GWA

Aus Soziale Arbeit heute

GWA ist die jüngste der drei klassischen Methoden Sozialer Arbeit. Erst Ende der 60er Jahre wurde in Deutschland damit begonnen, US-amerikanische Konzepte der GWA zu diskutieren. Der Aufbruchstimmung der Studentenbewegung geschuldet, schlugen sich besonders jene Konzepte in Debatten und Initiativen der GWA nieder, welche das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft neu definierten und dabei die gesellschaftliche Verantwortung für die sozialen Probleme in den Mittelpunkt stellten. So galt die deutsche Variante nicht nur als neue Methode, sondern v.a. auch als neues Arbeitsprinzip. Verschiedene Aspekte lagen dieser Bewertung zugrunde:

  • Durch die Betrachtung ganzer Wohnquartiere geriet das einzelne Individuum in den Hintergrund und wurde so vor individualisierender und stigmatisierender Schuldzuschreibungen bewahrt.
  • „Der Milieuarbeiter stellt die Frage: Welche Ressourcen gibt es im lokalen Bezirk und wie können sie aktiviert werden - und er interessiert sich weniger dafür was schief läuft" (Ebbe&Friese 1989:40).
  • Die Lösung sozialer Probleme sah man auf Seiten der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen; da hier die Ursachen sozialer Probleme identifiziert wurden, musste konsequenterweise auch hier, statt im Individuum, die Lösung gesucht werden.
  • Generell wurde die den Menschen stigmatisierende Defizitorientierung durch die Ressourcenorientierung ausgetauscht. Der Mensch war nicht mehr hilfsbedürftiges Objekt, sondern politisches bzw. zumindest politisierbares Subjekt. Im Quartier sollten zunächst kollektive Bewusstseinsprozesse bzgl. sozialer Macht- und Unrechtsstrukturen initiiert werden, um die Grundlage für oppositionelle mehr oder weniger aggressive Aktionen gegen das politische und kapitalistische System aufzubauen. Die individuellen Ressourcen wurden ausgeweitet, um sie in den Dienst ‚der Sache', also der Gemeinschaft der Bewohner zu stellen. Als Ziel war formuliert, gemeinsam einen stärkeren außerparlamentarischen politischen Einfluss zu entwickeln, um die Interessen des Stadtteils und seiner Bewohner besser durchsetzen zu können.
  • (...)




Angesichts dieser systemkritischen Grundhaltung, verwundert es nicht, dass GWA selten öffentlich finanziert wurde, eher in ehrenamtlichen Projekten praktisch Anwendung gefunden hat und sich v.a. in theoretischen Debatten niederschlug. Allein dort, wo die politische Konfrontation abgeschwächt wurde, konnte sich GWA - i.d.R. dann aber nur als Methode- etablieren. Nachdem GWA weiter oben in diesem Buch schon Beachtung fand, möchte ich Grundlegendes hier nicht in aller Breite ausführen, sondern zu diesem Zwecke v.a. auf das Buch ‚Milieuarbeit' von Ebbe&Friese (1989) verwiesen: In den letzen 15 Jahren gewinnt das Quartier im Zusammenhang mit der Regulation sozialer Probleme wieder zunehmend an Bedeutung; warum jedoch mit der Wiederentdeckung des Gemeinwesens im ‚Stadtteilmanagement' oder ‚Quartiersmanagement' nicht gleichzeitig die GWA entdeckt ist, wird dies Kapitel abschließend, ausführlicher dargelegt. Ebbe/Friese fassen die Aufgabe von Milieu- bzw. Gemeinwesenarbeit wie folgt zusammen:

„GWA dreht sich darum, die Ressourcen einer Gruppe von Bürgern so für sie zu organisieren, dass die Bürger den größten Nutzen davon haben. Es handelt sich also um Sozialarbeit in einem größeren Maßstab: weg von der Individualisierung sozialer Probleme und der Umfunktionierung von Einzelpersonen zu Klienten und hin zu einer Zusammenarbeit mit den Bürgern, um die Lebensbedingungen für alle zu verbessern."

Auch die legendäre Aufteilung der GWA in verschiedene Formen durch Hinte (1989), hilft noch heute, stadtteilbezogene Ansätze der Sozialen Arbeit einzuordnen. Idealtypisch zu unterscheiden seien fünf Formen, die sich in Stichworten wie folgt skizzieren lassen:

Aggressive GWA:

Durch auffallende, den Alltag störende Aktion (Demonstrationen, Blockaden, Besetzungen, Streiks, Boykotte, Sabotage...) sollen die öffentliche Wahrnehmung sozialer Ungerechtigkeiten verstärkt und andere Menschen mobilisiert werden, sich den Protestaktionen anzuschließen. Müller<ref>Zit. in Hinte 89: 1971:237</ref> wird i.d.Z. wie folgt zitiert:

„Ein aggressives Konzept von GWA, das sich von den konservativen und reformpädagogischen Konzepten dadurch unterscheiden könnte, dass es mit sozialen und politischen Aktionen nicht wartet, bis die Mehrheit der Bewohner im Einzugsgebiet diese Aktionen als Notwendigkeit im Rahmen ihrer Interessenvertretung selbstständig erkannt hat, so dass seine Aktionen nicht beim Status quo der vorhandenen Kräfte-Verhältnisse und Macht-Strukturen stehen bleiben, ist bisher in der bundesrepublikanischen Praxis nur in wenigen Ansätzen erprobt worden..."

GWA nach Alinskys:

S.D. Alinsky geht davon aus, dass die Menschen, sofern sie gleichberechtigt an den relevanten Entscheidungen ihrer Gesellschaft beteiligt würden, eine für alle Mitglieder gerechte Ordnung finden würden. Angesichts der Konzentration politischer Macht in der Hand weniger Menschen kommt es zu Verzerrungen zu Lasten der gesellschaftlichen Mehrheit. Diese soziale Ungerechtigkeit sei nur zu überwinden, wenn die benachteiligten Menschen ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln, sich außerparlamentarisch organisieren und ihre zahlenmäßige Überlegenheit zu ihrem Wohl einsetzen. Im Gegensatz zur aggressiven GWA geht hier die Initiative von den Bewohnern des Quartiers aus. Der Gemeinwesenarbeiter beginnt seine Arbeit dort, ‚wo die Menschen stehen'; d.h. er initiiert keine Aktionen zur Mobilisierung, sondern unterstützt in der Rolle eines ‚Moderators' die Bewohner zunächst in ihrer Bewusstseinsfindung und Organisation bis sie selbst Aktionen zur gemeinsamen Überwindung ihrer Benachteiligung einleiten wollen. Dies Konzept unterscheidet sich hinsichtlich seiner Ziele und Aktionsformen nur wenig von der aggressiven Variante: Nach dem Motto ‚der Zweck heiligt die Mittel' reproduziert das aggressive Konzept innerhalb seiner starren hierarchischen Gruppenstruktur jedoch die ungleiche Verteilung von Macht, die sie im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu bekämpfen vorgibt. Alinsky forderte hingegen auch ‚nach Innen' eine hierarchiefreie basisdemokratische Struktur. Seine Vorstellungen kommen Habermas' Utopie nahe, die Ohnmacht der Massen gegenüber politischer und ökonomischer Macht weniger Menschen durch einen herrschaftsfreien Diskurs zu überwinden. Die Solidarität der (ohnmächtigen) Mehrheiten würden einen gleichberechtigten Einfluss gegenüber den (mächtigen) Minderheiten herstellen und so gerechte Entscheidungen befördern, ohne selber Herrschaft ausüben zu müssen. Beiden, Alinsky und Habermas muss vorgehalten werden,

  • dass benachteiligte Menschen außerhalb von theoretischen Erwägungen eher dazu neigen, sich negativ voneinander abzugrenzen, als sich zu solidarisieren...
  • dass es zynisch wirken kann, als professionell tätiger Gemeinwesenarbeiter auf Eigeninitiative seiner Zielgruppe zu warten, ehe man selbst aktiv wird, während sich nebenbei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in rasantem Tempo zum Nachteil benachteiligter Menschen verändern.

„Das ist eine durchaus ambivalente Situation. Sie eröffnet einerseits die Chance, den eigenen sozialen Lebenszusammenhang wesentlich mitzugestalten... Sie enthält aber auch die Notwendigkeit, Initiator und Manager des eigenen Beziehungsnetzes zu sein. Diese strukturelle Notwendigkeit erfordert bei den Subjekten entsprechende Ressourcen an Beziehungsfähigkeit und wohl auch materielle Ressourcen. Ein immer wieder nachgewiesener Befund zeigt, dass sozioökonomisch unterprivilegierte und gesellschaftlich marginalisierte Gruppen. offensichtlich besondere Defizite aufweisen bei dieser gesellschaftlich zunehmend geforderten eigeninitiativen Beziehungsarbeit" (1997: 305).

  • (...)

Katalytisch-aktivierende GWA:

Die katalytisch-aktivierende GWA verfolgt wie auch die beiden bisher dargestellten Konzepte das Ziel, Benachteiligungen von Bewohnern eines Quartiers zu überwinden; sie unterscheidet sich jedoch in der Strategie. Hier übernimmt der Gemeinwesenarbeiter zwar die Rolle des ‚Initiators' bzgl. der Identifikation von Benachteiligungen, sowie der parteilichen Initiierung von Bewusstseins- und Solidarisierungsprozesse innerhalb der Bewohnerschaft; die Entscheidung über Form, Inhalt und Zeitpunkt konkreter Aktionen gehen dann aber von den Bewohnern aus. Dies Konzept greift das Leitziel der ‚Hilfe zur Selbsthilfe' auf: Zunächst wird der Hilfebedarf extern festgestellt, dann vergewissert sich der Gemeinwesenarbeiter selbstkritisch und empathisch, ob sich die eigene Interpretation mit jener der Bewohner deckt und fördert dann die Selbsthilfepotentiale. Seine Vorbereitungen bewirken regelhaft, dass die Lösungen weniger konfrontativ gegen, als vielmehr diskursiv und kompromisshaft innerhalb der bestehenden politischen und administrativen Strukturen gesucht werden. Verkürzt könnte man die katalytisch-aktivierenden Strategie als ‚reformerisch' bewerten und von der aggressiven als einer ‚revolutionären' unterscheiden. Die Loyalität gegenüber den Menschen vor Ort bleibt dennoch durchgängig handlungsleitend und das Verhältnis gegenüber der bestehenden Gesellschaftsordnung kritisch.

„Katalytische GWA griff zurück auf die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der es keine Unterdrückung mehr gibt, in der Menschen sich durch ihre eigenen Gruppen und Sprecher selbst zu helfen vermögen, in der Solidarität hoch geschätzt wird, in der sich die Menschen mit den Problemen anderer identifizieren und in der sie ihre Fähigkeiten entfalten und zu einem sozial-kreativen Leben kommen. (...) Im Verständnis aktivierender GWA beginnt Partizipation mit kleinen Schritten in kleinen Bereichen, wo kein zu großes Risiko vorhanden ist. Die positiven Lernerfahrungen mit selbstbestimmtem Handeln in unmittelbaren Alltagsbereich ist die Voraussetzung für die Bereitschaft zu weitergehendem Engagement auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. (...) Erst wenn Menschen mehr Vertrauen zu sich und ihren Fähigkeiten bekommen, wächst ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung und sie tun erste Schritte, politische Partizipationsbedürfnisse anzumelden und dafür zu kämpfen" (Hinte 1989: 23,25).

Wohlfahrtstaatliche GWA:

„Bei diesem Ansatz von GWA geht es weniger um die Organisation von Betroffenen zur Selbsthilfe, sondern um eine Verbesserung des Dienstleistungsangebotes der (bereits) im Wohnviertel tätigen Institutionen...",

schreibt Hinte einleitend (1989: 17). Der Gemeinwesenarbeiter handelt nun weder auf Initiative der Bewohner, noch auf Eigeninitiative, sondern im Auftrag der kommunalen Verwaltung, mit dem Ziel, die bestehenden Angebote zu koordinieren und kostensparende Synergieeffekte zwischen ihnen zu mobilisieren. Mal werden Open Air Kinofilme gezeigt, Straßenfeste organisiert oder Ferienfreizeiten durchgeführt... Ob sich diese Angebote mit den Interessen decken, ist nachrangig. Ihre Beteiligung beschränkt sich darauf, die Angebote anzunehmen oder auch nicht; Fragen nach gesellschaftlicher Benachteiligungen bsw. Verursachungszusammenhängen sozialer Probleme werden bewusst ausgeklammert und die relevanten Entscheidungen bzgl. ihrer Lebensbedingungen bleiben weiter allein den parlamentarischen Institutionen vorbehalten.

Integrative GWA:

In der maßgeblich von M.G. Ross vertretenen integrativen GWA geht es explizit darum, einseitig die Anpassung der Menschen an die bestehende gesellschaftliche Ordnung sicherzustellen und diese -im Umkehrschluss- vor Veränderungen zu bewahren. Der Gemeinwesenarbeiter wird hier ggf. auch zum Nachteil der Bewohner tätig. Wenn sich diese oppositionell gegen das politische, administrative oder politische System äußern oder engagieren, soll er kontrollierend, beschwichtigend, ordnend, ab- und umlenkend aktiv werden. Die bestehende Verteilung von Macht und Herrschaft wird als ‚gerecht' definiert und Kritik entsprechend als ‚ungerecht(fertigt)' festgesetzt. Leitziel ist die ‚Integration' in die bestehende Gesellschaft; ist die Gesellschaft jedoch ungerecht, wird integrative GWA zum Zwang! Hinte äußert sich skeptisch (1989: 17):

„Der Gemeinwesenarbeiter entpuppt sich hier als billiger Abklatsch eines Erziehungstechnologen oder Internatsaufseher, dem es darum geht, ‚Zöglinge' unter Umgehung ihres eigenen Interesses dahin zu bringen, wo er sie gerne haben möchte. Vorgängige Wertentscheidungen und Denkmuster werden den Betroffenen übergestülpt und falls sie sich nicht unterordnen, werden sie mit allerlei Tricks auf den ‚richtigen' Weg gebracht."

