Intervention zielt auf Trennung

Aus Soziale Arbeit heute

Sozialpädagogischer Interventionen liegt in allen Arbeitsfeldern nach allen Methoden eine gemeinsame Dramaturgie zugrunde:

  • Zunächst wird das Verhältnis zu dem Klienten intensiviert, um eine fruchtbare Arbeitsgrundlage herzustellen
  • Mit Hilfe des Sozialpädagogen werden alte oder neue Ressourcen (wieder) entdecken.
  • Ihre Verinnerlichung und Vernetzung wird dann in begleiteter und gemeinsam reflektierter Anwendung trainiert und gesichert.
  • Danach -auf dem Höhepunkt der Intensität und gemeinsamer Lebensbewältigung- beginnen wir, uns wieder überflüssig zu machen. Man reduziert die Häufigkeit der Kontakte und das Ausmaß der Hilfe; die Initiative geht nun zunehmend vom Klienten aus, während wir uns darauf zurückziehen, allein Gesprächs- und Hilfsbereitschaft zu signalisieren.
  • Wir beenden die Zusammenarbeit, gehen wieder getrennte Wege und hoffen, dass es die Ex-Klienten auch ohne uns schaffen.
  • Unser Erfolg besteht im jeweiligen Einzelfall darin, überflüssig zu sein. Da wir den Kontakt regelhaft verlieren, wissen wir nicht genau, ob der Erfolg nachhaltig war, unsere Arbeit ‚was gebracht hat'. Wenn der Klient nicht zurückkommt, werten Optimisten dies als Zeichen des Erfolges; andere überlegen, ob er vielleicht tot oder in eine andere Stadt gezogen ist und in einer anderen sozialpädagogischen Einrichtung mit dem gleichen Problem oder einem anderen betreut werden muss. Wir werden uns auch nicht vergewissern können, ob die Klienten ebenso häufig an uns zurückdenken, wie wir an sie...

Während die fachliche Logik dieser Dramaturgie einleuchtet und nur wenig inhaltliche Fragen aufwirft, ist die emotionale Dynamik sowohl auf Seiten des Klienten als auch der Sozialpädagogin nicht zu unterschätzen. Vergleicht man allein Form und Zielsetzung, die dem Aufbau sozialer Beziehungen einerseits im beruflichen und andererseits im privaten Kontext zugrunde liegen, werden in den Unterschieden die Ansatzpunkte für Irritationen in der professionellen Interaktion markiert: Im Freundeskreis intensivieren wir Kontakte, um uns möglichst ein ganzes Leben lang an ihnen zu erfreuen, hier bereiten wir die Trennung vor, kaum dass der Kontakt seinen Höhepunkt erreicht hat...

Inhaltliche Fragen werden bzw. wurden an anderer Stelle erörtert; hier soll die emotionale Seite grob skizziert werden. Sie kommt v.a. zu dem Zeitpunkt zum Tragen, wo die Intensität der Zusammenarbeit wieder reduziert werden soll. Je nach Zeitpunkt und Geschwindigkeit, also wann und wie schnell die Ablösung herbeigeführt wird, treten beidseitig Irritationen auf, die den jeweils schon erreichten Erfolg gefährden können. Leider hat man oft nicht genug Zeit, Muße oder auch Lust, bei der Ablösung die gleiche Sorgfalt walten zu lassen wie bei dem Aufbau der helfenden Beziehung. Schließlich hat man gemeinsam ja schon erlebt, das der Klient seine Probleme lösen kann. Wenn mangels Empathie und Selbstreflexion die Übertragungsfähigkeit der Erfahrungen des ‚gemeinsamen Planspiels' auf die ‚alleinige Bewältigung des harten Alltags' überschätzt, werden Gefühle von Frustration, Überforderung, Selbstzweifel und Alleingelassensein provoziert. Dann können der Verselbstständigungsprozess ins Stocken geraten, sowie die bisherigen Ressourcengewinne als nutzlos erlebt werden. Wenn man jedoch den Klienten zu lange bindet und vor Erfahrungen mit dem ‚harten Alltag' schützt, wird irgendwann Rebellion provoziert oder die Fähigkeit zur Selbsthilfe in bedrohlichen Alltagssituationen zu erwerben, vereitelt und Emanzipation verhindert.

