Diagnose in der Gemeinwesenarbeit

Aus Soziale Arbeit heute

Im Folgenden soll an den beiden BSP aus dem letzten Kapitel zur Drogenhilfe und stadtteilbezogenen Sozialarbeit angeknüpft werden, um zu illustrieren, was Diagnosen beinhalten. Zunächst wird auszugsweise die Stadtteilanalyse vorgestellt (Mählmann u.a. 1995).

„Einleitung:

Die Bewältigung von Armut und Benachteiligung durch Bewohner benachteiligter Wohngebiete soll hier beispielhaft verdeutlicht werden. Diese Untersuchung soll die spezifischen Milieustrukturen mit ihrer stabilisierenden Funktion verdeutlichen und so Politik wie Verwaltung davon überzeugen, sie zu schützen bzw. zu fördern. (...)

Die Wohn- und Lebenssituation der Bewohner:

Die Lage der meisten Bewohner hat sich in den letzten Jahren verschlechtert; diese sind nicht nur durch zunehmende Arbeitslosigkeit, sondern auch im Bereich der Wohnsituation begründet. Die Befragten leben seit Generationen, seit mehreren Jahrzehnten oder zumindest länger als fünf Jahre in der Siedlung und können insofern Veränderungen in der Siedlung differenziert beurteilen:

  • Der Drogen- und Alkoholmissbrauch hat zugenommen.
  • Kriminalität, insbesondere Einbrüche, Diebstähle und Schlägereien haben zugenommen.
  • Die finanzielle Situation hat sich durch Arbeitslosigkeit und/oder Absenkungen von Sozialleistungen verschlechtert.
  • Die Wohnungen werden nicht mehr im Bekanntenkreis der Bewohner vergeben, sondern von der Wohnungsbaugesellschaft an Menschen, die dort eigentlich nicht wohnen wollen.
  • Dadurch kommt es häufiger zu Mieterwechsel.
  • Diskriminierungen und Stigmatisierungen von Neuen und/oder Ausländern haben zugenommen.

Trotz dieser Problemlagen oder gerade wegen der damit eng verbundenen Stigmatisierung werden die Kontakte zwischen den Bewohnern insgesamt als sehr gut bezeichnet. Ein wesentliches Element ist neben der Kleinräumigkeit und Überschaubarkeit des Wohngebietes vor allem die insgesamt sehr lange Wohndauer. Die Befragten hoben während der Interviews hervor, dass es keine Anonymität im Wohngebiet gibt. (...) Es konnte festgestellt werden, dass die Bewohner sich im großen und ganzen untereinander kannten, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Die zwischen den Nachbarn herrschende Toleranz wird als weiteres positives Kriterium hervorgehoben. Allerdings wurden die Grenzen dieser Toleranz bei den Befragten im Laufe der Interviews schnell deutlich. Die Intoleranz bei einem Teil der Befragten richtet sich v.a. gegen die ausländischen Nachbarn.



Es werden hier allerdings einige Unterschiede gemacht; die Akzeptanz steigt aber mit der Länge der Wohndauer. So gibt es teilweise intensive freundschaftliche Kontakte zu lange dort wohnenden Ausländern die bis hin zur gemeinsamen Ferienreisen reichen. Die ‚Gruppe' der nichtdeutschen Bewohner wird von den Befragten (auch von den Nichtdeutschen) sehr unterschiedlich beurteilt. Während die Gruppe' der ‚Türken' als akzeptiert bezeichnet werden kann, ist die Beurteilung der (türkischen) ‚Kurden' eher negativ. Die diskriminierteste Gruppe unter den türkischen Bewohnern ist allerdings die der sog. ‚Zigeunertürken'. Diese Gruppe stößt bei den Interviewten auf offene Ablehnung; allen war die Unterscheidung zwischen ‚Türken', ‚Kurden' und ‚Zigeunertürken' geläufig, jedoch keiner konnte die Kriterien der Zuordnung eindeutig benennen:

„Dahinten, da wohnen, das sind so Korden, nee, Zigeunertürken oder was, die sind saufrech!"

„Hier in diesem Haus wohnt nur eine Familie, also, die Ärger macht, und das sind Türken, das sind Kurden, Zigeuner... nich?"

Andere ‚Gruppen' von ‚Ausländern', die mehr oder weniger offen kritisiert bzw. abgelehnt werden, umfassen die ‚Asylanten' und ‚Polen'.

„Das hat sich hier auch fix geändert. Sie stopfen hier auch immer mehr Asylanten rein... das treibt das ganze Bild in die Enge... man macht das Bild schlecht dadurch. Es kommen ganz starke Anpassungsschwierigkeiten auf... Die können ihre Wohnung nicht richtig sauber halten, die sind selbst nicht richtig sauber... Ich hab nichts gegen Ausländer... aber ich hasse Polen! Das sind in meinen Augen Schmarotzer!"