Die zentralen Unterschiede zwischen den ersten drei Konzepten auf der einen und den letzten beiden auf der andern Seite, lassen sich knapp tabellarisch zusammenfassen:

  aggressive GWA
katalytisch-aktivierende
Alinsky
wohlfahrtsstaatliche GWA
integrative GWA
Refe-
renz-
punkt
Referenzpunkte dieser Ansätze sind die Bewohner mit ihren Benachteiligungen. Mit dem Defizitansatz wird gebrochen, die Ressourcen stehen im Mittelpunkt und es wird ursacheorientiert gearbeitet Referenzpunkt der Arbeit ist die bestehende staatliche
Ordnung. In der Arbeit werden Defizite der Menschen
in den Mittelpunkt gestellt und es wird symptomorientiert bearbeitet.
Ziele Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind derart zu verändern, dass allen Menschen aus dem jeweiligen Gemeinwesen ein Leben ermöglicht wird, das der Würde des Menschen entspricht und sie weder sozial, kulturell noch gesundheitlich aus-
grenzt.
Ziel ist, die staatliche Ordnung, die quasi für unfehl-
bar erklärt wird, gegenüber Kritik und oppositionellen Bewegungen zu schützen. Zwei integrative Strategien werden gleichzeitig verfolgt:
  • Wohlfahrtstaatliche Sicherung der Loyalität der benachteiligten Massen
  • Repressiv kontrollierende, abschreckende bzw. ausschließende Maßnahmen gegen widerständigen Bürger
    Systemkritik wird generell als abweichend oder anormal
    stigmatisiert und sozial oder psychisch pathologisiert.
Problem-
ursachen
Bzgl. der Gewichtung von individuellen und gesellschaftlichen Ursachen werden eindeutig die gesellschaftlichen akzentuiert. Die gesellschaftliche Ordnung, wird als gerecht festgesetzt, kann damit auch nicht Schuld an sozialen Problemen sein. Die Schuld wird individualisiert, also den Menschen zugeschoben. Dies ist notwendig, um den Mythos einer vollkommenden Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten.
Wirk-
richtung
Diese Formen der GWA wirken von ‚unten' nach ‚oben'; d.h. die Initiative geht von den Bewohnern aus, die mit mehr oder weniger Unterstützung des Gemeinwesenarbeiters Macht und Einfluss ausbauen, um die bestehende politische und administrative Ordnung zu ihrem Vorteil zu verändern GWA wird staatlicherseits bezahlt und eingesetzt, wenn Störungen der ‚öffentlichen Ordnung' zu beklagen oder zu befürchten sind. Die Gemeinwesenarbeiter sind zumindest mittelbar weisungsgebunden (Angst vor Jobverlust) und geben im Quartier Themen vor, welche die Aufmerksamkeit der Bewohner dort binden sollen, wo sie den wirklich wichtigen Entscheidungen nicht im Wege stehen...
Rolle des
Gemein-
wesen-
arbeiters
Der Gemeinwesenarbeiter setzt seine Loyalität eindeutig auf Seiten der Bewohner; obwohl er punktuell auch mal die Initiative ergreift, vergewissert er sich bei den Menschen im Quartier immer wieder seiner Legitimation. Nach seinem Selbstverständnis ist er mehr politischer als pädagogischer Akteur. Eine Bezahlung seiner Arbeit ist oft schwer, da die Bewohner i.d.R. ökonomisch benachteiligt sind und es Seiten des Staates aus verständlichen Gründen wenig Interesse an ihrer Arbeit gibt. Hier ist die Bezahlung gesichert; sie ist jedoch daran gebunden, seine Loyalität dem Bewohner zu entziehen und sich ggf. auf staatliche Weisung hin, auch gegen die Interessen der Bewohner zu stellen. Er spielt quasi die Rolle eines ‚Polizisten', spioniert oppositionelle Aktivitäten aus, um sie durch Vereinnahmung zu schlucken, zu schwächen oder umzulenken. Fast regelhaft werden dann mit großem Aufwand Beteiligungsprozesse parallel auf wenig relevanten ‚Nebenkriegsschauplätzen' eröffnet. Teils werden auch Interessen der Bewohner gegenseitig ausgespielt, um Kräfte zu binden und die Solidarisierung zu erschweren. Solange es noch Geld in den öffentlichen Kassen gibt, werden dann auch mal mit Beteiligung der Bewohner Bänke aufgestellt, Bäume gepflanzt oder eine Schaukel aufgestellt...
Men-
schen-
bild
Mensch beeinflusst seine Umwelt als handelndes
Subjekt.
Mensch wird entmündigend zum Objekt staatlichen Handelns degradiert; er wird behandelt statt selber zu handeln


Die hier theoretisch gegenübergestellten Unterschiede sollen nun praktisch zunächst an dem einfachen BSP -Bewohner wollen eine öffentliche Grünflächen- exemplarisch und plakativ erläutert werden. Danach soll sich der Stadtentwicklungspolitik aus Sicht der verschiedenen GWA-Interpretationen angenähert werden.




Ein Park aus der aggressiven Perspektive:

1991 hatten sechs ehrenamtliche Mitarbeiter eines Hamburger Stadtteilzentrums die Idee, auf einer seit Jahren vergessenen und vermüllten Freifläche einen öffentlichen Park zu errichten. Ohne vorangehende öffentliche Diskussion im Stadtteil, setzten sie ihren Plan um, lag der Bedarf angesichts starker Verdichtung und mangelnder Erholungsflächen doch auf der Hand. Zuerst säuberten sie ohne große Aufmerksamkeit zu erregen mit jeweils zwei Freunden -also mit zusammen 18 Leuten- die Freifläche. Am nächsten Wochenende haben sie im ‚Schutz' eines Straßenfestes die sichtversperrenden Bauzäune eingerissen, mit einem ausgeliehenen Schaufelbagger den Boden bearbeitet und auf hunderten von Flugblätter mitgeteilt,

  • dass man damit begonnen habe, einen Park für den Stadtteil zu errichten,
  • dass alle, die auch einen Park wichtig finden, doch mithelfen sollten,
  • dass Schaufeln, Schubkarren, Gießkannen, einige Pflanzen... in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen und auf Mithelfer warten,
  • dass abends draußen ‚Pippi Langstrumpf' auf großer Leinwand gezeigt würde,
  • dass man sich aber natürlich auch freuen würde, wenn Getränke, Eis oder Kuchen gespendet werden,
  • (...)

Am Abend waren etwa 100 Menschen engagiert bei der Sache, feierten bis spät in die Nacht, bis morgens um sechs die ersten LKWs mit Muttererde kamen. Obwohl die meisten sehr müde waren, konnten sie zumindest solange Präsens zeigen, dass keine städtischen Bauarbeiter das Gelände sicheren konnten, ehe die ausgeschlafenen Kollegen zurückkamen... Während die Muttererde verteilt, die Pflanzen gepflanzt, der Rasen gesät wurde... plakatierten andere im ganzen Quartier, luden zur Pressekonferenz mit eingeweihten Kirchen-, Alten-, Kinder- und Behindertenvertretern oder verteilten 10.000 Flugblätter. Montags waren die Plakate in etwa einem Drittel der Schaufenster des Quartiers zu sehen. Mittwoch wird zusammen mit der Kirchengemeinde in den Gemeindesaal zur Stadtteilversammlung geladen, Einvernehmen über den Bedarf an einem Park festgestellt und allen Gästen vorgefertigte Unterschriftenlisten für sich und alle ihre Freunde und Bekannten mitgegeben. In Zelten hielten jeweils 10 Menschen Nachtwache, andere beobachteten die Polizeikasernen und wohlwollende Bekannte aus Politik und Verwaltung informierten über staatliche Aktivitäten... Erst eine Woche später tritt der Hamburger Senat vor die Presse und verkündet plötzlich den Bau von 120 Sozialwohnungen. Dies Unterfangen war zu durchsichtig, als dass es nach Jahren der Untätigkeit der Bevölkerung hätte vermittelt werden können; auch eine gewaltsame polizeiliche Räumung von Menschen, die ehrenamtlich ohne öffentliche Gelder einen Park für die Allgemeinheit schaffen, wäre leicht auf Ablehnung gestoßen. Zwar wurde der Park -in dem dann 500 Menschen standen- im dritten Anlauf mit 2.000 Polizisten nachts um 5 Uhr rabiat geräumt und mussten zahlreiche ‚Gärtnern' in Krankenhäusern verarztet werden...; jedoch war der Imageverlust der staatlichen Entscheidungsträger groß und die Bebauungspläne mussten auf 1/3 reduziert werden und Platz für einen kleineren Park lassen...

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Ein Park nach Alinsky:

Im Altenheim diskutieren die Bewohner, wie schwer es für sie ist, allein in den entfernten Park eines anderen Stadtteils zu kommen und dass sie sich deshalb in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlen. Der Träger des Altenheimes, der im ganzen Quartier auch die ambulante Versorgung von behinderten und alten Menschen sicherstellt, berichtet auf der Bewohnerversammlung, dass dieses Problem verbreitet und regelmäßig formuliert wird. Zwei Bewohner sagen, dass man da doch mal was gemeinsam machen sollte; ein Mitarbeiter ergänzt, dass man dann ja auch an die Eltern mit Kleinkindern denken müsste, die mit ihren Kinderwagen auch in ihrer Mobilität eingeschränkt seien, sowie den Kindern und Jugendlichen die ihre Freizeit nicht auf der Straße verbringen sollten... Zwei Bewohner des Altenheims vereinbaren, sich genauer bei Institutionen -die mit den benannten Zielgruppen arbeiten- zu erkundigen, ob das Problem dort geteilt wird. Ist dies der Fall, sollten sie auch gleich ankündigen, Delegierte zu einem späteren Treffen ins Altenheim einzuladen... Die Schulleiterin vertritt die Grundschulkinder, der Pastor mit einer Teilnehmerin seiner Altengruppe, drei Mütter, die sich noch vom Schwangerschafts-Vorbereitungskurs kennen, kommen, ein paar Rollifahrer und nicht zuletzt einige Studenten der Sonder- bzw. Sozialpädagogik, die in der Zeitung davon gelesen haben... Alle reden durcheinander, können gerade noch sicherstellen, dass eine Adressenliste erstellt und jeweils eine Pressemitteilung und ein Brief an die zuständigen Politiker vorbereitet wird, der beim nächsten Treffen verabschiedet und dann versandt werden soll. Dies passiert dann beim zweiten Treffen in etwa gleich großem Kreis auch ohne Probleme; das Brainstorming zu weiterführenden Ideen droht jedoch die Anwesenden zu überfordern:

  • Einer hat mal von einer Grünflächenquote gehört; wer kann klären, ob es diese wirklich gibt, sie unterschritten ist und welche juristische Bedeutung dies hätte...
  • Man sollte einen Infostand auf der Straße machen. Warum nicht einen Sitzstreik...
  • Einer hat was von einer Zukunftswerkstatt gelesen und möchte so etwas auch, weil verschiedene Modelle zur Frei- und Grünflächengestaltung entstehen und dann ausgestellt werden könnten.
  • Sollte man nicht einfach mal die Politiker einladen? Oder das Fernsehen...
  • Vielleicht können Fachleute erläutern, warum wohnnahe Erholungsflächen zur gesundheitlichen und kognitiven Förderung von Kindern unerlässlich sind, welche städtebau- verfassungs- und sozialrechtlichen Aspekte für erwachsene, alte und behinderte Menschen betroffen sind und bemüht werden könnten...
  • Vielleicht kann ein Grünflächenplaner Vorschläge zu einer Parkgestaltung machen...
  • Sollte nicht eine Demonstration gemacht werden...
  • Wer kann sich um Plakate, Transparente, Flugblätter kümmern...
  • (...)




Wer soll diese ganzen sinnvollen Anregungen umsetzen oder koordinieren, sowie die Informationsflüsse sichern, damit die Arbeit weniger chaotisch verläuft, stand als letzte Frage im Raum? Man braucht einen Gemeinwesenarbeiter ist man sich schnell einig! Man einigt sich auf den Ehemann der Schulleiterin, einem arbeitslosen Sozialpädagogen. Da zumindest zur Zeit kein Geld da ist, die Kommune kein Interesse hat und auch die meisten der engagierten Bewohner überfordert wären, schien dieser Kompromiss sinnvoll: die Studenten des Sozialwesens überzeugen engagierte Dozenten, ein mehrsemestriges Projekt anzubieten, in dem sie Pflichtscheine erwerben können und das den Dozenten aufs Lehrdeputat angerechnet wird. Gemeinsam werden nun die Vorschläge koordiniert und umgesetzt. Der Gemeinwesenarbeiter hält sich mit seinem eigenen Einfluss auf das Geschehen so weit wie möglich zurück und bemüht sich stattdessen, alle Interessierten arbeitsteilig so einzusetzen, dass sie Spaß haben und sich wichtig fühlen können. So können sie ihre persönlichen Ressourcen erweitern, sich stärker mit dem Geschehen identifizieren und die Gruppenstruktur stärken. So gestärkt bemüht man sich, die öffentliche Aufmerksamkeit, sowie den außer- wie innerparlamentarischen Einfluss zu steigern und die politische Zustimmung zum Park zu erstreiten...

[Bearbeiten] Ein katalytisch-aktivierter Park:

In der katalytisch-aktivierenden GWA werden die Probleme von den Profis der verschiedenen Institutionen auf der Stadtteilkonferenz identifiziert und problematisiert. (Ernährungs- oder Gesundheitssituation von Kindern und Eltern, schlecht beleuchtete Wege in schlechtem Zustand mit Barrieren für Kinderwagen und Rollstühle, Störungen und Gefährdungen durch schlechte Organisation des fließenden wie ruhenden Autoverkehrs...) Schon sehr schnell werden die Bewohner an Umsetzungsschritten beteiligt; jedoch zu Themen, die nicht ihre und für sie auch nicht relevant sein müssen. Wenn die vorgeschlagenen Ideen bei den anwesenden Bewohnern jedoch auf Interesse stoßen, verläuft die Bewohnerbeteiligung kaum anders als bei Alinsky. Verläuft der Prozess auch unterschiedlich radikal und mehr oder weniger innerhalb der bestehenden Institutionen und Konventionen, so ist die Frage, ob die Bewohner beteiligt werden, sie der Referenzpunkt der GWA sind und sich zum politisch handelnden Subjekt emanzipieren sollen, trotzdem eindeutig mit ‚Ja' zu beantworten. Allein die Frage, wann sie ihre zentrale Rolle übernehmen, bleibt verschieden. Ein Park hat dann eine reelle Chance zu entstehen, wenn die Idee vom Gemeinwesenarbeiter zufällig benannt und den Bewohnern genau so zufällig aus dem Herzen spricht; ist ein solches Einvernehmen hergestellt, dann verlassen die Bewohner ihren Objektstatus und werden zum handelnden Subjekt.