Die emotionale Befindlichkeit von Klient und Sozialpädagoge beeinflusst die Geschwindigkeit und wird gleichzeitig von ihr beeinflusst. Aus Sicht beider Seiten möchte ich diesen Sachverhalt erläutern:

Loslassen aus Sicht der Klienten:

Der Parole des ‚Förderns und Forderns' folgt die Soziale Arbeit seit jeher; fachlich buchstabiert orientiert sie sich an den Möglichkeiten und Grenzen der Klienten zunehmend allein auf sein gestärktes Ressourcenrepertoire zurückzugreifen. Indem wir uns behutsam zurückziehen, werden zum Ende der Intervention sukzessive fördernde gegen fordernde Anteile ausgetauscht. Überforderung beginnt dort, wo die Forderung der Förderung vorauseilt; es ist dann von einer Fehlsteuerung des Ablösungsprozesses zu sprechen; diese haben nicht die Klienten zu verantworten. Die aktuelle Gegenüberstellung von ‚Fördern' und ‚Fordern', in der Debatte um Veränderungen des Sozialstaates zielt explizit auf die Überforderung unseres Klientels ab und gefährdet so generell den Erfolg unserer Arbeit. Ideologisch begründet sollen die Klienten in Relationen zu ihren Ressourcen überproportional gefordert werden, um ihre Motivation zur Selbsthilfe zu erhöhen; aus ‚Hilfe zur Selbsthilfe wird ‚Zwang zur Selbsthilfe', um öffentliche Mittel einzusparen. Egal ob mir als Klient systematisch aus Kostengründen oder in Folge eines fachlichen Fehlers meines Sozialpädagogen mehr abverlangt wird, als ich (momentan schon) in der Lage bin zu leisten, empfinde ich Stress und neige dazu, diesen in inadäquater Weise abzubauen. Wenn mein Sozialpädagoge diese Überforderung nicht sieht und keine Abhilfe schafft, bin ich enttäuscht, fühle mich im Stich gelassen und verspüre wieder die gleiche Angst, Panik und Unsicherheit, wie zu Beginn der Zusammenarbeit.

  • Vielleicht schaffe ich es, fühle mich stark genug und mache den Helfer auf das Probleme aufmerksam und werde damit den Hilfeprozess hinauszögern.
  • Vielleicht hat mir der Träger auch schon gesagt, dass er kein Geld mehr hat, mich weiter zu betreuen
  • Vielleicht habe ich aber Angst, den Pädagogen zu verärgern oder zu enttäuschen. Er hat sich doch so sehr gefreut, wie weit und schnell ich mich entwickelt habe; seine Freude mag ich ihm nicht nehmen...
  • Vielleicht sieht er seine Fachlichkeit durch meine Kritik bedroht, weil er mich nie selbst nach Ideen hat suchen lassen, mich kaum an den Hilfeplanungen beteiligt hat, mich auch nie mal was ausprobieren ließ... Er wusste alles besser, hat keinen Widerspruch zu seinen Konzepten geduldet und hat mich selbst nicht einmal an den kleinsten Problemen üben lassen, sondern alles an sich gezogen, stellvertretend gelöst und nicht einmal modellhaft gezeigt, wie so etwas geht... Wenn er nun plötzlich so tut, als müsste ich alles allein schaffen, mir keine Zeit oder Hilfe gibt, mich langsam an diese neue Situation zu gewöhnen und nicht erst mal mit kleinen Schritten anfängt... hat doch er die Schuld, wenn es nicht klappt... Auch wenn er meint, ich müsste es selber schaffen und sogar wenn er damit theoretisch recht hätte, ändert es dennoch nichts, solange ich nicht selbst an mich glaube.
  • Vielleicht fehlen noch Ressourcen, kann ich mit ihnen noch nicht umgehen oder glaube noch nicht an sie,
  • Vielleicht sind während der oberflächlichen Anamnese oder Diagnose auch einige Problemaspekte übersehen worden.
  • Bei Gabi war es auch einmal total blöd gelaufen, als ihre Sozialpädagogin sie unbedingt mit ihren Freunden Musik machen lassen wollte, die jedoch am Ende der Welt probten. Gabi kannte niemanden dort, konnte mit ihrem Hund nicht dorthin und hatte eigentlich genug andere Sachen, um die sie sich kümmern musste; hatte aber Angst das zu sagen. Ihre Sozialpädagogen sind doch immer so traurig, wenn etwas nicht klappt...; aber das hat von denen natürlich erst mal niemanden gemerkt oder interessiert. Nachher waren die aber ganz in Ordnung, waren nicht böse und haben angekündigt, sich zukünftig genauer zu vergewissern, wenn Gabi doch bitte auch mal den Mund aufkriegt. Da haben sie recht; da ist Gabi auch ein bisschen doof, wenn sie nichts sagt. Mit dem Job auf dem Bauernhof ist es dann aber cool gelaufen. Erst einmal nur kennenlernen und dann ein paar Tage Urlaub machen als Gast. Ehrlich haben dann alle Beteiligten darüber gesprochen, dass Gabi trotzdem noch Angst hatte und überlegt, ob ihr in den ersten beiden Monaten so eine Arbeitsassistenz zur Seite stehen sollte. Sie wusste erst nicht genau was das ist, aber dann ist die mal vorbeigekommen, war voll nett. Gabi gefällt es nun super, obwohl sie inzwischen auch schon vier Monate ohne Unterstützung arbeitet...
  • (...)

