine Mitbewohner. Er stimmt zu, ich gebe ihm 30 Mark. Er kauft frisches Gemüse, Salat, Obst, Reis, Putenfleisch, Butter, Oliven, Zitronen -‚Zwiebeln, Mehl und Zucker hätten wir ja wohl zuhause'- und eine Flasche Wein sollte ich selber aussuchen. ‚Aber ein trockner und nicht teurer als fünf Mark. Bis auf drei DM Restgeld behält er einen guten Überblick über die Preise. Zuhause schimpft er, dass wir keine Weingläser und nur uneinheitliches Geschirr haben. Ich muss mich hinsetzen, darf nichts machen und soll die Zeitung lesen und ruhig sein. Zum Fleisch gibt es Pilzsoße mit etwas Rotwein, Zwiebeln und Knoblauch sowie Reis. Zum Nachtisch gibt es Birnen und Weintrauben, nebenher grünen Salat mit Tomaten und Schafskäse vorab ‚nur' eine Dosensuppe. Das ganze Geschirr und Besteck wird in der richtigen Reihenfolge angeordnet; zum Servieren und Weineinschänken legt er sich ein Geschirrhandtuch über den Unterarm... Der Ton mir und den Mitbewohnern gegenüber ist etwas ruppig und der Herd verschmutzt... aber ich war sprachlos und keiner meiner Kollegen wollte es später glauben...

Empathie und Selbstreflexion sind persönliche Fähigkeiten, die durch ein Studium nur optimiert, nicht jedoch neu erworben werden können; für die Arbeit sind sie fundamental. Um mit den Klienten eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zu finden, muss man sich in die Sichtweisen des anderen hineinversetzen können und bereit sein, das eigene Handeln, sowie die eigene Sicht auf Mensch und Welt, kritisch zu hinterfragen, hinterfragen zu lassen und zumindest im beruflichen Kontext ggf. auch zu verändern. Wer bisher nicht über sich selbst lachen konnte, rechthaberisch ist, bei Kritik an seiner Person unmittelbar aggressiv reagiert, zur Selbstüberschätzung neigt, andere oft falsch versteht/verstehen will, selbst oft nicht verstanden wird..., wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Kommunikationsprobleme mit seinem Klientel haben. Das fängt schon bei kleinen Irritationen an, wo man sein Verhalten nicht hinterfragt und keine Vorstellung entwickeln kann oder will, wie es beim Klientel ankommt:

Die Kinder im Kinderheim müssen an die Tür des Mitarbeiterzimmers anklopfen und das ‚Ja!' abwarten, während die Erzieher ohne anzuklopfen direkt -auch in ihrer Abwesenheit- in die Zimmer gehen. Die Erzieher haben einen Generalschlüssel, die Kinder gar keinen. Die Symbolik von Schlüsseln wird von den Klienten ohne Schlüssel genau wahrgenommen, während die Schlüsselbesitzer eher unbewusst riesige Schlüsselbünde sichtbar mit sich rumschleppen, sie ständig, fast rituell und laut hörbar die Schlüssel auf die Tische fallen lassen oder unterbewusst fast zwanghaft sich im Gespräch daran klammern und hörbar mit ihnen spielen...

Ich hab z.B. seit meiner Kindheit ein gestörtes Verhältnis zu Büchern. Bücher kamen in meiner Familie nur in geringer Anzahl vor. Sie wurden selten gelesen und spielten auch zu Repräsentationszwecken keine Rolle; sie standen im Hintergrund. Seit ich denken kann schüchtern mich große gefüllte Bücherregale ein, ich fühle mich in körperlicher wie geistiger Größe gestutzt, spüre Schluck- und Atemeinschränkungen und glaube zumindest, zu erröten. Sartre beschreibt in seiner Autobiographie ‚Die Wörter' die Bedeutung von Büchern:<ref>Sartre, Jean-Paul: ????Die Wörter 20f,37,38,55</ref>