[Bearbeiten] Vielleicht ein wohlfahrtstaatlicher Park:

In der wohlfahrtsstaatlichen GWA spielen die Interessen der Bewohner bezüglich Problemdefinition und -lösung nur eine untergeordnete Rolle; sie werden nicht in der Rolle des aktiven, mitgestaltenden Bürgers ernstgenommen und angesprochen, sondern als Konsument des sozial-staatlichen Angebotes. ‚Gemeinwesen' hat in diesem Konzept eher die quantitativ-technische Funktion, territoriale Grenzen zu markieren; eine inhaltlich-qualitative Bedeutung gewinnt GWA hier nicht: Die hierarchischen Verhältnisse zwischen Bürger und Staat oder Klient und Sozialarbeiter bleiben unverändert, die soziale Dimension der gebauten Umwelt bleibt unberücksichtigt und Defizitorientierung wie Ohnmachtgefühle werden kultiviert... Die Bewohner sollen, solange ihre Kommunikation nicht verdichten und sich solidarisieren, wie sie nicht dazu aufgefordert werden; und wenn, dann nur zum Zwecke der karitativen geldsparenden Nachbarschaftshilfe statt zur kollektiven Bewusstseinsbildung. Vernetzt werden allein die bestehenden Anbieter auf dem ‚Sozialmarkt' die so die bestehenden oder neuen Programme der Verwaltung und Politik effizienter von ‚oben' nach ‚unten' ins Quartier umsetzen sollen. Je nachdem, wo die (sozial-) staatliche Steuerung Handlungsbedarfe festlegt, müssen die direkt oder subsidiär vom Staat geförderten Träger im Quartier enger zusammenarbeiten:

  • Scheint die Zahl der arbeitslosen Frauen im Alter über 55 Jahren bedrohlich, müssen sich Sozialamt, Beschäftigungsträger und Schule ggf. koordinieren, damit die Frauen gefördert über den 2. Arbeitsmarkt eine halböffentliche Schulkantine betreiben...
  • Sollen jüngere arbeitslose alleinerziehende Frauen Computerkurse machen, muss aus Honorarmitteln des Kinder- und Familienzentrums eine Computerlehrerin bezahlt werden, welche die Frauen an den Computern der Schule und in deren Räumlichkeiten, die ab 16 Uhr ungenutzt sind, unterrichtet. Bei Bedarf übernimmt dann das Spielmobil die Betreuung der Kinder...
  • Sollen rechte Gewalt und Suchtprobleme durch Jugendkultur und Sport gestoppt werden, wird das Sozialamt im Bedarfsfalle zur Übernahme der Vereinsbeiträge gezwungen, der Jugendclub soll im Sommer ‚Open-Air' Kinofilme zeigen, die von der Landesbildstelle zusammen mit den Projektoren kostenlos zur Verfügung gestellt werden, von dem örtlichen Beschäftigungsträger für Jugendliche und Jungerwachsene wird die Leinwand hergestellt und ein Amphitheater gebaut...
  • (...)

Wenn nun gleichzeitig in einem Teil der Bevölkerung der Wunsch nach einem Park reift, hat dies für die wohlfahrtsstaatliche GWA keine Bedeutung; weder im positiven noch im negativen Sinne, selbst dann nicht, würden die Bewohner selber Hand anlegen. Erst wenn Politik und Verwaltung dies Thema als steuerungsrelevant einstufen, könnte ein Park entstehen. Dies könnte bsp. dann der Fall sein, wenn repräsentative Erhebungen vor Wahlen innerhalb eines relevant großen Teils der Bewohnerschaft den Wunsch offenbaren. Aus Prinzip wird es sich die kommunale Regierung dann aber nicht nehmen lassen, die Idee als ihre zu verkaufen und sie regelhaft in Eigenregie, durch die Tief-, Hoch- und Gartenbauabteilung -von oben nach unten- durchsetzen. Selten werden die Sozial- und Jugendressorts beteiligt und die Bewohner fast nie, außer es ließen sich durch Selbsthilfe Kosten sparen oder billig Loyalitäten sichern. Eine Emanzipation des Bewohners zum politischen Subjekt, ist ausgeschlossen.

Kein integrativer Park:

Wenn im Bebauungsplan kein Park vorgesehen ist, gibt es auch kein Park! Wäre ein Park sinnvoll, hätte man dies politisch sonst doch festgelegt! Weil es aber nicht festgelegt wurde, macht es auch kein Sinn! Wer widerspricht stört den ‚natürlichen' Lauf der Dinge; je lauter er widerspricht, desto stärker wird er als ‚Störer' stigmatisiert und ausgegrenzt... Sowie außerparlamentarische Kritik geäußert wird, scheint es für die Entscheidungsträger keine Alternative zu geben, als ‚jetzt-erst-recht-nein!'. Staatliches Handeln immunisiert sich gegenüber Sachargumenten, um so nicht der Schwäche oder Angst gegenüber einigen wenigen vorgeführt zu werden, die in den konservativen Medien als ‚nicht demokratisch legitimiert' diskreditiert werden und um ihrem Klientel zu demonstrieren, ‚wer hier das Sagen hat'. Es geht nur noch um das Prinzip, das letzte Wort oder Recht zu haben.' Wer nach einem solchen Selbstverständnis GWA betreibt, tut dies fast regelhaft in staatlicher oder halbstaatlicher Zuständigkeit; er bezweckt die Harmonisierung und Sicherung staatlich vorher festgelegter Stadtentwicklungskonzepte. Staatlich finanziert, verfolgen sie staatliche Ziele und werden nur nach staatlicher Aufforderung tätig... Sie nutzen ihre Nähe zu den Bewohnern, um außerplanmäßige kritische Eigeninitiative frühzeitig wahrzunehmen und an runden Tischen im Keim zu ersticken. Beteiligung findet nach diesem Verständnis statt, um vorher von der Regierung fixierte Leitziele und -parolen wie bsp. ‚Aufwertung der Innenstadt', ‚Förderung der Gewerbeansiedlung' oder ‚Sicherheit in der Stadt', störungsfrei umzusetzen. Entweder über die positive Integration: ‚auch unser Quartier ist Feuer und Flamme für Olympia'; die negative Integration: ‚unser Stadtteil wehrt sich gegen die Bedrohung durch Junkies und farbige Dealer' oder die ablenkende positive Integration an anderer Stelle: ‚unser Stadtteil prämiert und belohnt den schönsten Hinterhof'.

Die Hamburger Stadtentwicklungsgesellschaft (STEG) ist ein prägnantes Beispiel für integrative GWA:

  • Sie wurde als halbstaatlicher und weisungsgebundener Träger eigens zur Befriedigung des Hamburger Schanzenviertels ins Leben gerufen, nachdem die Planungen für das Musical ‚Phantom der Oper' mitten in einem Wohnquartier am massiven, breiten aber auch radikalen Widerstand seiner Bewohner scheiterte. Da die Ansiedlung des Musicals das Quartier schlagartig aufgewertet und Mieterhöhungen nach sich gezogen hätte, konnte der Widerstand der Bewohner leicht mobilisiert werden. Die STEG verfolgt die vertreibende Aufwertung des Stadtteils seither behutsam. Der Prozess, gestreckt und von der STEG moderiert, vollzieht sich nun weitestgehend konfliktfrei:

„Zwar stiegen die Mieten der sanierten Wohnräume von 1,75€ auf 4,50€, doch dafür wurden Etagenklos abgeschafft und Badezimmer in den Wohnungen integriert. Auch Fußbodenheizung und Einbauküche gehören mittlerweile zum guten Ton",

berichten die Medien<ref>In: ‚Hamburger Morgenpost’ vom 29.01.03.</ref> über den Sanierungserfolg. Mangels Kompetenz und Bereitschaft zur emphatischen Rekonstruktion der Bewohnerinteressen, überplanen die Mitarbeiter der STEG Stadt und Wohnraum nun so, wie sie selbst -mit eigenem festen Tariflohn- leben möchten; dass andere Menschen lieber Kohlen für die Ofenheizung schleppen oder weiter auf die Gemeinschaftstoilette im Treppenhaus gehen wollen, um Geld zu sparen und in ihrer vertrauten, liebgewonnenen Nachbarschaft wohnen bleiben zu können, wird ignoriert.

  • Wenn ein Kind auf der angrenzenden Hauptverkehrsstraße getötet wird, hält sich die STEG zurück, obwohl die Bewohner die massive Gefährdung nicht mehr hinnehmen wollen; will die Landesregierung jedoch kaufkräftige junge Touristen und aufstrebende moderne Kleinunternehmen in den Stadtteil holen, wird die STEG aktiv. Dann werden einige handverlesende Gastronome beteiligt, um zu Lasten der Anwohner (Ruhe, Mietpreissteigerung, Verkehr) eine Piazza nach Italienischem Vorbild mit Bewirtung bis spät in die Nacht durchzusetzen...; öffentliche Veranstaltungen werden v.a. genutzt, vorgefertigte Konzepte allein zur Kenntnis zu geben. An einem BSP will ich die Arbeitsweise der STEG skizzieren:

Im April 2000 soll um die Zustimmung zur Erweiterung der angrenzenden Hamburger Messe geworben werden. Schon in den ersten Sätzen der einleitende Ankündigung zu diesem Thema<ref>In: ‚Quartiersnachrichten’ der STEG-Hamburg, 4/2000.</ref> wird das Spannungsverhältnis zwischen Bewohnern, Politik und Ökonomie deutlich:

„Messeerweiterung: Bewohner sollen mitreden: Die Entscheidung ist gefallen: Der Hamburger Senat hat beschlossen, die Messe am gegenwärtigen Standort zu erhalten und dort auszubauen. Das Projekt wird in mehreren Bauabschnitten realisiert werden. (...) Da die Pläne sich besonders auch auf das Karolinenviertel auswirken werden, ist eine intensive Bürgerbeteiligung vorgesehen."

Obwohl die Entscheidung schon gefallen ist, sollen die Bewohner also hinterher mitreden. Die privatwirtschaftliche Messe will expandieren, der Hamburger Senat führt die Entscheidung herbei, die STEG hat sie möglichst reibungslos zu exekutieren. Im Rahmen der ‚intensiven Bürgerbeteiligung' können die Menschen sich informieren, Fragen stellen, Bedenken äußern oder um Anwohnerparkplätze bitten... grundsätzlich aber nie entscheiden! Nachdem sich die Anwohner eindeutig und grundsätzlich gegen die Messeerweiterung ausgesprochen haben, wird kurz darauf erneut mit der Ankündigung: „Bürgerbeteiligung: Sie sind gefragt! - ein Projekt zur Bürgerbeteiligung" initiiert und von Professoren Hamburger Hochschulen moderiert.<ref>vgl. ‚Quartiersnachrichten’ der STEG-Hamburg 9/2000.</ref> Wieder geht es nur um das ‚wie' und nicht um das ‚ob' der schon beschlossenen Planungen. Von den 4.500 angeschriebenen Anwohnern beteiligten sich folgerichtig nur neun an einem Planungsworkshop... Man will prüfen, ob man das Gelände außerhalb des Messebetriebes auch für Spiel und Sport öffnen könnte... Parallel regt die STEG zum Thema „Mehr Licht für die Marktstraße" die Bewohnerbeteiligung an. Sie will sich dafür einsetzen, dass nachts wieder alle Laternen eingeschaltet und zwei neu aufgestellt werden und Farbe würde sie besorgen, damit man gemeinsam Wandbilder malt...

  • Obwohl es keine Beteiligung in dem Sinne gibt, dass Initiativen von den Bewohnern ausgehen und sie die vorgegebenen Themen bestimmen oder Planungen grundsätzlich in Frage stellen dürfen, werden die Veranstaltungen als Beteiligungsgremien deklariert, um Kritik an fehlender Bürgernähe diskreditieren zu können. Für Kritik innerhalb der ‚offiziellen' Veranstaltungen ist kaum Raum, da die Dramaturgie fest in der Hand der STEG liegt, die vom Podium aus, rhetorisch überlegen, die Bewohner zur Zustimmung der schon vorgefertigten Konzepte bewegt. Mit Saalmikrofonen, der Aufforderung sich bei Redebeiträgen persönlich kurz vorzustellen und einer hierarchischen Sitzordnung, werden zudem die Hemmschwellen soweit angehoben, dass benachteiligte, tendenziell artikulationsschwache Bewohner, von vornherein ausgeschlossen sind; niemand bemüht sich, dass jeder wirklich eine Form findet, trotz Angst, seine Interessen einzubringen...
  • Als der ‚aggressive Park' gebaut wurde und die Landesregierung die Interessen der Bewohner damit vom Tisch wischte, dass man zeigen müsste, ‚wer hier das Sagen hat', startete die STEG zur Ablenkung flankierend eine Kampagne zur Verschönerung von privaten Gärten und Höfen...
  • (...)

Zur Illustration der subtilen Mittel, wie im Zuge eines solchen Quartiersmanagement benachteiligte Bewohner bzgl. ihrer Bedürfnisse systematisch ausgegrenzt werden, äußert sich Hinte in einfühlsamer Weise:<ref>Hinte, Wolfgang 1998: Bewohner ermutigen, aktivieren, organisieren In Alisch, Monika (Hrsg.) 1998: Stadtteilmanagement. Opladen: Leske&Budrich. 153- 169</ref>

"Tatsächlich sind die Menschen in einem Wohnquartier auf vielfältige Weise aktiv. Sie feiern Feste, sie regeln den Krach im Treppenhaus, sie zerstören Telefonzellen, waschen ihre Autos, schlagen nicht nur die Zeit, sondern sich gelegentlich auch untereinander tot oder organisieren den örtlichen Drogenhandel und vertreiben asylsuchende Menschen. Aktivitäten, die belegen, dass Menschen durchaus aktiv sind, jedoch nicht auf die Art und Weise, wie sich Professionelle das vorstellen... Der klassische Aktivierungsbegriff beruht auf einem bürgerlichen, von listiger Pädagogik geprägtem Menschenbild, auf dessen Grundlage man ein Bild von einem wünschenswerten Menschen konstruiert, den es über methodisch saubere Verfahren zu schaffen gilt. (...) Subversive, laute, skandalisierende Aktionen sind vielerorts eher nicht erwünscht. Beteiligung soll doch -bitte schön- geordnet, in klaren Verfahrensschritten und übersichtlich, also deutsch, ablaufen. Die gestylten PartizipationstechnologInnen von heute agieren mit Moderationskoffer und geordneter Sitzungsleitung; in den 70er Jahren war es wichtig, eine laute Stimme, ein Herz für die Leute, eine gehörige Portion Frechheit und einen klaren Kopf zu besitzen. Damals mussten die BürgerInnen sich die Macht erkämpfen -heute wird so getan als hätten sie sie bereits- ‚Sie können ja, wenn sie nur wollen', doch in Wirklichkeit weiß keiner so genau, wer was wann entscheiden kann. (...) Über die klassischen Formen kommunaler Beteiligungspraxis werden genau diejenigen Bevölkerungsgruppen bevorzugt, die ohnehin auf der Sonnenseite dieser Gesellschaft stehen. Denn derlei Verfahren... orientieren sich fast immer an klassischen bürgerlichen Mittelschichtstandard. Angebote zur Information der Bürgerschaft über Broschüren oder etwa Aufrufe zu Unmutsäußerungen... werden in der Regel von den Menschen wahrgenommen, die es gewohnt sind oder gelernt haben, sich genau in diesen Formen zu äußern. (...) Geordnete Bürgerversammlungen oder ‚runde Tische', methodisch sauber moderiert, grenzen jedoch diejenigen Bevölkerungsgruppen aus die sich eher ungeordnet, lautstark und anarchisch äußern und bei denen der Unterschied zwischen guter Laune und Randale nicht immer so genau zu erkennen ist. (...) Sie entziehen sich jeder geordneten Moderation und sind partout nicht bereit, ihre Bedürfnisse auf Karten zu schreiben." Wenn benachteiligte Menschen der Einladung zur Bürgerversammlung folgen und dort ihre Interessen so vertreten, wie es in ihrem Quartier üblich ist, bedienen sie die Vorurteile der (relativ) elitären Quartiersmanager, aggressiv zu sein, Alkoholprobleme zu haben, nichts zu verstehen, nur stören zu wollen, die vermeintlich notwendige und nützliche Aufwertung verhindern zu wollen... Den zur Zeit dort lebenden, benachteiligten und verängstigten BewohnerInnen wird die Unterstützung verweigert und sie werden als Gegner der integrativen GWA identifiziert...