Auch wenn die Verselbstständigung zu langsam geht; die Klienten glauben, dass man ihn gar nichts zutraut, sie latent unterfordert und sie wie doof oder ein kleines Kind behandelt..., kann Verweigerung heraufbeschworen werden, die den Erfolg untergräbt. Diese Situation ist jedoch sehr selten, weil es eine Zeit dauert, bis ein solches Problem eine entsprechende Intensität entwickelt und die Sozialpädagogen entweder besonders unsensibel sein müssten oder ein eigenes Problem dadurch kaschieren wollen, dass sie sich an ihr Klientel klammern. Bisher wurde v.a. die Bedeutung der Geschwindigkeiten auf die emotionale Situation des Klienten betrachtet, die emotionale Verfasstheit wirkt aber auch auf die Geschwindigkeit. Manchmal wollen die Klienten ihre Verselbstständigung beschleunigen:

  • Gabis lobenswerter Wunsch, ihrem Leben einen Sinn zu geben hat ihre Verselbstständigung stark beschleunigt.
  • Wenn Jugendliche schon im Alter von 16 Jahren nachdrücklich einfordern, sich von der Bevormundung von Eltern oder der Rundumversorgung im Jugendheim zu emanzipieren, kann man dem Wunsch Rechnung tragen, wenn ihm keine Selbstüberschätzung zugrunde liegt und dies bei stufenweise abnehmender Betreuungsintensität möglich ist.

Oder sie zögern die Ablösung hinaus; wenn dem kein reales Ressourcendefizit zugrunde liegt, ist dies ein Problem; oft ein Rollenproblem:

  • Haben wir den Anschein erweckt/erwecken wollen, Beschützer, Mutti, Vater, Freund oder gar verständnisvoller Liebhaber zu sein -damit die nötige professionelle Distanz unterschritten und neue Abhängigkeiten geschaffen- dann ist es ein Problem unserer Selbstreflexion.
  • Haben die Klienten genau diese Rollen gesucht, sie uns zugeschrieben und haben wir es nicht gemerkt oder wollten/konnten es nicht merken, dann ist es ein Problem mangelnder Empathie.

