Intervention heißt nicht, dort stehen zu bleiben, wo der Klient steht

Aus Soziale Arbeit heute

‚Stehen wo der Klient steht' ist ein häufig missverstandener Lehrsatz zur Beschreibung der Form des Pädagogen-Klienten-Verhältnisses während der Intervention. Er soll uns davor warnen, die Klienten daran zu hindern, sich an der Ausgestaltung der Zusammenarbeit zu beteiligen, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich von Fremdbestimmung zu emanzipieren. Da unsere Klienten perspektivisch auf eigenen Beinen stehen sollen, müssen sie nicht nur das bestehende Problem -so weit wie möglich selbstständig- lösen, sondern v.a. lernen, generell in Eigenregie sozial-adäquate Lösungswege zu suchen, zu finden und umzusetzen. Nur die Erfahrung eigener Fortschritte erweitert nachhaltig ihr Ressourcenspektrum, stärkt ihr Selbstkonzept, sowie Reflexionsniveau und sichert im weiteren Lebensverlauf die autonome Problembewältigung. Wir untergraben diese Entwicklung,

  • wenn wir gleich zu Beginn fertige Lösungskonzepte anbieten, und unsere Klienten die einzelnen festgelegten Schritte quasi wie einen Laufzettel abarbeiten lassen.
  • wenn wir es nicht ertragen können, wie langsam angemessene Lösungsideen gefunden werden.
  • wenn wir rechthaberisch oder besserwisserisch auf unser Klientel einwirken; und sei es nur durch das reflexartige, überpointierte ‚verstehst du?' zum Satzende.
  • wenn wir aus Mitleid, überbehütend alle Probleme von unseren Klienten fernhalten; sie also nicht begleitend an ihnen wachsen lassen.
  • (...)

Keine Frage, manchmal ist es unerträglich zu sehen, wie unbeholfen und ideenlos unsere Klienten um mögliche Lösungsoptionen kreisen, ohne sich ihnen anzunähren. Es fordert viel Selbstreflexion und Disziplin, statt die Versuche einfach schnell selber zu beenden, sich darauf zu beschränken, den Prozess aus dem Hintergrund zu moderieren und allein kleine Hilfestellungen zu geben. Wenn wir ehrlich sind, ist unsere eigene Ungeduld oft viel größer als die des Klienten,

  • wenn wir Kleinkinder oder behinderte Menschen lieber schnell füttern, weil wir das ‚Elend' nicht mit ansehen oder länger warten wollen.
  • wenn wir ohne uns der Zustimmung zu vergewissern, Rollstuhlfahrer einfach eine Anhöhe hochschieben, weil uns die schweren Bemühungen weh tun.
  • wenn wir unsere Klienten vor ihrem Sachbearbeiter im Sozialamt nicht selbst reden lassen, weil es uns peinlich ist, wie schlecht sie sich artikulieren und Sachverhalte auf den Punkt bringen können.
  • (...)