Diese ‚Gruppen' werden von den Bewohnern nicht nur deshalb abgelehnt, weil sie starke Konkurrenten um den knappen Wohnraum sind, sondern auch, weil sie (nach Aussagen der Befragten) nur von der Sozialhilfe leben und nicht arbeiten. Die Berufstätigkeit, sowohl die eigene als auch die der Nachbarn, ist für die Mehrheit der Befragten ein wesentliches Element ihres Lebensentwurfs. Obwohl es unter den Bewohnern immer bzw. häufiger kurzzeitig wie langfristig Arbeitslose gegeben hat, ist die allgemeine Zunahme der Arbeitslosigkeit im Untersuchungsgebiet zu einer Bedrohung geworden. Über die Kontakte der Arbeitenden war es möglich, bestimmte Produkte, Waren und `Dinge´ des täglichen wie des gehobenen Bedarfs über informelle Wege zu organisieren. Die Kosten der Lebensführung wurden so reduziert, sofern man Teil des solidarischen Netzes ist. Mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit nehmen zugleich die Kontakt außerhalb der Siedlung ab: Man verliert nicht nur die indirekten Beziehungen über ehemalige Kollegen zu den Vorteilen des alten Arbeitgebers, sondern auch allgemein den Kontakt zur ‚normalen' Lebenswelt, womit sich die ‚kollektive Abweichung' der Siedlung noch weiter zu verschärfen scheint. Die Bewohner sind aber nicht nur auf die `verbilligten Besorgungen´ durch Nachbarn angewiesen, sondern auch auf deren Hilfe, z.B. bei der Wohnungsrenovierung.

„Puh; wir sind alle hier an und für sich sehr handwerklich... und wenn der eine mal nicht kann, dann macht (ein anderer) das denn, ne."

Da an den Wohnungen seit deren Bestehen vom Vermieter nichts Wesentliches geändert bzw. verbessert wurde, werden von den Mietern selbst -z.T. umfangreiche- Renovierungsmaßnahmen vorgenommen. Ein großer Teil der Bewohner hat nach Angaben der Befragten bsp. Heizkörper und Bäder unter Mithilfe der Nachbarn selbst eingebaut. Die Mehrheit der Befragten ist mit dem Wohnungskomfort sehr unzufrieden: (kein Bad, keine eigene Toilette, Ofenheizung, Enge, Feuchtigkeit; Hellhörigkeit...). Nur ein kleiner Teil der Befragten äußerte sich positiv zu den Wohnungen; bezogen sich dabei aber allein auf das Preis-Leistungsverhältnis.

„Aber trotzdem, ich mein 400,-Mark kann man nich meckern, es gibt Schlimmeres ne."

Diejenigen, denen die materiellen Ressourcen für Wohnstandardverbesserungen fehlen, sind noch immer gezwungen, die Toilette im Treppenhaus mit dem Nachbarn zu teilen. Sie müssen die gesamte Wohnung mit einem einzigen Ofen heizen und benutzen als Bade- und Duschmöglichkeit die Waschküche im Keller des Hauses.

„Ja, entweder mit`m Kessel (lacht)... oder mein Gruselkellerbadezimmer, das heißt, also da is inner Waschküche, wir ham unten noch Waschküchen, so mit richtigem Waschkessel und so, nä, da mach ich denn Wasser mit Feuer drinne heiß, und denn schütt`ich das so mit`m Eimer inne Badewanne und denn bade ich da drinne. Na irgendwie muss es ja gehen, nä?"

Probleme haben auch jene, die sich Duschkabinen in der Küche eingebaut haben da sich dadurch Feuchtigkeit und Schimmel noch verstärkt haben und die Wohnungsbaugesellschaft sich nun ihrer Verantwortung entzieht. Aber auch andere Bewohner haben feuchte schimmelige Wände; auch eine mit zwei kleinen Kindern (0,5 + 1,5 Jahre), die beide seit ihrer Geburt unter Bronchitis leiden. Die Mutter muss mit ihren Kindern mindestens einmal die Woche zum Arzt. Obwohl dies nicht verallgemeinerbar ist, war während der Interviews doch festzustellen, dass auffallend häufig Krankheiten in den Familien der Befragten und der Nachbarn zu registrieren sind, die unter Umständen auf die schlecht isolierten bzw. ausgestatteten Wohnungen zurückzuführen sind. Der schlechte Zustand der Wohnungen und deren niedriger Standard führt dazu, dass sich ein Teil der Befragten schämt, Freunde oder Bekannte von außerhalb einzuladen.

„Ich mein okay, so, also Freunde über Nacht hier schlafen lassen, oder so, is nich drinne, weil also ich mich dafür auch schämen muss dann, nä."





Diese Scham gegenüber Außenstehenden führt dazu, dass die Bewohner ihre Kontakte nach `außen´ auf ein Minimum reduzieren und nach innen ausweiten. Dies fördert dann die festgestellten -und im Sommer überall auch sichtbaren- engen soziale Kontakte innerhalb der Siedlung. Die Qualität der Kontakte leidet letztendlich aber darunter, dass sie in hohem Maße auch auf Zwang beruhen, wenig Auswahl zu haben und die enge, feuchte Wohnung meiden zu wollen. Wir wurden in den Interviews darauf hingewiesen, dass die regelmäßigen Kontakte nicht immer mit Freundschaft gleichzusetzen sind; gegenseitige nachbarschaftlichen Hilfeleistungen, die bis zur Arbeitsteilung gehen können, galten dennoch als selbstverständlich und seien nicht an eine Freundschaft gebunden.