Ich will nicht behaupten, dass es einfach ist, die richtige Distanz und Rolle zu finden. ‚Leider' sind wir oft die einzigen, die sich dem Klienten gegenüber freundlich, loyal, interessiert, hilfsbereit, solidarisch... verhalten. Deshalb entstehen Rollenkonflikte leicht dadurch, dass die Klienten in unser Verhalten viel mehr Nähe und Intimität hineininterpretieren, als wir signalisieren wollen. Wir müssen Situationen, verbale Sprache, Körpersprache und soziale Distanzen genau kontrollieren, um Missverständnisse bzgl. der Beziehung zwischen uns und dem Klienten zu vermeiden. Die Beziehung zum Klienten ist nur vorübergehend und muss es auch sein; um den Prozess der Verselbstständigung inkl. der beidseitigen Trennung nicht unnötig zu erschweren, sollte die Emotionalität zwischen beiden Seiten auf ein Minimum reduziert, sowie Privates und Arbeit möglichst getrennt bleiben. Der Eiertanz fängt schon bei einer normalen Einladung zum Bier an:

  • Ist es O.K. mich unter welchen Umständen von Klienten zum Bier einladen zu lassen?
  • Welche Rolle spielen Alter und/oder Geschlecht?
  • Werde ich in eine bestimmte Rolle gedrängt, dränge ich mich selber, bilde ich es mir ein, wenn es Gabi in meinem Alter ist, die mich einlädt?
  • Ist es aber ein Mann will er ggf. den Schulterschluss als ‚guter Kumpel' suchen; sich ggf. sogar eine bessere Klientenposition erarbeiten?
  • Kann ich mich überhaupt einladen lassen, wo ich doch mindestens doppelt so viel Geld verdiene? Wenn ich auf der einen Seite leide, dass meine Klienten meine engagierte Arbeit selten honorieren (Wunsch nach Reziprozität) und sie zudem den Wunsch haben, ihren Dank auszudrücken, kann ich es ihnen dann versagen? Ist das anders als mit den ewigen Rosen und Parfümfläschchen, die meine Kollegin bekommt?
  • Ist es nicht wichtig, zu lernen, sich in sozial angemessener Weise zu bedanken? Ist es nicht vielleicht sogar praktisch, dies zunächst bei den Sozialpädagogen auszuprobieren?
  •  ????

Loslassen aus Sicht der Sozialpädagogen:

Auch Sozialpädagogen versuchen auf die Geschwindigkeit der Intervention Einfluss zu nehmen, um ihrer eigenen emotionalen Befindlichkeit Rechnung zu tragen. Das Wohl des Klienten kann sowohl in den Hintergrund treten, wenn der Helfer seinen liebgewonnenen Klienten nicht ziehen lassen will, als auch wenn er sich überstürzt mit dem schnellen Erfolg profilieren will. Wenn Helfer versuchen den Prozess der Verselbstständigung zu beschleunigen oder zu bremsen, werden ggf. auch fachliche Gründe verdrängt durch emotionale Befindlichkeiten und teils sogar durch psycho-pathologischen Störungen. Die Dramaturgie der Intervention sieht zwei Punkte vor, an denen die Zusammenarbeit für Klienten und Sozialpädagogen gleichermaßen auf eine harte Probe gestellt wird und zu atmosphärischen Verstimmungen führen kann: Der Zeitpunkt der entgültigen Ablösung, sowie der Scheitelpunkt der Zusammenarbeit: Bedenken wir, dass der Zenit der Intervention also das Maximum an Ressourcenvielfalt und -stärke gemeinsam erreicht wurde und in dieser Zeit auch der intensivste fachlichen wie persönlichen Kontakt erlebt wird, muss man sich nicht wundern, wenn auch mit einem ‚weinenden Auge' betrachtet wird, wie die Erfolgsschritte immer kleiner und seltener werden und der Kontakt in Intensität und Häufigkeit wieder reduziert werden muss. Da nun auch die Frage beantwortet wird, ob die Ziele realistisch gewählt, die Möglichkeiten und Grenzen des Klienten richtig abgewogen, sowie die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen richtig eingeschätzt wurden, stößt gleichzeitig die Ausgeglichenheit des Sozialpädagogen an seine Grenzen, wird indirekt doch nun auch seine fachliche Kompetenz bewertet. Hat man erreicht, was man sich und seinem Klienten versprochen hat? Hat man zusammen mit dem Klienten die Ziele bis dahin nur thesenhaft als Herausforderung formuliert, eine Herausforderung, der man sich gemeinsam stellen wollte um mal zu schauen, wie weit man kommt...; dann wird es relativ problemlos sein, sich und seinen Klienten davon zu überzeugen, im Zweifelsfall die Ziele runterzuschrauben und schon zu einem früheren Entwicklungsstand und Zeitpunkt als gemeinsam ‚erträumt', die Phase der Verselbstständigung einzuleiten; so kann zumindest das bisher Erreichte abgesichert werden. Wenn die Sozialpädagogen jedoch sich und ihr Klientel kompromisslos auf 100%ige Zielerreichung eingeschworen haben, sich an das -erst jetzt erkennbar- unrealistische Ziel klammern und sich einer frühzeitigen Verselbstständigung verweigern, kann der Hilfeprozess in ein Desaster münden, vergleichbar traumatischer Bergwanderausflüge:

Wenn übereifrige Familienväter die Freude des Bergwanderns darauf reduzieren, sich am Gipfelkreuz in das Gipfelbuch einzutragen, werden alle Familienmitglieder auf dieses Ziel eingeschworen. Trotz heraufziehender Wolken, schwindender Kräfte, kürzerer und langsamerer Schritte und davoneilender Zeit müssen die letzten 500 Höhenmeter noch geschafft werden. Bloß nicht auf Diskussion mit dem Vater einlassen, gesenkten Blickes immer weiter... Nicht der ‚Weg ist das Ziel', auch nicht der Ausblick, der auch bei 2.500m schon überwältigend ist, sondern ‚das Ziel ist das Ziel'; das Gipfelkreuz! Vielleicht haben die Kinder Angst, vom Vater nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie nicht heute endlich ihren ersten 3.000er machen. Obwohl Papa selber etwas Angst vor dem Gewitter hat, nicht weiß, ob er sich mehr über seine eigene Starrsinnigkeit und den übertriebenen Eifer ärgern soll oder über die Weicheier in seiner Familie, entscheidet er sich wahrscheinlich gegen die ganze Familie. Er verdirbt für den Tag oder das ganze Wochenende die familiäre Atmosphäre und riskiert den Absturz oder im Wiederholungsfall auch die Trennung der Familie. Das die Kinder später ggf. nicht mal mehr in der Lüneburger Heide spazieren gehen wollen, scheint auf der Hand zu liegen...

So ähnlich ist es, wenn man sich, seinen Mitstreitern und den benachteiligten, depressiv verstimmten, ältern, und für die heutigen Arbeitsmarktanforderungen schlecht ausgebildeten und nach der Wende frustrierten, häufig körperlich wie psychisch kranken benachteiligten Bewohnern im benachteiligendem ‚Sozialen Brennpunkt' einer ostdeutschen Großstadt vermittelt, man könnte die Menschen mittels ehrenamtlicher und nachbarschaftlicher Hilfe, sowie einer Farbberatung wieder in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Hat man es allen versprochen und diese Träume sogar schon als reale Erfolge in Fachaufsätzen und -büchern veröffentlicht, sich bundesweit und teils gar im Europäischen Ausland dafür feiern lassen, fast kostenneutral staatliche Pflichtaufgaben ersetzen zu können..., stellt die Einsicht in den fehlenden Realitätssinn für alle Beteiligten ein Offenbarungseid dar. Wenn man die Ziele nicht rechtzeitig der Realität angepasst hat läuft man Gefahr, entweder die frühzeitige Aufkündigung der Zusammenarbeit zu provozieren, oder klammert sich an das Ziel und schürt quasi zwanghaft mit immer irrwitzigeren Ideen den Erfolgsglauben und vereitelt so die Absicherung bisher erreichter Zwischenziele. Während zum Schluss der Interventionsprozess faktisch blockiert ist, wird nach außen weiter stetiges Fortschreiten suggeriert. Ohne emotionalen Flurschaden auf der einen oder anderen Seite kann diese Entwicklung dann nicht mehr gestoppt werden; abschließend den Fehler in seinem Klientel zu suchen, verbietet sich!