„Wem sollte ich auch gehorchen? (...) Ich 'liebe sie (die Mutter), aber wie könnte ich sie respektieren, wenn niemand sie respektiert? (...) Blieb der Patriarch: er glich Gottvater so seht, dass man ihn oft damit verwechselt. (...) Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern. Im Arbeitszimmer meines Großvaters lagen sie überall; es war verboten, sie abzustauben, mit Ausnahme eines Tages im Jahr, vor dem Semesterbeginn im Oktober. Ich konnte noch nicht lesen, aber ich verehrte sie bereits, diese aufgerichteten Steine: mochten sie gerade stehen oder schräg, dichtgedrängt wie Ziegel auf den Borden des Bücherschrankes oder in noblem Abstand voneinander, wie die Alleen mit vorgeschichtlichen Steinsäulen in der Bretagne, immer fühlte ich, dass der Wohlstand unserer Familie von ihnen abhing. Sie glichen einander alle, ich bewegte mich in einem ganz kleinen Heiligtum, umgeben von stämmigen und sehr alten Monumenten, die zugesehen hatten, wie ich geboren wurde, die mich sterben sehen würden und deren Permanenz mir eine Zukunft garantierte, die so ruhig sein würde wie die Vergangenheit. Ich berührte sie heimlich, um meine Hände durch ihren Staub zu ehren, wusste aber nicht recht, was ich mit ihnen anfangen sollte, und erlebte jeden Tag einige Zeremonien, deren Sinn mir nicht aufging. Mein Großvater, der für gewöhnlich so ungeschickt war, dass meine Mutter ihm die Handschuhe zuknöpfte, handhabte diese Kulturobjekte mit der Geschicklichkeit eines Messdieners. Ich habe tausendmal gesehen, wie er geistesabwesend aufstand, um den Tisch ging, mit zwei Schritten beim Bücherbord war, ohne zu zögern ein Buch nahm, ohne sich die Zeit zur Wahl zu lassen, es aufblätterte, während er zu seinem Sessel zurückkehrte, um es dann, kaum dass er wieder Platz genommen hatte, durch eine kombinierte Bewegung von Daumen und Zeigefinger brüsk auf der richtigen Seite zu öffnen, wobei er es wie einen Schuh krachen ließ. Manchmal kam ich näher, um die Bücher zu beobachten, die sich aufspalteten wie Austern, und ich entdeckte die Nacktheit ihrer Eingeweide: verschimmelte Blätter leicht aufgetrieben, bedeckt mit schwarzen Äderchen, die Tinte tranken und wie Pilze rochen. (...) Ich hatte meine Religion gefunden; nichts erschien mir wichtiger als ein Buch; die Bibliothek sah ich als Tempel."

Als kleiner Junge identifiziert er sich mit dem patriarchalen Großvater bei dem er mit Mutter und Großmutter aufwächst. Dieser Mann imponierte ihm nicht zuletzt dadurch, dass er die Frauen missachtet. In die Bibliothek hinter die großen Eichentüren, die um ein vielfaches größer waren als der kleine Sartre selbst, zog sich der Opa immer dann kommentarlos zurück, wenn die Frauen genervt haben und er schlechte Laune hatte; später kam er guter Stimmung wieder zurück. Schon im Vorwege projizierte Sartre Mythen auf diesen Raum und fühlte sich in die Welt der Männer aufgenommen, als er erstmals mit hinein durfte. Schwindelig von diesen Eindrücken streichelt er die Bücher, die er von Gewicht und Umfang kaum zum Lesepult tragen konnte. Immer häufiger spielte er nun Lesen: Ohne ein Wort zu verstehen zelebriert er die Lesekunst Zeichen für Zeichen, stundenlang... Ich ertappe mich immer noch dabei, zunächst genau zu prüfen, ob ich angesichts des Bücherbestandes neuer Bekannte frei reden kann oder ich überlege, ob ich Bücher aus dem Keller holen und ins Regal stellen sollte, um mehr Eindruck zu machen... Wenn ich diese Gedanken verspüre, muss ich unauffällig in mich hineinlachen und kann die Gedanken inzwischen wegwischen. Eine Vorstellung davon ist aber immer noch vorhanden, wenn ich mir überlege, wie wichtig es ist, in Räumen zu arbeiten, die das Klientel nicht befremden oder einschüchtern...