Solche Ungeduld oder falsche Scham darf im Berufsalltag nicht handlungsleitend sein; das müssen wir ertragen. ‚Dort zu stehen wo der Klient steht' ist aber insofern missverständlich, als das wir genau deshalb ‚auf der anderen Seite' stehen, weil wir unseren Klienten -i.d.R. in allen Ressourcendimensionen- überlegen sind. Nur deshalb sind wir in der Lage, ihre Defizite -die auch bei bestem Willen nicht zu leugnen sind- wahrzunehmen und abzubauen. Diese Überlegenheit gilt es, sich ehrlich einzugestehen; das bedeutet logischerweise nicht, damit zu kokettieren, dass uns der Klient nicht das ‚Wasser reichen kann.' Unseren Machtvorsprung jedoch zu leugnen ist billige Anbiederei oder Flucht vor Verantwortung! Wir stehen schließlich nicht Freunden gegenüber, denen wir objektiv auf gleicher Augenhöhe begegnen und mal einen freundschaftlichen Rat geben, sondern -in meist mehreren Dimensionen benachteiligten- Menschen, denen wir bezogen auf ihre sozialen Probleme objektiv überlegen sind. Unsere professionelle Kompetenz zeigt sich zunächst aus der Einsicht in dieses Faktum und dann in dem, was wir daraus machen. Vor dem Hintergrund unserer Überlegenheit haben wir die Verantwortung für den gesamten Hilfeprozess; auch für Aspekt, die der Klient nicht sieht, noch nicht sieht und ggf. auch nie sehen wird. Wir müssen deshalb weit darüber hinaus denken, wo der Klient gerade steht, kalkulieren mögliche förderliche wie hinderliche Nebenfolgen des Prozesses ein, disziplinieren uns trotzdem, dem Klienten Raum und Zeit zu geben Lösungen zu finden, unterbinden auch nicht jeden kleinen lehrreichen Rückschlag oder die zeitlich begrenzte Suche in Sackgassen, solange dies den ‚sportlichen' Ehrgeiz verstärkt statt Motivation zerstört. Im beruflichen Kontext, allein zum Zwecke der professionellen sozialpädagogischen Interaktion, in dem Arbeitsfeld, wo man qualifiziert ist und bezahlt wird... -und wirklich nur dann und dort!- müssen wir uns bzgl. Sprache, Ressourcenlage, Handlungsoptionen, emotionaler Ausgeglichenheit, Dauer von Problemlösung... hinunterbeugen, um die gleichen Augenhöhe zu erreichen. Dabei kommen wir zur oben schon angerissenen Frage nach persönlicher Stile und Haltungen. Die Persönlichkeit des Klienten darf nicht relativiert werden; denn allein in einem kleinen Ausschnitt scheinen Defizite vorhanden zu sein. Darüber sollte im Regelfall auf beiden Seiten Einvernehmen herrschen. Dann kann es den Klienten nicht wundern, wenn wir es besser ‚drauf haben' und es wird ihn prinzipiell nicht ärgern, wenn der Vorsprung deutlich wird, solange eben die Form für ihn akzeptabel bleibt. Wenn mein Auto nicht fährt oder die Waschmaschine nicht wäscht, stört mich meine Unwissenheit gegenüber dem Handwerker solange ja auch nicht, wie er mich nicht mit gesenktem Kopf anguckt, sich etwas bückt, mich wie selbstverständlich duzt, mir gönnerhaft auf die Schulter klopft und mit therapeutischer Stimme fragt, ob denn Benzin oder der Stecker drinn ist...

Das Stehen bzw. Stehenbleiben bei den Klienten ist auch insofern ambivalent, als dass sie zwar aufgrund eines individuellen Problems Hilfe bei den Sozialpädagogen suchen und dort ihren individuellen Hilfeanspruch einlösen, wir aber zugleich wissen, dass ohne die Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen eigentlich keine Lösung herbeizuführen ist. Auch wenn der Einzelne nun durch individuelle Symptombekämpfung gelernt hat, mit seiner Arbeitslosigkeit besser umzugehen ist bezüglich des eigentlichen Problems fehlender Arbeitsplätze oder der öffentlichen Stigmatisierung arbeitsloser Menschen, keine Verbesserung eingetreten. Sozialpädagogen befinden sich nun in einem Dilemma zwischen zwei idealtypischen Polen:

  • Entweder helfen sie individuell und können das eigentliche Problem trotz unendlich vieler erfolgreicher Einzelfallhilfen letztendlich doch nie lösen oder
  • sie konzentrieren sich auf die Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und riskieren, das individuelle Leid zu vernachlässigen.