[Bearbeiten] Etablierung der GWA in der Bundesrepublik:

Unter anderem im Engagement in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik konnte die Studentenbewegung ihre gesellschaftskritischen Diskurse in praktisches Handeln überführen. Wohnen in einem gesundheits- und sozialverträglichem Wohnumfeld müsse als Menschen- bzw. Grundrecht betrachtet werden und dürfe daher nicht der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen werden. Die Spekulation auf Renditegewinne führte zur Steigerung der Boden- sowie Immobilienpreise, zu Mieterhöhungen auf dem Wohnungsmarkt und letztendlich zur finanziellen Not der Bewohner; Sanierung, Modernisierung und Neubau von qualitativ höherwertigen Wohnraum an den begehrten Orten der Stadt begründen einen Prozess, den die Stadtsoziologen Segregation nennen. Die ökonomische Ungleichheit führt zur Verdrängung ökonomisch benachteiligte Menschen, die sich die Mieten in ‚ihrem' Stadtteil nicht mehr leisten können, durch jene aufstrebenden Mittelschichten, die citynah und anspruchsvoll wohnen wollen und über das nötige Einkommen verfügen.

„Ist durch Begrünung und Verkehrsberuhigung ein Quartier erst einmal äußerlich und durch seine Bewohner auch sozial aufgewertet, verändert sich sein Stellenwert auf dem Wohnungsmarkt: die Zahlungskräftigen Yuppies rücken nach, durchmischen die Szene und ziehen kapitalintensive Aufwertungsmaßnahmen nach sich..." (Häußermann&Siebel: 1987: 19).

Die segregierte Stadt als Ergebnis jenen Prozesses, zeichnet sich durch eine doppelte Spaltung aus; die räumlichen Spaltung spiegelt sich in der ökonomische Spaltung der Stadt wieder. In den benachteiligten Quartieren konzentrieren sich zunächst benachteiligte Menschen, später entfaltet der Wohnort selbst -durch seine zunehmende Stigmatisierung- eine zusätzlich benachteiligende Wirkung. Ökonomisch besser situierte Menschen streben in die aufgewerteten Innenstädte, wenn sie jung und dynamisch sind (Gentrification) oder konzentrieren sich im grünen sog. ‚Speckgürtel' am Rande der Stadt, wenn sie bürgerlich, älter oder erholungsbedürftiger sind (Suburbanisierung). Diese Verdrängungsprozesse in Folge kapitalistischer Verwertungsinteressen entwickelten sich seit Anfang der 70er Jahre zunehmend deutlich und für die Bewohner bedrohlich. Von verschiedenen Seiten, zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gründen wurde diese Entwicklung kritisch betrachtet:

  • Die Akteure der Studentenbewegung, die sich in der Stadtentwicklung engagierten und mit den ersten drei oben skizzierten Formen der GWA sympathisierten, identifizierten in der Stadtentwicklungspolitik eine Form kapitalistischer Unterdrückung. Ökonomisch benachteiligte Menschen aus ihren Milieus zu vertreiben schien ihnen auch deshalb inhuman, weil die Menschen nicht nur tief verwurzelt sind, sondern die solidarische Nachbarschaft auch existenzsichernde Funktion hat. Sie äußerten ihre Kritik schon Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre, nahmen parteiisch die Perspektive der Bewohner ein und unterstützten den kollektiven Widerstand.
  • Der Deutsche Städtetag kreierte 1979 den Begriff ‚Sozialer Brennpunkt', um vor den negativen Folgen einer sich verschärfenden sozial-räumlichen Polarisierung zu warnen. Dabei wurde jedoch nicht parteilich die Perspektive der Bewohner vertreten, deren existenzielle Bedürfnisse zur Disposition gestellt werden, sondern jene der Kommunen, die befürchteten, die negative Dynamik in den selbst geschaffenen Armutsquartieren nicht mehr kontrollieren zu können. Obwohl das Interesse der Bewohner nicht handlungsleitend waren, wären sie mittelbar gewahrt worden, hätten die Warnungen damals zum einem Umdenken in der Stadtentwicklung geführt.
  • 15 Jahre später, 1994 konstatieren die deutschen Oberbürgermeister in ihrem Manifest: ‚Rettet unsere Städte jetzt!' (Kronawitter 1994), dass die Städte nun in arme und reiche Menschen gespalten sind, die sich in armen und reichen Stadtteilen konzentrieren. In vielen v.a. randstädtischen Armutsquartieren haben sich massive Desintegrationserscheinungen entwickelt, die sich nun, ausgehend aus ihrer räumlichen Isolation und Abgeschiedenheit, zum gesamtstädtischen Problem ausbreiten; diese Probleme seinen mit den kommunalen Ressourcen nicht mehr in den Griff zu bekommen. Die Oberbürgermeister nehmen nun die selbe Perspektive des Städtetages ein, allerdings nachdem ‚das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.' Da das Rad kaum zurück zu drehen ist; erhofften sich die Bürgermeister nun, mit Landes- Bundes- und EU-Unterstützung in den Armutsquartieren
  • die Strukturen neu zu schaffen, die 25 Jahre zuvor in den gemischten Wohngebieten existierten und für deren Erhalt sich damals die ehrenamtlichen Gemeinwesenarbeiter engagierten,
  • die Probleme mehr schlecht als recht in den Griff zu bekommen, die der Deutsche Städtetag 15 Jahre zuvor vorhergesagt hatte,
  • die immateriellen Ressourcen der benachteiligten Bewohner abzuschöpfen und die Menschen zur Selbsthilfe zu zwingen.

Handlungsleitend sind nicht die Bewohnerinteressen, sondern die Ängste der Gesamtstadt vor Desintegration und Beschwerdemacht der benachteiligten Quartiere, die nun auf die ‚Schokoladenseiten' der Stadt zurückzufallen droht. Da man möglichst wenig Geld zur Stabilisierung ausgeben möchte, entwickelt man zu den Bewohnern zudem ein Verhältnis, das in ihnen quasi die Rolle einer Kolonie zuschreibt, die es im Stile ehemaliger Kolonialmächte auszubeuten gilt: Die nachbarschaftlichen Strukturen und die sozialen und kulturellen Ressourcen der Bewohner sollen nun abgeschöpft werden, um die Stabilität zurückzugeben, die zuvor durch Vertreibung und Sozialkürzungen bewusst zerstört wurde. Während in den alten Bundesländern mittels spezieller Europa-Bund-Länder-Kommunen-Programme nun die Folgen der Segregation aufgefangen werden sollen, verwenden die neuen Länder die Programme auch zur Aufwertung der Innenstädte und leiten damit die erst Segregation ein, deren Folgen aufzufangen, die Gelder eigentlich gedacht sind; in Hamburg werden die Mittel traditionell v.a. zur Sicherung politischer Macht investiert.

[Bearbeiten] Oppositionelle Gemeinwesenarbeit:

Gewachsene Wohnmilieus zu schützen ist zum einen moralisch zu begründen, weil es eine Frage von Lebensqualität ist, in einem Quartier zu leben, in dem man schon lange lebt, seine Geschichten und alle Ecken kennt, mit dem man sich stark identifiziert, wo einem bei jedem Spaziergang viele bekannte Gesichter begegnen, man sich zumindest gegenseitig erkennend begrüßt oder sogar kurz ins Gespräch kommt, wo in den Geschäften des täglichen Bedarfs Namen und Wünsche bekannt sind...

 
Bilder St.-Pauli buch – buch bei Treber
 

„Als Fazit bleibt die Tatsache, dass das i.d.R. enge soziale Netzwerk im Quartier zu einer Vertrautheit führt, die viele nicht missen möchten und die dann auch als ein wichtiger Grund des Widerstandes gegen Umsiedlung immer wieder deutlich geworden ist. Es sind... jene lockeren, situativen Formen sozialer Beziehungen, die sich beiläufig ohne planendes Arrangement in der Quartiersöffentlichkeit ergeben und durch ihr ständig wiederholtes Auftreten viel zur Identifikation von Bewohnern mit 'ihrem' Stadtteil beiträgt" (Herlyn 1990: 145).

Der Milieuschutz ist aber auch eine Frage ökonomischer Rationalität, sind Milieustrukturen -gekennzeichnet durch intensive Kommunikation, Solidarität und Nachbarschaftshilfe- doch eine ‚Ressource zur Lebensbewältigung' und stellen einen geldwerten Faktor zur Existenzsicherung dar. Da bis Anfang der 80er Jahre die sog. Flächensanierung bevorzugt wurde, um ‚in einem Abwasch' gleich ganze Quartiere abzureißen und renditesteigernd neu wieder aufzubauen, war es für die engagierten Gemeinwesenarbeiter nicht schwer, Widerstand zu mobilisieren. Die Bedrohung war allgegenwärtig und auch für weniger politisch interessierte Bewohner nicht zu übersehen. Die Kommune stellte ihre Investition in öffentliche Infrastruktur ein, die Hauseigentümer jene in ihren Wohnungsbestand; freie Wohnungen wurden nicht mehr neu vermietet, damit man später keine Abfindungen zahlen oder Ersatzwohnungen stellen musste, die Gewerbetreibenden verlassen sukzessive das Quartier und hinterlassen verkommende Ladenlokale... Selbst sonst passive Menschen beteiligten sich an Mietstreiks, Straßenblockaden, Demonstrationen und Besetzungen von kommunalen Bauämtern oder Parteizentralen; besetzten sie nicht selber leerstehende Wohnungen und Häuser, so spendeten sie wenigstens Kaffee und Kuchen oder schlossen die Kabeltrommel der Besetzer an ihrer Steckdose an... Der Wiederstand schien zunächst erfolgreich zu sein: Die Flächensanierung wurde im Laufe der Zeit weitestgehend zu Gunsten einer sog. behutsamen Sanierung im Wohnungsbestand aufgegeben, im BauGB wurde der Milieuschutz verankert und die Mieterhöhungen des sanierten Wohnraumes wurden durch öffentliche Gelder der Wohnungsbaukreditanstalt auf ein erträgliches Maß runtersubventioniert. Der vermeintliche Sieg entpuppte sich später jedoch als Niederlage, denn die negativen Folgen für die Bewohner blieben die Gleichen (vgl. Alisch&Dangschat 1993; Bremer 1987) Die Vertreibung der Bewohner wurden allein verzögert, vollzog sich nun prozesshaft-individuell statt schlagartig-kollektiv und v.a. harmonisch ohne kollektiven Widerstand. So wurde von der Möglichkeit der Milieuerhaltung nach BauGB kaum Gebrauch gemacht; die Mietpreisbindung wurde nicht mehr -wie früher- für 30 Jahre festgelegt, sondern teils sogar nur noch für acht. War die Bewusstseinsförderung erschwert, v.a. weil die Menschen kurzfristig dachten und sich freuten, eine sanierte Wohnung mit geringer Mieterhöhung beziehen zu können, konnte Widerstand gar nicht erst entstehen.

[Bearbeiten] Der Deutsche Städtetag: Soziale Brennpunkte:

Wenngleich der Begriff ‚sozialer Brennpunkt' wegen seines stigmatisierenden Charakters unglücklich gewählt wurde, ist der inhaltlichen Bedeutung wenig hinzuzufügen und der Weitblick beeindruckend gewesen. Wenn heute von ‚benachteiligten Gebieten' ‚überforderten Nachbarschaften' oder ‚Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf' gesprochen wird, decken sich die Definitionen weitestgehend mit der ‚sozialer Brennpunkte':<ref>Zum Stichwort ‚Sozialer Brennpunkt’ in: Wörterbuch Soziale Arbeit; Fachlexikon der sozialen Arbeit und Deutscher Städtetag 1979.</ref>

  • Es sind Gebiete „die in ihrer Ausstattung mit sozialer Infrastruktur und (sozialen) Dienstleistungen unterversorgt sind und in denen auch 'Begegnungsmöglichkeiten' fehlen, d.h. Räume zu informellen und formalen Kommunikation."
  • Es sind Gebiete „in denen viele Menschen leben, die in ihrer materiellen und Wohnsituation, in ihrer Bildungs- und Arbeitssituation und ihren Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benachteiligt sind." Als weiter Folgen sozialer Benachteiligung kommen Vandalismus, Politische Desintegration (Rechts- und Nichtwähler bzw. Wähler von Parteien die nicht in Parlamente einziehen), subkulturelle Erziehungsstile (Autoritäre Erziehung u.a. durch körperliche Gewalt statt argumentativer Auseinandersetzung) subkulturell abweichende kollektive Entwicklung mangels Austausch mit Personen außerhalb des Quartiers und hohe Fluktuation hinzu.
  • Es sind Gebiete die räumlich isoliert häufig am Stadtrand liegen, welche die Wahrscheinlichkeit der Stigmatisierung ihrer Bewohner erhöhen und die Sozialisation der Kinder erschweren; die gekennzeichnet sind durch schlechte Bildung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Suchtprobleme...
  • Es sind Gebiete die durch einen Teufelskreis charakterisiert sind: Durch die Konzentration benachteiligter Bewohner wird das Wohnumfeld benachteiligt; durch das benachteiligte Wohnumfeld werden die Bewohner benachteiligt...
  • Es sind Gebiete die durch Sanierungsstau in Häusern und Wohnumfeld, durch eine Lage in der Nähe von Müllentsorgungsanlagen und/oder Autobahn und eine schlechte Anbindung an den ÖPNV gekennzeichnet sind.
  • Es sind Gebiete in denen Existenzängste die Ausprägung von Solidarität verhindern und die Diskriminierungsbereitschaft gegenüber Minderheiten fördern.
  • „(Es) sind Wohngebiete, in denen Faktoren, die die Lebensbedingungen ihrer Bewohner und insbesondre die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen negativ bestimmen, gehäuft auftreten."
  • (...)