„Denen (den Nachbarn) geb´ ich auch `nen Schlüssel... Die nehmen auch die Wäsche wieder ab, da hilft einer dem anderen."

Durch die Intensität der Kontakte kommt es oft zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie z.B. (spontanen) Grillabenden oder Ausflügen.

„Wenn Feiern sind, dann setzen wir uns zusammen oder wir sitzen draußen, wenn das Wetter dementsprechend ist; wir grillen mal zusammen."

Es war festzustellen, dass die Kommunikationsstrukturen in der Siedlung generell generationenübergreifend sind; eine tragende Rolle haben dabei die vielen Mehrgenerationenfamilien in der Siedlung. Der dadurch entstehende familiäre Charakter wird von der Mehrheit der Befragten als sehr positiv bewertet. Obwohl die Mehrheit der Befragten behauptete, dass auch die ausländischen Nachbarn integriert werden, zeigten sich deutlich ambivalente Verhaltensweisen und Beurteilungen, wie z.B. die Einteilung in ‚gute' und ‚schlechte' Ausländer..Auch zu den Drogenabhängigen und Alkoholikern in der Siedlung gab es widersprüchliche Aussagen. Die Beurteilung heroinabhängiger Bewohner fällt dabei wesentlich negativer aus als die der alkoholabhängigen. Ein Teil der Befragten versucht aber die Kontakte zu den süchtigen (ehemaligen) Freunden und Bekannten aufrecht zu erhalten. In die sozialen Netze scheint die Mehrheit der Bewohner integriert zu sein; zumindest am Rande. Rund um vier Schlüsselpersonen bilden sich im nachbarschaftlichem Netzwerk einzelne Zentren. Insgesamt sind nur wenige (nach eigenen Angaben) nicht in einem dieser Netze eingebunden. Zu diesen zählen junge Kleinfamilien mit kurzer Wohndauer, jene, die überwiegend `Schichtarbeit´ leisten, aber auch Bewohner, deren familiäre Verpflichtungen sehr ausgeprägt sind (z.B. bei Pflegebedürftigkeit eines Familienangehörigen). Neben den positiven Aspekten der intensiven sozialen Kontakte wurde von einigen, insbesondere von jungen Müttern, die soziale Kontrolle, als Belastung hervorgehoben. Diese Kontrolle erstreckt sich sogar auf die Kindererziehung. Für die Betroffenen ist es zum Teil sehr schwierig, sich ihr zu entziehen, da insbesondere junge Mütter, über einen engen Aktionsradius verfügen und besonders auf die nachbarschaftlichen Kontakte und Hilfen angewiesen sind.

Die familiäre Situation der Bewohner:

Die Situation der Familien ist zum einen von der Größe der Wohnung und zum zweiten von deren materiellen Möglichkeiten abhängig. Die fehlenden Möglichkeiten, sich in den kleinen Wohnungen zurückzuziehen und Konflikten aus dem Weg gehen zu können, führte in einem Fall zur Trennung einer Lebensgemeinschaft. Die Möglichkeit der Nutzung des Außenraumes ist deshalb von besonderer Relevanz. Wenn die Mütter bzw. Eltern aufgrund des Wetters nicht die Möglichkeit haben, ihre Kinder auf den Spielplatz o.ä. zu schicken, dann kommt es häufiger zu Konflikten zwischen Müttern bzw. Eltern und ihren Kindern; das gemeinsame Spielhaus, hat für die gesamte Familie eine entlastende Funktion und muss daher zwingend erhalten bleiben. Ein anderes Problem, das zur Verschärfung der familiären Konflikte beiträgt, entsteht durch die Arbeitslosigkeit des Mannes/Partners. Zum Lebensentwurf der meisten Befragten gehört die Vorstellung der traditionellen Rollenverteilung. Wenn der Mann als Ernährer ausfällt und sich überwiegend in der engen Wohnung aufhält und ‚im Weg steht' oder die Frau kontrolliert, kommt es zu Konflikten zwischen den Partnern. Verschärft wird diese Situation durch die fehlenden finanziellen Ressourcen, da die Betroffenen nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sind, an außerhäusigen Freizeitaktivitäten teilzunehmen oder diese zu gestalten. Da die Mehrzahl der Bewohner über ein unterdurchschnittliches Einkommen verfügt, sinkt das Transfer-Einkommen bei Arbeitslosigkeit zum Teil unter das Sozialhilfeniveau. Auch finanzielle Schwierigkeiten werden meistens durch Familienmitglieder gemildert; gegenseitige finanzielle Unterstützung durch Verwandte kam bei den Befragten häufiger vor. Problematisch war und ist für einen Teil der Befragten die Freizeitgestaltung. Viele wissen nichts mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit anzufangen, während andere sich zugleich durch ihre Tätigkeiten und Aufgaben (Kindererziehung, Pflege eines Angehörigen) überlastet fühlten.