Gemeinsam mit Studenten arbeite ich in einem Stadtteilcafé in einem benachteiligten Stadtteil. Petra 15 ist regelmäßiger Gast. Zu Beginn der Arbeit begrüßt sie uns u.a. mit ‚Na du Arsch. Fick dich ins Knie' oder ‚Verpisst euch ich Fotzen' und löste damit Befremden aus. Wir haben uns im Team verständigt, dass dieses Verhalten keine Form von Hilferuf sei, sondern eindeutig in die Kategorie ‚frech und unverschämt' gehörte. Das hieß für uns bei (relativ) freier Wahl der Mittel, dieses Verhalten zu unterbinden. Der eine Kollege hat das Problem sehr individuell gelöst: Sie tief und streng in die Augen blickend sagte er „Du kleine miese Kröte. Halt die Fresse du stinkst." Ich beachtete sie gar nicht, sag jeweils nur ohne einen Akzent von Ärger in der Stimme so etwas, wie ‚Ja, Ja. Ist schon gut', klopf ihr großväterlich auf die Schulter, ‚aber lass mich doch einfach mal durch' und schieb sie sanft, über sie hinwegguckend zur Seite und gehe ohne die Geschwindigkeit zu zügeln an ihr vorbei. Andere haben sie gefragt, ob sie Lust hätte mal bei Kaffee und Kuchen zu erklären, was sie den gegen uns hätte, dass man dies Verhalten nicht versteht, es aber gerne verstehen würde und es anderenfalls einfach nur als kindisch einordnen müsste. Im Laufe der Zeit haben alle zu einem akzeptablen Umgang gefunden und v.a. die Studenten ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut. So erfuhren wir im Laufe der Zeit, dass ihre Wohnsituation räumlich unzumutbar war und sie sich mit der Mutter immer nur stritt. Das Jugendamt drohte, weil sie nachdem sie schon zwei mal in der Schule sitzengeblieben ist, nun schon wieder ein halbes Jahr die Schule schwänzt... Als Fernziel für die Zukunft konnte vielleicht formuliert werden, dass sie möglichst eine Ausbildung macht und möglichst schnell eine eigene Existenz aufbaut. Zunächst ging es um die Wohn- und Schulsituation. Immer wenn über Schule geredet wurde, wurde sie wütend, hatte keine Lust, seien dort doch alles noch kleine Kinder. Wir mussten ihr später Recht geben und konnten eigentlich auch nicht richtig begründen, wofür Schule in diesem Einzelfall gut sein soll. Abitur oder Realschulabschluss eröffnen wahrscheinlich Türen zu erfolgreichen Berufskarrieren, aber wie sieht es bei einem schlechten Hauptschulabschluss aus? Spontan dachten wir, dass Schule immer wichtig ist, hatten dabei vielleicht aber das eigene Kind oder den kleinen Bruder im Kopf, bei dem es darum geht, ob es nach der Realschule noch aufs Gymnasium gehen soll... Petra war es gewohnt und musste es als Zwang empfinden, wenn alle Erwachsenen vom Lehrer über Jugendamtsmitarbeiter, Student, Dozent und den anderen Besuchern gesagt kriegt, sie soll zur Schule gehen, weil das gut für sie sei, es alle tun und sie später doch mal ein guten Job mit viel Geld haben will... Zumindest intuitiv muss ihr klar gewesen sein, dass die suggerierte Erfolgsgarantie erlogen war. Würden wir diese Begründungen wiederholen, konnte sie also aus gutem Grunde misstrauisch sein. Bei der heutigen Entwertung von Schulabschlüssen konnte man kaum glaubhaft vermitteln, dass ein schlechter Hauptschulabschluss eine befriedigende Berufsentwicklung einleiten würde. Zunächst hatten wir nur am Rande aufgeschnappt, dass sie Pferdebilder sammelt und Pferde toll findet; erst später wurde dies zu einem zentralen Punkt unserer Arbeit. Wenn wir sie mit dem Thema Schule verärgern und auch Schule keinen Berufseinstieg garantiert, war die Frage, ob man das Pferd nicht einfach in den Mittelpunkt stellen kann... Wir machten eine Exkursion zu einem Kinderheim-Bauernhof. Es gab Schweine, Hühner, Galloway-Rinder und eben auch Pferde. Genau wie in Holz- und Metallwerkstatt oder Küche ging es auch bei den Tieren nicht um die therapeutische Bedeutung, die Beschäftigung an sich oder die Freizeit, sondern um Berufsvorbereitung. Neben der konsequent durchgesetzten Schulpflicht ging es um Mitarbeit in allen Bereichen auf hohem Niveau. Da sich dies im Landkreis rumgesprochen hat, war es dort dann auch kein Problem, Berufspraktika und Ausbildungsplätze zu finden. So hätte man auch gute Pferdewirtin unabhängig von Abschlussnoten werden können. Als Pferdezuchtbetrieb mit eigener Reithalle, professionellem Reitunterricht und der Möglichkeit, auch Turniere zu bestreiten, war ‚Pferd' kein Freund, sondern ein Arbeitsfeld. Wir waren uns einig, dass man Petra, ‚hintenrum gewinnen' muss; uns war klar, dass zwingend die Worte ‚Schule', ‚Ausbildung' ‚Beruf'... vermieden werden sollte. Viele -v.a. Pferdebilder- wurden geschossen, entwickelt und solange mitgeschleppt, bis Petra in Hörweite saß. Die Studenten holen die Bilder raus, erinnern sich raumgreifend daran, wie schön es war und benutzen öfter das Wort ‚Pferd'... Petra möchte sich das sofort angucken, kommt zum Probewohnen, ist begeistert, würde dafür auf jeden Fall umziehen und auch zur Schule gehen. Sie steht dort sieben Stunden früher auf als sonst, kümmert sich um Ställe, Fressen und Fell... Das Jugendamt verweigert die Kostenübernahme wegen 15DM/Tag zu hoher Kosten und organisiert die Unterbringung billiger, irgendwo ‚wo auch Pferde sind'. Dies sind kleine Ponys zum Schmusen. Die berufliche Dimension war Petra selbst natürlich nicht deutlich oder wichtig und das Jugendamt ordnet pädagogische Kriterien leider regelhaft den finanziellen unter... Unseren schlauen Blick in die berufliche Zukunft Petras wollte niemand teilen...