Die Prognosen über die sich entwickelnde und manifestierende Desintegration in Armutsgebieten -so wissen wir heute- waren richtig. Statt die Warnungen ernst zu nehmen, setzen alle Städte darauf, die gegenseitige Konkurrenz um Ansiedlung von Gewerbe, Besuch von Touristen und Zuzug finanziell leistungsstarken und kulturell auffallenden Modernisierungsgewinnern zu gewinnen. Die Wohnungen wurden in den begehrten innerstädtischen Gebieten luxussaniert, das Straßenbild wurde als Visitenkarte der Stadt aufpoliert und kulturelle Zugpferde (z.B. Musicals, Festivals) mit hohen Subventionen in die Innenstädte gelockt... Die Kehrseite der Medaille hat die Oberbürgermeister dann 1994 zum Offenbarungseid gezwungen...

[Bearbeiten] Der Offenbarungseid der Oberbürgermeister:

Die Oberbürgermeister gaben sich 1994 überrascht, dass sich in ihren Städten verdeckt vom Glanz der Innenstadt Armutsgebiete herausgebildet haben, welche nun die Integrationskraft der Gesamtstadt bedrohten. Ihre gemeinsame Stellungnahme charakterisiert die Problemlage in diesen Quartieren zwar treffend, erscheint v.a. aus zwei Gründen aber unvollständig bzw. verlogen:

  • Viele der Oberbürgermeister sind schon länger im Amt gewesen; die sozial-räumliche Polarisierung hat sich also zu großen Teilen auch unter ihrer Regie vollzogen.
  • Die schönen Innenstädte, mit denen sich die Bürgermeister gerne schmücken sind die Ursache für Armutsquartieren; sie sind quasi nur die andere Seite der gleichen Medaille. Diesen Zusammenhang weigern sie sich sowohl für die Vergangenheit, als auch für die Zukunft anzuerkennen.

Wer die Vorgaben des BauGB (§1 BauGB) ignorierend, die Stadtplanung nicht sozialgerecht am Wohle der jeweils dort wohnenden Allgemeinheit ausrichtet, sondern sie sowohl im kommunalen Kontext, als auch i.S. der Standortkonkurrenz national und international dem kapitalistischen Verwertungsinteresse unterordnet, darf sich nicht wundern, wenn Menschen sich sozialräumlich polarisieren und Desintegrationspotential entwickeln. Sich der Hoffnung hinzugeben, die Segregationsfolgen würden sich nach dem Motto ‚aus dem Auge aus dem Sinn' irgendwie von selbst lösen, war naiv oder verantwortungslos; „die Ästhetisierung der Stadt schafft das Elend nicht ab, sondern nur beiseite", schreiben Häußermann&Siebel (1987: 209) treffend.

Die Stadt Magdeburg kann ein Beispiel dafür geben, wie Mittelmäßigkeit durch utopische Aufwertungspläne zu überwinden versucht wird. Die Pläne orientieren sich -wie auch in anderen Städten- v.a. an potentiellen Besuchern, Bewohnern und Gewerbetreibenden, während sozialer Ausschluss und Desintegration breiter Teile der derzeitigen Bewohner billigend in Kauf genommen wird. Voller Begeisterung hat i.d.S. die Magdeburger Kommunalpolitik im Jahre 2000 das ‚Tourismus-Leitkonzept für die Landeshauptstadt'<ref>Deutsches Wirtschaftswissenschaftliches Institut für Fremdenverkehr e.V. an der Universität München 7/2000. </ref> aufgenommen und versichert, es umzusetzen. Nachdem sich schon die Subventionen in ein Spaßbad als Flop herausgestellt hat und die Ausrichtung der Bundesgartenschau über Jahre hinweg aus kommunalen Mitteln nachsubventioniert werden muss, greift man nun erneut nach den Sternen. Da solche Pläne bundesweit keinen Einzelfall darstellen, können die folgenden Auszüge stadtentwicklungspolitische Visionen in der ganzen Republik illustrieren; tauscht man Namen von Orten und Flüssen aus oder ersetzt je nach Lage den charakteristischen Fluss gegen den charakteristischen Berg und je nach Historie den einen Künstler, Komponisten oder Herrscher gegen den anderen aus..., ähneln sich die Konzepte bis hin zur Austauschbarkeit:

„Wenn es gelingt, das geplante Musicaltheater am Elbufer zu realisieren, wäre dies als Meilenstein auf dem Weg der Steigerung des Bekanntheitsgrades zu werten. Neben der als selbstverständlich vorauszusetzenden hohen künstlerischen Qualität des Stückes, wird es darauf ankommen, mit einer ‚spektakulären Architektur' des Gebäudes für Furore zu sorgen. Die daraus resultierende Aufwertung der Stadt-Sihouette käme dem Konzept der Elbuferattraktivierung entgegen. (...) Im Interesse der Erhaltung und/oder Schaffung eines ansprechenden Stadtbildes sollte seitens der Stadt lediglich Sorge dafür getragen werden, dass -zumindest- die Fassaden nicht verunstaltet werden. Dies gilt insbesonders für die künftige ‚Schokoladenseite' der Stadt, den Elbuferbereich. (...) Der Hasselbachplatz wird seine Rolle als südlicher Ankerpunkt des Touristenraumes ‚Magdeburger Innenstadt' nur erfüllen, wenn die bereits angesprochenen Attraktivitätssteigerungen greifen. Auch die Rolle als Szene-Viertel ähnlich wie Schwabing in München oder die Altstadt in Düsseldorf kann der Hasselbachplatz nur erfüllen, wenn die dort angesiedelte Gastronomie sich in Richtung einer ‚echten Erlebnisgastronomie' weiterentwickelt. Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen (z.B. Sperrzeiten, Freiluftgastronomie) hierfür, sind seitens der Stadt zu schaffen. Insbesondere als Start oder Zielpunkt der ‚Architekturerlebnismeile' könnte sich der Hasselbachplatz langfristig einen festen Platz im touristischen Programm sichern. (...) Die immer populärer werdende Sportart (Inline-Skate) fände hier eine außergewöhnlich gut geeignete Location. Die Strecke vom Dom zum Wasserstraßenkreuz könnte bei entsprechender Gestaltung und Promotion sogar einen gewissen Kultcharakter bekommen, da ähnliches wie an den Uferboulevards von Santa Monica in Kalifornien in Deutschland bislang nicht existiert. Was für Berlin die Straße des 17. Juni mit der Blader's-Night könnte dieser Uferboulevard für Magdeburg und darüber hinaus werden. (...) Nur wenn es gelingt, auch bei diesen neuen Angeboten attraktive (überdachte) Erlebniseinkaufsmeilen zu errichten, wird es möglich sein, Magdeburg als lohnendes Einkaufsreiseziel zu vermarkten. (...)"

Da nun alle Städte -subventioniert aus öffentlichen Mitteln- um ähnliche Utopien konkurrieren, kann es unterm Strich keine Gewinner geben, heben sich die punktuellen Vorteile doch gegenseitig wieder auf. Die Refinanzierung dieser Konkurrenz belastet die öffentlichen Haushalte und führt dann in einer dynamischen Abwärtsbewegung zu weiteren Benachteiligungen, schon benachteiligter Menschen und Stadtteile und letztendlich zu dem von Häußermann&Siebel (1987:138ff) beschriebenen Phänomen der 3-geteilten Stadt:

[Bearbeiten] Der erste Teil

sei die ‚Schokoladenseite' der Stadt. Da sie national wie international mit den ‚Schokoladenseiten' anderer Städte konkurrierend vermarktet wird, um Touristen, einkommensstarke Zuzügler und Unternehmen anzuziehen, konzentrieren sich kommunale Planungen und Ausgaben auf diesen Teil der Stadt.

[Bearbeiten] Im zweiten Teil

seien die traditionellen Arbeits-, Versorgungs- und Wohnfunktionen für die deutsche Mittelschicht angesiedelt.

[Bearbeiten] Der dritte Teil

könne pointiert auch als ‚marginalisierte Stadt' bezeichnet werden, in der sich Randgruppen konzentrieren; ausgegrenzte, arbeitslose, ausländische, drogenabhängige und arme Menschen. Der soziale Abwärtstrend in diesem Teil der Stadt spiegelt sich im Stadtbild wieder, das dem Gegenteil der ‚ersten Stadt' entspricht. (Illegale Müllentsorgung, kaputte Wege und Wegbeleuchtungen, bröckelnde Fassaden und Farben, Lehrstände, Vandalismus...)

Der dritte Teil der Stadt, ist vergleichbar mit dem was auch als ‚Sozialer Brennpunkt' bezeichnet wird oder dem, wovor die Oberbürgermeister kapitulierten. Ohne die Verursachungszusammenhänge zu reflektieren und ohne den Willen, die Problematik ursächlich zu lösen, wird seit 1990 verstärkt nach neuen Strategien gesucht, der Situation in den benachteiligten Quartieren Herr zu werden. Da die öffentlichen Gelder jedoch weiter in der ‚ersten Stadt' gebunden sind, sollen diese Strategien möglichst wenig Geld kosten. Dies bedeutet zum einen die Zunahme von repressiver Kontrolle der benachteiligten Menschen und v.a. die Mobilisierung von vermuteten Selbsthilfepotentialen. Populistisch von Stichworten wie ‚Dritter Sektor' oder ‚Dritter Weg' flankiert, sollen sich die Menschen gegenseitig selbst am ‚Schopf aus dem Sumpf' ziehen. Auch hier gewinnt die Zahl drei erneut eine Bedeutung:

  • Die Bewohner in der ‚2.Stadt' können ihren Lebensunterhalt aus eigenem Erwerbseinkommen bestreiten; ihre überproportional hohen Steuern und Abgaben werden auch zur Subventionierung der ‚1.Stadt' verwendet.
  • Während die besser verdienenden Bewohner der ‚1.Stadt' zunehmend ihrer sozialstaatlichen Verantwortung entbunden werden (Steuererleichterungen), konzentrieren sich zugleich die kommunalen (Steuer-) Ausgaben der Stadtentwicklung aber genau auf ihre Wohngebiete; sie lassen sich ihre Wohnumfeldqualität quasi bezahlen von den Steuern relativ benachteiligter Menschen der ‚2.Stadt' und durch Sozialkürzungen bei den Bewohnern der ‚3.Stadt'.
  • In der ‚3.Stadt' sollen sich die Bewohner, auf Grund der Konzentration öffentlicher Gelder an anderer Stelle und der Entlastung ökonomisch besser situierter Menschen, selber helfen, ohne den Sozialetat zu belasten.

Nachdem der Bewohner der ‚3.Stadt' zunächst ökonomisch benachteiligt war, später zusätzlich auch durch seine Wohnadresse benachteiligt wurde, wird er jetzt auch noch aus der Solidargemeinschaft der sozialen Marktwirtschaft ausgeschlossen; er soll seine Existenz nun über Nachbarschafts- und Familienselbsthilfe sichern. Diese Selbsthilfe soll durch verschiedene Konzepte des Quartiersmanagements<ref>‚Konzept Soziale Brennpunkte’ (Hamburger SPD-Fraktion 1991/92); ‚Handlungsprogramm Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf (NRW 1993); ‚Soziale Großstadtstrategie’ und ‚Armutsbekämpfungsprogramm’ (Hamburg 1992ff), Bund-Länder-Programm ‚Soziale Stadt’ (1999ff), EU Programm ‚Urban 21’ (2000ff)...</ref> mobilisiert werden. Warum diese Vorstellungen ambivalent sind, soll zunächst im folgenden Artikel ausgeführt und anschließend zusammengefasst werden (Mählmann 2003):

[Bearbeiten] Es gibt nichts zu feiern!

Zum Sinn und Unsinn stadtteilbezogener Ansätze Sozialer Arbeit

Der Stadtteil gewinnt i.Z.m. der Bewältigung sozialer Probleme zweifellos mehr und mehr an Bedeutung. Dies belegen sowohl zahlreiche Programme zur quartiersbezogenen Armutsbekämpfung unter Regie aller föderalen Ebenen, diverse Tagungen und Kongresse, sowie eine Flut von Veröffentlichungen. Obwohl heute v.a. Begriffe wie ‚Gemeinwesenökonomie', ‚Lokale Ökonomie', ‚Quartiersmanager' oder ‚-entwickler', ‚Stadtteilmanager' oder ‚-entwickler' bzw. 'Non-Profit-Manager'... die Lösung sozialer Probleme versprechen, feiern auch die sozialpädagogischen Freunde der GWA die Wiederentdeckung ihres Konzepts. Es tut ihrer Stimmung auch keinen Abbruch, dass Sozialpädagogik als Profession -im Gegensatz zur Stadtplanung, Architektur, Ökonomie und Sozialwissenschaft- in diesem Boom bisher kaum Berücksichtigung findet. Jahrzehntelang zu Unrecht missachtet, eher mit Spott als mit öffentlichen Geldern bedacht, greifen die Protagonisten der GWA nun nach jedem Strohhalm, der verspricht, die Sicherung der eigenen Existenz mit eben ‚ihrem' Konzept in Einklang bringen zu können. Mit Wehmut in der Stimme erzählen ältere Semester von vergangenen besseren und kämpferischen Zeiten; Hinte vermittelt einen Eindruck (1989: 11):

‚Es mutet schon seltsam an, wenn man daran zurückdenkt, welche Panik in den 60er Jahren bei etablierten Institutionen -Kirchen, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden...- durch zarte Pflänzchen im Bereich der GWA ausgelöst wurde. Da wurden Jugendliche aus Gemeindehäusern vertrieben, Kaplane und Pfarrer als ‚Kommunisten' gejagt, Sozialarbeiter als ‚Umstürzler' gekennzeichnet und jede Form institutionellen Engagements der Nähe zu oder der Steuerung durch sowjetische oder ostdeutsche Einflüsse verdächtigt...'





(...)