Beide Optionen sind in ihrer reinen Form nicht mit dem Auftrag der Sozialen Arbeit zu vereinen und müssen im beruflichen Kontext immer in einem Kompromiss integriert werden. Man darf auf Seiten des Klienten (sozial)politisches Engagement nicht zur Bedingung machen, um ihm erst dann -an gleicher Stelle stehend- zu helfen; auch darf man sich nicht im eigenen (sozial)politischen Engagement bremsen lassen, weil der Klient noch nicht so weit ist... Eine Lösung des Dilemmas scheinen nur möglich, indem man zugleich zwei unabhängige Interventionsstränge verfolgt, die sich in ihrer Gesellschafts- und Individuenorientierung überschneiden können aber nicht müssen. Unter v.a. ‚linken' Sozialpädagogen war ein vom Klienten losgelöstes (sozial)politisches Engagement als ‚Stellvertreterpolitik' verpönt. Soziale Arbeit als per se politische Arbeit definiert, konnte in ihrem Sinne nicht ohne den Klienten stattfinden, auf den halb gewartet; der halb gedrängt wurde. Man kann sich diese Haltung heute nicht mehr leisten! Heute werden von allen Seiten in raschem Tempo jene sozialen Grundrechte unserer Klienten zur Disposition gestellt, die damals die Basis boten für zugleich individuelle Absicherung und politisches Engagement. Heute sind wir verpflichtet, (auch) stellvertretend, zum Wohle unseres Klientel, (sozial-) politisch für die Wiederbelebung dieser Grundsicherung zu streiten. Wer prinzipiell darauf wartet, dass die Klienten ein entsprechendes Bewusstsein und Engagement entwickeln, nimmt die Verschlechterung ihrer Lebenslage billigend in Kauf; revolutionäre Hoffnungen darf sich zwar jeder und jede gerne machen, im beruflichen Kontext haben sie aber nichts zu suchen. Ein sozialpolitisches Selbstverständnis zielt jedoch nicht ab, auf unsere Stelle, unseren Träger, unseren Klienten, unsere offene Jugendarbeit in unserem Stadtteil...; es geht um grundlegende Veränderungen in der Interpretation von Menschenwürde, Menschenbild, Demokratieverständnis, Umgang mit Minderheiten, sowie dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, arm und reich, Hilfe, Kontrolle und Strafe...

Nebeneffekte:

Auf dem Weg zum vereinbarten Ziel der sozialpädagogischen Intervention tauchen immer wieder unvorhergesehen Probleme aber auch Chancen auf, die den eigentlichen Hilfeplan durchkreuzen und mit ihm in Einklang gebracht werden müssen. Solche Ereignisse können die Erfolgswahrscheinlichkeit, den Umfang des Erfolges erhöhen oder die Zeitspanne bis zum Erfolg verkürzen; sie können aber auch das Gegenteil bewirken. Man spricht von Nebeneffekten, die im Verlauf der Intervention auftreten. Wir müssen unterscheiden in vier verschiedene Formen von Nebeneffekten je nachdem, ob sie sich positiv oder negativ auf den Erfolg auswirken und ob sie intendiert (eingeplant) sind oder nicht. Von nicht intendierten positiven wie negativen Effekten werden Klient und Sozialpädagoge gleichermaßen überrascht während intendierte positive wie negative, Teil der Handlungsstrategie sein können; ohne dass der Klient davon eine Vorstellung haben muss. Für die Steuerung des Hilfeprozesses bedeutet dies, Überraschungen frühestmöglich und weitestgehend vorherzusehen; positive zu integrieren und negative zu vermeiden; mit anderen Worten versuchen wir stets, das Ungewisse in das Spektrum der steuerbaren intendierten Effekte zu überführen. Für alle vier Varianten möchte ich praktische BSP suchen:

Intendierte positive Nebeneffekte:

Im lehrenden Kontext werden intendierte positive Nebeneffekte häufig als ‚heimlichen Lehrpläne' bezeichnet: Wenn Lehrer neben der reinen Wissensvermittlung auch sekundäre Alltagskompetenzen wie Sozialverhalten vermitteln wollen oder Lehrbücher nebenbei zum gesellschaftspolitischen Engagement anregen wollen.