„(Tagsüber) Ich seh fern und... und tu dies und das an Hausarbeit ja noch selber... Ich koch noch selber, ich koch sehr gern... dicker geworden bin ich erst, als ich meine Rente kriegte, komischerweise. Da bin ich dann das Biertrinken angefangen und das schwemmt ja auf, näh. Macht nichts. Ist das einzige Vergnügen, was ich noch hab` rauchen und trinken."

„Wenn ich zu Hause bin, sieht der Tagesablauf so aus, dass wir um... Sie (die Tochter) wird um viertel vor neun, halb zehn wach... denn gucken wir zusammen Dallas -im Bett- dann wird gefrühstückt, ganz in Ruhe... Dann räum ich auf, mach sauber. Das läuft sehr gut, Hand in Hand, macht sie gut mit. Dann habe ich im Prinzip den ganzen Tag nichts zu tun."

Zusammenfassung:

Die Lebenssituation zeichnet sich aus durch für Großstädte eher untypisch enge und solidarische soziale Kontakte; die

nachbarschaftlichen wie familiären Netzwerke fangen einen großen Teil der finanziellen und psychischen Belastungen auf, denen die Bewohner ausgesetzt sind. Durch die zunehmende Arbeitslosenquote im Untersuchungsgebiet sind diese informellen Hilfssysteme jedoch gefährdet. Andere Probleme entstehen durch die veränderte Belegungspolitik des Vermieters. Die Neuhinzugezogenen wollen häufig nicht in das Quartier, integrieren sich aus diesem Grunde nicht in die schon bestehenden Netzwerke, wollen möglichst schnell wieder wegziehen und gefährden so den Charakter der Nachbarschaft. Gerade die sozialen Kontakte, die Kommunikationsstrukturen und das (Selbst-) Hilfssysteme waren und sind für viele der Grund, trotz der als mangelhaft empfundenen Wohnungen, in der Siedlung zu bleiben. Durch die ‚Neuen' wird die Stigmatisierung nun auch in die Siedlung getragen und führt bei den ‚Alteingesessenen' zu Verunsicherungen. Insgesamt nehmen die Differenzierungen innerhalb der Siedlung zu. Bestimmte ‚Gruppen' wollen oder können nicht mehr durch das integrative soziale Netz innerhalb der Siedlung aufgefangen werden. (...)

Milieustrukturen in der Riedsiedlung:

Vergleichen wir die Lebensverhältnisse in der Siedlung mit denen in anderen Wohngebieten ähnlicher Bewohnerstruktur, so fallen sie positiv heraus. Obwohl wir uns von den Grünanlagen, renovierten Fassaden und imponierenden sozialen Kontakten der Bewohner zunächst auch haben blenden lassen, bleibt festzuhalten, dass die Bewohner "durch wechselseitige Unterstützung ein Teil (ihrer) benachteiligenden Bedingungen auffangen konnten" (Herlyn&Lakemann&Lettko1991: 34). Zur Beschreibung derartiger Lebensverhältnisse führte Herlyn den Begriff ‚Milieu' i.S. einer ‚Ressource zur Lebensbewältigung' ein. Die guten Kontakte der Bewohner zueinander -zwischen Handwerkern, Kfz-Mechanikern, Bauarbeitern, Ladenbesitzer, Verkäufer, Heilpraktikerin...- wirken sich förderlich auf die Lebenshaltungskosten und den Lebensstandard aus, da Dienstleistungen und Waren nicht zu den 'normalen' Konditionen gekauft, sondern informell getauscht werden.<ref>Ein Bewohner arbeitet z.B. als ABM-Angestellter auf einem Recyclinghof und organisiert für andere Kühlschränke und Waschmaschinen, ein anderer hat die Möglichkeit, über seinen Arbeitsplatz günstig Gasflaschen für Heizungen zu beschaffen, eine Heilpraktikerin aus der Nachbarschaft kümmert sich um den Gesundheitszustand der Bewohner und die arbeitslosen Handwerker haben Kontakt zu Werkstätten, in denen sie gemeinsam mit Nachbarn Sachen reparieren können. Für alte Menschen wird eingekauft und die Kinder können immer irgendwo kurz abgegeben werden...</ref> Neben ökonomischen Vorteilen bieten die engen Kontakte v.a. einen Schutz gegen die oben erwähnte Stigmatisierung.





Bedingungen für Milieustrukturen:

Folgende Bedingungen, die eine Milieuausbildung begünstigen, sind in der Siedlung auszumachen:

- Enger Kommunikationszusammenhang - Ökonomische Not bei einer

aufgrund räumlicher Nähe ökonomischen Mindestabsicherung

- Lange Wohndauer - Ähnliche Lebens/Klassenlagen und Lebensstile

- Abgrenzende Architektur - Menschen mit funktionalen Arbeitnehmerverhältnissen

- Äußere Bedrohung - Gemeinsame ‚krisenerprobte' Geschichte

- (...)