Was ist GWA?:

GWA wie sie in den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik mehr diskutiert als praktiziert wurde, gilt nicht nur als dritte Methode der Sozialen Arbeit, sondern auch als besonderes Arbeitsprinzip. Dies bezieht sich v.a. auf eine konsequente Anwendung des berufsethischen Prinzips, im Bedarf des Einzelnen den Referenzpunkt für die sozialpolitische Debatte und Praxis zu sehen. Schon die Beachtung ganzer Quartiere reduzierte bei den einzelnen Menschen die stigmatisierende Last; besonders aber die Abkehr von individualisierender Zuschreibung von Schuld am sozialen Problem macht den Charme des Konzeptes aus. Die gesellschaftlichen Verursachungszusammenhänge rücken in den Vordergrund und die Frage wird gestellt, inwieweit dem Einzelnen die Integration in bzw. Unterordnung unter die als ungerecht empfundenen kapitalistischen Verwertungsprinzipien abverlangt werden kann und sich nicht eher die Gesellschaftsordnung den individuellen Ansprüchen auf ein menschenwürdiges Leben anzupassen hat. Dieser politischen Akzentuierung folgend, ging es nun nicht mehr um die Behandlung des individuellen Defizits abweichender Klienten zur Reproduktion der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern um gesellschaftliche Veränderung durch gemeinsame Aktion. Die Bewohner wurden zum politischen Subjekt ‚empowert'; den eigentlichen Adressaten der sozialpädagogischen Intervention suchte und fand man außerhalb. Es verwundert nicht, dass GWA teils weniger als Soziale Arbeit, sondern eher als politisch-oppositionelle soziale Bewegung klassifiziert wurde. Vor der gemeinsamen politischen Aktion ging es zunächst um die Bewusstseinsförderung im Hinblick auf

  • ungerechte gesellschaftliche Rahmenbedingungen,
  • ungerechtfertigte Zuschreibungen individueller Verantwortlichkeiten und
  • bisherige Internalisierungen von Fremdzuschreibungen und -zwängen.

Mit erstarktem Selbstbewusstsein können die Menschen ihre eigenen Ressourcen erkennen, trainieren und nach Entwicklung einer quartiersbezogenen kollektiven Identität, sich gegenseitig und ‚der Sache' zur Verfügung stellen. Im Idealfall wurden arbeitsteilig Plakate oder Transparente gebastelt und bemalt, Reden geschrieben und gehalten, VW-Busse organisiert und mit Lautsprechern bestückt, Bühnen getischlert, Musik, Theater oder Akrobatik geprobt und vorgeführt, Bänke und Tische organisiert und aufgebaut, Salate und Kuchen serviert, abgewaschen und gefegt, Journalisten gewonnen oder Artikel selbst geschrieben, anwaltschaftliche Hilfe gegen Kinderbetreuung und Autowäsche getauscht, die Strukturen und Termine des Stadtplanungsausschusses recherchiert, die zeitgenaue Öffnung der Notausgangstür des Sitzungssaals sichergestellt, das Verhalten in der Sitzblockade diskutiert und trainiert oder auch mal eine Straßenbarrikade gebaut, diese jedoch nur sehr selten angezündet... (...)

Initiativen der Gemeinwesenarbeit erhielten ihre Dynamik v.a. aus dem Sanierungsgeschehen in den innerstädtischen Arbeiter- und Altbauquartieren, das mit seinen Mieterhöhungen... Die räumlichen Veränderungen senkten das Maß an Identifikation mit dem Quartier, nicht-kommerzielle Orte zur unverbindlichen Kommunikation verschwanden, das Paradigma ökonomisch optimaler Flächennutzung erhöhte die Bevölkerungsdichte sprunghaft... Zusammenfassend kann man festhalten, dass die für die Bewohner existenziellen Milieubedingungen massiv bedroht wurden. Die über Generationen gewachsenen Nachbarschaften und solidarischen Netze wurden brüchig; der Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt mit den jüngeren, kaufkräftigeren Zuzüglern war man nicht gewachsen. In den randstädtischen Sozialwohnungsquartieren, in denen die ‚Sanierungsopfer' konzentriert wurden, fehlten die Netze, die vorher trotz objektiver Armut noch eine befriedigende Lebensqualität sicherstellten. Waren die Menschen in ihrem alten Quartier ‚nur' objektiv arm, fühlten sie sich nach der Umsiedlung zunehmend dann auch selbst so; Identitäten zerbrachen... Die subjektive Bedeutung von nachbarschaftlichen Milieus für die eigene Lebensbewältigung wird erahnbar, wenn man mit Menschen aus den benachteiligten und benachteiligenden Quartieren in den neuen Bundesländern über die Veränderung von Nachbarschaft spricht oder älteren Bewohnern in z.B. Hamburg St.-Pauli zuhört:

‚Als unsere Häuser weggerissen wurden, haben wir ganz schön traurig dagestanden, da ging irgendwie eine Ära zu Ende... Die Hofgemeinschaft war eine ganz eingeschworene Gesellschaft... Es waren v.a. Hafenarbeiter, die hier gewohnt haben. Zu den Geschäftsleuten in der Straße hat ein tolles Verhältnis bestanden, da war unheimlich viel Leben. Da kannte an sich jeder jeden, da wusste man, zu wem die Kinder gehören. Man war ja überall zu Hause, da wurde ja auch damals nicht jede Tür abgeschlossen. Und im Hof da stand jede Wohnung auf... Es gab auch einen unwahrscheinlich guten Kontakt zwischen alten und jungen Leuten und zu den Kindern, man hat geholfen und eingekauft. (...) Ich möchte hier nicht weg... Das ist es, was mir unwahrscheinlich fehlt, nämlich die Nachbarschaft... im Hof dagegen war ein sehr schönes Zusammenwohnen, das fehlt mir hier. Man geht nach Hause, schließt die Tür zu und ist allein' (Kulturbehörde Hamburg 1990).

[Bearbeiten] Zur Bedeutung städtischer Wohnmilieus:

(...) Alte, über Generationen gewachsene Quartiere boten i.d.R. bisher noch die Qualität gegenseitiger Linderung ökonomischer Benachteiligung. Während nun sinkende Löhne, Renten und Transferleistungen auf der einen Seite, sowie steigende (Miet-) Kosten auf der anderen den kompensatorischen Bedarf erhöhten, reduzierte sich gleichzeitig die Fähigkeit zur Kompensation in Folge der Sanierungsmaßnahmen (Zerstörung der Nachbarschaftsstrukturen...) Die Warnungen vor der Zerstörung von Milieuressourcen und der sozialen Sprengkraft von Segregation (sozialräumliche Spaltung der Stadt)<ref>vgl. Herlyn 1991; Häußermann&Siebel 1987; Alisch&Dangschat 1993; Dangschat u.a. 1993; Mählmann 1999.</ref> wurden jedoch ignoriert, sehen die innerstädtischen Quartiere doch schick aus, dient die Invasion von Touristen vermeintlich doch dem Wohle aller, trifft das Ambiente doch das Wohn-, Freizeit- und Konsumbedürfnis der an der Stadtentwicklung beteiligten professionellen Akteure und sind die randstädtischen benachteiligenden Gebiete mit ihren Bewohnern doch nicht nur aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn. Diese Entwicklung ist auch insofern dramatisch, da intakte Milieustrukturen ein geldwertes Vermögen darstellen, welches unwiederbringbar zerstört wird; jegliche bisherigen Bemühungen es anderen Ortes neu wieder aufzubauen, schlugen fehl.

[Bearbeiten] Sozialwissenschaftliche und sozialpolitische Aspekte von Stadtentwicklung und GWA:

Sanierungsmaßnahmen begründen und beschleunigen generell eine Dynamik (in der sog. Chicagoer Schule theoretisch aufgearbeitet (vgl. Friedrichs 1981; Saunders 1987), die -dem darwinistischen Prinzip folgend- die sozialräumliche Polarisierung nach Einkommen und Stärke nicht nur erklärt, sondern auch legitimiert. Analog zur Verteilung von Tier und Pflanze -je nach Dominanz- über den Raum mit seinen unterschiedlich guten Lebensbedingungen (Bodenqualität, Licht, Wasser, Wind...) würden (und sollten) sich auch die Menschen in der Stadt verteilen. Benachteiligte Menschen finden sich nicht nur an den ‚schlechten Orten' wieder, ihre dortige Konzentration wird dann auch noch -wie prinzipiell jede Form sozialer Ungleichheit- als Ergebnis eines natürlichen gerechten Ausleseprozesses generell für legitim erklärt:

‚Im Mitvollzug städtischer Expansion findet ein Prozess der Distribution statt, der die Individuen und Gruppen aussiebt, ordnet und verlagert in bezug auf Wohnsitz und Beschäftigung... Segregation weist der Gruppe -und so auch den Individuen- einen Platz und eine Rolle in der Gesamtorganisation des Stadtlebens zu' (Burgess zit. in: Saunders 1987: 62).

(...) GWA wirkt dann von ‚oben' nach ‚unten', statt ausgehend von den Bewohnerbedarfen von ‚unten' nach ‚oben'. Um es auf den Punkt zu bringen: Im völligen Gegensatz zur bundesdeutschen Interpretation von GWA geht es in dieser sog. ‚integrativen' GWA nicht um gesellschaftliche Veränderung, sondern um Bestandsschutz. Hinte (1989: 13ff) unterscheidet im Prinzip in oppositionelle Ansätze mit dem Ziel der Veränderung und dem ‚integrativen' Ansatz. I.Z.m. den ersteren fallen regelmäßig die Namen Alinsky und Boulet:

‚GWA muss Beiträge zur tendenziellen Aufhebung und Überwindung von Entfremdung leisten, also die Selbstbestimmung handelnder Subjekte ermöglichen. Damit ist GWA Befreiungsarbeit insofern, als sie die unmittelbaren Wünsche und Probleme der Menschen ernst nimmt, zu Veränderung der politisch-historischen Möglichkeiten motiviert und Einsicht in die strukturellen Bedingungen von Konflikten vermittelt.' (Boulet u.a. zit. in: Hinte 1989: 13)

Einige Seiten später charakterisiert Hinte die ‚integrative' Variante und ihren Repräsentanten Murray G. Ross (In: Hinte 1989: 15ff):

‚Ross geht davon aus, dass der gesellschaftliche Rahmen... im großen und ganzen zufriedenstellend und damit die Verteilung von Macht und Herrschaft gerecht geregelt sind. (...) (Er) sucht nach Möglichkeiten einer harmonischen Anpassung vorhandener Interessen an ein abstraktes Gemeinwohl. (...) Ihm geht es nicht darum, gesellschaftliche Ursachen für lokale Probleme anzugehen, sondern unerträgliche Belastungen lediglich auf dem Wege von Diskussion und Kooperation erträglicher zu machen. Partizipation heißt bei Ross nicht, dass der Bürger als gleichberechtigter Partner an Entscheidungsprozessen teilnimmt, sondern nur, dass er beteiligt wird an der Durchsetzung und Verwirklichung bereits getroffener Entscheidungen.'

(...) In diesem Licht erhält GWA im Quartier zudem die Funktion eines Frühwarnsystems, das rechtzeitig über Steuerungsprobleme informiert und hilft, Veränderungen der Verteilung politischer Macht präventiv zu verhindern. Der ehemalige Hamburger Staatsrat der Kulturbehörde macht deutlich, dass diese Interpretation von GWA (und Stadtteilkultur) nicht nur Theorie ist: <ref>Knut Nevermann (Staatsrat der Kulturbehörde) 1992: Kultur als Sozialpuffer, als Parapolizei. In: ‚Querstreifen’ 8/1992.</ref>

‚Ich glaube, dass die sozialen Spannungen in den einzelnen Stadtteilen zunehmen werden. (...) Es gibt viele Möglichkeiten, mit diesen sozialen Brennpunkten umzugehen, von der Sozialpolitik über die Sozialstationen bis zur Polizeipräsens. (...) Kultur als Sozialpuffer, als Parapolizei. Bitte. Natürlich nicht primär, aber es hat auch immer diese Bedeutung. Und da das so ist, glaube ich, wird die Bedeutung von Soziokultur zunehmen. (...) Die Szene soll aber wissen und im Hinterkopf behalten, dass sie zugleich die Funktion hat, für die Entspannung in Spannungsgebieten zu sorgen... Für die Politik ist das ein Argument, mehr Geld zu geben.'

(...) In Zeiten der allgemeinen Reduzierung sozialer Ausgaben zum Wohle von Besserverdienenden und der gleichzeitigen Aberkennung sozialer Rechtsansprüche benachteiligter Menschen, ist es naiv, gerade in der derzeitigen Renaissance stadtteilbezogener Ansätze eine Überschneidung mit den eigenen Vorstellungen von GWA zu vermuten! Wer trotzdem feiert, hat etwas nicht verstanden...