Spontaneität ist wichtig, um Problemsituation zu meistern. Spontan sein bedeutet, unmittelbar personen- und situationsadäquat handeln zu können, obwohl man aus seinen eigenen Gedanken und Planungen gerissen wird und keine Zeit hat, an einer fachlich fundierten Strategie zu feilen. Spontaneität ist gefordert,

  • wenn die 16jährige Andrea nachts um 23 Uhr während der Nachtwache halbnackt im Dienstzimmer erscheint und wissen möchte, ob ich sie zu dick finde.
  • wenn plötzlich die Kinder bei Regenwetter auch im Haus eine Höhle bauen wollen, einem dann sofort das Zelt im Keller oder die Umzugscartoons in der Garage einfallen...
  • wenn eine Klientin anfängt, Blut zu spucken und auf dem Weg ins Krankenhaus erzählt, dass sie Bulimie hat, sollte spontan einfallen, dass dies häufig mit ‚Borderline-Syndrom' zusammenhängt und dies irgendwas zu tun hat mit Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es besteht die Gefahr, dass ‚normale' freundliche Anteilnahme des Pädagogen von der Klientin überinterpretiert wird kann. Deswegen muss ich nicht ablehnend reagieren, aber sie vielleicht auch nicht gleich tröstend in die Arme nehmen, bevor ich mich später genauer informiert habe. Ob und in welcher Form man dann am nächsten Tag die glücksbringende Holzkette als Dankesgeschenk annehmen soll, weil man ‚so lieb' gewesen sei, bleibt eine Gradwanderung...
  • wenn ich gerade im Dienstbuch schreibe, Fritz plötzlich vor mir steht und im Befehlston mich anmotzt, ich soll ihm Kuchen kaufen, weil seine Großeltern zu Besuch ins Heim kommen; wenn ich weiß, wie wichtig ihm die Großeltern sind, ich allein die Idee, sie bewirten zu wollen, schon als Erfolg, interpretiere, mir den Ton trotzdem aber nicht bieten lassen möchte, muss ich spontan reagieren. Die Möglichkeit, die Rolle des Gastgebers kennen zu lernen, darf ihm aber auf keinem Fall genommen werden. Sein Taschengeld ist aber zu gering als dass er selber Kuchen kaufen kann und die Gruppenkasse sieht solche Ausgaben nicht vor. Vielleicht ist es aber wichtig, wenn er sich zu einem relevanten Teil selber beteiligt um einem instrumentellen Verhältnis zur Haushaltskasse vorzubeugen und ihn stärker und nachhaltiger am Erfolg teilhaben zu lassen... In Sekundenschnelle setze ich meinen gelangweilten Gesichtsausdruck auf und sage: „Alter lass mich in Ruhe siehst doch, dass ich beschäftigt bin. Du hast es lange genug gewusst, dass die Großeltern kommen, also hau ab! Kannst ja selber einen Kuchen backen." Sofort schimpft er ‚geiziges Arschloch' und knallt die Tür zu. So weit war es vorhersehbar, ob er nun aber den Hintergedanken aufnimmt und später -nachdem er sich beruhigt hat- zurückkommt und fragt, wie es geht mit dem Backen, war ungewiss. Auch war ich mir unsicher, wie lange ich warten soll, bis ich ihm von mir aus die Hilfe anbieten und ob ich ihm nicht noch hätte sagen sollen, dass Backen nicht schwer ist und ich ihm dann auch helfen würde..? Nach zwei Stunden kam er kleinlaut zurück und ließ sich helfen. Die Küche war schmutziger als Not getan hätte und er saß eine Stunde am Fenster vom Herd und sah seinem Kuchen beim Wachsen und Gedeihen zu. Eine Woche später war wieder Krach in der Küche. Nach schwerem Training hatte ich mir abgewöhnt, wie ein Wachmann immer gleich und unmittelbar in der Tür zu stehen, wenn ich was ungewöhnliches höre. Ich hab gelernt, erst einmal durchzuatmen und mir Zeit zu lassen... Von sich aus hat er wieder einen Kuchen gebacken um einer Kollegin zum Geburtstag eine Freude zu machen. Zwar hatte er die Eier vergessen; das lässt man sich natürlich nicht anmerken; man kann sich ja ein Monat Zeit lassen, um ihn ein weiteres Mal zu loben und das mit den Eiern zu erklären...