Ähnliche Effekte können erreicht werden, wenn man nach der gemeinsamen erfolgreichen Erreichung eines realistischen Zieles (Gipfels) zu schnell die eigene Unterstützung zurückzieht und die Klienten den weiteren Lebensweg sofort allein gehen lässt. Dabei ist der Wunsch des Sozialpädagogen gar nicht unlogisch, nachdem man gemeinsam gezeigt hat, was möglich ist, das ‚Werk seiner Arbeit' nun endlich auf eigenen Beinen stehen zu sehen, um sich daran zu ergötzen. Diese Eile hat auch eine finanzielle und strukturelle Begründung.

  • Die Finanzierung Sozialer Arbeit erfolgt inzwischen weitestgehend ‚outputorientiert'; man muss sich dass so vorstellen, dass das Geld überwiesen wird, sowie ein Klient einmal allein selbst stehend gesehen und dann gezählt werden konnte. Bei der Finanzierung spielt es dann keine Rolle, ob er unmittelbar danach wieder umfällt. In Folge des Kostendrucks auf Träger und uns, gibt es die Tendenz, die Zeit und Energie zur Einübung, Reflexion, sowie Internalisierung der Eigenständigkeit zu reduzieren.
  • Strukturell endet unsere Arbeit immer damit, dass die Klienten uns verlassen, also nun selber die gemeinsam erarbeiteten Erfolge aufrechterhalten können. Damit verlieren wir unseren Erfolg aus den Augen, der sich i.d.R. auch nicht angemessen bei uns bedankt... Hier ist im Prinzip ein Maximum von entfremdeter Arbeit erkennbar, die einem die Freude über das Ergebnis nimmt. Gerade in einem Beruf der v.a. ergriffen wurde, weil man mit Menschen arbeiten und Gutes tun wollte, ist es besonders schmerzlich, wenn die Reziprozität fehlt, als von den Klienten ‚nichts wieder zurückkommt'; unsere eigenen depressiven Missstimmungen können wir reduzieren, wenn wir uns Spuren unseres Erfolges sichern. Die depressiven Verstimmungen sind vielleicht vergleichbar mit Eltern, die plötzlich ständig Fotoalben der Familie wälzen, nachdem ihr Kind das Haus verlassen hat und sich nun ‚irgendwie' überflüssig fühlen. Auch in schlechten Zeiten hat man sich gefreut Kinder und bekannte Gesichter von Klienten zu sehen; auch wenn man es dann nicht so richtig hat zeigen können oder wollen. Gabis Gesicht, als sie ihren Hund gekauft und vorgeführt hat, wird immer ein Höhepunkt des beruflichen Schaffens bleiben.

Eine Beschleunigung kann also auch dem (unbewusstem) Wunsch Rechnung tragen, noch möglichst viel vom eigenen Erfolg zu erleben. In seltenen Fällen will man die Ablösung beschleunigen, weil man seinen Klienten aus Gründen der Antipathie nicht mehr sehen will, dies hätte man dann schon früher tun sollen.

  • Drängen uns finanzielle Gründe, hat es letztendlich (sozial)politische Ursachen, wenn der Erfolg unserer Arbeit gefährdet wird; dann sind entsprechende (sozial)politische Interventionsstrategien (ergänzend) gefragt:
  • Wenn wir unsere Klienten schneller verabschieden müssen, als fachlich sinnvoll ist, weil wir kein Geld mehr erhalten oder auch
  • wenn man sich allein aus Kostengründen an seine Klienten klammert, wenn sie schneller und erfolgreicher als erwartet das Ziel erreicht haben und nun die zugesicherte Finanzierung auch ohne fachlich begründbaren Bedarf noch bis zum Schluss ausschöpft werden soll.
  • Wenn wir die Verselbstständigung nicht beenden können, weil wir aus dem Gefühl, gebraucht zu werden und helfen zu können, mehr emotionale Kraft ziehen, als unsere Klienten, ist es ein Fall für die sozialpädagogische Selbsthilfe oder Therapie.




Nächstes Kapitel: Intervention in der Gemeinwesenarbeit