Nach den theoretischen Ausführungen zu konträren Vorstellungen von Gesellschaft, Wissenschaft und Sozialer Arbeit, liegt es nahe, nach sozialen Elementen in den aktuellen Konzepten und Projekten stadtteilbezogener Arbeit (in Hamburg) zu suchen. Eine genauere Betrachtung von Debatte und Praxis stadtteilbezogener Arbeit kann klären,

  • ob die Interessen der benachteiligten Menschen und Quartiere oder die der politischen Herrschaft im Mittelpunkt stehen,
  • ob sich die derzeitige Debatte an der dominanten bundesdeutschen Rezeption von GWA oder an konträren Ansätzen der GWA Nordamerikas orientiert,
  • ob sich die Soziale Arbeit guten berufsethischen Gewissens beteiligen sollte oder
  • ob es was zu feiern gibt.
[Bearbeiten] Soziale Stadtentwicklung:

(...) Schon die Anlässe der Programme in Hamburg, Bund und EU verweisen auf Interessen, die sich weniger am Wohl der Menschen orientieren, als vielmehr am Interesse politischer Herrschaft: Nach einer für die Hamburger SPD verheerenden Bürgerschaftswahl 1991 mussten die Stammwählerquartiere zurückgewonnen werden; die SPD-Fraktion beschloss das ‚Konzept Soziale Brennpunkte' und die Bürgerschaft später das Armutsbekämpfungsprogramm. Den bundesweiten Überlegungen zur quartiersbezogenen Armutsbekämpfung ging der gemeinsame Offenbarungseid vieler Oberbürgermeister voraus, denen angesichts von Desintegrationserscheinungen in benachteiligten Quartieren die gesamtstädtische Steuerung aus den Händen glitt (Kronawitter 1994). Wie so oft wird auch hier erst nach der Sozialen Arbeit gesucht, wenn ökonomische Konkurrenz zunächst den Menschen, dann ganze Quartiere ‚in den Brunnen geworfen hat'; kritische Sozialwissenschaftler finden selbst in der nachträglichen Symptombekämpfung kein Gehör. Ob die Soziale Arbeit nun den Ball auffangen soll, der ihr zugeworfen wird, sollte sie sich überlegen. Geht es doch vor allem darum:

  • symbolisch politische Handlungsfähigkeit zurück zu gewinnen,
  • die Desintegrationserscheinungen in der ‚armen Stadt' unter ein Maß zu drücken, das für die Gesamtstadt tragbar ist,
  • Zugriff auf die ‚endogenen Humankapitalressourcen' zu nehmen,
  • die soziale und räumliche Spaltung abzusichern.
[Bearbeiten] Stadtteilarbeit geht den 3. Weg:

Referenzpunkt der neuen Ansätze bleibt weiter die angespannte Haushaltslage. Weder die ruinöse Standortpolitik noch die Funktionalität der Förderung von Reichtum zu Lasten von öffentlichen Finanzen und armen Menschen werden einer Prüfung unterzogen. Stattdessen stigmatisieren die Repräsentanten fast aller Parteien eine stetig wachsende Zahl von Menschen pauschal als faul. Jeder ist seines Glückes Schmied! Wollen diese Menschen sich nicht ehrenamtlich selber helfen, müssen sie dazu gezwungen werden... Was das in der Praxis bedeutet, können die Repräsentanten des 3. Weges oder Sektors, der Bürgerarbeit, des neuen Ehrenamtes, des Förderns und Forderns... selber viel besser verdeutlichen und sollten daher etwas ausführlicher zu Wort kommen: Die Bundesregierung lässt ihr Interesse am Programm ‚Urban 21' vom Sozialforschungsinstitut ‚empirica' formulieren:<ref>Empirica 2000: Die Stadt wiedererfinden (Tischvorlage zur Urban 21 Konferenz). In: www.urban21.de/german/04-objective 6/2000 (Unterstreichung N.M.).</ref>

‚Die Stadtbewohner sind nicht dazu verdammt, für immer so (arm) zu leben. Weltweit können Menschen in den Städten -sogar die Ärmsten unter ihnen- sich selbst in Macht setzen -empower-, um Wege aus ihren gegenwärtigen vielfältigen Zwangslagen zu finden. (...) Durch Entwicklung ihrer eigenen Humankapitalressourcen... werden sie sich selbst befreien können (müssen). (...) Städte werden immer eine zweifache wirtschaftliche Aufgabe haben. Zum einen müssen sie attraktive Orte zum Arbeiten und Leben werden. Dies ist die Voraussetzung für örtliches Wohlbefinden und erfolgreiche internationale Wettbewerbsfähigkeit. Sie müssen unterstützende Nachbarschaftsnetze entwickeln und zwar in erster Linie im informellen Sektor... Für die Schwachen, für die nicht mehr arbeitsfähigen Alten und für die Jugend, die erst noch ausgebildet werden muss, damit sie aktive und produktive Bürger werden (...) Denn jede Stadt wird immer mehr um ihr wirtschaftliches Wohlergehen wetteifern müssen, indem sie ihren endogenen Humankapitalbestand entwickelt...'

Die Interessen der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde lesen sich ähnlich:<ref>Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie Berlin; 29.01.1999.</ref>

‚Das Programm beansprucht nicht, diese Probleme und Defizite lösen zu können. Es soll aber dazu beitragen..., vorhandene Kräfte zu wecken, indem es Hilfe zur Selbsthilfe organisiert. Die anhaltenden Sparzwänge der öffentlichen Hand beschränken die Handlungsmöglichkeiten. Die Hauptaufgabe der sozialen Stadtentwicklung und das wichtigste Kriterium für ihren Erfolg besteht darin, dass es gelingt, die Selbsthilfemöglichkeiten dieser Quartiere zu fördern... Das Stadtleben soll (muss) sich nach und nach wieder auf eigene Kräfte abstützen und von Sonderförderung unabhängig werden.'

Das Land Berlin ergänzt:<ref>Stadtentwicklungsbehörde Hamburg; 3/1999.</ref>

„'or dem Hintergrund veränderter finanzieller Rahmenbedingungen... (werden) integrierte und vernetzte Maßnahmen im Quartier vorausgesetzt, um Synergieeffekte der begrenzten öffentlichen Mittel zu erzielen. (...) Es sollen in den ausgewählten Quartieren Potenziale, Ressourcen und Synergien freigesetzt werden.'

Warnfried Dettling als staatstragender Sozialwissenschaftler bietet einen Einblick in den theoretischen Überbau des 3. Sektors (1998: 242,263f):

‚Die leitende Idee des 3. Sektors ist es, nicht länger Defizite zu kompensieren, sondern die Ressourcen der Menschen zu stärken." (Dabei soll) „die solidarische Bedeutung von Familie, Sippe, Nachbarschaft, sowie religiösen und lokalen Gemeinden erhöht werden. (...) Die Menschen fördern und fordern und aktivieren. Der 3. Sektor wird Ausdruck und Folge der Rekonstruktion des Sozialen sein.'

Wolfgang Schäuble bringt die diesbezüglichen konservativen Vorstellungen auf den Punkt (1994 53f,78):

‚So kann es nicht weitergehen: Ohne mehr Bürgersinn, Pflichtgefühl und Dienst an der Gemeinschaft... Dies gilt speziell für den Sozial- und Jugendbereich, wie für die Pflege alter und behinderter Menschen, Elterninitiativen und Nachbarschaftshilfen. Die Politik muss jedenfalls nicht jeder Forderung nach Entlastung seiner Bürger nachgeben, da sich die Bürger in vielen Bereichen durchaus auch selber zurechtfinden können. Solidarität entsteht erst dort, wo Menschen auf Selbsthilfe angewiesen sind. So ist freilich, wenn sich die brachliegenden Solidarpotentiale zur freiheitlichen Selbstregulierung entfalten sollen, besonders auch der Mut der Politik gefragt, einmal nein zu sagen.'

Das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen einzelnen Mitgliedern wird in der Reihenfolge der Zitate mit zunehmender Schärfe zu Lasten individueller Rechte neu definiert. Einigkeit besteht darüber, dass die vermeintlich mobilisierbaren, individuellen und immateriellen Ressourcen mittelbar zur Entlastung des öffentlichen Haushalts beitragen sollen und es damit eine Form von Zugriffsberechtigung seitens des Staates gäbe. Zu Ende gedacht, werden diese Ressourcen dadurch zum ‚Volkseigentum' definiert und ein staatlicher Anspruch auf Preisgabe zum ‚Wohle des Volkes' suggeriert. Ob dies dann in Form des ‚Beitrags', der ‚Forderung' oder des ‚Zwanges' stattfindet, ist zunächst Nebensache. Grundsätzlich wird durch solche Überlegungen die dem Individuum in §1 GG zugesicherte Rechtsposition relativiert. Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben jedes Einzelnen droht an seine Funktionalität und seinen Wert für die gesellschaftliche Ordnung gekoppelt zu werden. ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles'... (...) Ein demokratisches Gemeinwesen darf sich der Verantwortung für einen Teil seiner Mitglieder nicht derart entledigen, wie ein Konzern von seinen renditeschwachen Betriebsbereichen. Die zudem durch Steuersenkungen, Wirtschaftssubventionen und einer aufwertenden Stadtentwicklungspolitik überstrapazierten öffentlichen Kassen sollen nun gerade von jenen entlastet werden, die hinsichtlich ihres sozialen Status und Wohnortes bisher schon haben draufzahlen müssen. Ihnen wird jenes solidarische Verhalten untereinander, sowie gegenüber vermeintlich standortpolitischen Notwendigkeiten abverlangt, das anderen gerade erlassen wird. Empiricas Orientierung an Erfolgskonzepten aus der Entwicklungshilfe verdrängt die Tatsache, dass es sich dort um volkswirtschaftliche Armut handelt, während es hier allein um ein Verteilungsproblem geht. Vom ersten Arbeitsmarkt abgekoppelt bzw. gering alimentiert und vom sich zurückziehenden (Sozial-) Staat geschwächt, sollen sich die Menschen nun mittels Konzepten aus dem 19.Jh. kostenneutral selbst empowern. (...) Wenn wir mit der Aquise der verschütteten endogenen Humankapitalressourcen Erfolg hätten, würden wir die Menschen ihrer Restsicherheiten berauben und diese der Verrechnung mit öffentlichen Hilfen zuführen; wir hätten öffentliche Verantwortlichkeiten allein substituiert, ohne -unter dem Strich- eine Verbesserung der Lebenslage unseres Klientels zu bewirken. Dies wäre jedoch die originäre Aufgabe Sozialer Arbeit! Nun hat die Aquise eh keinen Erfolg, da Menschen in der Not nicht dazu neigen, sich solidarisch zu vernetzen. Auch wenn sich Schäuble hier überraschender Weise Marx anschließt, ist die Reaktion auf Not eher Rückzug oder Destruktivität! Als Grundlage für Erfolge weisen Häußermann&Siebel (1987: 169-198) darauf hin,





  • dass sich Freundschaften nicht neu mit dem alleinigen Zweck der Unterstützung aufbauen lassen; gegenseitige Unterstützung bieten allein Freund- und Nachbarschaften, die ein gewachsenes und v.a. breiteres Fundament haben.
  • dass sich Erfolge nur so lange zeigen, wie der Arbeitsplatz mit seinen funktionalen Kontakten noch nicht verloren ist.
  • dass Erfolge informeller Ökonomie auf einer schon gesicherten materiellen Existenz aufbauen.
  • dass sich -wie in segregierten benachteiligten Gebieten fast regelhaft- noch keine ‚Kultur der Armut' entwickelt haben darf.
[Bearbeiten] Der Zwang zur Profilierung:

(...) Im eigenen und Klienteninteresse ist es längst überfällig, sich Zeit zur innerprofessionellen Politisierung zu nehmen. Leider sucht nun gerade die Diskursführerin der GWA und Gemeinwesenökonomie Susanne Elsen die Nähe zu den neoliberalen Vorstellungen des 3. Sektors, trägt zur Entpolitisierung der Debatte bei und sucht ihr Profil genau dort, wo das kapitalistische Verwertungssystem seinen Schaden anrichtet und für ihn nicht haften will. Mit der Rolle des Ausfallbürgen reproduziert sie die klassische Funktion Sozialer Arbeit, mit der Reduzierung auf zeitlich befristete sozialpädagogische Anschubintervention im Quartier zur Qualifizierung der Bewohner für traditionelle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit würde nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze im sozialen Bereich massiv reduziert, sondern v.a. auch der Dequalifizierung Vorschub geleistet werden:

‚Wenn Staat und Markt ihre sozialen, ökonomischen und politischen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen, gewinnen Zivilgesellschaft und Lokalitäten ihrer Lebenszusammenhänge an Bedeutung" (2001). „Ansätze der Wiedergewinnung von Handlungsfähigkeit sind da zu suchen, wo das dominante ökonomische System materielle und immaterielle Schäden verursacht. (...) Wo der Markt mangels Rentabilität Felder insbesondere im Bereich örtlicher Bedarfsdeckung aufgibt, entsteht ein wachsender Bedarf an Arbeit, die vor Ort zu organisieren ist.' Mittels ‚Tausch, Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe' solle ein „solidarökonomischer Basissektor' aufgebaut werden, um z.B. „Kinder- und Altenbetreuung, außerschulische Bildung und Kultur" zu übernehmen. GWA habe die Aufgabe, zur Eigenverantwortung und -Initiative anzuhalten und so die ‚Zivilgesellschaft' zu stärken (2000).

[Bearbeiten] Stadtsanierung:

(...) Empowerment findet derart statt, dass z.B. das Thema Müll und Hundekot emotionalisiert und zum wichtigsten Problem der Bewohner hochstilisiert wird, die Kosten der Beseitigung indirekt der Leere im eigenen Portemonnaie gegenübergestellt und die Möglichkeit gegeben wird, Verfehlungen zu melden, einmal Gefühle der Zugehörigkeit zur Majorität zu empfinden, Subjekt statt Objekt zu sein... seinen Ärger kathartisch gegen jene auszuagieren, die als bedrohlich angeboten werden.<ref>vgl. www.machsweg.de; STEG Hamburg 7/2002.</ref>

Bild von Müllaktion
[Bearbeiten] Fazit:

Stadtteilbezogene Arbeit im Rahmen sozialpolitischer Reformen scheint die Tendenz zu haben, das ‚Fordern' in den Mittelpunkt und das ‚Fördern' einzustellen. Dabei geht es nicht mehr darum, Autonomiegewinne vor ‚overprotecting' zu schützen, sondern darum, die Lasten kapitalistischer Vergesellschaftung von ‚oben' nach ‚unten' zu verteilen, um die dadurch wachsenden Früchte weiter ‚oben' ernten zu können. Beide Seiten sind unmittelbar aufeinander bezogen und lassen es daher fragwürdig erscheinen, seinem Klientel die letzten persönlichen Ressourcen streitig zu machen, ohne die Verteilung volkswirtschaftlichen Reichtums einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Die uns in den Konzepten stadtteilbezogener Sozialarbeit zugedachte Rolle kollidiert mit unserem berufsethischen Auftrag; mit unseren Vorstellungen von GWA haben sie nichts mehr zu tun. Es gibt nichts zu feiern!"