Intuition kann als eine Form von Spontaneität betrachtet werden, die gar keine Zeit mehr zum Überlegen lässt. Es wäre riskant, Intuition zu einer Schlüsselqualifikation professionellem Handelns zu erklären, in Ausnahmesituation kann sie jedoch unverzichtbar sein.

  • Wenn Fritz den Kleinen kopfüber an den Beinen über das Geländer im 2. Stock oder ihm den Kopf überstreckt und ein Fleischmesser an den Hals hält und droht zustechen, kann man nicht mehr nachdenken...
  • Nachdem ich mit Fritz auf dem Verkehrsübungsplatz war und ihn, wie viele Eltern -v.a. Väter- es gerne tun, hab Auto fahren lassen, machten wir einen Ausflug an die Nordsee. Zusammen mit einer Kollegin wollte ich noch in der Stadt spazieren gehen. Er -wie immer faul- wollte im Auto bleiben und Musik hören. Dafür brauchte er den Schlüssel; das Auto stand unmittelbar am Hafenbecken. Zeitgleich mussten die Möglichkeit von Vertrauensbildung und Katastrophe gegeneinander abgewogen, sowie die Möglichkeit von Knast und Verlust der staatlichen Anerkennung bedacht werden...

Phantasie kann ggf. dann weiterhelfen, wenn die reine Lehre unserer Fachdisziplin und der ‚gesunde Menschenverstand' an Grenzen stoßen.