Zur Beschreibung des Zusammenlebens wurde von den Bewohnern immer wieder das Bild ‚Lindenstraße' herangezogen. Es erfasst den Gesamteindruck, der durch die Untersuchung gewonnen wurde, sehr gut. So beinhaltet er zwei in der Siedlung zusammentreffende, ambivalente Aspekte: Allgemein positiv wurden die sozialen und solidarischen Kontakte der Bewohner untereinander bewertet; in Nebensätzen wird aber auch immer wieder die hohe soziale Kontrolle beklagt. Überwiegend hat sich bis in die Sozialbehörde -obwohl aufgrund unterschiedlicher Motivationen- die Forderung durchgesetzt, Milieuausprägungen zu schützen und deshalb auf eine generelle Durchmischung zu verzichten:

‚Seit geraumer Zeit berichten soziale Dienste und Experten der sozialen Arbeit, dass nach ihren Beobachtungen die Möglichkeiten privater Selbsthilfe und Problemlösungen immer geringer werden. (...) Ehemals selbstverständliche gegenseitige -materielle, aber vor allem auch immaterielle- Hilfe im familiären und nachbarschaftlichen Bereich ist offenbar immer weniger vorhanden und in der Lage, individuelle Notlagen zu verhindern oder zu lindern. Die Leistungsgesellschaft stellt an den Einzelnen hohe Anforderungen, die prinzipiell an die Grenze zur Überforderung stoßen. Deren Erfüllung scheint ihm oft nur möglich, wenn er alle verfügbaren geistigen, körperlichen und sozialen Ressourcen einsetzt. Dies geschieht aber auf Kosten sozialer Kontakte und Beziehungen und damit auf Kosten auch der Netze der Selbst- und nachbarschaftlichen Hilfe' (Behörde Arbeit Gesundheit und Soziales; Hamburg 1993:21)

Gefährdung der Milieustrukturen:

Es wäre unangebracht, sich nun beruhigt zurückzulegen, wenn in einem Wohngebiet Milieustrukturen vorgefunden werden und darauf zu vertrauen, dass diese Strukturen auch weiterhin schlechte Lebensbedingungen ausgleichen. So würden inakzeptablen Ungleichheiten hingenommen werden, die es durch gesellschaftliche Umverteilung und nicht durch Nachbarschaftshilfe auszugleichen gilt. Auch bringen Milieustrukturen Probleme mit sich, brechen leicht zusammen und sind immer nur faule Kompromisse, wenn sie zur Sicherung des Überleben quasi erzwungenermaßen eingesetzt werden müssen. In den Interviews wurde mehrfach angemerkt, dass die guten nachbarschaftlichen Beziehungen mit all ihren Vorteilen unter der neuen Belegungspolitik des Wohnungsamts und des Wohnungsbauunternehmens leiden. Die bisher erfolgreiche informelle Wohnungsvergabe unter Mitwirkung der Bewohner, an Menschen, die auch wirklich dort wohnen wollen, sollte wieder eingeführt werden. Den Bestimmungen des BauGB zum Milieuschutz (§§1,139,172 BauGB) sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. (...)

Die ökonomische Benachteiligung bestimmt den Bedarf an Kompensation durch soziales und kulturelles Kapital; betrachten wir die Siedlung pragmatisch als eine Art ‚Wirtschaftsgemeinschaft' in der materielle wie immaterielle Güter miteinander ausgetauscht werden, wird die Begrenztheit und ihre Bedrohung von zwei Seiten deutlich: Im Zuge von Rezession und Umstrukturierungen im Produktions- und Handwerksbereich, sowie der Beschneidungen im 2. Arbeitsmarkt werden nicht nur immer mehr Bewohner der Siedlung arbeitslos und abhängig von sozialen Transferleistungen, sondern verlieren auch ihre milieubezogenen funktionalen Kontakte und Möglichkeiten. Gleichzeitig wird wegen derzeitiger Kürzungen im Bereich der sozialen Transferleistungen der Bedarf an Kompensation noch größer!

Diese hier angedeutete Zwickmühle weist auf ein erstes grundsätzliches Problem von Milieuausprägung hin, das genauer erläutert werden soll: Durch die bestehenden Rahmenbedingungen haben sich in der Siedlung spezifische Normen und Werte erhalten: ein nach wie vor starkes Gruppengefühl, Nachbarschaftshilfe, Toleranz... Durch die Abgrenzung der Siedlung ist es jedoch dazu gekommen, dass unter den Bewohnern keine Anpassung an die parallel voranschreitende Differenzierung der Gesellschaft, Änderungen von Konventionen, Erhöhung der Ausbildungsstandards, Leistungsanforderungen in der Gesellschaft... stattfand. Mit den kommunikativen und sozialen Strukturen, die auch auf nachkommende Generationen übertragen wurden, haben die Bewohner quasi alles ´auf eine Karte gesetzt`: die Lebensbewältigung durch Milieuausprägung. Man könnte auch das Bild der ‚Einbahnstraße' benutzen, aus der sie kaum wieder herauskommen können, wenn der ökonomische Druck auf die Siedlung einen kritischen Punkt erreicht hat: Wenn nun die Selbsthilferessourcen innerhalb der Siedlung zusammenbrechen, fehlen die sozialen und kulturellen Kompetenzen, Hilfe außerhalb der Siedlung zu organisieren. Die einseitige Orientierung auf das Quartier wirft zudem die Frage auf, ob durch die Förderungen von Milieuausprägung in den einzelnen Quartieren zugleich die Konkurrenzen zwischen ihnen geschürt wird; also ob die Zunahme von Solidarität in einer Siedlung zur Entsolidarisierung auf der nächst höheren Ebenen führt und damit unterm Strich nichts gewonnen ist. (...) Sowohl die Gespräche mit Bewohnern als auch mit den örtlichen Sozialarbeitern haben ergeben, dass sich die Situation in der Siedlung zugespitzt hat. Steigende Arbeitslosigkeit und Geldprobleme können durch die guten sozialen Strukturen immer weniger aufgefangen werden. Einen Ausdruck findet dies z.B. darin, dass das traditionelle selbstorganisierte Kinderfest weggefallen ist und in der Siedlung Drogenprobleme, Diebstähle und rechtsradikale Wähleräußerungen in dramatischer Weise zugenommen haben. Als deutlichstes Indiz für eine Verschlechterung gilt u.E. allerdings die inzwischen verstärkte Abgrenzung auch innerhalb der Siedlung.





Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung von Milieustrukturen durch Stadtplanungs- und Sozialpolitik:

Die teilweise zu beobachtende Abschottung der Siedlung vom und durch den restlichen Stadtteil, fördert die Zementierung sozialer Ungleichheit. Diese manifestiert sich vordergründig in subkulturellem Verhalten und im Erscheinungsbild der Bewohner und wirkt sich erst mittelbar ökonomisch aus, wenn mit Menschen außerhalb der Siedlung um Ausbildungs- und Arbeitsplätze konkurriert werden muss oder Ansprüche gegenüber Trägern sozialer Leistungen geltend gemacht werden müssen. Die etwa 40jährigen Männer aus der Siedlung -mit ihrem i.d.R. geringen Ausbildungsstatus- sind nach Aussagen von örtlichen Sozialarbeitern -übrigens im Gegensatz zu den gleichaltrigen Frauen- derart in ihren ‚subkulturellen Konventionen' verhaftet, dass sie in Konkurrenz mit anderen um Arbeitsplätze keine Chance mehr haben. Diese Defizite gilt es von einer zu schaffenden psycho-sozio-kulturellen Infrastruktur aufzuarbeiten: dabei gilt es Fehler der regionalen sozialpädagogischen Infrastruktur zu korrigieren, die es versäumt haben die ‚Inselsituation' zu überwinden: Eines der obersten Ziele von Jugend- und Sozialarbeit ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Dies beinhaltet insbesondere die Vermittlung von Alltagskompetenzen und die Emanzipation von institutioneller Hilfe. Ein verbreitetes Problem sozialpädagogischer Intervention ist das in Familien als ‚overprotecting' (Überbehütung) beschriebene Verhalten, das eine Ablösung von Jugendlichen von ihren Familien in diesem Fall vom Jugendzentrum erschwert. Von ‚overprotecting' wird gesprochen, wenn zu viele Lebensbereiche zu umfassend und zu lange von Eltern oder Sozialarbeitern bestimmt werden. Bei den oben erwähnten 40jährigen war dies bis 1984 bzw. teils über das 30. Lebensjahr hinaus der Fall. Die Jugendarbeit der Gemeinde hat sich außerdem zu sehr der Bewältigung aktueller Probleme widmen müssen, statt den Jugendlichen die Verhaltenserwartungen der Welt außerhalb der Siedlung vertraut zu machen. Die subkulturellen Verhaltensweisen und Problemlösungsmechanismen wurden so immer wieder reproduziert, so dass ein Erlernen ‚normalen' Verhaltens unverhältnismäßig erschwerte wurde. Dieses ‚normale' Verhalten sollte nicht übernommen, sondern v.a. für den taktischen Einsatz ins Repertoire aufgenommen werden. Sozialarbeiter wären dann weniger ‚Lehrer' als vielmehr ‚Regisseure'. Der kurze Hinweis auf diesen schwierigen und ambivalenten Problembereich soll dazu anregen, die skizzierten Aspekte reflektiert in die jugend-, stadtentwicklungs- und sozialpolitische Arbeit einzubeziehen, um die Betroffenen nicht langfristige von professioneller Hilfe abhängig zu machen.