Die derzeitige Wiederbelebung von Ansätzen stadtteilbezogener Arbeit stehen eindeutig in der Tradition der beiden letzten oben von Karas&Hinte beschriebenen Ansätzen der GWA, dem wohlfahrtsstaatlichen und integrativen;. Es scheint fraglich, ob sie im eigentlichen Sinne noch der Sozialen Arbeit zuzuordnen sind:
  • Die Interessen der Bewohner sind zu Gunsten staatlichen Interesses preisgegeben. Teils wie im NS werden die Interessen der einzelnen Menschen den Interessen des Staates untergeordnet, der für sich Eingriffs- und Zugriffsrechte auf die Privatheit der Menschen reklamiert. Der Bewohner -wie eine Kolonie betrachtet- sei verpflichtet und zu zwingen, seine individuellen immateriellen Ressourcen dem Staat zur Regulation zur Verfügung zu stellen. Wenn aber nicht mehr primär das Individuum, sondern der Staat von unserer Arbeit profitieren soll, ist das Minimalziel der Sozialen Arbeit aufgegeben: Die Lebensqualität der Klienten muss sich am Ende einer sozialpädagogischen Intervention verbessert haben! Ohne subjektive und objektive Verbesserung, sollen sozialstaatliche Hilfen heute scheinbar allein gegen kostenlose ehrenamtliche Selbsthilfen ausgetauscht werden.
  • Auch die wohlfahrtsstaatliche Vernetzung der Anbieter sozialer Hilfen im Quartier dienen nicht mehr der qualitativen Verbesserung des Angebotes, sondern nur der Kompensation vorangegangener Sozialkürzungen. So zielt die sog. Vernetzungsarbeit des Gemeinwesenarbeiters unterm Strich weder bei Mensch noch Institution auf qualitative Verbesserung. Da sich Integration i.d.Z. heute nicht mehr auf eine sozial gerechte Gesellschaft, sondern auf die zweifach gespaltene Stadt bezieht, bewirkt integrative GWA die Reproduktion der ungerechten Gesellschaftsstrukturen. Da die gesellschaftliche Verursachungsdynamik (Standortpolitik, Reichtumsförderung) zudem nicht problematisiert werden darf und ungebrochen die Probleme produziert, die wir später bearbeiten sollen, würden wir uns an der so unlogischen wie illegitimen Individualisierung des Problems beteiligen. Während die Bewohner der ‚ersten Stadt' aus ihrer gesamtgesellschaftlichen Solidarität entlassen werden und ihre Wohnquartiere gleichzeitig die höchsten öffentlichen Gelder binden, sollen die eh schon benachteiligten Menschen der ‚dritten Stadt' allein die gesamtgesellschaftliche Integrationslast tragen. Sie sollen gegenseitig zur Solidarität verpflichtet werden um kollektiv die Folgen gesamtstädtischen Entsolidarisierung aufzufangen.
  • Man versucht Integrationskonzepte der Entwicklungsländer auf die Bundesrepublik zu übertragen und verschleiert dabei vorsätzlich, dass sie angesichts volkswirtschaftlicher Armut dort angemessen sind, hier jedoch illegitim sind, da die Probleme ausschließlich aus einer ungerechten Verteilung der volkswirtschaftlichen Ressourcen resultieren; in El Salvador ist das Geld nicht da - in Deutschland ist es woanders...
  • Das Problem der Zeithorizonte wird i.d.Z. besonders deutlich: Die parteilichen Gemeinwesenarbeiter haben in den 70er-80er Jahren immer davor gewarnt, die gewachsenen solidarischen Nachbarschaften mit ihrem hohen Integrations- und Identifikationspotentialen zu zerstören... Damit hat sie ihre Schuldigkeit Rechnung getragen und könnte guten Gewissens die ihr heute zugeschobene Verantwortung, die massiven Folgen unter widrigsten Bedingungen aufzufangen, zurückweisen.
  • (...)

Zusammenfassend äußern sich Ebbe&Friese skeptisch zu Möglichkeiten und Grenzen mittels GWA strukturelle Gesellschaftsprobleme lösen zu können (1989: 171):

„In einer Periode wie der heutigen mit ihren sozialen Einschränkungen und Einsparungen riskiert der Milieuarbeiter ein ‚Lebensqualitäts-Verteiler' zu werden. Besänftigt z.B. der Milieuarbeiter unzufriedene, gewalttätige junge Arbeitslose dadurch, dass er ihnen beibringt, Gitarre zu spielen, und die Älteren, indem er sie in Spanischkurse und Peddigrohr-Flechten in der Abendschule vermittelt, dann verbessert er direkt die Situation einzelner. Gleichzeitig aber riskiert er, an der Unsichtbarmachung dieser Gruppen im Verhältnis zu den Politikern und der Bevölkerung mitzuwirken. In diesem Fall ist es die Rolle des Milieuarbeiters, soziale Unruhe zu dämpfen; er wird zu einem Puffer zwischen dem System und den Bürgern. Milieuarbeit -genau wie andere soziale Arbeit- ist aber wesentlich Arbeit mit Konflikten. Und anstatt diese zu dämpfen, sollte es eher die Aufgabe des Milieuarbeiters sein, sie und ihre Ursachen weiter zu verdeutlichen und die Bewohner in ihren Versuchen unterstützen, die Probleme zu lösen, die die Konflikte herbeiführen. Hier wird der Milieuarbeiter häufig selbst in Konflikte geraten, entweder mit den Bewohnern und ihren Organisationen innerhalb des Gemeinwesens oder mit den Behörden außerhalb. Aktivieren, um zu befrieden, heißt, Aktivitäten in Gang zu setzen, die Leute an ihrem Platz festhalten, die den Alltag erleichtern, ohne gleichzeitig wesentliche Verbesserungen ihrer Gesamtsituation, insbesondere in bezug auf die Schlüsselbegriffe Aktivierung, Bewusstwerdung und Wandlung herbeizuführen."

Die Träger, die sich jedoch unter diesen Umständen in der GWA profilieren wollen, tun sich und v.a. ihren Mitarbeitern keinen Gefallen: Die Wahrscheinlichkeit mittels einer zeitlich befristeten Intervention in segregierten benachteiligten Quartieren die Selbsthilfepotentiale so zu entwickeln, dass sowohl die Einschnitte in der individuellen Lebenslage als auch jene in der bestehenden sozialstaatlichen Infrastruktur, kompensiert werden können, tendiert gegen Null. Geht es nur noch darum, Probleme oberflächlich vertuschend zu managen, statt ursächlich zu lösen, gibt die Soziale Arbeit zentrale Ansprüche ihrer Profession preis. Wenn man eine entsprechende Ausschreibung für Quartiersmanagement liest, sollte sich ein sozialpädagogischer Kollege oder Träger ernsthaft überlegen, ob er sich bewirbt:

„Öffentliche Ausschreibung Quartiersmanagement<ref>Senatsamt für Stadtentwicklung Berlin 1/1999.</ref>

1. Zielsetzung /Aufgabenstellung

Im Rahmen der Aktivitäten zur sozialorientierten Stadtentwicklung wird die Senatsverwaltung... Quartiersmanagement zur Entwicklung einer integrierten Quartiersentwicklungspolitik einsetzen. Ziel des Quartiersmanagements ist, entsprechend der Komplexität von Problernlagen in den Quartieren eine integrierte Entwicklung zu initiieren, die eine nachhaltige soziale, wirtschaftliche, städtebauliche und ökologische Entwicklung im Verbund bewirken soll. Das Instrument Quartiersmanagement soll prozesshaft eine Integration und Vernetzung aller Strategien und Aktivitäten fördern. Anliegen ist es, die Bewohner selbst zu Akteuren der Quartiersentwicklung zu machen; dabei ist es Aufgabe des Quartiersmanagements, Projekte zu initiieren und zu fördern. Integrativ zu bearbeiten sind im Wesentlichen: Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik / Wirtschaftsförderung und Stadtteilökonomie / Wohnen, Wohnumfeld und Umwelt / Soziale und kulturelle Infrastruktur / Zusammenleben unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen im Quartier / Schule und Bildung / Gesundheitsförderung. (...)"

Gründe für die Erfolglosigkeit:

Sind Menschen aus der sozialen Sicherheit ihrer Wohnzusammenhängen gerissen, dann räumlich abgetrennt vom Rest der Stadt untergebracht, ökonomisch überfordert und durch die Nachbarschaft von gleichsam benachteiligten Menschen subkulturell geprägt, dann kann Soziale Arbeit reaktiv nur noch wenig helfen:

  • „Tropfen auf den heißen Stein -Angesichts der drohenden Probleme sind all diese (Ansätze) Tropfen auf den heißen Stein. Aber solange es sich noch um drohende, künftige Probleme handelt, ist eine solche Politik nicht aussichtslos. Allerdings muss sie dazu auch angemessen instrumentiert sein. Der Appell an Selbsthilfe und Eigenaktivität ist dort erfolgreich, wo die Voraussetzungen für erfolgreiche Selbsthilfe gegeben sind. Das ist in der integrierten Mittelschicht der Fall, sehr viel weniger bei den von Ausgrenzung Bedrohten. Der Glaube, mit drei Stellen für Gemeinwesenarbeit und vielleicht drei Millionen auf drei Jahre ließen sich eingefahrene bürokratische Routinen bewegen und die Bewohnerschaft eines Quartiers in ein Volk von solidarischen Selbsthelfern verwandeln, hat viel Ähnlichkeit mit den Erzählungen des Barons von Münchhausen, wonach man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf bedürfen besonderer Mittel. Nicht nur Kooperation, Beteiligung, Projektorganisation, Koordination und wie die schönen Worte alle heißen, sondern v.a.: Viel persönliches Engagement, viel Geld und viel politischen Willen." <ref>Walter Siebel 24./31.10.1996: Was bleibt ist Schadensbegrenzung’ auf der Fachtagung ‚Quartiere entwickeln statt erneuern’ der STEG Hamburg.</ref>
  • „Die Konzentration benachteiligter Bevölkerungsgruppen in Regionen mit benachteiligendem Wohn- und Wohnumfeldbedingungen ist gesellschaftlich bedingt. Sie kann deshalb auch nur durch gesellschaftliche, politische, planerische Maßnahmen verhindert und beseitigt werden."<ref>Wörterbuch Soziale Arbeit zum Stichwort ‚Sozialer Brennpunkt’.</ref>
  • „Es gibt Einschränkungen die das Leben im Gemeinwesen beeinflussen, deren Ursachen jedoch außerhalb zu finden sind -z.B. finanzielle Lage, Arbeitslosigkeit, schlechte Ausbildungsstätten usw.- was natürlich einen gewissen Rahmen dafür absteckt, wie weit man mit der Milieuarbeit kommen kann."<ref>Ebbe Friese????????????????? 171-198????</ref>

Soziale Arbeit und die Möglichkeiten der Selbsthilfe erlangen kaum eine größere Bedeutung als der von Siebel bemühte Tropfen auf dem Stein<ref></ref>. Einige Faktoren stehen dem Erfolg im Wege:

  • Wenn sich Marx' revolutionäre und Habermas' reformerische Hoffnung darauf, dass sich benachteiligte Menschen zum Zwecke der Systemveränderung solidarisieren, nicht bestätigt haben, werden sie es jetzt, zum Zwecke des Systemerhalts erst recht nicht tun. Menschen neigen im Falle eigener Bedrohungsgefühle oder Zukunftsängste zum Gegenteil: Sowohl kleinbürgerliche Milieus (vgl. Ehrenreich 1994) als auch deklassierte Menschen neigen entweder zur aggressiven Abgrenzung oder zum introvertierten Rückzug.
  • Reste nachbarschaftlicher Selbsthilfe werden dann zerstört, wenn sie nicht mehr in informellen Nischen basierend auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, die Lebensqualität verbessert, sondern erzwungenermaßen mit sinkendem Lohn und Lohnersatzleistungen verrechnet werden. „Jeder Versuch, soziale Netze unter primär ökonomischen Gesichtpunkten herzustellen und instrumentell einzusetzen, läuft daher Gefahr, das Sozialkapital solcher Netze gerade zu zerstören" (Häußermann&Siebel 1987:192f).
  • Wenn Nachbarschaftshilfe helfen soll, die Lebenslage i.S. des Ressourcenansatzes abzusichern, dann müssen die Menschen auch über unterschiedliche besondere Ressourcen verfügen, die sie sich gegenseitig zur Verfügung stellen können und die soziale Kompetenz haben, soziale Kontakte zu pflegen. Nun sinken aber die sozialen Kontakte in dem Maße, wie sich die Menschen ihrer zunehmend benachteiligten Lebenslage schämen und haben die Menschen immer weniger zu tauschen. Häußermann&Siebel (1987: 169-198) führen aus, dass Nachbarschaftshilfe ihre Qualität erst aufbauend auf einer gesicherten Existenzgrundlage entwickeln kann und auf Infrastrukturressourcen zurückgreifen können muss, wie Garagen, Werkzeugpools, Kleinlaster, Grabeland für Gemüse...; arbeitslose Handwerker, Computerprogrammierer, Tanzlehrer... sind solange keine Hilfe, wie ihnen diese Infrastruktur fehlt... Obwohl man arbeitslos eigentlich mehr Zeit hätte, sich produktiv im Quartier einzubringen, sinkt die Motivation deutlich.
  • Keupp (1997: 305) fasst zusammen, dass gerade sozial benachteiligte Menschen am wenigsten in der Lage sind, ihre immateriellen Ressourcen zu mobilisieren und dass gerade jene dazu besonders befähigt sind, die es am wenigsten existenziell nötig hätten. Ganz abgesehen von der diesbezüglichen ‚Qualität' des Freundeskreises, sei er bei ökonomisch benachteiligten Menschen auch zahlenmäßig geringer und würde sich tendenziell v.a. aus dem Kreise der Verwandtschaft rekrutieren.
  • Vorher stellt Keupp (1997: 285) die Frage „ob eine Gesellschaft, die sich konsequent auf atomisierte, voneinander isolierte und ihrem Eigeninteresse folgende Individuen stützt, nicht letztlich ihre eigenen Grundlagen untergräbt." Damit weist er indirekt auf das Problem hin, in der ‚3.Stadt' eine besonderes -sich vom Rest der Stadt und Gesellschaft unterscheidendes- Integrationsmodell zu etablieren. Wenn schon im Kindergarten das in dieser Gesellschaft handlungsleitende Leistungs- und Konkurrenzprinzip internalisiert werden soll, kann man sich nicht wundern, wenn die Funktionalisierung von Solidarität nicht klappt.
  • Die Sozialpolitik begrenzt systematisch die Potentiale ihrer Klienten und Träger; die Vernetzung der nun allesamt existenzgefährdeten benachteiligten Familien und Institution kann -schon aus mathematischen Gründen- kaum Synergiegewinne mobilisieren.
  • Der Koordinationsbedarf vernetzter Strukturen steigt exponentiell; wenn an allen Stellen des Netzes überschüssige Ressourcen fehlen, übersteigt der Organisationsaufwand schnell den Nutzen. Kann vielleicht noch der QM die Vernetzungstreffen wahrnehmen, ist die Bereitschaft der Mitarbeiter für die unzähligen Vernetzungstreffen ihre Freizeit zu opfern, schnell erschöpft. Eine Grafik, wie sie im QM klassisch ist, kann eine Vorstellung darüber vermitteln, dass der ‚Input' (Arbeitsaufwand) schnell den ‚Output' (Arbeitserleichterung) übersteigt.
 
 
(Dickes Heft von NRW Seite 58
 
 
  • Der entscheidende Grund ist aber, dass die kommunale Politik ihre spaltende und vertreibende Stadtentwicklungs- und Sozialpolitik nicht revidiert. Weiterhin werden aufwertende Strategien in der ‚ersten Stadt' verfolgt und die räumliche Polarisierung sozialpolitisch sogar forciert.






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