  • Ein BSP für einkalkulierte positive Nebeneffekte war der Trick, Interesse des Mädchens für den Kinderheimbauernhof dadurch zu gewinnen, dass man sie mit Pferdefotos ködert. Auch unser handlungsleitende Hintergedanke, im Pferd nicht den Freund zu suchen, sondern die Berufsvorbereitung, blieb dem Kind verborgen; das stört solange nicht, wie wir weiterhin das Wohl des Kindes im Mittelpunkt stehen lassen.
  • Wenn wir Gabi ermuntert haben, im Internet und Bibliotheken nach Ernährungs- und Gesundheitstipps für Hunde zu suchen, stand natürlich nicht die Gesundheit des Hundes im Vordergrund: Wir wollten nicht nur ihre intellektuellen Möglichkeiten nutzen und fördern, sondern hofften auch, ihre Rolle im Kreise der anderen Hundebesitzer in unserer Hilfeeinrichtung zu stärken.

Intendierte negative Nebeneffekte:

Intendierte negative Nebeneffekte sind bsp. dort zu finden, wo man Petra kontrolliert bei Gesellschaftsspielen verlieren lässt, um ihre Frustrationstoleranz zu stärken.===

  • wo man dem jugendlichen, sich stets selbst überschätzenden, großmäuligen Fritz aus dem Kinderheim zwar davor warnt, mit normalen Dübeln eine Hängematte in der Trockenbauwand zu befestigen, seine Sorge um ein brechendes Steißbeine dann aber darauf reduziert, für den ersten Versuch eine Matratze unterlegen zu dürfen...

Die Erfahrungen sind dann jeweils Anlass, für eine reflektierend-aufbauende sozialpädagogische Intervention.

Nichtintendierte positive Nebeneffekte:

Als nichtintendierter positiver Effekt einzuordnen, ist der Zufall, dass Gabi neben einer toleranten verrenteten Nachbarin wohnt, die auch Hunde liebt und ganz neue Optionen zur Lösung Gabis Probleme eröffnet...

Nichtintendierte negative Nebeneffekte:

Wir müssen, die Folgen unserer Intervention möglichst weit vorhersehen, um die Wahrscheinlichkeit für negative Nebeneffekte so früh wie möglich zu erkennen und zu reduzieren. Der Erfolg unserer Intervention kann nachhaltig untergraben werden, wenn

  • die Mädchen durch die extrovertierten Jungs ihres Raumanteils im Club betrogen werden und wir beschließen, mit ihnen unter Mithilfe von Eltern und Sponsoren ein eigenes kleines Häuschen in unmittelbarer Nähe zu bauen. Nach anfänglichem Zögern greifen die Mädchen mit zunehmenden Stolz auch nach elektrischen Handmaschinen, langen Nägeln, Hämmern...; zum Schluss stehen sie stolz mit dem Dachpappenbrenner auf dem Dach... Wenn dann das fertige Haus abgerissen wird wegen fehlender Baugenehmigung oder weil der 5-Meter Feuerabstand um 10cm unterschritten ist, wird der Erfolg schlagartig zunichte gemacht.
  • wir zu Weihnachten Pfefferkuchenhäuser basteln und die Smarties zu klein sind für die 4jährigen.
  • wir in unserem Eifer der Frau nahe legen, sich gegenüber ihrem Mann durchzusetzen und verkennen, dass sich Männer in uns fremden Subkulturen auch anders verhalten und in alkoholisierter Stimmung die Frau zusammenschlagen.
  • (...)

Die Arbeit mit Nebeneffekten ist ein Drahtseilakt, der in hohem Maße Empathie und Selbstreflexion bedarf, sowie einer festen berufsethischen Integrität. Es kann nicht darum gehen, sich gegenüber anderen -oder sogar sich selbst- dadurch zu profilieren, dass man über eine ganz besonderes ausgeprägte Weitsicht verfügt oder sich gottgleich zu erheben, Klienten quasi wie Laborratten zu betrachten, die in (den Pädagogen) faszinierender Weise über die Manipulationen von Rahmenbedingungen zu steuern sind. Zudem läuft man Gefahr, dass sich Klienten nicht ernst genommen oder provoziert fühlen, wenn sie vor abzusehenden negativen Erfahrungen nicht gewarnt oder Nebeneffekt zu durch- und offensichtlich initiiert werden.




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