Hat sich die soziale Lage schon so weit verschlechtert und verfestigt, wie inzwischen in der betroffenen Siedlung, ist innovative Sozialarbeit und wissenschaftliche Unterstützung gefordert, die entweder bei der Kompensation von Problemen hilft -oder besser- diese reduziert. Gegenstand des Engagements müssten deshalb v.a. die Rahmenbedingungen sein; damit sind Politik und Verwaltung als Adressaten ausgemacht. Ohne wirkliche Beteiligung der Bewohner an den Veränderungen erscheinen Planungen für die Siedlung zwecklos; wenn sie sich nicht als Teil der Veränderungen ernst genommen fühlen, würde ihre Skepsis gegenüber Politik und Verwaltung bestätigt und ihr Widerstand provoziert. Vor Ort müssten Entscheidungsbefugnisse festgelegt werden über bestimmte Inhalte und zuvor bewilligte Etats. In der Planung, spätestens jedoch bei der Umsetzung der Verbesserungen von baulicher wie sozialer Infrastruktur sollten die Bewohner Möglichkeit haben, sich gegen Honorare zu beteiligen... Bei veränderten Rahmenbedingungen, könnte ggf. die Idee realisiert werden, eine billige ‚Volksküche' einzurichten, wo Bewohner für das Quartier kostengünstig kochen, sich qualifizieren, den sozialen Zusammenhalt stärken und so auch den schlechten Ernährungsgewohnheiten entgegenwirken. Ferner könnten kulturelle Veranstaltungen, die früher ganz allein initiiert wurden, finanziell angeschoben werden. Interessant sind schließlich auch -unglücklicherweise ‚Tagelöhnermodell' genannte- niedrigschwellige Beschäftigungsmöglichkeiten, wo Bewohner täglich je nach individuellem Bedarf einige Stunden in ihrem Quartier sinnvolle Arbeiten<ref>Reparieren, Renovieren, Kinderbetreuung, Freiflächengestaltung, und -pflege, Mieterverwaltung...</ref> verrichten können, mit denen sie sich auch identifizieren. Bisher selten aber notwendig, sollte auch hier ein großzügiger Betrag gegenüber sozialen Transferleistungen anrechnungsfrei bleiben.

Zusammenfassung und Ausblick:

Wir haben die Existenz von Milieustrukturen als ‚Ressource zur Lebensbewältigung' in der Siedlung nachgewiesen, sowie ihre Wirkungsweisen skizziert. Grundlage für ein funktionierendes Milieu bleibt aber wie gezeigt eine ökonomische Grundsicherung und ein Minimum funktionaler Beschäftigungsverhältnisse. Die seit Jahren kontinuierliche Einschränkung dieser Grundlage hat bisher schon zu gradueller Entsolidarisierung innerhalb der Siedlung und zu einer Zunahme der Kleinkriminalität geführt; die derzeitige Stadtentwicklungs- und Sozialpolitik lässt keine Trendwende erkennen. Angesichts von weiterer Entlassungen aus dem 1. und 2. Arbeitsmarkt, verstärkten Aktivitäten zur Aufdeckung von informellen Einkommensquellen, Vorstößen soziale Durchmischung zu erzwingen und realen Einkommensverlusten in Erwerbs- wie Transfereinkommen, ist ein mittelfristiger Zusammenbruch der Siedlungsstrukturen wahrscheinlich. Das Interesse der Sozialbehörde an nachbarschaftlichen Netzwerken scheint an den ressortübergreifenden Rahmenbedingungen zu scheitern und in eine Sackgasse zu führen. Denn die Netzwerke sollen nicht zur Verbesserung der Lebenslage gestärkt werden, sondern die Folgen von Sozialabbau der letzten Jahre sollen notdürftig durch informelle Netze aufgefangen werden. Da für die Bewohner so keine Verbesserungen zu eintreten werden, drohen die stabilisierenden Strukturen zu zerfallen..."

Diagnose komprimiert:

  Ressourcen Defizite
Ökono-
misches Kapital
  • Wenig reguläre Erwerbseinkommen, generell nur geringes Einkommen
  • Soziale Transferleistungen in Folge relativ guter Kenntnisse über soziale Rechte
  • Weit verbreitete allgemeine finanzielle Defizite
  • Massive Verschlechterung der finanziellen Situation in der jüngeren Geschichte v.a. durch Verlust von Arbeitsplätzen im 2. Arbeitsmarkt; aber auch durch Abbau sozialer Transferleistungen
Kultu-relles Kapital
  • Handwerkliche Kompetenzen (Bau, KFZ)
  • Erwiesene Kompetenz zur Kinderbetreuung und Pflege
  • Grafische Kompetenzen
  • Kompetenzen zur Organisation und Durchführung von Bewohnerfesten
  • Kommunikative Kompetenzen
  • Administrative Kompetenzen bzgl. Vereinsgründungen und -arbeit
  • Improvisationsgabe/ Phantasie
  • Ansätze, Gewerbe betreiben zu können
  • Eindeutige und wirksame subkulturelle Normen
  • Früh aufstehen können
  • (...)
  • Unterdurchschnittliche Schul- und Berufsausbildung
  • Defizit in allgemeingültigen Umgangsformen oder Kleidungsordnungen bzw. Unwillen, diese einzuhalten.
  • Unangebrachte Eitelkeiten bzgl. der Inanspruchnahme von ‚Staatskohle' und ‚Staatshilfen'
Soziales Kapital
  • Grundlagen für enge kommunikative Netze bzw. solidarische Nachbarschaften im quantitativen wie qualitativen Sinne bleiben bestehen (Lange Wohndauer, Erfahrung gemeinsamer Stigmatisierung, kommunikationsfördernde Architektur und ähnliche Lebenslagen)
  • Verzweigtes Tausch- und Hilfesystem
  • soziale Kontakte zu Beschäftigten in verschiedenen Branchen, die Mitarbeitervergünstigungen an Freunde weitergeben. (Baumaterial, Werkzeug, allgemeine Rabatte, recycelte Elektrogeräte...)
  • Ambivalenzen: Sozial förderliche Aspekte gehen in hohem Maße einher mit räumlicher, sozialer und kultureller Isolation gegenüber dem Rest von Stadt und Gesellschaft und einer sehr strengen sozialen Kontrolle
  • Soziale Kontakte sind erzwungen durch bauliche Mängel in den Wohnungen
  • Die Abgrenzung der vier etablierten Szenen im Quartier ist unproblematisch im Gegensatz zu ersten Ansätzen von Diskriminierungen gegenüber Neuen und Ausländern (Rechtsrutsch bei der Landtagswahl)
  • Ähnliche Lebenslagen fördern zwar den sozialen Zusammenhalt schränken aber auch das Spektrum von Hilfen ein, die man sich gegenseitig zur Verfügung stellen kann. (30 arbeitslose systemkritische Altlinke ohne Berufsausbildung, Werkstatt und Werkzeug können sich trotz inniger Freundschaft gegenseitig weniger helfen wie befreundete Ärzte, Bänker, Anwälte, Bauunternehmer und Abteilungsleiter aus der Baubehörde...)
  • Die Formen der Nachbarschaftshilfe bergen die Gefahr der Kriminalisierung in sich, liegen sie doch oft im Grenzbereich zur Illegalität (Wenn bsp. Mitarbeiter im Baumarkt die ‚Augen zudrücken' oder Milch geklaut wird)
  • Informelle Hilfenetze fördern Abhängigkeiten von zentralen Personen, die riskant werden, können, wenn wichtige Positionen im Netz nur noch einfach besetzt sind und sich Macht monopolisiert, wenn vieles an sich gerissen und so die Weiterentwicklung der Nachbarn unterdrückt wird. Wenn diese Menschen arbeitslos werden oder wegziehen, hinterlassen sie einen Flurschaden
Gesund-
heit
  • motorische und kognitive Förderung der Kinder durch anregende Freiflächen
  • Feuchte, kalte und kleine Wohnungen sind verantwortlich für somatische wie psycho-somatische Krankheiten
  • ungesunde Ernährung
  • Alkoholprobleme

Ziele:

Als Ziel kann man benennen, das vorherige Gleichgewicht zwischen ökonomischer Benachteiligung und den wirksamen Milieustrukturen wieder herzustellen, indem zugleich die finanzielle Belastung reduziert und die Ressourcen zu Lebensbewältigung wiederentdeckt und gestärkt werden. Dabei sei zu beachten, dass sich die Prozesse der Abgrenzung gegenüber neuen Bewohnern und Menschen außerhalb der Siedlung weder in die eine noch in die andere Richtung verstärken. An dieser Stelle scheint es sinnvoll zu sein, sich zunächst mit den identifizierten Schlüsselpersonen der Siedlung über die Analyse zu verständigen und gemeinsam eine siedlungs-öffentliche Veranstaltung vorzubereiten, wo man mit den bekannten ‚Gesichtern' die Diagnoseergebnisse, sowie Ideen zur Lösung zur Diskussion stellt und sich formell zur Intervention legitimieren lässt. Es ist unvermeidlich, neben Ankündigungsplakaten auch (mehrsprachige) Informationsblätter zu verteilen und Schlüsselpersonen um Mitarbeit zu bitten. Während das Informationsmaterial weder textilastig noch kompliziert sein darf, sollte die Diskussionsveranstaltung locker, wenig abstrakt und v.a. ohne Mikrofonzwang sein, stellt dies doch eine hohe Schwelle zur Beteiligung dar. Wir achten auf unsere verbale wie nonverbale Sprache, ziehen uns angemessen an und wählen passende Präsentationsmedien. Möglichst bildhaft und dort wo es geht auch dreidimensional am Modell. Ein schwarzes Brett, sowie ein Briefkasten für Ideen und Beschwerden sichern die beidseitige Kommunikation. Wir wissen, dass unser Klientel Frontalinformationen wenig abgewinnen kann: Deshalb werden wir viele Schautafeln aufstellen, Geld für die Einbettung in einen feierlichen Rahmen investieren, an einem Infotisch durchgängig Rede und Antwort stehen und Bierausschank ausnahmsweise nicht unterbinden. Vielleicht sollte er sogar subventioniert werden, macht er die Interaktion doch unstrittig zwangloser... Zu diesem Zeitpunkt wird auch klar sein, dass man sich für eine Mischung von Methoden entscheidet, die sich nur theoretisch sauber voneinander trennen lassen: Z.B. wird die Identifikation mit dem Quartier und die Qualität der nachbarschaftlichen Netze mittels Gemeinwesenarbeit bearbeitet; die Verbesserung von Freizeitangeboten für Jugendliche und der schlechten Ernährungssituation, sowie die Förderung von Computerkenntnissen in Gruppenarbeit gesichert und erfolgt die Hilfe bzgl. sozialhilferechtlicher Ansprüche in Einzelfallhilfe.







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