  • Wenn die kleinen Kinder inspiriert durch das Fernsehen mit einem Apfel vor mir stehen ihn einbuddeln, und beim Wachsen zusehen und die gereiften Äpfel später essen wollen, kann man sich zunächst überfordert fühlen. Natürlich hat ‚Die Sendung mit der Maus' damit Recht, dass es prinzipiell genau so funktioniert; nur wie erkläre ich dem Kind, was Erfolgswahrscheinlichkeit i.d.Z. bedeutet und was ein Zeitraffer im Film ist? Man muss kein Gärtner sein, um die Wahrscheinlichkeit von Frustrationen zu erkennen. Um Frust zu vermeiden vereinbaren wir den Kompromiss, gemeinsam Tomatenpflanzen zu kaufen, Zwiebeln einzupflanzen und einen 3jährigen Apfelbaum zu kaufen. Mit Sicherheit werden einige Tomaten kommen, mit großer Geschwindigkeit wachsen und essbare Früchte tragen; der Apfelbaum braucht dann noch etwas Zeit und die Zwiebeln zeigen schon nach 10 Tagen erste Reaktionen...
  • Die Kinder sind begeisterte Wrestling-Fans. Zwar dürfen sie so etwas eigentlich nicht sehen aber man kann sie ja nicht immer überwachen. Wäre auch nicht so schlimm würden sie den Bildern nicht glauben und mit schlimmen Folgen die Schläge, Griffe und Würfe nachspielen. Meine Erklärungen, dass es nicht umsonst Wrestling-Show heißt und die Leute cool, sportlich, lässig, geil oder sonst wie seien mögen, aber Schauspieler bleiben, verhallten im Nichts. Warnungen, sie könnten andere so verletzen, dass sie Jugendknast riskieren, werden verworfen; ich wäre einfach nur ein langweiliger blöder Miesmacher. Wir vereinbaren gemeinsam Wrestling zu gucken unter der Bedingung, dass ich dazwischenreden, auf Widersprüche hinweisen darf und wir hinterher auf dem Video mit Zeitlupe und Standbildern alles gemeinsam rekonstruieren: Völlig ‚widernatürlich' gibt es keine Versuche auszuweichen, man geht vorher etwas in die Knie und spannt die Beinmuskeln an, um selbst den Flug zu verlängern, wenn man geschmissen wird, Schläge gehen am Gesicht vorbei und durch den Impuls eines Faustschlages können 80kg Körpergewicht nicht 50cm in die Luft geschmissen werden... Hinterher hatten sie eine bessere Vorstellung über mögliche Folgen, wenn man ungebremst wirklich derart zuschlägt...

Rollen sind mit bestimmten Verhaltenserwartungen verbunden, die wir unter einen Hut kriegen müssen. Während die Inter-Rollen-Konflikte aus der Konfrontation der Sozialpädagogenrolle mit anderen Rollen (Vater, Sportler...) entsteht, spielen sich Intra-Rollen-Konflikte innerhalb der Rolle des Sozialpädagogen ab. Es ist eben schwer gleichzeitig ‚guter Engel', ‚Lehrer', ‚Seelsorger', ‚Polizist', ‚Papa', ‚Mutter', ‚Domteur', ‚Anwalt', Politiker'... zu sein. Da wir Geld dafür erhalten, dass wir unseren Klienten helfen; sie Hilfe brauchen, wir Hilfe geben, ist die Rolle des Freundes schwer und die des Liebhabers ausgesschlossen! Da es oft schwer ist, tragfähige vertrauensvolle Kontakte zu seinen Klienten aufzubauen, folgt man leicht der Versuchung, sein Verhalten am Klientel auszurichten; das ist eine Falle! In dem Maße, wie man seine Sprache, Begrüßungsrituale, Kleidung, Körperhaltung und ggf. auch Suchtverhalten angleicht, läuft man Gefahr, seinen Einfluss auf Klienten aber auch gegenüber Politik, Verwaltung oder Medien zu verspielen. Bezogen auf Leiter von Jugendclubs und -häusern, die seit Jahrzehnten ihren Club leiten, wird in Witzen oft zugeschrieben, sich von ihrem Klientel -abgesehen vom Alter- nicht mehr zu unterscheiden. Wenn sich eine Klientin beim Grillfest vor den Augen der anderen zu einem setzt, einem auf den Oberschenkel klopft und ‚Na mein kleines Dickerchen' sagt, ist dies i.d.S. keine besondere Auszeichnung, sondern ein Alarmsignal, sein standing zu verspielen...

Innere Ausgeglichenheit ist eine Voraussetzung, um mit der nötigen Gelassenheit auf aufreibende Herausforderungen des Arbeitsalltags reagieren zu können. Wenn sie fehlt, läuft man Gefahr, stattdessen sein soziales Umfeld zu nerven oder emotional auszubeuten. Man kann jedem wünschen, dass man Zuhause wieder aufgebaut wird; man sollte sich aber davor hüten, sein Umfeld für Reproduktionsarbeit fest einzuplanen und zu überfordern. Auf der Arbeitsstelle sollte man darauf achten, dass mittels Arbeitsatmosphäre, Freiräumen, Kliententausch, Stundenreduzierung, Supervision... weniger Ausgeglichenheit zerstört wird, als in Persönlichkeit vorhanden ist oder im privaten Umfeld ohne Zwangscharakter gleichzeitig wieder aufgebaut werden kann.




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